Schlagwort-Archiv: Bastian Schweinsteiger

Meine EM: Deutschland ist reif für den Titel

Nach zwei dritten Plätzen und einem verlorenen Finale ist Jogi Löws Elf – so der Konsens in Deutschland – dieses Jahr einfach mal wieder dran. Es spricht auch in der Tat einiges für einen Europameister Deutschland:

  • Die Mannschaft ist jung: Mit Klose und Wiese stehen nur zwei Spieler jenseits der 30 Jahre im Kader.
  • Die Mannschaft ist erfahren: Auf fast allen Schlüsselpositionen stehen Spieler, die über Erfahrung bei großen Turnieren verfügen.
  • Die Mannschaft ist gefestigt: Der über Jahre aufgebaute Spielstil ist bei den Spielern inzwischen tief verankert.
  • Die Mannschaft ist gegen Ausfälle gewappnet: Deutschland kann personell aus dem Vollen schöpfen und ist auch in der Tiefe inzwischen sehr gut besetzt.

Seit langem wieder Top-Favorit

Dennoch sollte man die Erwartungen vor dem Turnier ein Stück weit dämpfen. Die Leistungen aus den beiden Jahren vor dem Turnier wurden schon häufiger zur Makulatur, wenn die Form im entscheidenden Moment nicht stimmte. Zwar traf dies in der Vergangenheit meist auf andere Teams zu, während sich Deutschland über Jahrzehnte einen Ruf als Turniermannschaft erarbeitete. Doch man sollte den psychologischen Effekt nicht unterschätzen. Zum ersten Mal seit Mitte der 90er Jahre geht Deutschland als (Mit-)Favorit in ein großes Turnier. Die Ausgangsposition ist eine andere, positiv überraschen kann man nun kaum noch, denn man erwartet von der Nationalmannschaft nichts anderes als den Titel. Wie das Team mit dieser gestiegenen Fallhöhe umgeht, wird mit entscheidend sein über den Verlauf dieser Europameisterschaft.

Spielerisch zählt Deutschland inzwischen zur Crème de la Crème des Weltfußballs. Joachim Löw hat innerhalb von acht Jahren – zunächst gemeinsam mit Klinsmann – den am Boden liegenden Fußballriesen neu aufgerichtet und ein völlig neues fußballerisches Gewand verpasst. (Hierbei muss man auch erwähnen, dass es 2004 schon deutlich besser um den deutschen Fußball stand als etwa 2000. Ohne Klinsmann/Löw und die WM 2006 als treibende Kräfte wären die zahlreichen Widerstände gegen die Erneuerungen jedoch nicht so schnell überwunden worden.) Im Spiel nach vorne hat man sich in den letzten zwei Jahren noch ein Stück weiterentwickelt und hat neben dem von der WM 2010 bekannten schnellen Spiel nach vorne nun in puncto Ballkontrolle und Positionsspiel nachgelegt. Auch gegen tiefstehende Gegner findet Deutschland inzwischen spielerische Mittel und Wege.

Stimmt die Form zum EM-Start?

Die Testspielniederlagen gegen Frankreich und die Schweiz sollte man nicht überbewerten. Taktische Experimente dürfte es bei der EM eher nicht geben, erst recht nicht gegen starke Gegner. Der letzte Test gegen Israel war nicht so schlecht, wie er danach gemacht wurde. Gegen einen schwachen und rein auf die Defensive bedachten Gegner hatte Deutschland insgesamt wenig Probleme. Die fehlende Frische sah man einigen Spielern noch an, doch das wird sich bis zum kommenden Samstag noch ändern.

Die Offensive ist das Prunkstück in Löws Team. Neben dem bei der WM überragenden Offensivquartett (Klose, Özil, Müller, Podolski) gibt es inzwischen ein ganzes Arsenal an Alternativen, mit denen man die Taktik leicht anpassen kann, wenn es der Spielverlauf erfordert. Mit Gomez hat man einen Stoßstürmer, der im Strafraum zu den torgefährlichsten Spielern des Kontinents zählt. Reus kann sowohl als falsche Neun, hängende Spitze und auf den Außen agieren. Schürrle ist mit seiner Torgefahr vom linken Flügel der perfekte Podolski-Ersatz. Götze kann mit seiner Technik und Antizipation gegen tiefstehende Gegner helfen (falls er rechtzeitig seine Topform erreicht). Kroos kann als aufrückender Sechser oder einrückender Zehner für flexible Taktikänderungen sorgen.

Dahinter zieht Schweinsteiger die Fäden, der rechtzeitig zur Europameisterschaft wieder seine Topform erreichen sollte. Sorgen machen muss sich Löw hingegen um seine Viererkette. Mit Lahm und Schmelzer sind nur zwei echte Außenverteidiger im EM-Kader und während ersterer als Kapitän gesetzt ist, gibt es bei letzterem Zweifel an seiner Tauglichkeit für die ganz großen Aufgaben. So steht Löw vor der schweren Entscheidung entweder einen gelernten Innenverteidiger auf der Außenbahn spielen zu lassen (Höwedes, Boateng) oder auf Schmelzer zu vertrauen. Dank Lahms Universalität muss er dabei keine Rücksicht auf die Abwehrseite nehmen. Spielt Lahm links hat dies allerdings Auswirkungen auf das Hinterlaufen des Vordermanns. Podolski als Links- und Lahm als Rechtsfuß würden ein klassisches Hinterlaufen erschweren. Eher müsste Podolski entgegen seinem Naturell häufig an die Außenlinie ziehen und Platz für Lahms Vorstöße in die Mitte schaffen. Auf der anderen Seite sind Boateng und Höwedes offensiv limitiert, würden außer Breite keine wesentlichen Elemente mit ins Angriffsspiel bringen. Dafür könnte man mit ihnen die defensive Solidität erhöhen und Lahm etwas mehr Absicherung für seine Vorstöße geben.

Offene Fragen in der Viererkette

Ich halte dies für die wahrscheinlichere Variante, zumindest zu Beginn des Turniers. Denn auch im Abwehrzentrum steht man vor Problemen. Der einzige Innenverteidiger, der bedenkenlos als Stammspieler bezeichnet werden kann, ist Holger Badstuber. Neben ihm stünde eigentlich der von Löw geschätzte Mertesacker in der Hierarchie über Hummels und Boateng. Allerdings ist Mertesacker nach langer Verletzungspause und einer insgesamt schwierigen Saison bei Arsenal nicht unumstritten. Hummels ist inzwischen eine eigentlich bessere Alternative, doch passt mit seiner Spielweise nicht so richtig in Löws Konzept. So sah er bei seinen bisherigen Länderspieleinsätzen häufig blass aus. Auch Boateng ist immer mal wieder für einen Schnitzer gut und hat eine vergleichsweise mittelmäßige Spieleröffnung. Deshalb könnte es am Ende doch Mertesacker werden, wenn er bis zum Turnierstart ansteigende Form zeigt.

Als Gesamtpaket ist Deutschland die stärkste Mannschaft der Gruppe B. Der Vorsprung ist jedoch nicht so groß, dass die Qualifikation fürs Viertelfinale ein Selbstläufer wird. Abgesehen von Spanien ist das Team inzwischen jedem Gegner bei diesem Turnier spielerisch überlegen. Es wird daher vor allem auf die mentale Stärke ankommen, die deutsche Mannschaften früherer Jahre und Jahrzehnte ausgezeichnet hat. Schon in der Gruppenphase lässt sich ein Patzer angesichts der Gegner schwer ausbügeln. Genau das musste die deutsche Nationalmannschaft in den bisherigen Turnieren unter Löw jedoch immer. In einer K.O.-Phase darf man sich dann erst recht keine Schwächen mehr erlauben. Zeigt die Mannschaft die mentale Stärke der letzten Turniere, ist der Titel diesmal drin. Wenn Deutschland die eigene Spielstärke voll ausschöpft, kann sie maximal Spanien aufhalten. Und auch da bin ich mir nicht sicher.

Meine Prognose: Deutschland packt es, ist auf den Punkt in Bestform und wird Europameister.

Deutschlands Gruppengegner

Niederlande
Portugal
Dänemark

Schweinsteiger, Klose und Löw

Ich habe der deutschen Mannschaft diesen Erfolg nicht zugetraut. Wobei, stimmt nicht so ganz. Ich habe die Mannschaft ins Finale (gegen Argentinien) getippt. Aber ich habe ihr nicht zugetraut, einen solchen Fußball zu spielen. Und das ist der große Erfolg dieser Mannschaft, den ihr schon jetzt niemand mehr nehmen kann. Vielleicht reicht es am Ende für den Titel, vielleicht nicht. Es ist nicht weiter schlimm. In den letzten 3 1/2 Wochen wurden alle dunklen Vorahnungen, alle Zweifel, alle Kritik, alle Nörgelei hinweggefegt von einer über weite Strecken bravourös spielenden deutschen Nationalmannschaft.

Man kann alle Einzelteile dieser Mannschaft hervorpicken und beleuchten und so ihren Anteil am Erfolg deutlich machen, aber für mich stehen heute im Mittelpunkt drei Figuren, vor denen ich besonders den Hut ziehen muss. Weil ich an ihnen gezweifelt habe. Weil sie mich eines besseren belehrt haben.

Als Bastian Schweinsteiger bei der EM 2004 seine ersten Einsätze bestritt, konnte man sehen, dass er ein talentierter Spieler ist. Er stach durch seine technischen Fähigkeiten und Jugendlichkeit aus dieser alten Mannschaft hervor. Einerseits. Andererseits dachte ich: was ein egoistischer Schaumschläger! Wo ist die Übersicht, das Gefühl für die Spielsituation und die Mitspieler? 2006 hatte sich das schon deutlich geändert. Schweini und Poldi waren Teenie-Idole, die aber auch der Mannschaft weiterhalfen. Es schien der Beginn einer tollen Entwicklung zu sein. War es aber nicht. Schweinsteiger verharrte auf einem hohen, aber nicht herausragenden Niveau. Als Spielmacher funktionierte er nicht wirklich, auf der Außenbahn klappte es auch nicht so recht. Und dann kam Ribery zu den Bayern. Schweinsteigers Stern beim Rekordmeister war am Sinken. Vor einem Jahr konnte er sich nicht mal sicher sein, ob er eine Chance auf einen Stammplatz hat. Doch es kam nicht nur Robben, sondern auch van Gaal, der Schweinsteiger zu dem machte, was aus heutiger Sicht ganz sicher seine beste Rolle ist: Ein kreativer Defensivallrounder. Ein Spieler mit innerer Ruhe, Zweikampfstärke und dem Blick für das Spielgeschehen vor sich. Dazu die technischen Fähigkeiten, die es braucht um ein Spiel zu lenken. Es ist unwahrscheinlich, dass van Gaal ihm in 8 Monaten alles beigebracht hat, was er nun bei der Weltmeisterschaft zeigt. Es ist viel mehr wahrscheinlich, dass er als Erster gesehen hat, was in Schweinsteiger steckte, in ihm schlummerte und nun für alle Welt offensichtlich ist. Damit hat er nicht nur Joachim Löw die Augen geöffnet, sondern auch mir. Chapeau, Herr Schweinsteiger!

Von Miroslav Kloses Fähigkeiten brauchte mich niemand mehr zu überzeugen. Die hat er in Bremen drei zweieinhalb Jahre lang vorgeführt und auch wenn der Abschied schmerzhaft war, hat das an meiner grundsätzlichen Meinung über den Fußballer Klose nichts geändert. Es wäre sicher auch falsch, Kloses Zeit bei den Bayern als verschwendet zu bezeichnen, denn in seiner ersten Saison machte er lange vieles richtig und auch im Jahr darauf hatte er zumindest in der Champions League eine starke Torquote. Mit der Zeit hatte sich aber auch eine gewisse Lethargie in seinem Spiel breitgemacht. Wo er früher im richtigen Augenblick Übersicht und Mannschaftsdienlichkeit an den Tag gelegt hatte, um seine Mitspieler einzusetzen, war er plötzlich nur noch selbstlos, aber es diente der Mannschaft nicht mehr. Im Grunde war mir schon klar, dass er im richtigen Umfeld wieder zu alter Stärke finden könnte und ganz sicher noch kein Fall fürs Altersheim ist, aber in der vergangenen Saison wurden die Zweifel größer. Drei Tore nur in der Bundesliga und nun, ein paar Wochen später sollte er das Nationalteam als einzige Spitze anführen? Das schien mir dann doch etwas unrealistisch. Doch nun ist genau das eingetreten. Klose spielt eine sehr gute WM, hat in dreieinhalb Spielen mehr Tore geschossen, als für Bayern in einem Jahr und steht jetzt auf einer Stufe mit Gerd Müller auf Platz 2 der ewigen WM-Torjägerliste. Und wisst ihr was? Auch wenn ich mich bei 90% aller Werderfans unbeliebt mache: Ich freue mich für ihn! Drei Jahre lang war Klose auch bei mir eine Persona non grata und ich werde ihn ganz sicher nie wieder so richtig mögen, aber ich habe meinen Frieden mit ihm gemacht. Chapeau, Herr Klose!

Joachim Löw ist in Bremen vermutlich noch unbeliebter als Miro Klose. Frings zuhause gelassen, Wiese verschmäht und dann diese seltsamen Nominierungen angeblich mittelmäßiger Spieler des VfB Stuttgart? Was erlauben Löw! Langsam gehen einem die Argumente aus. So richtig vermisst wird Frings jedenfalls nicht, Neuer kann man kaum mehr als falsche Nummer 1 bezeichnen und vom VfB Stuttgart steht mit Khedira nur ein Spieler in der Startformation (und das zu Recht!). Der Rest kommt aus München, Bremen, Hamburg, Köln, Berlin und sogar Gelsenkirchen. Keine ausgeprägte Blockbildung mit Ausnahme der naheliegenden Überrepräsentierung der bayerischen Champions League-Finalisten. An Löws fachlicher Eignung hatte ich eigentlich nie großen Zweifel, an seiner menschlichen Eignung dagegen schon. Ich bin auch jetzt noch der Meinung, dass er gewisse Dinge anders und besser hätte lösen können. Dennoch: Er ist seinen Weg konsequent gegangen und hat sich nicht davon abbringen lassen. Sturheit ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Trainers. Vielleicht brauchte er genau diesen Widerstand, um zu seiner eigenen Höchstform zu finden. Was im Hintergrund abläuft, lässt sich aus der Ferne ohnehin nur unvollständig erkennen. Was sich jedoch klar erkennen lässt: Löw holt momentan aus seinen Spielern das Beste heraus und hat sie zu einer verschworenen Einheit geformt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Löw unfehlbar ist. Entscheidend ist aber das große Ganze und da gibt es an Löws Entscheidungen bei dieser WM nichts zu rütteln. Chapeau, Herr Löw!