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Meine EM: England mauert sich zum nächsten Elfmetertrauma

England – Italien 0:0 (2:4 i.E.)

Wer hätte gedacht, dass England in einem Elfmeterschießen verliert? Offenbar nicht die Engländer, denn die taten abgesehen von den ersten 15 Minuten nur sehr wenig, um ein Tor zu schießen. So war das Elfmeterschießen die einzige Option für Hodgsons Team, dieses Spiel zu gewinnen.

Italien trat wieder im 4-3-1-2 an, England im gewohnten 4-4-2 mit zwei tief stehenden Viererketten gegen den Ball. Die Italiener dominierten wie erwartet das Zentrum. Beeindruckend, wie die beiden Spieler auf den Halbpositionen Andrea Pirlo abschirmen, der als Sechser das Spiel vor sich hat und die Bälle mit bekannter Präzision verteilt. England konnte den numerischen Vorteil auf den Flügeln nur selten ausnutzen, weil man zu langsam umschaltete und kaum einmal mit Tempo hinter die Außenverteidiger kam.

Roy Hodgson hat dem englichen Team binnen kurzer Zeit Disziplin und eine schnörkellose Kontertaktik beigebracht. Dafür gebührt ihm Respekt, viel mehr war sicherlich bis zu diesem Turnier nicht möglich. Ich habe allerdings Probleme, mich mit einem rein defensiv ausgerichteten System anzufreunden, wenn es eine Vielzahl an Torchancen des Gegners zulässt. Das war schon bei Chelsea in der Champions League so und es geht mir bei dieser EM genauso. Italien hatte 4-5 glasklare Torchancen und hätte das Spiel nach 90 Minuten gewinnen müssen. Die einzige Hoffnung, die man mit diesem System hat, ist das Versagen des Gegners. Das hat bei Chelsea ausgereicht und es brachte England immerhin bis ins Elfmeterschießen. Ziel einer Defensivtaktik sollte es sein, hochkarätige Torchancen des Gegners zu verhindern, was England gegen Italien nicht gut gelungen ist.

Was mich beim englischen Ansatz außerdem stutzig gemacht hat, ist die Zeit, die man Andrea Pirlo am Ball ließ. In einem flachen 4-4-2 muss gegen eine Raute mit einem so starken Sechser einer der Stürmer Druck auf diesen ausüben. Wayne Rooney als hängende Spitze schlich jedoch derartig demotiviert über den Platz, dass man sich schon fragen musste, ob er nicht gedanklich bereits im Sommerurlaub war. Für mich eine der schwächsten individuellen Leistungen bei diesem Turnier. So hatte Pirlo leichtes Spiel und war uneingeschränkter Chef auf dem Platz. Ein guter Anschauungsunterricht für die deutsche Mannschaft.

Das Spiel verlor nach gut einer Stunde an Fahrt und schleppte sich in eine Verlängerung, die an den Standfußball früherer Jahrzehnte erinnerte. Erstaunlich, wie schnell bei diesen warmen Temperaturen der Akku bei den Spielern leer ist. England holzte den Ball bei jeder Gelegenheit von ganz hinten nach ganz vorne auf der Suche nach Carrolls Kopf. Der Schlusspfiff kam als Erlösung für Spieler und Zuschauer. Danach bestätigten sich die alten Klischees und die englische Elfmetergeschichte ist um ein Kapitel reicher.

Italien ist sicher der stärkere Gegner im Halbfinale und ich bin gespannt, ob Prandelli wieder auf ein 3-5-2 umstellt, um Özil besser im Griff zu haben und Pirlo abzusichern. Italien mag individuell nicht mit Deutschland mithalten können, doch schon das Spiel gegen Spanien hat gezeigt, dass die Mannschaft sich taktisch hervorragend auf ihren Gegner einstellen kann. Ein Selbstläufer, wie von vielen Deutschlandfans vermutet, wird das Spiel sicher nicht. Eine gute Chance jedoch, das deutsche Trauma von 2006 zu überwinden.

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe D

Frankreich lässt die Ukraine nach der Regenunterbrechung ziemlich hilflos aussehen. England liefert sich mit Schweden ein spannendes und offenes Spiel.

Ukraine – Frankreich 0:2

Dem Gewitter sei dank, bekam ich doch noch etwas mit von diesem Spiel, wenn auch nur die letzten 40 Minuten. Zwei Erkenntnisse gab es dabei für mich: Frankreich gehört doch zu den Mitfavoriten des Turniers, auch wenn sie die englische Mauer in der Schlussphase des Eröffnungsspiels nicht knacken konnten. Das fluide Spiel im Angriff gefällt mir gut und erinnert mich ein wenig an Werder 09/10 mit vier ständig rochierenden Offensivkräften. Ich bin sehr gespannt, wie sie sich damit gegen die Topmannschaften schlagen werden.

Die Ukraine wirkte nach dem gedrehten Spiel gegen Schweden und dem Doppelpack von Shevchenko so, als hätte sie ihr Ziel im Turnier schon erreicht. Vielleicht ist mein Eindruck etwas verzerrt, weil ich die erste Halbzeit nicht gesehen habe, aber in der zweiten waren sie völlig chancenlos und hatten auch kein erkennbares Konzept, wie sie Frankreich in ernsthafte Probleme bringen könnten. Jetzt gibt es ein Endspiel gegen England, das die Ukraine in jedem Fall gewinnen muss. Für mich sind sie dabei klarer Außenseiter und viel zu abhängig von ihren alten Stars. Aber vielleicht beschert uns das Turnier ja noch einen zweiten Abend wie beim Spiel gegen die Schweden.

England – Schweden 3:2

Nicht jedes Spiel mit vielen Toren ist unterhaltsam. Das muntere Hin und Her zwischen England und Schweden würde ich aber schon dazuzählen, auch wenn es fußballerisch eher mittelmäßig war. Die Tore waren weniger Produkte durchdachter Angriffszüge, als das Resultat aus Einzelaktionen. Die schiere Gewalt bei Carrolls Kopfballtor war beeindruckend und ein Beweis, dass eine Halbfeldflanke effektiv sein kann, wenn die gegnerische Abwehr nicht fünf Sekunden Zeit hat, sich darauf einzustellen. Danach war es vor allem der Spielverlauf, der dieses Spiel so packend machte. Erst drehte Schweden das Spiel, dann die Engländer. Dazwischen gab es viele Ungenauigkeiten, aber auch durchaus hohes Tempo.

Schwedens Abhängigkeit von Ibrahimovic ist ein hausgemachtes Problem. Die Mitspieler verlassen sich zu sehr auf ihn, bürden ihm zu viel Verantwortung auf. Ibrahimovics arrogante Körpersprache deutet darauf hin, dass er seine Mitspieler als minderwertig betrachtet. So hat man bei jedem Pass zu ihm den Eindruck, dass die Botschaft mitschwingt: Du kannst doch alles besser, also mach mal. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die Teams, die um einen Superstar gebaut sind, bei dieser EM so schwer tun (Schweden, Portugal, teilweise auch die Ukraine). Um bei der im Fußball so beliebten Militärsprache zu bleiben: Ibrahimovic ist eine Waffe, kein General. Ähnlich ist es mit Theo Walcott bei den Engländern. Der kam in der Schlussphase und brachte mit seiner Schnelligkeit den Odonkor-Effekt ins Spiel, der England zum Sieg führte.

Schweden ist damit raus und England hat gute Chancen, mit einem Unentschieden gegen den Co-Gastgeber ins Viertelfinale einzuziehen.

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe D

Frankreich und England neutralisierten sich mit ihren gegensätzlichen Spielanlagen. Der Ukraine gelang gegen Schweden ein beeindruckendes Comeback.

Frankreich – England 1:1

Das erste Spiel bei dieser EM, das ich nicht live gesehen habe. Was ich hinterher in Zusammenfassungen gesehen und in Spielberichten gelesen habe, war nicht sehr erbaulich. Beide Teams in ihrer Ausrichtung in etwa so wie erwartet. Das Ergebnis ist auch wenig überraschend, wobei ich den Franzosen nach den letzten Testspielen doch etwas mehr offensive Durchschlagskraft zugetraut hätte. Am Ende rannte man vergeblich an gegen eine englische Mannschaft, die von Hodgson in der kurzen Vorbereitungszeit offenbar gut eingestellt wurde. Mal sehen ob man sich gegen die anderen beiden Gegner auch in einer Außenseiterrolle gefällt oder dort offensiver zu Werke geht.

Ukraine – Schweden 2:1

Es ist ein schmaler Grat zwischen abwartendem und passivem Fußball. Für letzteren bestand in diesem Spiel eigentlich kein Anlass, denn keine der Mannschaften ist der anderen so überlegen, dass man sich verstecken müsste. Es war verständlich, dass Schweden den vor dem Turnier strauchelnden Ukrainern in Kiew die Initiative überlassen würden. Statt ihnen dabei nach und nach den Schneid abzukaufen und so noch nervöser zu machen, ließ man sie zu lange auf mittelmäßigem Niveau gewähren, bis sie immer besser zu ihrem Spiel fanden.

Bei Schweden gefiel mir die Raum- oder vielmehr Aufgabenaufteilung in der Offensive nicht. Rosenberg machte das, was er auch bei Werder machte: Diagonale Läufe hinter die Viererkette. Die hierfür benötigten Vertikalpässe durch die Schnittstellen blieben jedoch aus. Ibrahimovic spielte wie erwartet deutlich hinter ihm, ließ sich dabei aber so tief fallen, dass große Lücken im Zentrum entstanden. Über die Flügel kamen zu wenig Vorstöße und das Spiel wirkte insgesamt wenig ausgewogen. Die einzige Spielidee der Sechser bestand offensichtlich darin, den Ball zu Ibrahimovic zu spielen. Dennoch ging Schweden etwas glücklich in Führung.

Die Ukraine überzeugte nicht nur durch ihren Kampfgeist, mit dem sie das Spiel nach dem Rückgang drehten. Auch spielerisch war die Leistung besser als erwartet. Mit Shevchenko und Voronin setzte Trainer Blochin vorne auf die alte Brigade, was man ihm bei einer Niederlage sicher vorgeworfen hätte. Doch gerade die beiden rissen nach dem Rückstand das Spiel an sich. Ein Doppelpack von Sheva zum Auftakt der Heim-EM war nach den Verletzungsproblemen und nachlassenden Leistungen der jüngeren Vergangenheit fast zu schön um wahr zu sein. Die Ukraine feierte also einen Auftakt nach Maß und drehte das Spiel gegen eine schwedische Mannschaft, die sich den Vorwurf gefallen lassen muss, über weite Strecken des Spiels gegen einen schlagbaren Gegner zu passiv gewesen zu sein. Die Ukraine hat nun eine realistische Chance aufs Weiterkommen, während sich Schweden keine großen Hoffnungen machen sollte, den Patzer noch auszubügeln.

Meine EM: Englands Angst vor dem Vorrundenaus

In kaum einem anderen europäischen Land liegen Erwartungshaltung und Ertrag so weit auseinander, wie in England. Alle zwei Jahre fährt man (sofern einem die Kroaten keinen Strich durch die Rechnung  machen) mit hohen Erwartungen zum Turnier, wähnt sich als Mitfavorit und fährt dann enttäuscht nach Hause. Dieses Jahr dürfte es kaum anders werden, wenngleich die Erwartungshaltung nicht ganz so hoch ist wie sonst.

Mind the gap

Es sind keine Welten die England von der Weltspitze trennen. Man weigert sich – Kritiker außen vor – jedoch beharrlich, die richtigen Schlüsse zu ziehen und anschließend die richtigen Maßnahmen zu treffen. Der britische Fußball leidet nicht an einer Armut an Talenten. Er leidet jedoch an einem Interessenkonflikt zwischen der starken Premier League und der Nationalmannschaft. Während letztere dringend auf junge Talente angewiesen ist, können erstere dank riesiger Finanzkraft mangelnde Qualität im eigenen Nachwuchs durch Zukäufe ausgleichen. Zudem spielt die Nationalität der Nachwuchsspieler für die Vereine im modernen Fußball eine untergeordnete Rolle. Es wäre also dringend ein nationales Jugendförderungsprogramm notwendig, das einheimische Talent systematisch entdeckt und ausbildet. Andere Länder haben dies schon vor längerer Zeit erkannt – wenn auch meist erst nach herben Enttäuschungen. In England setzt sich die Erkenntnis erst allmählich durch, dass man hier den Anschluss verloren hat.

Vielleicht hat man zu lange auf den Durchbruch der “goldenen Generation” gehofft, die noch in Bruchstücken im aktuellen Kader vertreten ist. Jeder Teilerfolg, jeder Sieg gegen einen großen Gegner lässt diese Hoffnung wieder aufflammen. Dabei wird übersehen, dass diese Siege meistens in unwichtigen Freundschafts-, maximal in Qualifikationsspielen eingefahren werden. Wenn es darauf ankommt werden den Engländern die Grenzen aufgezeigt. Auffällig ist dann auch die Diskrepanz zwischen den Leistungen der Starspieler auf Vereinsebene und im Nationaltrikot. Doch in den Vereinen sind diese Spieler Teil eines internationalen Starkollektivs. Sie können auch deshalb herausragen, weil sie von ihren Mitspielern getragen werden. In der Nationalmannschaft bürdet man Spielern wie Lampard, Gerrard oder Rooney regelmäßig zuviel auf. Die Fallhöhe wird durch die heimische Regenbogenpresse vor den Turnieren durch unrealistische Einschätzungen noch künstlich erhöht. Hinterher ist dann die Verwunderung groß und die Kritik unverhältnismäßig hart.

Weder Fisch noch Chips

Der neue Trainer Roy Hodgson hat nun die undankbare Aufgabe, nach Fabio Capellos überraschendem Rücktritt in kürzester Zeit aus einem fragmentierten Kader ein Team zu formen. Die Causa John Terry vs. Rio Ferdinand wurde auf die vermutlich einzig mögliche Art gelöst. Ich denke jedoch, dass man mit Terry auf das falsche Pferd gesetzt hat. Nach dem Ausfall von Gary Cahill dürfte Joleon Lescott neben ihm verteidigen. Ashley Cole und Glen Johnson als Außenverteidiger sind ebenfalls gesetzt. Das Team ist insgesamt erfahren und hat auch einige talentierte Nachwuchsspieler in seinen Reihen, wie etwa Alex Oxlade-Chamberlain. Dennoch ist die Mischung nicht die beste. Einige Schlüsselspieler sind über ihren Zenit und von den ehemaligen Hoffnungsträgern hat sich nur Wayne Rooney konstant auf höchstem Niveau bewährt.

Milner und Walcott sind als Flügelzange nicht die ganz große internationale Klasse, aber sicherlich gut genug für dieses Turnier. Von Milner kann man keine herausragenden Dinge erwarten, aber er ist ein cleverer Spieler, der seine Aufgabe erfüllt. Um Walcotts Geschwindigkeit optimal einzusetzen braucht man allerdings eine sehr gute Feinabstimmung. An der mangelt es den Engländern jedoch und so bleibt diese Waffe zu häufig stumpf. Ernste Probleme hat England hingegen im zentralen Mittelfeld. Wo man früher zu viele Optionen hatte und es ständig Diskussionen gab, wer mit wem warum nicht zusammenspielen kann, herrscht nun ein Loch. Durch die Verletzung von Barry scheint es auf das Duo Steven Gerrard und Scott Parker herauszulaufen. Individuell sind beide gut, doch als Doppelsechs sehe ich sie nicht auf dem benötigten Niveau. Besonders schlimm wiegt hier der Ausfall von Jack Wilshere, dem spielerisch besten englischen Mittelfeldspieler. Der Verzicht auf ballsichere Akteure wie Carrick oder auch Scholes legt nahe, dass man gar nicht erst versuchen wird, den Ball lange zu halten.

Umso wichtiger wäre die Durchschlagskraft vorne, wo Rooney die ersten beiden Spiele gesperrt ausfallen wird. Bis dahin könnte es für England bereits zu spät sein. Zudem hat es sich in der Vergangenheit nicht als förderlich erwiesen, zu hohe Hoffnungen in einen Einzelspieler zu setzen. Man sollte von England keinen dominanten oder technisch hochwertigen Fußball erwarten. Hodgson weiß, dass sein Kader limitiert und die Zeit seit seiner Inthronisierung viel zu kurz ist, um spielerisch große Fortschritte zu machen. Es dürfte ein sehr “englischer” Stil sein, den seine Mannschaft an den Tag legt. Mit hohen Bällen wird man jedoch nur dann primär arbeiten, wenn Andy Carroll auf dem Platz steht. Schnelle, direkte Angriffe über die Flügel und vertikale Pässe in den Lauf der beweglichen Stürmer Welbeck und Young bieten sich als Angriffsoptionen an. Ob sie als reine Kontermannschaft weit in diesem Turnier kommen werden, ist fraglich.

Meine Prognose: Mehr als das Viertelfinale traue ich England nicht zu. Selbst das wird schwer zu erreichen, wobei zwei der drei Gruppengegner mit eigenen Problemen zu kämpfen haben.

Englands Gruppengegner

Ukraine
Frankreich
Schweden

 

WM 2010: Vor dem Viertelfinale

Die Geschichte des England-Spiels ist inzwischen mehr als durch, dazu brauche ich nichts mehr schreiben außer: Glückwunsch an das Team und den Trainer! Langsam bildet sich eine Achse heraus, bestehend aus Friedrich, Schweinsteiger, Özil und tatsächlich auch Klose. Inzwischen dürfte auch jeder Werderfan gesehen haben, warum Frings nicht Teil dieser Mannschaft ist. Nicht, weil er zu schlecht ist, sondern weil er weder die Rolle von Khedira, noch die von Schweinsteiger spielen könnte. Einen Platz auf der Bank hätte ich ihm trotzdem gegönnt.

Nun gibt es also die Revanche von 2006. Deutschland trifft auf Argentinien und bei mir kommen die Erinnerungen an Argentiniens Kombinationsfußball, Riquelmes viel zu frühe Auswechslung, Kloses Ausgleich, Lehmanns Zettel im Stutzen und die Handgreiflichkeiten nach dem Spiel wieder hoch. Auch Bastian Schweinsteiger scheint sich bestens an das Spiel zu erinnern und gießt mit ein paar verallgemeinernden Aussagen über die argentinische Mentalität noch einmal etwas Öl ins Feuer. Der argentinische Fan nimmt also anderen im Stadion den Sitzplatz weg. Ungeheuerlich! Zum Glück verhalten sich die Fans unserer Mannschaft immer und überall völlig anständig, man frage mal bei Herrn Nivel nach. Das spielt für TAFKAS (The artist formerly known as Schweini) und seine Aussagen natürlich keine Rolle, denn hier geht es um gezielte Provokation vor einem Fußballspiel und nicht um Kulturanthropologie.

Viel interessanter als das verbale Vorgeplänkel ist ein Blick auf die beiden Teams, die ihre jeweiligen Achtelfinalbegegnungen (jeweils begünstigt durch eine grobe Fehlentscheidung des Schiedsrichters) souverän gewonnen haben. Während Deutschland gegen England ein spielerisches Feuerwerk abbrannte und nur kurzzeitig vor und nach der Pause ins Wanken geriet, hatte Argentinien gegen Mexiko eine härtere Nuss zu knacken. Das 3:1 am Ende spiegelte kaum die gezeigten Leistungen wider, doch die Mexikaner taten sich unglaublich schwer damit, gute Angriffen in veritable Torchancen umzuwandeln. Argentinien kann im Angriff dagegen auf eine hervorragende Auswahl an Spielern zurückgreifen, die allesamt vor dem Tor eiskalt sind. Da ist es selbst zu verschmerzen, dass Lionel Messi bislang nicht getroffen hat.

Wer nun am Samstag ein Offensivspektakel erwartet, dürfte wieder einmal enttäuscht werden. Denn auch wenn beide Mannschaften sich kaum ganz auf ihre Defensive verlassen können, werden sie sich hüten, dem Gegner auch nur annähernd so viel Platz zu lassen, wie England es beispielsweise gegen Deutschland tat. Gegen Australien, England und auch teilweise gegen Ghana ging Löws Taktik bislang auf. Bei den verbleibenden Gegnern kann ich mir kaum vorstellen, dass noch ein Team Mesut Özil so vernachlässigen wird. Bei Argentinien wird er in Mascherano einen unbequemen Gegenspieler finden. Wenigstens nicht Cambiasso, mag man denken. Özil wird also wie gegen England viel rotieren müssen, um seinen Gegenspieler von seiner Position wegzulocken. Im Zusammenspiel mit Müller war das eine tötliche Waffe gegen die Engländer. Dazu hat man vorne endlich wieder einen Klose in Topform. Gegen England war das schon wieder sehr nah an dem Niveau, mit dem er 2006 Torschützenkönig wurde.

Auf Schweinsteiger und Khedira kommt der bislang schwerste Test bei dieser WM zu. Die Schlüsselfrage dabei wird sein: Wer kümmert sich um Messi? Bislang war Schweinsteiger der Defensivere der beiden, doch er ist mehr ein Lenker als ein Zerstörer. Es könnte auch sein, dass Löw Khedira defensiver spielen lässt, damit Schweinsteiger sich mehr um das Aufbauspiel kümmern kann. Dann fehlen Khediras Läufe in die Spitze jedoch als Überraschungsmoment. Nach dem Spiel gegen einen richtig guten offensiven Mittelfeldspieler wird man wissen, ob Deutschlands Defensivduo im Mittelfeld wirklich so gut ist, wie es bislang erscheint. Argentinien spielte in den letzten Spielen ein 4-4-2 mit Raute, bei dem Messi die offensivste Position einnimmt. Diese Formation – für Werderanhänger nichts neues – ist auf ein Übergewicht im zentralen Mittelfeld ausgerichtet. Das hat zur Folge, dass die argentinischen Außenverteidiger eigentlich weit aufrücken müssten, um im Angriffsdrittel für die nötige Breite zu sorgen. Das tun sie jedoch nur sehr selten. Für Müller und Podolski bedeutet dies einerseits, dass sie nicht viel Platz für ihre Flügelläufe bekommen werden und andererseits, dass weniger Defensivarbeit auf sie zu kommt. Die Deutschen Außenverteidiger haben bei diesem System keine direkten Gegenspieler, werden aber immer wieder von Messi auf die Probe gestellt werden, der gerne über die Flügel ausweicht. Um Phillipp Lahms Offensivdrang wird sich Carlos Tevez kümmern, der sich nicht scheut weite Wege mit nach hinten zu gehen. Jerome Boateng könnte hingegen mehr Platz haben, doch es ist fraglich, ob er sich häufiger mit nach vorne traut.

Kann Deutschland diesen Gegner schlagen? Mit schnellem, direktem Offensivspiel kann man der argentinischen Defensive sicher besser beikommen, als mit hohen Bällen und physischer Härte. Solange Özil sich nicht komplett aus dem Spiel nehmen lässt, sollte es zu einigen guten Chancen reichen. Lässt man sich von den Argentiniern zu sehr hinten rein drängen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die individuelle Klasse der Offensivspieler zum Torerfolg führt. Dafür ist die deutsche Viererkette zu behäbig. Auch wenn Mertesacker sich gegen England deutlich gesteigert hat, wirkt er immer noch verunsichert und allein diesen Umstand werden die Argentinier ausnutzen. Andersherum kann man das aber auch von Martin Demichelis in der argentinischen Innenverteidigung sagen. Trotzdem ist Argentinien insgesamt die etwas bessere Mannschaft und vor allem in der Offensive mit absoluten Weltklassespielern besetzt. Ich traue der deutschen Mannschaft dennoch einen Sieg zu, wenn sie sich defensiv weiter festigen und offensiv die bisher gezeigten Stärken erneut ausspielen kann.

Faszinierend dürfte das Spiel sowohl aus taktischer wie auch aus spielerischer Hinsicht werden, wenn beide Teams an die eigene Stärke glauben. Es könnte jedoch auch sein, dass beide Mannschaften aus Angst vor eigenen Fehlern und fehlendem Vertrauen in die Defensive nur wenig riskieren und wir ein Spiel mit angezogener Handbremse erleben. Letztlich sind sich beide Mannschaften in den jeweiligen Mannschaftsteilen sehr ähnlich. Als einziger größerer Unterschied ist das Flügelspiel zu nennen, wo bei Deutschland Müller und Podolski von den Außen nach innen ziehen, während bei den Argentiniern keine nominellen Außenstürmer im Kader sind und dafür Tevez und Messi auf die Flügel ausweichen. Mein Tipp: 3:2 für Argentinien. Don’t jinx it!

WM 2010: Nach Ghana und vor England

Ghana – Deutschland 0:1

Zittersieg, sagen viele. Gezittert wurde nur bis zum 1:0, danach war das Spiel gelaufen. Ghana tat wenig, um das Spiel noch zu drehen. Der Rückstand der Serben brachte dann die Gewissheit, dass es reichen würde. Es war nicht die Art Spiel, bei der es um Eleganz und spielerische Finessen geht, sondern um Effizienz. Es gibt nicht viele Spieler, die es sich erlauben können, eine solche Torchance zu vergeben, wie Mesut Özil in der ersten Hälfte. Beim Führungstor zeigte er seine ganze Klasse. Lässt man ihm in Strafraumnähe Raum (und damit Zeit), wird man bestraft. Der Schuss war großartig, einer der besten im Turnier bislang. Er ist Beleg der Entwicklung, die Özil in den letzten zwei Jahren durchgemacht hat.

Zwar ist seine Körpersprache noch immer die eines Schönwetterfußballers, doch man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Wie im Mai auf Schalke war Özil eigentlich lange nicht wirklich präsent im Spiel. Scheinbar entnervt schlägt er dann eiskalt zu, wenn sich die Gelegenheit bietet. Capello wird wissen, dass seine Engländer ihm diese Gelegenheit nicht geben dürfen. Ghana hat mit Annan einen der besten defensiven Mittelfeldspieler des Turniers in seinen Reihen, doch stellte ihn Özil nicht als direkten Gegenspieler auf die Füße, sondern presste auf das defensive Mittelfeld um Bastian Schweinsteiger, den (mittlerweile) stillen Lenker. Während Özil schon jetzt eine Ausnahme in der deutschen WM-Geschichte ist, hat sich Schweinsteiger genau zu dem Typ Spieler entwickelt, der deutsche Teams schon immer ausgezeichnet hat: Der ballsichere Taktgeber vor der Abwehr. Früher in Gestalt des Libero (Beckenbauer, Matthäus, Sammer), später als defensive Mittelfeldspieler (Hamann, Ballack). Diese Tradition führt Schweinsteiger nun fort. Er spielt unauffällig, ruhig, mit Übersicht. Von seiner Position aus gewinnt man keine Spiele, aber man formt das Gesicht einer Mannschaft.

Die Gegner in der Vorrunde schienen sich nicht ganz sicher zu sein, welchen der beiden Regisseure man stoppen muss. Australien und Ghana probierten es mit Pressing auf die defensiven Mittelfeldspieler. Mesut Özil hatte dadurch den Platz zwischen Mittelfeld und Abwehrkette, den er braucht. Australien bestrafte er mit einer Galavorstellung. Gegen Ghana kam er weniger gut ins Spiel, doch letztlich gab auch hier der ihm gebotene Platz den Ausschlag für den Sieg. Serbien versuchte es eine Nummer defensiver, stellte Özil mit Stankovic einen direkten Bewacher auf die Füße und verlagerte die Verantwortung so auf die Außenpositionen der deutschen Mannschaft. Dies scheint mir momentan die effektivere Taktik gegen Deutschland zu sein. England spielt jedoch bevorzugt im 4-4-2 mit Barry und Lampard in der Zentrale. Bei dieser Ausrichtung wird Barry Schwerstarbeit verrichten müssen, um Özil im Griff zu behalten.

Das deutsche Flügelspiel bleibt mir ein Rätsel. Alles was im ersten Spiel so gut geklappt hat, ist Schritt für Schritt zur Problemzone geworden. Während Müller, der seine Stärken eher in der Mitte hat, an der rechten Außenlinie klebt, zieht Podolski bei jeder Gelegenheit in die Mitte. Hier frage ich mich, ob das Anweisung ist oder taktische Naivität. Im ersten Fall verstehe ich nicht, warum Podolski nicht auf der rechten Seite spielt, von wo aus er seinen guten Linksschuss besser einsetzen kann (zumal mit Lahm ein Außenverteidiger auf der Seite spielt, der ständig hinterläuft und so die Außenposition besetzt). Ist letzteres der Fall, hätte Löw Podolski längst aus der Mannschaft nehmen müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Löw die offensiven Außen im Spiel gegen England neu besetzt, daher wird es nun verstärkt darauf ankommen, dass es auf Podolskis Position nicht zu großen Lücken kommt (um Müller mache ich mir keine Sorgen), erst recht wenn Schweinsteiger ausfallen sollte, der dort bislang viele Löcher gestopft hat.

Eine weiteres Problem ist in der deutschen Hintermannschaft zu finden und es gefällt mir überhaupt nicht. Per Mertesacker war gegen Ghana der Schwachpunkt. Dass er auf dem Boden gegen kleine, quirlige Stürmer Probleme hat ist nichts Neues, aber die Wackler im Stellungsspiel und auch in der Luft ist man so nicht von ihm gewohnt. Bislang konnte das Team im Verbund die individuellen Fehler noch ganz gut kompensieren, vor allem dank Arne Friedrich. Gegen stärkere Gegner, die vor dem Tor kaltblütiger agieren als die Ghanaer, könnte das schwer werden. Fragt sich bloß, ob England in der momentanen Verfassung ein solcher Gegner ist.