Schlagwort-Archiv: Diego Ribas da Cunha

Scheiden tut weh

12. September 1999, Werder Bremen – 1.FC Kaiserslautern

Ich stehe als frischgebackener Dauerkartenbesitzer in der Ostkurve des Weserstadions. Die Fans beider Vereine feiern ihre neu entdeckte Feindschaft. Werder hat den Saisonstart verpatzt, aus drei Spielen nur zwei Punkte geholt. Erste Zweifel am frischgebackenen Trainer Thomas Schaaf kommen bereits auf. Kaiserslautern gerät nach einer roten Karte gegen Hristov früh in Unterzahl. Kurz darauf trifft der junge peruanische Stürmer Claudio Pizarro, der sein erstes Spiel für Werder macht, zum 1:0. Werder liefert in der Folge eines der bis dahin besten Spiele der Post-Rehagel-Ära ab, gewinnt mit 5:0. Selbst der untersetzte brasilianische Fehleinkauf Ailton darf in der Schlussphase aufs Feld. Eine Woche zuvor hatte Werder Julio Cesar verpflichtet, um der wackligen Abwehr etwas Stabilität zu verleihen. Neben ihm spielt ein junger Franke, der noch im Mai dem Nürnberger Abstieg ein Gesicht verliehen hat. Sein Name: Frank Baumann. Später wird er einmal sagen, dass Julio Cesar für ihn eine "riesige Erscheinung", ein "Weltstar" gewesen ist.

Vom Kicker erhalten beide für das Spiel die Note 2,5. Julio Cesar absolviert nur 12 Spiele für Werder, beendet nach anhaltenden Verletzungsproblemen seine Karriere. Baumann wird ein Jahr später Mannschaftskapitän. Es ist der Beginn einer zehn Jahre andauernden Ära.

7. Februar 2004, Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen

Zittern in Bremen. Im Irish Pub am Hauptbahnhof werden die Besucher immer nervöser. Es laufen die letzten Minuten eines schwachen Spiels im Borussia-Park. Spielstand: 1:1. Ivan Klasnic hat die Gladbacher Führung ausgeglichen. Werder drückt auf das Siegtor, doch der Ball will nicht rein. Langsam macht sich Angst breit, Werder könnte wie in den Jahren zuvor den Start in die Rückrunde verschlafen. Mit einem Sieg könnte man hingegen die Bayern, die erst einen Tag später spielen, bis auf 9 Punkte distanzieren. Die Minuten verrinnen. Bloß die Hoffnung nicht aufgeben. Vor drei Tagen hat Werder im DFB-Pokal bei Greuther Fürth in der Nachspielzeit noch einen 1:2-Rückstand gedreht. Heute braucht es nur ein Tor. Die letzte Minute bricht an. Werder bekommt noch eine Ecke. Der eingewechselte Ailton tritt sie hoch vors Tor, Kopfballverlängerung, Drehschuss Klasnic, abgewehrt. Dann landet der Ball vor den Füßen von Kapitän Frank Baumann. Der reagiert schnell und schießt ihn aus kurzer Distanz in die Maschen. Euphorisiert läuft "Baumi" auf die Gästekurve zu, rüttelt an der Absperrung. Einer der wenigen Momente, in denen er seinen Gefühlen freien Lauf lässt.

Der Kicker gibt Baumann erneut die Note 2,5. Gut drei Monate später wird Baumann die Meisterschale in den Bremer Himmel recken. Kurz darauf auch den DFB-Pokal. Es ist der Höhepunkt der Bremer Vereinsgeschichte und der Karriere des Frank Baumann.

13. August 2006, Hannover 96 – Werder Bremen

Saisonbeginn. Spiel Nr. 1 nach Johan Micoud. Spiel Nr. 1 für dieses Blog. Werder geht als Meisterschaftsfavorit in die neue Spielzeit, hat gerade den Ligapokal gewonnen. Ein Grund für die Zuversicht: Diego, der 21-jährige Brasilianer, den Werder von der Ersatzbank des FC Porto verpflichtet hat. Er zeigt tolle Ansätze und wird gleich in seinem ersten Spiel zum entscheidenden Mann. Das 1:0 erzielt er nach 20 Minuten selbst. In der Schlussphase brilliert er und bereitet die beiden letzten Tore zum mühsamen 4:2-Sieg vor. In Bremen ahnt man langsam, dass Allofs und Schaaf wieder einen Volltreffer gelandet haben. Wie sehr Diego Werders Spiel in den nächsten drei Jahren beeinflussen wird, ist allerdings noch nicht absehbar.

Der Kicker gibt Diego die Note 1,5 und ernennt ihn zum Spieler des Spiels. Frank Baumann spielt im defensiven Mittelfeld solide, wird mit der Note 4 bewertet.

27. September 2006, Werder Bremen – FC Barcelona

Es läuft nicht gut für Werder. Seit dem dritten Spieltag der Bundesliga ist irgendwie der Wurm drin. Auf Schalke ging man unter, gegen Stuttgart verspielte man ein 2:0, in Pirmasens schied man blamabel aus dem DFB-Pokal aus und beim FC Chelsea gab es außer Respekt für eine solide Leistung nichts zu holen. Gegen den Champions League Sieger FC Barcelona ist Werder krasser Außenseiter. Thomas Schaaf überrascht Fans und Experten indem er Ivan Klasnic aus der Mannschaft nimmt und für ihn Aaron Hunt aufstellt. Insgesamt 9 deutsche Spieler stehen in der Startformation. Unter ihnen auch Frank Baumann. Nach einer halben Stunde spielt er einen unbedrängten Fehlpass. Der Mann in der Reihe hinter mir brüllt: "Nimm den doch endlich raus, der is zu alt!" Allgemeine Zustimmung in auf der Südtribüne. Baumann gewinnt an dem Abend fast alle wichtigen Zweikämpfe, spielt kluge Pässe im Spielaufbau. Einer der beiden Nicht-Deutschen in der Startelf ist Diego. Er wird vom Glamour der Weltstars Ronaldinho, Deco und Eto'o überstrahlt, doch auf dem Feld kann er gegen die behäbigen Gäste viele Akzente setzen. Werder liefert ein begeisterndes Spiel ab, fängt sich kurz vor Abpfiff jedoch das Tor zum 1:1 durch den eingewechselten Leo Messi.

Im Kicker erhalten Baumann und Diego beide eine 2. Werder übersteht die Gruppenphase trotz einer starken Ausbeute von 10 Punkten nicht. Im entscheidenden Spiel in Barcelona ist man chancenlos. Diego wird die K.O.-Runde der Champions League mit Werder nie erreichen.

2. Mai 2007, Universität Bremen

Ich sitze im Vorlesungssaal des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft an der Uni Bremen. Pressekonferenz. Über sechs Monate haben wir für zwei Bremer Unternehmen eine Plakatkampagne entworfen, umgesetzt und ausgewertet. Eines der Unternehmen ist der Martinsclub Bremen, eine Einrichtung, die sich um behinderte Menschen kümmert. Vorne auf dem Podium sitzt ein schüchtern wirkender Mann, der mit leiser Stimme spricht und dabei kaum einmal hochschaut. Er hat sich als Testimonial für die Kampagne zur Verfügung gestellt und war einige Wochen lang auf einem Plakat in ganz Bremen zu sehen. Nun erklärt er auf der Pressekonferenz, warum es ihm ein wichtiges Anliegen war, bei der Aktion mitzuhelfen. Er spricht von sozialem Engagement und im Gegensatz zu vielen anderen Millionären klingt es bei ihm weder aufgesetzt noch gönnerhaft. "Marketing hat mich schon immer interessiert", diktiert Baumann den anwesenden Journalisten. "Nach meiner Karriere kann ich mir gut vorstellen auch etwas in der Richtung zu machen." Einen Tag später scheitert Werder im Halbfinale des UEFA-Cups an Espanyol Barcelona.

Wenige Tage zuvor sah es noch sehr gut aus für den SVW. Nach einer Schwächephase im Frühjahr war der Anschluss an Tabellenführer Schalke wieder hergestellt. Diego erzielte gegen Alemannia Aachen das Tor des Jahres aus über 60 Metern. Dann folgt Kloses Geheimtreffen mit den Bayern, eine Schlammschlacht erst im Werder-Forum, dann in den Medien. Niederlagen in Bielefeld und gegen Frankfurt verhindern schließlich die Bremer Meisterschaft. Werder braucht lange, um sich von der Enttäuschung zu erholen.

7. Mai 2009, Hamburger SV – Werder Bremen

Das dritte der vier Nordderbys innerhalb von 19 Tagen wird zum Schlüsselspiel der Saison. Werder hat das erste Spiel beim HSV zwar gewonnen und steht im Pokalfinale, im Hinspiel vor einer Woche unterlag man jedoch mit 0:1. "Istanbul ist schöner als Berlin", rufen die HSV-Anhänger und haben Recht. Über die Fahrt nach Berlin könnte man sich in Bremen weniger freuen, wenn die Rothosen dafür im UEFA-Cup-Finale stünden. Olic trifft früh zur Führung und setzt Werder unter Druck. Diego sorgt nach Doppelpass mit Pizarro für den Ausgleich. Ein schönes Tor, doch es reicht nicht. Dann patzt Rost, lässt einen haltbaren Schuss Pizarros durch die Hände rutschen. Das
Spiel steht auf der Kippe. Es folgt der inzwischen berühmte Auftritt der Papierkugel. Aus der resultierenden Ecke erzielt Frank Baumann das letzte Tor seiner Karriere. Werder gewinnt mit 3:2 und steht zum zweiten Mal in seiner Geschichte in einem europäischen Finale.

Der Kicker benotet Baumann mit einer 2. Diego bekommt eine 1, wird durch seine gelbe Karte zur tragischen Figur. Das Finale gegen Schachtar Donezk erlebt er nur von der Tribüne aus. Ohne den gesperrten Spielmacher hat Werder gegen die starken Ukrainer kaum eine Chance und verliert mit 1:2 nach Verlängerung.

30. Mai 2009, Bayer Leverkusen – Werder Bremen

Nach der verpassten Chance in Istanbul ist das Finale in Berlin für Diego die letzte Gelegenheit einen Titel im Werdertrikot zu gewinnen. Vor zwei Wochen bestätigten sich die Gerüchte und Diegos Wechsel zu Juventus Turin wurde bekannt gegeben. Auch für Frank Baumann ist es das letzte Spiel für Werder. Er beendet nach der Saison seine Karriere und soll im Winter als Assistent in die Geschäftsführung einsteigen. In Bayer Leverkusen hat Werder einen spielstarken Gegner, der jedoch am "Vizekusen-Syndrom" leidet. In der 58. Minute spielt Diego einen Steilpass auf Mesut Özil. Der erzielt aus spitzem Winkel das 1:0. Wieder einmal ist Diego da, als er gebraucht wird; wie schon so oft in dieser Rückrunde. Eine letzte Torvorlage für den Titel. Eine Minute später wird Frank Baumann angeschlagen ausgewechselt. Die Fans verabschieden ihn mit Sprechchören, die Mitspieler mit Abklatschen und Umarmungen. Der Kapitän geht von Bord, doch die Mannschaft bringt die Beute trotzdem Heim. Werder ist DFB-Pokalsieger 2009.

Baumann und Diego werden vom Kicker jeweils mit einer 3 in die Werder-Rente geschickt. Es wird beiden herzlich egal sein. Einen Tag später feiern sie auf dem Bremer Rathausbalkon ihren Abschied. Diego säuselt "Ich liebe Werder Bremen" ins Mikrofon und springt auf und ab wie ein überdrehtes Kleinkind. Frank Baumann genießt den Moment in seiner bekannten, ruhigen Art. Danach trennen sich die Wege. Für Diego gilt es, den nächsten Schritt auf dem Weg in die europäische Spitzenklasse zu machen und der darbenden Serie A wieder mehr Glanz zu verleihen. Baumann werden wir schon bald wiedersehen, wenn auch in anderer Funktion. Vermissen werden wir sie beide, auf dem Fußballplatz und als Persönlichkeiten. Zwei Spieler, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch zwei Dinge gemeinsam haben: Einen Platz in Werders Geschichtsbüchern und einen Platz im Herzen jedes Werderfans.

Ich wünsche beiden alles Gute für ihre Zukunft und verneige mich vor zwei großen Spielern. Danke Diego. Danke Baumi.