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Tage voller Frust

Bundesliga, 11. Spieltag: VfB Stuttgart – Werder Bremen 6:0

Puh. Was soll man über ein Spiel schreiben, das die eigene Mannschaft mit 6:0 verloren hat? Dass es jetzt langsam mal reicht und man sofort alle Spieler bzw. den Trainer bzw. die Vereinsführung rauswerfen soll? Das passiert gerade bei den üblichen Verdächtigen schon genug. Die Fehler im Detail analysieren und aufdecken? Zu schmerzhaft, da ich dazu das Spiel noch einmal anschauen müsste. Die verbliebenen positiven Dinge betonen und zum Schluss kommen, dass nicht alles schlecht ist? Nach Schönreden ist mir ebenfalls nicht zumute. Was nützen uns 63% Ballbesitz, die sich schon allein daraus erklären, dass Werder 80 Minuten lang im Rückstand lag? Was nützt ein ausgeglichenes Zweikampfverhältnis, wenn die entscheidenden Zweikämpfe nunmal verloren werden? Was nützen 85% Passgenauigkeit, wenn nur wenige von ihnen in die gefährliche Zone des Gegners gespielt werden und es diesem bei den 15% Fehlpässen viel zu leicht gemacht wird, seine Konter auszuspielen?

Wie behebt man unser Kopfproblem?

Es gibt nichts schönzureden an dieser Niederlage. Das Spiel zeigte auf, dass es nicht in erster Linie an der spielerischen Qualität hapert, sondern unsere Spieler ein Kopfproblem haben. Man ist nicht von Anfang an hoffnungslos unterlegen und man wird auch nicht vom Gegner an die Wand gespielt. Die Mannschaft bricht vielmehr regelmäßig nach den ersten Rückschlägen zusammen. Dass es diese Rückschläge dank Werders defensiver Fragilität nunmal gibt, ist nicht gerade neu und sicherlich ein Punkt, den es immer wieder zu kritisieren gilt. Doch früher (sprich: vor wenigen Monaten) konnte Werder viele Spiele dank toller Moral und einem fast unglaublichen Kampfgeist noch drehen oder zumindest einen Punkt herausholen. Nun kann man quasi dabei zuschauen, wie aus Werders Spiel mit dem ersten Rückschlag die Luft rausgelassen wird. Gegen die Bayern war nach dem 1:2 Feierabend, gegen Nürnberg ebenfalls. Gegen Stuttgart kam der Rückschlag schon nach 10 Minuten und wurde von einem blendend aufspielenden Gegner konsequent abgestraft.

Was die ständigen taktischen und personellen Umstellungen angeht: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Thomas Schaaf taktisch so naiv geworden sein soll. Auf mich macht es vielmehr den Eindruck, dass er immer wieder versucht, seine Spieler wachzurütteln. Dabei greift er auf Maßnahmen zurück, die nicht gerade zur Stabilisierung einer Mannschaft beitragen. Es scheint ihm derzeit nicht um Stabilität zu gehen, sondern um eine Reaktion seitens seiner Spieler, die bislang ausgeblieben ist. Es ist bekannt, dass Schaaf Spieler nicht gerne und schon gar nicht verfrüht aufgibt. Momentan scheint mir dieser Weg jedoch der Falsche zu sein. Einen Arnautovic in ein funktionierendes Team einzubauen ist schon schwer genug. Ein solches ist Werder in diesem Herbst allerdings nicht und langsam muss sich der Trainer – zumindest für den Rest dieser Hinrunde – entscheiden, welchen Spielern er vertraut. Die vielen Verletzungen und Formkrisen machen es schwer, hier die richtige Entscheidung zu treffen, doch sie muss trotzdem getroffen werden. Die Vorschläge aus dem Worum-Blog wären zum Beispiel ein guter Ansatz.

Weil es sein muss: Medienschelte

Was sind unsere Journalisten eigentlich für kleine Würstchen? Nicht, dass man von den Lokalmedien in Bremen und umzu sonderlich viel erwarten sollte, aber wie sie nun aus ihren Löchern gekrochen kommen und versuchen, ihren Teil vom großen Drauf-hau-Kuchen abzubekommen, ist einfach widerlich. Es geht in den meisten dieser Fälle nicht um eine sachliche Kritik (wie man das macht, könnten sie sich mal bei Johan abschauen), sondern um die medienüblichen Reflexe und nicht zuletzt auch um verletzte Eitelkeiten. Der Stimmungsumschwung kam nicht nach dem 0:6 gegen Stuttgart zustande, sondern nach Schaafs Fan- und Medienschelte. Von Trainern und Spielern wird erwartet, das sie stets kritikfähig sind, am besten schon eine Minute nach Abpfiff (zuletzt gesehen bei Jörg Dahlmanns Interview mit Louis “beratungsresistent” van Gaal). Wird aber die Arbeit der Journalisten in Frage gestellt, sucht man Selbstkritik meist vergeblich. Stattdessen greifen die üblichen Selbstverteidigungsmechanismen. Kritik am Trainer oder am Sportdirektor ist ja richtig und wichtig, aber wo sind die Argumente, die über bloße Spielergebnisse und Schmuddelgeschichten aus dem Umfeld hinaus gehen? Wo werden die Dinge in Relation zu dem gesetzt, was bei Werder in den letzten Monaten und Jahren passiert ist?

In Johans Beitrag kam klar zum Ausdruck, dass es ihm nicht um eine kurzfristige Niederlagenserie geht (ich hätte es besser gefunden, wenn der Blogpost vor zwei oder drei Wochen gekommen wäre, als Werder noch eine kleine Siegesserie hatte). In den Lokalmedien wird die Geschichte von der anderen Seite aufgerollt: Werder verliert, also muss es am Trainer liegen. Die Gründe werden dann ausgerechnet in den Dingen gesucht, für die Werder jahrelang gelobt wurde. Schuld seien der ruhige Standort, die Harmonie, die fehlenden Einflüsse von außerhalb. Werder habe es sich bequem gemacht und bekomme nun die Quittung dafür. Diese Argumente sind heute genau so richtig oder falsch, wie vor einem Jahr oder vor sechs Jahren. Damals hätten sie nur leider nicht in die vorherrschende Stimmung gepasst. Ich möchte eigentlich nicht das “Blogs vs. Zeitungen”-Fass aufmachen, aber in den letzten Tagen gab es eine ganze Reihe an Blogeinträgen (neben den bereits erwähnten z.B. hier, hier und hier), die auf unterschiedliche Weise die Probleme bei Werder analysieren und dabei auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dabei gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Sie sind auf der Suche nach Erklärungen und nicht geleitet von Sensationslust und Opportunismus. Das sucht man in den Bremer Medien derzeit leider vergeblich.