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Das Streben nach Glück

Fußball ist keine Mathematik. Das sagte jedenfalls vor zwei Jahren Bayerns Vorstandsvorsitzender Kalle Rummenigge. Jener Rummenigge, der vor kurzem Franz Beckenbauer mit einem (geklauten?) Kindergarten-Gedicht in den Ruhestand komplimentiert hat. Und auch beim obigen Satz irrt Rummenigge. Fußball ist reine Mathematik!

Ein Spiel, dessen Ergebnisse von der Summe der geschossenen und kassierten Tore, der gesammelten Punktzahl und der Tordifferenz abhängen, ist selbstverständlich Mathematik. Die geometrischen Formen, die sich auf einem Fußballplatz erkennen lassen, egal ob Viererkette, Dreieck oder Raute, werden jedem Mathematiker die Tränen ins Gesicht treiben. Ganz zu schweigen von all den Wahrscheinlichkeitsfaktoren, die ein Fußballspiel beeinflussen. Es dürfte jedem klar sein, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Dribblings in Strafraumnähe bei Lionel Messi größer ist als bei Per Mertesacker. Andersherum hat der gute Per in einem Kopfballduell in 2,20 m Höhe mit fast 100%iger Sicherheit die Nase vorn. In diesem Fall würde wohl niemand von Glück sprechen, denn die Ausgangslage ist eindeutig. Der Fußball besteht nun aber aus einer Vielzahl von Spielsituationen, deren Ausgang längst nicht so klar ist.

Es gehört zum Wesen eines Sports, der (anders als z.B. Schwimmen oder Laufen) keine absolute Leistungsmessung zulässt, sondern Leistung immer in Relation zu der des Gegners ausdrückt, dass viel über die Hätte, Wäre und Wenns diskutiert wird. Dazu fallen im Fußball vergleichsweise wenige Tore, was den Einfluss des Zufalls noch verstärkt und das Spiel unberechenbarer macht als etwa Handball: Ein Glückstor fällt nunmal leichter als 35 Glückstore. Was jedoch keiner genau sagen kann, ist was ein Glückstor eigentlich ist. Ein Tor, dass von einer subjektiv gesehen unterlegenen Mannschaft geschossen wird? Ein Abpraller? Ein Tor in der letzten Minute? Rekordmeister Bayern hat das Schießen von “Glückstoren” über die Jahre so sehr kultiviert, dass das Wort “Bayerndusel” in den Fußballwortschatz eingeflossen ist. Dabei ist das Wort ein eigentlich unpassender Ausdruck für ein Phänomen, das man sich nicht so recht erklären kann.

Sicherlich kann man ab und zu mal “glücklich gewinnen”. Statistisch gesehen ist das eine positive Abweichung vom Erwartungswert. Dauerhaftes “Glück” gibt es jedoch nur mit den richtigen Verbindungen zur Wettmafia. Woran liegt also die Wahrnehmung des Münchner Erfolgs als Dusel? Ich sehe dafür zwei Gründe: Erstens ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein guter Spieler in der Schlussphase noch ein Tor macht größer als bei einem weniger guten Spieler (und es ist kaum zu bestreiten, dass die Bayern in der Regel über den besten Spielerkader der Bundesliga verfügen). Zweitens gibt es im Fußball viele Aspekte, die man mit Überlegenheit assoziiert, die aber für das letztliche Ergebnis unerheblich sind: Ballbesitz, Zweikampfverhältnis, Feldüberlegenheit oder Anzahl der Torschüsse (wer wüsste das besser als ein Werderfan?). Trotz all dieser Werte und “gefühlter Überlegenheit” kann eigentlich niemand mit Gewissheit sagen, wovon ein Torerfolg nun eigentlich abhängt. Deshalb sind Prognosen so schwer und deshalb beginnen Erklärungsversuche auch mit dem bereits gefallenen Tor. Ist es erst gefallen, kann man analysieren warum. Man kann die Faktoren aufzählen, die zu seiner Entstehung geführt haben. Wesentlich schwieriger wird es, zu erklären, warum dieselben Faktoren in einer anderen Situation NICHT zum Erfolg geführt haben.

Genau diese Ungewissheit, diese ständigen Überraschungen, egal wie lange man schon Fußball schaut, machen diesen Sport so interessant. Wir sind fasziniert und ratlos zugleich. Wir sind ständig auf der Suche nach Erleuchtung, um das Unerklärliche zu verstehen. Deshalb lieben wir die einfachen Wahrheiten (“Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten”), deshalb flüchten wir uns in Erklärungen, die unser Fußballgehirn zumindest für eine kurze Zeit befriedigen (“Die Mannschaft ist einfach nicht kaltschnäutzig genug, um die Überlegenheit in Tore umzuwandeln.”) und deshalb verleihen wir unserem Gerechtigkeitsempfinden ausdruck (“Das Tor ist unverdient!”). Letztlich hat es die Mannschaft verdient zu gewinnen, der wir es gönnen. Es sei also jedem ungenommen, weiterhin vom Bayerndusel zu sprechen, und sei es nur, um dem neuen Präsidenten des Vereins die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. Vom Werderdusel will ich hingegen nichts hören. Dass Mertesacker in der Nachspielzeit nach einer Ecke mit dem Kopf an den Ball kommt und ihn in die Maschen wuchtet, hat nichts mit Glück zu tun. Das ist reine Mathematik, hab ich doch oben erklärt!