Schlagwort-Archiv: Deutschland

Nur noch Formsache?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein. Fußballdeutschland* überschreitet ihn allerdings traditionell gerne und ohne zu zögern. So lautet die wichtigste Frage vor dem Finale nicht etwa, wie man Argentinien schlagen kann, sondern ob Deutschland dort nur als großer oder doch als haushoher Favorit ins Spiel geht.

7:1 gegen den Gastgeber – eine Einordnung

Man kann das Ergebnis des ersten Halbfinals auf unterschiedliche Weise bewerten. Aus historischer Sicht gehören das Spiel und vor allem das Ergebnis jetzt schon zu den bedeutsamsten Spielen der WM-Geschichte. Höchster Halbfinalsieg, höchste WM-Niederlage Brasiliens, höchste Niederlage eines WM-Gastgebers, Kloses 16. WM-Tor usw. usf.

Aus taktischer Sicht war das Spiel ebenfalls interessant, weil es eines der wenigen Spiele im Turnier war, in denen sich das eine Team kein bisschen auf das andere eingestellt zu haben schien, das andere jedoch hervorragend auf das eine. Brasilien machte nahezu alles falsch in diesem Spiel und es ist schwer begreiflich, wie unglaublich amateurhaft sich Brasilien in der ersten Halbzeit anstellte. Marcelo, Dante, David Luiz und Maicon haben in den letzten vier Jahren alle die Champions League gewonnen und wurden vorgeführt, wie B-Jugendspieler, die zum ersten Mal beim Erwachsenenfußball reinschnuppern durften. Die linke Abwehrseite war offen wie ein Scheunentor, das defensive Mittelfeld nicht präsent, Fred war die falscheste aller Lösungen im Angriff gegen Deutschlands hohe Abwehrlinie. Auch diese Liste lässt sich lange fortführen.

Wie kann so etwas in einem WM-Halbfinale passieren? Wenn eine Mannschaft taktisch so viel falsch macht, ist es unwahrscheinlich, dass die Taktik das Problem ist. Sie dürfte viel mehr Symptom einer rein auf den psychologischen Aspekt des Spiels beschränkten Vorbereitung gewesen sein. Der Druck war für Brasilien ohnehin schon groß genug. Wenn das Spiel dann auch noch darauf reduziert wird, für den verletzten Neymar unbedingt gewinnen zu wollen, brennt den Spielern irgendwann die Sicherung durch. Brasilien hat sich vor dem Spiel zu viel mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit dem Gegner. So gerne ich Scolari mag, das war eine richtig schlechte Coaching-Leistung.

Deutschland nutzte die Fehler Brasiliens gnadenlos aus und lieferte insgesamt ein tolles Spiel ab. Doch auch wenn man sich die Finalteilnahme mit insgesamt starken Leistungen verdient hat, ist das unglaubliche Ergebnis mehr den oben genannten Problemen Brasiliens geschuldet als einer deutschen Leistungsexplosion im Halbfinale.

Das langweilige Gegenstück

Im zweiten Halbfinale quälten Argentinien und die Niederlande einander und die Zuschauer zu einem wenig ansehnlichen 0:0 nach 120 Minuten. Ein Spiel für Taktiker, in dem keines der Teams einen Fehler machen wollte. Der Fokus lag einzig und allein darin, dem Gegner seine Stärken zu nehmen, auch wenn dies auf Kosten der eigenen Stärken ging. Ein klassischer Fall von “Angst essen Seele auf”. Wie man mit sehr viel Seele, aber auch mit Pauken und Trompeten aus dem Turnier fliegen kann, bekamen die Teams ja am Vortag schon von Brasilien vorgeführt.

Welche Rückschlüsse lässt dieses Spiel auf das Finale zu? Sehr wenige. Argentinien zeigte sich bei dieser WM als sehr unangenehmer Gegner, der jedoch von vielen unterschätzt wird. Die Gleichung “Argentinien = Messi und sonst nix” geht nicht auf. Auch nicht nach der Verletzung von Di Maria. Javier Mascherano zählt sicherlich zu den besten Sechsern des Turniers und auch Ezequiel Garay ist ein Garant dafür, dass Argentiniens Defensive sattelfest ist. Die Mannschaft spielt keinen aufregenden, aber sehr erfolgsorientierten Fußball. Der Trainer ist dabei äußerst pragmatisch. Bis zum Halbfinale war Argentinien das Team mit dem meisten Ballbesitz. Gegen die Niederlande, die ihre Stärken vor allem im Spiel gegen den Ball haben, verzichtete Argentinien jedoch auf viel Ballbesitz und überließ dem Gegner die Aufgabe, das Spiel über weite Strecken selbst zu machen. Dabei stellten sie sich so weit hinten rein wie Costa Rica in der Schlussphase des Viertelfinals, sondern verteidigten eher passiv im Mittelfeld und machten das Spiel nach der Balleroberung langsam – eher eine Rarität im modernen Fußball.

Defense wins Championships

Zugegeben: Schön ist der argentinische Ansatz bei dieser WM nicht und man muss die Prämisse vom Erfolg, der alle Mittel heiligt, sicherlich nicht teilen. Es lohnt sich aber, das argentinische Spiel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, um zu verstehen, warum dieses Team im Finale steht. Als einzige Mannschaft lag Argentinien im gesamten Turnier noch nicht im Rückstand und hat in der K.O.-Runde in 330 Minuten kein einziges Gegentor kassiert. Auch Deutschland steht bekanntlich nicht nur wegen des 7:1 im Finale, sondern auch, weil es Frankreich am langen Arm verhungern ließ und gegen Algerien trotz mancher Wackler nicht in Rückstand geriet.

Wann ist zuletzt eine Mannschaft mit überwiegend spektakulärem Angriffsfußball Weltmeister geworden? Das ist ein Stück weit natürlich Definitionssache. Die Bedeutung einer sattelfesten Defensive für einen WM-Sieg ist hingegen unbestritten. Spanien hat bei allen drei EM- und WM-Titeln keine Gegentore in der K.O.-Runde kassiert. Italiens einziges Gegentor in der K.O.-Runde 2006 war Zidanes Elfmeter im Finale. Griechenlands drei 1:0-Siege in der K.O-Runde 2004 sind hinlänglich bekannt. Brasilien kassierte 2002 das letzte Gegentor im Achtelfinale. Argentinien verfolgt diesen Ansatz knallhart und nimmt dabei sogar in Kauf, sich der eigenen Offensivstärken zu berauben. Auch, weil man mit Lionel Messi eben einen Spieler hat, der ein solches Spiel auf vielfältige Weise entscheiden kann. Diese Mannschaft wird im Finale sicherlich nicht blind ins Verderben laufen.

Trotz allem glaube ich, dass Deutschland die bessere Mannschaft hat, den besseren (nicht nur schöneren) Fußball spielt und im Finale die besseren Siegchancen besitzt. Die Versetzung Lahms auf den Flügel ab dem Viertelfinale erwies sich als richtig, weil Schweinsteiger als alleiniger Sechser (wer hat sich eigentlich diesen Unsinn ausgedacht, das deutsche System in der K.O.-Runde wieder als 4-2-3-1 darzustellen?) besser spielt, als von mir erwartet. Auch das Festhalten an Khedira in der Startelf hat sich spätestens gegen Brasilien bewährt. Löws bester Zug war allerdings – so leid es mir tut – Boateng statt Mertesacker neben Hummels spielen zu lassen.

In einem einzigen Spiel muss das aber nicht den Unterschied machen. Argentinien hat alle Chancen, das Finale zu einem engen Spiel werden zu lassen, in dem Kleinigkeiten den Unterschied ausmachen. Wenn Mascherano und Biglia das Zentrum dicht halten können und keine individuellen Patzer früh den Matchplan versauen, könnte es ein Spiel werden, das durch eine einzige Aktion entschieden wird. Umso besser, dass Deutschland inzwischen auch bei Standards zu den gefährlichsten Mannschaften gehört.

* Was auch immer das eigentlich genau sein soll. Am ehesten wohl Mainstream-Medien inklusive Experten (via Status, nicht via Fachwissen) und Schland-Patrioten.

Per Mertesacker durch die Galaxis

Algerien ist auf den ersten Blick ein eher leichter Gegner für ein WM-Achtelfinale. Der Stil der Nordafrikaner könnte Deutschland jedoch größere Probleme bereiten, als man von der Papierform her annehmen würde.

Algerien hat sich bei der WM schon von sehr unterschiedlichen Seiten gezeigt, von sehr defensiv (gegen Belgien) bis sehr offensiv (gegen Südkorea). Dennoch gibt es einige übergreifende Aspekte, die in allen drei Vorrundenspielen zum Tragen kamen. Ein wenig erinnert das Team von Vahid Halilhodzic an das Werder Bremen der abgelaufenen Saison: Sehr linkslastig, bis tief in die gegnerische Hälfte kaum Kurzpässe und dadurch bedingt wenig Ballbesitz und eine schlechte Passstatistik. Kommt einem als Werderfan alles irgendwie bekannt vor. Was die Algerier jedoch deutlich anders machen: Der Ball bleibt auf dem Boden. Von hinten werden lange Flachpässe gespielt, am liebsten diagonal aus der Innenverteidigung auf die Flügel. In dieser Hinsicht ähnelt Algerien also eher Tuchels Mainzern. Im Angriffsdrittel dreht dann jedoch die Kombinationsmaschinerie auf. Häufig heißt es: Alle Mann nach links, mit kurzen Pässen den gegnerischen Außenverteidiger aushebeln und dann die Flanke in die Mitte bringen.

Auf diese Weise ist Algeriens Spiel zwar recht leicht auszurechnen, aber nicht unbedingt einfach zu verteidigen, wenn man in erster Linie sein eigenes Spiel durchsetzen will, wovon wir bei Deutschland und Löw ausgehen dürfen. Kleinere Anpassungen könnten hingegen durchaus sinnvoll sein, wenn auch vielleicht nicht von Beginn an. Gegen Deutschland erwarte ich eine sehr defensiv eingestellte algerische Mannschaft, die zunächst einmal die Null halten will. Das deutsche Ballbesitzspiel ist auf hohem Niveau, es gab aber insbesondere in den ersten beiden Spielen auch schon Unsicherheiten (ausgerechnet bei Lahm) zu beobachten, die es dem Gegner ermöglichten, mit Tempo auf die nicht allzu schnelle Viererkette zuzulaufen. Hier steht Löw nun vor der Entscheidung, das Ballbesitzspiel weiter zu stärken (mit Schweinsteiger als zweitem Achter) oder eher auf bessere Absicherung im Falle eines Ballverlusts zu achten (mit Khedira).

Angesichts der Linkslastigkeit Algeriens stellt sich auch die Frage, ob und in wie weit dies Deutschlands Rechtslastigkeit beeinflusst. Mit Özil, Müller und einem nachrückenden Boateng kann man über die rechte Seite in fast jede Abwehr Löcher reißen. Es birgt jedoch auch das Risiko, dass bei einem Ballverlust zwei bis drei technisch starke, flinke Algerier über diese Seite relativ unbedrängt auf den doch eher langsamen Per Mertesacker zulaufen. Es dürfte eh das Ziel Algeriens sein, mit der Linkslastigkeit den rechten deutschen Innenverteidiger (also Mertesacker) aus dem Strafraum zu ziehen, um so mit Flanken zwischen Hummels und Höwedes für Gefahr zu sorgen. So sattelfest eine Viererkette mit vier gelernten Innenverteidigern bei hohen Bällen auch sein sollte, das Kopfballtor von Ghana zeigte gut auf, dass man mit gutem Timing bei der Flanke trotzdem für Gefahr sorgen kann. Hinzu kommt, dass Algerien zu den kopfballstärkeren Teams des Turniers gehört.

Neben der Personalie Schweinsteiger/Khedira, die – wie in den deutschen Medien üblich – viel zu sehr auf die Frage nach dem Führungsspieler reduziert wird, gibt es für Löw einige weitere Entscheidungen zu treffen. Kehrt er zurück zur offensiven Dreierreihe aus den ersten beiden Partien? Stellt er Özil aufgrund der Linkslastigkeit des Gegners auf die andere Seite? Setzt er mit Schürrle auf eine direktere Variante auf dem Flügel? Erhalten die Außenstürmer mehr Verantwortung in der Bewachung der gegnerischen Außenverteidiger? Ich gehe davon aus, dass Deutschland zunächst auf Ballsicherheit gehen wird, um die Kontrolle über das Spiel zu erlangen. Algerien wird ebenfalls abwartend beginnen und auf Chancen hoffen, die deutschen Schwächen im defensiven Umschalten nutzen zu können.

Unterm Strich muss Deutschland dies Partie ohne Wenn und Aber gewinnen. Das Passspiel wird gegen Algerien jedoch auf eine härtere Probe gestellt, als gegen die aufgrund der besonderen Konstellation doch eher verhaltenen Amerikaner. Es wird viel Geduld erforderlich sein, um auf die Lücken zu warten, die Algerien im Lauf der 90 Minuten aber sicher anbieten wird. Selbst wenn es Algerien gelingen sollte, das deutsche Spiel komplett zu neutralisieren, bliebe immer noch die größere individuelle Klasse und die Möglichkeit, von der Bank neue taktische wie spielerische Elemente in die Partie zu bringen.

Mein Tipp: 4:2 für Deutschland mit mindestens drei Toren in den letzten 20 Minuten.

Meine EM: Ein Schuss ins Knie

Deutschland – Italien 1:2

Italien schlägt Deutschland in einem sehr guten Spiel verdient mit 2:1 und zieht ins Finale ein. Dieses Spiel hat drei große Sieger: Mario Balotelli, den Doppeltorschützen, Andrea Pirlo, den überragenden Mann auf dem Feld, und Cesare Prandelli, der Löw in diesem Spiel ausgecoacht hat.

Nur ein Trainer zieht sein Konzept durch

Beide Trainer hatten vor dem Spiel angekündigt, dem jeweils anderen das eigene Spiel aufzwingen zu wollen. Prandelli unterstrich dies, indem er sein Team bis auf Rückkehrer Chiellini (für Abate) unverändert ließ und mit Viererkette, Raute im Mittelfeld un zwei Spitzen agierte. Löw stellte hingegen sein Team um, brachte Gomez und Podolski zurück ins Team und überraschte alle mit der Aufstellung von Toni Kroos als zusätzlichem Mittelfeldmann. Dadurch ergab sich eine etwas kuriose Raumaufteilung im 4-2-3-1 mit einem rochierenden Özil und keinem echten Rechtsaußen. Kroos sollte Pirlo unter Druck setzen und erfüllte diese Aufgabe bis zum Seitenwechsel weitgehend gut.

Beide Mannschaften versuchten sich an hohem Pressing und schoben ihre Abwehrreihen weit nach vorne. Durch die Aufstellungen beider Teams konzentrierte sich das Spiel zudem enorm auf das Zentrum, wodurch das Spielfeld extrem verknappt wurde. In der ersten Halbzeit standen häufig alle 20 Feldspieler in einem Quadrat von 25 mal 25 Metern. Deutschland versuchte mit seiner asymmetrische Aufstellung häufig das Spiel nach links zu verlagern, um dann mit einem Pass auf die rechte Seite Boateng in eine gute Flankenposition zu bringen, was einige Male ganz gut gelang. Trotzdem waren es die Italiener, denen diese Spielweise mehr zusagte. Löw muss sich hier schon Fragen gefallen lassen, warum er den Vorteil der Überzahl auf den Außen gegen die Raute zugunsten eines kompakteren Mittelfeldes geopfert hat. De Rossi und Marchisio auf den Halbpositionen wurden viel zu selten aus dem Zentrum zum Doppeln auf die Außenbahn gezogen.

Deutsche Umstellungen können Pirlo nicht stoppen

Löws Konzept ging nicht so auf, wie erhofft, auch weil Schweinsteiger wieder ein schwaches Spiel ablieferte (er wirkte auf mich auch einfach nicht fit). Es ging aber auch deshalb nicht auf, weil man allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz Andrea Pirlo vor dem 0:1 unglaublich viel Zeit ließ. Özil setzt Pirlo unter Druck, zwingt ihn in die Rückwärtsbewegung und geht dann nicht nach. So kann sich Pirlo in aller Ruhe im Mittelkreis drehen, hat fünf Meter Platz vor sich und die nötige Zeit den punktgenauen Pass auf Chiellini zu spielen. Im Eins gegen Eins lässt sich Hummels zu einem unüberlegten Herausrücken verleiten und Cassano schlägt blitzschnell zu. Ball mit Rechts um  Hummels herumgelegt und direkt mit Links geflankt. Ganz große Klasse! Balotelli lässt Badstuber im Kopfballduell keine Chance.

Beim 0:2 schaltet die deutsche Mannschaft nach einer eigenen Ecke nicht schnell genug um. Dieses Mal ist es Montolivo, dem man sehr viel Raum für seinen langen Pass lässt. Dann schießt sich die deutsche Absicherung an der Mittellinie selbst ins Bein: Podolski spielt auf Abseits, während Lahm fünf Meter weiter hinten einen etwas orientierungslos wirkenden Kreisel läuft. Balotelli nimmt den Ball perfekt mit und hämmert ihn in den Winkel. Vor, zwischen und nach den Toren gab es immer wieder Phasen, in denen die deutsche Mannschaft Druck aufbauen konnte und zu Torchancen kam. Diese waren nur selten zwingend, Abschlüsse aus guten Positionen blieben Mangelware und die Fernschüsse entschärfte Buffon gewohnt souverän.

Wechsel bringen nur kurzen Aufschwung

Zur Pause stellte Löw um, brachte mit Klose und Reus für die schwachen Gomez und Podolski zwei beweglichere Spieler. Reus spielte auf dem rechten Flügel und sorgte gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit mit einige schnörkellosen Läufen für Gefahr. Özil konnte nun vermehrt aus der Mitte heraus agieren, während Kroos auf die rechte Seite wechselte. Die zehn Minuten nach der Pause waren die besten von Deutschland, doch danach ebbte das Offensivspiel völlig ab. Deutschland schaffte es in der letzten halben Stunde des Spiels kaum einmal, einen durchdachten Angriff auszuspielen. Die Italiener zerlegten die deutsche Mannschaft nach und nach in die Einzelteile. Das Zentrum wurde verbarrikadiert und die Bälle auf die Außen umgeleitet, wo die deutschen Spieler erschreckend wenig mit ihnen anzufangen wussten. Es gab immer häufiger Situationen, in denen der ballführende Spieler lange keine Anspielstation finden konnte. Dazu kam die immer greifbarer werdende Nervosität die zu vielen Ungenauigkeiten in der Ballverarbeitung führte. Dadurch zirkulierte der Ball langsamer als gewohnt – zu langsam, um damit Löcher in der Mitte zu reißen oder über die Außenpositionen gefährlich vors Tor zu kommen.

Als Löw aufmachte und Müller für Boateng brachte, bekam Italien die Kontergelegenheiten auf dem Silbertablett serviert. Fast wäre es noch einmal spannend geworden, weil die Italiener diese Gelegenheiten kläglich vergaben. Özils Elfmetertor kam jedoch zu spät, um noch einmal Druck auf Italien aufzubauen. Bezeichnend, dass die letzte Aktion des Spiels ein kurz ausgeführter Freistoß war, statt den Ball mit letzter Hoffnung und vollster Überzeugung in den Strafraum zu schlagen. Es wird eine Menge Fragen geben nach diesem Spiel, angefangen bei der gewählten Taktik und der Leistung einzelner Spieler. Tatsache ist, dass Löw sein System an Italien angepasst hat und damit gescheitert ist. Er hat eigene Stärken geopfert und dennoch dem Gegner nicht die Stärke genommen. Auch der Trainer wird deshalb in der Kritik stehen, nicht jedoch seine hervorragende Arbeit, die er seit 2004 in der Nationalmannschaft geleistet hat.

Am Ende steht mit Italien der verdiente Sieger im Finale gegen Spanien. Dort werden die beiden Teams, die die drei letzten Welt- und Europameisterschaften gewonnen haben, auch diesen Titel unter sich ausmachen.

Meine EM: Özils Durchbruch

Deutschland – Griechenland 4:2

Vor dem Turnier wurde immer wieder die Tiefe im Deutschen Kader betont, als einer der größten Unterschiede zur WM vor zwei Jahren. Gegen Griechenland hat man sie zum ersten Mal richtig zu sehen bekommen. Es war eine mutige Entscheidung Löws seine Offensivabteilung auszutauschen. Und eine richtige. Reus und Schürrle waren von Beginn an sehr aktiv auf den Außen und  schafften es immer wieder, die griechischen Außenverteidiger aus den Positionen zu ziehen. Klose erfüllte alle Erwartungen, die seine Befürworter an ihn hatten. Die Fluidität im deutschen Offensivspiel war bewundernswert und bezweifle, dass dies mit Gomez in diesem Maße möglich gewesen wäre.

Mehr Bewegung, mehr Tempo, mehr Özil

Vor ein paar Tagen habe ich Özil noch leicht kritisiert. Ich finde ihn inzwischen selbst an schwächeren Tagen unverzichtbar, aber man hat zu Beginn des Turniers doch gemerkt, dass ihm ein wenig die Frische fehlte. Es war allerdings eine Entwicklung erkennbar und gegen Griechenland hatte Özil seinen Durchbruch bei diesem Turnier. Nach 90 Sekunden hatte er schon zwei großartige Pässe gespielt, zeigte sich danach ungeheuer beweglich und lauffreudig. Neben seinen gewohnten Läufen auf die Außenpositionen zog er sich auch immer wieder aus der schmalen Zone zwischen Abwehr- und Mittelfeldkette der Griechen zurück. Dadurch war er häufiger anspielbar als zuletzt. Trotzdem fand er – wie die gesamte deutsche Offensivabteilung – immer wieder Platz zwischen den Linien, trotz Griechenlands Versuchen, diese Räume klein zu halten.

Doch es war bei weitem keine One-Man-Show. Deutschland zeigte eine großartige Teamleistung und der einzige Vorwurf, den man sich gefallen lassen muss, ist die Ineffizienz in den ersten 45 Minuten. Man hätte dieses Spiel innerhalb von 25 Minuten entscheiden können, doch Griechenland blieb über eine Stunde lang im Spiel, da beste Chancen vergeben wurden. Nach der Pause leistete man sich 10 schwächere, unkonzentrierte Minuten, in denen man gut sehen konnte, dass man den Griechen keine  Gelegenheiten geben darf, ins Spiel zurück zu kommen. Wieder einmal wechselte Santos in der Halbzeit und seine Wechsel zahlten sich erneut aus. Der Konter zum 1:1 war stark gespielt, wenn auch das deutsche Defensivverhalten viel dazu beitrug. Es war eine der ganz wenigen gelungenen Offensivaktionen der Griechen.

Mehr Effizienz führt zum deutlichen Sieg

Nach dem Ausgleich zog Deutschland das Tempo wieder an und nutzte in der Folge die sich bietenden Chancen wesentlich effizienter. Griechenland machte das gesamte Spiel über zu viele Fehler. Die extreme Defensive war vermutlich die einzige taktische Marschrichtung, mit der man überhaupt eine kleine Chance hatte, doch man hätte schon sehr viel Glück gebraucht, um dem Druck über 90 Minuten standzuhalten. Die deutschen Spieler waren extrem ballsicher, wechselten immer wieder das Tempo, rissen Lücken und ließen auch nach dem 4:1 keinen Zweifel aufkommen, dass sie die Spielkontrolle nicht wieder abgeben würden.

Die bislang so starke deutsche Abwehr wurde in diesem Spiel kaum gefordert. Der gefährlichste Spieler war in dieser Hinsicht Bastian Schweinsteiger, der eine für seine Verhältnisse desolate Fehlerquote hatte. (Gerade auch deshalb ist Sami Khediras Weltklasseleistung in diesem Spiele besonders zu würdigen.) Dennoch konnte man das große Selbstbewusstsein der Hintermannschaft erkennen. Die ganze Klasse von Mats Hummels zeigte sich nach 84 Minuten, als er nach einer erfolgreichen Grätsche sichtlich unzufrieden und kopfschüttelnd durch den Strafraum trabte. Andere Verteidiger putschen sich mit solchen Szenen auf. Hummels ärgerte sich, dass es überhaupt dazu gekommen war, denn eine Grätsche ist das letzte Mittel und im Strafraum nicht ohne Risiko. Er weiß, dass er die Situation schon vorher besser lösen muss. Er weiß aber auch, dass er es besser kann. Im Halbfinale gegen Italien oder England dürfte mehr Arbeit auf ihn zukommen.

So sehr ich mich über diese deutsche Mannschaft freue, so sehr geht mir das Drumherum auf die Nerven. Allein schon, wenn ich die unsäglichen “Sieg!”-Rufe aus dem deutschen Fanblock höre, wünsche ich mir fast, das Turnier möge für Deutschland so schnell wie möglich vorbei sein. Es ist noch nicht lange her, dass ein Teil der Fans im deutschen Fanblock auf diesen Ausruf mit “Heil!” antworteten. Es ist ein gefährlicher Irrtum zu glauben, man könne den neuen, angeblich weltoffenen Party-Nationalismus der Eventfans sauber vom Nationalismus am rechten Rand der Gesellschaft trennen. Aber das ist einen eigenen Beitrag wert, zu dem ich in den nächsten Tagen hoffentlich noch kommen werde.

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe B

Portugal holt in einem schwachen, aber unterhaltsamen Spiel drei Punkte gegen Dänemark, Deutschland gewinnt das Prestigeduell gegen die Niederlande, ohne dabei vollständig zu überzeugen.

Portugal – Dänemark 3:2

Nach der Niederlage gegen Deutschland war Portugal unter Zugzwang. Gegen Dänemark setzte man auf Spielkontrolle und die Offensivpower über die Außen. Dabei zeigte man die Probleme, die man ihnen schon vor Turnierbeginn zuschrieb: Keinen starken offensiven Mittelfeldspieler und eine große Abhängigkeit von Ronaldo und Nani auf den Flügeln. Dänemark machte es im Rahmen der Möglichkeiten gut und hatte etwas Pech, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

Portugals Spielaufbau ist grauenvoll. Pepe und Bruno Alves sind eines der holzfüßigsten Innenverteidigerduos dieses Turniers. Von der gesamten Spielanlage her wirkte Dänemark reifer und besser aufeinander abgestimmt. Allerdings merkt man schon, dass die “Olsen-Bande” fußballerisch limitierter ist, als der Gegner. Dazu machte Veloso wie schon gegen Özil auch gegen Eriksen einen guten Job und nahm ihn weitgehend aus der Partie. Portugals höhere individuelle Klasse machte zumindest in der ersten Halbzeit den Unterschied aus. Das Loch, das Ronaldo durch seine Nicht-Teilnahme am Defensivspiel hinterließ, wäre den Portugiesen dann fast zum Verhängnis geworden. Dazu ließ Ronaldo zwei Riesenchancen ungenutzt. So kam es, wie es kommen musste: Dänemark schaffte den Ausgleich und Portugal musste in der Schlussphase noch einmal anrennen.

Wie schon gegen Deutschland sorgte Varela nach seiner Einwechslung für eine Belebung des portugiesischen Offensivspiels. Umso schöner, dass er es dann auch war, der das Siegtor erzielte. Insgesamt ging der Sieg in Ordnung, denn Dänemark war defensiv längst nicht so stabil, wie man es nach dem 1:0 gegen die Niederlande gedacht hätte. Portugal geht nun mit den besten Chancen auf Platz 2 ins letzte Spiel, während Dänemark gegen Deutschland einen schweren Stand haben dürfte.

Deutschland – Niederlande 2:1

Ich bin etwas zwiegespalten, was dieses Spiel angeht. Einerseits war es eine in weiten Teilen überzeugende und taktisch wie spielerisch gute Leistung der deutschen Mannschaft. Andererseits ließ man nach 60 Minuten deutlich nach und musste noch einmal zittern, obwohl man mit der Überlegenheit eigentlich einen klaren Sieg einfahren muss.

Das deutsche Mittelfeld war dem niederländischen eine gute Stunde lang deutlich überlegen. Özil riss mit seinen cleveren Laufwegen Lücken (vor allem de Jong ließ sich oft aus dem Zentrum ziehen) und Schweinsteiger und Khedira nutzten den Platz für Vorstöße. Sie spielten dabei mutig und ging auch immer wieder beide mit nach vorne, wodurch van Bommel auf völlig verlorenem Posten stand. Das 1:0 fiel auf diese Weise, wobei auch die Ballverarbeitung von Gomez großartig war. Hummels spielte erneut stark, muss aber etwas aufpassen, dass er nicht überdreht. In der Schlussphase wirkte er etwas unkonzentriert, während Badstuber den Fels in der Brandung gab. Lahm machte defensiv ein sehr starkes Spiel gegen Robben, offensiv würde ich mir etwas mehr Mut zum schnellen Pass wünschen.

Die Niederlande wirkten über das gesamte Spiel ziemlich unrund. Aus dem zentralen Mittelfeld kam fast keine Kreativität und nur selten rückte van Bommel auf. Die vier Offensivspieler agieren nicht wie ein Kollektiv, jeder kocht mehr oder weniger sein eigenes Süppchen. Kombiniert wird nur mit dem Mitspieler in unmittelbarer Nähe. Dank der individuellen Klasse hatte man in der Anfangsphase ein paar Chancen, doch das deutsche Spiel wirkte vom Anpfiff an besser und reifer. Mit van der Vaart wurde das Spiel im Zentrum etwas stärker, besonders nachdem van Persie hinter Huntelaar als hängende Spitze agierte und Sneijder auf den Flügel ging.

Löw muss ob der Zitterpartie zwischen der 70. und 85. Minute seine Wechselstrategie hinterfragen. Statt frühzeitig auf die niederländischen Umstellungen und verlorene Spielkontrolle zu reagieren, wartete er erneut sehr lange. Gerade auf den Flügeln hätte eine Auswechslung sicher gut getan (wobei Müller und Podolski sehr diszipliniert mit nach hinten gearbeitet haben). Mit Reus oder Schürrle hätte man zudem einen konterstarken Spieler bringen können. Wenn man die Effizienz in der ersten Halbzeit loben will, muss man auch sagen, dass man am Ende nur mit einem Tor Vorsprung gewinnt, obwohl man die klar bessere Mannschaft war. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, aber wenn man einen Gegner wie Holland am Boden hat, darf man ihn nicht wieder aufstehen lassen und auf den Schlusspfiff warten.

Die öffentliche Diskussion um Gomez dürfte nun vorerst vorbei sein. Dabei hat das Spiel keinerlei neue Erkenntnisse geliefert. Dass Gomez ein weltklasse Strafraumstürmer ist wusste man vorher schon. Ein mitspielender Stürmer ist er auch nach seinen beiden Toren nicht. Vor allem Özil und Müller würden davon profitieren, wenn Klose zurück ins Team kommt. Für Gomez spricht dessen eigene Torgefährlichkeit, doch man macht sich gleichzeitig ein gutes Stück weit von ihr abhängig. Wenn er seine Chancen dann effizient nutzt (wie gestern), gibt es wenig Probleme. Wenn nicht (wie im Champions League Finale), könnte es Deutschland teuer zu stehen kommen.

Gefühlt war das für Deutschland schon die Qualifikation fürs Viertelfinale. Allerdings könnte man schon mit einem 0:1 gegen Dänemark noch rausfliegen. Zeit zum Durchschnaufen hat man daher nicht. Die Niederlande sind nun auf deutsche Schützenhilfe angewiesen, haben aber eigentlich ganz andere Sorgen. Van Marwijk hat sich zu sehr auf die individuelle Qualität seiner Offensivleute verlassen und wollte mit sechs Defensivspielern hinten dicht machen. Beides rächt sich nun und die Niederlande geben mehr und mehr das Bild einer zerstrittenen Mannschaft ab. Bisher sind sie für mich die größte Enttäuschung des Turniers. Den benötigten 2:0 Sieg gegen Portugal traue ich ihnen nicht mehr zu.

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe B

Die erste Überraschung gab es in Gruppe B, wo Dänemark die Niederlande schlagen konnte. Deutschland mühte sich danach zu einem 1:0 Arbeitssieg gegen Portugal.

Niederlande – Dänemark 0:1

Die Niederlande haben sich gleich zum Auftakt einen Patzer geleistet, der ihnen teuer zu stehen kommen kann. Dänemark zeigt eindrucksvoll, dass Trainer Olsen richtig gelegen hat, seiner Mannschaft auch in der schweren Gruppe B etwas zuzutrauen. Die Niederlande waren die bessere Mannschaft und hatten die besseren Chancen, doch taten sich sehr schwer echte Gefahr vor dem dänischen Tor zu erzeugen.

Es war ein Musterbeispiel dafür, wie unterlegene Mannschaften im Fußball zum Erfolg kommen können: So gut wie möglich stehen, die gefährlichen Spieler doppeln, Abschlüsse nur aus suboptimalen Positionen zulassen und selbst bei Ballgewinn schnell umschalten und die Räume nutzen, die der aufgerückte Gegner offen lässt. Ein bisschen “Matchglück” braucht man dazu auch und das hatten die Dänen. Auch mit den vorhandenen Chancen hätten die Niederlande das Spiel gewinnen können. Auffällig, wie häufig die niederländischen Stürmer ausrutschten. Van Marwijk muss sich fragen, ob eine Doppelsechs mit van Bommel und de Jong ausreicht. Spielerisch kommt sehr wenig von den beiden und man ist fast ausschließlich auf die Kreativität vier Offensivspieler angewiesen. Gegen Dänemark wäre van der Vaart wohl die bessere Wahl gewesen.

Dänemark überzeugte nicht nur defensiv, sondern zeigte auch große Stärken beim Kontern. Bendtner spielt sehr beweglich, weicht nach außen aus und schafft Räume für Eriksen und die nachrückenden Spieler. Das Team wirkt gut eingespielt, was sich auch in den nächsten beiden Partien bezahlt machen könnte. Das Weiterkommen ist ihnen durchaus zuzutrauen. Die Niederlande müssen Deutschland schlagen, um nicht schon nach zwei Spielen chancenlos aufs Weiterkommen zu sein.

Deutschland – Portugal 1:0

Soll man enttäuscht sein über das wenig inspirierende Spiel oder sich über den erarbeiteten Sieg freuen? Ich tendiere klar zu letzterem, weil ein Erfolgserlebnis zu Beginn für einen Leistungsschub sorgen kann. Es ist auch nicht so, dass Deutschland gegen Portugal schlecht gespielt hätte. Es fehlten nur ein paar Dinge im deutschen Spiel, die im Laufe des Turniers noch hinzukommen können.

Portugal zeigte, dass es hinzugelernt hat und die vertauschten Vorzeichen anerkannt hat. Während früher Deutschland den Portugiesen die Initiative überließ und selbst hauptsächlich Konterfußball spielte, richtete sich am Samstag Portugal gemütlich in der eigenen Hälfte ein. Deutschland hatte viel Ballbesitz, tat sich aber ungemein schwer, vor das gegnerische Tor zu kommen. Der Ball zirkulierte viel im Mittelfeld. Gefährlich wurde es nur, wenn man über die Flügel spielte und den Ball von dort in den Strafraum brachte. Özil wich häufig auf die Außenbahnen aus, um Velosos aufmerksamer Bewachung zu entgehen. Richtige Chancen blieben allerdings Mangelware. Insgesamt wirkte das Spiel zu pomadig und gerade im Angriffsdrittel fehlte das Tempo im deutschen Spiel.

Portugal freundete sich im Laufe des Spiels immer besser mit der ungewohnten Rolle an und sorgte mit gelegentlichen Kontern für Entlastung. Dabei spielten sie sich die besseren Torchancen heraus. Deutschland hatte Glück bei Pepes Lattenschuss und musste sich in der Schlussphase bei Neuer bedanken, der den Sieg festhielt. Hummels feierte endlich seinen Durchbruch im Nationaltrikot, während Lahm einen schwachen Tag erwischte. Schweinsteiger und Özil sind noch nicht bei einhundert Prozent. Gegen die Niederlande wird man eine deutliche Steigerung brauchen, gerade was die Geradlinigkeit und das schnelle Kombinationsspiel vor dem Strafraum angeht. Dabei könnte es ein Vorteil sein, dass der Gegner unbedingt gewinnen muss und wahrscheinlich mehr Räume zulässt als Portugal.

Meine EM: Deutschland ist reif für den Titel

Nach zwei dritten Plätzen und einem verlorenen Finale ist Jogi Löws Elf – so der Konsens in Deutschland – dieses Jahr einfach mal wieder dran. Es spricht auch in der Tat einiges für einen Europameister Deutschland:

  • Die Mannschaft ist jung: Mit Klose und Wiese stehen nur zwei Spieler jenseits der 30 Jahre im Kader.
  • Die Mannschaft ist erfahren: Auf fast allen Schlüsselpositionen stehen Spieler, die über Erfahrung bei großen Turnieren verfügen.
  • Die Mannschaft ist gefestigt: Der über Jahre aufgebaute Spielstil ist bei den Spielern inzwischen tief verankert.
  • Die Mannschaft ist gegen Ausfälle gewappnet: Deutschland kann personell aus dem Vollen schöpfen und ist auch in der Tiefe inzwischen sehr gut besetzt.

Seit langem wieder Top-Favorit

Dennoch sollte man die Erwartungen vor dem Turnier ein Stück weit dämpfen. Die Leistungen aus den beiden Jahren vor dem Turnier wurden schon häufiger zur Makulatur, wenn die Form im entscheidenden Moment nicht stimmte. Zwar traf dies in der Vergangenheit meist auf andere Teams zu, während sich Deutschland über Jahrzehnte einen Ruf als Turniermannschaft erarbeitete. Doch man sollte den psychologischen Effekt nicht unterschätzen. Zum ersten Mal seit Mitte der 90er Jahre geht Deutschland als (Mit-)Favorit in ein großes Turnier. Die Ausgangsposition ist eine andere, positiv überraschen kann man nun kaum noch, denn man erwartet von der Nationalmannschaft nichts anderes als den Titel. Wie das Team mit dieser gestiegenen Fallhöhe umgeht, wird mit entscheidend sein über den Verlauf dieser Europameisterschaft.

Spielerisch zählt Deutschland inzwischen zur Crème de la Crème des Weltfußballs. Joachim Löw hat innerhalb von acht Jahren – zunächst gemeinsam mit Klinsmann – den am Boden liegenden Fußballriesen neu aufgerichtet und ein völlig neues fußballerisches Gewand verpasst. (Hierbei muss man auch erwähnen, dass es 2004 schon deutlich besser um den deutschen Fußball stand als etwa 2000. Ohne Klinsmann/Löw und die WM 2006 als treibende Kräfte wären die zahlreichen Widerstände gegen die Erneuerungen jedoch nicht so schnell überwunden worden.) Im Spiel nach vorne hat man sich in den letzten zwei Jahren noch ein Stück weiterentwickelt und hat neben dem von der WM 2010 bekannten schnellen Spiel nach vorne nun in puncto Ballkontrolle und Positionsspiel nachgelegt. Auch gegen tiefstehende Gegner findet Deutschland inzwischen spielerische Mittel und Wege.

Stimmt die Form zum EM-Start?

Die Testspielniederlagen gegen Frankreich und die Schweiz sollte man nicht überbewerten. Taktische Experimente dürfte es bei der EM eher nicht geben, erst recht nicht gegen starke Gegner. Der letzte Test gegen Israel war nicht so schlecht, wie er danach gemacht wurde. Gegen einen schwachen und rein auf die Defensive bedachten Gegner hatte Deutschland insgesamt wenig Probleme. Die fehlende Frische sah man einigen Spielern noch an, doch das wird sich bis zum kommenden Samstag noch ändern.

Die Offensive ist das Prunkstück in Löws Team. Neben dem bei der WM überragenden Offensivquartett (Klose, Özil, Müller, Podolski) gibt es inzwischen ein ganzes Arsenal an Alternativen, mit denen man die Taktik leicht anpassen kann, wenn es der Spielverlauf erfordert. Mit Gomez hat man einen Stoßstürmer, der im Strafraum zu den torgefährlichsten Spielern des Kontinents zählt. Reus kann sowohl als falsche Neun, hängende Spitze und auf den Außen agieren. Schürrle ist mit seiner Torgefahr vom linken Flügel der perfekte Podolski-Ersatz. Götze kann mit seiner Technik und Antizipation gegen tiefstehende Gegner helfen (falls er rechtzeitig seine Topform erreicht). Kroos kann als aufrückender Sechser oder einrückender Zehner für flexible Taktikänderungen sorgen.

Dahinter zieht Schweinsteiger die Fäden, der rechtzeitig zur Europameisterschaft wieder seine Topform erreichen sollte. Sorgen machen muss sich Löw hingegen um seine Viererkette. Mit Lahm und Schmelzer sind nur zwei echte Außenverteidiger im EM-Kader und während ersterer als Kapitän gesetzt ist, gibt es bei letzterem Zweifel an seiner Tauglichkeit für die ganz großen Aufgaben. So steht Löw vor der schweren Entscheidung entweder einen gelernten Innenverteidiger auf der Außenbahn spielen zu lassen (Höwedes, Boateng) oder auf Schmelzer zu vertrauen. Dank Lahms Universalität muss er dabei keine Rücksicht auf die Abwehrseite nehmen. Spielt Lahm links hat dies allerdings Auswirkungen auf das Hinterlaufen des Vordermanns. Podolski als Links- und Lahm als Rechtsfuß würden ein klassisches Hinterlaufen erschweren. Eher müsste Podolski entgegen seinem Naturell häufig an die Außenlinie ziehen und Platz für Lahms Vorstöße in die Mitte schaffen. Auf der anderen Seite sind Boateng und Höwedes offensiv limitiert, würden außer Breite keine wesentlichen Elemente mit ins Angriffsspiel bringen. Dafür könnte man mit ihnen die defensive Solidität erhöhen und Lahm etwas mehr Absicherung für seine Vorstöße geben.

Offene Fragen in der Viererkette

Ich halte dies für die wahrscheinlichere Variante, zumindest zu Beginn des Turniers. Denn auch im Abwehrzentrum steht man vor Problemen. Der einzige Innenverteidiger, der bedenkenlos als Stammspieler bezeichnet werden kann, ist Holger Badstuber. Neben ihm stünde eigentlich der von Löw geschätzte Mertesacker in der Hierarchie über Hummels und Boateng. Allerdings ist Mertesacker nach langer Verletzungspause und einer insgesamt schwierigen Saison bei Arsenal nicht unumstritten. Hummels ist inzwischen eine eigentlich bessere Alternative, doch passt mit seiner Spielweise nicht so richtig in Löws Konzept. So sah er bei seinen bisherigen Länderspieleinsätzen häufig blass aus. Auch Boateng ist immer mal wieder für einen Schnitzer gut und hat eine vergleichsweise mittelmäßige Spieleröffnung. Deshalb könnte es am Ende doch Mertesacker werden, wenn er bis zum Turnierstart ansteigende Form zeigt.

Als Gesamtpaket ist Deutschland die stärkste Mannschaft der Gruppe B. Der Vorsprung ist jedoch nicht so groß, dass die Qualifikation fürs Viertelfinale ein Selbstläufer wird. Abgesehen von Spanien ist das Team inzwischen jedem Gegner bei diesem Turnier spielerisch überlegen. Es wird daher vor allem auf die mentale Stärke ankommen, die deutsche Mannschaften früherer Jahre und Jahrzehnte ausgezeichnet hat. Schon in der Gruppenphase lässt sich ein Patzer angesichts der Gegner schwer ausbügeln. Genau das musste die deutsche Nationalmannschaft in den bisherigen Turnieren unter Löw jedoch immer. In einer K.O.-Phase darf man sich dann erst recht keine Schwächen mehr erlauben. Zeigt die Mannschaft die mentale Stärke der letzten Turniere, ist der Titel diesmal drin. Wenn Deutschland die eigene Spielstärke voll ausschöpft, kann sie maximal Spanien aufhalten. Und auch da bin ich mir nicht sicher.

Meine Prognose: Deutschland packt es, ist auf den Punkt in Bestform und wird Europameister.

Deutschlands Gruppengegner

Niederlande
Portugal
Dänemark

Der erhobene Zeigefinger

Gejubelt wird über Klassenerhalt oder Meisterschaft, nicht über den Tod eines Menschen. So oder so ähnlich steht es in der aktuellen Auflage des Knigge. Wenn nun im Fernsehen hunderte Amerikaner ihre Flagge schwenkend im Autokorso durch New York cruisen, dann kann einem als pazifistischem Wehrdienstverweigerer schon mal vor Schreck die Kinnlade runterfallen. America, fuck yeah!

Ich behaupte einfach mal, dass ich ein wenig mehr Bezug zu Amerika und Einblick in die amerikanische Volksseele habe, als der Durchschnittsdeutsche. Ich war drei Jahre lang mit einer Amerikanerin zusammen. Man nimmt den in Deutschland vorhandenen Anti-Amerikanismus anders war, bekommt aber auch ein tieferes Verständnis davon, wie “die Amerikaner” so ticken. Ganz abgesehen von dem Paradoxon, dass gerade über das Land mit der wohl heterogensten Bevölkerung der Welt die eindeutigsten und verallgemeinerndsten Vorurteile verbreitet sind, erstaunt es mich immer wieder, wie sehr “wir Deutschen” uns den Amerikanern moralisch und intellektuell überlegen sehen.

Der durchschnittliche Amerikaner ist fett, ungebildet und findet sein eigenes Land nicht auf der Landkarte. Er ist streng religiös, prüde und bigott. Er ist ein Waffennarr, liebt die Todesstrafe und ist übertrieben patriotisch. Er sieht sein Land als Mittelpunkt der Welt, seine Armee als Weltpolizei. Auch wenn die meisten Deutschen diese Plattitüden nicht völlig unreflektiert als ihre Meinung übernommen haben, ist dies doch das zugrunde liegende Bild, das gerne hervorschimmert, wenn gerade ein passendes Beispiel – ein Zeitungsartikel, ein Fernsehbericht – auftaucht.

Meine Ex-Freundin hat in Deutschland irgendwann damit begonnen, sich vorsorglich schon bei der Begrüßung Unbekannter für George W. Bush zu entschuldigen, obwohl sie ihn niemals gewählt hat und obendrein aus einem Bundesstaat kommt, der seit 1972 nicht mehr für einen republikanischen Präsidenten gestimmt hat. Eine der ersten Fragen war immer “Did you vote for Bush?”, eine (nicht nur) nach amerikanischen Gepflogenheiten äußerst unhöfliche Frage. Ich kann mich nicht erinnern, jemals von einem Fremden danach gefragt worden zu sein, ob mein Opa Mitglied in der Waffen-SS war.

Nach der Wahl Obamas haben sich die Wogen zunächst einmal ein bisschen geglättet (“Gibt es also doch noch ein paar Vernünftige dort!”). Die Vorurteile bleiben unter der Oberfläche jedoch bestehen und warten darauf, wieder hervorgeholt zu werden, wenn die Situation dazu einlädt. Mit der Tötung Osama Bin Ladens und den übermittelten Jubelbildern der Amerikaner ist nun genau so eine Situation eingetreten. Diese leichtgläubigen Hinterwäldler können halt noch eine Menge von uns aufgeklärten, kritischen, pazifistischen Deutschen lernen. Woher dieses Überlegenheitsgefühl gerade gegenüber den USA kommt, ist mir völlig schleierhaft. Vielleicht ist es die Kompensation eines Minderwertigkeitskomplexes gegenüber einem wirtschaftlich erfolgreicheren Land, was übrigens auch die ebenso von halbgaren Vorurteilen durchsetzte Berichterstattung zum Thema Japan in den letzten Wochen erklären würde.

Hinter allem steht ein tiefgreifendes Unverständnis darüber, warum die Amerikaner den Krieg mit all seinen Facetten nicht so grundsätzlich ablehnen, wie wir Deutschen. Dabei wird vergessen, dass die USA historisch einen ganz anderen Bezug zum Thema Krieg haben. Den Amerikanern wurden ihre Freiheit und ihre Demokratie nicht geschenkt. Erst recht wurden sie ihnen nicht nach einem verlorenen Krieg von außen verordnet. Sie haben sie sich in Kriegen erkämpft und verteidigt. Im Unhabhängigkeitskrieg. Im Bürgerkrieg. Danach sollten sie zweimal bitte schön die Welt retten, die von Europa aus in Schutt und Asche gelegt wurde. Während bei uns nach dem totalen Krieg der totale Frieden angebrochen ist, hatten die Amerikaner alle Hände voll zu tun, den kalten Krieg mit der Sowjetunion auszufechten. Und auch wenn es falsch wäre, die USA grundsätzlich immer als “die Guten” anzusehen, schockiert es mich, wie bereitwillig faschistischen, kommunistischen und totalitären Regimes ihre Sünden verziehen werden, während man Amerika gerne zum Schurkenstaat Nummer 1 ernennen würde.

Ich kann nicht sagen, dass mich der erhobene Zeigefinger wundert, mit dem nun eine Mäßigung der Freude über den Tod Osama Bin Ladens angemahnt wird. Ich habe ihn in dieser Form sogar erwartet. Er ist Ausdruck einer anerzogenen moralischen Korrektheit, die bei uns weit verbreitet ist. Das Mitleid mit dem armen, alten, unbewaffneten Mann, das an verschiedenen Stellen geäußert wurde, geht mir jedoch entschieden zu weit. Sicher muss man den Tod eines Menschen nicht unbedingt als Anlass für ausgelassene Feierlichkeiten ansehen (bei uns ist das wie gesagt für Fußballereignisse vorbehalten). Man kann und sollte jedoch durchaus Verständnis dafür haben, dass der Tod eines Terroristen, der sich mit tausendfachem Mord gebrüstet und zum Krieg gegen die westliche Welt aufgerufen hat, ein sehr befreiender Moment sein kann. Gerade für die Einwohner New Yorks, für die der 11. September noch immer ein kollektives Trauma ist (und zwar ganz gleich welcher politischen Richtung sie angehören), war es ein Moment der Genugtuung und Erleichterung.

Vor diesem Hintergrund kann man darüber diskutieren, ob Bin Laden besser lebend hätte gefasst werden sollen und können und ob seine Seebestattung angemessen war. Dies sollten im Gesamtkontext jedoch Nebensächlichkeiten bleiben. Es ist schon erstaunlich, dass manche Leute gerade an Osama Bin Laden ihr Mitleidempfinden über Gebühr ausschöpfen, während man toten amerikanischen Soldaten im Irak (“selbst Schuld, wenn sie einfach in das Land einmarschieren”) keine Träne nachweint. Wir können wohl froh sein, dass Hitler sich 1945 selbst das Leben nahm und nicht von den Alliierten getötet wurde, sonst würden wir womöglich heute dem Mord an einem tierlieben und unverstandenen Künstler gedenken und nicht der Befreiung von der Naziherrschaft.

Wir werfen den Amerikanern gerne eine plumpe Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge vor, doch selbst legen wir bei ihnen völlig andere Maßstäbe an, als bei anderen Staaten und Völkern. Es mag befremdlich sein, dass tausende Menschen auf der Straße den Tod bin Ladens Feiern, doch das erklärt nicht, warum es viele Deutsche nun als oberste Bürgerpflicht ansehen, den Amerikanern dieses Befremden möglichst deutlich mitzuteilen. Dabei sollte doch zumindest in sofern ein Konsens bestehen, dass es richtig war, den Terroristen Bin Laden auszuschalten und dass die USA nach vielen Jahren erfolgloser Suche nun genau dies getan haben. Vor lauter Empörung über die Details verlieren wir jedoch gerne mal das große Ganze aus den Augen, nicht nur in diesem Fall. In Japan interessiert uns die Frage, ob die Japaner denn nun endlich aus der Atomenergie aussteigen schließlich auch mehr, als die 20.000 Toten durch den Tsunami.

Auf fruchtbaren Boden stößt die deutsche Kritik jedenfalls nicht. Die wenigsten Amerikaner, deren Väter, Großväter und Ur-Großväter in Kriegen gegen Deutschland gekämpft haben, möchten sich nun von den Nachkommen der Väter, Großväter und Ur-Großväter, die diese Kriege angezettelt haben, über Pazifismus und Rechtsstaat belehren lassen. Vielleicht verstehen wir das irgendwann, wenn uns die Griechen Tipps für einen ausgeglichenen Staatshaushalt geben möchten.