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Werder nach Europa – ja, nein, vielleicht?

“Unsere Ambition: Wir wollen zurück nach Europa!”

– Werder Bremen, Unternehmenspräsentation

Nach der turbulenten Hinrunde rechnete bei Werder wohl niemand mehr damit, dass man im Laufe der Saison noch einmal in die Verlegenheit kommen würde, sich mit der Qualifikation für den internationalen Wettbewerb auseinandersetzen zu müssen. Ob Spieler, Trainer oder Manager – allen Beteiligten ist anzumerken, wie schwer es ihnen fällt, die neue Situation anzunehmen und zu bewerten.

Man sollte meinen, dass die unerwartete Chance auf einen Erfolg, der für diese Saison noch nicht vorgesehen war, neue Kräfte freisetzt. Wenn man sich die Aussagen der letzten Wochen anhört, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Nach dem kräftezehrenden Abstiegskampf werden plötzlich neue Ansprüche an das Team gestellt. War die Entwicklung vom chancenlosen Absteiger zum Team der Stunde im Winter noch eine Befreiung, ist die gestiegene Erwartungshaltung an die Mannschaft mehr Bürde als Belohnung.

“Ich kann das Europa-Geschwafel nicht mehr hören!”

– Thomas Eichin, wütend

Klar ist, dass Werder die Rückkehr ins internationale Geschäft in den nächsten Jahren angepeilt hat. Nach vier schwierigen Jahren, die von Abstiegskampf und Umbrüchen im Kader geprägt waren, liegt es jedoch nahe, dem Braten noch nicht so recht zu trauen. Ein Jahr der Stabilisierung, der Mannschaftsentwicklung hatte man sich gewünscht; mit möglichst wenig Abstiegskampf, einem Platz im gesicherten Mittelfeld und der Tendenz nach oben. Bekommen hat man zunächst ein miserables erstes Saisonviertel, einen Trainerwechsel und einen Machtkampf zwischen Fischer und Lemke. In diesem Jahr gab es dann das Kontrastprogramm: Eine Siegesserie, viel gute Stimmung und den Anschluss an die internationalen Plätze.

Es ist verständlich, dass diese Entwicklung den Verein auf Trab hält und man sich schwer tut, die richtigen Aussagen dazu zu treffen. Soll man sich zurückhalten und auf die Situation vor ein paar Monaten verweisen? Oder soll man sich aus dem Fenster lehnen und Ansprüche formulieren, die einem zum Saisonende auf die Füße fallen können? Zu häufig wurde schließlich in den letzten vier Jahren von einzelnen Akteuren der Anspruch formuliert, schon bald wieder in der Europa League mitzuspielen – hauptsächlich von Spielern (und einem Manager), die inzwischen nicht mehr bei Werder aktiv sind.

“Wir müssen uns damit beschäftigen. Alles andere wäre eine Verarschung den Fans gegenüber.”

– Viktor Skripnik über die Europa League

Das erklärt vielleicht, warum auf jeden Vorstoß eines Akteurs sofort ein der anderer auf die Bremse tritt. Skripnik bremst Eichin, Eichin bremst die Mannschaft, Junuzovic bremst Gálvez. So ist es vermutlich nicht gemeint, aber so kommt es durch das Timing der Aussagen herüber. Deutlich wird jedoch, dass keine Einigkeit herrscht, ob die Europa League nun das neue Saisonziel ist oder nicht. Offensiv formuliert wird es nicht, ein konsequentes Verneinen dieser Frage sieht indes anders aus.

Die Ambivalenz ist durchaus verständlich, auch ungeachtet des Saisonverlaufs. Es fällt schließlich nach wie vor schwer, den Wert einer EL-Qualifikation für den Verein einzuschätzen. Einerseits wären die finanziellen Möglichkeiten und das steigende Renommee durch die Teilnahme gut für den Verein. Andererseits wäre Werder nicht der erste Verein, dem die Mehrfachbelastung in der Liga zum Verhängnis werden könnte. Ein Club, der in den letzten vier Jahren durchschnittlich 35,5 Pflichtspiele zu bestreiten hatte und die Kaderkosten in dieser Zeit deutlich reduzieren musste, müsste schon einen kleinen bis mittleren Richtungswechsel im Sommer durchführen, um sich auf das Abenteuer Europa League vorzubereiten.

“Wir kamen aus der Hölle. Im Herbst waren wir doch schon abgestiegen. Wann haben wir denn die Situation gehabt, dass wir mal frei aufspielen konnten? Erst haben wir gegen den Abstieg gekämpft, dann ging es plötzlich um die Europa League. 26 Punkte in der Rückrunde sind doch super. Wir müssen lernen, das auch mal zu genießen.”

– Zlatko Junuzovic, Freistoßgott

Und dennoch erstaunt es, dass auch die Spieler nicht die ganz große Euphorie ausstrahlen, wenn es um die Chance auf europäischen Fußball geht. Man sollte doch meinen, dass es für einen Fußballer weitaus einfacher wäre, den “Druck”, das Ziel Europa League zu erreichen, in positive Energie umzuwandeln, als den Druck des ständigen Abstiegskampfs. Zlatko Junuzovics Aussagen zeigen jedoch sehr deutlich, dass dem nicht so ist. Der ständige Kampf um den Klassenerhalt führte anscheinend dazu, dass jeglicher Anspruch an die Mannschaft von dieser inzwischen als Belastung wahrgenommen wird.

Widerspricht die Aussicht auf Platz 6 oder 7 wirklich dem Bedürfnis, “frei aufspielen” zu können (im Profigeschäft ohnehin ein frommer Wunsch)? Im Gegensatz zu Schalke oder Dortmund und selbst dem Überraschungsteam aus Augsburg hat Werder in diesem, mitunter an ein Schneckenrennen erinnernden, Endspurt wenig zu verlieren. Niemand wird den Spielern den Kopf abreißen, wenn am Ende ein gesicherter Mittelfeldplatz herauskommt. Sollte Werder hingegen in der kommenden Saison erneut um die Europa League Plätze mitspielen, wird die Erwartungshaltung vermutlich schon eine andere sein.

Werders Spieler und sportliche Leiter täten also gut daran, sich Junuzovics letzten Satz zu Herzen zu nehmen und zu lernen, wie man eine unerwartete Chance genießt. Man kann die aktuelle Situation, in der man ohne großen Druck ums internationale Geschäft mitspielen kann, nämlich auch als großen Glücksfall betrachten. Das gab es schließlich zuletzt in den Anfangsjahren der Ära Thomas Schaaf und die ist bekanntlich schon ein paar Jahre her.

Kleines Loblied auf die Europa League

Es wäre angesichts des Urteils gegen Uli Hoeneß fast etwas untergegangen, aber gestern wurde auch Fußball gespielt. In der viel gescholtenen Europa League und ohne Beteiligung deutscher Vereine wurden die Hinspiele im Achtelfinale ausgetragen.

Ich persönlich mag die Europa League. Vor allem in Zeiten, in denen die Champions League bis zum Viertelfinale sehr vorhersehbar ist und nur wenige Überraschungen bereit hält, ist die Europa League eine willkommene Abwechslung. Sie hat sich trotz Umbenennung und kontraproduktiver Gruppenphase ein Stück des alten Europacup-Charmes behalten. In der Europa League werden nicht die großen Schlagzeilen des europäischen Fußballs geschrieben und der Wettbewerb leidet unter seiner Funktion als Sammelbecken der Champions League Verlierer ebenso wie unter seinem vergleichsweise geringen Stellenwert. So kommt es vor, dass Vereine mit Champions League Ambitionen ihrer Spiele in der K.O.-Runde abschenken, um in der Schlussphase der Saison mehr Kraft für die Liga zu haben. Über das Niveau einzelner Spiele lässt sich daher trefflich streiten, doch einem gewöhnlichen Bundesligaspieltag steht so ein Achtelfinal-Spieltag der Europa League in nichts nach.

Ich kann einem taktisch hochwertigen 0:0 zwischen dem FC Basel und RB Salzburg genauso etwas abgewinnen, wie einem Stadtderby zwischen FC Sevilla und Real Betis oder der erneuten Lehrstunde für den englischen Fußball beim Tottenhams Heimniederlage gegen Benfica. Gut, bei Letzterem mag auch meine Antipathie gegen die Nord-Londoner eine Rolle gespielt haben. Mein Geheimfavorit Ludogorets Razgrad steht nach einer 0:3 Heimniederlage gegen Valencia hingegen leider vor dem Aus. Da spielt die No-Name-Truppe aus Bulgarien so eine tolle Saison, setzt sich gegen Teams wie PSV Eindhoven, Dinamo Zagreb und Lazio Rom durch und erwischt dann einen rabenschwarzen Tag, an dem man trotz langer Überzahl den frühen Rückstand nicht aufholen kann, einen Elfmeter verschießt und dann ins offene Messer läuft (well, sort of…). Aber so etwas kenne ich ja von anderen von mir favorisierten Mannschaften.

Persönliches Highlight war das Spiel zwischen Juventus und Fiorentina. Es ist zwar ein Klischee, aber Spiele zwischen italienischen Spitzenmannschaften sind taktisch noch immer höchst interessant. Juves System mit rustikaler Dreierabwehrkette und den Energiebündeln Vidal und Marchisio, die auf den Halbpositionen das ewige Genie Andrea Pirlo flankieren, hat es mir besonders angetan. International ist Juve damit nicht mehr allererste Güte, aber es reicht immer noch, um die Serie A klar zu dominieren. Dass es nun auf europäischer Bühne zu einer Wiederholung des Spiels vom Wochende kam, machte die Begegnung nicht uninteressanter. Und anders als am Sonntag hatte Fiorentina der Führung der Gastgeber in Gestalt des eingewechselten Torschützen Mario Gomez etwas entgegenzusetzen. Zumindest in Deutschland reicht dies dann doch zu einer größeren Schlagzeile.

Europa League Finale: Sehnsucht nach Diego?

Vor drei Jahren wurde Diego sein UEFA-Cup Finale verweigert. Eine umstrittene gelbe Karte brachte ihn um die Teilnahme am Spiel gegen Schachtar Donezk. Der Ausgang ist bekannt. Am Mittwoch nun bekam der kleine Brasilianer seine Chance im “kleinen” europäischen Endspiel und gewann mit Atletico Madrid die Europa League.

In Deutschland unter Wert verkauft

Das Finale des angeblich so unbedeutenden Wettbewerbs hatte trotz des deutlichen Ergebnisses einiges an Dramatik und Klasse zu bieten. Schon die Ausgangsposition sprach für eine überaus interessante Partie: Auf der einen Seite Trainerlegende Marcelo Bielsa, der Athletic Bibao innerhalb kürzester Zeit intensives Pressing und Kurzpassspiel beigebracht hat. Als Lohn durfte man lange in der erweiterten Spitze der Liga mitmischen und erreichte neben dem Europa League Finale auch das des Copa del Rey. Auf der anderen Seite Bielsas Schüler und ehemaliger Mannschaftskapitän Diego Simeone, der das bis dahin enttäuschende Starensemble von Atletico Madrid seit dem Winter in die richtige Spur geführt hat. Die Liste der Gegensätze ist lang: Hauptstädter gegen baskische Separatisten, zusammengekaufte Stars gegen Eigengewächse, individuelle Klasse gegen Kollektiv.

Über so viele potenzielle Aufhänger sollte sich jeder Sportjournalist freuen. Daher erstaunt es, wie wenig die deutschen Sportberichterstatter mit diesem Spiel anzufangen wussten. Ohne deutsche Beteiligung ist die Europa League nichts wert, egal, wie sportlich gehaltvoll ein Spiel ist. Besonders Sky fiel hier negativ auf. Mit 15 Minuten uninspirierterVorberichterstattung und einem Einspieler, der eher Klischees pflegte, statt den interessierten Zuschauer zu informieren. Athletic und Atletico – so der Aufhänger des Berichts – seien quasi kaum auseinander zu halten, da sie beide aus Spanien kommen und rot-weiße Trikots tragen. Wir kennen das Problem ja aus Deutschland, wo Bayern München und Fortuna Düsseldorf seit je her verwechselt werden… Eine wirklich enttäuschende Leistung von Sky. Gerade angesichts der guten Vor- und Nachberichterstattung, die der Sender in den letzten Monaten bei als wichtig erachteten Spielen abgeliefert hat. Die Kommentierung von Marco Hagemann war jedoch gut, wie auch Mirko Slomka und Holger Pfandt bei Kabel 1 ein wirklich gutes Gespann abgaben.

Schüler Simeone coacht Lehrmeister Bielsa aus

Das Spiel hielt nicht alle Versprechungen, war aber insgesamt auf hohem Niveau und bot deutlich mehr Unterhaltung als das enttäuschende Finale des Vorjahres. Bilbao hatte große Probleme das eigene Spiel aufzuziehen. Vor allem in der Anfangsphase zeigte man sich überrascht vom hohen Anfangsdruck und aggressiven Forechecking des Gegners. Zwar hatte man nach dem frühen Gegentor mehr vom Spiel, doch bis zur Halbzeit blieb Atletico das gefährlichere Team. Falcao war mit seiner Torgefahr und seiner exzellenten Ballbehauptung nie in den Griff zu bekommen und schoss Atletico konsequenter Weise bis zur Halbzeit mit 2:0 in Front.

Marcelo Bielsa wirkte ratlos, denn er war von Diego Simeone ausgecoacht worden, was ihm nicht oft passiert. Atletico fand die richtige Mischung aus Pressing gegen Bilbaos Spielaufbau und dem Verschließen des Zentrums durch kompaktes, tiefes Verteidigen. Durch die weit aufrückenden Außenverteidiger hatte Bilbao zwar nominell genug Breite im Spiel, doch schaffte man kaum Überzahlsituationen am Flügel, da die Außenstürmer sehr eng agierten. Im zentralen Mittelfeld schaffte es Atletico dazu hervorrangend, den tiefen Spielmacher Iturraspe aus dem Spiel zu nehmen. Er wurde nach Ballgewinn seiner Mannschaft sofort attackiert, so dass er kaum Zeit am Ball bekam. Zur Halbzeit wechselte Bielsa ihn aus.

Nicht nur die individuelle Klasse siegt

Auch die Umstellung zur Pause brachte nicht den gewünschten Effekt. Zwar erhöhte Athletic Bilbao den Druck und erspielte sich die eine oder andere Chance, doch insgesamt wirkte die Mannschaft nicht so frisch und energetisch wie gewohnt. Vielleicht war auch “Finalangst” ein Faktor. Bielsa holte schon nach gut einer Stunde die Brechstange heraus und brachte mit Toquero einen zweiten Mittelstürmer. Gefährlichster Mann auf dem Platz blieb allerdings Falcao, der alleine immer wieder 2-3 Spieler binden konnte und kurz vor Schluss das 3:0 knapp verpasste. Für die endgültige Entscheidung sorgte am Ende dann Diego mit einer tollen Einzelaktion. Diesen Aspekt seines Spiels kannte man bereits aus der Bundesliga. Interessant war aber vor allem, wie gut Diego gegen den Ball gearbeitet hat. Beim Pressing gegen Iturraspe war er der Schlüsselspieler.

Am Ende triumphierte das Team mit den besseren Einzelspielern. Falcao und Diego machten den Unterschied aus. Vor allem der Kolumbianer Falcao steht mit “seinem” verteidigten Titel im Mittelpunkt der Berichterstattung. Zum zweiten Mal hintereinander holte er Pokal und Torjägerkanone in der Europa League. Doch mit einer starken Teamleistung und einer bestens auf den Gegner eingestimmten Taktik schaffte Atletico in diesem Finale erst die Grundlage dafür. Das ist vor allem ein Verdienst des Trainers Simeone, der in den wenigen Monaten seiner Amtszeit beachtliches geleistet hat.

Diego mit dem Pokal zu sehen weckt Erinnerungen an eine Werder-Vergangenheit, die noch nicht so lange zurück liegt und derzeit doch so fern erscheint. Es weckt auch Sehnsüchte nach seinen Geniestreichen. Was Werder derzeit vor allem fehlt, ist jedoch weniger die individuelle Klasse eines Diegos, als ein funktionierendes Konzept, das aus einem jungen Team eine starke Mannschaft formt. Wie man das mit bescheidenen finanziellen Mitteln schaffen kann, durfte man in dieser Saison bei Athletic Bilbao anschauen.

Meine Saison (in a nutshell)

Die Saison ist vorbei. Zeit für Rückblicke, Bilanzen, Fazits. Hier ist meine Einschätzung der Saison in Kurzform:

Das gefiel mir

Die Auswärtsstärke. Die Heimspiele in der Europa League. Das Aufreten im DFB Pokal gegen die Zweitligamannschaften. Claudio Pizarro, der vielleicht beste Stürmer der Werdergeschichte. Mesut Özils Ballbehandlung. Marko Marins Finten. Torsten Frings späte Topform. Die vielen Last-Minute-Tore. Der André Wiedener Tanz. Thomas Schaafs Taktik gegen Schalke im Mai.

Das gefiel mir nicht

Die Heimschwäche in der Bundesliga. Die Unkonzentriertheiten in den ersten Halbzeiten. Der Stadionumbau. Die Pfiffe gegen einzelne Spieler. Die BILD-Kampagne gegen Schaaf und Allofs. Daniel Jensens Verletzungspech. Markus Rosenbergs Einstellung. Tim Wieses Frisur (ich hätte nicht gedacht, dass es noch schlimmer kommen könnte). Marins Schwalben. Fans von Treter-Mannschaften, die sich (nur) über Marins Schwalben aufregen. Felix Magaths Taktik gegen uns im Dezember.

Spannend

Die taktische Variabilität. Vorbei sind die Jahre, in denen Werder immer 4-4-2 mit Raute spielt. Mit Mesut Özil hat man einen Spieler mit Spielmacherqualitäten, der aber keine klassische Nummer 10 ist. Werder hat in dieser Saison vieles ausprobiert und sich zum Saisonende erstmals seit langer Zeit dem Spiel der Gegner angepasst. Die realistische Selbsteinschätzung hat in der Liga Platz 3 gerettet, im Pokal leider nicht geholfen. Dennoch, so variabel habe ich Werder unter Schaaf noch nie gesehen: Ob flaches 4-4-2, 4-2-3-1, 4-4-1-1 oder auch die klassische Werderraute im Mittelfeld – Werder hat inzwischen alles im Repertoire. Das ist natürlich kein Selbstzweck, mit so vielen außergewöhnlichen Offensivspielern ist die Raute allein nicht mehr ausreichend. Darauf hat man angemessen reagiert.

Langweilig

Borowski-Bashing. Tim Borowski spielte eine mittelmäßige Hinrunde. Nach seinem überaus schwachen Rückrundenstart verlor er zu Recht seinen Stammplatz im Mittelfeld, zeigte sich aber seit März in aufsteigender Form. Gegen Schalke mit einem starken Comeback als Defensivarbeiter in der Startformation. Daher zu Recht zuletzt wieder von Beginn an. Insgesamt eine etwas enttäuschende Saison. Man darf auch zweifeln, ob er noch mal so stark wird, wie zu seinen besten Zeiten. Dieses stumpfe und undifferenzierte Draufhauen, das sich viele Werderfans angeeignet haben, geht mir aber einfach nur noch auf die Nerven.

Spiel der Saison

Werder Bremen – FC Valencia 4:4. Ein unglaubliches Spiel, sowohl was den Spielverlauf als auch was die Tore angeht. Es war ein Abend, an dem alles möglich schien und vieles möglich war. Am Ende schied Werder aus, aber kaum jemand im Stadion dürfte enttäuscht von der Mannschaft gewesen sein. Die Fehlersuche bei dem Spiel ist einfach und ergiebig, aber dies war kein Abend für Taktikfüchse, sondern für Fußballromantiker. Ein Wunder von der Weser ohne Happy End. Für mich das Spiel der Saison.

Spieler der Saison

Claudio Pizarro. Das schlampige Genie ist erwachsen geworden. Über sein außergewöhnliches Talent wissen wir schon seit Jahren bescheid. Nach seiner Rückkehr wurde er langsam auch zum Führungsspieler. In dieser Saison ging er als gutes Vorbild voran, stellte sich in den Dienst der Mannschaft, arbeitete unglaublich viel mit nach hinten und büßte trotzdem nicht seine Torgefährlichkeit ein. Kann am Ball einfach alles, auch wenn er nicht der schnellste ist. Manchmal noch zu unkonzentriert bei einfachen Torabschlüssen, aber dafür trickreich wie ein Hütchenspieler. Am Ende stehen 28 Saisontore in 40 Spielen. Die Belohnung für eine tolle Saison.

Spieler der Hinrunde

Mesut Özil. Spielte von August bis November groß auf. Etablierte sich in kürzester Zeit als zentraler offensiver Mittelfeldspieler und sorgte dafür, dass Werder nach Diegos Weggang nicht in ein kreatives Loch fiel. Im Winter fiel er dann aber in ein Loch und brauchte einige Zeit, bis er wieder an seine Hinrundenform anknüpfen konnte. Wirkt bei aller Klasse noch immer etwas fragil. Ein weiteres Jahr bei Werder täte ihm und dem Verein gut.

Spieler der Rückrunde

Petri Pasanen. Hatte keiner auf dem Zettel. In der Hinrunde zumeist nur als Backup für Sebastian Boenisch auf der Bank. Nach dessen Verletzung kam Abdennour und Pasanen musste weiter warten. Als der Tunesier nicht überzeugen konnte, kam die große Stunde des Routiniers. Spielte einen grundsoliden, abgeklärten Part links in der Viererkette. Hat weder Boenischs Dynamik noch dessen Offensivdrang, doch machte nach hinten sehr wenige Fehler. Der Aufschwung der letzten Monate hatte auch mit seinen starken Leistungen zu tun. Schmerzlich vermisst im Pokalfinale.

Newcomer der Saison

Ohne jeden Zweifel Philipp Bargfrede. Kam aus der zweiten Mannschaft, überzeugte in der Vorbereitung und ist seit Saisonbeginn ein wichtiger Bestandteil unseres Mittelfelds. Ist in allen Bereichen mindestens solide und ist dazu für sein Alter erstaunlich abgeklärt. Wenn er sich in der neuen Saison weiter steigern kann, wird man Baumann noch weniger vermissen und dazu im Schatten von Frings den neuen Chef im Mittelfeld aufbauen können.

Saisonfazit

Es war eine gute Saison. Phasenweise spielte Werder so souverän, wie ich es seit der Doublesaison nicht mehr gesehen hatte. Dann der große Einbruch im Winter. Alle Ziele schienen aus den Augen zu geraten. Am Ende stehen in der Bundesliga Platz 3 und die Champions League Qualifikation. Saisonziel erreicht – wie fast immer mit vielen Höhen und einigen Tiefen. Im DFB Pokal stand man im Finale, dank der einfachen Auslosung diesmal fast eine Pflichtaufgabe. Das Finale gegen die Bayern war ernüchternd. International spielte man eine souveräne Vorrunde und schied dann mit zu vielen Fehlern, viel Kampf und ein wenig Pech gegen Valencia aus. Insgesamt bin ich trotzdem sehr zufrieden.

Ausblick

So kurz nach Ende einer Saison immer schwierig. Die Voraussetzungen für eine weitere erfolgreiche Saison sind gegeben. Es könnte zum ersten Mal in der jüngere Geschichte ein Sommer ohne einschneidende Veränderungen am Kader werden. Wir haben viele Spieler, die eine gute Entwicklung genommen haben und über weiteres Steigerungspotential verfügen: Özil, Marin, Hunt, Bargfrede, Boenisch. Erfahrenen Leistungsträgern, wie Wiese, Mertesacker, Frings und Pizarro ist allesamt noch eine weitere gute Saison zuzutrauen. Bei erfolgreicher Champions League Qualifikation sollte an den Problemzonen nachgebessert werden: Die Personaldecke bei den Außenverteidigern ist dünn und im Sturm fehlt ein zweiter Topspieler. Ich weiß nicht, ob Almeida das noch werden kann, auch wenn ich es hoffe. Ansonsten reicht es aus, eventuelle Abgänge auszugleichen.

Dann gibt es natürlich auch noch die Konkurrenz, die ebenfalls nachbessern wird. Wie gut wird Schalke im zweiten Jahr unter Magath? Ist Bayern schon am Zenit? Wie oft kann der HSV mit diesem Kader noch am eigenen Unvermögen scheitern? Spielt Stuttgart ausnahmsweise zwei Saisonhälften konstant? Kann Klopp Dortmund zu einem Meisterschaftskandidaten formen? Wird Vizekusen seinem Namen mal wieder gerecht (nur ein Vize-Titel in den letzten 7 Jahren? Come on!)? Und was machen die Neureichen aus Wolfsburg und Hoffenheim? Es wird nicht leicht, bei diesen Mitkonkurrenten wieder einen Platz in den Top 3 zu erreichen.

Vor der abgelaufenen Saison wurde die große Zukunftsfrage gestellt: Rutscht Werder ins Mittelmaß ab oder kann man sich wieder in der Bundesligaspitze etablieren. Das Team hat die Antwort gegeben, wenn auch erst spät. Jetzt hat es sich einen positiven Ausblick auf die kommende Saison verdient. Wir werden nie ein Triple gewinnen, doch wir sind Werder Bremen und uns müsst ihr nächste Saison erstmal schlagen!

Der ganz normale Wahnsinn

Valencia C.F. – Werder Bremen 1:1

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 0:1

Werder Bremen – Valencia C.F. 4:4

Werder Bremen – VfL Bochum 3:2

Was haben sich die feinen Herren eigentlich dabei gedacht, als sie am 4. Februar 1899 diesen Wahnsinnsverein gründeten? Schlaflose Nächte, graue Haare, Bluthochdruck, Herzrasen, unkontrolliertes Muskelzucken, Heiserkeit – ich hätte mich wirklich vorher über die Nebenwirkungen informieren sollen, bevor ich Werderfan wurde. Was ich in den letzten Tagen durchgemacht habe, lässt sich nur noch mit football in a nutshell beschreieben. Die Nussschale ist dabei das Weserstadion, das mal wieder Zeuge eines Fußballspiels wurde, das nur am entfernt mit diesem Sport verwandt zu sein schien.

Los ging es eine Woche vorher in Valencia. Ein Wahnsinnsspiel. Werder bekommt einen Elfmeter geschenkt und steuert auf ein gutes Auswärtsergebnis zu. Valencia fährt wütende Angriffe, Werder kontert mitunter gefährlich. Dann gibt es eine rote Karte für eine Tätlichkeit abseits der Kameras. In der Folge spielt Werder in Überzahl und Valencia mit der Leidenschaft eines verliebten Teenagers und der Vehemenz eines angriffslustigen Stiers. Die Bremer verlieren die Bälle nach spätestens drei Stationen wieder, bekommen den Ball nur durch hohe Bälle aus der eigenen Hälfte. Die Kontergelegenheiten werden so hilflos hergeschenkt, als wüsste man nicht über die eigenen Defensivschwächen. In dieser Phase servierte man Valencia das Weiterkommen auf dem Silbertablett, doch die Spanier griffen nicht zu. Am Ende kam Werder ohne blaues Auge davon, hatte ein sehr akzeptables 1:1 im Gepäck, das man zuhause verteidigen durfte. “Verteidigen” – man hätte es da schon wissen müssen.

Am Wochenende zwischen Valencia spielte Werder gegen die ebenfalls 1899 gegründete, aber erst ein Jahrhundert später entdeckte TSG Hoffenheim. Eigentlich konnte man es sich nicht leisten, hier Kräfte zu schonen und Punkte herzuschenken. Ersteres tat man trotzdem, während man letzteres vermeiden konnte. Ein biederes, von Taktik geprägtes Spiel. Völlig untypisch für Werder. Es erinnerte ein wenig an die letzte Rückrunde, als man diese Spiele ähnlich anging, dann aber meistens nichts entgegenzusetzen hatte, wenn der Gegner ernst machte. Zum Glück machte Hoffenheim nicht ernst, spielte nur eine Handvoll Chancen heraus, die allesamt das Ziel verfehlten. So musste Tim Wiese keinen einzigen Schuss abwehren und durfte beobachten, wie Werder es in der Schlussphase besser machte. Claudio Pizarro. Wer sonst?

1:0 gewonnen, beste Auswärtsmannschaft der Liga, nun also volle Konzentration auf Valencia. Musste ja kein Spektakel werden. Auf ein 0:0 durfte man kaum hoffen (“auf ein 0:0 hoffen” ist ein Gedankengang, der den meisten Nicht-Werderfans wohl ohnehin völlig fremd sein dürfte), aber vielleicht ein schönes 2:1. Bloß nicht zu viel riskieren am Anfang. Lieber nur mit einem Stürmer auflaufen, Almeida dann als Joker rein und hoffen, dass Frings und Borowski mal ein gutes Spiel zusammen vor der Abwehr abliefern. Und bevor der Gedankengang zu Ende geführt wurde, stand es auch schon 0:1. In den folgenden 20 Minuten suchte ich unser zentrales Mittelfeld vergeblich. Der Raum vor der Abwehr war völlig verwaist, 6 Spieler ständig in des Gegners Hälfte, die anderen 4 formierten sich bei Bedarf zur Viererkette, über deren Wirkungslosigkeit man die Spieler ruhig mal aufklären dürfte, wenn eben jenes besagte defensive Mittelfeld fehlt. Hunt, Marin und Özil sind tolle Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, allerdings auch mit außergewöhnlichen Schwächen. Sobald der Ball nicht mehr in den eigenen Reihen ist, stellen sie den Spielbetrieb komplett ein, folgen Laufwegen, die so beliebig wirken, dass man Angst haben muss, sie könnten sich auf dem Spielfeld verlaufen und den Weg zurück in die Kabine nicht finden. Wie sollen die defensiven Mittelfeldspieler ihren Aufgaben im Spielaufbau nachkommen, wenn sich keiner der genannten genötigt sieht, mal ein paar Sekunden für sie abzusichern? Werder überspielte diese Fehler eine Zeit lang mit guten, aber erfolglosen Angriffen. Sah doch eigentlich ganz gut aus und noch war auch nichts verloren. Und schon stand es 0:2.

Es dauerte nur 20 Minuten bis Schaaf einsehen musste, dass mit dieser Formation heute kein Blumentopf zu gewinnen war. Doch was tun? Bargfrede gesperrt, Niemeyer verletzt und eigentlich auch schon viel zu spät, um defensiv noch etwas zu retten. Nein, der Trainer ging lieber zum totalen Angriff über. Wenn schon untergehen, dann richtig! Lieber 3:6 als 0:3! Almeida kam für den bedienten Borowski, der somit gleich zweimal in diesem Spiel zum Opfer der Bremer Taktik wurde. Es dauerte keine 5 Minuten bis sich der Wechsel im Ergebnis bemerkbar machte und Almeida auf 1:2 verkürzte. Den Chancen nach war dieses Ergebnis schon zu diesem Zeitpunkt ein Hohn, doch das interessierte den Ball nicht, der bekanntermaßen nur dann ins Tor fliegt, wenn von einem der Sportskameraden dorthin befördert wird. Ein wahrer Experte in dieser Disziplin ist David Villa, der von Werder kurz vor dem Pausenbier erneut eingeladen wurde, seine Künste zu präsentieren. Den besten Platz hatte sich Mesut Özil gesichert, der aus nächster Nähe gebannt zuschaute, wie Villa Silvas Hereingabe verwertete. Überhaupt David Silva. Hatte den Bremern niemand erzählt, dass dieser kleine Mann gut mit dem Ball umgehen kann und ihn auch gerne mal seinen Mitspielern in den Lauf passt? Im Nachhinein betrachtet war es keine tolle Idee, ihn da in der Zone zwischen Mittellinie und Strafraum einfach mal machen zu lassen was er wollte. So bändigt man keinen spanischen Nationalspieler.

Der Bremer Weg schien direkt in den Untergang zu führen. Nach der Pause zeigte Werder jedoch, dass man dorthin wenigstens mit fliegenden Fahnen reiten laufen wollte. Das Bremer Stehaufmännchen kennen wir aus den entscheidenden Spielen dieser und der letzten Saison zur Genüge. Meistens wurde es belohnt. Viel fehlte dazu auch gegen Valencia nicht. Die zweite Hälfte war eine Orgie des bedingungslosen Angriffsfußballs – also eine nahtlose Fortsetzung der ersten Hälfte. Auf die 60 Meter in der Mitte des Spielfelds hätte man bei der Verlegung des neuen Rasens vor diesem Spiel getrost verzichten dürfen. Das Resultat waren wieder Torchancen im Minutentakt, doch nun fast nur noch für Werder. Im Gegensatz zur ersten Hälfte belohnte sich Werder dafür. 2:3 durch einen von Frings verwandelten Elfmeter. 3:3 durch eine Bauernfinte von Özil und Marin. Wieder einmal einen doppelten Rückstand aufgeholt, wie schon in der Liga gegen Nürnberg, Wolfsburg, Leverkusen und Stuttgart. Doch erstens reichte das an diesem Tag nicht und zweitens wartete man diesmal nicht bis in die Schlussminuten, sodass Villa aus Abseitsposition einen aus einer Bremer Ecke resultierenden Konter zum 3:4 vollenden durfte. Das durfte doch nicht wahr sein! Da hatten sich Valencias Spieler ab der 46. Minute darauf beschränkt, den Ball möglichst lange aus dem Spiel zu halten und nun das. Das war so ungerecht, so… typisch Werder!

Wer zuhause vier Tore kassiert, kann einfach nicht weiterkommen. Das geht eben nicht! Doch Werder weigerte sich beharrlich, diese bittere Wahrheit einzusehen. Die Einstellung dieser Mannschaft ist schon Wahnsinn. Was man in der Rückwärtsbewegung nicht an Metern zu laufen bereit ist, macht man in der Vorwärtsbewegung um das Dreifache wieder gut. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Sollen doch die anderen den starren Regeln der Fußballlehre folgen, wir machen lieber Spektakel. Allen voran Marko Marin, der in dieser Rückrunde der bessere Özil ist und immer effektiver wird. Unglaublich, was der Junge am Ball alles kann! Unermüdlich kurbelte er Werders Angriffe an, verlor kaum Bälle, obwohl er volles Risiko ging. Es zahlt sich nun aus, dass Schaaf ihn in der Hinrunde behutsam aufbaute und ihn selten länger als 70 Minuten spielen ließ. Bei Mesut Özil ist das Gegenteil der Fall. Ihm muss man einfach zugestehen, dass er seit 1 1/2 Jahren quasi ohne Pause in drei Wettbewerben plus A- und U21-Nationalmannschaft spielt und momentan kräftemäßig nicht mehr drin ist. Sonst wäre er womöglich der Spieler gewesen, der nach Pizarros erneutem Ausgleich den Unterschied ausgemacht hätte. Verzwiefelt rannte Werder an, den unerschütterlichen Glauben an das Fußballwunder im Gepäck. Das erlösende 5:4 wollte gegen die spanischen Bodenturner aber einfach nicht gelingen. So schied diese Mannschaft, die sich bis in die 5. Minute der Nachspielzeit nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollte, aus dem Wettbewerb aus und ließ trotzdem ein Stadion voller stolzer und glücklicher Menschen zurück.

Dieses Spiel will erstmal verdaut werden. Offensiv ist das europäische Spitzenklasse, defensiv Amateurklasse, doch diese beiden Tatsachen lassen sich nicht trennen, sie bedingen einander. Und auf Dauer gesehen verzichtet man als Fan (als Spieler sowieso) lieber auf einen Teil des Spektakels, wenn man dafür nicht immer wieder aussichtslosen Rückständen hinterher laufen muss. Die Mannschaft hat sich Respekt verdient, die Fans in Ekstase versetzt und  für einen weiteren besonderen Abend im Weserstadion gesorgt. Doch obwohl ich wirklich stolz auf diese Mannschaft bin, die mit besserer Chancenverwertung auch 5-8 Tore hätte schießen können, würde ich doch gegen ein langweiliges 0:0 und das damit verbundene Weiterkommen tauschen. Zwei Herzen schlagen uswusf.

Es dauerte nur zwei Tage, bis Werder demonstrierte, dass man wenig bis gar nichts aus dem Spiel gegen Valencia gelernt hatte und ich einsehen musste, dass mir das eigentlich ganz recht ist. Mit einer stark veränderten Mannschaft spielte Werder 45 Minuten lang Fußball zum Abgewöhnen. Der VfL Bochum war zu Gast und war nicht gewillt, den Bremern Spalier zu stehen. Prokoph nutzte eine der vielen Unachtsamkeiten in der Defensive zu einem perfekt getimeten Pass auf Werderschreck Sestak, der Wiese keine Chance ließ und das 0:1 erzielte. Eingeladen hatten zu diesem Pass Naldo und Prödl, die so schlecht sortiert standen, dass Prokoph den sich bietenden Raum einfach nutzen musste. Hinten also alles wie gewohnt. Nach vorne ging ohne Özil, Hunt und Pizarro wenig bis gar nichts. Rosenberg ist momentan einer der schlechtesten Stürmer der Bundesliga und tat auch gestern wieder einiges dafür, diesen Ruf zu untermauern. Es tut mir wirklich Leid für ihn, denn eigentlich kann er es ja viel besser, aber bei Werder hat er nun genügend Chancen verstreichen lassen und sollte zum Saisonende woanders sein Glück suchen. Auch sonst lief wenig zusammen und so gab es zur Halbzeit Pfiffe, wo die Fans zwei Tage zuvor noch elektrisiert waren.

Es war die zweite Halbzeit in der Werder dann endlich sein ganzes Repertoire zeigte. Naldo mit hohem Ball in den Strafraum, den Pizarro volley so sicher vollstreckte, wie er es bei hundertprozentigen Einschussmöglichkeiten nur selten vermag. Dann das obligatorische Einreißen des Erreichten mit dem Hintern, als man einen Konter der Bochumer in drei Zweikämpfen nicht entscheidend behindern konnte und Dedic frei vor Wiese die erneute Führung erzielte. Wir kennen das: 0:1 und 1:2 gegen Wolfsburg und Leverkusen hinten, 0:2 gegen Nürnberg und Stuttgart hinten und jedesmal am Ende noch 2:2 gespielt. Diesmal dauerte es nur zwei Minuten, bis Werder den Fehler ausbügelte. Marin mit einer großartigen Einzelaktion. Perfektes Timing, technisch eine Augenweide und endlich auch mit dem unbedingten Zug zum Tor. Wieder mal 2:2. Und diesmal sollte es endlich auch gelingen, mehr als einen Punkt aus so einem Spiel mitzunehmen. “Joker” Torsten Frings, der für den stark blutendenen Tim Borowski spät ins Spiel gekommen war, fasste sich ein Herz, knallte den Ball aus 30 Metern volley aufs Tor und profitierte von einem Bochumer Abwehrspieler, der den Schuss unhaltbar ins eigene Tor abfälschte. Richtigerweise spielte Werder die Führung dann nicht souverän über die Zeit, sondern gab Tim Wiese noch zwei Gelegenheiten, sich in höchster Not auszuzeichnen. Am Ende war es Rückkehrer Sebastian Boenisch, der den letzten Bochumer Angriff auf der Torlinie abblockte und Werder den Sieg rettete.

So schön diese unwahrscheinlichen Comebacks auch sind, so sehr sie einen an diesen Verein fesseln und so wenig ich mit dem erfolgreichen 1:0-Fußball der Schalker tauschen möchte – würde man einfach auf die katastrophalen Aussetzer verzichten, stünde Werder nun im Viertelfinale der Europa League und wäre auch in der Bundesliga noch im Kampf um die Meisterschaft vertreten. Aber man kann eben nicht alles haben. Und so bleibt das bekannte Gefühl, dieses Mittelding aus Ärger und Freude über unseren so außergewöhnlichen Verein, der mit unseren Gefühlen in einem Spiel mehr Karussel fährt, als andere Vereine mit denen ihrer Fans in einer ganzen Saison. Und mit etwas Distanz betrachtet könnte genau dies der Grund dafür sein, dass es so unglaublich geil ist, ein Werderfan zu sein.

Damals, im Herbst 2004

Normalerweise stelle ich an dieser Stelle immer unsere Gegner in den europäischen Wettbewerben vor – wenn es die Zeit zulässt. Werders Gegner am Donnerstag in der Europa League hat jedoch einen sehr bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, als er in der Champions League zweimal gegen uns antreten musste. Deshalb statt einer Vorstellrunde ein Blick zurück:

Im Herbst 2004 ist Werder Deutscher Meister und darf zum ersten Mal seit 1993/94 wieder in der Champions League antreten. Nach einer ärgerlichen Niederlage bei Inter Mailand holt Werder aus den verbleibenden fünf Gruppenspielen 13 Punkte und zieht ins Achtelfinale ein. Gegen Valencia, den Spanischen Meister und UEFA-Cup-Sieger, gelingen unseren Grün-Weißen zwei Siege, die letztendlich entscheidend für das Weiterkommen waren. Vor dem Rückspiel im Mestalla benötigt Werder lediglich ein Unentschieden. Nach einer tollen und konzentrierten Leistung hält Werder bis in die Schlussphase ein 0:0. Nelson Valdez erlöst die Fans schließlich mit zwei späten Toren. Werder feiert den Triumph ausgelassen, die Spanier schleichen mit hängenden Köpfen vom Platz. So hätte es jedenfalls laufen können.

Es kommt jedoch anders. Valencias Spieler haben sich nicht unter Kontrolle, fühlen sich von Werders Torjubel nach dem 0:1 provoziert und versuchen nicht etwa, das Spiel noch zu drehen, sondern suchen nach Vergeltung auf dem Platz. In jedem Zweikampf muss man Angst um die Gesundheit unserer Spieler haben, da es Valencia weniger um das Erobern des Balls geht als darum, den Gegner möglichst hart zu treffen. Angulo schafft es schließlich, Valdez mit voller Wucht umzutreten, ohne die geringste Chance, an den Ball zu kommen. Eines der häßlichsten Fouls, die ich je im Fußball gesehen habe. Nach der fälligen roten Karte spuckt er beim Rausgehen noch Tim Borowski an. Valdez reagiert auf die beste Weise, die es im Fußball gibt: Er schießt den Ball nach dem Freistoß zum entscheidenden 0:2 ins Tor. Danach brechen dann alle Dämme. Tim Borowski wird von einem Mob Valencianischer Spieler verfolgt, von den Rängen regnet es seit Minuten alle erdenklichen Gegenstände auf das Spielfeld. Mehrere Werderspieler kassieren Schläge und Tritte. Bei aller Freude über das Weiterkommen bin ich nach dem Spiel doch sehr entsetzt über das, was sich dort auf dem Platz abgespielt hat.

Das finanzielle Gebahren des Vereins macht ihn nicht sympathischer: Eine halbe Milliarde Euro Schulden. Trotzdem lässt man ein neues Stadion für 250 Millionen Euro bauen. Solchen Scheißvereinen gönne ich nicht das Schwarze unter den Fingernägeln! Es geht mir gegen den FC Valencia daher nicht nur um das Weiterkommen, sondern um Revanche. Ich möchte diese Mannschaft nach den Spielen gegen uns am Boden liegen sehen.* Sicherlich ist das heute eine andere Mannschaft, die über tolle Spieler verfügt, wie etwa David Villa, David Silva oder Joaquin. Auch bei uns hat sich einiges getan, nur Tim Borowksi, Petri Pasanen (der damals eine Ohrfeige kassierte) und Daniel Jensen stehen aus der damaligen Mannschaft noch im Kader. Ihnen wird es (hoffentlich) nicht in erster Linie um Revanche gehen. Sie sind Profis, müssen mit solchen Situationen anders umgehen, einen kühlen Kopf bewahren und sich nicht zu Dummheiten hinreißen lassen. Ich als Fan brauche mir darüber keine Gedanken zu machen. Ich kann mich über jeden Valencianischen Fehlpass freuen, bei jedem Foul aufspringen und eine Unsportlichkeit wittern. Wenn ich Spieler wie Vincente, Marchena oder Baraja sehe, kann ich an damals zurückdenken, mir die Szenen vor Augen führen und mich dann umso mehr über jede gelungene Aktion unseres Team freuen.

Also bitte, Özil, Marin, Pizarro und Co., zeigt diesem Möchtegern-Weltklasseverein wozu ihr fähig seid! Spielt eure Klasse aus und werft sie – wie damals – aus dem Wettbewerb!

* Wir reden hier trotzdem von Sport. Ich möchte Valencia durch fußballerische Mittel gedemütigt sehen, nicht durch Unfairness oder Gewalt!

Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher

Twente Enschede – Werder Bremen 1:0
Werder Bremen – Twente Enschede 4:1

Als Werderfan kann man heute wirklich zufrieden sein. Aus der schwierigen Ausgangsposition, mit zwei Toren Vorsprung gewinnen zu müssen, hat sich Werder souverän ins Achtelfinale geballert und  dabei über weite Strecken richtig guten Fußball gespielt. Wie schon im Hinspiel vor einer Woche gehörte die erste halbe Stunde des Spiels Werder. Wie im Hinspiel erzielte Enschede dann wie aus dem Nichts ein Tor. Anders als vor einer Woche hatte Werder zu diesem Zeitpunkt aber schon die eigenen Chancen genutzt und mit 3:0 in Führung gelegen. Am Ende kam ein 4:2 Gesamtergebnis heraus, das nach den gezeigten Leistungen über 180 Minuten so in Ordnung geht. Twente hatte insgesamt nur eine Halbzeit lang Oberwasser gegen Bremen, verpasste es dort jedoch, eine noch bessere Ausgangssituation für das Rückspiel herauszuholen.

Die hätte es gestern Abend gebraucht, um gegen eine sehr konzentrierte und kombinationsfreudige Bremer Mannschaft etwas zu holen. Der Knackpunkt für Enschede war sicherlich die vergebene Chance durch Parker, bei der Vander seine – von vielen im Stadion unbemerkte – beste Aktion hatte, und dem folgenden Tor durch Claudio Pizarro. Vander war sehr lange stehen geblieben, gab Parker dadurch nicht die einfache Option, ihn auszugucken und dann einzuschieben. Dass der Schuss  nur an den Außenpfosten ging war dann natürlich auch Glückssache. Dennoch eine (sehr, sehr seltene!) Situation, in der ich ganz froh war, nicht den mit Messer zwischen den Zähnen heranrauschenden Tim Wiese im Kasten zu haben. Im Gegenzug dann Abdennour mit seiner besten Szene, einem gewonnenen Tackling im Mittelfeld und Özils Pass auf Pizarro, der sein bereits zwölftes Tor im zehnten Europa League Spiel erzielte. Danach war die Messe gelesen, ein Aufbäumen Twentes fand nicht mehr statt, obwohl Werder nicht mehr voll konzentriert wirkte.

Bei Özils Auswechslung nur verhaltener Beifall, obwohl er eine gute Leistung gezeigt hatte und an allen Toren beteiligt war. Es läuft noch längst nicht alles rund bei ihm, aber die Formkurve zeigt seit dem Spiel gegen Leverkusen wieder nach oben. Möglicherweise einer der Gründe: Özil musste gestern nicht Spielmacher und Vollstrecker zugleich sein. Die Umstellung mit Almeida und Pizarro gemeinsam im Angriff – zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an – machte sich deutlich bemerkbar. Während Marin und Özil mehr die Außenbahnen beackerten, ließ sich Pizarro (wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim) häufig  gute zehn Meter hinter Almeida fallen und beteiligte sich am Spielaufbau. Eigentlich keine Besonderheit, doch gestern hatte er mit Almeida noch einen wirklichen Stürmer vor sich, der a) auch hoch anspielbar war und b) die Bälle wiederum für Pizarro ablegen konnte – eine Aufgabe die Pizarro zuvor in Personalunion schlecht selbst bewerkstelligen konnte. Trotzdem kann man seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten. Großartiges Spielverständnis, gutes Auge, technisch ohnehin klasse. Die Lücke zwischen den defensiv überzeugenden, aber im Aufbauspiel verbesserungswürdigen Frings und Niemeyer und den kleinen Wirblern füllte er blenden aus. Es war, als hätte Werder endlich das fehlende Puzzlestück gefunden. Dazu nutzte Pizarro diesmal auch seine Chancen.

Nach einem zwar konzentrierten, aber etwas zähen Start war es Torsten Frings Pass, der das 1:0 einleitete. In dieser Situation hatte er am schnellsten gedacht, war den Niederländern um einen Schritt voraus und Werder brauchte es über die Stationen Özil, Almeida und Pizarro “nur” noch sauber zuende spielen. Almeidas punktgenaue Hereingabe ist dabei sicherlich ebenfalls hervorzuheben. Danach spielte sich Werder in einen Rausch und die Gäste fanden eine Viertelstunde lang keinen Weg, dem etwas entgegenzusetzen. Werder belohnte sich mit zwei weiteren Toren. Pizarro und Naldo behielten vor ihren jeweiligen Treffern die Nerven und schlossen überlegt ab. Gibt es einen anderen Innenverteidiger in Europa, der auf so viele unterschiedliche Weisen torgefährlich ist, wie Naldo? Kopfbälle, Freistöße und nun im Stile eines abgezockten Klassestürmers den Torwart verladen. Dazu in der Defensive oft im richtigen Moment aus der Viererkette gelöst und dadurch das Angriffsspiel unterbunden. Gerne hätte ich das bei seinem Nebenmann Mertesacker in den beiden Spielen zuvor gegen Janssen und Kroos auch gesehen! Mertesacker war auch gestern für mich neben dem übermotivierten Abdennour der einzige, mit dessen Leistung ich nicht ganz einverstanden war. Er war mit einer Grippe ins Spiel gegangen, was einerseits eine gute Entschuldigung, andererseits natürlich auch ziemlich leichtsinnig ist. Eine wirklich schlechte Leistung war es allerdings auch von ihm nicht. In der Spieleröffnung konnte er Pluspunkte sammeln. Mit Stürmer de Jong hatte er jedoch einige Probleme, weil dieser mit viel Körper- und Armeinsatz in die Luftzweikämpfe ging und sich so erstaunlich gut behaupten konnte.

Es war sicherlich noch nicht alles Gold, was da gestern im Weserstadion schon wieder sehr ansehnlich glänzte, aber es war eindeutig die beste Mannschaftsleistung des Jahres und ein Fingerzeig, wozu diese Mannschaft in der Saison noch fähig sein könnte. Das Comeback von Bargfrede macht zusätzlich Hoffnung. Thomas Schaaf steht nun jedoch vor dem Problem, über drei sehr gute offensive Mittelfeldspieler zu verfügen, die wunderbar harmonieren, nicht jedoch mit dem Zweiersturm Pizarro/Almeida zusammen aufgestellt werden können. Wäre Frings doch nur vier Jahre jünger! So dürfte es in den nächsten Spielen, in denen es nicht von der ersten Minute an einen Rückstand aufzuholen gilt, wieder auf die bekannte Formation hinauslaufen, mit Almeida als Backup für die Sturm- und Drangphase in den letzten dreißig Minuten. Alternativ könnte man natürlich auch einen der drei zuvor genannten auf der Bank lassen, am ehesten wohl Marin, der dann in der Schlussphase dem erschöpften Gegner Knoten in die Beine dribbelt. Nun geht es mit nur einem Tag Pause zum Auswärtsspiel nach Mainz. Eine ohnehin schwierige Aufgabe, bei der Werders Fitness und/oder Reservebank auf eine harte Probe gestellt werden.

Ein paar Randnotizen aus dem Stadion: Viertes Heimspiel in der Europa League, zum vierten Mal live vor Ort, vierter Sieg. Die Sicht vom VIP-Rang ist phänomenal, die Stimmung nicht so ganz. Genörgel über Özil allerorten und nur wenig Interesse fürs oder gar Verständnis vom Spiel. Ein wenig deplatziert fühle ich mich dort schon, auch wenn es vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips TrailMix kaum weniger spießig ist. Dafür immer wieder Begegnungen mit altgedienten Werderspielern (diesmal Mirko Votava). Vor dem Stadion wäre ich dann fast noch von Aaron Hunt über den Haufen gerannt worden, der es wohl sehr eilig hatte, zu seinem Auto zu kommen. Gut so, Aaron, diesen Einsatz will ich von dir in den nächsten vier Jahren bei Werder weiterhin sehen!

Europa League, 6. Spieltag: Weihnachtsausflug

Athletic Bilbao – Werder Bremen 0:3

Spät aber doch: mein Senf zu Werders Auswärtssieg in Bilbao. Die Arbeit ließ es nicht früher zu und es gibt zum Glück auch nicht viel zu schreiben. Mit 16 von 18 möglichen Punkten hat Werder die Gruppe gewonnen und musste gegen die Basken auch nicht lange um den Gruppensieg zittern. Die zum großen Teil mit Nachwuchsspielern besetzten Gastgeber waren nach dem frühen 0:1 völlig verunsichert und gaben Werder viel Platz und Zeit zum Kombinieren. Das taten die Grün-Weißen dann auch, vor allem in der ersten Hälfte, sehr gefällig. In der zweiten Halbzeit schlich sich dann so ein wenig der Schlendrian ein, doch dank Tim Wiese und einige unüberlegten Abschlüssen auf Seiten von Athletic blieb die Null stehen. In der K.O.-Phase wird Werder wohl kaum noch einmal auf einen so wehrlosen Gegner treffen. Bilbaos Chancen auf den Gruppensieg waren sowieso gering, da bot es sich an, lieber ein paar Leistungsträger zu schonen und junge Spieler Erfahrung sammeln zu lassen.

In der nächsten Runde spielt Werder gegen Twente Enschede, das Team vom Ex-Teamchef der englischen Nationalelf Shteve McLaren. Ein gutes Los. Nicht zu schwierig, Werder ist klarer Favorit, aber auch nicht so unbekannt, dass man überheblich werden dürfte. Über Liverpool hätte ich mich natürlich auch gefreut, aber irgendwie bin ich doch ganz froh, dass Werder ein Hammerlos wie vor einem Jahr vorerst erspart bleibt.

Europa League, 5. Spieltag: B-Beitrag

Werder Bremen – Nacional Funchal 4:1

So stellt man sich das als Stadionbesucher vor. Mit einer B-Elf auflaufen, zur Halbzeit eine 2:0-Führung herausspielen, nach dem Wechsel die Konzentration verlieren und es nochmal spannend machen, damit man auch was zu meckern hat und am Ende dann doch ein lockeres 4:1 mitnehmen. Besonders freue ich mich für alle, die nach dem 3:1 den Heimweg antraten und so das Zuckertor von Marin verpassten. Ansonsten gibt es nicht viel zu schreiben über das Spiel, was sich gut trifft, da ich keine Zeit habe, viel zu schreiben. Für Funchal hatte die Partie ohnehin keine hohe Bedeutung, da ihr Trainer Manuel Machado nach einer OP im künstlichen Koma liegt und die Spieler das sicherlich nicht vollständig ausblenden konnten. Da kann man nur Daumen drücken, dass er es übersteht. Gute Besserung!