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3. Spieltag: Das alte Werder

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 2:1 (1:1)

Am dritten Spieltag besinnt sich Werder auf die Stärken der letzten Rückrunde und gewinnt verdient gegen Gladbach. Die Borussia hatte große Probleme im eigenen Spiel, die Werder mit einer passenden Taktik und verbesserten Abläufen ausnutzen konnte.

Das Mittelfeld verflacht

Wie im Vorfeld aufgrund der drei nominierten Linksverteidiger im Kader schon spekuliert worden war, setzte Viktor Skripnik auf der linken Seite auf beide Garcias und stellte sein System auf ein flaches 4-4-2 um. Schon gegen Schalke hatte Werder es ähnlich versucht, diesmal war die Abkehr von der Raute jedoch noch deutlicher, auch wenn in Ballbesitz weiterhin Rautenstrukturen zu sehen waren. Junuzovic rückte neben Bargfrede auf die zweite Sechserposition, besetzte offensiv teilweise aber auch den Zehnerraum.

Gladbach spielte wie gewohnt ebenfalls im 4-4-2, wobei das System deutliche Unterschiede zu Werders aufwies. Während Werder im Mittelfeld recht statisch die Positionen hielt und insbesondere Garcia und Fritz auf ihren Außenpositionen klebten, rückten Hazard und Herrmann häufiger ein und gaben im Ballbesitz eher Außenstürmer. Mit der Hereinnahme von Nordtveit und damit der Trennung des Sechsergespanns Xhaka / Stindl ging Favre zudem eine der Problemzonen der letzten Spiele an.

Mehr Disziplin, mehr Kompaktheit, mehr Mannorientierungen

Die Ausrichtung gestaltete sich im Spiel so, wie es zu erwarten war. Gladbach versuchte mit viel Ballbesitz das Spiel geordnet aufzubauen, während Werder eher auf Pressing und Umschaltspiel setzte. Es ergaben sich sehr eindeutige Mannorientierungen, wie es bei einem Spiel zweier 4-4-2 Formationen nicht unüblich ist. Ulisses Garcia und Clemens Fritz agierten als eine Art zweite Außenverteidiger, deren Hauptaufgabe es war, Vorstöße der gegnerischen Außenverteidiger einzudämmen und gegen die Außenstürmer zu doppeln. Diese Aufgabe erledigten sie sehr diszipliniert. Auch Bargfrede (gegen Xhaka) und Junuzovic (gegen Nordtveit) hatten ihre Hauptaufgabe im Bewachen ihrer Gegenspieler.

Werder Bremen vs Borussia Mönchengladbach Aufstellungen

Im Defensivspiel zeigten sich klare Mannorientierungen für die gesamte Werdermannschaft.

So defensiv und destruktiv wie auf dem Papier war Werders Taktik in der Praxis allerdings nicht. Werder schob häufig weit heraus und hatte eine deutlich verbesserte Kompaktheit zwischen den Mannschaftsteilen im Vergleich zum Schalke-Spiel. Die Abstände wurden nach vorne gering gehalten, was nicht immer ohne Risiko war, da Bargfrede im Mittelfeld und Lukimya in der Abwehr des öfteren sehr weit herausrückten und somit Räume hinter sich öffneten. Dies konnte mannschaftlich jedoch kompensiert werden und hatte den gewünschten Effekt, dass die Gladbacher wenig Zeit am Ball hatten. Auf den Außen sicherten sich die beiden Flügelpärchen sehr diszipliniert gegenseitig ab.

Gladbacher Probleme und Bremer Standards

Es zeigte sich schnell, dass Gladbach derzeit weit weg ist von der Souveränität und Spielkultur der letzten Rückrunde. Mit der aggressiven Bremer Spielweise kamen sie nicht gut zurecht. Immer wieder konnte Werder Ballverluste im Gladbacher Aufbau provozieren und mit den beiden Sturmspitzen direkt Offensivdruck aufbauen. So gelang es, das Spiel häufig in Gladbachs Hälfte zu verlagern und trotz des Gladbacher Plus an Ballbesitz die wichtigen Räume zu kontrollieren.

Auffällig war außerdem, dass einige Bremer Spieler deutliche Leistungssteigerungen verzeichnen konnten. Philipp Bargfrede nähert sich seiner Bestform und konnte seine Stärken im direkten Duell gegen Xhaka gut ausspielen. Junuzovics tiefere Positionierung kam ihm ebenfalls zu Gute. Hinzu kamen gute Ideen im Spielaufbau (selten so viele sinnvolle Verlagerungen von ihm gesehen), auch wenn in der einen oder anderen Situation deutlich wurde, dass es ihm an Übersicht im Zentrum mangelt. Auch Neuzugang Jóhannsson zeigte sich verbessert, bzw. konnte zum ersten Mal überhaupt seine Bundesligatauglichkeit unter Beweis stellen. Sein cool verwandelter Elfmeter ragte heraus, doch wichtiger waren seine Zweikampfpräsenz und seine Laufwege. Auch das Zusammenspiel mit Ujah sah besser aus als gegen Hertha.

Mehr geht derzeit nicht

Entscheidend waren aber wieder einmal die Standardsituationen, da sich Werder weiterhin schwer tut, aus dem offenen Spiel heraus gute Abschlussmöglichkeiten zu erspielen. Umso wichtiger, dass man mit Ujah einen Spieler hat, der in jeder Situation die Möglichkeit zum Abschluss sucht. Gegen Gladbach hatte Werder mit Verstergaard, Lukimya, Santi Garcia und den beiden Stürmern die Lufthoheit, was sich nicht nur bei eigenen sondern auch gegnerischen Ecken und Freitstößen zeigte. Gladbach führte Freistöße bis 30 Meter vor dem Bremer Tor meistens kurz aus.

Obwohl Werder ein gutes Spiel zeigte und verdient die drei Punkte holte, wurde wieder einmal offensichtlich, wo die Limitierungen des Teams liegen. Das war (noch) nicht der neue Jugendstil, sondern ein Revival der letzten Rückrunde, mit einer Startelf, in der nur zwei Spieler unter 24 Jahren standen. Gegen die verunsicherte Gladbacher Mannschaft wäre mit etwas mehr Ruhe im Passspiel sicher noch mehr möglich gewesen. Die phasenweise Dominanz war jedoch mit enorm viel Laufarbeit und Zweikämpfen verbunden. Sobald diese ein wenig nachließen, bekam Werder sofort Probleme in der Defensive.

Daran wird sich in den nächsten Wochen und vielleicht auch in der gesamten Hinrunde nicht viel ändern. Kleine Verbesserungen im Ballbesitzspiel sind zwar zu erkennen, doch es wird auch in der nächsten Zeit vor allem darum gehen, die Stärken gegen den Ball und die Gefährlichkeit nach Standards ins Spiel zu bringen. Solange die Achse des Teams Junuzovic-Bargfrede-Fritz heißt, muss Werder deren Stärken so gut es geht zur Geltung bringen. Für die fußballerische Entwicklung, die sich viele erhoffen, werden zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Sprung schaffen müssen. Wie das Spiel gegen Gladbach aber gezeigt hat, ist man mit der aktuellen Spielweise durchaus konkurrenzfähig und kann begeisternde Spiele absolvieren.

21. Spieltag: Gerechter Obraniak

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 1:1 (0:1)

“Das ist doch nur ein Spiel!” gehört (…) zum Verlogensten, was man im Stadion hören kann. Nur “Möge die bessere Mannschaft gewinnen” ist noch schlimmer. Wer so etwas sagt, will sich vernünftig verlieben, geschützt vor der Möglichkeit der Enttäuschung. Das ist die Angst davor, sich dem Schicksal auszuliefern, und der Irrglaube, dass man das vermeiden kann, und natürlich ist das falsch, ganz falsch! Denn es muss heißen: Möge meine Mannschaft gewinnen! Und spiele sie noch so schlecht. Sei sie noch so unfähig und hölzern, inkompetent und von allen guten Geistern verlassen. Bitte, wenn es da oben einen gerechten Gott gibt, lass mein Team in diesem Kampf des Guten gegen das Böse gewinnen.

- Christoph Biermann, “Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen”

Das Buch, aus dem dieses Zitat stammt, ist nun fast 20 Jahre alt. Das Werder Bremen der Saison 2013/14 im Allgemeinen und Assani Lukimya im Speziellen kann Biermann also nicht im Sinn gehabt haben. Doch selten schien mir diese universelle Fußballweisheit so passend, wie in der aktuellen Situation.

Ich habe das Spiel gegen Gladbach nicht gesehen, aber nichts, was ich in diesen 90 Minuten Bundesligafußball verpasst habe, hätte den Moment relativieren können, als mir Ludovic Obraniaks Ausgleichstor auf dem Handy angezeigt wurde. Ein Punkt gegen Gladbach, ein gefühlter Sieg, egal wie verdient oder unverdient er gewesen sein mag. Ein Moment, der einen Wendepunkt in dieser Rückrunde bedeuten kann. Der dem gebeutelten Team und seinem Trainer einen entscheidenden Schub für die Moral geben kann. Für die folgenden direkten Duelle um den Klassenerhalt.

Wir haben noch nichts erreicht, aber wir sind wieder dabei.

 

A Night at the Opera: Werder vs. Gladbach

Bremen, Weserstadion, Ostkurve. Hinterm Tor, Flacher Blickwinkel, Eingeschränktes Sichtfeld – kein Ort für Analysen. Hier wird gehüpft, gebrüllt, gesungen. Und ich bin mittendrin.

Wir sind spät dran. Ausgerechnet heute, wo wir in der Ostkurve stehen. Ohne feste Plätze, auf die man sich auch fünf Minuten nach Anpfiff noch setzen kann, ohne dabei groß negativ aufzufallen. Eine Dreiviertelstunde noch bis zum Anpfiff. Wir gehen los. An der Ampel merkt sie, dass sie ihr Portemonnaie vergessen hat. Zurück nach Hause. Wildes Suchen. In jeder Ecke mehrfach. Die Zeit verrinnt unerbittlich. Ich tappe mit dem Fuß unruhig auf den Fliesen, während sie wie ein Derwisch durch die Zimmer fegt und ihr Portemonnaie nicht findet. Ich überlege, ob ich ihr helfen soll. Es würde nicht helfen, ich würde ihr höchstens in die Quere kommen und im schlimmsten Fall am Ende vielleicht sogar daran Schuld sein, dass das Portemonnaie weg ist. Wann sie es zuletzt gesehen hat, frage ich etwas kleinlaut. Vorhin. Eben gerade. Also vor einiger, eigentlich sogar ziemlich kurzer, keinesfalls aber sehr langer Zeit. Ich schaue nervös auf mein Handy. Noch fünfunddreißig Minuten. Sie rennt mit dem Portemonnaie in der Hand an mir vorbei aus der Haustür und ich hinterher.

Schnellen Schrittes zur Bushaltestelle. Es sind nur vier Stationen, doch der Bus fährt schon ab, bevor wir die Kreuzung erreichen. Der nächste kommt in sieben Minuten. Dann sind es noch zwanzig Minuten bis zum Anstoß. Zehn Minuten Fußweg kommen auch noch dazu. Den Osterdeich entlang, vorbei an den wartenden Bussen auf der Straße, dann vorbei an den anderen wartenden Bussen auf dem Parkplatz. Mit etwas Glück kommen wir vor Anpfiff durch die Kontrolle und haben noch eine Minute um uns einen Platz zu suchen. Ich schaue auf die Uhr, als wir die Treppen zur Ostkurve hochgehen. Noch drei Minuten. Genügend Zeit um schnell auf die Toilette zu gehen. Jetzt, wo alles leer ist und meine Blase voll. Ich schaffe das, sage ich mir und ihr und verschwinde auf dem Männerklo. Eine Minute später komme ich wieder heraus und sie ist weg.

Suchen. Rufen. Aufs Handy schauen. Ist sie schon voraus gegangen? Und wenn ja wohin? Abwechselnd schaue ich auf die Uhr und versuche sie anzurufen. Es baut sich keine Verbindung auf. Wie immer im Weserstadion. Das einzige, was hier Netz hat, sind die Tore. Und nun? Ich finde sie nicht. Ich laufe nervös zum ganzen linken Tribüneneingang. Beim letzten Mal standen wir dort. Gefühlt sind 10 Minuten vergangen, doch meine Uhr zeigt genau Acht. Die Mannschaften kommen aufs Feld und ich stolpere vorbei an Ordnern und anderen wartenden Fans nach unten. Ich sehe sie nicht. Hätte sie nicht eine Minute auf mich warten können? Ich zwänge mich in eine der Reihen, bis es nicht mehr weitergeht. Hinter mir ein grimmiger älterer Mann, der die Arme verschränkt hält. Von ihr keine Spur. Anpfiff.

Dem Spiel fehlt die Tiefe. Von meinem Platz aus. Es hat nur eineinhalb Dimensionen: Horizontal und hoher Ball. Vertikal lässt sich spätestens ab der Mittellinie keine Entfernung mehr einschätzen. Wann immer ein Werderspieler in der gegnerischen Hälfte in zentraler Position an den Ball kommt, fordert die Menge den Torschuss. Naldo auf der Sechs, Boenisch als Rechtsverteidiger. Die jungen Wilden auf der Bank. Es hupt. Eine SMS: Wo bist du? Ich? Ich bin hier. Wo bist DU? Bin am Eingang. Werder macht Tempo, versucht es jedenfalls. Mit dieser ewigen Raute mit dem ewigen Kurzpassspiel und den ewigen schnellen Ballverlusten, weil schon ewig die Ruhe im Aufbau fehlt. Nimm den Ball doch an. Den Fritz, den kannst du doch in der Pfeife rauchen. Was macht ihr da für eine Scheiße? Arrango, du bist hässlich! Sprüche, wie am Alt-Herren-Stammtisch. Das ist Fußball. Auch.

Es hupt wieder: Rechter Gang, 8. Reihe. Rechte Reihe? Warum bist du da? Und warum steht der Herrmann da? So frei! Aber er vergibt. Glück gehabt. Überhaupt diese Gladbacher. Haben die bessere Raumaufteilung und die bessere Spielanlage. Der Favre, das wäre doch einer für uns! Da weiß jeder was er zu tun hat, in jeder Situation. Bei Werder weiß Rosenberg, dass Pizarro den Ball durch Dante hindurch passt und sprintet hinterher. Läuft immer weiter. Schieß doch endlich! Läuft immer noch. Dann ein Schuss, dessen Flugbahn gen Anzeigetafel zu verlaufen scheint. Wieder so eine Chance vertan. Plötzlich und unerwartet senkt sich der Ball. Ist er schon hinter dem Tor? Das Netz zappelt und Sekundenbruchteile später zappelt auch die Ostkurve. Rosi, du abgekochtes Schlitzohr. Ich hab es immer gewusst, dass du ein Goalgetter bist! Und Gladbach hat hier sowieso noch nie gewonnen. Ich brülle meine Freude heraus und schaue aufs Handy. Meine letzte SMS wurde nicht versendet: Lass uns in der Halbzeit treffen. Ich will das Telefon gerade wegstecken, da hupt es: Sehen uns in der Hz. Gedankenübertragung. Und 1:0. Was kann man mehr erwarten.

DAS WAR KEIN FOUL! Lass die rote Karte gefälligst stecken! Er lässt nicht. Boenisch muss duschen gehen und Werder ist nur noch zu Zehnt. Wolfgang Rolff kommt an der Kurve vorbeigelaufen und holt Ignjovski zur Trainerbank. Iggy zieht die Trainingsklamotten aus und macht sich bereit für seinen Einsatz. Dann trabt er plötzlich wieder hinterm Tor mit den anderen Auswechselspielern. Einmal nicht hingeschaut und schon alles verpasst. So wie Werders Spieler. Gladbach passt sich so schnell durchs gelichtete Bremer Mittelfeld, dass einem Angst und Bange wird. Warum sieht das so einfach aus? Ist es vielleicht einfach so einfach? Und wer spielt da im rechten Mittelfeld? Niemand. Nun gut, wird schon seine Gründe haben. Oder auch nicht. Es geht jedenfalls gut bis zur Halbzeit. Irgendwie. Ein Pfiff. Viele Pfiffe, als das Schiedsrichtergespann in den Tunnel geht. Ich zwänge mich wieder zurück durch die Reihe zum Aufgang, die Treppen hoch, durch den Innenbereich, vorbei an wartenden Toilette-Müssern und Bier-Gernhättern, auf der anderen Seite wieder nach draußen, wo ist denn Reihe 8? Zu ihr. Wir fallen uns um den Hals. 1:0.

Wo sie denn auf einmal war? Na, am Eingang, das hatte sie mir doch geschrieben, als ich auf der Toilette war. Nein. Oh Gott, ist die Nachricht etwa nicht angekommen? Das Funkloch, größer als jenes im rechten Mittelfeld. Sie entschuldigt sich mit einem langen Kuss. Auch mein schlechtes Gewissen, dass ich sie nicht weiter gesucht habe, redet sie mir aus. Werder geht immer vor. Ich mag ihr nicht ganz zustimmen, bin aber dennoch erleichtert.

Es geht weiter und es sieht gar nicht mal so schlecht aus. Die Löcher werden weniger, Gladbach wirkt nicht mehr ganz so übermächtig. Auf geht’s Werder, kämpfen und siegen! Die zehn verbliebenen Bremer wetzen hinter jedem Ball her und das Stadion geht begeistert mit. Dann gibt es einen Einwurf für Werder auf der linken Seite. Schmitz wirft. An den Kopf eines Gladbachers, der zehn Meter vor ihm steht. Was machst du denn da für einen Mist, denke ich und zähle in Gedanken schon die Sekunden bis zum Gegentor. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Die Pässe zerschneiden die Bremer Abwehr wie Butter, auf der Seite des Spielfelds, auf der es nur die Horizonale gibt. Siebenundzwanzig. Zack, zack, zack. Dann Hanke. 1:1.

Die folgenden Minuten vergehen wie im Zeitraffer. Oder wie in Zeitlupe? Nicht mal da bin ich mir sicher. Wie in Watte gepackt fühlt sich mein Kopf im weiteren Verlauf des Spiels an. Weh tut es schon lange nicht mehr. Ist Gladbach gerade besser? Fangen wir uns wieder? Vergehen zwischen dem Ausgleich und dem Gladbacher Führungstor fünf, zehn oder fünfundzwanzig Minuten? Ich weiß es nicht. Selbst die Euphorie bei den Bremer Gegenstößen erlebe ich wie hinter einer Milchglasscheibe. Regnet es? Oder ist es ein schöner Frühlingstag? Ist Werder gerade torgefährlich? Die Reaktionen der umstehenden Fans deuten darauf hin. Neben mir hippelt sie unruhig hin und her. Meine Hände klatschen rhythmisch, während mein Kopf unwillkürliche Ellipsen dreht. Oder bewegt er sich gar nicht? Ich weiß nicht, ob ich nichts weiß. Dann bläst Hanke die Watte weg. 1:2.

Das Spiel fühlt sich jetzt wieder schrecklich real an. Ich greife nach ihrer Hand und halte sie fest. Das war es dann wohl. Das muss es sein. Die Gladbacher Überlegenheit scheint plötzlich wieder unerträglich deutlich und unabänderlich. Die Luft wird bald raus sein und wenn wir Pech haben, wird es noch ein richtig schmerzhaftes Ergebnis. Wie lange ist noch zu spielen? Zu lange. Nicht lange genug. Werder wehrt sich weiterhin. Gibt nicht auf. Iggy kommt für Marin. Warum erst jetzt? Nicht so viel fragen. Hoffen. Glauben! Ich verbiete mir bis zum Schlusspfiff jede weitere Frage und jeden Versuch, etwas zu analysieren. Einfach alles aufsaugen, pure Emotion. Freistoß Junuzovic. Er zeigt mit Zeige- und Mittelfinger eine Zwei an. Vielleicht auch eine römische Fünf oder ein Victory-Zeichen. Sokratis am langen Pfosten klopft sich auf die Brust. Der Ball kommt mit Schnitt und Tempo in den Strafraum geflogen. Sokratis nimmt Anlauf, springt und wuchtet den Ball in die Maschen. Während mein Gehirn ein griechisches Heldenepos spinnt, feiert das Stadion Naldo als Torschützen. Aber trotzdem. Dieser Wille. Diese pure Entschlossenheit. Hätte Naldo nicht im Weg gestanden, hätte Sokratis den Ball durchs Tornetz gejagt. Da bin ich mir sicher. Ausgleich, da bin ich mir auch sicher. 2:2.

Nicht so sicher bin ich mir, wie wir die Schlussphase überstehen. Gladbach trifft die Latte, Pizarro das Gladbacher Bein und der Schiedsrichter die Entscheidung, dass eine knappe Minute Nachspielzeit reicht. Unterm Strich steht ein Punkt. Überm Strich stehen wir. In der Tabelle. Dem Strich, der die internationalen Plätze vom Mittelfeld trennt. Noch. Das Publikum goutiert die Aufführung in der Bremer Fußballoper mit stehenden Ovationen. Das Ensemble applaudiert brav zurück und irgendwie scheinen alle ein bisschen zufrieden zu sein. Auch ich. Auch sie. Wir gehen Hand in Hand hinaus in die Nacht.

Morgen werde ich merken, dass dieses Spiel kein Fortschritt war. Werde mich fragen, wie Gladbach uns innerhalb so kurzer Zeit nicht nur taktisch sondern auch spielerisch überholen und abhängen konnte. Werde mir die gleichen Sorgen um Werder machen, wie in den letzten Wochen und Monaten. Werde einen Verriss schreiben, über das Stück, das im Weserstadion aufgeführt wurde.

Aber heute, heute lasse ich die Musik in meinem Kopf verklingen und bilde mir ein, sie wäre schön gewesen.

Krise oder Spitzengruppe?

Ich habe das Spiel gegen Gladbach nur in der Konferenz gesehen, was gleichbedeutend damit ist, es nicht gesehen zu haben. (Die Faszination der Konferenzschaltung erschließt sich mir einfach nicht. Man bekommt von keinem Spiel einen wirklichen Eindruck und der bei entsprechendem Spielverlauf entstehenden Tororgie kann ich auch nicht viel abgewinnen. Für mich ist diese Art Fußball zu schauen eine Qual.)

Die Lehren aus dem Gladbachspiel

Was bei der Torentstehung auffiel, war die Leichtigkeit, mit der sich die Gladbacher Offensivspieler durch Werders Abwehrreihen spielen konnten. Es wäre sicherlich falsch, das nur auf die systemische Anfälligkeit bei Kontern über die Außen zu reduzieren. Laufbereitschaft und Zweikampfstärke waren ebenfalls nicht vorhanden und so bekamen wir zum ersten Mal in dieser Saison zu Gesicht, wie Werders Spiele derzeit enden, wenn nicht durch eine kämpferische Überlegenheit eine spieltaktische Unterlegenheit ausgebügelt werden kann. Gegen Gladbach gelang es zum ersten Mal in dieser Saison nicht ansatzweise, die frühen Versäumnisse im Laufe des Spiels zu beheben. Unterm Strich bleibt die mit Abstand höchste Saisonniederlage.

Die relative Laufschwäche Werders mag teilweise mit dem frühen, hoffnungslos hohen Rückstand zu tun haben – sie ist aber auch Beweis dafür, dass nicht 34 Spiele lang mit einer solch hohen Intensität gespielt werden kann. Erst recht nicht dann, wenn beim geringsten Nachlassen die Nackenschläge nicht lange auf sich warten lassen. Gladbachs beeindruckende Stärke sollte dabei aber nicht unter den Tisch fallen. In dieser Form sind sie ein klarer Kandidat für die Champions-League-Plätze, die für Werder nun wieder in weiter Ferne erscheinen.

Gegen Stuttgart: Krise abwenden

Man ist im Angesicht einer solch derben Klatsche immer versucht, laut nach Konsequenzen zu rufen. Doch wie könnten solche Konsequenzen derzeit überhaupt aussehen? Auf der Zielgerade der Hinrunde das System zu verändern halte ich – gerade im Hinblick auf das taktische Chaos der letzten Hinrunde – für falsch. Personelle Änderungen wären ebenfalls schwierig umzusetzen. Es gab in den letzten Wochen ohnehin genügend Wackelkandidaten: Ekici oder Marin auf der 10? Bargfrede oder Ignjovski auf der 6? Wolf oder Prödl in der Innenverteidigung? Das Gerüst der Mannschaft ist auch ohne weitere Eingriffe fragil genug – zumal Sokratis‘ Rotsperre und der wahrscheinliche Ausfall Pizarros  weitere Baustellen für Thomas Schaaf eröffnen.

So bleibt in erster Linie die (zugegeben naive) Hoffnung, dass Werders Selbstbewusstsein durch das 0:5 keinen zu großen Schaden genommen hat. Gegen Stuttgart wird es ein langer Weg, um sich die Sicherheit im Spiel wieder anzueignen, mit der man bspw. die Überzahl gegen Köln ausspielte. Im spielerischen Bereich bleiben dem Trainer nur die kleinen Stellschrauben, mit denen er gegen die Probleme im Defensivverhalten und im Spielaufbau vorgehen kann. Während ich in den letzten Wochen immer die (vergebliche) Hoffnung hatte, hier eine sukzessive Verbesserung sehen zu können, wäre ich gegen Stuttgart schon froh, wenn man einigermaßen solide gegen den Ball agierte und ein erneutes Debakel abwenden könnte. Ein Champions-League-Kandidat hätte andere Sorgen.

Weichenstellung in der Winterpause

Im Winter bleiben Thomas Schaaf und seinem Team ein paar Wochen Zeit, um die Weichen für die Zukunft neu zu justieren. Die Dringlichkeit, mit der dann Änderungen von Nöten sein werden, wird auch von den verbleibenden Spielen der Hinrunde abhängen. Die Saison hat gezeigt, dass Schaafs System in der Bundesliga zunehmend schwieriger umzusetzen ist. Das liegt nach meinem Dafürhalten weniger an der Raute an sich, als an dem Anspruch, mit dieser Formation das Spiel aktiv bestimmen zu wollen. Der läuferische Aufwand wurde in dieser Saison erhöht und die Außenbahnen durch Neuverpflichtungen stabilisiert. Zu Saisonbeginn waren sehr vielversprechende Automatismen zu erkennen, gerade auch was das Spiel in den gegnerischen Strafraum angeht. Hätte man diese im Laufe der Saison weiter verfeinern können, wäre die Abhängigkeit von Claudio Pizarro weitaus geringer. Stattdessen verlagerten sich Werders Probleme immer mehr ins Mittelfeld, dem es trotz des hohen Aufwands immer weniger gelang, ein spielerisches Übergewicht zu entwickeln. Pizarros tiefe Rolle ist denn auch weniger als „falsche Neun“, denn als Aushilfszehner zu bezeichnen.

Thomas Schaaf muss sich entscheiden, ob er einen erneuten Versuch unternimmt, seiner Mannschaft das in der Bundesliga bevorzugte 4-2-3-1 beizubringen, oder ob er den Versuch fortsetzt, sein bevorzugtes System den Gegebenheiten anzupassen. Ich halte eine Abkehr von der Raute und einen Wechsel zu einem System mit Doppelsechs und nur einer Spitze keineswegs für unausweichlich und sehe das 4-2-3-1 auch nicht unbedingt als überlegenes Spielsystem. Außerhalb der Bundesliga gibt es mehrere Gegenbeispiele. Gerade in puncto Pressing und Flügelspiel wird Thomas Schaaf jedoch nicht umher kommen, sich etwas neues einfallen zu lassen (dazu demnächst mehr an dieser Stelle).

Bestraft

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 1:1

Durch Unaufmerksamkeiten und schlechte Chancenverwertung hat Werder in den letzten zehn Minuten einen schon sicher geglaubten Sieg gegen Gladbach noch aus der Hand gegeben. Dantes Ausgleich in der Nachspielzeit war zugleich gerechte Strafe für die Bremer Überheblichkeit und ein weiterer Beweis für die Unberechenbarkeit des Fußballs.

Starke erste Hälfte, zu geringer Ertrag

Werder erwischte einen guten Start, kam zu klaren Torchancen durch Wagner, Bargfrede und Borowski. Gladbach stand wie erwartet tief und kam lediglich durch hohe lange Bälle in die Nähe des Bremer Strafraums, wo Idrissou meist auf verlorenem Posten stand. Werder zeigte sich kombinationsstärker als in den letzten Wochen. Der Ball lief gut durchs Mittelfeld, Wagner gewinnt langsam an Ballsicherheit dazu und Pizarros großer Aktionsradius machte den Gästen sichtlich zu schaffen. Es dauerte dennoch bis zur 39. Minute bis Werders Überlegenheit belohnt wurde. Sandro Wagner traf zum zweiten Mal in Folge und das durchaus sehenswert. Pizarros Flanke erwischte er mit dem Kopf und nickte den Ball präzise neben den Pfosten. Der ansonsten starke Bailly im Gladbacher Tor war chancenlos.

Kurz vor der Pause knallte Borowskis Schuss an die Unterkante der Latte und von dort knapp vor die Torlinie, so dass es mit einer hochverdienten, aber zu geringen Führung für Werder in die Kabine ging. Gladbach hatte bis dahin keine einzige Torchance. Die beste Gelegenheit machte man sich selbst zunichte, als man einen ambitionierten Freistoßtrick versuchte, statt den Ball aus etwa 20 Metern direkt auf Tim Wieses Tor zu bringen.

Werders Wechsel kippen das Spiel

Werders Mittelfeldraute läuft so langsam wieder zu guter Form auf. Hier machte es sich bezahlt, dass Schaaf an seinem bewährten Personal festhielt. Borowski und Bargfrede können das Spiel von den Halbpositionen schnell machen und auch selbst mit in die Spitze aufrücken. Trinks ist noch kein echter Spielmacher, aber er erfüllt seine taktischen Aufgaben exzellent. Bei Ballbesitz Werder ließ er sich häufig ein Stück zurückfallen, um Lücken in Gladbachs Dreiermittelfeld zu reißen, in die Borowski und Bargfrede dann vorstoßen konnten. In der zweiten Halbzeit schaltete Werder jedoch früh in den Verwaltungsmodus und drängte nicht mehr konsequent auf das zweite Tor. Thomas Schaaf reagierte, indem er Marin und Arnautovic für Trinks und Wagner brachte.

Dieser Doppelwechsel veränderte Werders Spielweise deutlich. Über die beiden Neuen liefen einige gefährliche Konter, mit denen Werder das Spiel hätte entscheiden können. Erst lenkte Bailly einen guten Schuss von Marin von der Strafraumgrenze noch übers Tor, dann scheiterte Arnautovic frei vor dem Gladbacher Torwart am Außenpofsten. Der Spielfluss im Mittelfeld ging ab der 60. Minute jedoch weitgehend verloren, was auch an Marins wenig diszipliniertem Positionsspiel lag. Gladbach erhöhte langsam aber sicher den Druck, ohne jedoch zu echten Torchancen zu kommen. Erst in den letzten zehn Minuten des Spiels wurde es für Werder wirklich gefährlich. Die Ballsicherheit war weg, dem Mittelfeld fehlte die taktische Disziplin (Wesley wirkte nach seiner Verletzung noch nicht wieder auf der Höhe) und Gladbach zeigte endlich den Mut der Verzweiflung, der dem Team 80 Minuten lang gefehlt hatte. Hermann, Reus und Stranzl scheiterten noch an Wiese und ihren Nerven, doch nachdem Wesley erst den Ball vertändelte und sich dann nur mit einem Foul behelfen konnte, nutzte der Tabellenletzte die letzte Chance der Partie und traf noch zum nicht wirklich verdienten, aber aufgrund der Schlussphase folgerichtigen Ausgleich.

Trotz kalter Dusche: Positive Entwicklung überwiegt

Beschweren können sich die Bremer nach dem ärgerlichen Punktverlust nicht. Die Chancenverwertung war mangelhaft und das nachlassende Bemühen um Spielkontrolle trug dazu bei, den Gegner in der Schlussphase doch noch ins Spiel finden zu lassen. Nachdem man zuletzt einige Male selbst in den letzten Minuten noch getroffen und sich wichtige Punkte gesichert hatte, ist es diesmal andersherum gelaufen. Fast so, als wollte dieses Spiel alle Klischees noch einmal bestätigen.

Den großen Befreiungsschlag hat Werder trotz des Sprungs auf Platz 12 erst einmal verpasst. Nächste Woche geht es gegen den 1. FC Nürnberg, das Team der Stunde. Vor ein paar Wochen wären wir dort noch chancenlos gewesen, doch die neue Stabilität im Mittelfeld macht Hoffnung, dass auch in Nürnberg etwas drin ist. Einen Grund etwas an der Startaufstellung zu verändern gibt es nach dem Spiel gestern nicht. Werder und Schaaf scheinen endlich eine Grundformation für das letzte Saisondrittel gefunden zu haben. Allein das ist schon viel wert.

Lebenszeichen

Da ich seit nunmehr zehn Tagen mein Wohnzimmer renoviere (morgen dürfte es dann fertig werden), war es in der letzten Zeit sehr ruhig hier. Von Werders Spiel in Freiburg habe ich bis auf ein paar Höhepunkte noch immer nichts gesehen und konnte so auch nicht viel sinnvolles dazu schreiben. In der aktuellen Situation wird jedes Positivereignis gerne mitgenommen, auch der traditionelle Sieg in Freiburg. Für mich war dies das letzte Spiel in dieser Saison, in dem man nicht unbedingt punkten musste. Sieben der bisherigen acht Spiele der Rückrunde waren gegen Mannschaften der oberen Tabellenhälfte. Köln ist mit seiner neuen Heimstärke auf bestem Wege aus der Abstiegsgefahr.

Nun geht es noch gegen sieben direkte Konkurrenten um den Klassenerhalt, darunter auch alle vier Teams, die derzeit hinter Werder stehen. Gegen Gladbach hat man zum ersten Mal die Möglichkeit, sich im direkten Duell ein Stück weit abzusetzen. Gleiches gilt auch für die kommenden Heimspiele gegen Stuttgart, Schalke und Wolfsburg sowie die Auswärtsspiele in Frankfurt und St. Pauli. Wenn man den leichten Aufwärtstrend bestätigen kann, können die Punktgewinne gegen Leverkusen, Hannover und Mainz noch Gold wert sein und Werder muss doch nicht bis zum letzten Spiel in Kaiserslautern zittern.

Doch nun geht’s erst mal gegen den Tabellenletzten Gladbach. Auf Einladung von ZEIT ONLINE darf ich heute mal wieder ins Stadion und meine Gedanken zum Spiel live auf @zeitonlinesport twittern. Falls ihr Lust habt mir dort zu folgen – ich würde mich freuen!

Gladbach mal ganz anders

Bundesliga, 9. Spieltag: Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen 1:4

So gewinnt man also in Gladbach. Ein schönes Gefühl, nach all den Pleiten in den letzten Jahren. Das Ergebnis ist dem Spielverlauf nach ziemlich glücklich, denn Gladbach war über weite Strecken ein ebenbürtiger Gegner. Dennoch bleibt unterm Strich ein Spiel, aus dem man viele positive Dinge mitnehmen kann. Am Dienstag wird man eine weitere Leistungssteigerung brauchen, da sollte man sich von Bayerns Ergebnissen nicht täuschen lassen.

Mehr Struktur, weniger Kontrolle

Was am Mittwoch gegen Twente mit Wesley auf der linken Seite funktionierte, funktioniert gestern auch mit Marin. Werder unterließ die ständigen Rotationen und hatte in Hunt und Marin zwei Flügelspieler, die zwar gerne mal in die Mitte zogen, insgesamt jedoch diszipliniert ihre Position hielten. Das flache Vierermittelfeld scheint vorerst Schaafs Antwort auf die Frage nach dem zentralen Spielmacher zu sein. Auch wenn ich Hunt nach wie vor für fähig halte, diese Position auszufüllen, erweist es sich momentan als praktikable Lösung.

Im Vergleich zum doch recht dürftigen Sieg gegen Freiburg überzeugte Werders Ordnung auf dem Feld. Dennoch gelang es bis zum 1:4 nicht, das Spiel nachhaltig unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem sich Gladbach in der Anfangsphase damit begnügte, die Passwege der Innenverteidiger auf die zentralen Mittelfeldspieler zuzustellen und uns dabei über die Außen zu Angriffen einlud, wurden sie nach 20 Minuten mutiger und erspielten sich eine Viertelstunde lang fast im Minutentakt Torchancen. Werder machte gar nicht so viel falsch, doch trotzdem hatte man häufig im entscheidenden Moment das Nachsehen und konnte die Gladbacher Torschüsse nicht verhindern. In Mielitz hatte Werder jedoch – wie schon gegen Twente – einen hervorragenden Torhüter, dessen aktuelle Form fast schon etwas unheimlich ist. So gut hat Wiese in dieser Saison bislang selten gehalten.

Pizarro erneut die entscheidende Figur

Erneut war es die Aufteilung im Angriff, die Werder einen Vorteil verschaffte. Pizarro mag durch seine tiefere Position etwas an Torgefahr einbüßen, doch seine spielerische Klasse hilft unserem Mittelfeld momentan entscheidend weiter. Weder am Dienstag noch gestern war er individuell herausragend, aber seine Arbeit fürs Team ist nicht zu unterschätzen. Gladbachs Standard 4-4-2 ermöglichte es Pizarro zudem, etwas häufiger mit in die Spitze zu gehen als gegen Twente (wo er eine Überzahl deren Dreiermittelfelds verhindern musste). Das Tor war am Ende die Belohnung für seinen guten Auftritt.

Wirklich zufrieden kann man aus Bremer Sicht allerdings nur mit dem Ergebnis sein. Die Chancen, die man den Gastgebern über weite Strecken des Spiels gewährte, führen im Normalfall zu mehr als nur einem Gegentor. Über ein Unentschieden hätte man sich bei etwas anderem Spielverlauf ehrlich gesagt auch nicht beschweren können. Am Ende war Gladbach jedoch nicht mehr in der Lage, trotz bitterem Rückstands weiterhin den Druck das Tempo aufrecht zu erhalten. Das 3:0 erwies sich als Knackpunkt des Spiels, nachdem wenige Sekunden zuvor Gladbach die größte Chance des Spiels ausgelassen hatte.

Fehlersuche vor der Pokalrevanche

Das Spiel gegen Freiburg mag viele falsche Signale gesendet haben, doch das Team scheint begriffen zu haben, dass die Leistung keinesfalls in Ordnung war und hat weiter an sich gearbeitet. Auch Thomas Schaaf wirkt nun wieder glücklicher in seinen Entscheidungen, auch wenn der Verzicht auf einen Spielmacher sicher ein leichtes Magengrummeln bei ihm verursacht. Nun muss man weiter an den richtigen Stellschrauben drehen, um die Fehler aus dem Gladbachspiel abzustellen. Immerhin sind es nun nicht mehr die grundlegenden Dinge, die bei Werder nicht stimmen. Feinjustierung ist angesagt. Das Spiel am Dienstag gegen die Bayern wird zeigen, wie weit Werder damit schon ist.

Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen (live)

3 Fragen zu Borussia Mönchengladbach

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Vor dem 9. Spieltag hat mir Jannik, der in seinem Blog Entscheidend is auf’m Platz über Borussia Mönchengladbach schreibt, drei Fragen zu seinem Lieblingsverein beantwortet:

Auswärtsspiele in Gladbach sind für Werder seit Jahren ein rotes Tuch. Sind wir nach dem enttäuschenden Saisonstart der richtige Aufbaugegner für euch?

Mit den extrem guten Erinnerungen an Werder im Hinterkopf und eurer ja auch nicht rosigen Situation vor Augen kann man da durchaus optimistisch sein. Nur da liegt auch schon das Problem: Wann immer man als Borusse denkt, der nächste Gegner sei jetzt aber wirklich der für den Durchbruch, dann geht’s erst Recht schief. Also bleibt die Hoffnung, dass sich die gute Heimbilanz gegen Werder am Ende im Ergebnis bemerkbar macht. Denn es wird langsam Zeit für uns.

Werder und Gladbach haben die meisten Gegentore der Liga kassiert. Glaubst du, dass es ein torreiches Spiel wird? Oder ist Werders Offensive gar nicht mehr so bedrohlich, dass Raul Bobadilla einen Hattrick machen muss (für die meisten Werderfans ein realistisches Szenario), um euch die drei Punkte zu holen?

Egal wie bedrohlich eure Offensive auch ist – unsere Abwehr wird’s im Zweifelsfall schon selber richten. Deshalb halte ich zwischen einem 6:3 und einem 0:7 alles für möglich, nur kein 0:0. Beide müssen punkten und beide werden sicherlich betont selbstbewusst auftreten. Wohl auch, um die Verunsicherung zu kaschieren. Vielleicht wird’s wie in den 80ern im Pokal: Wir gewinnen 5:4, nur diesmal ohne Verlängerung. Wobei mir so ein schmutziges 1:0 auch mal richtig lieb wäre.

Wer ist eigentlich besser, Reus oder Marin?

Momentan ist die Frage ja eher, wer weniger schlecht drauf ist. Beide haben großartige Anlagen, beide werden oft verglichen, für mich zu Unrecht. Reus ist zehn bis zwölf Zentimeter größer, hat in ungefähr halb so vielen Bundesligaspielen wie Marin gleich viele Tore erzielt. Die beiden sind einfach unterschiedliche Typen, die, bezogen, auf ihre Gladbacher Zeit, nur Vorname, Frisur und Rückennummer verbindet. Obwohl er sein erstes Bundesligator nach einem 40-Meter-Solo erzielt hat, ist Reus nicht der Dribbler wie Marin. Dafür legt Marin eben mehr Treffer auf. Fest steht: Marin war damals ein absoluter Schlüsselspieler bei uns. Für Reus dürfte das auch bald gelten. Aber wer jetzt besser ist – das lässt sich objektiv nicht sagen. Ich hätte als Trainer beide gern in meiner Mannschaft.

Dein Tipp?

Wir gewinnen knapp. Ich sag’ mal 3:2.

20. Spieltag: Never change a losing team

Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen 4:3

Vorab: Ich habe keine einzige Sekunde des Spiels gesehen. Statt Fußball stand für mich Go-Kart-Fahren auf dem Programm (ja, richtig gelesen). Dabei sprang immerhin ein zweiter Platz heraus. Für Werder ist dieser inzwischen in so weite Ferne gerückt, dass es nicht einmal mehr ein Wunschtraum ist, vielleicht doch noch den Anschluss an die Spitzenplätze wiederherzustellen. Dabei ist es ganze 5 (in Worten: fünf) Spieltage her, dass man noch von der Meisterschaft sprechen durfte. Eine konstant spielende Spitzenmannschaft präsentierte sich da im Bremer Weserstadion Woche für Woche. Welch eine Illusion, denn eine Spitzenmannschaft verliert keine fünf Spiele in Folge. 15 Punkte hat man seitdem auf Bayern München und Bayer Leverkusen verloren, 13 auf Schalke, 12 auf Dortmund. Wie kann es zu einer solchen Entwicklung kommen? Ein scheinbar übergangsloser Umbruch vom Meisterschaftskandidaten zur grauen Maus im Winter.

So ganz übergangslos war er dann doch nicht. Einige glückliche Unentschieden waren im Herbst schon dabei, die Werder die schöne Serie retteten. Das ist das Gute an Unentschieden: Sie retten Serien, positive wie Negative. Die Punkteteilungen gegen Wolfsburg und Köln sind nun eben Teil einer sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg in der Bundesliga. Die Interpretation dieser Spiele hat sich ebenfalls geändert: Nun sind sie nicht mehr Ausdruck des Selbstbewusstseins und der Stärke, auch aus Gurkenspielen zumindest einen Punkt mitzunehmen, sondern Vorboten der “Krise”*, die Werder nun Fest im Griff hat. Im Moment wäre man ja schon froh, wenn wenigstens wieder einmal ein Unentschieden herausspringen würde für die Grün-Weißen. Das Schema, nach dem Werders Niederlagen zustande kommen, ist dem langjährigen Fan nur allzu bekannt. Es sind immer die gleichen Dinge, die schief laufen und Werder auf die Verliererstraße bringen: Eine hoch aufgerückte Viererkette, die das Spielfeld möglichst klein halten und so dem Gegner den Platz rauben soll, wird überrumpelt mit langen Pässen auf die Außenbahnen. An diesem Punkt ist es meist schon zu spät. Die Außenverteidiger kommen nicht mehr hinterher, egal wie schnell sie sind (in Abdennour hat man in den Krawallmedien ja schon einen neuen Sündenbock gefunden) und in der Mitte wird die läuferische Schwäche von Naldo und Mertesacker offengelegt. Werder sieht in diesen Situationen aus, wie eine Schülermannschaft!

Es ist der Makel der Ära Schaaf, dass Werder unter seiner Regie diese Schwachstelle nie endgültig abstellen konnte. Man kann sich deshalb ein gutes Bild von Werders Spiel in Gladbach machen, auch ohne die Partie gesehen zu haben. Das Problem liegt im Mittelfeld: Die langen Bälle der Gladbacher müssen verhindert werden. Hier müssen die Gegenspieler aggressiv unter Druck gesetzt werden, damit sie nicht genügend Zeit haben, diese langen Bälle präzise zu spielen. Wenn Werder nicht schleunigst den Weg zurück zu den Grundlagen des Fußballs findet (laufen, Zweikämpfe suchen), ist in dieser Saison kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Gerade mit diesem System wird man dann wieder so viele Gegentore fangen, dass selbst unsere nach wie vor hochklassige Offensive das nicht ausbügeln kann. Es ist so ärgerlich, weil wir im Herbst tatsächlich geglaubt haben, die Mannschaft hätte diese Lektion nun nicht nur gelernt, sondern wirklich verstanden.

Vielleicht wird es Zeit für einen Paradigmenwechsel, den manche frustrierte Werderfans schon seit Jahren fordern. Ein Sturmduo Pizarro – Almeida ist immer für ein Tor gut. Ein Mittelfeld mit Özil, Hunt und/oder Marin ebenfalls. Warum nicht mit zwei echten Stürmern agieren, Frings einen defensiven Partner (den er mit dem leider verletzten Bargfrede lange hatte) zur Seite stellen (warum nicht Niemeyer, wenn Borowski sich zu schade dafür ist?) und dann etwas tiefer stehen? Schaafs Sturheit in dieser Angelegenheit hat sich in der Vergangenheit häufig ausgezahlt. Ich hoffe für ihn und für Werder, dass es das auch diesmal tut und sich der Verein nicht von den Kettenhunden der Bildzeitung beeinflussen lässt. Wir sind immer noch Werder Bremen und wir kommen da auch wieder raus!

Noch ein paar Gedanken zu den Wechseln dieser Transferperiode: Tosic, Moreno und Vranjes verlassen den Verein, Kevin Schindler wird erneut ausgeliehen und Ex-Bayer Sandro Wagner kommt vom MSV Dusiburg. Ich weiß nicht so ganz, was ich von letzterem halten soll, aber es ist sicher gut, sich von den Tribünengästen zu trennen. Im Fall von Juri Vranjes ist schon ein bisschen Wehmut dabei, er hat für Werder einiges geleistet, was von den Fans nur selten gewürdigt wurde (von der Ostkurve abgesehen). Deshalb: Danke Juri, für 4 1/2 Jahre bei Werder! Was aber das Nachtreten gegen Werder angeht, bin ich schon ziemlich enttäuscht. Juri, ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem neuen Arbeitgeber in der von dir so geliebten türkischen Liga, aber nun halt bitte einfach die Klappe und beweise wenigstens ein bisschen der Größe, die du Thomas Schaaf absprichst! Ob im Laufe des Tages noch etwas passiert? Ich denke nicht. Allofs wird dafür Prügel in den Fanforen beziehen, aber glaubt denn jemand ernsthaft, dass er auf Transfers verzichten würde, wenn das Geld da wäre? Es sieht um Werders Finanzen nicht so gut aus, wie viele glauben mögen – mehr sage ich zu dem Thema nicht…

* Wir gehen viel zu leichtfertig mit diesem Wort um. Wir haben eine Krise, weil elf junge Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen, ihren Beruf nicht ganz so gut ausüben, wie elf andere Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen? Da haben die Haitianer ja noch mal Glück gehabt!