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2. Spieltag: Wie viel ist Werders perfekter Start wert?

Werder Bremen – FC Augsburg 1:0 (1:0)

Zwei minimalistische 1:0-Siege zum Auftakt sind mehr als viele Beobachter Werder vor zwei Wochen zugetraut hätten. Da Dutts Team gegen Braunschweig und Augsburg spielerisch vieles schuldig geblieben ist, fragt man sich nun zu recht, was diese beiden Siege und der zwischenzeitliche Status als “beste Defensive der Liga” wert sind. Hat Werder das Fundament für eine erfolgreiche Saison gelegt oder waren die Ergebnisse ein glücklicher Zufall?

Drei Mal ist Bremer Recht

Bei aller berechtigter Kritik an Werders bisherigen Auftritten sind null Gegentore in 180 Minuten eine reife Leistung für ein Team, das zuvor seit über drei Jahren nicht mehr zwei Bundesligaspiele in Folge ohne Gegentor geblieben war. Das Misstrauen gegenüber dieser plötzlichen Defensivstärke ist auch deshalb so groß, weil Werder noch vor zwei Wochen im Pokal all die Schwächen aufzeigte, die das Team in den letzten Jahren zur Schießbude der Liga gemacht hatte. Zu glücklich erscheinen zudem die beiden Siege und zu präsent die Erinnerung daran, was Werder nach dem letzten Doppelerfolg Anfang des Jahres passierte. Auch damals wähnte man sich auf dem Weg der Besserung, nachdem man zum ersten Mal seit knapp 1 1/2 Jahren wieder zwei Spiele am Stück gewann.

Aus zwei Spielen einen Trend abzulesen fällt schwer, daher überrascht es nicht, dass Robin Dutt auch die letzten Testspielergebnisse gegen Erfurt, Fulham und Essen heranzieht und so auf zuletzt fünf von sechs Spielen ohne Gegentor verweist. Das Pokalspiel – so die Schlussfolgerung – war dabei die Ausnahme, in der Werder in alte Verhaltensmuster zurückfiel. Die nächsten Spiele müssten also Aufschluss darüber geben, ob wir tatsächlich den Beginn einer nachhaltigen Veränderung in Werders Defensivverhalten erlebt haben. Eine solide Defensivleistung gegen den BVB wäre zumindest ein weiteres Indiz dafür.

Ein Hauch Mourinho

Doch wie hat Werder gegen Augsburg trotz einer Schussbilanz von 5:20 und deutlicher Unterlegenheit im Mittelfeld eigentlich die Null gehalten? Die Antwort liegt neben dem schwer zu bemessenen Faktor Glück vor allem in der Minimierung der leichten Fehler. Trotz leichter Wackler in der ersten Halbzeit blieben Prödl und Lukimya ohne grobe Schnitzer, die dem Gegner das Tor auf dem Silbertablett präsentierten. Augsburg blieb häufig nur der Schuss aus der Distanz, ohne dass sie dem Tor dabei so nah kamen, wie Braunschweig am ersten Spieltag mit Reichels Lattenkracher. Die wirklich klaren Torchancen blieben Mangelware. Dass Augsburg hierbei auch und vor allem an den eigenen Unzulänglichkeiten im gegnerischen Strafraum scheiterte, ist unbestritten. Werders Anteil bestand jedoch mindestens darin diese Schwäche des Gegners offen zu legen, indem man nicht die Art Gastgeschenke verteilte, die im Weserstadion seit längerer Zeit zur Tagesordnung gehören.

Nachdem wir letzte Woche den Barcelona-Vergleich hatten, bleiben wir gleich bei prominenten Vorbildern: Mourinhos Inter Mailand sicherte sich 2010 das Weiterkommen im Camp Nou mit einer ungewöhnlichen Taktik. Statt sich aus der Defensive locken zu lassen und den Raum um den Strafraum preis zu geben verzichtete Inter auf Ballbesitz und ließ lieber den Gegner gegen eine sortierte Defensive anlaufen. Der Ball wurde absichtlich dem Gegner überlassen. Werder war gegen Augsburg weit davon entfernt, defensiv so gut zu stehen wie Inter und überließ Augsburg auch sicher nicht absichtlich den Ball. Doch ein Hauch dieser Taktik war am Samstag in Bremen zu spüren, zumindest in der zweiten Halbzeit. Nachdem Werder in der ersten Halbzeit das Mittelfeld nicht in den Griff bekommen hatte und nach der Pause eine Zeit lang ordentlich ins Schwimmen gekommen war, fand man sich damit ab, dass Augsburg das Spiel machte und agierte im Pressing wesentlich vorsichtiger. Tiefes Verteidigen gehörte bislang kaum zu Werders Stärken und so mussten Verteidiger wie Mittefeldspieler ein ums andere Mal zu rustikalen Mitteln greifen, um Augsburg am kontrollierten Torabschluss zu hindern. Die Grätsche und der lange Befreiungsschlag gehören nicht mehr zum Standardrepertoire des modernen Fußballs, doch für Werder waren sie gegen Augsburg der Schlüssel zum Erfolg.

Knackt Dutt den Tabellenführer?

Mit seinen Auswechslungen und Umstellungen hatte Dutt ebenfalls Anteil am Erfolg. In der ersten Halbzeit hatte die klare Trennung zwischen Angriff und Mittelfeld noch dazu geführt, dass Werder zu oft in Unterzahl geriet und das Dreiermittelfeld auseinander gezogen werden konnte. In der zweiten Halbzeit agierten Elia und Hunt/Petersen auf den Außenbahnen tiefer und dämmten das Augsburger Flügelspiel etwas ein. Mit der Hereinnahme von Kroos für den Torschützen Ekici wurde zudem die Viererkette besser abgesichert. Yildirim brachte schließlich in der Schlussphase frischen Wind in Werders Konterspiel und sorgte dafür, dass sich Werder in den letzten 10 Minuten etwas häufiger befreien konnte als zuvor.

In Dortmund erwartet Werder ein ähnliches Spiel, wobei hier die Rollen schon vor Spielbeginn viel klarer verteilt sind. Gegen den BVB erwartet von vornherein niemand, dass Werder auf spielerischem Wege den Erfolg sucht. Andererseits darf man Dortmund nicht so nah ans eigene Tor kommen lassen, wie Werder es Augsburg in der zweiten Halbzeit gestattete. Verteidigt Werder hingegen zu hoch, droht das Sprintwunder Aubameyang. Hier gilt es einen schwierigen Mittelweg zu finden aus Kompaktheit, einer nicht zu tiefen Viererkette und einer ähnlich kampforientierten Spielweise, wie gegen Augsburg. Werders bisherige Gegner spielten ebenfalls bereits gegen Dortmund und lieferten dabei jeweils gute Ansatzpunkte, aber auch Warnsignale: Augsburg bereitete dem BVB Probleme im Mittelfeld und hatte das Zentrum weitgehend im Griff, wurde jedoch von der Schnelligkeit Aubameyangs überrumpelt. Braunschweig hielt Dortmund ebenfalls lange vom Tor weg, wurde aber durch einen mustergültigen Spielzug gegen einen tief verteidigenden Gegner schließlich dennoch geknackt. Man darf gespannt sein, was Dutt aus diesen Erkenntnissen macht. Das Spiel wird seine erste große Aufgabe in puncto Matchplan als Werdercoach.