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Inside-out

Wäre Louis Van Gaal Bundestrainer, dann würde er seine Positionen wohl nach den gleichen Prinzipien besetzen, wie bei den Bayern. Der linke Innenverteidiger ist dann nun mal ein Linksfuß, auch wenn man dafür Lucio zu Inter Mailand schicken muss. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er Lahm eher auf die Tribüne setzen würde, als ihn als Linksverteidiger einzusetzen. Trainer sind eben Sturköpfe. Aber bei Bayern hat Van Gaal ja auch Arjen Robben.

Einen solchen Spieler hat das deutsche Team bei der WM nicht. Damit ist gar nicht mal die Qualität gemeint, sondern der Typus des Linksfußes, der auf dem rechten Flügel spielt und dann in die Mitte zieht. Deshalb kommt Lahm in der Nationalmannschaft meistens links zum Einsatz, wo er nicht aus dem Lauf flanken kann und selbst immer wieder in die Mitte zieht. Individuell ist er auf links wohl besser, aber für die Bayern war er auf der rechten Seite wertvoller, weil er der Plan B für Robben war, wenn sich kein Platz für dessen Sololäufe bot. Er hat in dieser Saison die halbhohe Flanke in den Torraum (zwischen Innenverteidiger und Torwart) fast perfektioniert.

Warum der starke Fuß überhaupt eine Rolle spielt? Weil er auf der Außenbahn (wo der Handlungsspielraum durch die Seitenlinie ohnehin auf 180 Grad begrenzt ist) die Optionen vorgibt, die ein Spieler hat. Klassischerweise hatten Flügelspieler ihren starken Fuß außen, damit sie mit Tempo die Linie entlang gehen und Flanken schlagen konnten. Heutzutage macht man häufig das Gegenteil und setzt Weltklasseleute wie Robben, Ronaldo und Messi auf der “falschen” Seite ein, damit sie selbst den Torabschluss suchen können. Das Ziel ist es, eine kurze Unordnung in die Ordnung zu bringen, die mittlerweile von fast allen Teams auf dem Globus eingehalten wird. Es kann den Unterschied machen zwischen langweiligem Ballgeschiebe (die Hinrundenbayern) und begeisterndem Offensivfußball (den Rückrundenbayern).

Joachim Löw befindet sich mit seinem Team – Verletzungen sei Dank – noch in der Findungsphase, wo schon Feinabstimmung auf dem Programm stehen sollte. Es werden noch Antworten auf die grundlegenden Fragen gesucht. Klar sind nur die Achsen in der Mitte, mit Neuer im Tor, Mertesacker in der Innenverteidigung, Khedira und Schweinsteiger im defensiven, sowie Özil im offensiven Mittelfeld. Auf den Außenbahnen stehen lauter Fragezeichen. Auf der linken Seite deutet vieles auf das Duo Lahm/Podolski hin. Das wäre die Umkehrung der Bayern-Variante: Hinten den starken Fuß innen, vorne den starken Fuß außen. Auf der anderen Seite wird man es kaum genau so machen. Es gibt keinen Linksfuß, der als Rechtsverteidiger in Frage käme. Boateng und Beck heißen die wahrscheinlichsten Kandidaten (falls letzterer überhaupt mit darf). Die Auswahl an Kandidaten für die rechte Seite ist stark limitiert und gerade dadurch besonders schwer. Marin und Trochowski wären die Rechtsfüße für die Seite.

Eine andere Variante wäre es, Kapitän Lahm auf die rechte Seite zu ziehen und dafür einen Linksfuß auf der anderen Seite einzusetzen, etwa Aogo oder Badstuber. Ob dann aber auch die offensiven Außenspieler ihre Rollen tauschen würden? Podolski kann ich mir beim besten Willen nicht als Robben vorstellen. Er hat zwar einen fantastischen Schuss, doch für die Sololäufe in die Mitte fehlt ihm die Dribbelstärke. Bei Marin wäre es auf der anderen Seite genau andersrum. Trochowski scheint mir das Timing zu fehlen, der zieht aus allen Lagen ab. Zudem braucht man für diese Variante auch einen passenden Mittelstürmer. Löws Favorit ist immer noch Klose, der dafür denkbar ungeeignet scheint. Schon bei den Bayern kam er mit diesem System nicht zurecht. Ich halte Klose (auch wenn ich mich gerne über seine schlechte Torausbeute lustig mache) noch immer für den besten deutschen Stürmer der letzten 10 Jahre, doch er braucht einen Anspielpartner, tut sich als alleiniger Vollstrecker schwer. Und wenn er schon als einzige Spitze spielt, braucht er hohe Flanken, um seine Kopfballstärke auszuspielen. Gomez kommt für das System noch weniger in Frage. Er wirkte bei den Bayern schon extrem deplatziert. Am ehesten ginge es vielleicht noch mit Cacau. Ich halte das für unwahrscheinlich.

Sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass sich die beste Formation erst im Laufe des Turniers herauskristallisieren wird, wie schon vor zwei Jahren beim Spiel gegen Portugal mit dem Wechsel von 4-4-2 zu 4-2-3-1. Bis dahin darf man auch bei Löws Elf über spielmachende Linksverteidiger, falsche Mittelstürmer oder die Rückkehr des Liberos spekulieren. Und das macht allemal mehr Spaß, als diese unsäglichen Personaldiskussionen.

20. Spieltag: Paules Rückkehr – Ein Herz für Außenverteidiger

Werder – Gladbach 1:1

Wie sehr sich die Wahrnehmung doch mit der Zeit ändert…

In seiner Zeit bei Werder spielte Paul Stalteri auf so ziemlich jeder Position. Obwohl er Jahr für Jahr vor Saisonbeginn von Fans und Experten abgeschrieben wurde, schaffte er es fast immer in die erste Elf. Egal, wen Werder für Stalteris Position auch verpflichtete, er ließ keinen an sich vorbei ziehen. Und wenn doch mal jemand kam, der ihm den Posten streitig machte, dann stellte ihn Thomas Schaaf halt auf eine andere Position. So wanderte er vom Sturm übers Mittelfeld bis hin zur Abwehr durch alle Mannschaftsteile. Den Großteil seiner Spiele machte er jedoch auf der Außenverteidigerposition.

Die Zahl seiner Befürworter war klein. Der Kanadier galt mehr als Notnagel, denn als ernsthafter Stammspieler. Zu beschränkt seien seine technischen Fähigkeiten, zu unsicher sein Passspiel, zu schwach seine Flanken. Erst gegen Ende seiner Werderjahre bekam Stalteri die Anerkennung der Bremer Fans. Seine Verabschiedung im Mai 2005 war emotional. Viele Fans in der Ostkurve hielten kleine Plakate hoch mit der Aufschrift "Danke Paul".

Heute gilt Paul Stalteri vielen in Bremen als das Musterbeispiel an Beharrlichkeit. Ein Spieler, der sich vorbehaltlos in den Dienst der Mannschaft und des Vereins stellte. Der nicht das Rampenlicht für sich beanspruchte. Der auch wegen seines großen taktischen Verständnisses zu Johan Micouds engsten Vertrauten zählte. Der auf fast jeder Position spielen konnte. Auf den immer Verlass war. Wie gut täte unserer Mannschaft dieser Tage ein solcher Spieler

Doch wie wäre es wirklich, wenn Paul Stalteri diese Saison in Bremen spielen würde? Würde es kein verständnisloses Raunen mehr geben, wenn er den Ball hinters Tor flankt? Würden ein missratener Steilpass oder ein Fehler in der Ballannahme nicht mehr zu Tobsuchtanfällen auf der Haupttribüne führen? Könnte er in der sehr zentralistisch ausgelegten Werderoffensive für die ersehnten Akzente von der Außenbahn sorgen?

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