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Pizarro zu den Bayern – Die Überraschung, die keine ist

Glaubt man dem Münchner Merkur, steht Claudio Pizarros Wechsel zum FC Bayern bereits fest. Auch die in Werder-Fragen für gewöhnlich gut informierte Kreiszeitung Syke bezeichnete den Wechsel als fix. Nach dem Spiel zwischen Werder und Bayern am Wochenende soll dann auch offiziell Vollzug gemeldet werden. Allofs dementiert noch und auch Pizarro und die Bayern schweigen, doch es ist davon auszugehen, dass es sich nur um die übliche Hinhaltetaktik handelt.

Schon länger war über einen möglichen Wechsel des Peruaners spekuliert worden und in Bremen sorgt die Personalie verständlicherweise für viel Wirbel. Pizarros derzeit dürftige Leistungen tragen ihr übriges dazu bei, die Gemüter hochkochen zu lassen. Warum, so lautet die vorwurfsvolle Frage, setzt sich Pizza lieber bei den Bayern auf die Bank, als bei Werder zu spielen?

Blendet man die Emotionen aus, ist der Wechsel – so er denn zustande kommt – ein logischer Schritt und auch für Werder eine Entwicklung mit Vorteilen – neben dem offensichtlichen Nachteil, dass man einen der besten Stürmer der Vereinsgeschichte verliert.

Dass Pizarro einem Wechsel zu Bayern München nicht abgeneigt sein würde, ergibt sich schon aus seiner Vita. Es wird gerne übersehen, dass er ebenso lange bei den Bayern spielte (6 Jahre), wie bei Werder. Finanziell wird er sich durch den Wechsel nicht verschlechtern, zumal er ablösefrei kommt. Bleibt die Frage der sportlichen Perspektive. Dass die Chance auf Titel und Champions League bei den Bayern größer ist, als bei Werder kann man nicht einmal durch die grünweißeste aller Fanbrillen übersehen. Auch die Aussichten auf Einsätze sind angesichts der mutmaßlich wieder hohen Anzahl an Spielen nicht so schlecht, wie von einigen Werderfans angenommen. Zwar dürfte Mario Gomez weiterhin Stürmer Nummer 1 bleiben, doch wäre Pizarro als erste Option dahinter immer ein Kandidat für Einwechslungen  und rotationsbedingt dürften auch Einsätze in der Startelf für Pizarro drin sein. Der Körper des Peruaners spielte schon in den letzten beiden Jahren nicht immer mit, sodass eine geringere Anzahl an Spielen durchaus sinnvoll ist.

Auch für Werder hätte der Wechsel einen Vorteil, der kurzfristig erstmal ein Nachteil ist: Pizarro überspielte mit seinen Toren in den letzten Jahren häufig die Unzulänglichkeiten im Bremer Spiel. Die Abhängigkeit von Pizarro wurde im Saisonverlauf immer offensichtlicher. Fällt diese “Lebensversicherung” weg, sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, sich weiter in die Tasche zu lügen. Werder ist ein Verein, der sich mit Veränderungen schwer tut. Je offensichtlicher die Notwendigkeit von Neuerungen wird, desto weniger kann man sich dagegen wehren. Natürlich wird Werder durch den Wechsel vorerst geschwächt. Andererseits kann nun kein anderer Stürmer mehr auf die Übermacht Pizarros verweisen, an dem es nun mal kein Vorbeikommen gäbe. Werders Offensivabteilung wird voll gefordert sein und mittelfristig wird sich das meiner Meinung  nach bezahlt machen.

So traurig der Weggang eines genialen Spielers und Sympathieträgers ist, für Werder bietet er eine weitere Chance zur Erneuerung. Wenn der Umbruch in der kommenden Saison nicht gelingt, dann fällt man dieses Mal richtig auf die Nase – solange, bis man seine Lektionen gelernt hat.

10 Gründe, nach dem Sieg gegen Wolfsburg optimistisch zu sein

Normalerweise bin ich in diesem Blog bemüht, einigermaßen ausgewogen über Werder und den Fußball zu schreiben. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger gut. Nach dem 4:1 gegen Wolfsburg lasse ich die negativen Dinge aber mal bewusst beiseite. So ist diese kleine, weihnachtlich-optimistische Liste entstanden:

1. Endlich mal wieder ein deutlicher Sieg

Früher waren deutliche Siege für Werder nichts besonderes. Heute muss man allerdings schon etwas weiter zurückdenken, um sich einen höheren Werdersieg zu erinnern. Ein 4:1 gab es zuletzt vor 14 Monaten in Gladbach. Der letzte höhere Sieg liegt sogar noch länger zurück: Im April 2010 gewann man 4:0 gegen Freiburg.

2. Werder ist eine Heimmacht

Acht Spiele, sieben Siege – nur gegen Dortmund gab es eine Niederlage. Nun sind Kaiserslautern, Freiburg, HSV, Hertha, Köln, Stuttgart und Wolfsburg sicher alle schlagbare Gegner im eigenen Stadion. Sie alle zu schlagen ist dagegen keine Selbstverständlichkeit. Als Ergebnis steht man auf Platz 1 in der Heimtabelle.

3. Werder überwintert auf einem Europacup-Platz

Wer hätte das vor der Saison gedacht: An 15 von 16 Spieltagen stand Werder unter den ersten Sechs in der Tabelle. Mehr als die Hälfte der Hinrunde sogar unter den Top Vier. Schlechter als Platz 6 wird man auch nach dem Spiel gegen Schalke nicht sein. Bei einem Sieg würde man sogar mindestens auf Platz 4 überwintern.

4. Werder kann Ausfälle kompensieren

Die Ausfälle waren nicht der Grund für Werders Absturz in der letzten Saison. Sie trugen aber viel dazu bei, die Krise zu verschärfen und Werder lange im Abstiegskampf zu halten. Gegen Wolfsburg fielen mit Marin, Hunt und Ekici die drei besten offensiven Mittelfeldspieler aus. Dennoch erspielte sich Werder eine Vielzahl hochkarätiger Torchancen. Zwei Wochen vorher schlug man Stuttgart ohne Pizarro. Werder ist nach wie vor auf gewisse Spieler angewiesen, fällt aber bei Ausfällen nicht wieder direkt in sich zusammen.

5. Naldo

Naldo habe ich vor der Hinrunde mit einem riesigen Fragezeichen versehen. Ich wäre schon zufrieden gewesen, wenn er bis zur Rückrunde wieder fit und in Bundesligaform gewesen wäre. Selbst die kühnsten Optimisten werden wohl kaum mit einer so schnellen Rückkehr gerechnet haben, vor allem aber nicht mit einer so schnellen Rückkehr zur alten Stärke. In der aktuellen Verfassung ist Naldo einer der drei besten Innenverteidiger der Bundesliga.

6. Pizarro

Werder ist abhängig von Pizarro. Man kann es auch positiv sehen: Werder hat einen Spieler wie Pizarro, der in jedem Spiel den Unterschied machen kann. Entgegen den Befürchtungen hatte Pizza bislang nur mit wenigen Verletzungssorgen zu kämpfen und trifft vorne zuverlässig. Und aller Abhängigkeit zum Trotz: Werder hat beide Saisonspiele ohne Pizarro gewonnen.

7. Rosi is back!

Gibt es einen Stürmer, der mehr von seinem Selbstbewusstsein abhängig ist? Zu Saisonbeginn war Markus Rosenberg on fire. Vor zwei Wochen schlich er mit hängenden Schultern über den Platz und wirkte so ungefährlich, dass seine Gegenspieler schon Mitleid mit ihm haben konnten. Dann das Tor gegen die Bayern und plötzlich quillt Rosi fast über vor Spielfreude. Der Zweikampf um den Platz neben Pizarro ist wieder eröffnet.

8. Das grünweiße Laufwunder

Gegen Wolfsburg hat Werder wieder einmal 125 km Laufpensum runtergespult. Drei Spieler kamen auf über 13 km Laufdistanz. Auch wenn das alleine nicht viel aussagt, die kämpferische Einstellung spiegelt sich in dieser Saison auch auf dem Papier wieder. Die vielen knappen Siege und gedrehten Rückstände sind nicht zuletzt das Ergebnis dieser Einstellung.

9. Werder bleibt Werder

Über Werders Außendarstellung lässt sich dieser Tage (und Monate) streiten. Der über die Vertragsverhandlung öffentlich ausgetragene Machtkampf zwischen Lemke und Allofs ist untypisch für den Verein. Im Vergleich zu den meisten anderen Bundesligisten, erst recht denen mit ähnlichen Ansprüchen, sticht Werder aber keineswegs negativ hervor. Insgesamt bleibt Werder ein ruhiges Pflaster für Spieler und Trainer.

10. Der beste Endspurt

Die letzten 10 Spieltage sind fast schon traditionell Werders beste, zumindest was die Ergebnisse angeht. Selbst letzte Saison gab es 16 Punkte und nur zwei Niederlagen. Im Jahr zuvor schnappte man sich noch den schon verloren geglaubten Platz 3, 2008 und 2006 wurde man jeweils im Endspurt noch Vizemeister. Wenn bloß vorher die jährliche Frühjahrskrise nicht wäre, aber wir wollen ja optimistisch bleiben.

Pizarro gegen Schaaf’sches Harakiri

Werder Bremen – 1. FC Köln 3:2

Werder dreht erneut einen Rückstand und alle reden über den Dreifachtorschützen Claudio Pizarro. Zu Recht, denn selten zuvor schien die Abhängigkeit von Pizzas Toren so groß, wie in diesen Tagen. Doch dabei gerät eine Szene aus dem Blick, die absolut typisch für Werder Bremen in der Ära Thomas Schaaf ist: Die Entstehung des 0:2.

Doppelwechsel aus Verzweiflung

So sehr man sich auch über diesen erneut verrückten Spielverlauf und einen wieder einmal gedrehten Rückstand und eine kämpferisch hochklassige Leistung freuen kann, so wenig sollte man vergessen, wie man sich in diese Situation gebracht hat. In der 37. Minute, beim Stand von 0:1, wechselte Schaaf gleich doppelt. Eine drastische Maßnahme, die ich zuletzt so im Winter 2007 erlebt habe, als Schaaf gegen Leverkusen Borowski und Vranjes schon vor der Pause rausnahm und Werder ein schwach begonnenes Spiel mit einer furiosen Leistungssteigerung noch deutlich gewann.

Gegen Köln war die Ausgangslage eine andere. Werder hatte nicht gut gespielt, aber weder Ekici noch Schmitz schienen mir so schlecht gewesen zu sein, dass sie zwangsläufig vom Feld gemusst hätten. Es gab nach dem Wechsel auch keine Systemumstellung, die den Wechsel erfordert hätte. Vielmehr schien es ein Weckruf an die Mannschaft zu sein. Mehr eine Verzweiflungstat, als ein taktischer Schachzug. Nachdem in den letzten Wochen zunächst Philipp Bargfrede und dann auch Andreas Wolf und Marko Marin ihre Stammplätze verloren hatten, war es eines der letzten Mittel, die dem Trainer blieben, um noch aktiv ins Spiel seiner Mannschaft einzugreifen.

Bremer Abwehr-Harakiri

Was folgte war jedoch keine plötzliche Leistungssteigerung, sondern ein weiterhin mühsames Erkämpfen von Strafraumszenen, die die optische Überlegenheit in Tore umwandeln sollten. Doch bevor dies geschehen konnte, schlug Lukas Podolski zu.

Es war ein Gegentor, das so in der Bundesliga wohl keine andere Mannschaft kassiert hätte und das so typisch Werder ist, wie die Raute und die Flutlichtmasten im Weserstadion. Es erübrigt sich, die Torentstehung als Ganzes zu analysieren, wenn die einfachsten Prinzipien des Verteidigens nicht befolgt werden – in diesem Fall zu sehen bei Naldo und Sebastian Prödl. Es ist eine klassische 2 gegen 1 Situation in der ein Stürmer eigentlich nur die Option haben sollte, einen langen Ball prallen zu lassen oder mit dem Rücken zum Tor unter Kontrolle zu bekommen. Stattdessen ermöglicht es ihm die Bremer Innenverteidigung alleine aufs Tor zuzulaufen. In dieser Überzahlsituation auf Abseits zu spielen ist ohnehin Blödsinn, es aber in der gegnerischen Hälfte zu tun, grenzt an Fußballlegasthenie. Naldo steht in diesem Fall kurz, so dass Prödl eigentlich nichts anderes zu tun hat, als sich drei Meter fallenzulassen, falls der lange Ball durchkommt. Stattdessen rückt er vor und macht damit den Weg für Podolski frei.

Viel mehr als den beteiligten Spielern muss man dieses Gegentor aber dem Trainer ankreiden. Dieses Tor hätte auch vor drei oder fünf Jahren genau so fallen können. Es ist mir völlig unbegreiflich, warum es eine so guten Trainer wie Thomas Schaaf über Jahre nicht gelingt, diese Dinge abzustellen. Es wird wieder über das Risiko einer hoch stehenden Kette diskutiert werden, doch das trifft es nicht. Es sind individuelle Fehler einfachster Natur, die im Profifußball nicht gemacht werden dürfen. Und es sind genau diese Szenen, die den Unterschied ausmachen zwischen Mannschaften, die erfolgreich hoch verteidigen und solchen, die Harakiri spielen.

Fazit: Rückstände nur gegen die Kleinen kompensierbar

Die Kölner waren in der zweiten Halbzeit so freundlich, das Heft innerhalb weniger Minuten völlig aus der Hand zu geben und in Unterzahl nicht mehr in der Lage außer Zeitschinden etwas entgegenzusetzen. So stehen am Ende mit dem 3:2-Sieg, einer mitreißenden Aufholjagd und Pizarros Hattrick die Feel-Good-Momente, die man sich als Fan wünscht. Nach 12 Spieltagen steht man auf einem mehr als zufriedenstellenden 3. Platz.

Doch so schön die fünf gedrehten Spiele in dieser Saison auch waren, Werder ist in 9 der bisherigen 12 Saisonspiele mit 0:1 in Rückstand geraten – und das nicht ohne Grund. Gegen die kleinen bis mittelgroßen Gegner mag dies zu kompensieren sein, gegen Leverkusen, Hannover und Dortmund war es das nicht. Man darf bezweifeln, dass es gegen Gladbach, Stuttgart, Bayern und Schalke anders sein wird.

(K)eine Standortbestimmung

Werder gegen den BVB, der amtierende Deutsche Meister gegen den Tabellenzweiten.

Auf dem Papier ein absolutes Topspiel mit dem Gast als Favorit: Götze als „Jahrhunderttalent“, Lewandowski als ehemaliger Chancentod, der plötzlich trifft, Hummels und Subotic als vielleicht bestes Innenverteidiger-Duo der letzten Saison und drum herum eine homogene Mannschaft, in der jeder für jeden läuft und kämpft.

Dem gegenüber steht die momentan beste Heimmannschaft der Saison mit dem Weserstadion als Festung und einer Mannschaft, die sich zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht durch überragende spielerische Dominanz und Fußball für die Galerie auszeichnet, sondern durch Leidenschaft, Einsatz und einen unbändigen Siegeswillen.

Wer wird gewinnen, welcher Spieler kann den Unterschied ausmachen und vor allem: Was hat das dann zu bedeuten?

Claudio Miguel Pizarro Bossio

Mittendrin in der vielleicht kämpferischsten Werder Mannschaft der letzten Jahre befindet sich mit Claudio Pizarro ein Spieler, der sich mit 33 nicht auf dem absteigenden Ast, sondern auf dem Zenit seines Könnens befindet und an guten Tagen Weltklasse verkörpert. 6 Tore und 3 Vorlagen in 7 Spielen, sowie die direkte Beteiligung an jedem der letzten 8(!) Treffer Werders sprechen hierbei Bände.

Nun ist es leider so, dass eben dieser so immens wichtige Spieler nach einer langen, kräftezehrenden Länderspielpause mit einem Jetlag und ohne eine einzige Trainingseinheit mit der Mannschaft zu eben dieser stößt und direkt derjenige ist, auf dem in Bremen die meisten Hoffnungen ruhen.

Claudio Miguel Pizarro Bossio. Dieser Name steht für Sympathie, Schlitzohrigkeit, Tore am Fließband und andauernde Gefahr im gegnerischen Strafraum. Was nun, wenn eben dieser Spieler ausfällt oder droht, nicht richtig zu funktionieren?

Wo steht Werder wirklich?

Im Vorfeld wurde viel davon geredet, dass die Partie gegen Dortmund der erste „echte Gradmesser“ der Saison sei. Eine Art „Standortbestimmung“. Klar, Werder hat alle bisherigen vier Heimspiele gewonnen aber wie hießen denn auch die Gegner? Kaiserslautern, Freiburg, Hamburg und Hertha. Allesamt keine „Topteams“, Dortmund aber schon, sagen die Einen. Sieg ist Sieg und leichte Spiele waren auch das nicht, sagen die Anderen.

Auch bei den Spielern war man sich nicht sicher. Clemens Fritz zum Beispiel sprach davon, dass dieses Spiel keine Standortbestimmung sei. Schwere Spiele seien es auch zuvor gewesen. Natürlich ist das eine Art Standortbestimmung, sagte wiederum Lukas Schmitz.

Doch was ist es denn? Kann ein Spiel gegen den amtierenden Deutschen Meister, dessen im Jahr zuvor überragende Mannschaft bis auf „Spielmacher“ Nuri Sahin und den zu Saisonbeginn verletzten Lucas Barrios – welcher mittlerweile genesen ist – zusammenblieb, wirklich der Gradmesser für eine Mannschaft sein, die im Jahr zuvor bis zuletzt gegen den Abstieg kämpfte? Für eine Mannschaft, deren Viererkette im Vergleich zum Vorjahr auf 3 Positionen verändert wurde und die darüber hinaus ihren Abwehrchef Per Mertesacker nach London verlor?

Und zu guter Letzt: Kann dieses Spiel ein Gradmesser sein für eine Mannschaft, die sich nach wie vor im Umbruch befindet und dabei sowohl auf die etatmäßige Nummer 1 im Tor – die Nummer 2 im Tor der Deutschen Nationalmannschaft – als auch auf einen bislang stark aufspielenden Marko Arnautovic im Sturm verzichten muss?

Nein. Unter diesen Voraussetzungen und zum jetzigen Zeitpunkt kann dieses Spiel in meinen Augen kein Gradmesser sein – zumindest nicht für den Verlauf der gesamten Saison.

Die Raute ist ein äußerst komplexes Spielsystem, die Anforderungen an die einzelnen Spieler enorm und das benötigte Maß an Spielintelligenz der jeweiligen Spieler hoch. Eingespieltheit ist hierbei das Stichwort, welches in meinen Augen die jetzige Werder Mannschaft davon trennt, auch spielerisch und nicht nur tabellarisch zur Spitzengruppe zu gehören. Ob man nun gegen Dortmund gewinnt oder nicht spielt für mich keine Rolle.

Vor der Saison war ich davon überzeugt, dass Werder schlecht in die Saison starten würde. Dass man zur Winterpause irgendwo im grauen Tabellenmittelfeld rumkrebsen würde, dass man erst zur Rückrunde – mit einer eingespielten Mannschaft und weiteren, punktuellen Verstärkungen – oben angreifen könne. Bislang habe ich mich geirrt – im positiven Sinne.

Was kann Werder, wenn Pizarro schwächelt?

Eine Standortbestimmung ist es demnach nicht, ein Gradmesser vielleicht. Wohl aber ist es die Möglichkeit, zu sehen, was Werder im Stande ist zu leisten, wenn Pizarro nicht in Topform ist. Egal ob er heute von Beginn an aufläuft oder nicht, er wird nicht bei 100% sein. Nach so einer belastenden Reise kann man ihm nicht die gesamte Last aufbürden. Man kann nicht erwarten, dass er wieder die Kohlen aus dem Feuer holt. Nun sind andere gefragt. Die Mannschaft muss nicht mehr nur laufen und kämpfen, sie muss auch gemeinsam Tore schießen. Womöglich ohne Pizarro.

Gelingt dies, wäre es für mich – unabhängig vom Ausgang des Spiels – die wichtigste Erkenntnis dieser Saison, denn früher oder später wird Pizarro den Verein verlassen und dann sind andere gefragt.

Ein Muntermacher zum Schluss

„Ischa Freimaak!“ Viel mehr muss nicht gesagt werden. Der Freimarkt beginnt, die Stimmung tobt, das Stadion wird im Flutlicht erstrahlen und traditionell gibt es für Dortmund in Bremen wenig zu holen – wenngleich sie zur Freimarktszeit stets deutlich erfolgreicher waren. Man kann sich alles schön reden und so vertraue ich darauf, dass sich zu den positiven Aspekten des Ferien- und Freimarktbeginns heute Abend noch ein weiterer hinzu gesellt: Ein Werder Sieg am Abend.

In dem Sinne, auf geht’s Werder, kämpfen und siegen!

Werder-News 11/09/26

Da ich selbst noch nicht dazu gekommen bin, einen Post zu Spiel gegen Hertha BSC zu schreiben, gibt es hier eine kleine Übersicht über andere Spielberichte:

Werder-News 11/09/23

Zunächst ein paar Blog-Updates: Während Deutschland mit der Trennung von Kirche und Staat so seine Probleme hat, habe ich hier eine Trennung von Blog und News-Bereich vollzogen. Die News werden jetzt nicht mehr im eigentlichen Blog angezeigt, sondern sind über den Tab “Werder-News” oben in der Menüleiste abrufbar. Der RSS-Feed ist nun in drei unterschiedlichen Versionen abonnierbar: Nur Blog, nur News oder das volle Packet. Rechts in der Seitenleiste sind die Feeds aufgeführt. Standardmäßig bekommen alle bisherigen Abonnenten sowohl Blog als auch News. Könnt ihr dann ja selber ändern, wenn ihr möchtet.

Außerdem gibt es seit gestern Abend eine Facebook-Page zum Blog, die ich wohl in erster Linie für kürzere Einträge nutzen werde (alles, was fürs Blog zu wenig und für Twitter zu viel ist). Ihr dürft gerne auf Gefällt mir klicken!

So, nun aber zu den eigentlichen Werder-News des Tages:

The Knights Who Say Ni (zweite Liga)

Bundesliga, 31. Spieltag: FC St. Pauli – Werder Bremen 1:3

Am Ende dieser Saison zählt nur der Klassenerhalt. Dieser ist mit dem 3:1-Sieg bei St. Pauli nun endgültig gesichert, auch wenn es rein rechnerisch noch nicht soweit ist. Nach einer in allen Belangen enttäuschenden ersten Halbzeit drehte Werder zum ersten Mal in dieser Saison ein Spiel und ist nun seit über zwei Monaten ungeschlagen.

Verlust der Spielkultur

Es wäre sicherlich falsch, Werders schwache spielerische Leistung nur auf den Ausfall von Tim Borowski zu schieben, doch Samstag wurde wieder einmal deutlich, wie wichtig er für Werder geworden ist. Werders Mittelfeld fehlte es in der ersten Halbzeit völlig an Struktur und Bindung. Marin und Wesley hatten zwar ein großes Laufpensum, blieben aber weitgehend ineffektiv. Frings bekam das Spiel im defensiven Mittelfeld nicht in den Griff. Insgesamt spielte Werder sehr linkslastig. Kaum ein Angriff lief in den ersten 45 Minuten über die rechte Seite.

St. Pauli - Werder 1. Halbzeit

Werders Offensivaktionen in der 1. Halbzeit (Quelle: bundesliga.de)

Die Raute hatte eine deutliche Schlagseite, was nicht per se schlecht sein muss. Werder verfing sich jedoch zu häufig auf der Außenbahn und kam dann nur umständlich wieder zurück in eine aussichtsreichere Position. Bargfrede hielt auf der linken Seite seine Position, während Wesley von rechts viel rochierte. Marin tendiert ohnehin zur linken Seite und Silvestre schaltete sich häufiger mit in die Offensive ein als auf der anderen Seite Fritz. Somit war Werders Spiel für St. Pauli leicht ausrechenbar und mit einfachen Mitteln zu stoppen. Das Gegentor erinnerte an schlimme Zeiten und kam durch einen Fehlpass Pizarros beim Rausrücken und einen katastrophalen Abstimmungsfehler in der Viererkette zustande. Mertesacker stand fast 10 Meter hinter seinen Nebenleuten und hob beim Pass auf Bartels das Abseits auf.

Pizarro dreht das Spiel

Auch in der zweiten Halbzeit lief die Mehrzahl der Bremer Angriffe über links, doch Clemens Fritz wagte sich häufiger in St. Paulis Hälfte und sorgte für etwas mehr Balance in Werders Spiel. Alle drei Werdertore fielen über die rechte Seite. Die verloren gegangene Spielkultur glich Werder nun durch großen Einsatz und Pizarros Klasse aus. Es war der Mannschaft nun anzumerken, dass sie sich nicht in ihr Schicksal fügen wollte, wie schon zu oft in dieser Saison. Nach Pizarros Doppelschlag, der das Spiel zu Werders Gunsten drehte, kam auch die Sicherheit im Passspiel zurück. Die Gastgeber erholten sich von diesem Schock nicht mehr und konnten Werder in der Schlussphase kaum noch in Bedrängnis bringen. In dieser Form wird es für die Hamburger nicht zum Klassenerhalt reichen.

Ein Silberstreif für Hunt

Die letzten Monate waren für Aaron Hunt ein einziger Spießrutenlauf. Zuerst verlor er seinen Stammplatz, dann wurden auch seine Einwechslungen weniger. Von den eigenen Fans ausgepfiffen war er am Ende so verunsichert, dass ihm nicht mal einfache Pässe über fünf Meter gelangen. Dabei konnte man jedoch immer noch sehen, dass er ein Spieler mit den richtigen Ideen ist. Laufwege und Timing stimmten, doch am Ball ging fast alles schief, was schief gehen kann. Dazu kam eine lustlos wirkende Körpersprache. Am Samstag gab es endlich auch für ihn eine Art Mini-Befreiungsschlag. Nach seiner Einwechslung spielte er befreit auf und sorgte für mehr Spielfluss bei Werder. In immerhin 23 Minuten spielte er keinen einzigen Fehlpass, hatte nur einen Ballverlust und einige gute Ideen. Sicher kein Zufall, dass diese Steigerung in einem Auswärtsspiel kommt. Hätte er solche Leistungen regelmäßig in dieser Saison gezeigt, wäre Özils Weggang weitaus weniger ins Gewicht gefallen.

Aaron Hunt Passverteilung

Alle 15 Pässe von Aaron Hunt kamen an (Quelle: bundesliga.de)

Gegen Wolfsburg: Der letzte Punkt zum Klassenerhalt

Am Freitag kann Werder mit einem Sieg gegen den VfL Wolfsburg den Klassenerhalt endgültig sicherstellen. Wahrscheinlich reichen die 38 Punkte schon, um nicht abzusteigen. Mit einem Unentschieden gegen den VfL wäre man ebenfalls zu 99% durch. Allerdings könnte dieses Spiel nach Wolfsburgs Mini-Auferstehung am Sonntag noch einmal eine echte Herausforderung werden. Felix Magath ist sowieso alles zuzutrauen. Das Spiel gegen St. Pauli hat gezeigt, dass Werder im Endspurt kein bisschen nachlassen darf, sonst geht das zarte Pflänzchen, das man sich in den letzten Wochen mühevoll gezüchtet hat, direkt wieder kaputt.

Bei aller Frustration über diese enttäuschende Saison bin ich immer noch froh, dass mit Werder im Saisonendspurt immer zu rechnen ist – im Gegensatz zu manch anderer Mannschaft, die sich ihre Saison im April regelmäßig selbst vermasselt.

Wo sind all die guten Stürmer hin?

In meinem Abgesang auf Hugo Almeida habe ich es schon angesprochen: Werder hat in den letzten Jahren mit Ausnahme der Pizarro-Rückholaktion keinen außergewöhnlich guten Stürmer verpflichtet. Die Hoffnungen ruhen auf einem Reifeprozess bei Marko Arnautovic und dem eigenen Nachwuchs.

Deutschlandweites Problem

Immerhin steht Werder mit diesem Problem nicht alleine da. Die Anzahl an Stürmern von internationaler oder gar Weltklasse in der Bundesliga ist überschaubar. Mit Edin Dzeko verlässt der beste Angreifer des Landes nun die Bundesliga in Richtung Manchester. Auch in der Nationalmannschaft sieht es nicht viel anders aus. Nach dem Karriereende von Miroslav Klose dürfte auch dort eine Flaute bevorstehen.

Mit Gomez, Kießling, Helmes, Cacau und Podolski gibt es zwar einige gute Alternativen im nicht mehr ganz jungen Fußballeralter, doch keiner von ihnen genügt allerhöchsten Ansprüchen. Bei Gomez darf man noch am ehesten darauf hoffen, dass er die Lücke für einige Zeit schließen kann, doch trotz seiner überragenden Torstatistik in der Bundesliga fehlt ihm aus meiner Sicht ein gutes Stück zur Weltklasse. Die neuste Generation an Supertalenten, die in Richtung Nationalmannschaft drängt, besteht fast ausschließlich aus Mittelfeldspielern. Einen kommenden Stürmerstar kann ich dort jedoch nicht erkennen.

Verändertes Anforderungsprofil

Das Anforderungsprofil an eine Sturmspitze hat sich in den letzten Jahren so stark geändert, wie selten zuvor in der Geschichte. Vor einigen Jahren, als noch die meisten Mannschaften mit zwei Spitzen spielten, konnte man die unterschiedlichsten Stürmertypen miteinander kombinieren. Es störte nicht weiter, wenn einer von beiden ein reiner Strafraumverwerter war und der andere weite Wege ging, weil sie ihre Schwächen gegenseitig kompensieren konnten. Heute, in modernen 4-2-3-1 oder 4-3-3-Systemen ist dies nicht mehr so einfach möglich. Als alleinige Spitze muss ein Stürmer mehr denn je ein Alleskönner sein.

Auch die taktischen Aufgaben haben sich verändert. Immer mehr Mannschaften setzen auf eine “falsche Neun”, also einen Stürmer, der sich weit zurück ins Mittelfeld fallenlässt, um die Verteidiger aus der Viererkette zu locken. Die traditionellen Vollstreckeraufgaben rücken zwar nicht komplett in den Hintergrund, sind jedoch nicht mehr das wichtigste Kriterium für die Bewertung seitens der Trainer. Der Stürmer wird immer mehr zum Vorarbeiter für seine Mitspieler. Er schafft Räume, legt Bälle ab, wartet auf nachrückende Mittelfeldspieler. Spieler wie Ronaldo, Robben und Messi haben sich als Flügelspieler zu wahren Tormaschinen entwickelt, weil ihnen (unter anderem) ihre jeweiligen Sturmspitzen die Räume geschaffen haben.

Der doppelte Pizarro

Auch bei Werder ist diese Entwicklung zu beobachten. Pizarro ist schon lange nicht mehr der offensivste Spieler in der Mannschaft, sondern Marko Marin. Dies lässt sich in fast jedem Spiel an der Heat Map und an den Durchschnittspositionen erkennen. Pizarro lässt sich gerne tief fallen und schaltet sich so mit ins Mittelfeld ein. Ohne Mesut Özil fehlt seit dem Sommer zudem eine kreative Schaltzentrale im offensiven Mittelfeld, sodass Pizarros Arbeit dort umso wichtiger wurde. Am deutlichsten konnte man dies in der ersten Halbzeit gegen Dortmund sehen. Pizarros Fehlen machte sich nicht nur an der mangelnden Torgefährlichkeit bemerkbar, sondern auch im Aufbau unseres Angriffsspiels. Weder Almeida noch Wagner können diese Rolle so ausfüllen.

Was Werder in der Hinrunde zudem fehlte, waren die gefährlichen Läufe von den Flügeln vors Tor. Werder hat mit Marin, Arnautovic und mit Abstrichen Hunt eigentlich drei Spieler, die hierfür prädestiniert wären, doch viel zu selten gelang es ihnen auf diese Weise für Gefahr vor den gegnerischen Toren zu sorgen. Marko Marin hat etwa im Rückspiel gegen Sampdoria und im Heimspiel gegen Tottenham noch Angst und Schrecken verbreitet, wenn er mit dem Ball am Fuß in Richtung Strafraum gezogen ist. Seitdem ist ihm sein Timing völlig abhanden gekommen. Es ist jedoch nicht ausreichend, sich in dieser Hinsicht voll auf Pizarro zu verlassen, denn bei aller Klasse kann auch er nicht dauerhaft unsere Probleme im Mittelfeld und im Angriff lösen.

Nach Pizarro kommt das große Fragezeichen

Nun drängt sich geradezu die Frage auf, wer die Lücke schließen kann, die Pizarro eines (hoffentlich fernen) Tages bei Werder hinterlassen wird. Arnautovic ist vom Talent her ohne Zweifel in der Lage, in ein paar Jahren auf diesem Niveau zu spielen. Fraglich ist jedoch, ob er auch charakterlich dazu geeignet ist. Der Reifeprozess, den Werders Verantwortliche fast schon gebetsmühlenartig herbeireden, müsste dazu allerdings bald einsetzen, bevor sich der Spieler völlig ins Abseits geschossen hat.

Hoffnung macht indes Werders Nachwuchs in Gestalt von Lennart Thy und Pascal Testroet. Beide gehören zu den talentiertesten Stürmern ihrer Altersklasse und sollten den Sprung zu den Profis bald schaffen. Insbesondere Thy scheint ein echtes Multitalent zu sein und Pizarro auch in dieser Hinsicht nachahmen zu können. Verlassen will man sich bei Werder jedoch nicht darauf. Mit Denny Avdic hat man einen neuen Stürmer verpflichtet, über dessen Klasse man noch nicht viel sagen kann. Die Torquote in der schwedischen Liga dürfte bei Werders Ansprüchen kaum als Beleg ausreichen. Vom Typ her hinterlässt Avdic den Eindruck eines Allrounders, der Athletik, technische Qualitäten und Torgefährlichkeit vereint.

Noch ein, vielleicht zwei Jahre kann sich die zweite Reihe unseres Angriffs hinter Pizarros breiten Schultern verstecken. Danach werden sie sich an seinem langen Schatten messen lassen müssen.

A dish served cold

Die Statistik lügt: Werder hat im DFB-Pokal noch nie gegen die Bayern gewonnen. Der goldene Pokal in unserer Vitrine sieht das anders. Der Sieg im Finale 1999 kam jedoch im Elfmeterschießen zustande und wird daher offiziell als Unentschieden geführt.

Nach fünf Monaten die Chance zur Revanche

Mit einem solchen Unentschieden könnte ich heute Abend gut leben. Im Pokal ging es schon immer weniger um das wie, als um das dass. Wie man die Bayern ausschaltet ist nicht entscheidend – wichtig ist nur, dass man sie ausschaltet. Bislang hat es nur Mourinhos Inter geschafft, van Gaals Bayern auszuschalten. Das war im Finale der Champions League vor gut fünf Monaten. Zu jenem Zeitpunkt schienen die Bayern unaufhaltsam und waren im Pokalfinale für Werder mindestens eine Nummer zu groß. Der Stachel dieser Niederlage sitzt immer noch tief. So chancenlos war man in den letzten Jahren selten, wenn es gegen den großen Rivalen aus dem Süden ging.

Seitdem hat sich einiges getan. Beide Teams stolperten in diese Saison und begegneten sich bereits am 3. Spieltag auf Augenhöhe, wo bei zwei potenzielle Spitzenmannschaften eigentlich ein anderer Körperteil sitzen sollte. Das Spiel endete fast zwangsläufig 0:0, was beide Mannschaften aufgrund ihrer Personalsituation als Teilerfolg verbuchen konnten. Inzwischen haben sich beide Mannschaften etwas Luft verschafft: Werder in der Liga und die Bayern in der Champions League. Ein wirkliches Spitzenduell ist es trotzdem noch nicht. Zwei Mannschaften aus dem Mittelfeld der Liga werden versuchen, durch einen großen Sieg (das wäre es momentan für beide) weiteres Selbstvertrauen zurückzugewinnen und den Schwung mit in die Liga zu nehmen.

Keine Erholung für die Bayern

Werders Ausgangsposition ist dabei eindeutig die schlechtere – zumindest, wenn man Philipp Lahms Logik folgen möchte. Der hatte sich nach dem 0:0 in Hamburg darüber beschwert, nach dem CL-Spiel am Dienstag schon am Freitag wieder ran zu müssen. Etwas erstaunlich, da bei den von Lahm behaupteten “drei Spielen pro Woche” eine Pause von zwei Tagen schon das höchste der Gefühle wäre. Werder hatte zwischen dem CL-Spiel in Enschede und dem Spiel in Gladbach ebenfalls nur zwei Tage Pause und muss nun nach weiteren zwei Tagen Pause in München ran. Doppelte Belastung also im Vergleich zu den doch schon so arg belasteten Bayern. Einigen wir uns einfach darauf, dass Lahms Aussagen völliger Unsinn sind und es sich bei zwei Spielen pro Woche mangels zusätzlicher Wochentage gar nicht vermeiden lässt, nach jedem zweiten Spiel nur zwei Tage Pause zu haben. Schwamm drüber, Fußballer sollen schließlich nicht rechnen, sondern Werbung für die BILD machen Fußball spielen.

Auf die leichte Schulter sollte man die Bayern trotz bisher magerer Ergebnisse und Leistungen nicht nehmen. Zum einen, weil sich Werder trotz ansteigender Formkurve auch noch nicht mit Ruhm bekleckert hat. Zum anderen, weil es eine Sache ist, den Bayern in einem Ligaspiel Punkte abzuknöpfen, jedoch eine völlig andere, sie aus einem Wettbewerb zu schmeißen. Es ist ein Hop-oder-Top-Spiel und in jenen sind die Bayern traditionell besonders stark. Eliminiert wurden sie zuletzt nur von Mannschaften, die entweder taktisch (Inter) oder spielerisch (Barcelona) klar besser waren als die Bayern. Den Unterschied zugunsten der Bayern machte in der Vergangenheit häufig genug Arjen Robben, der am Dienstag ebenso fehlen wird, wie eine ganze Reihe weiterer Spieler. Während sich Werders Lazarett langsam leert, muss der Titelverteidiger auf einigen Positionen weiterhin improvisieren. Dabei kam in den letzten Wochen schon erstaunliches zum Vorschein: Anatoli Timoschtschuck ist ein mehr als nur passabler Innenverteidiger und Andreas Ottl kann Bastian Schweinsteiger derzeit das Wasser reichen. Mario Gomez Tore waren bei einem Blick auf seine Statistiken weit weniger überraschend.

Van Gaals Taktikpuzzle

Dennoch ist van Gaals Team noch weit davon entfernt in den einzelnen Mannschaftsteilen perfekt zu harmonieren. Die linke Verteidigerposition ist seit Contentos Verletzung eine Problemzone. Auch auf der rechten Seite ist Lahm in einer kleinen Schaffenskrise, die das Team erstaunlich anfällig über die Außen werden lässt. Das größere Problem liegt jedoch in der Offensive und auch hier spielen die Außenverteidiger eine Rolle. Ohne Robben und Ribery fehlt die Torgefahr über die Flügel, die die Mannschaft letztes Jahr so stark werden ließ. Das Zusammenspiel zwischen Robben und Lahm, der durch sein Hinterlaufen für die nötige Breite im Spiel sorgte, war in der letzten Saison Bayerns größter Trumpf. Diese Spielweise funktioniert jedoch nur mit einem Linksfuß auf Rechtsaußen. Zuletzt ließ van Gaal mit Altintop jedoch einen Rechtsfuß auf der Position ran, mit dem Ziel, den Mittelstürmer Gomez mit Flanken zu füttern. Dadurch fehlt jedoch das Überraschungsmoment im Spiel der Bayern.

Eine weitere Veränderung ist die Besetzung der 10er-Position. In der letzten Saison spielte Thomas Müller als eine Art hängende Spitze hinter Olic. Er ist zwar kein Spielmacher, doch er hat durch sein hervorragendes Spiel ohne Ball und seine Torgefahr viel dazu beigetragen, dass den Bayern die Probleme eines rigiden 4-4-2 Systems erspart blieben. Mit Toni Kroos ist nun ein Typ Spielmacher im Kader, den Louis van Gaal sich für Team gewünscht hat. Mit Kroos spielen die Bayern ein klar definiertes 4-2-3-1 System, während man es mit Müller auch als 4-4-1-1 auslegen konnte. Bisher konnte Kroos seiner Aufgabe als Spielgestalter noch nicht gerecht werden, weshalb das Spiel auch in der Mitte krankt. Die Problem der bayerischen Offensive zeigen sich im Torverhältnis: Erst acht Tore hat man in neun Spielen geschossen.

Schaafs Entscheidung: Vorsicht oder Courage?

Heute Abend wird sich zeigen, wie viel Thomas Schaaf seiner Mannschaft nach den letzten Erfolgen schon wieder zutraut. Wird er sein flaches 4-4-2 mit Pizarro als hängender Spitze beibehalten? Mit dieser Formation konnte Werder im Pokal eine Halbzeit lang das Offensivspiel der Bayern nicht stoppen. Damals war es jedoch weniger das System, als die Besetzung (Borowski auf dem Flügel, Özil in der Spitze) und das zu langsame Umschalten, die für das schwache Spiel verantwortlich waren. In der aktuellen Besetzung sind Ähnlichkeiten zum Münchner Erfolgssystem der letzten Saison nicht zu übersehen: Die Flügelspieler, die ihren starken Fuß innen haben (gibt es eigentlich ein deutsches Wort für “inverted winger”?), der zweite Stürmer, der zum 10er wird (Pizarro) sowie die zunehmende Spielgestaltung durch einen defensiven Mittelfeldspieler (Wesley). Von der Spielweise ist Werder davon jedoch noch ein gutes Stück entfernt.

Es ist unwahrscheinlich, dass Schaaf vor einem solch wichtigen Spiel zur Raute zurückkehrt. Interessant wird schon eher, ob er die offensive Ausrichtung aus dem Gladbach-Spiel oder die abwartende Ausrichtung aus dem Twente-Spiel wählt. Setzt er vielleicht sogar Marin oder Hunt zunächst auf die Bank, bringt mit Bargfrede eine weitere Defensivkraft und zieht Wesley weiter nach vorne? Ansonsten sind die einzigen offenen Fragen im Sturmzentrum (Arnautovic oder Almeida?) und auf der linken Verteidigerposition (Silvestre oder Pasanen?) zu finden. So viel Klarheit herrschte in dieser Saison selten vor einem Spiel der Bremer.

Ich wünsche mir für heute Abend eine nicht zu abwartende Herangehensweise. Zwar sollte man keinesfalls naiv nach vorne laufen oder die gerade gefundene Ordnung im Mittelfeld wieder über den Haufen werfen. Doch Bayern ist momentan nicht voll auf der Höhe und könnte durch Werders Spielweise aus dem Twente-Spiel in Verbindung mit etwas mutiger vorgetragenen Gegenstößen zu knacken sein. Eine große Aufgabe kommt dabei auf Claudio Pizarro zu: Er muss die Münchner Mittelfeldspieler beim Spielaufbau stören, um eine Unterzahl in der Mitte des Spielfelds zu verhindern. Auf einen weiteren schlechten Tag von Schweinsteiger sollte man sich nicht verlassen.

Es wird in jedem Fall ein schwieriges Spiel, das die Messlatte ein gutes Stück höher legt. Wollen wir hoffen, dass wir sie dieses Mal überspringen können.

Die Probleme als Chance

Naldo noch lange verletzt. Mertesacker mit Augenhöhlenfraktur nicht einsetzbar. Auch Pizarro fällt aus. Es sieht nicht gut aus vor den schwierigen Spielen gegen Bayern und die Spurs. Werder kann nun entweder die nächsten Spiele freiwillig abschenken oder versuchen, die Personalprobleme als Chance zu begreifen.

Problem 1: Die Abwehr

Die Defensive ist bei Werder nicht erst seit dieser Saison ein Problem. Das liegt jedoch nicht zuletzt am Defensivverhalten der gesamten Mannschaft sowie einer sehr riskanten Defensivtaktik, die sich bei Fehlern leicht aus den Angeln heben lässt. In dieser Saison kommen nun auch Personalprobleme hinzu. Durch die Verletzung von Per Mertesacker bleiben für die Defensive kaum noch Optionen übrig. Ausgerechnet vor dem auf dem Papier schwierigsten Bundesligaspiel steht Werder ohne die beiden Stamm-Innenverteidiger der letzten vier Jahre da. Angesichts der beiden letzten beiden Spiele gegen die Bayern kann einem da schon Angst und Bange werden.

Muss es allerdings nicht. Auch in Bestbesetzung hatte Werder in diesen Spielen nicht gut ausgesehen. Dafür gab es mehrere Gründe, von denen fehlende Klasse der Spieler sicher nicht der wichtigste war. Robben gegen Boenisch war im Pokalfinale ein Missmatch, genau wie Robben gegen Abdennour einige Monate vorher. Dazu wird es am Samstag zum Glück nicht kommen. Der formstarke Fritz wird auf der anderen Abwehrseite mit Ribery mithalten können. Bleibt das Abwehrzentrum. Prödl hat bislang ordentliche Leistungen gezeigt, war sogar der stabilere der beiden Innenverteidiger. Trotz seiner Erfahrung und unbestrittenen Klasse war Mertesacker in der letzten Zeit kein zwingender Stammspieler. Nun kann er entweder durch den auf der Außenbahn zuletzt indisponierten Pasanen oder Neuzugang Silvestre ersetzt werden. Für Silvestre spricht die große internationale Erfahrung. Im Gegensatz zu Pasanen kann er bei seinem Debut außerdem unbelastet ins Spiel gehen. Eigentlich ist Silvestre eher für die Außenbahn vorgesehen, doch dazu scheint ihm auch noch etwas die Fitness zu fehlen. Prödl und Silvestre – Bei entsprechendem Defensivverhalten im Mitteldfeld ist diese Innenverteidigung konkurrenzfähig.

Problem 2: Das Mittelfeld

Im Gegensatz zu den anderen Mannschaftsteilen herrscht im Mittelfeld ein Überangebot an Spielern. Thomas Schaaf hat die Qual der Wahl: Lieber mit der in dieser Saison bewährten Raute spielen oder auf das in der letzten Saison favorisierte 4-2-3-1 setzen? Lieber auf Altbekanntes vertrauen oder Neuzugang Wesley ins kalte Wasser werfen? Lieber Flügeldribbler Marin wirbeln lassen oder die solide Variante mit Rautespieler Borowski wählen? Ein taktisches Experiment halte ich für unwahrscheinlich, nachdem Schaaf im Pokalfinale mit dem flachen 4-4-2 gnadenlos gescheitert ist. Frings und Bargfrede sind in beiden Systemen derzeit gesetzt. Nach meinem Empfinden würde Frings die Doppelsechs momentan ganz gut tun. Als einziger Defensivmann in der Raute gerät er zu oft in Bedrängnis und ein Spieler wie Thomas Müller nutzt das eiskalt aus. Taktisches Opfer wäre dann Borowski, der bislang solide gespielt hat, aber in der offensiven Dreierreihe nur in der Mitte zu gebrauchen ist. Dort führt nach überstandener Krankheit jedoch eigentlich kein Weg vorbei an Aaron Hunt. Wesley kommt prinzipiell für alle Positionen in Frage, aber ob Schaaf ihn in seinem ersten Spiel gleich auf die Spielmacherposition stellt? Marin war dort nur eine Notlösung, braucht die Außenbahn als Ausgangspunkt für seine Dribblings. Im 4-2-3-1 wäre auch Arnautovic eine Option für die rechte Außenbahn. Dies hängt jedoch nicht zuletzt von Schaafs Plänen im Angriff ab.

Problem 3: Der Angriff

Ohne Pizarro ist die Variante mit nur einem Stürmer weniger attraktiv. Almeida kann auch als einzige Spitze effektiv sein, braucht für seine große Stärke, die Verarbeitung von langen, hohen Bällen, jedoch einen Abnehmer. Arnautovic sehe ich eher als zweiten Stürmer und nicht so sehr als eigentliche Spitze. Nach seiner Gala gegen Köln kann ich mir kaum vorstellen, dass er am Samstag auf die Bank muss. Fragt sich also, ob er zusammen mit Almeida einen Zweiersturm bildet oder wie gegen Sampdoria über den rechten Flügel kommen soll. Ohne Pizarro fehlt Werders Angriff der wichtigste Spieler, doch die Klasse für ein oder zwei Tore gegen die wackelige Abwehr der Bayern ist allemal vorhanden.

Fazit

Allen Ausfällen zum Trotz: Der Ausgang des Spiels ist so offen, wie man aus Bremer Sicht nach der Lehrstunde im Pokalfinale nur hoffen konnte. Nicht nur die aktuelle Serie ohne Niederlage in München macht Hoffnung auf ein erfreuliches Spiel. Bayern ohne Robben und ohne den Lauf der vergangenen Rückrunde ist immer noch ein immens schwerer Gegner, aber längst nicht mehr so übermächtig. Werder kann trotz der Ausfälle ein schlagkräftige Truppe aufbieten.

Für das Spiel würde ich ein 4-2-3-1 vorziehen. Zum einen wegen der erwähnten Absicherung für Frings und zum anderen wegen Marins und Arnautovics guter Form. Mit Hunt in der Mitte hätte man eine gefährliche Offensive und zudem in Borowski und Wesley noch zwei echte Optionen auf der Bank.