Schlagwort-Archiv: Eintracht Braunschweig

18. Spieltag: Das Gegenteil von sexy

Werder Bremen – Eintracht Braunschweig 0:0

Arbeiten an den Basics und am Defensivverhalten, war das Credo, das für die Wintervorbereitung ausgegeben wurde. Angesichts des bisherigen Saisonverlaufs und der entgegen aller Beteuerungen keineswegs verbesserten Gegentorbilanz ein mehr als verständliches Vorgehen. Allerdings keines, das attraktiven Fußball verspricht und keines, das die Herzen der Fans höher schlagen lässt. Zumal die Frage, warum man Bundesligafußballern noch die Basics beibringen muss, nicht leicht zu beantworten ist, ohne schwerwiegende Vorwürfe an alle sportlich Verantwortlichen der letzten Jahre zu erheben.

Vor diesem Hintergrund war das Heimspiel gegen den Tabellenletzten Eintracht Braunschweig der denkbar unpassendste Rückrundenauftakt. Im vermeintlich einfachsten Saisonspiel kann man für eine solide Defensivleistung kein Lob erwarten, wenn die Offensive weiterhin so vor sich hin rumpelt, wie über weite Strecken der Hinrunde. Da hilft auch die Tatsache wenig, dass Werder mit nun 6 „Zu Null“-Spielen schon doppelt so oft ohne Gegentor geblieben ist, wie in der gesamten letzten Saison. Wenn nicht einmal im Heimspiel gegen Braunschweig eine spielerisch überzeugende Leistung möglich ist, wann denn dann?

Risikovermeidung auf schwachem Niveau

Das Spiel begann verhalten und blieb es – im taktischen Sinne – auch über weite Strecken der 90 Minuten. Beide Teams waren sehr darauf bedacht, kein großes Risiko einzugehen und spielten im Zweifel lieber die „sichere“ Variante, die nicht selten aus einem langen Pass nach vorne bestand. Insgesamt wirkte Werders Aufbauspiel etwas ruhiger und kontrollierter als zuletzt. Die Innenverteidiger suchten zunächst nach der Lücke für den Pass ins Mittelfeld und wählten erst später den hohen Ball direkt in die Spitze. Kroos agierte sehr variabel, ließ sich mal zwischen und mal neben die Innenverteidiger fallen, blieb aber teilweise auch etwas höher an der Mittellinie (was an Prödls Rückkehr liegen dürfte, dem man in der Spieleröffnung mehr zutraut als Lukimya).

Braunschweig hielt mit gutem Mittelfeldpressing dagegen, stellte den Bereich um die Mittellinie gut zu und zwang Werder so zu viel Ballgeschiebe zwischen den Verteidigern und den Sechsern. Werders Kombinationsspiel reichte – wie zu erwarten – nicht, um sich gegen einen kompakten Gegner im Mittelfeld durchzusetzen. Folglich wurde Werder vornehmlich dann gefährlich, wenn man das Mittelfeld schnell überbrücken konnte, sei es mit hohen Bällen, über die Flügel oder dank Hunts starker Ballkontrolle, mit der er häufiger zwei bis drei Gegenspieler auf sich zog. Braunschweig verlegte sich nicht nur auf Konter sondern wollte Werder mit zunehmender Spielzeit immer mehr durch Mittelfeldkombinationen nach hinten drücken.

Passivität – erst defensiv, dann offensiv

Auffällig war dabei, dass Werder im Abwehrdrittel recht passiv verteidigte und großen Wert auf Positionstreue legte. Dem Wort “Passivität” wohnt im Fußball häufig ein Vorwurf inne, hier ist es jedoch anders gemeint: Die Innenverteidiger rückten im Zweifel bis an die Strafraumgrenze zurück, statt direkt den Zweikampf zu suchen. Besonders auffällig war dies bei Prödl, der sonst eher dafür bekannt ist, sehr aggressiv und risikoreich herauszurücken. Die Sechser Kroos und Bargfrede hielten den Abstand zur Viererkette gering, wodurch Braunschweig kaum durch die Mitte kam und es vorwiegend mit Flanken versuchte bzw. versuchen musste. Dies bereitete Werder nur selten Probleme, hätte aber dennoch das Spiel entscheiden können, weil einmal Selassie das Abseits aufhob (und sich dafür einen Rüffel von Prödl einholte) und einmal Caldirola zu langsam reagierte. Beide Male blieb Nilsens Kopfball ungefährlich.

Werders beste Offensivphase kam in den ersten 20 Minuten der zweiten Halbzeit, als Bargfrede (Pfostenschuss) und Elia (vermeintliches Abseitstor) die besten Chancen hatten. Danach verflachte die Partie. Bei Werder schienen einige Spieler körperlich abzubauen, was Dutts Verzicht auf zwei seiner Wechsel fragwürdig erscheinen lässt. Folglich ging das Team immer weniger Risiko und in der Schlussphase waren es sogar die Gäste, die mehr fürs Spiel taten als Werder.

Don’t Panic

Unterm Strich bleibt ein leistungsgerechtes Unentschieden in einem unterdurchschnittlichen Spiel, in dem Werder die besseren Torchancen hatte, aber nur selten überzeugen konnte. Dass man ohne Gegentor geblieben ist, war nach den besagten Schwerpunkten im Trainingslager wichtig, taugt gegen die schwächste Offensivmannschaft der letzten 25 Jahre aber nicht unbedingt als Gütesiegel. Ob die Rückkehr zur „totalen Defensive“ Früchte tragen wird, lässt sich erst nach den nächsten Partien beurteilen.

Auch in die entgegengesetzte Richtung sollte man das Spiel nicht überinterpretieren. Die teils fatalistischen Reaktionen nach Abpfiff erscheinen mir eine Spur zu pessimistisch. Spiel und Ergebnis waren nicht gut, aber zumindest mit Ersterem musste man rechnen. Die zu frühe Verlagerung des Fokus auf das Offensivspiel wurde häufig genug als Grund für die Gegentorflut zwischen dem 10. und 16. Spieltag der Hinrunde genannt. Die Rückbesinnung auf die defensive Spielweise verspricht in naher Zukunft keine Fußballfeste für Werderfans, wohl aber eine Verhinderung eines erneuten Negativrekords in Sachen Gegentoren. Dies allein wird freilich nicht reichen, um ohne große Abstiegssorgen durch die Rückrunde zu kommen, ist aber der erste Schritt dorthin. Hoffentlich gelingt er diesmal und wird nicht wieder einem (angeblich von den Fans gewollten) Versuch Offensivfußball zu spielen geopfert.

Gedanken zu Dutts Werdersystem

Vor dem zweiten Saisonspiel gegen Augsburg ein paar Gedanken zu Werders System und Dutts Umstellungen:

“Einfach so wie Barcelona”

Gegen Ende der vorletzten Saison, als Werder unter Thomas Schaaf noch mit der Raute spielte, sagte Taktikexperte Martin Rafelt von spielverlagerung.de im Grünweiß-Podcast, dass Werder zur Not einfach immer noch so spielen könne wie Barcelona. Gemeint war damit folgendes: Aus der Grundformation der Raute lässt sich mit ein paar Anpassungen ein ähnliches Spielsystem aufziehen, wie es der FC Barcelona aus einer 4-3-3 Grundordnung heraus praktiziert. Schaut man sich das System an, das Robin Dutt im Pokal angewendet hat, lässt sich eine große Ähnlichkeit hierzu erkennen: Mit Hunt stand ein Offensivallrounder in der Spitze, der seine Position ständig verließ und überall auf dem Feld anzutreffen war. Die Flügelstürmer agierten eher eng und stießen immer wieder in den von Hunt hinterlassenen Raum vor. Dahinter stand ein Dreiermittelfeld, das aus einem defensiven und zwei eher offensiv orientierten Spielern zusammengesetzt war. Gemeinsam mit den hoch aufrückenden Außenverteidigern und dem einrückenden Sechser finden wir also viele Elemente, die der FC Barcelona unter Guardiola und Vilanova (mit Ausnahme der Saison 2011/12) in seinem Spiel hatte.

Genauso kann man jedoch das System in die Gegenrichtung auseinander nehmen: Die Grundstellung in Abwehr und Mittelfeld unterscheidet sich nicht von der einer Raute (bzw. einem 4-3-1-2). Es braucht nicht viel Phantasie, sich die “falsche 9″ Hunt als flexiblen Zehner und die beiden “Außenstürmer” Füllkrug und Petersen als Doppelspitze vorzustellen. Et voila, schon haben wir eine moderne Version der Raute. Das sind selbstverständlich nur taktische Spitzfindigkeiten, doch es stellt sich schon die Frage, wo Dutt mit Werder taktisch hin möchte. Das Spiel in Braunschweig war hier sehr aufschlussreich. Auf dem Papier waren die Umstellungen minimal, doch durch die noch engere Stellung der Flügelspieler und die zurückhaltenderen Außenverteidiger lagen die Schwerpunkte an anderen Stellen und jede Ähnlichkeit zu Barcelonas 4-3-3 oder einer Raute war verschwunden. Dies deutet darauf hin, dass Dutt ein System etablieren möchte, das möglichst flexibel und anpassungsfähig an den Gegner ist.

Proaktiv oder Reaktiv?

Im vorletzten Grünweiß-Stammtisch sprachen wir davon, dass Werder in dieser Saison mehr aus der Position des Underdogs agieren und reaktiver spielen kann. In Braunschweig war dies jedoch nicht der Fall. Werder hatte zwar nicht deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner, war jedoch das Team, das häufiger den Ball durch die eigenen Reihen schob, während der Gegner abwartete und auf schnell Umschaltmomente lauerte. Auch in der Bewertung wurde deutlich, dass Werder in diesem Spiel als die proaktive Mannschaft wahrgenommen wurde, denn während Braunschweig in der ersten Halbzeit vor allem als “vorsichtig” beschrieben wurde, bekam Werder das negativere Attribut “ideenlos” verliehen (wohingegen zweifellos beide Mannschaften sowohl vorsichtig als auch ideenlos gespielt haben). Die Ausgangslage war klar: Werder sollte das Spiel machen und die Akzente setzen. In der zweiten Halbzeit änderte sich der Spielverlauf und Werder war nun die reaktivere Mannschaft, während Braunschweig sich ab der 60. Minute aus der Deckung traute. Auch wenn Werder in dieser Phase einige Probleme bekam, fiel letztlich auch das Siegtor aus dieser Situation heraus: Ein schneller Konter gegen einen aufgerückten Gegner.

Man darf daher auch weiterhin die Frage stellen, ob Werder derzeit ein reaktiver Stil (zumindest von den Ergebnissen her) besser zu Gesicht steht. Es ist allerdings auch davon auszugehen, dass Robin Dutt sich nicht damit begnügen wird, Werder zu einer reinen Kontermannschaft zu formen. Dies gibt der momentane Kader auch nicht wirklich her. Dutt ist bekannt als ein Trainer, der sein System immer auch am Gegner ausrichtet. Dafür spricht sowohl das fluide Dreiermittelfeld als Kernpunkt seiner Systeme als auch die verschiedenen Zusammensetzungen der Offensivreihe. Bis zu einem gewissen Grad wird seine Mannschaft daher vermutlich immer darauf ausgerichtet sein, die Stärken des Gegners zu neutralisieren. In Heimspielen und gegen schwächere Teams dürfte Dutt jedoch darüber hinaus seine eigene Spielidee entwickeln wollen. Somit darf man gespannt sein, wie Werder dies gegen Augsburg versucht. Der FCA reist ungeachtet der letzten Ergebnisse als Underdog nach Bremen und wird sicherlich nicht scharf darauf sein, das Spiel zu machen.

Mehr Breite gegen Augsburg?

Gegen Braunschweig stand die Dominanz im Zentrum im Vordergrund. Gegen Augsburg könnte sich dieser Fokus wieder mehr auf die Außen verlagern, sowohl offensiv als auch defensiv. Augsburg spielte zuletzt in einem 4-1-4-1, bei dem mit Holzhauser und Hahn zwei Spieler die offensiven Außenbahnen besetzen, die ihrem Team Breite geben. Vor allem Hahn sucht sein Glück gerne in Flankenläufen.  Holzhausers Spiel ist direkter und er wird sicherlich häufig den Weg vom Flügel in/an den Strafraum suchen. Zusammen steuerten beide gegen Dortmund sieben Flanken bei, zu denen noch fünf weitere Flanken der Außenverteidiger kamen. Auch gegen Werder erwarte ich einen Fokus auf Angriffe über die Flügel. Hier stellt sich die Frage, ob Dutt es seinen Außenverteidigern zumutet, zusätzlich zu dieser erhöhten Defensivarbeit auch alleine für die offensive Breite zu sorgen. Gegen Saarbrücken spielten auf den Flügeln zwei Mittelstürmer, gegen Braunschweig zwei Mittelfeldspieler. Gut möglich, dass Dutt gegen Augsburg hier auf “echte” Außenstürmer (Elia, Arnautovic, Yildirim) zurückgreift oder (was ich mir eher vorstellen könnte) asymmetrisch aufstellt. Dies wäre z.B. der Fall, wenn links Elia oder Yildirim den Flügel besetzen und Hunt auf der rechten Seite so eingerückt spielt wie in Braunschweig.

Dazu wurde mit Franco Di Santo rechtzeitig vor dem Spiel ein neuer Offensivspieler verpflichtet, der zumindest theoretisch gegen Augsburg schon im Kader stehen könnte. Bei ihm stellt sich die Frage, welche Rolle er zukünftig in Dutts System ausfüllen soll. Di Santo ist nicht gerade als Goalgetter bekannt, käme aber für die Position als Spitze oder “falsche 9″ ebenso in Frage, wie für die beiden (eingerückten) Außenpositionen. Ebenso denkbar wäre ein Einsatz als hängende Spitze hinter einem Stoßstürmer wie Petersen. Ein 4-4-2 hat Werder in der Vorbereitung schon getestet. Es könnte zumindest als Alternativsystem in Frage kommen. Di Santos Verpflichtung sehe ich sehr positiv. Er bringt all die Fähigkeiten mit, die Petersen bislang abgehen: Gute Ballbehauptung und -verarbeitung, starke Technik und ein Gespür für Räume. Diese Fähigkeiten fehlten Werders Angriff in letzter Zeit mehr als Vollstreckerqualitäten (die Petersen trotz seine Torflaute in der letzten Rückrunde zweifellos hat).

1. Spieltag: Ein Sieg zum Auftakt

Eintracht Braunschweig – Werder Bremen 0:1 (0:0)

Ein Spiel, ein Sieg, drei Punkte gegen die schlechte Stimmung und ein “zu Null” für den nervigen Blogger mit der bösen Gegentorstatistik. Das Spiel in Braunschweig war zäh und über weite Strecken eher unansehnlich. Werder zeigte sich in einigen Bereichen verbessert im Vergleich zum Spiel in Saarbrücken, brauchte aber dennoch eine Portion Glück, um beim Aufsteiger zu gewinnen.

Dutts große und kleine Änderungen – ein Weihnachtsbaum im August

Wer eine völlig umformierte Bremer Mannschaft erwartet hatte, sah sich erst einmal getäuscht. Personell gab es nur einen Wechsel, der jedoch einige Veränderungen nach sich zog: Der im Testspiel bei Rot-Weiß Essen überzeugende Kroos durfte für Füllkrug spielen. Kroos verstärkte das Bremer Mittelfeldzentrum und sicherte Makiadi vor der Viererkette ab. Er übernahm auch weite Strecken des Spielaufbaus, indem er sich zwischen oder neben die Innenverteidiger fallen ließ – in Saarbrücken war dies noch Makiadis Aufgabe. Junuzovic komplettierte das Dreiermittelfeld, hatte dabei aber mehr Freiheiten nach vorne und sollte die Verbindung zum Angriff herstellen sowie für Überzahlsituationen sorgen. Die offensive Dreierreihe wurde ebenfalls umgestellt: Mehmet Ekici spielte auf der linken Seite, Aaron Hunt tauschte mit Petersen die Position und spielte rechts. Beide spielten jedoch weniger als Flügelstürmer als vielmehr Halbraumspieler hinter der einzigen Spitze, so dass eine sehr enge Variante des 4-3-3 entstand, die man auch als 4-3-2-1 bezeichnen kann.

Dieses Tannenbaumsystem sollte vor allem für defensive Stabilität sorgen sowie die Abstände zwischen den Spielern gering halten. Die Folge war ein sehr auf die Mitte konzentriertes Spiel, zumal die Gastgeber ähnlich ausgerichtet waren. Da Werders Außenverteidiger deutlich konservativer agierten als zuletzt und auch Augsburg Braunschweig sich nicht traute, großes Risiko auf den Außenbahnen zu gehen, neutralisierten sich beide Mannschaften lange Zeit. Das Spiel hatte nicht viele Torchancen zu bieten und war in der ersten Halbzeit geprägt von vielen Ballverlusten und vorsichtigen Offensivaktionen. Dennoch konnte Dutt mit der ersten Halbzeit ganz zufrieden sein, denn im Gegensatz zum Pokalspiel offenbarte Werder kaum defensive Schwächen, schaltete defensiv gut um und wirkte vor allem im Mittelfeld deutlich besser abgestimmt. In der Offensive kamen die beiden Halbstürmer Ekici und Hunt nicht wirklich in Schwung. Besonders Hunt wirkte zerfahren und ohne rechte Spielidee, während Ekici sich in seinen altbekannten Dribblings und verzögerten Abspielen verlor. Ein schnelles Umschaltspiel war folglich nicht möglich. Trotz einiger hoher Ballgewinne wurde Werder kaum torgefährlich. Die Planlosigkeit wurde einige Male deutlich, als Werder die linke Seite überlud und dann vom linken Flügel auf den langen Pfosten flankte, obwohl sich kein einziger Offensivspieler auf der rechten Spielfeldhälfte befand.

Nach der Pause: Braunschweig macht das Spiel, Werder das Tor

Die erste Halbzeit war alles andere als brillant, doch in Anbetracht der Umstände ein Teilerfolg für Werder. In der zweiten Halbzeit erhöhten beide Trainer nach und nach das Risiko. Werder hatte dabei den besseren Start und kam zu ein paar Torchancen, doch nach etwa zehn Minuten kippte das Spiel langsam zugunsten der Eintracht. Zwei Wechsel waren hierfür mitverantwortlich: Lieberknecht brachte Boland für Caligiuri, Dutt kurze Zeit später Elia für Ekici. Boland sorgte bei Braunschweig für mehr Offensivdruck aus dem Mittelfeld und unterstützte Reichel und Hochscheidt auf der linken Seite. Clemens Fritz war in der zweiten Halbzeit dadurch überwiegend defensiv gefordert, was noch mehr Breite aus Werders Spiel nahm. Reichels Fernschuss, den Mielitz gerade noch an die Latte lenken konnte, steht auch sinnbildlich für den Offensivschwung, den die Eintracht in den letzten 30 Minuten entfachte. Viele Chancen von ähnlichem Kaliber sprangen dabei jedoch nicht heraus.

Bei Werder änderten sich durch den Wechsel zwei Dinge: Die Offensivreihe blieb nun weiter vorne, was zu einem größeren Abstand zwischen Mittelfeld und Angriff sorgte. Es ergab sich eine 7 – 3 Aufteilung zwischen Defensive und Offensive, die durch Junuzovics Aufrücken teilweise zu einer 6 – 4 Aufteilung wurde. Während die Kompaktheit dadurch immer mehr verloren ging, entstand das Siegtor letztlich genau aus einer solchen Situation. Der zweite Effekt des Wechsels kam durch den Wegfall von Ekicis Ballbehauptung. Man kann Ekici kein gutes Spiel bescheinigen und durch das lange Halten des Balls nahm er häufiger den Schwung aus Werders Angriffen, doch sein Spiel hatte auch einen stabilisierenden Effekt. Werder spielte nun direkter, hatte dabei jedoch eine hohe Fehlpassquote und so gelang es nur selten, den Ball in der gegnerischen Hälfte zu halten. Zudem passte die Staffelung in der Offensivreihe häufig nicht. Bei langen Bällen in die Spitze orientierten sich alle Stürmer nach vorne. So wurde z.B. Petersen bei der Ballannahme nicht nach hinten abgesichert und es ergaben sich keine Möglichkeiten, den Ball nach hinten abzulegen. Drei oder vier Mal verlor Werder so den Ballbesitz und gab Braunschweig in der Folge die Chance zu schnellen Gegenangriffen.

Mit der Einwechslung von Yildirim für Kroos erhöhte Dutt noch einmal das Risiko, das nur eine Minute später belohnt wurde, als Junuzovic einen langen Ball von Prödl in den Lauf bekam, der die gesamte Braunschweiger Mannschaft überraschte. Nach dem Tor wechselten beide Trainer noch einmal taktisch: Lieberknecht bracht mit Oehrl eine zweite Spitze, Dutt mit Lukimya einen weiteren Verteidiger, der jedoch im Mittelfeld eingesetzt wurde, was die eine oder andere negative Erinnerung an das Spiel letzte Saison gegen Hoffenheim weckte. Fast wäre Braunschweig für die mutige zweite Hälfte noch belohnt worden, doch Caldirola klärte in der letzten Minute auf der Linie.

Vorsichtiger Optimismus

Wer zum Bundesligaauftakt eine 180-Grad-Wende zum Pokalspiel erwartete, wurde am Samstag erneut enttäuscht. Werder spielte insgesamt gesehen eher schwach und gewann am Ende glücklich gegen ein Team, das viele für das schwächste der Liga halten. Andererseits wird auch Werder derzeit von vielen zu den Abstiegskandidaten gezählt und es gab zuletzt wenig Anlass, sonderlich optimistisch in die ersten Saisonspiele zu gehen. Von daher lohnt es sich, die positiven Aspekte des Spiels hervorzuheben, die im Vergleich zur letzten Woche offensichtlich wurden: Werder zeigte sich über weite Strecken des Spiels stabilisiert und ließ wenige Torchancen zu. Die Innenverteidiger und das zentrale Dreiermittelfeld dürfen sich als Gewinner des Spiels sehen. Wer erwartete, dass Braunschweig mit der Aufstiegseuphorie im Rücken eine Angriffswelle nach der anderen fahren würde, sah sich getäuscht. In der aktuellen Situation war es angemessen, das Risiko mit einem massiv aufs Zentrum fokussierten System und einer vorsichtigen Spielweise zu minimieren.

Nach einem halben Jahr ohne Pflichtspielsieg nimmt man, was man bekommt. Mein Eindruck ist, dass man den Sieg im Verein und im Umfeld richtig einzuschätzen weiß. Es war in erster Linie ein Sieg für die Moral, aus dem das Team Sicherheit und Selbstvertrauen schöpfen kann. In Euphorie wird indessen niemand verfallen, dafür waren die Defizite und Baustellen für die nächsten Monate zu offensichtlich. Das Spiel lieferte jedoch eine Vorlage dafür, wie man in den nächsten Wochen dennoch Punkte holen kann: Mit den drei Zutaten “Kampf”, “Sicherheit zuerst” und “Glück”.

Krise? Ja – aber welche?

Die Bundesliga hat noch nicht mal begonnen und schon macht das Wort “Krise” die Runde, wenn über Werder Bremen berichtet wird. Ist es wirklich angebracht, nach nur einem verlorenen Pflichtspiel direkt wieder die Krisenrhetorik auszupacken?

Thomas Schaaf pflegte sich in solchen Situationen gerne darüber zu echauffieren, wie schnell die Medien dazu neigen, trotz weniger gespielter Partien bereits Abstiegskandidaten und sichere Meisterschaftsanwärter zu benennen. Das waren allerdings auch noch Zeiten, in denen Werder um die Champions League Plätze mitspielte und ein 2:2 in Bochum noch ein peinlicher Ausrutscher war. Ein Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen einen Drittligisten gehört hingegen so langsam zum Bremer Fußballalltag. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage: Ist das noch Krise oder ist das schon Normalzustand? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Die Krise ist Normalzustand geworden.

An dieser Stelle stellt sich die Frage nach einer Begriffsdefinition. In der boulevardesken Welt des Fußballjournalismus wird die Etikettierung an den letzten drei Ergebnissen festgemacht: Drei Mal verloren? Krise! Drei Mal gewonnen? Höhenflug! Mit dieser, auf kurzfristige Effekte fokussierten Betrachtungsweise kommen wir hier jedoch nicht zum Ziel. Wir drehen uns munter im Kreis und konstatieren mal eine Testspielkrise her, mal eine Pokalkrise dort. Immer in der Hoffnung, dass nun bitte der “Befreiungsschlag” kommen möge, der dem ganzen Spuk eine Ende bereitet. Aber weder war die Krise der Vorsaison mit dem Beginn der Sommervorbereitung vorbei, noch kann man davon ausgehen, dass sie es bei einem Sieg in Braunschweig wäre. Werder befindet sich vielmehr in einer strukturellen Krise. Diese Krise hat sich über Monate und Jahre mal mehr, mal weniger schleichend im Verein ausgebreitet und wird sich nicht in kurzer Zeit vertreiben lassen. Sollte Werder am Samstag in Braunschweig gewinnen, so ist das kein Befreiungsschlag, sondern lediglich eine (wenngleich wichtige) Genugtuung in Reaktion auf das Pokalaus.

Dies soll nicht die Wichtigkeit der Partie herunterspielen. Bei einer erneuten Niederlage droht die ohnehin schon angespannte Stimmung vollends zu kippen. Fans haben in der Regel ein ganz gutes Gespür dafür, ob ihre Mannschaft in einem Spiel alles gibt oder eher ein Pflichtprogramm herunter spult. In sportlich mageren Zeiten sind sie besonders dafür sensibilisiert. Wenn es schon keinen schönen Fußball zu bestaunen gibt, dann sollen die Herren Profis wenigstens Gras fressen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Mannschaft Fans und Umfeld wieder auf ihre Seite bekommt. Nur darauf lassen sich spielerische und taktische Feinheiten aufbauen, die aus Werder wieder mehr als nur ein Team aus dem unteren Tabellendrittel machen können.

Anders als in der Schlussphase der letzten Saison geht es derzeit nicht darum, den Karren noch schnell aus dem Dreck zu ziehen, bevor der Abstieg unvermeidlich wird. So mag die Angst vor einer Saison, in der der Klassenerhalt erneut erzittert werden muss, begründet sein. Deshalb von “Abstiegskampf ab dem 1. Spieltag” zu sprechen wäre dennoch falsch. Werder muss nicht nach vier Spieltagen zu drastischen Maßnahmen greifen, um das Ruder noch irgendwie rumreißen zu können. Vielmehr ist Robin Dutt gefordert, seinem Team nach und nach sein System so gut einzutrichtern, dass es funktioniert. Selbst ein Verein wie Augsburg hat vorgemacht, wie man trotz eines miserablen Starts mit fußballerischen Mitteln (selbstredend auf Grundlage großer Kampfbereitschaft) wieder nach oben kommen kann.

Wir können lange in Selbstmitleid versinken, weil unser Kader so schwach ist und keinen gehobenen Ansprüchen mehr genügt. Das ist der Stand heute, und er war schon vor der Saison ebenso bekannt wie der Umstand, dass nicht viel Geld vorhanden ist, um daran etwas zu ändern. Die Altlasten des Kaders lassen sich nicht in nur einer Transferperiode loswerden, wie Thomas Eichin treffend feststellte. Lautstark war in letzter Zeit eine bessere Einbindung der Jugendspieler gefordert worden, welche nun mangels Alternativen in der zweiten Reihe sicherlich kommen wird.

Wie lange wird es dauern, bis Werder die Krise hinter sich gelassen hat? Und befindet man sich noch im Abwärts- oder schon wieder im Aufwärtstrend? Das wird man erst mit etwas Abstand feststellen können. Wie bereits in meinem Post zum Saisonauftakt geschrieben, bin ich der Meinung, dass Werder die richtigen Weichen bereits gestellt hat. Doch Fußballvereine in langandauernden Krisen sind sensible Gebilde. Manch ein Verein hat sich nie mehr davon erholt. Werder hat sich immer durch Geduld und eine gewisse Gelassenheit ausgezeichnet, sowohl was die Vereinsführung als auch was die Fans angeht. Beides wird es auf dem schwierigen und mutmaßlich langen Weg zurück nach oben brauchen. Die Geduld gegenüber Leistungen wie beim Spiel in Saarbrücken ist hingegen am Ende.