Schlagwort-Archiv: FC Augsburg

21. Spieltag: Der Guardiola der Ukraine

Werder Bremen – FC Augsburg 3:2 (3:1)

Vor nicht allzu langer Zeit wäre Werder selbst zuhause als Außenseiter in das Spiel gegen den FC Augsburg gegangen. Nach der jüngsten Erfolgsserie durfte sich Werder aber auch gegen das Überraschungsteam (kann man es überhaupt noch so nennen?) der Saison gute Chancen ausrechnen.

Pressing und Umschaltspiel auf hohem Niveau

 

Augsburg spielte zwar auf dem Papier ein 4-1-4-1, das durch Hojbergs tiefe und Altintops hohe Positionierung im Aufbau jedoch eher zum 4-2-3-1 wurde. Werder presste im inzwischen bekannten 4-3-3, wobei sich die beiden Stürmer auf Augsburgs Innenverteidiger und Bartels auf den einrückenden Sechser konzentrierten. Anders als etwa gegen Hertha und Hoffenheim wurde der gegnerische Torwart nicht angelaufen. Manninger wurden lediglich alle Anspielstationen genommen. Die zweite Dreierreihe postierte sich erst ein gutes Stück dahinter auf Höhe der Mittellinie, sodass es zwar einen recht großen Raum hinter zwischen den beiden Linien gab, in den der Torwart jedoch selten per Flachpass kam, sondern lange Bälle schlagen musste, die im Seitenaus oder auf Vestergaards Kopf landeten. So zogen sich die Augsburger Innenverteidiger nach einer Viertelstunde im Aufbau extrem weit zurück und standen nur noch fünf Meter vor der Torauslinie, um Anspielstationen für den sichtlich überforderten Manninger zu schaffen, was nur selten gelang.

Viktor Skripnik wird nicht zuletzt dafür gelobt, dass Werder unter seiner Führung spielerisch enorme Fortschritte gemacht hat. Doch auch im Umschaltspiel hat sein Team in den letzten Monaten eine gute Entwicklung genommen. Nach der Balleroberung geht es häufig mit geradlinigem Passspiel direkt nach vorne. Die vorderen drei Spieler harmonieren dabei enorm gut, unabhängig von der Zusammensetzung. Bartels ist im Aufspüren von Räumen zwischen den Linien herausragend. Mit Selke und Di Santo hatte Werder zudem auch häufig Abnehmer für lange Vertikalpässe in die Schnittstellen der Viererkette. Leider wurden die Konter diesmal nicht so konsequent zu Ende gespielt, wie in den Spielen zuvor, sodass Werder zu weniger klaren Torchancen kam, als im Spielverlauf möglich gewesen wären.

Schwache Augsburger, gute Standards

Der Erfolg kam somit wieder einmal über die eigenen Standardsituationen. Zwei Kopfballtore nach Freistößen von Junuzovic sowie ein Elfmetertor von Di Santo reichten letztlich für den Sieg. Eine Schwächephase der Augsburger nach dem Seitenwechsel nutzte Werder leider nicht zur vorzeitigen Entscheidung, sodass es am Ende sogar noch einmal eng wurde. Aufgrund der Chancenverteilung war dies unnötig. Augsburg brachte offensiv wenig zustande, kam in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus nur zu einem Fernschuss durch Bobadilla. Werder war spielerisch und auch taktisch überlegen, überzeugte auch jenseits der ersten Pressinglinie in der Arbeit gegen den Ball. Eröffnete Augsburg über die Außen, schob der Spieler auf der ballnahen Halbposition sofort auf den Flügel und das Team rückte konsequent nach. Versuchte es Augsburg durchs Zentrum auf die zurückfallenden Ji oder Altintop, rückten Werders Innenverteidger aggressiv heraus. Dies war zwar etwas riskant, wurde aber selten gefährlich, da Augsburg den Ball nicht in den Raum dahinter bekam – nicht zuletzt, weil Vestergaard und Lukimya mit ihrem Herausrücken häufig den Ball gewannen.

Werder Bremens Pressing im 4-3-3 gegen den FC Augsburg

Kam der Ball tatsächlich einmal in die markierte Zone, spielten Werders Stürmer gutes Rückwärtspressing

So gut Werder taktisch auf den Gegner eingestellt war, so schwach präsentierte sich Augsburg im Weserstadion. Daniel Baier mühte sich in der Zentrale darum, das Spiel seines Teams zu ordnen, doch letztlich war Augsburg auf allen Offensivpositionen unterlegen. Selassie hatte Werner gut im Griff und Garcia war gegen das Kraftpaket Bobadilla die passende Wahl hinten links. Auch sonst erwiesen sich Skripniks Personalentscheidungen als richtig. Gálvez-Vertreter Lukimya machte ein weitgehend fehlerfreies Spiel, brachte seine Stärken gut ein und traf zum 1:0. Felix Kroos lieferte als Sechser ebenfalls eine starke Partie ab, vielleicht sogar seine beste der Saison.

Momentaufnahme mit Potential

Mit dem Sieg gegen Augsburg ist das Thema Klassenerhalt endgültig abgeschlossen. Die Europa League ist nicht mehr nur ein Hirngespinst irgendwelcher Überoptimisten, sondern ein durchaus realistisches – wenn auch nicht das wahrscheinlichste – Szenario. Skripnik und seinem Team gelingt es immer besser, Werders Spieler auf den Gegner einzustellen, Schwachpunkte und Schwächephasen auszunutzen und eigene Spielfreude mit taktischer Disziplin zu verbinden. Die aktuelle Serie von fünf Siegen in Folge muss man zwar realistisch einschätzen (vier Heimspiele, teils formschwache Gegner), doch ist sie kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis akribischer und durchdachter Arbeit.

“Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

- Viktor Skripnik, nach der Niederlage in Gladbach, vor fünf Siegen in Folge

In den nächsten Wochen warten nun noch härtere Brocken auf Werder. Auf Schalke hat man die Gelegenheit, ganz dicht an die internationalen Plätze heranzurücken. Die Schalker sind unter Di Matteo nicht unbedingt durch attraktiven oder spielerisch hochwertigen Fußball aufgefallen. In der Defensivorganisation hat die Mannschaft jedoch große Fortschritte gemacht und ist, bis auf die unglückliche Niederlage in Frankfurt, erfolgreich in die Rückrunde gestartet. Für Werder könnte es ungeachtet der phänomenalen Heimbilanz unter Skripnik ein Vorteil sein, gegen Schalke auswärts anzutreten. Zum einen muss Werder nicht das Spiel machen und kann das Risiko minimieren, in Schalker Gegenstöße zu laufen. Zum anderen liegt Schalke die Spielgestaltung nicht unbedingt. Je nach Ausgang des Champions League Spiels gegen Real Madrid könnten auch die nicht für ihre große Geduld bekannten Schalker Fans ein Faktor werden, wenn Werder lange das 0:0 hält oder in Führung geht.

19. Spieltag: Dünne Luft

FC Augsburg – Werder Bremen 3:1 (1:1)

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Werder konnte trotz früher Führung nie das Spiel des Gegners kontrollieren und geriet schon in der Anfangsphase schnell unter Druck. Dutt hatte vor dem Spiel völlig zurecht Daniel Baier als Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Augsburger ausgemacht. Die Offensivabteilung um Petersen, Junuzovic, Di Santo und Elia versuchte daher, das gegnerische Spiel schon im Aufbau zu stören, das eher halbherzige Pressing bereitete dem FCA aber keine großen Probleme. Sobald die vier überspielt waren, geriet Werder in große Bedrängnis. Auf den Außenbahnen waren Selassie und Garcia auf sich gestellt und die beiden Sechser Kroos und Makiadi sahen sich in schöner Regelmäßigkeit in Unterzahl gegen das Augsburger Mittelfeld. In der Folge kam Werder meistens zu spät in die Zweikämpfe, wodurch von Anfang an zahlreiche Fouls Werders Spiel prägten. Dies führte schon nach kurzer Zeit zu guten Augsburger Chancen, zunächst ein Freistoß an den Pfosten, dann ein fast identischer Freistoß ins Tor. Beide Male bot Werders Mauer die gleichen Lücken an, die Tobias Werner dankend ausnutzte.

Offensiv fand Werder in Abwesenheit von Aaron Hunt schlicht und einfach nicht statt. Zur Pause war Augsburg deshalb klarer Punktsieger, auch wenn Werder in den letzten 15 Minuten den Druck etwas herausnehmen konnte. Dann kam Garcia. Viele lasten Dutt den Platzverweis (mit) an – ich nicht. Zum einen weil Dutt schon einige Male mit frühen Auswechslungen auf drohende gelb-rote Karten reagiert hat, sich der Problematik also durchaus bewusst ist. Ich glaube, dass Garcia in der Halbzeit in der Kabine geblieben wäre. Zum anderen weil man einem Fußballprofi ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung abverlangen muss. Mit Kroos und Garcia begaben sich schon früh zwei Spieler auf sehr dünnes Eis. Ein Doppelwechsel nach 30 Minuten ist für einen Trainer mehr als bitter, daher verständlich, dass Dutt zumindest bis zum Pausenpfiff warten wollte. Garcia ist nicht vom Platz geflogen, weil er sich gelbvorbelastet in einen brenzligen Zweikampf schmeißen musste, sondern weil er völlig übermotiviert im gegnerischen Strafraum ein überflüssiges Tackling ansetzte. Dass er seinen Gegenspieler dabei nicht traf, spielt für die Entscheidung des Schiedsrichters keine Rolle. Gelb ist für Garcias gefährliches Spiel in jedem Fall vertretbar. Somit bekam jeder was ihm zustand: Garcia den Platzverweis und Ostrzolek die Goldene Himbeere als schlechtester Nebendarsteller.

Die zweite Halbzeit ging Werder dann so an, wie ich es schon in der ersten Halbzeit – erst recht nach dem Führungstor – erwartet hätte: Mit zwei tiefen Viererketten, die das Zentrum dicht machten. Augsburgs Spiel wurde so auf die Außenbahnen gelenkt, wo nun gezielt auf die gegnerischen Flügelspieler gepresst werden konnte, um diese zu isolieren oder zu frühen Flanken zu zwingen – zumindest in der Theorie. Denn als die Taktik zu greifen anfing, war das Spiel für Werder bereits verloren. Zuerst unterschätzte Selassie eine Flanke, dann leisteten sich Schmitz und Wolf eine Slapstick-Einlage. Mit solchen individuellen Aussetzern nützt kein Defensivkonzept etwas. Augsburg konnte in der Folge die eigene Ballsicherheit zur Schau stellen und Werder kam kaum noch in Ballbesitz.

Nachdem ich in der letzten Woche schrieb, dass Eintracht Braunschweig der denkbar unpassendste Gegner zu Werders proklamierten Zielen für die Wintervorbereitung war, muss ich sagen, dass Augsburg nun der ideale Gegner war. Inzwischen haben die meisten gemerkt, dass Augsburg guten Fußball spielt und Werder dort keineswegs als Favorit ins Spiel geht und schon gar nicht das Spiel machen muss. Man hätte jede noch so dreckige Defensivtaktik als Mittel zum Zweck rechtfertigen können, und das ohne ungeduldige Fans im Nacken. Andererseits ist Augsburg nicht so stark, dass man allein aufgrund der individuellen Qualität des Gegners trotzdem verliert. Man hätte in diesem Spiel ein Zeichen setzen können, den Weg für die nächsten Spiele vorzeichnen können. Diese Chance hat man völlig vergeigt. Selbst wenn man die individuellen Aussetzer von Garcia, Selassie, Schmitz und Wolf ausblendet, war Werders Leistung vor allem in der ersten Halbzeit eines Erstligisten nicht würdig. Dass man sich beim Stand von 1:3 bei völligem Verzicht auf eigenes Offensivspiel einigermaßen Stabilisieren kann, ist nun wirklich kein Trost.

Langsam wird die Luft damit auch für Robin Dutt dünn. Von den vor der Saison angekündigten Zielen ist bislang keines erreicht oder auch nur in Sicht. Der Weg dahin ist ebenfalls nur mit viel gutem Willen in Ansätzen zu erkennen. Mit dem schwachen Pass- und Aufbauspiel könnte ich noch leben; ich hatte mich auf eine Saison mit reaktivem und eher unansehnlichem Fußball eingestellt. Zu Torchancen kann man auch mit gutem Umschaltspiel, starkem Angriffspressing und/oder intelligenten Laufwegen im Angriff kommen. Doch davon ist bei Werder ebenfalls nicht viel zu sehen. Sich nur auf zweite Bälle und leicht chaotisches Gegenpressing zu verlassen, ist etwas arg wenig. Zumal sich diese Offensivtaktik allem Anschein nach nicht richtig mit der defensiven Stabilität verträgt. Zwischen dem 10. und 16. Spieltag, als man vermehrt darauf setzte, kassierte man zwei Drittel aller bisherigen Gegentore. Deshalb sind die sechs Spiele ohne Gegentor auch nur ein schwacher Trost. Zur Wahl stehen allem Anschein nach nur die totale Defensive und ein Offensivkonzept, bei dem hinten sämtliche Schleusen geöffnet werden. Das ist, mit Verlaub, eine miserable Zwischenbilanz.

Bislang war ich mit Dutt relativ geduldig. Er hat eine schwierige Aufgabe übernommen und dabei von Anfang an sehr viel Demut gezeigt, sich nicht über den Zustand des Kaders beklagt, den er übernommen hat, von seinem Vorgänger nur in höchsten Tönen gesprochen, nicht öffentlich Verstärkungen gefordert, etc.. Was auch immer man Dutt alles vorwerfen mag, er hat nicht nach billigen Ausreden gesucht, um seine Arbeit zu verteidigen. Vor allem deshalb hatte er bei mir einen gewissen Vertrauensvorschuss, auch wenn in der Hinrunde nur sporadisch eine Entwicklung in Werders Spiel zu Erkennen war.

Mittlerweile ist dieser Vorschuss mehr als aufgebraucht. Die für die ersten 2-3 Monate angekündigte defensive Stabilisierung ist nur vorübergehend eingetreten. Mit nunmehr 40 Gegentoren gehört Werder weiterhin zu den defensivschwächsten Mannschaften der Liga. Offensiv hat Dutt ein Jahr Zeit eingefordert, um seine Spielidee umzusetzen. Auch wenn solche Entwicklungen selten linear sind, sollten so langsam zumindest Ansätze davon erkennbar werden. Bleibt die spielerische und taktische Entwicklung weiterhin aus, könnte die Ära Dutt allen Beteuerungen zum Trotz ein vorzeitiges Ende finden.

2. Spieltag: Wie viel ist Werders perfekter Start wert?

Werder Bremen – FC Augsburg 1:0 (1:0)

Zwei minimalistische 1:0-Siege zum Auftakt sind mehr als viele Beobachter Werder vor zwei Wochen zugetraut hätten. Da Dutts Team gegen Braunschweig und Augsburg spielerisch vieles schuldig geblieben ist, fragt man sich nun zu recht, was diese beiden Siege und der zwischenzeitliche Status als “beste Defensive der Liga” wert sind. Hat Werder das Fundament für eine erfolgreiche Saison gelegt oder waren die Ergebnisse ein glücklicher Zufall?

Drei Mal ist Bremer Recht

Bei aller berechtigter Kritik an Werders bisherigen Auftritten sind null Gegentore in 180 Minuten eine reife Leistung für ein Team, das zuvor seit über drei Jahren nicht mehr zwei Bundesligaspiele in Folge ohne Gegentor geblieben war. Das Misstrauen gegenüber dieser plötzlichen Defensivstärke ist auch deshalb so groß, weil Werder noch vor zwei Wochen im Pokal all die Schwächen aufzeigte, die das Team in den letzten Jahren zur Schießbude der Liga gemacht hatte. Zu glücklich erscheinen zudem die beiden Siege und zu präsent die Erinnerung daran, was Werder nach dem letzten Doppelerfolg Anfang des Jahres passierte. Auch damals wähnte man sich auf dem Weg der Besserung, nachdem man zum ersten Mal seit knapp 1 1/2 Jahren wieder zwei Spiele am Stück gewann.

Aus zwei Spielen einen Trend abzulesen fällt schwer, daher überrascht es nicht, dass Robin Dutt auch die letzten Testspielergebnisse gegen Erfurt, Fulham und Essen heranzieht und so auf zuletzt fünf von sechs Spielen ohne Gegentor verweist. Das Pokalspiel – so die Schlussfolgerung – war dabei die Ausnahme, in der Werder in alte Verhaltensmuster zurückfiel. Die nächsten Spiele müssten also Aufschluss darüber geben, ob wir tatsächlich den Beginn einer nachhaltigen Veränderung in Werders Defensivverhalten erlebt haben. Eine solide Defensivleistung gegen den BVB wäre zumindest ein weiteres Indiz dafür.

Ein Hauch Mourinho

Doch wie hat Werder gegen Augsburg trotz einer Schussbilanz von 5:20 und deutlicher Unterlegenheit im Mittelfeld eigentlich die Null gehalten? Die Antwort liegt neben dem schwer zu bemessenen Faktor Glück vor allem in der Minimierung der leichten Fehler. Trotz leichter Wackler in der ersten Halbzeit blieben Prödl und Lukimya ohne grobe Schnitzer, die dem Gegner das Tor auf dem Silbertablett präsentierten. Augsburg blieb häufig nur der Schuss aus der Distanz, ohne dass sie dem Tor dabei so nah kamen, wie Braunschweig am ersten Spieltag mit Reichels Lattenkracher. Die wirklich klaren Torchancen blieben Mangelware. Dass Augsburg hierbei auch und vor allem an den eigenen Unzulänglichkeiten im gegnerischen Strafraum scheiterte, ist unbestritten. Werders Anteil bestand jedoch mindestens darin diese Schwäche des Gegners offen zu legen, indem man nicht die Art Gastgeschenke verteilte, die im Weserstadion seit längerer Zeit zur Tagesordnung gehören.

Nachdem wir letzte Woche den Barcelona-Vergleich hatten, bleiben wir gleich bei prominenten Vorbildern: Mourinhos Inter Mailand sicherte sich 2010 das Weiterkommen im Camp Nou mit einer ungewöhnlichen Taktik. Statt sich aus der Defensive locken zu lassen und den Raum um den Strafraum preis zu geben verzichtete Inter auf Ballbesitz und ließ lieber den Gegner gegen eine sortierte Defensive anlaufen. Der Ball wurde absichtlich dem Gegner überlassen. Werder war gegen Augsburg weit davon entfernt, defensiv so gut zu stehen wie Inter und überließ Augsburg auch sicher nicht absichtlich den Ball. Doch ein Hauch dieser Taktik war am Samstag in Bremen zu spüren, zumindest in der zweiten Halbzeit. Nachdem Werder in der ersten Halbzeit das Mittelfeld nicht in den Griff bekommen hatte und nach der Pause eine Zeit lang ordentlich ins Schwimmen gekommen war, fand man sich damit ab, dass Augsburg das Spiel machte und agierte im Pressing wesentlich vorsichtiger. Tiefes Verteidigen gehörte bislang kaum zu Werders Stärken und so mussten Verteidiger wie Mittefeldspieler ein ums andere Mal zu rustikalen Mitteln greifen, um Augsburg am kontrollierten Torabschluss zu hindern. Die Grätsche und der lange Befreiungsschlag gehören nicht mehr zum Standardrepertoire des modernen Fußballs, doch für Werder waren sie gegen Augsburg der Schlüssel zum Erfolg.

Knackt Dutt den Tabellenführer?

Mit seinen Auswechslungen und Umstellungen hatte Dutt ebenfalls Anteil am Erfolg. In der ersten Halbzeit hatte die klare Trennung zwischen Angriff und Mittelfeld noch dazu geführt, dass Werder zu oft in Unterzahl geriet und das Dreiermittelfeld auseinander gezogen werden konnte. In der zweiten Halbzeit agierten Elia und Hunt/Petersen auf den Außenbahnen tiefer und dämmten das Augsburger Flügelspiel etwas ein. Mit der Hereinnahme von Kroos für den Torschützen Ekici wurde zudem die Viererkette besser abgesichert. Yildirim brachte schließlich in der Schlussphase frischen Wind in Werders Konterspiel und sorgte dafür, dass sich Werder in den letzten 10 Minuten etwas häufiger befreien konnte als zuvor.

In Dortmund erwartet Werder ein ähnliches Spiel, wobei hier die Rollen schon vor Spielbeginn viel klarer verteilt sind. Gegen den BVB erwartet von vornherein niemand, dass Werder auf spielerischem Wege den Erfolg sucht. Andererseits darf man Dortmund nicht so nah ans eigene Tor kommen lassen, wie Werder es Augsburg in der zweiten Halbzeit gestattete. Verteidigt Werder hingegen zu hoch, droht das Sprintwunder Aubameyang. Hier gilt es einen schwierigen Mittelweg zu finden aus Kompaktheit, einer nicht zu tiefen Viererkette und einer ähnlich kampforientierten Spielweise, wie gegen Augsburg. Werders bisherige Gegner spielten ebenfalls bereits gegen Dortmund und lieferten dabei jeweils gute Ansatzpunkte, aber auch Warnsignale: Augsburg bereitete dem BVB Probleme im Mittelfeld und hatte das Zentrum weitgehend im Griff, wurde jedoch von der Schnelligkeit Aubameyangs überrumpelt. Braunschweig hielt Dortmund ebenfalls lange vom Tor weg, wurde aber durch einen mustergültigen Spielzug gegen einen tief verteidigenden Gegner schließlich dennoch geknackt. Man darf gespannt sein, was Dutt aus diesen Erkenntnissen macht. Das Spiel wird seine erste große Aufgabe in puncto Matchplan als Werdercoach.

Gedanken zu Dutts Werdersystem

Vor dem zweiten Saisonspiel gegen Augsburg ein paar Gedanken zu Werders System und Dutts Umstellungen:

“Einfach so wie Barcelona”

Gegen Ende der vorletzten Saison, als Werder unter Thomas Schaaf noch mit der Raute spielte, sagte Taktikexperte Martin Rafelt von spielverlagerung.de im Grünweiß-Podcast, dass Werder zur Not einfach immer noch so spielen könne wie Barcelona. Gemeint war damit folgendes: Aus der Grundformation der Raute lässt sich mit ein paar Anpassungen ein ähnliches Spielsystem aufziehen, wie es der FC Barcelona aus einer 4-3-3 Grundordnung heraus praktiziert. Schaut man sich das System an, das Robin Dutt im Pokal angewendet hat, lässt sich eine große Ähnlichkeit hierzu erkennen: Mit Hunt stand ein Offensivallrounder in der Spitze, der seine Position ständig verließ und überall auf dem Feld anzutreffen war. Die Flügelstürmer agierten eher eng und stießen immer wieder in den von Hunt hinterlassenen Raum vor. Dahinter stand ein Dreiermittelfeld, das aus einem defensiven und zwei eher offensiv orientierten Spielern zusammengesetzt war. Gemeinsam mit den hoch aufrückenden Außenverteidigern und dem einrückenden Sechser finden wir also viele Elemente, die der FC Barcelona unter Guardiola und Vilanova (mit Ausnahme der Saison 2011/12) in seinem Spiel hatte.

Genauso kann man jedoch das System in die Gegenrichtung auseinander nehmen: Die Grundstellung in Abwehr und Mittelfeld unterscheidet sich nicht von der einer Raute (bzw. einem 4-3-1-2). Es braucht nicht viel Phantasie, sich die “falsche 9″ Hunt als flexiblen Zehner und die beiden “Außenstürmer” Füllkrug und Petersen als Doppelspitze vorzustellen. Et voila, schon haben wir eine moderne Version der Raute. Das sind selbstverständlich nur taktische Spitzfindigkeiten, doch es stellt sich schon die Frage, wo Dutt mit Werder taktisch hin möchte. Das Spiel in Braunschweig war hier sehr aufschlussreich. Auf dem Papier waren die Umstellungen minimal, doch durch die noch engere Stellung der Flügelspieler und die zurückhaltenderen Außenverteidiger lagen die Schwerpunkte an anderen Stellen und jede Ähnlichkeit zu Barcelonas 4-3-3 oder einer Raute war verschwunden. Dies deutet darauf hin, dass Dutt ein System etablieren möchte, das möglichst flexibel und anpassungsfähig an den Gegner ist.

Proaktiv oder Reaktiv?

Im vorletzten Grünweiß-Stammtisch sprachen wir davon, dass Werder in dieser Saison mehr aus der Position des Underdogs agieren und reaktiver spielen kann. In Braunschweig war dies jedoch nicht der Fall. Werder hatte zwar nicht deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner, war jedoch das Team, das häufiger den Ball durch die eigenen Reihen schob, während der Gegner abwartete und auf schnell Umschaltmomente lauerte. Auch in der Bewertung wurde deutlich, dass Werder in diesem Spiel als die proaktive Mannschaft wahrgenommen wurde, denn während Braunschweig in der ersten Halbzeit vor allem als “vorsichtig” beschrieben wurde, bekam Werder das negativere Attribut “ideenlos” verliehen (wohingegen zweifellos beide Mannschaften sowohl vorsichtig als auch ideenlos gespielt haben). Die Ausgangslage war klar: Werder sollte das Spiel machen und die Akzente setzen. In der zweiten Halbzeit änderte sich der Spielverlauf und Werder war nun die reaktivere Mannschaft, während Braunschweig sich ab der 60. Minute aus der Deckung traute. Auch wenn Werder in dieser Phase einige Probleme bekam, fiel letztlich auch das Siegtor aus dieser Situation heraus: Ein schneller Konter gegen einen aufgerückten Gegner.

Man darf daher auch weiterhin die Frage stellen, ob Werder derzeit ein reaktiver Stil (zumindest von den Ergebnissen her) besser zu Gesicht steht. Es ist allerdings auch davon auszugehen, dass Robin Dutt sich nicht damit begnügen wird, Werder zu einer reinen Kontermannschaft zu formen. Dies gibt der momentane Kader auch nicht wirklich her. Dutt ist bekannt als ein Trainer, der sein System immer auch am Gegner ausrichtet. Dafür spricht sowohl das fluide Dreiermittelfeld als Kernpunkt seiner Systeme als auch die verschiedenen Zusammensetzungen der Offensivreihe. Bis zu einem gewissen Grad wird seine Mannschaft daher vermutlich immer darauf ausgerichtet sein, die Stärken des Gegners zu neutralisieren. In Heimspielen und gegen schwächere Teams dürfte Dutt jedoch darüber hinaus seine eigene Spielidee entwickeln wollen. Somit darf man gespannt sein, wie Werder dies gegen Augsburg versucht. Der FCA reist ungeachtet der letzten Ergebnisse als Underdog nach Bremen und wird sicherlich nicht scharf darauf sein, das Spiel zu machen.

Mehr Breite gegen Augsburg?

Gegen Braunschweig stand die Dominanz im Zentrum im Vordergrund. Gegen Augsburg könnte sich dieser Fokus wieder mehr auf die Außen verlagern, sowohl offensiv als auch defensiv. Augsburg spielte zuletzt in einem 4-1-4-1, bei dem mit Holzhauser und Hahn zwei Spieler die offensiven Außenbahnen besetzen, die ihrem Team Breite geben. Vor allem Hahn sucht sein Glück gerne in Flankenläufen.  Holzhausers Spiel ist direkter und er wird sicherlich häufig den Weg vom Flügel in/an den Strafraum suchen. Zusammen steuerten beide gegen Dortmund sieben Flanken bei, zu denen noch fünf weitere Flanken der Außenverteidiger kamen. Auch gegen Werder erwarte ich einen Fokus auf Angriffe über die Flügel. Hier stellt sich die Frage, ob Dutt es seinen Außenverteidigern zumutet, zusätzlich zu dieser erhöhten Defensivarbeit auch alleine für die offensive Breite zu sorgen. Gegen Saarbrücken spielten auf den Flügeln zwei Mittelstürmer, gegen Braunschweig zwei Mittelfeldspieler. Gut möglich, dass Dutt gegen Augsburg hier auf “echte” Außenstürmer (Elia, Arnautovic, Yildirim) zurückgreift oder (was ich mir eher vorstellen könnte) asymmetrisch aufstellt. Dies wäre z.B. der Fall, wenn links Elia oder Yildirim den Flügel besetzen und Hunt auf der rechten Seite so eingerückt spielt wie in Braunschweig.

Dazu wurde mit Franco Di Santo rechtzeitig vor dem Spiel ein neuer Offensivspieler verpflichtet, der zumindest theoretisch gegen Augsburg schon im Kader stehen könnte. Bei ihm stellt sich die Frage, welche Rolle er zukünftig in Dutts System ausfüllen soll. Di Santo ist nicht gerade als Goalgetter bekannt, käme aber für die Position als Spitze oder “falsche 9″ ebenso in Frage, wie für die beiden (eingerückten) Außenpositionen. Ebenso denkbar wäre ein Einsatz als hängende Spitze hinter einem Stoßstürmer wie Petersen. Ein 4-4-2 hat Werder in der Vorbereitung schon getestet. Es könnte zumindest als Alternativsystem in Frage kommen. Di Santos Verpflichtung sehe ich sehr positiv. Er bringt all die Fähigkeiten mit, die Petersen bislang abgehen: Gute Ballbehauptung und -verarbeitung, starke Technik und ein Gespür für Räume. Diese Fähigkeiten fehlten Werders Angriff in letzter Zeit mehr als Vollstreckerqualitäten (die Petersen trotz seine Torflaute in der letzten Rückrunde zweifellos hat).

DFB Pokal, Halbfinale: Hauptsache Berlin

Werder Bremen – FC Augsburg 2:0

Es ist halt doch schon ein wenig Routine, so ein Pokalfinale. Zum zehnten Mal insgesamt und zum neunten Mal in den letzten 21 Jahren steht Werder nun dort. Sechsmal hat man ihn gewonnen. Zugegeben, in diesem Jahr war es mit vier Heimspielen und den vier (zum jeweiligen Zeitpunkt) besten Zweitligisten als Gegner ungleich einfacher als im letzten Jahr. Man kann eben nicht alles haben. Trotzdem: Berlin ist Berlin und bekommt in schöner Regelmäßigkeit einen Besuch von uns abgestattet – wenn auch zukünftig nur noch einmal pro Jahr.

Von einem Heimspiel gegen einen Zweitligisten erwartet man nunmal, dass man es deutlich gewinnt. Egal, wie gut dieser momentan drauf ist. Egal, wie viele Tore deren bester Stürmer schon geschossen hat. Werder kann schließlich auf eine 22jährige Serie ungeschlagener Heimspiele im DFB-Pokal zurückblicken: Die letzte Pokalniederlage im Weserstadion gab es 1988 gegen Frankfurt.* Entsprechend ging die Mannschaft auch in dieses Spiel. Nach ein paar Minuten Abtasten übernahm Werder die Kontrolle über das Spiel und gab sie bis zum Führungstor nicht mehr her. Zwar tat sich die Mannschaft schwer, gegen die tiefstehenden Augsburger Abwehr- und Mittelfeldreihen zwingende Torchancen herauszuspielen, doch der Ball lief gut durch die eigenen Reihen und es schien nur eine Frage der Zeit, bis eine Kombination zum Erfolg führen sollte. Nach 25 Minuten war es dann so weit: Marin im Doppelpass mit Özil durch die Mitte und dann ein hauchzarter Ballstreichler am Torwart vorbei ins Netz. Ein großartiges Tor, das die Zuschauer von den Sitzen riss. Dazu die Erleichterung, endlich mal wieder in Führung zu liegen statt einem frühen Rückstand hinterherlaufen zu müssen.

Das Problem bei der Sache war nur, dass Werder letzteres inzwischen zwar sehr gut kann, mit ersterem aber so seine Probleme hat. Nach dem Führungstor bauten die Grün-Weißen den Gegner mit einigen leichtsinnigen Abspielfehlern wieder auf. Augsburg nahm das dankend an und erinnerte sich ab der 30. Minute daran, dass man selbst auch ganz passabel Fußball spielen kann. Wie gewohnt brachte das Werders Defensivabteilung in Kalamitäten. Ein verlorener Zweikampf hier, eine schlecht gestellte Abseitsfalle dort und schon steht es 1:1. Hätte es jedenfalls stehen können, wenn Thurks Ball nicht nur Torhüter Wiese, sondern auch die Torlinie überwunden hätte. Der Innenpfosten und Per Mertesacker retteten jedoch in höchster Not. Ein Warnschuss vor der Pause also. Eine Ermahnung, dem Gegner nicht zuviel anzubieten und keine unnötigen Räume in der Defensive freizugeben. Wie gewohnt verhallte sie ungehört.

Die zweite Halbzeit war aus Bremer Sicht lange Zeit ein Ärgerniss. Augsburg erspielte sich eine Handvoll guter Torgelegenheiten, war aber nie so nah am Ausgleich, wie man es als Werderfan in dieser Phase befürchtete. In den letzten 20 Minuten standen Abwehr und defensives Mittelfeld dann wieder besser sortiert und Werder gewann die Spielkontrolle zurück. Gegen einen stärkeren Gegner hätte man sich eine solche halbstündige Auszeit nicht nehmen können. Es war dann ein schnell und exakt ausgeführter Freistoß von Frings, der die Entscheidung zu Werders Gunsten einleitete. Empfänger Pizarro bewies mal wieder, dass ihm schwierige Bälle einfach besser liegen. Die Ballmitnahme war erste Sahne, der Abschluss wohl nicht ganz unhaltbar, aber ein schönes Tor, das zeigt, wie einfach Fußball sein kann, wenn der Gegner nicht ganz bei der Sache ist. Der Sieg war insgesamt verdient, wenn auch nicht sonderlich schön herausgespielt. Der Sympathiepreis geht ohnehin an die Augsburger Fans, die ihre Mannschaft vorbildlich unterstützten und für tolle Stimmung im Stadion sorgen. Am Ende sangen sie “Augsburg ist viel schöner als Berlin”. So hat jeder bekommen, was er wollte. Und wenn Augsburg so weiter spielt, stehen die Chancen gut, dass sie auch nächste Saison nicht nach Berlin müssen.**

Unser zwischenzeitlich als “magisches Dreieck” bezeichnete offensive Mittelfeld scheint mir die Rollen getauscht zu haben: Marko Marin ist in Topform, trifft, bereitet vor und kurbelt das Angriffsspiel an. Er hat Mesut Özils Rolle aus der Hinrunde übernommen. Özil selbst hat sein Formtief überwunden, spielte eine starke erste Hälfte, wirkt aber kräftemäßig nicht ganz auf der Höhe. Erinnert stark an den Marko Marin der Hinrunde. Vielleicht hilft es auch hier, den Spieler durch frühe Auswechslungen wieder heranzuführen, ohne dass er den Spielrhythmus verliert. Und Aaron Hunt? Kriselt ein wenig, wirkt aber zumindest körperlich auf der Höhe. Mit viel Einsatz, aber ohne Erfolg in den meisten seiner Aktionen. Wenn da mal nicht der Özil des letzten Winters in ihm hochkommt?***

Der Gegner im Finale heißt Bayern München und das ist auch gut so! Erstens dürfte es ein wesentlich attraktiveres Spiel werden, als gegen die destruktiven, aber nicht minder gefährlichen Schalker. Zweitens kann sich Werder so den Pokalsieg wirklich verdienen und trotz des relativ einfachen Wegs nach Berlin auf dieses Finale verweisen. Und drittens sind Spiele gegen die Bayern immer ein Highlight, in einem Pokalfinale umso mehr. Natürlich ist Werder nicht der Favorit in diesem Finale, aber ich freue mich einfach unglaublich auf das Spiel. Möge der Grünweißere gewinnen!

—————————————–

* Diese Niederlage war zu verschmerzen, denn es war Werders wohl erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte: Deutscher Meister, Pokal-Halbfinale und UEFA-Cup-Halbfinale.

** Seit dem 5:1 Sieg der Berliner in Wolfsburg verstößt Hertha-Bashing nicht mehr gegen die Genfer Konvention.

*** Ein Satz, den höchstens Fritz von Thurn und Taxis noch homoerotischer formulieren könnte!