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Nur noch Formsache?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein. Fußballdeutschland* überschreitet ihn allerdings traditionell gerne und ohne zu zögern. So lautet die wichtigste Frage vor dem Finale nicht etwa, wie man Argentinien schlagen kann, sondern ob Deutschland dort nur als großer oder doch als haushoher Favorit ins Spiel geht.

7:1 gegen den Gastgeber – eine Einordnung

Man kann das Ergebnis des ersten Halbfinals auf unterschiedliche Weise bewerten. Aus historischer Sicht gehören das Spiel und vor allem das Ergebnis jetzt schon zu den bedeutsamsten Spielen der WM-Geschichte. Höchster Halbfinalsieg, höchste WM-Niederlage Brasiliens, höchste Niederlage eines WM-Gastgebers, Kloses 16. WM-Tor usw. usf.

Aus taktischer Sicht war das Spiel ebenfalls interessant, weil es eines der wenigen Spiele im Turnier war, in denen sich das eine Team kein bisschen auf das andere eingestellt zu haben schien, das andere jedoch hervorragend auf das eine. Brasilien machte nahezu alles falsch in diesem Spiel und es ist schwer begreiflich, wie unglaublich amateurhaft sich Brasilien in der ersten Halbzeit anstellte. Marcelo, Dante, David Luiz und Maicon haben in den letzten vier Jahren alle die Champions League gewonnen und wurden vorgeführt, wie B-Jugendspieler, die zum ersten Mal beim Erwachsenenfußball reinschnuppern durften. Die linke Abwehrseite war offen wie ein Scheunentor, das defensive Mittelfeld nicht präsent, Fred war die falscheste aller Lösungen im Angriff gegen Deutschlands hohe Abwehrlinie. Auch diese Liste lässt sich lange fortführen.

Wie kann so etwas in einem WM-Halbfinale passieren? Wenn eine Mannschaft taktisch so viel falsch macht, ist es unwahrscheinlich, dass die Taktik das Problem ist. Sie dürfte viel mehr Symptom einer rein auf den psychologischen Aspekt des Spiels beschränkten Vorbereitung gewesen sein. Der Druck war für Brasilien ohnehin schon groß genug. Wenn das Spiel dann auch noch darauf reduziert wird, für den verletzten Neymar unbedingt gewinnen zu wollen, brennt den Spielern irgendwann die Sicherung durch. Brasilien hat sich vor dem Spiel zu viel mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit dem Gegner. So gerne ich Scolari mag, das war eine richtig schlechte Coaching-Leistung.

Deutschland nutzte die Fehler Brasiliens gnadenlos aus und lieferte insgesamt ein tolles Spiel ab. Doch auch wenn man sich die Finalteilnahme mit insgesamt starken Leistungen verdient hat, ist das unglaubliche Ergebnis mehr den oben genannten Problemen Brasiliens geschuldet als einer deutschen Leistungsexplosion im Halbfinale.

Das langweilige Gegenstück

Im zweiten Halbfinale quälten Argentinien und die Niederlande einander und die Zuschauer zu einem wenig ansehnlichen 0:0 nach 120 Minuten. Ein Spiel für Taktiker, in dem keines der Teams einen Fehler machen wollte. Der Fokus lag einzig und allein darin, dem Gegner seine Stärken zu nehmen, auch wenn dies auf Kosten der eigenen Stärken ging. Ein klassischer Fall von “Angst essen Seele auf”. Wie man mit sehr viel Seele, aber auch mit Pauken und Trompeten aus dem Turnier fliegen kann, bekamen die Teams ja am Vortag schon von Brasilien vorgeführt.

Welche Rückschlüsse lässt dieses Spiel auf das Finale zu? Sehr wenige. Argentinien zeigte sich bei dieser WM als sehr unangenehmer Gegner, der jedoch von vielen unterschätzt wird. Die Gleichung “Argentinien = Messi und sonst nix” geht nicht auf. Auch nicht nach der Verletzung von Di Maria. Javier Mascherano zählt sicherlich zu den besten Sechsern des Turniers und auch Ezequiel Garay ist ein Garant dafür, dass Argentiniens Defensive sattelfest ist. Die Mannschaft spielt keinen aufregenden, aber sehr erfolgsorientierten Fußball. Der Trainer ist dabei äußerst pragmatisch. Bis zum Halbfinale war Argentinien das Team mit dem meisten Ballbesitz. Gegen die Niederlande, die ihre Stärken vor allem im Spiel gegen den Ball haben, verzichtete Argentinien jedoch auf viel Ballbesitz und überließ dem Gegner die Aufgabe, das Spiel über weite Strecken selbst zu machen. Dabei stellten sie sich so weit hinten rein wie Costa Rica in der Schlussphase des Viertelfinals, sondern verteidigten eher passiv im Mittelfeld und machten das Spiel nach der Balleroberung langsam – eher eine Rarität im modernen Fußball.

Defense wins Championships

Zugegeben: Schön ist der argentinische Ansatz bei dieser WM nicht und man muss die Prämisse vom Erfolg, der alle Mittel heiligt, sicherlich nicht teilen. Es lohnt sich aber, das argentinische Spiel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, um zu verstehen, warum dieses Team im Finale steht. Als einzige Mannschaft lag Argentinien im gesamten Turnier noch nicht im Rückstand und hat in der K.O.-Runde in 330 Minuten kein einziges Gegentor kassiert. Auch Deutschland steht bekanntlich nicht nur wegen des 7:1 im Finale, sondern auch, weil es Frankreich am langen Arm verhungern ließ und gegen Algerien trotz mancher Wackler nicht in Rückstand geriet.

Wann ist zuletzt eine Mannschaft mit überwiegend spektakulärem Angriffsfußball Weltmeister geworden? Das ist ein Stück weit natürlich Definitionssache. Die Bedeutung einer sattelfesten Defensive für einen WM-Sieg ist hingegen unbestritten. Spanien hat bei allen drei EM- und WM-Titeln keine Gegentore in der K.O.-Runde kassiert. Italiens einziges Gegentor in der K.O.-Runde 2006 war Zidanes Elfmeter im Finale. Griechenlands drei 1:0-Siege in der K.O-Runde 2004 sind hinlänglich bekannt. Brasilien kassierte 2002 das letzte Gegentor im Achtelfinale. Argentinien verfolgt diesen Ansatz knallhart und nimmt dabei sogar in Kauf, sich der eigenen Offensivstärken zu berauben. Auch, weil man mit Lionel Messi eben einen Spieler hat, der ein solches Spiel auf vielfältige Weise entscheiden kann. Diese Mannschaft wird im Finale sicherlich nicht blind ins Verderben laufen.

Trotz allem glaube ich, dass Deutschland die bessere Mannschaft hat, den besseren (nicht nur schöneren) Fußball spielt und im Finale die besseren Siegchancen besitzt. Die Versetzung Lahms auf den Flügel ab dem Viertelfinale erwies sich als richtig, weil Schweinsteiger als alleiniger Sechser (wer hat sich eigentlich diesen Unsinn ausgedacht, das deutsche System in der K.O.-Runde wieder als 4-2-3-1 darzustellen?) besser spielt, als von mir erwartet. Auch das Festhalten an Khedira in der Startelf hat sich spätestens gegen Brasilien bewährt. Löws bester Zug war allerdings – so leid es mir tut – Boateng statt Mertesacker neben Hummels spielen zu lassen.

In einem einzigen Spiel muss das aber nicht den Unterschied machen. Argentinien hat alle Chancen, das Finale zu einem engen Spiel werden zu lassen, in dem Kleinigkeiten den Unterschied ausmachen. Wenn Mascherano und Biglia das Zentrum dicht halten können und keine individuellen Patzer früh den Matchplan versauen, könnte es ein Spiel werden, das durch eine einzige Aktion entschieden wird. Umso besser, dass Deutschland inzwischen auch bei Standards zu den gefährlichsten Mannschaften gehört.

* Was auch immer das eigentlich genau sein soll. Am ehesten wohl Mainstream-Medien inklusive Experten (via Status, nicht via Fachwissen) und Schland-Patrioten.

WM-Erwartungen

Die Zeit rennt. Und weil so wenig davon übrig bleibt, gibt es an dieser Stelle ein paar komprimierte Erwartungen an die kommende WM – rein fußballerisch:

Es wird viel über das Klima gesprochen. Die einen halten es für einen der wichtigsten Aspekte bei diesem Turnier, andere meinen, dass es keine große Rolle spielen wird. Ich halte es da mit Joachim Löw: Europäische Mannschaften, die ihr Spiel nicht den klimatischen Bedingungen anpassen, werden in der K.O.-Runde gnadenlos untergehen. 30 Grad im Norden Brasiliens sind nicht vergleichbar mit ähnlichen Temperaturen in Europa. Es hat Gründe, warum der brasilianische Fußball deutlich langsamer ist, als der europäische. Das Motto dieser WM könnte daher eine Zeile der Band “The Horrors” werden: “The moment that you want is coming if you give it time.” Nur wer sich die Kräfte gut einteilt, wird auch die zweite Turnierhälfte erfolgreich spielen. Man erinnere sich an die ausgelaugten Spanier im Finale des Confed-Cups.

Gruppe A

In der Summe aus Qualität des Kaders, Taktik, Klimabedingungen und Heimvorteil ist Gastgeber Brasilien der klare Favorit bei dieser WM. Die Mannschaft ist nicht mit Superstars gespickt, funktioniert aber seit Scolaris Übernahme als hervorragende Einheit. Grund für überschwänglichen Optimismus haben die Brasilianer trotzdem nicht: Sie gingen auch favorisiert in die letzten beiden WM-Turniere und enttäuschten jeweils.
Kroatien hat ein hervorragendes Mittelfeld und mit Mandzukic einen tollen Stürmer. Ob das reicht, um bei der WM groß aufzutrumpfen? Ich glaube nicht, aber für das Achtelfinale sollte es langen.
Mexiko hat eine gruselige Qualifikation gespielt, dürfte aber stärker in das Turnier gehen, als man annehmen könnte. Auf die Dreierkette und das anspruchsvolle System bin ich gespannt.
Kamerun traue ich wenig bis nichts zu, beim 2:2 gegen Deutschland hat mich das Team mal wieder nicht überzeugt. Lediglich Choupo-Moting könnte bei dem Turnier groß herauskommen.

Gruppe B

Die Todesgruppe. Spanien bleibt trotz aller Unkenrufe der zweite große Favorit des Turniers. Den besten Kader hat der Titelverteidiger nach wie vor, doch einige Schlüsselspieler sind außer Form. Ob Xavi vor der Doppelabsicherung Busquets/Alonso noch einmal glänzen kann? Zu gönnen wäre es ihm, es könnte aber auch sein, dass Del Bosques Loyalität seinen Stars gegenüber bestraft wird. Trotzdem: Drei Turniere in Folge gewonnen, ohne Gegentor in den K.O.-Runden. Den Titel holt man auch 2014 nur über Spanien.
Die Niederlande haben sich unter Van Gaal im neuen System zumindest defensiv stabilisiert. Offensiv soll die individuelle Klasse reichen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich ein Vorrundenaus für die Niederlande für wahrscheinlich gehalten, inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher und traue dem jungen Team sogar zu, eine der großen Überraschungen zu werden.
Chile ist alles zuzutrauen, positiv wie negativ. Egal, wie weit sie mit ihrem Ultra-Pressing kommen, ihre Spiele werden spektakulär sein. Doch auch sie werden ihren Stil nicht das ganze Turnier über durchziehen können – es sei denn sie scheiden in der Vorrunde schon aus.
Australien hat Pech, in so einer starken Gruppe zu spielen. Mehr als einen hart erkämpften Punktgewinn traue ich ihnen nicht zu.

Gruppe C

Kolumbien ohne Falcao? Immer noch ein Kandidat fürs Viertelfinale. Es gibt sogar Experten, die das Team ohne ihn stärker sehen, wenn seine individuelle Klasse auch fehlen wird.
Griechenland hat wie immer eine Kämpfertruppe zusammen, für das Achtelfinale fehlt mir diesmal aber die Fantasie.
Die Elfenbeinküste hat seit langem mehr mit den eigenen Problemen zu kämpfen, als mit dem Gegner. Vom Potenzial die wohl beste afrikanische Mannschaft, in der Realität meistens nicht.
Japan ist mein Favorit auf Platz 2 und eine der Mannschaften, denen ich am liebsten zuschaue. Technisch und taktisch hochwertig, mit etwas Glück reicht es für das Viertelfinale. Für mehr fehlt wohl leider die individuelle Klasse.

Gruppe D

Uruguay ist über den Zenit hinaus, was etwas schade ist. Die Mannschaft ist überaltert und eigentlich wäre es verwunderlich, wenn man das Niveau von 2010 und 2011 wieder erreichen könnte. Doch in so einem Turnier ist einer erfahrenen Mannschaft alles zuzutrauen, erst recht wenn sie Luis Suarez vorne drin hat.
Costa Rica ist immer dabei, in der zweitstärksten Gruppe aber chancenlos.
England interessiert mich zum ersten Mal seit langem mal wieder wirklich. Junges Team mit großem Potenzial. Aber hat der Trainer den Mut darauf zu setzen oder sehen wir am Ende wieder Gerrard/Lampard im Mittelfeld?
Italien hat sich unter Prandelli toll entwickelt, scheint mir jedoch nicht ganz so toll im Saft zu stehen, wie vor zwei Jahren. Das Viertelfinale sollte es mindestens sein und wenn Pirlo ins Turnier findet kann es auch weiter gehen.

Gruppe E

Die Schweiz unter Hitzfeld ist sehr konstant, deshalb werden sie die Gruppe überstehen, vielleicht sogar vor den Franzosen. Die leichte Quali-Gruppe täuscht aber über die beschränkten Mittel hinweg.
Ecuador ist die einzige südamerikanische Mannschaft, die nie bei den Kandidaten für die letzten acht auftaucht. Ihre Chancen werden wohl von Frankreichs Form abhängen.
Die Franzosen scheinen einigermaßen gestärkt ins Turnier zu gehen. Trotz aller Klasse im Kader, Riberys Ausfall werden sie nicht verkraften können und es würde mich wundern, wenn sie weit kommen. Auch ein erneuter Kollaps in der Vorrunde scheint denkbar.
Von Honduras habe ich sehr wenig gesehen in den letzten Jahren. Ihr Stil wirkt nicht sehr spannend, könnte aber einigen Gegnern offensiv Probleme bereiten.

Gruppe F

Argentinien hinkt seit fast schon Jahrzehnten den Ansprüchen hinterher. Ändert sich das in diesem Jahr? Taktisch wirkt das Team seit dem Maradona-Debakel gereift und die Zusammensetzung aus Di Maria, Messi und Aguero ist äußerst vielversprechend. Das Halbfinale sollte drin sein.
Bosnien und Herzigowina ist endlich bei einem großen Turnier und für mich klarer Favorit auf Platz 2 hinter den Argentiniern. Für Werderfans interessant: Hajrovic in Aktion erleben.
Zum Iran habe ich fast keine Meinung. Gegen mittelmäßige Teams können sie wohl die Null halten, mehr aber auch nicht.
Nigeria wird sich leider in die Riege der enttäuschenden afrikanischen Teams einreihen.

Gruppe G

Wie steht es um Deutschlands WM-Chancen? Im eigenen Land glaubt kaum einer daran. Meine Erwartungshaltung werde ich in einem separaten Artikel erläutern. So viel vorab: Völlig schwarz sehe ich für Löws Team nicht, ganz im Gegenteil, auch wenn es nicht für den Titel reichen wird.
Portugal ist defensiv eines der besten Teams des Turniers. Offensiv ist man sehr abhängig von Ronaldo, aber das muss kein Nachteil sein, wenn er seine Fitness wiedererlangt.
Ghana schätze ich von allem afrikanischen Teams am stärksten ein, doch ich glaube trotzdem nicht an ein Überstehen der Vorrunde.
Auch die USA sind eigentlich gut genug für das Achtelfinale, wenn die starke Gruppe nicht wäre.

Gruppe H

Belgien ist der überhaupt nicht mehr geheime Geheimfavorit. Eine echte Chance auf den Titel räume ich ihnen nicht ein, dafür sind sie a) zu unerfahren und b) ist ihr Spiel zu physisch. Das Viertelfinale würde ich ihnen wünschen, allein schon, um ein paar mehr Spiele von ihnen sehen zu können. Ein toller Kader und endlich mal wieder eine Teilnahme an einem großen Turnier.
Algerien ist ebenfalls ein Team, das ich nicht einschätzen kann und daher möglicherweise gnadenlos unterschätze.
Russland habe ich vor zwei Jahren ein Vorrundenaus prophezeit. Dieses Jahr scheinen sie mir eine bessere Balance zu haben. Das Achtelfinale ist diesmal drin.
Südkorea ist eigentlich ebenfalls ein Mannschaft die ich gerne spielen sehe und hoch einschätze. Seit der WM 2010 sehe ich sie aber nicht unbedingt verbessert. Gegen Russland und Belgien wird es eng mit dem Achtelfinale.

Weitere WM-Berichterstattung wird es hier geben, ich weiß allerdings noch nicht in welchem Umfang. Jetzt freue ich mich erst einmal auf das Auftaktspiel.

Werder in Südafrika

Nachdem sich Deutschland souverän für die WM 2010 qualifiziert hat und in Werders momentaner Startelf neun Deutsche stehen, lohnt ein Blick auf die Chancen der Spieler, in Südafrika dabei zu sein.

Die Arrivierten

Mit Tim Wiese, Per Mertesacker, Mesut Özil und Marko Marin verfügt Werder über vier aktuelle deutsche Nationalspieler. Während sich Mertesacker und Özil wohl keine Sorgen über ihren Platz im 23-köpfigen Kader machen müssen und Marin nur bei einem Leistungseinbruch aussortiert werde dürfte, ist die Situation bei Wiese nicht ganz leicht auszumachen. Die letzten Nominierungen lassen darauf schließen, dass der Bundestrainer ihn derzeit nur als vierten Torwart betrachtet. Da mit großer Sicherheit nur drei Torhüter berufen werden, könnte es für ihn eng werden. Eine wirkliche Bewährungsprobe hat Wiese bislang nicht bekommen. Für das Freundschaftsspiel gegen Chile hat Löw ihm einen Einsatz versprochen, doch um mehr als den dritten Platz im Kader dürfte es nicht gehen. Aus dem propagierten Vierkampf um die Nummer Eins ist ein Zweikampf zwischen Adler und Enke geworden, in dem der Leverkusener nach seiner starken Leistung gegen Russland die Nase vorn hat (auch wenn ich die Euphorie für etwas übertrieben halte).

Mertesacker ist in der Innenverteidigung seit der WM 2006 gesetzt. Die Frage ist wohl eher, wer in Südafrika neben ihm auf dem Platz stehen wird: Westermann, Tasci, Höwedes, Boateng oder doch wieder Metzelder? Ähnlich komfortabel ist die Situation von Özil. Er ist innerhalb kurzer Zeit zum Hoffnungsträger geworden. Christian Kamp schreibt heute in der FAZ: “Schneller als Özil hat sich lange kein Neuling in den Vordergrund gespielt.” Der einzige andere Spieler, der für die Position des Spielmachers ernsthaft in Frage kommt ist sein Vereinskamerad Marin (Ballack ist bei all seinen Qualitäten kein kreativer Spielgestalter), der trotz zuletzt guter Form in der Nationalelf noch etwas hinten an steht. Zudem spielt er im Verein auf der Position des zweiten Stürmers, die es so in Löws Formation nicht gibt. Es ist unwahrscheinlich, dass er Özil verdrängt, sowohl bei Werder als auch in der Nationalmannschaft, doch wenn beide im Verein gut harmonieren ist es für Löw sicher auch eine Option, beide spielen zu lassen.

Die Ehemaligen

Zu den aktuellen Nationalspielern kommen die drei ehemaligen Torsten Frings, Tim Borowski und Clemens Fritz. Frings wird von Löw seit Anfang des Jahres nicht mehr berücksichtigt und hat seinen Stand durch provokative Aussagen in den vergangenen 12 Monaten nicht verbessert. Aus Frings Sicht ist der Ärger verständlich, denn nicht bei jedem Spieler werden die selben Maßstäne angesetzt wie bei ihm. In der Nationalelf hat sich Frings nichts zu schulden kommen lassen. Die EM 2o08 war eine Enttäuschung, doch nach einer Saison, in der er 3/4 der Spiele wegen Verletzungen verpasst hatte, konnte man nicht erwarten, dass er ein überragendes Turnier spielt wie 2006. Die Formkrise im letzten Jahr schien Löw zu bestätigen. Zuletzt war Frings jedoch wieder in starker Form und könnte sich für den WM-Kader aufdrängen, insbesondere wenn Hitzlsperger nicht bald zurück in die Spur findet.

Borowski galt 2006 noch als Versprechen für die Zukunft, als neuer Ballack, doch ein paar Verletzungen und ein erfolgloses Intermezzo bei FC Bayern später steht er mit leeren Händen da. Bei Werder präsentierte er sich bislang ordentlich (ich fand ihn keineswegs so schlecht, wie er von einigen gemacht wird), doch für eine WM-Nominierung wird er sich gewaltig strecken müssen. Gleiches gilt für Fritz, dem ich kaum Chancen einräume. Mit Boateng, Beck und Friedrich gibt es gleich drei Spieler, die auf der Rechtsverteidigerposition vor ihm stehen. Sollte es auf links eine starke Alternative geben (Schäfer? Jansen?) könnte auch Lahm auf die rechte Seite wechseln. Fritz hat sein Seuchenjahr zwar hinter sich gelassen und ist zumindest wieder ein grundsolider Verteidiger geworden, doch der Elan, der ihn 2006 ins Team brachte, geht ihm noch etwas ab. War er im 4-4-2 auch eine Alternative fürs rechte Mittelfeld, dürfte er im aktuellen 4-2-3-1-System als Rechtsaußen kaum in Frage kommen.

Die Newcomer

Drei deutsche Spieler bleiben noch übrig, die bislang nicht für die A-Nationalmannschaft ran durften: Aaron Hunt, Sebastian Boenisch und Philipp Bargfrede. Hunt galt lange Zeit als eines der größten deutschen Talente. Bereits im Frühjahr 2005, im Alter von gerade mal 18 Jahren, spielte sich Hunt zum ersten Mal in den Mittelpunkt. Nach 1 1/2 Jahren als Joker schaffte er es im Herbst 2006 endlich in Werders Startelf, damals noch als Stürmer. Im Champions League Spiel gegen den FC Barcelona überraschte Schaaf mit seiner Aufstellung (auch damals standen neun Deutsche auf dem Platz). Hunt und Werder spielten stark und der Stammplatz war zunächst sicher. Etliche Verletzungen versperrten seitdem den Weg zum Leistungsträger. Im Winter 2007, nach neunmonatiger Pause und befürchteter Sportinvalidität kam Hunt zurück, wieder in der Champions League, wieder gegen einen starken Gegner. Gegen Real Madrid brachte Schaaf ihn als Spielmacher, die von Verletzungen geplagte Rumpfelf (Sanogo, Vranjes, Pasanen, Tosic, Vander) spielte überragend, siegte 3:2 und Hunt erzielte ein Tor. Danach wurde es jedoch schon wieder ruhiger um seine Person. Er hatte Probleme den Anschluss zu finden, brauchte bis zum Sommer 2008 um sich erneut einen Stammplatz zu erkämpfen, traf im Jahrhundertspiel gegen Hoffenheim per Fernschuss in den Knick, nur um sich dann wieder mit Verletzungen rumzuplagen.

In dieser Saison ein neuer Versuch. Hunt ist seit einiger Zeit verletzungsfrei, der Trainer baut auf ihn und muss sich Kritik dafür gefallen lassen. Dem als “ewiges Talent” (die schlimmste Beleidigung in der deutschen Fußballsprache) verschrienen Hunt trauen viele Fans den Durchbruch nicht mehr zu. In nur vier Wochen brachte Hunt sie zum Schweigen. Gute Leistungen und Tore gegen St. Pauli, Mainz, Bilbao und Stuttgart machten ihn endlich zu einem Leistungsträger. Nun muss er beweisen, dass er diese Form halten kann. Sollte er das schaffen, ist eine Nominierung für die Nationalmannschaft nur eine Frage der Zeit. Allerdings könnte ihm der Körper wieder einen Strich durch die Rechnung machen.

Spieler wie Sebastian Boenisch haben bei den Zuschauern generell einen schweren Stand. Wer mit dem Wort “Talent” nur technische Fähigkeiten meint, der wird es Boenisch wohl absprechen. Seine großen Stärken hat er im läuferischen Bereich und im Zweikampf (zuletzt Quoten um die 75% gegen Mainz und Leverkusen). Boenisch kann das Spiel auf seiner Seite antreiben, ein Flankengott ist er jedoch nicht. In der Defensive hapert es noch am Stellungsspiel, das er in den letzten 12 Monaten jedoch schon merklich verbessert hat. Von einer WM-Nominierung ist Boenisch noch ein ganzes Stück entfernt, doch seine Laufbahn in der U21, mir der er im Sommer Europameister wurde, deutet darauf hin, dass er es auch in die A-Nationalmannschaft schaffen kann – allerdings wohl kaum bis zum nächsten Sommer.

Bargfrede ist bislang die große Überraschung der Saison. Gleich in seinem ersten Profijahr ist er zum Stammspieler geworden und überzeugt durch beständige, spielerisch und kämpferisch starke Leistungen. Wäre er Stuttgarter Wäre die WM nicht im nächsten Jahr hätte Löw ihn vielleicht schon eingeladen. Für die WM hat er allenfalls Außenseiterchancen, selbst wenn er seine tolle Entwicklung so fortsetzen sollte.

Die Ausländer

Es soll nicht der Eindruck entstehen, es gäbe nur deutsche Werderspieler, die eine WM-Chance haben. Hugo Almeida, Daniel Jensen, Petri Pasanen, Sebastian Prödl, Markus Rosenberg, Naldo und Marcelo Moreno sind aktuelle Nationalspieler ihrer jeweiligen Heimatländer. Während Pasanen (Finnland), Prödl (Österreich) und Moreno (Bolivien) keine Chance mehr auf eine WM-Teilnahme haben, sind die Verbände von Jensen (Dänemark) und Naldo (Brasilien) schon sicher qualifiziert. Jensens Platz im Nationalteam ist trotz langer Verletzungspause gesichert. Naldo wurde nach langer Zeit wieder für die Selecao nominiert und hat noch einen weiten Weg vor sich, um 2010 dabei zu sein. Hugo Almeida (Portugal) und Markus Rosenberg (Schweden) sind nicht nur Konkurrenten um einen Platz in Werders Sturm, sondern auch um die WM-Qualifikation. Portugal braucht heute Abend unbedingt einen Sieg gegen Malta, um noch in einen Relegationsplatz zu erreichen. Almeida kann dabei wegen seiner Verletzung nur zuschauen. Sollten die Portugiesen patzen kann Schweden mit einem Sieg gegen Albanien noch vorbei ziehen und seinerseits auf den Relegationsplatz hoffen.