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Renaissance der Dreierketten

Fünf Mannschaften spielen bei dieser WM bislang mit einer Dreier- bzw. Fünferkette. Alle fünf haben ihre Auftaktspiele gewonnen. Der Trend zurück zu Abwehrformationen mit drei Innenverteidigern ist nicht neu, doch er kommt bei diesem Turnier stärker zum Tragen als bspw. in der Champions League, wo nur wenige Teams ein solches System spielen.

Die Radikalste Variante spielt Chile im 3-4-1-2, bei dem die Wingbacks eher als offensive Mittelfeldspieler agieren, denn als zusätzliche Abwehrspieler. Die Stärken und Schwächen des Systems kamen gegen Australien auch direkt zum Vorschein: Solange Chile aggressiv presst, funktioniert es gut und man kann den Gegner permanent unter Druck setzen. Sobald der Druck nachlässt, bekommt man defensiv Probleme und wird hinten auseinander gerissen. Chile hat das Potenzial bei diesem Turnier richtig weit zu kommen, aber dafür müssen sie eine bessere Balance zwischen ihrem typischen Powerfußball und den in Brasilien nötigen Verschnaufpausen finden.

Das defensive Gegenstück bildet das 5-4-1 Costa Ricas, mit dem man einer harm- und in der zweiten Halbzeit kraftlosen Mannschaft aus Uruguay den Zahn ziehen konnte. Die Kombination aus doppelter Absicherung auf den Flügeln und einem dritten Innenverteidiger ist sehr defensiv, doch Costa Rica spielte bislang keinen Mauerfußball. Offensiv ist solch ein System eigentlich recht bieder, doch das machten die Mittelamerikaner mit ihrer Leidenschaft wieder wett, mit der sie immer wieder Nadelstiche setzten. Es scheint ohnehin der erfolgsversprechendere Matchplan zu sein, das Tempo zu dosieren und nur mit vereinzelten Druckphasen den Gegner zu attackieren. Das machte Costa Rica sehr gut.

Die Niederlande sorgten gegen Spanien für das Schockergebnis dieser WM. Einen amtierenden Weltmeister so abzufertigen ist in der Geschichte der Weltmeisterschaft einmalig. Bei der Einordnung des Ergebnisses muss man sicherlich die Umstände (irreguläres Tor zum 1:3, Matchglück, völlige Indisponiertheit Spaniens in der letzten halben Stunde) berücksichtigen, doch das macht dieses Spiel kaum weniger spektakulär. Van Gaals unkonventionelles 5-3-2/3-5-3 ist nur auf dem Papier ein ultra-defensives System. Die vorderen drei Spieler übten permanenten Druck auf den Spielaufbau der Spanier aus und auch die beiden Sechser verteidigten gegen Xavi und Xabi Alonso munter nach vorne. Den dadurch entstehenden Raum im Zentrum konnte Spanien paradoxerweise jedoch kaum nutzen. Alle drei Mittelfeldspieler ließen sich häufig weit zurückfallen, um dem Druck der Gegenspieler zu umgehen. Davor war man sehr linkslastig, agierte teilweise mit sechs Mann in der linken Spielfeldhälfte und kombinierte sich auch einige Male erfolgreich durch. Wenn dies gelang und der Ball im offensiven Zentrum ankam, wurde es promt gefährlich, denn dann hatten die Niederlande mit fünf Mann auf einer Linie kein Mittel gegen die Schnittstellenpässe von Xavi und Iniesta. Die hätten das Spiel kurz vor der Halbzeit schon fast entschieden, doch Silva vergab frei vor dem Torwart und im Gegenzug erzielte Van Persie den Ausgleich.

Offensiv sind die Niederlande mit ihrem geradlinigen Fußball, den starken Diagonalpässen von Blind und der individuellen Klasse der Dreierreihe ein ernster Titelkandidat. Defensiv wirkten sie auf mich nicht so überzeugend, denn obwohl Spanien auch in der ersten Halbzeit das Spiel nicht dominieren konnte, ließ das niederländische Kollektiv doch recht viele gefährliche Situationen zu. Eigentlich sollten mit einer Fünferkette die Gelegenheiten für Steilpässe durch die Schnittstelle minimiert werden. Aber welcher andere Gegner hat schon die Qualitäten von Spanien, um diese Lücken auszunutzen (auch wenn Xavi bei dieser WM für Spanien zum Problemfall werden könnte, aber das ist ein Thema für sich).

Mexikos 3-5-2 wurde gegen Kamerun kaum getestet. Die Wingbacks konnten gefahrlos mit aufrücken, weil der Gegner den Raum dahinter fast nie zu nutzen wusste und kein Tempo in die eigenen Gegenstöße brachte. Damit spielte Kamerun leider in etwa so, wie ich es erwartet habe. Das ist ganz magere Fußballkost. Dennoch hatte Kamerun ein paar gute Torchancen, denn Mexiko ist trotz verbesserter Offensive noch nicht auf dem Niveau, zu dem das Team fähig sein könnte. Unter Druck wirken Marquez und seine beiden Nebenleute nicht mehr so souverän, wie man das beispielsweise vor vier Jahren noch gesehen hat. Kroatien dürfte mit seinen Tempoangriffen über die Flügel ein sehr schwieriger Gegner werden und meine Tendenz geht momentan eher dahin, dass es fürs Achtelfinale nicht reichen wird.*

Zu guter letzt lief auch Argentinien mit einer Dreierkette auf. Das 3-3-2-2 wirkte auf mich ein wenig übervorsichtig. Der Spielaufbau der Argentinier war über weite Strecke so langsam, dass es den Anschein hatte, die Spieler schonten sich bereits fürs Achtelfinale. Der Sechserblock in der Defensive wurde von Bosnien kaum geprüft, weil keine Angriffe mit Tempo vorgetragen wurden. Ballgewinne gab es fast nur in der eigenen Hälfte und das Umschaltspiel brachte Argentinien nicht in Verlegenheit. Ich würde Argentinien gerne mal gegen eine starke Kontermannschaft sehen. In der schwachen Gruppe wird das eher nicht der Fall sein, im Achtelfinale könnte es dann ein böses Erwachen geben.

In der Offensive gab es nur wenig Struktur, man verließ sich hauptsächlich auf Messis Klasse, die dieser in der ersten Halbzeit weitgehend schuldig blieb. Mit seiner ersten Aktion leitete er jedoch das 1:0 ein und beim 2:0 zeigte er dann noch einmal seine ganze Klasse. Individuell sucht diese Aktion seinesgleichen. Messis Spielweise in den letzten 12 Monaten gefällt mir jedoch nicht. Er nimmt sich lange Schaffenspausen, beteiligt sich kaum am Kombinationsspiel und am Pressing. Zu seinen besten Zeiten war er auch ohne seine Tore der beste Spieler der Welt, weil er im Minutentakt gefährliche Situationen mit einleitete und Bälle zurückeroberte. Heute ist er in 70 von 90 Minuten ein Durchschnittsspieler, der wenig Einsatz zeigt. Auf diese Weise ist Messi zwar immer noch Weltklasse, aber steht nicht mehr über allen anderen – auch wenn genau dieser Status einer der Gründe für den veränderten Stil sein dürfte. Ein anderer ist möglicherweise sein Fitness. Er hat vier Jahre fast am Stück gespielt und hatte im letzten Jahr mit mehreren Verletzungen zu kämpfen.

Schwer zu sagen, ob der Trend zur Dreierkette anhalten wird. In Südamerika und Italien war das 3-5-2 nie so aus der Mode wie hier (wo man sehr lange brauchte, bis die Viererkette überhaupt in Mode kam). Spätestens seit Pep Guardiola beim FC Barcelona mit einem 3-4-3 und einem 3-3-4 experimentierte, wird im Weltfußball wieder vermehrt nach Alternativen zur Viererkette gesucht. Vor vier Jahren spielten bereits einige Teams mit einer Dreier- bzw. Fünferabwehr, darunter Chile und Mexiko. In diesem Jahr wagen sich auch die Schwergewichte Argentinien und die Niederlande daran und es könnte zum ersten Mal seit 1990 dazu kommen, dass ein Team Weltmeister wird, das nicht mit einer Viererkette spielt.

*Und schon macht mir die Aktualität einen Strich durch die Rechnung.