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Mesut Özil – Das Bremer Missverständnis

Um keinen anderen Spieler wird in dieser Sommerpause im Umfeld von Werder Bremen so viel diskutiert, wie um Mesut Özil. Nach einer starken WM, bei der er nach Ansicht vieler Experten zu den besten Spielern gehörte, scheinen seine Tage bei Werder gezählt. Die Reaktionen der Fans auf die seit Monaten andauernden Gerüchte reichen von Unverständnis über Empörung bis hin zu blankem Hass. Vereinzelt gibt es jedoch auch Verständnis für den Nationalspieler, dessen Vertrag bei Werder noch bis 2011 läuft. Für mich zeigt sich in den Diskussionen eine Reihe von Missverständnissen über den Spieler Mesut Özil:

1. Özil ist gar nicht so gut, wie er gemacht wird.

Es gibt zwei Dinge, an denen die angebliche Überbewertung des Spielers Özil festgemacht wird:

“In wichtigen Spielen taucht Özil unter!”

Gern genannte Beispiele sind das UEFA-Cup Finale 2009, das Pokalfinale 2010 und das WM-Halbfinale gegen Spanien. In diesen Spielen kam Özil nicht so zur Geltung, wie man es von einem Weltklassespieler erwarten würde. Ganz davon abgesehen, dass kaum ein Spieler (inkl. Weltfußballer Messi) ohne Leistungsschwankungen auskommt, kann dieses Argument nicht völlig von der Hand gewiesen werden. Allerdings zeigen einige andere Beispiele, dass es sich hierbei wohl eher um normale Leistungsschwankungen eines jungen Spielers handelt, als um ein generelles Problem mit der großen Fußballbühne. Nach dem enttäuschenden UEFA-Cup Finale im letzten Jahr schoss Özil das Siegtor im Pokalfinale und war beim Finale der U21-EM der Man of the Match. In der abgelaufenen Saison bot er im vorentscheidenden Spiel um den 3. Platz gegen Schalke eine herausragende Leistung und auch auf der vermeintlich größten Bühne, bei der Weltmeisterschaft, präsentierte er sich von seiner besten Seite. An diesen letzten Halbsatz schließt sich das zweite Argument an:

“Özils Leistung bei der WM wird überbewertet!”

Gerade vor ein paar Tagen erst wieder gehört: Özil habe pro Spiel nur 2-3 gute Szenen gehabt und sich ansonsten versteckt. Dieses Argument beruht meiner Ansicht nach auf einem Missverständnis. Özil spielt auf der Spielmacherposition und wird deshalb als “echter 10er” angesehen. Özils Spielweise unterscheidet sich jedoch deutlich von der “klassischer” Spielmacher. Gerade für deutsche Verhältnisse – unser größtes Mysterium der letzten Jahre war die Frage, ob Michael Ballack nun 6er, 8er oder 10er ist – ist Özil ein höchst ungewöhnlicher Spieler. Er spielt sehr offensiv, meistens auf der Höhe eines zurückhängenden Stürmers, und holt sich nur wenige Bälle an der eigenen Mittellinie ab. Während bspw. Bastian Schweinsteiger aufblühte, als er nach hinten versetzt wurde und das Spiel endlich vor sich hatte, geht Özil den entgegengesetzten Weg. Er sucht in erster Linie nicht den Ball, sondern den freien Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners. Dadurch ist er für gegnerische Defensivabteilungen schwer zu greifen und schafft Räume für seine Mitspieler indem er Verteidiger aus der Viererkette lockt bzw. einen defensiven Mittelfeldspieler weit nach hinten zieht. Am Ball ist Özil gut, jedoch (noch) nicht auf allerhöchstem Niveau – ohne Ball ist er herausragend. Ähnlich wie Thomas Müller hat Özil ein extrem gutes Gefühl für Spielsituationen und Lücken, wobei Müller durch seine Torgefahr noch mehr auffällt. Bei der WM haben beide sehr voneinander profitiert, was vielleicht auch ein Grund für Özils mangelndes Durchsetzungsvermögen gegen Spaniens Sergio Busquets war.

2. Für Özils Entwicklung wären 1-2 weitere Jahre bei Werder am besten.

Als Mesut Özil von Schalke zu Werder wechselte, war er 19 Jahre alt und galt als einer der talentiertesten deutschen Mittelfeldspieler. In seinen inzwischen 2 1/2 Jahren an der Weser hat er sich weiterentwickelt, den Status des “Talents” spätestens in der abgelaufenen Saison überwunden und gehört mittlerweile zu den besten Mittelfeldspielern der Bundesliga. Seine Leistungen sind teilweise überragend, doch es fehlt noch an der Konstanz, die für die absolute Weltspitze nötig ist. Es gibt gute Argumente, die für einen Verbleib bei Werder für zumindest eine weitere Saison sprechen: Hier hat er ein ruhiges Umfeld und einen Trainer, der auf ihn baut. Dazu winkt in der kommenden Saison eine Champions League Teilnahme. Der Kader wäre bei Özils Verbleib ebenfalls stärker einzuschätzen. Bei einem Wechsel zu einem großen Verein hätte er stärkere Konkurrenz. Zudem würde der Druck um ein Vielfaches anwachsen. Allerdings ist es genau dieser Konkurrenzdruck, der Spieler auch weiterbringen kann. Wenn das Potential für die ganz großen Vereine reicht, wird kaum ein Spieler allzu lange für Werder zu halten sein. Die warnenden Beispiele der ehemaligen Werderspieler, die sich nach einem Wechsel nicht durchgesetzt haben, sind hier nur bedingt als Argument tauglich. Letztlich liegt es am Spieler selbst und an dessen Potential, sich auf höchstem Niveau zu beweisen. Vielleicht wird Özil daran scheitern, doch eine pauschale Aussage, dass er sich bei Werder besser weiterentwickeln kann, ist mehr Wunschdenken als erwiesene Tatsache.

Dazu kommen die Anfeindungen, die Özil schon jetzt entgegengebracht werden. Solange er keinen neuen Vertrag bei Werder unterzeichnet, wird er in der Fankurve kaum seinen schlechten Ruf verbessern können. Sollte Özil in ein Leistungsloch fallen, wie vor drei Jahren Miroslav Klose, würde er vermutlich starker Kritik ausgesetzt sein. Dies widerspricht den oben getroffenen Aussagen über das ruhige Umfeld bei Werder. Wenn die Leistung nicht stimmt, droht Özil bei Werder ein Spießrutenlauf, der seiner Entwicklung sicher nicht besser täte, als ein Platz auf der Bank des FC Barcelona.

3. Özil und sein Berater sind geldgeil

Diese Auffassung wurde geschürt durch die Kampagne, die von Özils ehemaligem Arbeitgeber nach einer erfolglosen Vertragsverlängerung betrieben wurde. Özil und sein Berater hätten absurde Forderungen gestellt, so der Grundtenor. Auch in diesem Jahr erweisen sich die Beiden als schwierige Verhandlungspartner. Der Hintergrund: Bei einer Vertragsverlängerung würden die zu erwartenden Transfererlöse bei einem Verkauf des Spielers steigen. Je geringer die Ablösesumme, desto größer die Chance auf ein hohes Handgeld für den Spieler. Bei einem ablösefreien Wechsel nach Vertragsende könnte Özil daher einen sehr hohen Betrag als Handgeld kassieren. Diese Spekulation auf einen höchstmöglichen Profit wird Özil und seinem Berater übel genommen. Sicherlich gibt es auch Spieler, die in dieser Situation anders handeln würden, doch grundsätzlich versuchen im Profifußball beide Vertragsparteien das bestmögliche für sich selbst herauszuholen. Allerdings zeigte gerade Özils Wechsel zu Werder, dass Geld nicht das alleinige Entscheidungkriterium für ihn ist. Das Argument der Fixiertheit auf den persönlichen Profit kann trotzdem nicht entkräftet werden.

Interessant wird es jedoch, wenn es zur Profitorientierung der Kritiker selbst kommt. Die Forderung den Spieler jetzt schnell möglichst teuer zu verkaufen passt nicht unbedingt zur vorangegangenen Kritik an Özil. Die Tatsache, dass Spieler von vielen Fans als freibewegliches Handelsgut angesehen werden, wird dabei gerne ausgeblendet. Einerseits wünscht man sich eine tiefe Verbundenheit der Spieler zum eigenen Verein, andererseits würde man die meisten Spieler persönlich zum Flughafen bringen, wenn denn die Ablöse stimmt. Das Profigeschäft führt immer wieder zu solchen Widersprüchen zwischen materiellem Denken und romantischer Vereinstreue. Es ist legitim, Fußballspieler für diese Einstellung zu kritisieren, doch dann sollte es sich generell gegen die Zustände im Profifußball richten und nicht selektiv gegen einzelne Spieler. Marko Marin und Per Mertesacker sind schließlich auch nicht ganz ohne finanzielle Anreize nach Bremen gekommen.

4. Özil ist undankbar und hat einen schlechten Charakter

Ex-Werderspieler Diego verlängerte im Herbst 2007 seinem Wechsel seinen Vertrag bei Werder um weitere 12 Monate bis 2011. Dafür gab Werder dem Spieler ein Versprechen, ihn bei einem vernünftigen Angebot im Sommer 2009 gehen zu lassen. Die von vielen Werderfans als zu niedrig empfundene Ablösesumme ist auch Resultat dieser Vereinbarung. Mit Mesut Özil wurde dem Vernehmen nach ein ähnlicher Deal angestrebt: Eine Vertragsverlängerung mit deutlicher Gehaltsaufbesserung und der Aussicht auf einen problemlosen Wechsel bei entsprechenden Angeboten. Anders als Diego, dessen Vertrag ohnehin noch drei Jahre lief, ist Özil in einer ganz anderen Position. In einem Jahr kann er ablösefrei wechseln und das entgangene höhere Gehalt, das er bei einer Verlängerung bekäme, würde durch eine hohe Handgeldzahlung mehr als kompensiert. Verkauft ihn Werder dagegen schon in diesem Sommer, winkt bei einem anderen Verein schon jetzt ein höher dotierter Vertrag als er ihn bei Werder je bekommen könnte. Der Anreiz für eine Vertragsverlängerung ist also recht gering, wenn man nicht von einem langfristigen Verbleib bei Werder ausgeht.

Dennoch könnte Özil mit einer solchen Geste seinem Verein einen Gefallen tun, was bei Diegos Verlängerung sicherlich mit ausschlaggebend war. Dieses Vorgehen ist jedoch nicht alltäglich und kann nicht bei jedem Spieler vorausgesetzt werden. Werder hat sich in der Vergangenheit meistens sehr fair gegenüber den eigenen Spielern verhalten und auslaufende Verträge von verletzten (Kristian Lisztes) oder kranken Spielern (Ivan Klasnic) verlängert. Andererseits hat Mesut Özil öffentlich niemals gesagt, dass er seine Zukunft bei Werder sieht. Von daher wäre ein Verzicht auf einen neuen Vertrag konsequent und ehrlich. Zumal von Seiten vieler Fans auch das gegenteilige Verhalten bei Spielern kritisiert wird. Würde Özil Werder die Treue schwören und dann doch in einem Jahr wechseln, würde er als Verräter bezeichnet. In dieser Hinsicht kann man ihm nichts vorwerfen, denn er hat nie solche Äußerungen gemacht, auf die man ihn jetzt festnageln könnte. Interessant in dieser Hinsicht: Erfüllt ein Spieler seinen Vertrag ohne die von den Zuschauern gewünschte Leistung zu bringen, wird er ebenfalls schnell als Abzocker verschrien. Aus diesem Grund ist es auch absurd Klaus Allofs vorzuwerfen, er hätte Özils Vertrag schon vor über einem Jahr verlängern sollen. Werders momentane Probleme auf dem Transfermarkt kommen eher von Spielern, die der Verein abgeben will, aber aufgrund hoch dotierter Verträge nicht so einfach los wird.

Alle genannten Gründe führen zu einem schlechten Gesamtbild des Spielers und des Menschen Mesut Özil. Zwar teilen keinesfalls alle Fans diese negative Meinung, doch die allgemeine Stimmung scheint bereits in diese Richtung gekippt zu sein. Ob sich diese Entwicklung im Fall eines Verbleibs in diesem Sommer noch rückgängig machen lässt, darf bezweifelt werden. Von daher stellt sich auch die Frage, inwiefern Spieler und Verein in der kommenden Saison noch voneinander profitieren können. Daher deutet vieles auf einen Abschied hin. Ein Abschied, der beim introvertierten und verschlossenen Özil weniger emotional ausfallen dürfte als bei Publikumslieblingen wie Diego oder Ailton, der jedoch trotzdem schmerzen würde. Denn eines scheint sicher: Özil wird seinen besten Fußball nicht im Werdertrikot gespielt haben.