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Werder in Belek 2016

Gastbeitrag von Sebastian Cario

Nachdem ich im letzten Jahr keinen Bericht aus Belek beigesteuert habe, hat es jetzt doch wieder in den Fingern gejuckt. Es sind dieses Jahr auch einfach wieder einige Dinge passiert, die die Zuhausegebliebenen interessieren drüfte:

Die Testspiele

Werder – Adana Demirspor 7:0 (3:0)

Ein lockerer Aufgalopp gegen einen unterklassigen Gegner. Ein Muster ohne Wert aber möglicherweise wichtig für die Stimmung.

 Werder – Aue 1:3 (1:3)

Der zweite Anzug sitzt nicht. Es ist mehr als verwunderlich, dass die zweite Reihe die sich bietenden Chancen nicht nutzt. Die Überlegenheit Aues war frappierend. In allen Belangen (Passquote, Zweikämpfe, Chancen) wurde der Werder-Elf der Schneid abgekauft. Besonders enttäuschend wieder einmal Felix Kross, der als 6er nicht in die Zweikämpfe kam und dem Spiel keinerlei Struktur gab. Dies machte es dem Rest der Mannschaft auch nicht einfach und so endete das Aufbauspiel in Fehlpässen, die von den aufmerksamen Auern auch genutzt worden.

Einziger Lichtblick: Giorgi Papunashvili der hin und wieder Akzente setzen konnte und den Treffer beisteuerte. Aber auch er muss in Sachen Spielverständnis, körperliche Rebustheit und Spielgeschwindigkeit noch deutlich zulegen, um irgendwann eine Option für die Bundesliga werden zu können.

Werder – Sivasspor 0:0 (0:0)

Ok – das fasst diesen Test zusammen. Gegen den 15. der türkischen Liga lies Werder wenig zu, konnte aber selbst kein Tor erzielen. Die wenigen guten Chancen wurden vergeben oder vom starken Torwart der Türken pariert. Sympthomatisch der vergebene Elfmeter von Fritz in der 90. Minute, der einfach nur schwach geschossen war.

Des Weiteren wirkte die verletzungsbedingte Auswechselung von Bargfrede deutlich auf die Mannschaft ein und beeinflusste die Spieleröffnung negativ. Im zweiten Durchgang wechselte Skriptnik auf ein flaches 4-4-2 bei dem mit Fröde und Fritz zwei zentralere Anspielstationen zur Verfügung standen. Dies führte zwar zu einem verbesserten Aufbauspiel und weiteren Chancen, aber reichte am Ende nicht für ein Tor.

Werder – Baku 1:0 (1:0)

Wie Werders U23 einige Tage zuvor siegten auch die Profis mit 1:0. Baku zeigte sich merklich verbessert und motivierter, kann aber allenfalls mit einem deutschen Regionalligisten verglichen werden. Dafür war das Ergebnis schwach, denn ein wirkliches Mehr an Chancen konnte Werder nicht verbuchen. Die Partie hindurch spielte Werder mit einem 4-4-2 mit zwei zentralen sich offensiv und defensiv abwechselnden Mittelfeldspielern. Offensiv wurde zu harmlos agiert und auch defensiv erschien die Werde-Elf anfällig, wenn die Kommunikation im zentralen Mittelfeld nicht stimmte. Den Treffer des Tages erziele Pizzaro nach einem technisch starken Querpass von Testspieler Jordan Morris. Mit Lazlo Kleinheisler kam auch der zweite Testspieler zum Einsatz und war gerade in der ersten Halbzeit ein belebendes Element.

Werder – Austria Wien 2:2 (1:0)

Im finalen Test verschenkte Werder den Sieg in der Schlussphase, als die Kräfte nachließn und vorher gute Chancen liegengelassen worden sind. Wie schon beim ersten Test des Tages wurde durchgehend ein flaches 4-4-2 mit Kroos und Junuzovic gespielt. Im Gegensatz zu Baku hatte Bremen mit dem Österreicher jemanden drin, der das Spiel auch offensiv ankurbeln konnte. Werder war 60 Minuten lang die klar bessere Manschaft. Da die Wiener zur Pause komplett wechselten ging Werder zusehends die Puste aus, so dass der Ausgleich in der Nachspielzeit die logische Konsequenz darstellte. Randnotiz: Jasper Verlaat (Sohn von Ex-Werderaner Frank Verlaat) gab in der 83. Minute sein Profidebut für Werder.

Die Testspieler

Jordan Morris

Zeigte, dass er auch als College-Spieler konditionell mithalten kann, auch wenn ihm am Ende des Testspiels die Puste ausging. Im Training wirkte er sehr motiviert und mit viel Kraft und Willen ausgestattet. Er zeigte in einigen Einheiten, dass er weiß wo das Tor steht und war deutlich abschlussstärker als beispielsweise Lorenzen, Bartels und Eggestein. Verbesserungen im Bereich Dribbling (1 gegen 1) und dem taktischen Verständnis sind allerdings noch nötig.

Lazlo Kleinheisler

Im Training zeigte er sich nicht auffällig, überzeugte aber dafür im Test gegen Baku mit guter Ballbehandlung, Spielübersicht und Wuseligkeit. Suchte zudem den Abschluss und war in der ersten Halbzeit klar der beste Mann auf dem Platz. Ein Fragezeichen bleibt hinter der körperlichen Robustheit. Gegen Baku konnte er auf Grund seiner Technik vielen Situationen aus dem Weg gehen. Es ist aber gut vorstellbar, dass er bei einem schnellen Bundesligaspiel intensiver attackiert wird und so den Mut zum Dribbling verliert.

Testspieler Fazit

Es wurde deutlich, dass beide nicht ohne Grund zu Werder eingeladen wurden. Es sind beides Spielertypen, die Werder so im Kader nicht hat und etwas mehr Flexibilität bringen würden. Es wäre nicht überraschend, wenn es – vorausgesetzt der Verpflichtung – bei beiden zu einigen Einsätzen in der Rückrunde reicht.

Die Transfergerüchte

Fehlanzeige. Eichin wiegelte schon im Vorfeld ab, da einfach kein Geld zur Verfügung steht. So konzentrierte man sich auf die beiden Testspieler (siehe oben). Immerhin wurde die Sommerverpflichtung von Thanos Petsos unter Dach und Fach gebracht und war damit schon das Highlight in dieser Hinsicht.

Der Trainerstab

Skripnik wirkte sehr entspannt und hatte sichtlich Spaß an der Arbeit, mischte hin und wieder auch kräftig mit. Auch seine Aussagen und Umgang mit der Presse haben sich merklich verbessert. Die Zeit der Dünnhäutigkeit und der patzigen Kommentare ist anscheinend erst einmal vorbei. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie es sich im weiteren Saisonverlauf verhält.

Frings hielt sich mekrlich zurück und fokussierte sich auf die Trainingsarbeit. Hier korrigierte er immer wieder die Spieler und nutze sein Können, um bei Übungen den Defensivpart oder den Flankengeber zu spielen. Insgesamt eine sehr zurückhaltende Rolle, auch und gerade während der Testspiele.

Kohfeld zeigte sich einmal mehr für die Taktik verantwortlich und übernahm auch taktische Korrekturen während Training und Spiel.

Die Mannschaft

Ich kann nicht zu jedem Spieler etwas schreiben, deshalb ist die Liste unvollständig:

Oelschlägel: Ersten Profivertrag unterschrieben und gute Torwartleistungen im Training gezeigt. Stark auf der Linie, muss allerdings an Strafraumbeherrschung und Spiel mit dem Fuß arbeiten.

Guwara: War nach guten Leistungen in der U23 bei den Profis dabei. Seine Beidfüßigkeit kann eine Waffe werden. Körperlich robuster als Zander, technisch besser als Busch. Von den Jungprofis als rechter Verteidiger wohl der kompletteste Spieler. Könnte einer für die Zukunft sein.

Junuzovic: Zurück nach Verletzung und ohne Angst vor dem Zweikampf. Nur wenn auch er eine bessere Rückrunde spielt, wird Werder die Klasse halten.

Bargfrede: Fast schon klassisch ohne die Mannschaft zurückgeflogen. Gestern dann die Entwarnung, es ist wohl nicht so schlimm. Wenn fit, ist er unersätzlich.

Kroos: Ganz schlimme Leistung gegen Aue, verbessert gegen Wien. Scheint auch seine Einstellung zum Profileben überdacht zu haben und zog in den Trainings voll mit. Vermutlich weiß er, was die Uhr geschlagen hat.

Lorenzen: Was ist nur mit diesem Jungen los? Das war gar nichts. In dieser Form hat er bei den Profis nichts zu suchen. Abschlussschwach, keine Chance im 1 gegen 1 und auch seine Schnelligkeit konnte er nie ausspielen.

Galvez: Leistete sich in den Tests immer wieder böse Fehlpässe, die auch mit nachlassender Kondition nicht zu erklären sind. Setzt dafür immer wieder auf lange diagonale Bälle, die zumeist auch den Mitspieler finden. Auch im Zweikampf gewohnt robust. Solide Leistung, wenn er die Fehler abstellt wird er richtig wichtig.

Pizarro: Wirkte müde. Weiß zwar nach wie vor, wo das Tor steht, allerdings kommen Zweifel auf, ob es für weitere Startelfeinsätze reicht.

Eggestein: Fleißig wie eh und je, fehlt ihm nach wie vor etwas Physis. Zudem zögerlich beim Abschluss und schwach, wenn er es doch einmal versucht.

Sternberg: Machte einen guten Eindruck im Training. Bitter die Verletzung im Test, das wird ihn leider deutlich zurückwerfen.

U. Garcia: Als Linksverteidiger nicht zu gebrauchen. Nach Sternbergs Aus liefen alle Angriffe über seine Seite. Nach vorne leider immer noch etwas zu langsam im Abspiel. Ist aber auch erst 19 und sein Talent ist unübersehbar. Durch Sternbergs Ausfall erst einmal auf der Bank gesetzt.

Grillitsch: Bester Mann bei den Abschlussübungen im Training. Seine Standards sind auch häufig gefährlich, wenn er sie scharf genug hereinbringt. Wird zur Rückrunde wohl sicher in der Startelf stehen.

Fritz: Will es weiter wissen. Ackert, kämpft, rennt, treibt an. Wichtig auf und neben dem Platz.

Ötztunali: Zeigt sich weiter verbessert. Stark auf dem Flügel, kommt ihm das flache 4-4-2 eher entgegen. Seine Hereingaben müssen allerdings noch schärfer und präziser werden.

Papunashvili: Gute Ansätze, aber sollte noch keine Option für die Rückrunde werden. Es fehlt noch an Physis und Schnelligkeit im Spiel.

Das Training

Neben den üblichen konditionellen Übungen war klar ersichtlich, dass ein Fokus im Aufbauspiel aus der Defensive heraus liegen sollte. Hierzu wurden verschiedene Übungen und Situationen trainiert. Auch das Gegenpressing und Zustellen bei Abstoß des Gegners (Manndeckung) wurden sowohl im Training, als auch in den Tests praktiziert. Es bleibt allerdings abzuwarten, in wie fern die Spieler das auch unter Bundesligabedingungen umsetzen können, denn das Tempo dieser Übungen war mäßig bis schleppend und die Klasse der Testspielgegner sehr überschaubar.

Standards standen ebenfalls auf dem Plan und wurden als Schwäche ausgemacht. Anscheinend hatte man sich auf die guten Standards der Vorsaison verlassen und auch unter der Formschwäche Junuzuvics zu leiden. Dieser schob Sonderschichten um das Gefühl für den Freistoß zurückerlangen zu können. Ecken wurden zunehmend auch kurz ausgeführt, der Erfolg blieb allerdings auch hier aus.

Tino Polster

Werder trennt sich von Polster. So weit, so bekannt geworden. Dennoch wirft diese Personalie Fragen auf. Ja, Polster war extern nicht unumstritten. Auch ich persönlich bin einige Male mit ihm in Konflikt gekommen und wurde beospielsweise 2010 angefeindet, dass Zitate und Vorkommnisse aus dem Trainingslager erst der Presse vorbehalten sein müssen und kein dahergelaufener Blogger (oder noch schlimmer: Twitterer) diese vorher veröffentlichen sollte. Etwas, das Werder ein Jahr später dann selbst übernahm.

Ich erinnere mich auch zudem an Twitter Accounts von Fans, die aufgrund von fragwürdigen Markenrechtsverletzungen geschlossen worden und Auseinandersetzungen mit dem Worum, das Teile der Werder-Raute im Logo verwendete bzw. verwenden wollte, welches Polster grundlos verneinte. Hier war ersichtlich, das Polster ein Kontrollfreak ist, wenn es um „seinen“ Verein geht.

Der Grund für diese Auseinandersetzungen ist einfach. Polster fühlte sich mit Werder verbunden und projezierte seine eigene Eitelkeit auch auf die Belange des Vereins, ohne dabei ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl und Empathie mitzubringen. Das ist nicht schlimm und vor allem keinerlei Qualitätsmerkmal für seine Arbeit im Verein, sondern lediglich eine subjektive Wahrnehmung. Denn hier muss schon gesehen werden, dass Werder mit Werder.de, Werder.tv und dem Social Media („Club Media“) Team einer der Vorreiter in der Bundesliga war und für die Arbeit mehrfach ausgezeichnet wurde. In wie fern er für all das maßgeblich war, lässt sich allerdings kaum beurteilen.

Auf der Habenseite für Polster stehen ebenfalls die Mitgliederkampagne „Werder will dich“ und die Aktion/der Claim „100% Werder“, welche zweifelsohne ebenfalls sehr erfolgreich verliefen. Auf der anderen Seite wurde Polster nach seiner Erkrankung zum Großteil aus der Öffentlichkeit herausgenommen und konnte sich auf sein Kerngebiet Markenkommunikation konzentrieren. Zudem Spaß und Freude am Job zurückfinden, indem er als Co-Kommentator bei Werder.tv Live-Spielen auftrat.

Es bleibt die Frage, warum er nun gehen muss. Es wurde aus verschiedenen internen Quellen berichtet, dass nichts besonderes vorgefallen sein soll, welches eine unmittelbare Trennung forciert haben sollte. Auch die Mitarbeiter seiner Abteilung zeigten sich von der Entscheidung überrascht. Es geht anscheinend ums Geld, bzw. um das Gehalt. Seit 2002 im Verein und in den guten Zeiten sicher mit der einen oder anderen Gehaltserhöhung ausgestattet, wird die Belastung im Etat nicht unerheblich sein. Grob geschätzt sollte sich das Gehalt bei etwa 180.000 EUR per anno bewegen. Das ist für einen Direktor in einem Mittelständischen Unternehmen ein durchweg realistisches Gehalt.

Zudem macht das Wort vom Frühstücksdirektor die Runde, der sein kleines Aufgabengebiet mit zumeist rein repräsentativen Funktionen hat, aber dennoch sehr gut bezahlt wird. Selbst aber nur wenig zum Ergebnis beiträgt. Ein Luxus, den sich Werder Bremen heute einfach nicht mehr leisten kann. Wirtschaftlich nachvollziehbar, ist nach dem vorzeitigen Bekanntwerden vor allem die Kommunikation dieser Personalie ein Problem: Es kann nicht als echte Restrukturierung verkauft werden, da keine weiteren Personen betroffen sind. Es kann auch keine Trennung aus persönlichen Gründen erfolgen. Also bleibt die „einvernehmliche Trennung“ per Abfindung, die sicher die Höhe eines Jahresgehaltes übersteigen wird. Doch dazu müsste man sich erst einmal einigen…

Die Fans

In den vergangenen 6 Jahren war die Stimmung unter den Fans nie so schlecht wie diesmal. Das Abstiegsgespenst und die damit verbundene Angst vor der Versenkung in der Bedeutungslosigkeit war noch nie so weit verbreitet. Auch nur eine Spur von Optimismus sucht man vergebenes. Das ist schade, da der vom Verein eingeschlagene Weg (Sparkurs, Talente, Billigspieler) unausweichlich scheint. Hoffnungsvoll kann ein Blick nach Dortmund gehen, die aus einer ähnlichen Situation mit einem klaren Konzept herausgekommen sind. Ob das auch in Bremen gelingt, bleibt leider abzuwarten.

Die Systeme

Folgende Systeme hat Skripnik zur Auswahl:

4-4-2 (Raute offensiv)

Soll wieder in Heimspielen praktiziert werden. Leider kein System für Ötztunali.

Ujah (Pizarro)                                   Bartels (Johannsson)

Junuzovic (Kleinheisler*)

Grillitsch (U.Garcia)                          Fritz (Eggestein)

Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Gàlvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

4-4-2 (flach defensiv)

Option für Auswärtsspiele. Beide ZM schalten sich abwechselnd offensiv mit ein.

Ujah (Pizarro)                                Johannsson (Morris*)

 

Grillitsch (Ötztunali)                                                                                   Fritz (Bartels)

Junuzovic (Kleinheisler*)                Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Gàlvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

4-1-4-1 (defensiv)

Kann bei Führung in Auswärtsspielen zur Absicherung aus dem flachen 4-4-2 gestellt werden oder auch bei Heimspielen aus der Raute heraus.

Ujah (Pizarro)

Grillitsch (Ötztunali)    Junuzovic (U.Garcia)   Kleinheisler* (Eggestein)   Fritz (Bartels)

Bargfrede (Kroos)

Garcia (Sternberg) Vestergaard (Lukimya) Galvez (Hüsing) Gebre Selassie (Guwara)

Wiedwald (Zetterer)

* Vorbehalten der Verpflichtung

Das Fazit

Ein gutes Trainingslager mit idealen Bedingungen. Das Wetter hielt, die Spiele waren herausfordernd. Es bleibt allerdings auch noch viel Arbeit. Es schien fast so, als habe diese erst begonnen. Bis zum Bundesligastart muss allerdings noch etwas passieren.