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24. Spieltag: Treppenwitz der Bremer Fußballgeschichte

Werder – Stuttgart 4:0

Eigentlich würde ich gern über Fußball schreiben. Immerhin hat Werder gerade den ersten Bundesligasieg seit drei Monaten errungen. Doch leider gibt es dieser Tage wichtigere Themen bei Werder Bremen. Die Affären um den inzwischen zurückgetretenen Geschäftsführer Jürgen L. Born und Werderspieler Claudio Pizarro sorgen für viel Wirbel an der Weser. Grund genug, sich einmal mit den Auswirkungen zu befassen (um sich mit dem Fall vertraut zu machen, sei ein Blick in die Chronik der Ereignisse empfohlen).

Wie geht es jetzt weiter?

Für Jürgen Born dürfte es sehr schwer werden, aus der
Geschichte heraus zu kommen. Der Fall wirft so viele Fragen auf, dass
man sich schlicht keine plausible Erklärung mehr vorstellen kann, die
die Vorwürfe entkräften würde. Warum bestreitet Born die Zahlung
zunächst, erinnert sich dann doch, kann jedoch nicht sagen, wofür er
das Geld erhalten hat? Warum kann er dem Aufsichtsrat gegenüber nicht
erklären, warum das Geld auf sein Konto gezahlt wurde, wenn es sich
nicht um eine unerlaubte Bereicherung handeln sollte?

Man muss sich fast zwangsläufig die Frage stellen, ob es sich um zwei schlimme Einzelfälle
handelt oder, ob im Laufe der Ermittlungen noch mehr belastendes
Material gegen Born (und Pizarro) zum Vorschein kommen wird. Fraglich
ist auch die Rolle der restlichen Mitglieder der Geschäftsführung. War
es ein Alleingang Borns, von dem Müller, Fischer und Allofs nichts
wussten? Oder wurde der Vorgang vielleicht stillschweigend hingenommen,
weil man weiß, dass derartige Zahlungen im Fußball nichts
Ungewöhnliches sind?

Spekulationen über mögliche Schwarzgelder,
die bei Spielertransfers auch an Vereinsbosse und -manager fließen
sollen, gibt es schon lange. In Südamerika gilt die Situation als besonders schlimm. In der SZ ruft Jörg Marwedel einen Satz Klaus Toppmöllers in Erinnerung: "Der
normale Fan soll froh sein, dass er nicht weiß, was hinter den Kulissen
vorgeht." Auch gegen den ehemaligen Manager von Bayer Leverkusen Reiner Calmund
hatte es immer wieder Vorwürfe gegeben, er sei in illegale
Transfergeschäfte und Geldschiebereien verstrickt gewesen, was jedoch
nie nachgewiesen worden konnte. Calmund gilt wie Born als exzellenter
Kenner des südamerikanischen Fußballs. Hat man die dortigen
Gepflogenheiten einfach übernommen? Doch warum sollte sich der
hanseatisch wirtschaftende Born auf Kosten eines Vereins bereichern,
für den er auf eigenen  Wunsch ehrenamtlich tätig ist? Vermutlich ist schon allein diese
Frage naiv.

Claudio Pizarro muss noch diesen Monat nach Peru reisen und vor der dortigen Staatsanwaltschaft zu den Vorwürfen gegen Carlos Delgado
aussagen. Dabei wird auch seine eigene Beteiligung am Unternehmen von
Interesse sein. Sollte er sich durch eine Beteiligung an
Steuerhinterziehung und/oder Geldwäsche mitschuldig gemacht haben,
droht ihm sogar eine Gefängnisstrafe. Doch auch, wenn sich die
Anschuldigungen gegen die Agentur Image als falsch erweisen
sollten, oder er zumindest glaubhaft versichern kann, dass er nichts
von den Machenschaften seines Kumpels Delgado gewusst hat, könnte
Pizarro die Beteiligung an Roberto Silvas Transferrechten zum
Verhängnis werden. Wird dies  von der FIFA als aktive Spielervermittlung ausgelegt,
droht ihm eine Sperre von bis zu zwei Jahren. Allerdings galt das ja bis vor kurzem auch noch für zwei Hoffenheimer Spieler…

Unter
diesen Umständen ist es schwer vorstellbar, dass Werder Pizarro über
das Ende des Ausleihvertrags hinaus verpflichten wird. Dies ist momentan
eigentlich nur in zwei Fällen denkbar: Die ganze Geschichte entpuppt
sich als dreiste Fälschung, betrieben durch Delgados enttäuschte Ehefrau
oder Pizarro kann zumindest die Vorwürfe gegen seine Person entkräften
und geht auf Distanz zu Delgado. Beides dürfte sehr unwahrscheinlich sein. Interessant ist zudem, welche
Auswirkungen die Affäre auf Werders Kaufoption für den Peruaner Junior Ross
hat – ebenfalls ein Klient Delgados. Der 23 Jährige ist derzeit an den
FSV Frankfurt ausgeliehen und könnte im Sommer von Werder verpflichtet
werden.

Für Werder heißt es nun, möglichen weiteren Schaden vom Verein
abzuwenden. Es ist von Seiten der Verantwortlichen immer wieder von
einem "Imageverlust" die Rede. Doch das Image wird in erster
Linie durch Werders Taten bestimmt. Der eingeschlagene Weg,
mithilfe eines unabhängigen Wirtschaftsprüfers für Aufklärung und Transparenz
zu sorgen, ist richtig und sollte weiter beschritten werden. Das könnte
zu schmerzlichen Erkenntnissen und auch Verlusten führen, ist aber der
einzige Weg, das verloren gegangene Vertrauen der Öffentlichkeit zurück
zu gewinnen.

Dass der Ex-Bankangestellte Jürgen L. Born, verantwortlich für Finanzen und
Öffentlichkeitsarbeit, Werder ausgerechnet in seinen beiden
Paradedisziplinen solchen Schaden zufügt, ist ein Treppenwitz der
Bremer Fußballgeschichte. Leider ein sehr trauriger.

Der Fall Born – Eine Chronik

Die Vorwürfe gegen (Ex-)Werder-Boss Jürgen L. Born werden von Tag zu Tag größer. Inzwischen hat Born dem Druck nachgegeben und hat seinen für Jahresende vorgesehenen Rücktritt vorgezogen. Beendet ist die Affäre, die außerdem Werderprofi Claudio Pizarro belastet, damit noch lange nicht.

Eine Chronik der Ereignisse:

Montag, 2.3.2009:

Der Spiegel erhebt in seiner Ausgabe 10/2009 erstmals Anschuldigungen gegen Werder Bremen und seinen Geschäftsführer Jürgen L. Born. Beim Transfer des Peruaners Roberto Silva sollen nur $250.000 der Kaufsumme von $1,35 Mio. an dessen Verein Sporting Cristal Lima überwiesen worden sein. Der Rest ging angeblich an die Agentur Image des Spielerberaters Carlos Delgado, bei der auch Claudio Pizarro (stiller) Gesellschafter ist, und von wo aus das Geld dann verteilt worden sein soll: $895.875 an Pizarro, $10.000 an Limas Sportdirektor und $100.000 an einen gewissen "JB", bei dem es sich um Jürgen Born handeln soll. Born bestreitet die Vorwürfe und behauptet, die gesamte Transfersumme sei an Sporting Cristal Lima gezahlt worden. Diese Behauptung nahm er wenige Tage später jedoch zurück.

Samstag, 7.3.2009:

Spiegel-Online bekräftigt die Vorwürfe gegen Born. Dem Spiegel liege eine Zahlungsanweisung von Delgado an Born vom 29. August 2001 über $50.000 vor, heißt es. Born gibt dem Spiegel gegenüber zu, Geld von Delgado erhalten zu haben. Er könne sich nicht erinnern, ob dies im Zusammenhang mit Silvas Transfer geschehen sei, kann allerdings auch keine andere schlüssige Erklärung liefern. Möglicherweise habe es sich um die Rückzahlung eines Privatkredits gehandelt, den Born Delgado zur Finanzierung einer Weltreise gewährt hatte. Born erklärt weiter, dass er sich als Opfer eines Ehestreits zwischen Delgado und seiner Noch-Ehefrau Fiorella Farré (in einigen Quellen auch Fiorella Fore/Faré) sehe, in dessen Rahmen die belastenden Dokumente an die Öffentlichkeit geraten waren.

Am Samstagabend teilt Born Werders Aufsichtsratsvorsitzenden Willi Lemke mit, dass er seine Ämter bei Werder Bremen bis auf Weiteres ruhen lasse. Daraufhin gibt Werder Bremen eine Pressemitteilung heraus, die den vorläufigen Rücktritt des Geschäftsführers bestätigt. Lemke wird darin folgendermaßen zitiert:

"Die Vertreter des Aufsichtsrates begrüßen und akzeptieren ausdrücklich diesen Schritt von Jürgen Born. Wir werden alles daran setzen, damit es zu einer schnellen Aufklärung der Angelegenheit kommt. Werder Bremen ist für seine solide Geschäftspolitik bekannt, solche Vorwürfe gefährden unser Image. Deshalb werden wir zur Aufklärung einen unabhängigen und renommierten Wirtschaftsprüfer einsetzen."

Zugleich betont Lemke jedoch, dass man solange davon ausgehe, dass sich Jürgen Born korrekt verhalten habe, wie "keine Schuld nachgewiesen wird." Born beteuert seine Unschuld. Er habe keinerlei Zahlungen im Rahmen des Transfers erhalten, wolle jedoch bis zur "endgültigen Klärung des Sachverhaltes" seine Funktionen ruhen lassen.

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