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17 Spiele Skripnik – eine Zwischenbilanz

Der späte Ausgleichstreffer der Kölner war ernüchternd, denn ansonsten wäre der 26. ein perfekter Spieltag gewesen. Von Platz 5 bis 8 hat kein Team gewonnen, sodass man sich im Kampf um die Europa League Plätze einen Vorteil hätte erarbeiten können. Dass man überhaupt wieder vom internationalen Wettbewerb sprechen kann, verdankt Werder vor allem einem Mann: Viktor Skripnik.

Platz 4 in der “Skripnik-Tabelle”

Seitdem Skripnik und sein Trainerteam das Kommando übernommen haben, läuft es bei Werder richtig gut. Für diese Erkenntnis genügt bereits ein Blick auf die ominöse “Skripnik-Tabelle”, also der Tabelle ab dem 10. Spieltag. Am Anfang noch eine Spielerei, gibt sie nun Aufschluss über die Erfolge aus Skripniks erster kompletter Halbserie. Nachdem gegen jeden Gegner einmal gespielt wurde, scheiden Faktoren wie “günstiger Spielplan” oder “glückliche Serie” aus. Jeder hat einmal gegen jeden gespielt und Werder hat aus diesen Spielen mehr Punkte geholt, als 14 andere Bundesligisten. Werder hatte – rein punktemäßig – unter Skripnik Champions League Niveau.

Das sollte man, bei allen Diskussionen um aktuelle Themen, nicht vergessen: Ein Trainerteam ohne jede Bundesligaerfahrung holte mit einem Kader, der landauf, landab für nicht bundesligatauglich erklärt wurde, 30 Punkte aus 17 Spielen. 10 mehr als Hoffenheim, 8 mehr als Frankfurt, 4 mehr als Augsburg, 2 mehr als Schalke, 1 mehr als Leverkusen und genauso viele wie Bayern-Bezwinger Gladbach.

Skripniks Trainerlaufbahn – der Bremer Weg?

Wie hat Skripnik diesen Aufschwung geschafft? Diese Frage stellt sich vermutlich die halbe Bundesliga. Die Liste der möglichen Erklärungen ist lang, doch vielerorts begnügt man sich mit der Begründung, dass Skripnik nun mal ein echter Werderaner ist und bemüht die Parallelen zu Thomas Schaaf: Beim Karriereende bereits den Einstieg in den Trainerberuf hinter sich gehabt, viel Erfahrung und Erfolge mit den Jugendteams gesammelt und schließlich in großer Not das Ruder bei den Profis übernommen. Doch es ist keineswegs so, dass dieser Weg bei Werder Tradition hätte, auch wenn man es inzwischen gerne so hinstellt. Vielmehr war Schaafs Werdegang bis vor kurzem ein absoluter Einzelfall. Andere Ex-Spieler, die sich als Trainer im Nachwuchs versuchten, wie etwa Mirko Votava oder Thomas Wolter, hatten weitaus weniger Erfolg und genießen nicht unbedingt die beste Reputation in der Branche.

Skripnik hingegen ragte mit seiner U17 schnell aus der Nachwuchsabteilung heraus, welche in dem Ruf stand, eher die körperlichen Frühentwickler als die fußballerisch vielversprechendsten Talente zu fördern. Skripniks Nachwuchsmannschaften zeichneten sich hingegen durch eine gepflegte Spielkultur und technisch anspruchsvollen Angriffsfußball aus. In der letzten Saison gelang es ihm, seine Spielidee auch mit der U23 in der Regionalliga erfolgreich umzusetzen. Unter Wolters Führung war diese ebenfalls nicht gerade für ansprechenden Fußball oder gar als Talentschmiede für die Profis bekannt. Verständlich also, dass Skripnik und sein Trainerteam als einzige echte Alternativen aus den eigenen Reihen galten, als sich die Trennung von Robin Dutt andeutete. Die Parallelen zu Thomas Schaaf sind ein schöner Nebenaspekt. Ich hoffe trotzdem inständig, dass Skripniks Fähigkeiten als Trainer für die Entscheidung der Vereinsführung maßgeblich waren und nicht sein “Stallgeruch”.

Ganz davon ab ist es natürlich Unsinn, dass man nur als Bremer Urgestein Erfolge auf Werders Trainerbank feiern kann. Wer daran zweifelt, sollte sich Otto Rehhagels Werdegang vielleicht noch mal etwas genauer anschauen.

Skripnik, der Talente-Förderer

Immer wieder betont wird, wie gut Skripnik die Nachwuchsspieler kenne, die für den Aufschwung mitverantwortlich seien. Mit einigen seiner Schützlinge arbeitet Skripnik tatsächlich schon seit vielen Jahren zusammen. Von diesen hat bislang allerdings nur Levent Aycicek sichtbare Spuren in der Bundesliga hinterlassen. Mit Luca Zander und Julian von Haacke sind zwei weitere große Talente durch langwierige Verletzungen vorübergehend gestoppt worden. Marnon Busch spielt seit Skripniks Amtsantritt hingegen wieder in der U 23. Die anderen Spieler, die in dieser Saison ihren Durchbruch im Profiteam schafften (namentlich Davie Selke, Melvyn Lorenzen und Jannek Sternberg), haben hingegen in der Jugend nicht bei Werder gespielt und befinden sich erst seit der letzten Saison in Skripniks Obhut. Selke und Lorenzen wurden zudem bereits unter Dutt an die Profis herangeführt.

Mit dieser Auflistung möchte ich nicht Skripniks Verdienste um Werders Jugendarbeit in Frage stellen. Die Behauptung, Skripnik verfolge eine völlig andere Personalpolitik als sein Vorgänger, ist allerdings sehr fragwürdig. Skripnik geht dabei zweifellos mutiger vor, hat andere personelle Vorlieben (bspw. die Personalien Busch und Aycicek) und auch etwas Glück (Selkes Entwicklung nach Di Santos Verletzung). Der Kern des Teams ist jedoch unter Skripnik der gleich geblieben wie schon unter Dutt. Junuzovics Standards und Di Santos individuelle Klasse sind weiterhin Werders wichtigste Erfolgsfaktoren. Ein Jugendwahn ist bei Werder hingegen nicht ausgebrochen. Mit Selke und Sternberg kommt auch Skripnik “nur” auf 1 1/2 Stammplätze für den eigenen Nachwuchs (der wiederum genau genommen gar nicht der eigene Nachwuchs ist).

Während man Dutt gegen Ende seiner Amtszeit einiges vorwerfen konnte, gehören die Verletzungen von Selassie und Bargfrede nun wirklich nicht dazu. Dennoch werden die Kommentatoren auf Sky nicht müde zu betonen, dass beide unter Dutt kaum noch eine Roll gespielt hätten. Zu dieser Unterstellung gehört schon eine gehörige Portion Frechheit oder Unwissen. Unbestritten ist hingegen, dass Werder als Kollektiv seit Skripniks Amtsantritt ungleich besser funktioniert und viele Spieler auch individuell zugelegt haben. Skripniks initiale Umstellungen tun dem Team bis heute gut. Fritz ist im Mittelfeld noch einmal aufgeblüht (mehr dazu unten) und Gálvez zeigt in der Innenverteidigung starke Leistungen (aber hätte Dutt ihn überhaupt im Mittelfeld aufgestellt, wenn Bargfrede sich nicht verletzt hätte?).

Wie gut ist Werder wirklich?

Werder hat unter Skripnik deutliche spielerische Fortschritte gemacht. Unterhält man sich allerdings mit Kennern der Bremer Nachwuchsabteilungen, wird schnell deutlich, dass Werder derzeit keineswegs so spielt, wie man es von Skripniks U23 oder U17 gewohnt war. Das Ideal, das Skripnik mit seinen Mannschaften anstrebte, war ein dominantes und technisch anspruchsvolles Kurzpassspiel gepaart mit einer offensiven Grundausrichtung und flexiblem Positionsspiel (manche sagen, er habe Schaafs System fit für das aktuelle Jahrzehnt gemacht). Davon ist Werders Profimannschaft eindeutig noch weit entfernt. Zwar ist eine klare spielerische Verbesserung seit letztem Oktober zu erkennen, doch letztlich agiert Werder noch immer sehr vertikal, setzt auf schnelles Umschaltspiel und hat nur selten mehr Ballbesitz als der Gegner. Es ist zweifellos clever, dass Skripnik seinem Team keine komplett neue Marschroute verordnet hat, sondern die unter Dutt gebildeten Strukturen (ja, die gibt es tatsächlich) aufgegriffen und verfeinert hat. Fraglich ist jedoch, wie er sich die weitere Entwicklung seines Teams vorstellt.

Einerseits sprechen die Erfolge dieser Saison durchaus dafür, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Es würde mich trotzdem überraschen, wenn sich Skripnik damit begnügen würde. Bei aller Freude über die 30 Punkte wird er nämlich nicht übersehen haben, dass sein Team noch in vielen Bereichen Nachholbedarf hat. Denn auch, wenn die Mannschaft inzwischen gefestigt wirkt und nur noch selten größere Ausschläge nach unten in der Leistungskurve aufweist, ist Werder in vielen Belangen noch keine Top-Mannschaft. Einen Hinweis darauf, dass die 30 Punkte ein Stück weit über den eigentlichen Fähigkeiten liegen, erhält man beim Blick aufs Torverhältnis: 31:31 Tore stehen dort zu Buche, trotz einem Sieg-Niederlagen-Verhältnis von 9:5. Die Siege werden derzeit eher knapp eingefahren. Den einzigen hohen Sieg feierte man beim 4:0 gegen Paderborn, sechsmal gewann man mit nur einem Tor Vorsprung, während man bei den Niederlagen immer mindestens mit zwei Toren Rückstand verlor. Damit will ich nicht anzweifeln, dass Werder die 30 Punkte verdient hat, aber es wird deutlich, dass sich eine leichte Formschwankung nach unten stärker auswirken würde, als eine leichte Formschwankung nach oben. Mit anderen Worten: Die Punkteausbeute ist besser, als man es bei der Torverteilung erwarten würde.

Das hohe Niveau, das die Punktzahl suggeriert, kann Werder noch nicht konstant auf den Platz bringen. Dies zeigt sich zumeist schon im Laufe einzelner Spiele, in denen Werder selten 90 Minuten auf hohem Niveau durchhält. Auffällig ist, wie häufig Werder einen guten Start hinlegt, insbesondere im Offensivspiel, dann jedoch auf eine ausgeprägte Defensivtaktik umstellen muss, um knappe Führungen über die Zeit zu schaukeln. Manchmal geht dies gut, manchmal nicht. In den meisten Fällen geht es aber sehr zu Lasten der offensiven Schlagfähigkeit. Teilweise verzichtet Werder in der Schlussphase fast vollständig auf das eigene Angriffsspiel und konzentriert sich komplett auf die Verteidigung des eigenen Tores. Dafür gibt es gute Gründe: Die Anzahl der Gegentore hat sich unter Skripnik zwar verringert (von 2,55 auf 1,82 pro Spiel), doch noch immer gehört Werder zu den Teams, die die meisten Treffer kassieren. Auch seit Skripniks Amtsübernahme mussten mit Paderborn und Frankfurt nur zwei Mannschaften mehr Gegentore hinnehmen.

Durchlaufstation auf dem Weg zum “Skripnik-Ball”?

Das alles ist zum aktuellen Zeitpunkt weder schlimm, noch wäre es anders zu erwarten gewesen. Für die neue Saison wird man sich dennoch einige Änderungen vorgenommen haben, auf taktischer wie personeller Ebene. Ob dies tatsächlich in Richtung eines dominanten Ballbesitzfußballs geht, ist allerdings fraglich. Denkbar wäre auch ein weiterhin reaktiver Ansatz mit verbesserten Defensivabläufen. Die bisherige Personalpolitik lässt durchaus beide Vermutungen zu. Dennoch wird jede Personalentscheidung für die Zukunft unter dem Aspekt der Tauglichkeit des Spielers für Skripniks Fußball bewertet. Dies führt häufig zu einer Schwarz-Weiß-Betrachtung, die die weiteren Zusammenhänge im Mannschaftsgefüge außer Acht lässt (Aycicek-Verlängerung und Profivertrag für Maxi Eggestein gut, Junuzovic-Verlängerung und Verhandlungen mit Fritz und Prödl schlecht). Auch mir fällt es schwer, mich davon bei der Bewertung frei zu machen.

Einer sich abzeichnenden Verlängerung mit Clemens Fritz stehe ich beispielsweise trotz des Formanstiegs seit der Rückversetzung ins Mittelfeld kritisch gegenüber. Eine Besetzung der Halbpositionen der Raute mit Fritz und Junuzovic ist aus meiner Sicht nicht geeignet, um dominanten Ballbesitzfußball zu spielen – sie steht einer spielerischen Entwicklung im Mittelfeld sogar entgegen. Doch wenn Skripnik selbst sich so sehr für den Verbleib des Kapitäns einsetzt, wird er seine Gründe dafür haben. Möglicherweise liegen diese nicht im spielerischen Bereich, sondern nur in seinen Führungsqualitäten und der Eigenschaft als Integrationsfigur. Angesichts eines sich ebenfalls abzeichnenden Abgangs Sebastian Prödls wäre diese Überlegung allemal verständlich (wenngleich sie mir persönlich nicht ausreicht).

Neue, alte Rahmenbedingungen

Ein Stück weit wird man sich von der Überlegung lösen müssen, dass Werder im kommenden Herbst schon auf einem Niveau angelangt sein wird, auf dem man mit einem Mittelfeld aus von Haacke, Eggestein, Öztunali und Aycicek die Gegner schwindelig kombinieren kann. An eine (langsamere) spielerische Weiterentwicklung in der kommenden Saison glaube ich aber durchaus. Durch den Selke-Wechsel hat sich die sportliche Leitung die gröbsten finanziellen Nöte vorerst vom Leib geschafft und den Handlungsspielraum für den Sommer vergrößert. Es ist auch ein Signal, dass in Bremen wieder Werte geschaffen und nicht nur vernichtet werden. Man wird aber auch damit leben müssen, dass dies Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen weckt und man vermutlich jedes Jahr Leistungsträger ersetzen muss. Dies sind die Rahmenbedingungen, unter denen Werder schon in der Vergangenheit nach oben und schließlich auch wieder nach unten geklettert ist.

Für Skripnik wird der Umgang damit die größte Herausforderung als Trainer bei Werder Bremen. Thomas Schaaf ist letztlich daran gescheitert, immer neue und unpassendere Spieler das Korsett seines Systems pressen zu wollen und müssen. Damit es Skripnik nicht ähnlich ergeht, wird er sich immer wieder anpassen und flexibel bleiben müssen. Bislang gibt es jedoch keinerlei Grund zum Zweifel daran, dass er für diese Aufgaben genau der richtige Trainer ist.

Winterpausengedanken

1. Testspiele

Drei Siege und eine deftige Niederlage – so sieht die Bilanz bisher aus. Gesehen habe ich nur das Testspiel in Duisburg, und das war grauenvoll. Ergebnisse aus Testspielen sind mir zwar relativ egal und zur Einordnung der Leistungen muss man die Trainingsumstände mit einbeziehen (Wurde vor dem Spiel noch trainiert? Gab es eine Vorbereitung wie bei einem Pflichtspiel? Was waren die Maßgaben des Trainers?). Unabhängig davon kann man aber festhalten, dass Werder gegen den Drittligisten nicht den Hauch einer Chance hatte, defensiv so trottelig wie eh und je agierte, sowie insgesamt den Eindruck erweckte, nicht sonderlich an diesem Spiel interessiert zu sein. Laufbereitschaft? Kompaktes Verschieben? Einstudierte Offensivaktionen? Alles Fehlanzeige. Man sollte meinen, dass knapp zwei Wochen vor Beginn der Rückrunde jede Chance gesucht wird, sich dem Trainer auf seiner Position aufzudrängen. Allerdings macht es dem Trainer die Auswahl auch nicht leichter, wenn keiner der in Frage kommenden Spieler eine ansprechende Leistung zeigt. Am ehesten wusste noch Aycicek zu überzeugen, da er zumindest einige gute Ideen in der Offensive hatte, aber es war, um es deutlich zu sagen, keineswegs eine Leistung, mit der man in einer Bundesligamannschaft positiv herausstechen sollte.

Zu hoch hängen sollte man das Spiel jedoch nicht. Schon die Testspiele zuvor haben gezeigt, dass defensiv noch viel Arbeit vor dem Team liegt. Skripnik sprach denn auch von einer “gesunden Niederlage”, weil den Spielern nun die Defiziten deutlicher gemacht werden könnten. Das war hoffentlich eine Standardfloskel, denn wenn das Team ernsthaft Spiele wie in Duisburg bräuchte, um auf die tiefgreifenden Probleme im Defensivspiel aufmerksam gemacht zu werden, könnte man die Hoffnung auf den Klassenerhalt wohl schon jetzt begraben.

2. Abgänge

Weiß endlich wo’s lang geht: Eljero Elia

Drei Spieler wurden in der Winterpause abgegeben und bei allen Dreien war es sowohl absehbar, als auch vernünftig. Ludovic Obraniak hatte zwar eine neue Chance bekommen unter Viktor Skripnik, war jedoch schnell wieder aus der erweiterten Stammelf gerutscht und stand zuletzt nicht nur hinter Nachwuchshoffnung Aycicek, sondern auch hinter dem Siebzehnjährigen Eggestein. Eine Trennung war somit unausweichlich. Nils Petersens Wechsel zu Freiburg überraschte nur insofern, als dass man damit einen direkten Konkurrenten vermeintlich stärkte (wobei auch der Witz die Runde machte, dass man die Freiburger damit gezielt schwächen wollte). Bei Petersen kamen zwei Dinge zusammen, die ihn bei Werders aufs Abstellgleis beförderten: 1.) Ein anhaltendes Formtief, gepaart mit langen Durststrecken ohne Treffer, was – wie bei Stürmern üblich – zu einem Verlust des Selbstbewusstseins führte. 2.) Generelle Vorbehalte gegen seine Tauglichkeit, da seine Schwächen (Technik, Ballbehauptung, Spiel mit dem Rücken zum Tor) auch in guten Phasen allzu deutlich sichtbar waren. Die erstarkte Konkurrenz mit Selke und Lorenzen bedeutete letztlich Petersens Aus in Bremen.

Etwas anders gelagert ist der Fall bei Eljero Elia. Nachdem er die letzte Saison mit recht ansprechenden Leistungen als zweiter Stürmer neben Di Santo beendete, wurde er im Laufe der Hinrunde wieder zum Pflegefall auf zwei Beinen. An Elias sportlichem Potential bestanden nie Zweifel, doch es gibt gute Gründe dafür, dass er in der Bundesliga auf seiner Position nie zu einem überdurchschnittlichen Spieler wurde – und erst recht nicht zu einem Leistungsträger, der seinen qua Gehalt herausragenden Status im Kader rechtfertigen würde. Einerseits zählt Elia zu den Spielern, deren einziger Treibstoff das Selbstbewusstsein ist. Das wurde immer dann deutlich, wenn er eines seiner spärlichen Erfolgserlebnisse hatte und in der Folge sichtlich aufblühte. Andererseits scheint Elia kaum zur kritischen Selbstreflexion fähig. Das wurde immer dann deutlich, wenn Kritik an ihm aufkam oder er nicht berücksichtigt wurde. Weder konnte er aus diesen Rückschlägen irgendwelche Lehren ziehen, noch die Kritik in positive Energie umwandeln. Die Diskrepanz zwischen dem Bild, das er in der Öffentlichkeit gerne von sich zeichnen wollte (“bester Linksaußen Europas”) und seinen überdeutlichen Selbstzweifeln auf dem Platz, die nach jeder schlechten Szene zu wachsen schienen, könnte größer kaum sein. Elia wäre gerne ein Künstler, lässt aber das einfache Handwerk vermissen. Das kann sich ein Verein wie Werder in der aktuellen Situation nicht leisten. Bei Southampton, einem gut eingespielten Kollektiv mit der besten Defensive der Premier League, mag das anders aussehen. Ob Elia dort jedoch mit den unweigerlich kommenden Rückschlägen besser fertig wird, steht auf einem anderen Blatt.

3. Zugänge

Alle drei Abgänge spielten unter Skripnik keine Rolle mehr im Team. Sie müssen somit nicht direkt ersetzt werden. Die Forderung nach Neuzugängen ist daher auch losgelöst von diesen Transfers. Die Schlagrichtung hat sich dabei in den letzten Monaten jedoch ein Stück weit geändert. Zwar fordern Teile der Fans immer noch einen Großeinkauf und “dass der Verein endlich mal richtig ins Risiko geht”. Eine grundlegende Änderung der Einkaufspolitik hat es trotzdem nicht gegeben. Das dürfte zu einem nicht unwesentlichen Teil an der gelungenen Integration mehrerer Nachwuchsspieler unter Viktor Skripnik liegen. Der als “alternativlos” bezeichnete Weg der Einbindung eigener Talente wird nun auch gegangen, nicht nur ausgemalt. Ohne Neuzugänge dürfte es dennoch schwierig werden, die Klasse zu halten. Dabei stehen nun nicht mehr offensive Hoffnungsträger wie Bryan Ruiz im Mittelpunkt des Interesses, sondern erfahrene Spieler auf den wichtigsten Defensivpositionen: Torwart (siehe unten), Innenverteidigung und defensives Mittelfeld.

Wird entweder der der neue Micoud oder der neue Diego: Levin Öztunali

In der Innenverteidigung stehen theoretisch vier erfahrene Spieler zur Verfügung, doch durch Prödls Verletzung (und schwierige Vertragssituation) und Caldirolas tiefes Formloch ist die Position, die im Sommer noch tief genug besetzt schien, zum großen Problem geworden. Nachwuchsmann Hüsing scheint mir noch nicht weit genug zu sein und Lukimya sollte in einer Bundesligamannschaft nicht mehr als ein Ergänzungsspieler sein. Bleibt lediglich Gálvez als Konstante, der bislang aber auch nur an Prödls Seite wirklich überzeugen konnte. Ein weiterer Innenverteidiger wäre wünschenswert, ergibt aber nur bei einem gleichzeitigen Abgang Sinn. Einziger Kandidat dafür wäre Caldirola (Lukimyas Vertrag wurde erst verlängert und wer kauft schon einen verletzten Prödl, der im Sommer ablösefrei zu haben ist?). Ob man die Hoffnung in den Italiener aber schon vollständig aufgegeben hat, weiß ich nicht. Mehr als ein weiteres Leihgeschäft kann ich mir dennoch nicht vorstellen.

Die Problematik im defensiven Mittelfeld besteht schon so lange, dass ich schon nicht mehr damit gerechnet habe, dass man sie bei Werder noch bemerkt. Es ist mir unbegreiflich, dass seit Baumanns Karriereende, also seit fünfeinhalb Jahren bzw. elf Transferphasen, nie Geld für einen richtig guten Sechser in die Hand genommen wurde (Makiadi lasse ich nicht gelten, denn bei ihm war vorher klar, dass er kein eigentlicher Sechser ist, sondern wahlweise Achter/Box-to-Box-/Verbindungsspieler). Wahlweise setzte man auf den Nachwuchs (Bargfrede), holte unerfahrene Talente (Trybull) oder schulte Spieler um (Kroos, Gálvez). Wie konnte ein Verein, der soviel auf seine Tradition mit der Raute im Mittelfeld gibt, nur die Bedeutung einer solch wichtigen Position so massiv unterschätzen? Doch auch die lokale Presse träumt noch immer von einem neuen Johan Micoud, statt sich die Konkurrenz anzuschauen und einen Daniel Baier zu fordern. Neuzugang Levin Öztunali ist für mich daher eher eine “Zugabe”, ein Spieler für die Breite in der Offensive, der im Sommer für ein Jahr die Nachfolge Junuzovics antreten könnte.

Auf der Sechserposition ist der Bedarf im Kader meiner Meinung nach am Größten (siehe Punkt 5). Im Winter wird es doppelt schwer, dieses Versäumnis nachzuholen. Gesucht wird kein reines Kampfschwein oder Zweikampfgott, sondern ein intelligenter und technisch starker Spieler vor der Abwehr, der gutes Positionsspiel, Passicherheit und strategische Fähigkeiten mitbringt. Kein leichtes Anforderungsprofil, aber andere Vereine haben bewiesen, dass man keinen dicken Geldbeutel braucht, um dort fündig zu werden.

4. Torwartdiskussion

Die dritte kritische Position ist die des Torwarts. Hier ist Eichin alles andere als clever vorgegangen, hat sich sehr früh weit aus dem Fenster gelehnt und somit dazu beigetragen, dass Werder in diesem Winter ein großes Torwartproblem hat. In erster Linie liegt der Grund dafür natürlich in Wolfs Leistungen. Leider konnte er sich nach seiner soliden Rückrunde nicht weiterentwickeln, sondern ließ genau die Mängel erkennen, die ihm seine Kritiker schon lange vorhalten: Probleme bei der Strafraumbeherrschung, Antizipation und Spieleröffnung. Wolf geht wenige Risiken ein und schießt daher auch nur selten richtige (offensichtliche) Böcke. Mit seiner passiven Art hat er dennoch seinen Anteil an Werders wackliger Defensive. Ob er in der Hinrunde der schwächste oder nur einer der schwächsten Stammtorhüter der Liga war, möchte ich nicht beurteilen. Festhalten kann man aber, dass er mit den gezeigten Leistungen nicht die unumstrittene Nummer 1 sein sollte.

Doch keine Konkurrenten: Richard Strebinger und Raphael Wolf

Durch Eichins Äußerungen wurde dieses Problem jedoch nach außen getragen und inzwischen zeigen sich alle Beteiligten so genervt von der Situation, dass jedes noch so überzeugend vorgetragene Bekenntnis zu Wolf nicht mehr glaubwürdig ist. Die Diskussion soll mit aller Macht beendet werden. Wie aber soll das gehen, wenn offensichtlich wurde, dass Werders Vereantwortliche Strebinger und Husic für (noch?) nicht bundesligatauglich halten und aus dem Wunsch Felix Wiedwald als Herausforderer für Wolf zu verpflichten, nie einen Hehl machten? Wie könnten sie auch mit dem Status Quo zufrieden sein, dass die Nummer 1 schwächelt und niemand da ist, der (analog zu Wolf/Mielitz letzte Saison) die Situation nutzen könnte? Die nun gefundene Übergangslösung mit Casteels als Leihgabe bis Saisonende ist zumindest aus vertraglicher Sicht sinnvoll (sofern man mit Wiedwald bereits einig ist, wovon ich ausgehe). Sportlich sind jedoch gewisse Zweifel angebracht. Es ist nicht optimal, angesichts der Situation nur eine vorgebliche Nummer 2 zu verpflichten, doch zumindest hat Skripnik nun zwei Torhüter mit Bundesligaerfahrung im Kader und einen größeren Konkurrenzkampf auf der Position.

5. Gegentorflut

39 Gegentore setzte es in der Hinrunde, so viele wie noch nie in Werders Bundesligageschichte. Das ist überaus besorgniserregend und der Schlüssel zum Klassenerhalt wird sein, diese Flut an Gegentoren einzudämmen. Nur wie? Sowohl Schaaf (Rückrunde 2013) als auch Dutt (2013/14) haben dieses Problem nur zeitweise und unter weitgehendem Verzicht auf eigene Offensivbemühungen in den Griff bekommen. Bislang deutet wenig darauf hin, dass sich dies unter Skripnik ändert. Zwar ist Werder im Vergleich zum desaströsen ersten Saisonviertel etwas stabiler geworden, doch auch unter Skripnik setzte es im Schnitt zwei Gegentore pro Bundesligaspiel.

Die größte Stärke, die die Rautenformation in der Defensive hat, ist die 4-3-Stellung in Abwehr und Mittelfeld, mit der sich die Schnittstellen im Zentrum (zumindest in der Theorie) gut verschließen lassen. Diese Stärke muss Werder nutzen. Ich bin kein Fan davon, möglichst viele Offensivspieler in die Raute zu integrieren. Viel wichtiger ist die richtige Balance der hinteren drei Rautenspieler, zumal die Viererkette dahinter alles andere als sattelfest ist. Da Junuzovic auf der linken Halbposition gesetzt sein dürfte, sollte die rechte Halbposition meiner Meinung nach standardmäßig defensiver besetzt werden. Dies war in der Hinrunde der Fall, als Clemens Fritz von Skripnik dorthin versetzt wurde. Der in die Jahre gekommene Fritz hat jedoch bei allen verbliebenen Qualitäten deutliche Schwächen und funktioniert meiner Meinung nach nur vor einem deutlich überdurchschnittlichen Sechser. Ich sehe Bargfrede potentiell immer noch als solchen, aber mangels konstantem Aufbauspiel und strategischem Geschick nicht in einer Raute. Felix Kroos hingegen ist in diesen Bereichen stärker und an guten Tagen ein geeigneter Spieler für diese Position. Allerdings ist er zu unkonstant und zweikampfschwach, braucht somit zwingend einen zuverlässigen Ausputzer an seiner Seite – einen wie Bargfrede.

Vieles spricht also dafür, Kroos und Bargfrede neben Junuzovic spielen zu lassen, doch damit schafft man sich ein neues Problem: Wohin mit Clemens Fritz? So oder so sind es nur Notlösungen, die Werder mit dem aktuellen Kader aufbieten kann. Versucht Skripnik also die Flucht nach vorne, wie gegen Duisburg? Oder wird Werder doch noch auf dem Transfermarkt tätig?

6. Prognose

Die “Skripnik-Bilanz”, nach der Werder seit dem Trainerwechsel auf Platz 5 der Tabelle liegt, macht in der Tat Hoffnung, dass Werder in der Rückrunde mehr Punkte holen könnte, als in der Hinrunde. Vor allem in den Heimspielen hinterließ Werder einen guten Eindruck und holte 10 von 12 möglichen Punkten. Da man zum Rückrundenauftakt in den ersten vier Spielen dreimal im Weserstadion antreten darf, liegt der Gedanke nahe, dass Werder sich schon nach dem 21. Spieltag vom Tabellenende abgesetzt haben könnte. Da die Gegner jedoch Hertha, Leverkusen und Augsburg heißen, glaube ich nicht daran, dass dies so eintreten wird. Auch einen anhaltenden Aufwärtstrend erwarte ich nicht in der Rückrunde. Ich rechne mit einem Kampf um den Klassenerhalt bis zum Saisonende.

Torsten Frings und Viktor Skripnik: Hütchen- oder Hoffnungsträger?

Die Hypothek von vier Punkten aus den ersten neun Spielen wiegt noch immer schwer. Nichtsdestotrotz besteht bei der jungen Mannschaft die Chance, im Laufe der Rückrunde das Spielniveau zu steigern. Wenn es wider erwarten gelingt, die Defensive zu stabilisieren und Werder von Verletzungen verschont bleibt, möchte ich nicht ausschließen, dass das Team die guten Ergebnisse unter Skripnik fortsetzt und sich im Mittelfeld der Liga etabliert. Es gibt etliche Spieler im Kader, von denen man einen Formanstieg (Garcia, Caldirola, Kroos) bzw. eine Weiterentwicklung (Aycicek, Öztunali, Selke, Lorenzen, Zander) erwarten kann. Doch Entwicklungen verlaufen im Fußball selten linear. Gleichzeitig ist nicht sicher, ob Junuzovic, Di Santo und Bartels ihre Form aus der Hinrunde konservieren können.

Letztlich sind es vor allem die vielen Variablen in Werders Erfolgsformel, die mich an einem Leistungsschub zweifeln lassen. Solange die defensiven Probleme im Zentrum nicht gelöst sind – und hierzu zähle ich ausdrücklich Verstärkungen auf der Sechs und in der Innenverteidigung – zählt Werder für mich daher zu den vier bis fünf wahrscheinlichsten Abstiegskandidaten. Vom Potential her braucht es aber nicht viele Anpassungen, um aus dem Kader wieder ein Team fürs gesicherte Mittelfeld zu machen. Dies war – man erinnere sich – auch das vor der Saison ausgegebene Ziel. Noch ist es möglich, dies zu erreichen, aber durch das dünne Eis unter den Füßen schimmert weiterhin bedrohlich der Abgrund der zweiten Liga.

Robin Dutt und die Suche nach der Balance

Es hat sich nicht unbedingt angedeutet, dass nach nur fünf Spieltage dieser Saison eine Trainerdiskussion beginnt. Nachdem Robin Dutts Team in den bisherigen Spielen mehr Fragen als Antworten aufgegeben hat, scheint es jedoch ohnehin nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Diskussion den Verein erreicht.

Lost in transition

Wirklich schlecht hat Werder bislang kaum gespielt in dieser Saison. Im Pokal war die Leistung über weite Strecken schwach. Gegen Hertha schien sich diese zu bestätigen, doch immer wieder konnte Werder zulegen und war insgesamt spielerisch mit den Gegnern auf Augenhöhe – Leverkusen einmal außen vor. Dennoch hat Werder in dieser Saison wieder etwas sehr Fragiles an sich, das man letzte Saison (trotz der insgesamt 66 Gegentore) überwunden glaubte. Der unverkennbare offensive Fortschritt steht auf tönernen Füßen. Robin Dutt sieht den Grund für die 13 Gegentore nicht in der offensiveren Spielweise und in der Tat war es nur selten so, dass Werder ausgekontert wurde oder sich hinten in Unterzahl befand. Und doch ist Robin Dutt bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er mit seiner Mannschaft auch dann erfolgreich sein kann, wenn der Fokus nicht komplett auf der Defensive liegt.

Zu Beginn der letzten Saison und zu Beginn der Rückrunde zeigte Werder jeweils erschreckende fußballerische Mängel, konnte jedoch mit konzentriertem und sehr simplem Defensivfußball genügend Punkte holen, um sich aus dem gröbsten Abstiegssumpf herauszuhalten. Es gab auch zu jener Zeit Spiele, in denen Werder völlig unterging. Schön anzusehen war der Stil ohnehin nicht. Aber er war pragmatisch genug, um trotz spielerischer Unterlegenheit genügend Punkte zu holen. Dazwischen gab es eine Phase, in der Dutt mehr Offensive gewagt hat und damit kräftig auf die Nase gefallen ist. Zwischen dem 10. und dem 16. Spieltag kassierte man 25 Gegentore (3,6 pro Spiel). Gängige Meinung damals: Der Schritt kam zu früh für die Mannschaft, also kehrte man zum Defensivstil zurück. Im letzten Saisondrittel gab es einen erneuten Versucht und diesmal schien der Weg erfolgreicher zu sein. Mit dem Rückenwind des fast sicheren Klassenerhalts steigerte sich Werder spielerisch. Es bildeten sich mehr feste Abläufe in Werders Spiel. Dutt hielt an einem System und einem Kreis von 13-14 Spielern fest. Es war der Anfang einer fußballerische Entwicklung, die man lange Zeit in der Saison vermisst hatte.

Eine Fortführung dieser Entwicklung war für diese Saison erhofft worden und eigentlich kann man nicht bestreiten, dass Werder sich diesbezüglich auf eine recht guten Weg befindet – wenn die alten Defensivschwächen nicht aufgetreten wären. Es wäre falsch, diese ausschließlich auf individuelle Fehler zu schieben, doch es ist schon frappierend, wie häufig Werder in Situationen Gegentore kassiert, in denen das Team eigentlich recht geordnet steht. Das Tor zum 1:1 in Augsburg war ein gutes Beispiel hierfür. 20 Meter vor dem eigenen Tor einen ballführenden gegnerischen Spieler nicht unter Druck zu setzen, kann man sich in der Bundesliga nicht erlauben. Dass Fritz seinen Gegenspieler aus den Augen verliert, nachdem Augsburg von der ersten Minute an versucht hatte, die Bälle in seinen Rücken zu spielen, kommt erschwerend hinzu.

O captain, my captain

Hier wären wir leider auch schon beim nächsten Problem: Der Kapitän hat einen Punkt erreicht, an dem er eigentlich spielerisch nicht mehr tragbar ist für seine Mannschaft. So wichtig er im sozialen Gefüge des Teams sein mag, so sehr trägt er in der Defensive zur Verunsicherung der Mannschaft bei. Bereits im ersten Spiel der Saison in Illertissen verschuldete Fritz auf erschreckende Weise ein Gegentor. Das Tor war exemplarisch für die Schwächen, die sich wie ein roter Faden durch die letzten beiden Jahre ziehen. Selbst im Strafraum wird der aktive Zweikampf gescheut, getreu dem Motto: Lieber den Gegner schießen lassen, als von ihm ausgetanzt zu werden. Das ist Alibifußball, den man sich als Kapitän nicht erlauben darf.

Es ist ohnehin frappierend, wie häufig Fritz offenkundig abschaltet, schon bevor das Gegentor gefallen ist, wie zum Beispiel beim 0:1 gegen Hoffenheim, als Fritz zunächst fragwürdig einrückte und dann an der Strafraumgrenze stehen blieb, statt auf einen eventuellen Abpraller zu spekulieren. In Berlin gab es eine ähnliche Szene beim 0:1. In beiden Fällen hätte Fritz das Gegentor nicht mehr verhindern können, doch dass er dies schon vorher als gegeben sieht und an der Stelle das Mitspielen einstellt, ist ein schlechtes Zeichen an die Mannschaft. Nicht zufällig wird von den meisten Gegnern inzwischen Werders rechte Abwehrseite von den Gegnern gezielt angespielt und auch Dutts Präferenz für einen sehr linkslastigen Angriffsstil dürfte unter anderem darauf abzielen, für ein wenig Entlastung auf den Schultern des Kapitäns zu sorgen.

Die ersten Saisonspiele haben deutlich gemacht, dass der Wechsel hin zu Busch (bzw. Zander) eher früher als später erfolgen muss. Zumindest aber braucht Fritz wie in der letzten Saison viel Unterstützung vom Spieler vor ihm. Ein Konterspieler wie Bartels ist da nicht ideal. Gut denkbar daher, dass Busch zunächst die Rolle von Selassie aus der letzten Saison übernimmt und zusammen mit Fritz die rechte Seite dicht machen soll.

Aufs falsche Pferd gewettet?

Bartels könnte somit auf die andere Seite hinüber wechseln, wo Eljero Elia weiterhin sein bekanntes, phlegmatisches Spiel an den Tag legt. Den immer wieder durchschimmernden starken Aktionen folgen genauso regelmäßig absurde Fehler und zeitweiliges Abtauchen. Dazu kommen die bekannte Abschlussschwäche (die Werder gegen Schalke eines der schönsten Kontertore der letzten Jahre verwehrte) und die mentale Anfälligkeit, die ihn gegen Augsburg und Schalke völlig aus dem Spiel brachte. Für einen Spieler seiner Gehaltsklasse und mit seiner Erfahrung ist das viel zu wenig.

Umso erstaunlicher ist es, dass Dutt den in der U23 groß aufspielenden Aycicek genauso wenig beachtet, wie den in Ungnade gefallenen Obraniak. Aycicek wurde durch die Ausfälle am Dienstag zumindest in den Kader gespült und kam zu seinem ersten Saisoneinsatz. Obraniak scheint nur noch gebraucht zu werden, um den freien Platz auf der Bank auszufüllen. Es müsste wohl schon einiges passieren, damit der Pole noch einmal ins Team rutscht. Da auch Neuzugang Hajrovic noch weit davon entfernt ist, die Mannschaft spielerisch zu beleben, bleibt ein riesiger Berg an Verantwortung auf Zlatko Junuzovics Schultern liegen. Als offensiverer (oder auf vertikaler) Sechser ist er Werders wichtigster Umschaltspieler, der – auch systembedingt durch das Fehlen eines 10ers im 4-4-2 – einen riesigen Raum zwischen Abwehrkette und Sturmspitze beackern muss. Ein wenig erinnert dies an seine Rolle vor zwei Jahren in Schaafs 4-1-4-1- System. Anders als damals hat er heute jedoch einen weiteren Sechser neben bzw. hinter sich. Leider zeigt Gálvez in der Position trotz vielversprechender Ansätze bisher mehr Schatten als Licht. Insbesondere im Zweikampfverhalten tut sich der gelernte Innenverteidiger in der ungewohnten Rolle noch schwer.

Viel Richtiges im Falschen

Die Gefahr der drei Unentschieden zu Beginn war immer, dass sie im Licht der folgenden Ergebnisse gedeutet werden würden. Vor acht Tagen war Werder noch ohne Niederlage, heute ist man fünf Spiele sieglos. Solche Serien haben Auswirkungen auf den mentalen Zustand der Mannschaft. Gegen Schalke hatte Werder zum ersten Mal nach dem Rückstand nichts mehr gegenzusetzen. Die individuellen Fehler von Wolf und Galvez wogen zu schwer, als dass Werder gegen die folglich selbstbewussteren Schalke eine erneute Aufholjagd starten konnten. Die Gewissheit, Rückstände drehen zu können, die sich in den Köpfen der Spieler verfestig zu haben scheint, beginnt spätestens jetzt zu bröckeln. Es war ohnehin klar, dass dies nicht über längere Zeit möglich sein würde – wer ständig in Rückstand gerät, verliert die meisten Spiele.

Nun droht sie die Entwicklung zu verselbstständigen, wie so häufig im Fußball. Ich halte Dutt für einen geeigneten Trainer, um dagegen zu lenken. Seine größte Stärke war bislang sein Pragmatismus, der in Bremen schon für einige Verwirrung gesorgt hat. Vielleicht muss Dutt dazu jedoch erneut von seinem eingeschlagenen Weg abweichen und würde somit zum zweiten Mal eingestehen, dass Werders spielerischer Entwicklung das Fundament fehlte. Eine Rückkehr zum Stil der letzten Saison wünscht sich vermutlich niemand, doch ich glaube nicht, dass Dutt davor zurückschrecken würde, wenn er es für den einzigen Weg aus dem Tabellenkeller hielte. Eine erneute Niederlage heute gegen Wolfsburg könnte den entscheidenden Anstoß dafür liefern, denn dann wird auch Dutt wissen, dass all seine Bemühungen ein Spiel auf Zeit sind, solange Werder im Tabellenkeller steht.

Solange der größte Trumpf des Teams, die immer wieder betonte “Mentalität” der Mannschaft, nicht zu bröckeln beginnt, wird Dutt intern meiner Auffassung nach den nötigen Rückhalt bekommen. Die Mannschaft machte auf mich bislang nicht den Eindruck, dass ihr grundsätzlich etwas fehle, um in der Bundesliga mitzuhalten. Auch gegen Schalke machte man vieles richtig und hätte gegen die taktisch nicht überzeugenden und spielerisch verunsicherten Gäste durchaus gewinnen können. Zum Abschluss ein sinngemäßes Zitat, das ich vor kurzem im Worum aufgeschnappt habe und das ich sehr treffend finde: Es sind schon häufiger Mannschaften aus der Bundesliga abgestiegen, die vieles richtig gemacht haben, in der letzten Saison zum Beispiel Nürnberg. Es kommt vielmehr darauf an, wenig falsch zu machen.

Treffender kann man Werders derzeitige Probleme in zwei Sätzen kaum beschreiben.

Werder-News 11/09/23

Zunächst ein paar Blog-Updates: Während Deutschland mit der Trennung von Kirche und Staat so seine Probleme hat, habe ich hier eine Trennung von Blog und News-Bereich vollzogen. Die News werden jetzt nicht mehr im eigentlichen Blog angezeigt, sondern sind über den Tab “Werder-News” oben in der Menüleiste abrufbar. Der RSS-Feed ist nun in drei unterschiedlichen Versionen abonnierbar: Nur Blog, nur News oder das volle Packet. Rechts in der Seitenleiste sind die Feeds aufgeführt. Standardmäßig bekommen alle bisherigen Abonnenten sowohl Blog als auch News. Könnt ihr dann ja selber ändern, wenn ihr möchtet.

Außerdem gibt es seit gestern Abend eine Facebook-Page zum Blog, die ich wohl in erster Linie für kürzere Einträge nutzen werde (alles, was fürs Blog zu wenig und für Twitter zu viel ist). Ihr dürft gerne auf Gefällt mir klicken!

So, nun aber zu den eigentlichen Werder-News des Tages:

Maurermeister Schaaf?

Bundesliga, 15. Spieltag: VfL Wolfsburg – Werder Bremen 0:0

Ein 0:0 auswärts in der Bundesliga ist für Werder in dieser Hinrunde ein gutes Ergebnis, egal gegen welchen Gegner. Man hat es schon zu sehr akzeptiert, als dass man sich über diese Tatsache noch richtig ärgern müsste. Gegen Wolfsburg war mehr als ein Punkt drin, weil Werder einen weiteren Schritt zu mehr defensiver Stabilität tat und trotzdem mehrere richtig gute Torchancen hatte. Allerdings hatte dieses Spiel eigentlich keinen Sieger – und wenn man ehrlich ist auch keine Tore – verdient.

Wolfsburg spielte über weite Strecken erschreckend schwach. Ein spielerisches Konzept konnte ich bei Steve McClarens Truppe nicht erkennen, vielmehr hieß die einzige Waffe im Offensivspiel Diego. Edin Dzekos Leistung war eine absolute Frechheit und die Wolfsburger scheinen gut darin beraten, den Ausnahmestürmer in der Winterpause für eine fürstliche Ablöse nach Madrid gehen zu lassen (falls ihm Hugo Almeida schwimmender Weise nicht zuvor kommt, har har). Wolfsburg war in den ersten 20-30 Minuten gefährlich, weil Diego gefährlich war. Danach kam nur noch sehr wenig. Das Spiel zeigte ganz gut, warum es für Werder in dieser Saison Gift wäre, Diego in der Mannschaft zu haben – auch wenn mir hierbei viele Fans widersprechen werden. Diego könnte mit seiner individuellen Klasse einige unserer strukturellen Defizite überdecken (wie auch schon zum Teil 2008/09), doch genau das wäre das Problem. Die Abhängigkeit von seinen genialen Ideen ist nichts, worum man Wolfsburg beneiden müsste. Unsere strukturellen Probleme (Spieleröffnung, Raumaufteilung) liegen momentan offener denn je und inzwischen habe ich auch das Gefühl, dass an ihnen gearbeitet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit einem Diego, der als Alibi für andere Spieler fungieren kann, auch so wäre.

Politik der kleinen Schritte

Wenn das Spiel gegen St. Pauli ein kleiner Schritt nach vorne war, kann man das Wolfsburgspiel zumindest als einen Schritt zur Seite betrachten. Und da sich momentan alles, was kein weiterer Rückschritt ist, wie ein Fortschritt anfühlt, darf das Team aus diesem Spiel auch gerne etwas Selbstvertrauen schöpfen, bevor es gegen Inter und Dortmund wieder erschüttert zu werden droht. Es gibt in diesem Jahr noch ein wichtiges Spiel und das findet am 17. Spieltag gegen Kaiserslautern statt. Heute in der Champions League geht es wie schon in London darum, das Gesicht zu wahren. Gegen Dortmund befürchte ich kein Debakel, denn dafür werden sie uns für zu leicht befinden und ihre Kräfte für die Europa League schonen. Dortmund hat übrigens 7 Punkte mehr auf dem Konto als Werder zum selben Zeitpunkt in der Doublesaison. An dieses Spiel sollte man als Fan völlig erwartungslos herangehen.

Spielerisch geht es bei Werder noch nicht wirklich vorwärts, doch das kann man in dieser Hinrunde auch nicht mehr verlangen. Die personelle Situation, die kurzen Pausen zwischen den Spielen, die zwischenzeitliche Unruhe in Mannschaft und Umfeld – da kann man sich eigentlich nur die Wunden lecken und nach der Winterpause einen Neustart versuchen. Bei aller berechtigten Kritik darf man eben auch nicht vergessen, dass da teils Spieler auf dem Platz stehen, die eigentlich nur vierte oder fünfte Wahl auf ihrer Position sind. Wie würde sich ein Sandro Wagner wohl präsentieren, wenn er bei Dortmund in der 75. Minute eingewechselt werden würde, statt bei Werder den Lückenbüßer für unsere Ausfälle im Sturm zu geben? Die Übergänge vom vielversprechenden Sturmtalent zum scheinbaren Nichtskönner sind fließend, gerade für neue Spieler.

Der dritte Mann im Zentrum

Schon allein deshalb ziehe ich meinen Hut vor Dominik Schmidt. Dank seinen soliden Leistungen als Außenverteidiger (nicht mehr und nicht weniger sind sie) haben wir Clemens Fritzs Fähigkeiten als Sechser kennengelernt. Wenn die Aufstellung vor dem Spiel (Fritz als 6er, Bargfrede als offensiver rechter Mittelfeldspieler) noch überraschte, ergab die letztliche Aufteilung auf dem Spielfeld doch mehr Sinn. Werder spielte mit drei zentralen Mittelfeldspielern, um Wolfsburgs Raute im Schach zu halten und hatte in Hunt, Marin und Arnautovic drei variable Spieler in der Offensive, die ihre Sache ordentlich machten. Ein Problem ist in dieser Zusammensetzung die fehlende Präsenz in der Sturmspitze. Arnautovic spielt raumgreifend, weicht auf die Flügel aus und bräuchte dann eine Anspielstation im Strafraum. Da Hunt und Marin dafür kaum in Frage kommen, war es einige Male Bargfrede, der an der Strafraumgrenze angespielt wurde (bin ich der Einzige, der sich für diese Situationen einen fitten Tim Borowski gewünscht hätte?). Aus einer solchen Situation entstand schließlich auch der Elfmeter für Werder.

Leider verschoss Frings zum zweiten Mal in Folge, was für Sky Grund genug war, die Interviews nach dem Spiel auf diese Tatsache auszurichten. Wer aus diesen beiden Fehlschüssen eine Tendenz herauslesen möchte – bitteschön. Ich glaube eher, dass die 20er Serie ein statistischer Zufall war, denn obwohl Frings insgesamt gute Elfmeter schießt, war da auch der eine oder andere schwache Schuss dabei, der mit Glück trotzdem ins Tor ging. Dass das nicht immer klappen kann, ist eigentlich klar. Wollen wir hoffen, dass der Lutscher das mental wegsteckt und keine Serie daraus wird, denn seine Reaktion hinterher wirkte schon ein wenig dünnhäutig.

Übergangsjacke oder Wintermantel?

Hätten Arnautovic oder Hunt ihre Großchancen kurz vor Schluss genutzt, wäre das Fazit noch etwas positiver ausgefallen. So bleibt ein weiteres Zu-Null-Spiel, auf das man sich nicht viel einbilden darf, aber das der geschundenen Verteidigerseele sicherlich gut tut. Wenn Per Mertesacker jetzt noch seinen obligatorischen Katastrophenpass in den Fuß eines Gegenspielers aus dem Repertoire streicht, sieht das doch schon wieder nach einem Nationalspieler aus. Ansonsten fragt man sich natürlich, welche Elemente aus Werders Spiel Zukunft haben. Ist Schmidt mehr als nur eine Übergangslösung? Damit verbunden: Sehen wir Fritz noch häufiger im defensiven Mittelfeld? Ist die Lösung mit dem dritten zentralen Mittelfeldspieler ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Können nicht gerade Marin und Hunt mit ihrer Spielweise davon profitieren? Und was platzt bei Arnautovic zuerst? Der Knoten oder der Kragen? Man hat bei ihm ja so den Eindruck, dass er noch gut auf 12-15 Saisontore kommen könnte, wenn er denn mal einen Lauf bekommt. Warum nicht gleich heute gegen Inter?

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr

Heute gibt’s den letzten Teil meiner Sommerpausen-Trilogie. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich zwei Posts daraus gemacht.

Tor:

Tim Wiese: Er ist die unangefochtene Nummer 1 bei Werder. Seine Leistungen sind beständig auf hohem bis sehr hohem Niveau. In den letzten beiden Jahren hat er sich vom „Reflexgott“ zu einem mitspielenden Torwart entwickelt und konsequent an seinen Schwächen gearbeitet. Gilt trotzdem als Torwart alter Schule und hat fußballerische Defizite sowie Probleme bei der Strafraumbeherrschung.

Christian Vander: Eine solide Nummer 2 – nicht mehr, nicht weniger. Hat die Wackler aus der Anfangszeit bei Werder weitgehend abgestellt. Übt jedoch keinen Druck auf Wiese als Nummer 1 aus. Momentan ist dies kein Problem, mittelfristig sollte Werder die Position überdenken.

Nachwuchs: Sebastian Miellitz (21) und Felix Wiedwald (20) stehen hinter den beiden etablierten Torhütern im zweiten Glied. Beide sammelten in der letzten Saison durch Verletzungen der Konkurrenten schon Erfahrungen im Spieltagskader der Profis. Miellitz kommt bereits auf drei Einsätze bei den Profis, doch in Wiedwald sehe ich (von den wenigen Eindrücken, die ich von beiden habe) das größere Potenzial. Langfristig wird sich höchstens einer von beiden bei Werder etablieren können. Ihr Ziel muss es zunächst sein, sich durch starke Leistungen in der U23 für die Profis zu empfehlen und die Position von Christian Vander anzugreifen. Fraglich, ob einer von beiden irgendwann Tim Wiese ersetzen kann.

Transfers: Im Tor sind keine Transfers geplant. Die vorhandenen Torhüter werden nicht abgegeben. Als einzigen möglichen Grund für eine Neuverpflichtung in letzter Minute könnte ich mir eine langfristige Verletzung von Tim Wiese vorstellen.

Abwehr:

Per Mertesacker: Gesetzt in der Innenverteidigung. Hat eine durchwachsene WM gespielt und auch seine letzte Saison war nicht die beste. Bei Fans und Trainer trotzdem unumstritten. Beeindruckt nach wie vor mit seiner Ruhe und Übersicht. Entgegen vieler Kritiken mit guter Spieleröffnung. Größte Schwäche ist seine fehlende Schnelligkeit, die er gerade bei der WM zu selten durch gutes Stellungsspiel wettmachen konnte. Stagniert etwas, allerdings auf hohem Niveau. Verbesserungspotenzial vor allem beim Antizipieren von Spielsituationen. Spekulationen um einen Wechsel zu Arsenal erteilte Klaus Allofs eine Absage.

Naldo: Hat zurück zu seiner Form gefunden. In der vergangenen Saison insgesamt der bessere der beiden Innenverteidiger. Trotz seiner Größe schneller als Mertesacker und technisch sehr beschlagen. Sein Offensivdrang ist Segen und Fluch zugleich, da Werder ohnehin sehr risikoreich spielt. Erzielte allerdings letzte Saison für einen Abwehrspieler sensationelle 13 Saisontore. Vom Gesamtpaket her einer der besten Innenverteidiger der Liga, mit leichtem Hang zu Unkonzentriertheiten. Leider seit Beginn der Sommerpause angeschlagen und mit großem Fragezeichen versehen, was seine Genesung angeht. Ein längerer Ausfall wäre für Werder ein herber Verlust.

Sebastian Prödl: Hat sich bei Werder bislang unter Wert verkauft. Ist nach wie vor ein großes Talent, musste jedoch immer wieder auf der rechten Außenbahn aushelfen, wo er Probleme hatte. In der Innenverteidigung kam er nur bei Ausfällen zum Einsatz und konnte dabei nicht immer überzeugen. Ähnlich kopfballstark wie Mertesacker und Naldo, dazu mit viel Dynamik und guter Antizipation. Für einen Stammplatz jedoch noch nicht beständig genug und unter normalen Bedingungen mit wenig Aussicht auf mehr Spielpraxis. Spielte eine gute Vorbereitung. Naldos Verletzung könnte seine Chance sein.

Petri Pasanen: Routinier und Defensivallrounder. In der letzten Rückrunde mal wieder solider Rückhalt auf der linken Abwehrseite. Seine Wunschposition ist jedoch die Innenverteidigung, wo er wegen der großen Konkurrenz aber nur selten eingesetzt wird. Hat sich mit seiner Rolle als Aushilfskraft arrangiert und kommt dank seiner Vielseitigkeit trotzdem regelmäßig zum Einsatz. Defensiv sehr solide und taktisch gut geschult. Auf der Außenbahn nach vorne eher zaghaft, wenn auch längst nicht so harmlos wie oft dargestellt. Hat zu Saisonbeginn einen kleinen Vorsprung vor Boenisch.

Clemens Fritz: Hat in der letzten Saison nach langer Schwächephase zurück in die Spur gefunden und zeigte als rechter Verteidiger überwiegend gute Leistungen. Vor allem defensiv verbessert. Offensiv noch mit Luft nach oben, gerade im Vergleich zu seiner ersten Saison bei Werder. Hat im aktuellen Kader keinen ernsthaften Konkurrenten um einen Stammplatz. Ist dazu mit den Innenverteidigern gut eingespielt. In der Vorbereitung sehr beständig.

Sebastian Boenisch: Nach einer ansprechenden Hinrunde in der letzten Saison nach seiner Verletzung nicht mehr richtig in Schwung gekommen. Noch immer sehr abhängig von seiner physischen Verfassung. Lauf-, Kopfball- und Zweikampfstark. Im Stellungsspiel verbessert, aber noch mit Defiziten. Wirkt gegen hochklassige Gegenspieler schnell überfordert. Muss in dieser Saison den Sprung vom soliden Linksverteidiger ins obere Bundesligadrittel schaffen, um seinen Stammplatz zu festigen. Bekommt womöglich neben Aushilfskraft Pasanen noch einen weiteren Konkurrenten vorgesetzt. Zudem in der Vorbereitung mit kleineren Verletzungsproblemen.

Nachwuchs: Niklas Andersen (21) kam bislang nicht über gelegentliche Kadernominierungen hinaus. In zwei Jahren kommt er auf nur einen Bundesligaeinsatz. In der U23 zeigt er ganz gute Leistungen, doch wenn nicht bald noch eine Leistungssteigerung kommt, dürfte der Zug zum Profikader abgefahren sein. Ähnliches gilt in noch stärkerem Maße für Dominik Schmidt (23). Er wird im Profikader geführt, hat aber kaum noch Chancen sich dort festzusetzen. Besser sieht es da schon für Timo Perthel (21) aus, der sich in der vergangenen Saison zum Linksverteidiger umschulen ließ und dort überzeugen konnte. Falls niemand mehr für die Position verpflichtet wird, könnte er hinter Boenisch zum festen Bestandteil des Profikaders werden.

Transfers: Bislang wurde kein Abwehrspieler verpflichtet. Der Kader ist auf den Außenbahnen jedoch etwas dünn besetzt. Testspieler Aldo Corzo aus Peru wurde nicht verpflichten, wohl auch, weil er für die U23 nicht spielberechtigt ist, was es erschwert hätte, ihm Spielpraxis zu geben. Gesucht wird vor allem ein Linksverteidiger, sei es für die Startelf oder um Boenisch Druck zu machen. Definitiv nicht verpflichtet wird Aymen Abdennour, der laut Allofs in der letzten Saison “verbrannt” wurde. Häufig genannte Namen waren Reto Ziegler, Pablo Armero und Nadir Belhadj, die jedoch allesamt aus dem Rennen sind. Der Brasilianer Rycharlyson (Sao Paolo) ist laut Allofs kein Thema, doch es gibt Gerüchte wonach er Werders Plan B ist. Bleibt die Frage: Wer ist Plan A?

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

DFB-Pokal Viertelfinale: Wer braucht Petric, wenn er Petri hat?

Wolfsburg – Werder 2:5.

Was für ein Auftakt, was für ein Ende. Werder hat mit 5:2 bei der bislang besten Rückrundenmannschaft der Bundesliga gewonnen und sich für das Pokalhalbfinale qualifiziert. In einem sehr offensiv geführten Spiel nutzte Werder seine Chancen wesentlich besser als zuletzt und ließ sich wie schon gegen Milan und Bayern von Negativerlebnissen nicht zurückwerfen. Vor ein paar Wochen sah das noch ganz anders aus, was ich als Zeichen mangelnder Führung auf dem Platz auslegte. Die Leistungen der letzten drei Spiele (und des Hinspiels gegen Milan) kamen natürlich vor allem durch ein mannschaftlich geschlossenes Auftreten zustande. Doch ein Spieler stach dabei besonders heraus, in dem er Verantwortung übernahm und die Einstellung vorlebte, die letztendlich entscheidend für die guten Ergebnisse war: Diego.

Wie oft war er in der Winterpause kritisiert worden (da will ich mich gar nicht ausnehmen). Die Zahl der Fans, die ihn im Januar für einen Sack voller Geld dankend abgegeben hätten, war nicht klein. Er wurde abfällig als Diva und Popstar bezeichnet, der Werder nicht mehr weiterhelfen könne und durch sein Verhalten neben dem Platz sowieso nur seinen Abgang provozieren wolle. Diese Kritik scheint sich Diego zu Herzen genommen zu haben. Neben dem auch durch sein Fehlen begünstigten, verpatzten Rückrundenstart war das wohl der Auslöser für seinen erkennbaren Motivationsschub. Seit seiner Rückkehr kämpft er wieder um jeden Ball, zaubert vorne, schlägt tolle Pässe, hilft auch defensiv aus. So kann man die eine oder andere Pirouette zuviel leicht verschmerzen (vor allem, wenn er im Anschluss so ein großartiges Tor schießt, wie gegen Wolfsburg).

Es gibt noch einen weiteren Spieler, der in den genannten Spielen einen großen Unterschied gemacht hat. Einen Spieler, der nach einer guten Saison 07/08 schon wieder in der Versenkung verschwunden war. Der es trotz Formschwäche bei Clemens Fritz und den anhaltenden Problemen auf der linken Abwehrseite nur noch selten in die Mannschaft schaffte. Die Rede ist natürlich von Petri Pasanen. In der letzten Saison war er die Bestbesetzung für die schwache linke Abwehrseite. Als gelernter Innenverteidiger sorgte er dort für Stabilität. Seine beschränkten Fähigkeiten im Offensivspiel konnte man verschmerzen, galt er doch als Übergangslösung, bis die eigentlichen Linksverteidiger Wome, Tosic und Boenisch wieder fit sind bzw. ihre Form wiederfinden (oder zumindest ihr Förmchen).

Warum es in dieser Saison, in der die Abwehr keineswegs stabiler ist, nicht so recht laufen wollte, lässt sich schwer sagen. Zu Beginn der Saison, als Schaaf auf die vielen Gegentore reagierte, indem er vier gelernte Innenverteidiger in die Abwehrkette stellte, zeigte Pasanen ungewohnte Schwächen. Er verlor mehr Zweikämpfe, als man es von ihm gewohnt war. Plötzlich war er nicht mehr der Notnagel, der im Problemfall auf jeder Position der Viererkette aushelfen konnte und sich deshalb wenig Sorgen um seine Einsatzzeiten machen musste. Erst 11 Spiele hat Pasenen in dieser Bundesligasaison für Werder bestritten. Nach den letzten Auftritten dürften jedoch noch einige hinzu kommen.

Während Naldo und inzwischen leider auch Per Mertesacker gelegentlich wackeln, hat Pasanen zu seinen alten Stärken zurückgefunden: Durch gutes Stellungsspiel, Zweikampfstärke und eine gehörige Portion Coolness verstärkt er die Werderabwehr und ist wieder da, wenn er gebraucht wird. Als Naldo sich gestern in der zweiten Halbzeit bei einem hohen Ball verschätzte und Pasanen mit einer kompromisslosen Grätsche reparierte, konnte man sehen, was diesen Spieler wertvoll macht. Wie auch gegen die Bayern, wo er nach Naldos roter Karte in die Innenverteidigung rückte und ein tolles Spiel ablieferte.

Im nächsten Spiel gegen Hoffenheim wird Clemens Fritz ausfallen, so dass Petri seinen Platz in der Startelf sicher haben dürfte. Doch auch wenn alle Spieler an Bord sind, ist er endlich wieder eine gute Alternative, wenn nicht sogar erste Wahl.

UEFA Cup Zwischenrunde, Hinspiel: Eine nachträgliche Stimmungsbeschreibung

Werder – Milan 1:1

Ich sitze gerade (Freitag, 20.2., Anm.d.Verf.) am Flughafen Schiphol in Amsterdam und warte auf meinen Flug nach Minneapolis. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, schreibe ich nun einige Eindrücke vom UEFA-Cup Spiel am Mittwoch auf. Ich hatte das eigentlich schon gestern vor, doch leider ließen es meine Reiseplanungen nicht zu. Deshalb jetzt also nachträglich.

Zum Spiel selbst brauche ich nicht viel schreiben. Ich nehme an, jeder Leser dieses Blogs hat das Spiel entweder live oder auszugsweise gesehen, bei Twitter die Live-Tweets meiner Konkurrenz Kollegen von @WerderNews verfolgt oder zumindest einen der zahlreichen Spielberichte gelesen (den von kicker.de finde ich außerordentlich zutreffend). Werder spielte engagiert, mit viel Einsatz und Aufwand gegen ein kühles, taktisch wie technisch starkes, allerdings auch etwas lebloses Team aus Milan. Das 1:1 ist sicher kein Wunschergebnis im UEFA-Cup. Es setzt Werder für das Rückspiel unter Zugzwang (wenn schon unentschieden, dann wäre ein 0:0 wegen der Europapokal-Arithmetik besser gewesen). Trotzdem war es ein Spiel, das viele alte Stärken unserer Mannschaft wieder zum Vorschein brachte – einige langjährige Schwächen jedoch leider nicht verbergen konnte.

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