Schlagwort-Archiv: Deutsche Nationalmannschaft

Von Äpfeln und Birnen

Schafft der deutsche Vereinsfußball im nächsten Jahr endlich den Sprung aus der Krise? Mit Bayern München und Borussia Dortmund schicken sich zwei Vereine an, die 38-jährige Durststrecke für den deutschen Fußball zu beenden.

Nach zwei Finalpleiten in Folge (2010 gegen Inter, 2012 gegen Chelsea) soll beim FC Bayern 2014 alles besser werden. Doch befindet sich der Verein wirklich auf dem richtigen Weg? Für Stirnrunzeln sorgte die Entscheidung des Vereins, im Sommer trotz überwiegend grandioser Leistungen in der Qualifikation Trainer Jupp Heynckes in Rente zu schicken und den noch titellosen Pep Guardiola als Nachfolger zu verpflichten. Guardiola brachte den FC Barcelona zwischen 2008 und 2012 wieder zurück in die europäische Spitze, scheiterte in den Turnieren 2010 und 2012 jedoch jeweils im Halbfinale an den späteren Siegern und Bayern-Bezwingern. Heynckes gewann immerhin 1998 mit Real Madrid einen Titel.

Die ersten Spiele der Bayern unter Guardiola deuten großes Potential an, was angesichts Heynckes starker Vorarbeit nicht überrascht. Als Top-Favorit wird sein Team im Sommer 2014 jedoch auf eine harte Probe gestellt. Überhaupt scheint sich der Katalane mit Favoritenrollen schwer zu tun. Unter Guardiolas Führung ragte Barcelona jeweils in der Qualifikation heraus, startete auch durchaus ansprechend in die folgenden Turniere, konnte in den entscheidenden Spielen allerdings nie die erhoffte Leistung bringen. So verließ Guardiola Barcelona nach vier Jahren, ohne den Erfolg seines Vorgängers Frank Rijkaard aus dem Jahre 2006 wiederholen zu können. Superstar Lionel Messi haftet seitdem der Beinahme “Der Unvollendete” an.

Gänzlich anders sieht die Lage bei Borussia Dortmund aus. Wie alle anderen deutschen Vereine außer dem FC Bayern noch ohne Titelgewinn, können die Dortmunder befreit aufspielen. Nach längerer Abstinenz qualifizierte man sich mit einer jungen Mannschaft und mitreißendem Fußball für das Turnier 2012. Dort enttäuschte die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp zwar auf voller Linie, konnte jedoch wertvolle Erfahrung sammeln, die sich im kommenden Turnier noch als nützlich erweisen dürfte. Im letzten Jahr zeigte sich der BVB jedenfalls gefestigt und hatte keinerlei Mühe, sich für das kommende Turnier zu qualifizieren. Den Außenseiterstatus haben die Dortmunder dadurch erst einmal verspielt, doch steht man dank der bayerischen Dominanz weiterhin außerhalb des Fokus. Hört man sich im Verein um, scheint dies niemanden zu stören – ganz im Gegenteil. Die Verantwortlichen hoffen darauf, im Schatten der Bayern ohne Druck in das Turnier gehen zu können, um dort dann groß aufzutrumpfen.

Positive Auswirkungen vom sich abzeichnenden Aufschwung des deutschen Fußballs erhofft sich Bundestrainer Joachim Löw. Zwar liegt der letzte Titel der deutschen Nationalmannschaft im Sommer mit 18 Jahren nur vergleichsweise kurz zurück, doch waren die Auswirkungen der deutschen Vereinsfußballkrise lange Zeit auch in der DFB-Auswahl spürbar. In den letzten Jahren hat sich dies jedoch geändert. Der deutsche Fußball produziert wieder hochtalentierte Nachwuchsspieler, die auch der Nationalmannschaft zu Gute kommen. So stehen die Chancen nicht schlecht, dass Deutschland bei der kommenden WM in Brasilien mal wieder einen Titel gewinnt.

Dass die Nationalmannschaft dabei nicht unbedingt auf den Erfolg des deutschen Vereinsfußball angewiesen ist, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher: Seit dem letzten Vereinstitel 1976 konnte die DFB-Auswahl immerhin drei große Titel gewinnen (1980, 1990 und 1996). Traditionell ist Deutschland eher ein Land des Verbandsfußballs, wo man mit je drei Welt- und Europameistertiteln zu den weltweit erfolgreichsten Fußballnationen zählt. Im Vereinsfußball lautete das Motto abgesehen vom Höhenflug der Bayern 1974 und 1976 eher: Dabei sein ist alles.

Woran es liegt, dass viele deutsche Spieler im Verein oftmals nicht die gleiche Leistung abrufen können, wie in der Nationalmannschaft, konnte trotz intensiver Bemühungen noch nicht herausgefunden werden. Gerade in den wichtigen Spielen scheinen die Spieler auf Vereinsebene dem Druck nicht gewachsen zu sein. Das beste Beispiel hierfür ist das letztjährige Finale der Bayern gegen den FC Chelsea, das trotz deutlicher spielerischer Überlegenheit ins Elfmeterschießen ging und dort mit einem Fehlschuss von Bastian Schweinsteiger entschieden wurde. Auf Verbandsebene gehört das Elfmeterschießen seit jeher zu den großen deutschen Stärken. Die letzte Niederlage in dieser Disziplin gab es genau in dem Jahr, in dem Bayern den letzten Titel holte. Dass damals ein bayerischer Spieler und heutiger Präsident des Vereins den entscheidenden Elfmeter verschoss, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

4. Spieltag: Die üblichen Verdächtigen

Hertha BSC – Werder Bremen 2:3

Werder gewinnt also wieder in Berlin. So langsam könnte man sich daran gewöhnen. Auch wenn an Werders Spiel noch vieles verbesserungswürdig ist, hat man sich im Vergleich zum holprigen Start gefangen und steht nun auf dem dritten Platz. Vor zwei Wochen noch fast sicherer Absteiger, nun schon wieder auf Champions League-Kurs?

Thomas Schaaf vertraut weiterhin nicht auf einen zweiten Stürmer neben Pizarro und ließ mit einer Art 4-1-3-2 spielen, bei dem Frings hinter einem Dreiermittelfeld den Abräumer machte und Marko Marin anstelle von Aaron Hunt als hängende Spitze agierte. Was mir sehr gut gefiel, war die Selbstverständlichkeit, mit der Özil oder auch Bargfrede und Borowski mit Marin die Positionen tauschten und so für die Hertha schwer ausrechenbar waren. Eine alte Stärke, die gegen Berlin zum Erfolg führte. Obwohl Werder nach der Pause stark unter Druck geriet und nur dank Tim Wiese und einer umstrittenen Entscheidung von Schiedsrichter Kinhöfer (bei der ich mir nach wie vor nicht sicher bin, ob Wichniarek abhob oder tatsächlich getroffen wurde) nicht in Rückstand geriet, war das 0:1 einfach toll heraus gespielt.

Ich weiß nicht, was mich mehr freut: Marins starke Leistung mit seinen beiden Torvorlagen oder Mesut Özils neue Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. So stelle ich mir einen Klassespieler vor: Selbst wenn es nicht so gut läuft aus dem Nichts auftauchen und die Chance nutzen. Pizarro machte als einzige richtige Spitze ein gutes Spiel. Man sieht, wie sehr Werder von seiner Ballsicherheit profitiert, auch wenn er selbst nicht trifft. Es erstaunt mich, dass Torsten Frings, der Diegos Spielweise häufig kritisiert hat, nun der Spieler ist, der den Ball zu lange hält, statt ihn direkt zum nächsten Mitspieler zu passen. So bringt er sich selbst in schwierige Situationen, denn ein Dribbelgott wird er in diesem Fußballerleben nicht mehr.

In der Defensive das alte Spiel: Kaum wird schnell gespielt, gerät die Viererkette ins Wanken. Meine Prognose von weniger als 40 Gegentoren war vielleicht optimistisch. Die momentane Quote würde am Ende 51 Gegentore bedeuten – eins mehr als in der letzten Saison. Bekommt man endlich etwas mehr Stabilität in diesen Mannschaftsteil, kann Werder in dieser Saison wieder vorne mitspielen.

Nicht mitspielen dürfen hingegen Torsten Frings und Tim Wiese. In der Nationalmannschaft. Während Wiese bis zum noch nicht fest angesetzten Spiel gegen Chile vertröstet wurde, scheint Frings in den Planungen keine Rolle mehr zu spielen. Ich kann beide Entscheidungen nachvollziehen, halte sie aber dennoch für falsch. Frings ist momentan nicht gut genug, einen Stammplatz in der Nationalelf einzufordern. Mit seinen lauten Rufen nach Berücksichtigung hat er sich ein wenig selbst ins Abseits manövriert. Dennoch war Frings viele Jahre lang ein wichtiger Spieler für Deutschland, hat eine starke (2002) und eine überragende (2006) WM gespielt. Es gehört zu den Aufgaben eines Trainers dazu, ältere Spieler auszusortieren. Die Kriterien, nach denen dies bei Joachim Löw geschieht, sind jedoch höchst undurchsichtig.

Statt einem Spieler klar zu sagen, dass er in der Nationalmannschaft keine Zukunft mehr hat, wird er monatelang hingehalten und erhält immer neue Nackenschläge. Es ist einerseits verständlich, dass sich Löw noch nicht endgültig um die Option Frings berauben will, falls dieser noch einmal zu seiner Topform zurück findet. Das vermeintliche Überangebot im zentralen/defensiven Mittelfeld ist spätestens seit Jones Absprung keines mehr. Andererseits wird der Spieler, wie Frings schon vor einem Jahr sagte, respektlos behandelt. Man kann nicht auf der einen Seite ein tadelloses Verhalten seitens der Spieler fordern und sich auf der anderen Seite so verhalten, wie Löw es in seinen Personalentscheidungen immer wieder tut: Hildebrandt, Kuranyi, Jones. Hier werden Spieler durch einen unaufrichtigen Umgang mit ihnen zu Reaktionen getrieben, die dann als Begründung für ihren Ausschluss herangezogen werden. Was ich bei Klinsmann (Wörns, Kahn, wiederum Kuranyi) noch in Ansätzen verstehen konnte, wirkt nun völlig deplatziert und muss dem Bundestrainer als Schwäche ausgelegt werden.

Das Leistungsprinzip wird nur dann als Begründung verwendet, wenn es gerade passt. Ein Lukas Podolski darf trotz fehlenden Einsätzen und dem taktischen Spielverständnis eines 10-Jährigen über Jahre hinweg ein Spiel nach dem anderen machen und wird selbst für einen tätlichen Angriff auf dem Spielfeld gegen den eigenen Mannschaftskapitän nur halbgar abgemahnt. Was wäre wohl mit Spielern wie Kuranyi, Jones oder Wiese in dieser Situation passiert?

Überhaupt Wiese. Nimmt man die grün-weiße Vereinsbrille mal ab, dann kann man die Entscheidung pro Enke (nichts anderes war es) durchaus verstehen. Robert Enke ist ein sehr guter Torhüter, strahlt Ruhe aus, macht wenig Fehler. Wiese hat sich ungemein verbessert, wächst immer häufiger über sich hinaus. Von der Klasse her nehmen sich beiden nicht mehr viel, doch Wiese ist – im Positiven wie im Negativen – der unberechenbarere von beiden. Mit Manuel Neuer und René Adler hat man zwei starke, junge Torhüter in der Hinterhand, die bei der WM Turniererfahrung sammeln können. So weit, so gut, doch warum sagt man das Tim Wiese nicht? Warum macht man ihm über ein Jahr lang vor, er habe eine reelle Chance auf einen Platz im WM-Kader? Wiese hat sich seit seiner ersten Nominierung nichts zu Schulden kommen lassen, gut trainiert und bei Werder konstante Leistungen auf sehr hohem Niveau abgeliefert. Dazu hat er sich in seinen früheren Schwachpunkten (Herauslaufen, 1-gegen-1, Strafraumbeherrschung) klar verbessert und verfügt über die größte internationale Erfahrung.

Trotzdem erhielt er nie die Chance, sich in der Nationalmannschaft zu beweisen. Ihn nun ohne ersichtlichen Grund zurück zu stufen gleicht einer Ohrfeige, wie sie schallender nicht sein könnte. Ein weiterer Spieler, der durch den Trainer Löw verbrannt wird. Die Personalpolitik der Nationalmannschaft erscheint so in einem immer schlechteren Bild. Ein Trainer muss sich eben nicht nur an seinen Trainingsmethoden und taktischen Kenntnissen messen lassen, sondern auch an seiner Menschenführung. In letzterem Bereich könnten ein paar Lehrstunden für den Bundestrainer nicht schaden. Ich wüsste da auch einen Trainer, der sie ihm geben könnte…

Osterpause

Wenn man sich die Fußballnachrichten der letzten zwei Wochen so anschaut, könnte man denken wir hätten Sommerpause. Nicht, dass es nichts Sinnvolles oder Interessantes zu schreiben gäbe, doch die Weinreich-vs-DFB-Angelegenheit oder die Hartplatzhelden-vs-WFV-Angelegenheit machen für den gemeinen Fußballfan einfach zu wenig her.

So diskutieren wir nun über die Torflaute des Mario Gomez, die doch eigentlich gar keine ist/war. Eigentlich schon komisch, dass ein Spieler, der mit seiner Torquote in dieser Saison eigentlich jenseits aller Kritik stehen sollte, so scharf attackiert wird. Dass die Leipziger Zuschauer ihn selbst nach guten Aktionen auspfiffen – wer will es ihnen vorwerfen? Wie soll man im fußballerischen Ödland, wo alle Jubeljahre mal ein Spiel auf Profiniveau stattfindet, eine solche Situation auch adäquat beurteilen können? Insofern genau der richtige Ort für ein Länderspiel gegen Liechtenstein.

NTV 
Bildquelle: n-tv.de

Dann gab es natürlich die Diskussion, ob ein 4:0 gegen solch einen Gegner denn nicht eigentlich viel zu wenig sei. Als ob dieses Spiel, abgesehen von den drei Punkten und den 4 Toren, irgendeinen Schluss auf das Leistungsniveau zuließe. Polen zählt wegen des 10:0 gegen San Marino auch nicht plötzlich zum Favoritenkreis der WM 2010. Am Mittwoch gewann die deutsche Mannschaft dann auch in Wales und steht damit, trotz einer wirklich ausbaufähigen Leistung, in der Qualifikation sehr gut da.

Im Blickpunkt stand nach dem 2:0 in Cardiff allerdings nicht das Spiel, sondern Lukas Podolskis Ohrfeige gegen Michael Ballack. Auffällig, wie sehr die Beteiligten versuchen, den Zwischenfall herunter zu spielen. Ich weiß nicht, ob dies auch so wäre, wenn Podolski den Regeln entsprechend eine rote Karte gesehen und sich damit eine Sperre eingehandelt hätte. Außerhalb des direkten Umfelds der Nationalmannschaft wird nun jedoch wieder fleißig diskutiert und spekuliert, wie es um die Stimmung in der Mannschaft und das Ansehen des Kapitäns denn nun bestellt ist.

Am Ende dieser zwei Wochen Länderspielpause bin ich einfach nur froh, dass es vorbei ist. Als Werderfan fiebert man zwar eher den kommenden Begegnungen in Pokal und UEFA-Cup entgegen als der Liga, doch wer sieht die Bayern nicht gerne 1:5 verlieren? Außer Bayernfans natürlich.