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Die Champions League Halbfinalisten vor den Rückspielen

Heute und morgen entscheidet sich, wer im Champions League Finale in der Allianz Arena aufeinander trifft. Eine Einschätzung der vier Teams vor den Rückspielen.

Barca braucht einen Kraftakt…

Der FC Barcelona steht (für seine Verhältnisse) mit dem Rücken zur Wand. Nachdem man in der letzten Woche so viele Niederlagen kassierte, wie in der gesamten Saison zuvor, könnte man neben der Meisterschaft auch die Champions League verspielen. Der Substanzverlust macht sich bemerkbar und pünktlich zur crunch time ist die Topform nicht mehr da. Im Hinspiel gegen Chelsea waren zwar einige der von mir unterstellten Probleme zu sehen, doch letztlich hatte man auch einfach ein wenig Pech. Mit besserer Chancenverwertung (die ich abseits von Messi als Schwachpunkt Barcas sehe) hätte man Chelsea schon im Hinspiel jegliche Chancen auf ein Weiterkommen nehmen können.

Gegen Madrid wurde dann aber deutlich, was Barcelona derzeit fehlt: Knackt man den Gegner nicht im Zentrum, schafft man es nicht, alternativ über die Außen so gefährlich zu werden, wie zu besten Zeiten. Es fehlt nicht unbedingt die Breite im Spiel, sondern die Qualität der dafür zuständigen Flügelspieler. Die Stammkräfte sind entweder verletzt (Villa), angeschlagen (Alexis, Affelay) oder außer Form (Pedro). Die Nachwuchsspieler können das noch nicht kompensieren:  Tello hat gegen Madrid die dicksten Chancen vergeben, auch von Cuenca geht keine große Torgefahr aus. So bleibt zu viel Verantwortung bei Dani Alves und Andres Iniesta. Derzeit reicht es, die Räume zwischen den Linien für Messi zu schließen und ihn damit komplett ins Mittelfeld zu ziehen, um eine ernsthafte Chance gegen Barcelona zu haben.

…sonst reicht Chelsea Solidität

Beim FC Chelsea konnte man am Samstag den Eindruck gewonnen, sie hätten gerade einen großen Schritt Richtung Champions League-Qualifikation gemacht. Dabei ist jene nach dem 0:0 bei Arsenal und einem weiteren Sieg von Newcastle in weitere Ferne gerückt – auch wenn man nächste Woche noch das Nachholspiel gegen die Magpies in der Hinterhand hat. Nach dem Unentschieden gegen die Gunners fühlte man sich jedenfalls als moralischer Sieger und wähnt sich weiterhin im Aufschwung, der dem Trainerwechsel folgte. Das Erreichen des Champions League Finales würde diese Narrative weiter untermauern.

Dabei habe ich Chelseas Leistung gegen Barcelona nicht so stark gesehen, wie sie im Nachhinein gemacht wurde. Chelsea spielte defensiv zwar richtig gut und war vorne immerhin effizient, doch wenn man sich Barcelonas Großchancen anschaut, dann wirkt das Loblied auf das blaue “Bollwerk” doch etwas übertrieben. Das Spiel hätte bei identischem Verlauf und etwas besserer Chancenverwertung auch 1:3 ausgehen können. Doch es ist nicht Chelseas Verdienst, dass Barcelona bei eben jener gerade Probleme hat. Ich würde die Leistung jedenfalls nicht über der von Milan im Viertelfinale (und nicht mal sehr weit über der von Bayer Leverkusen beim 1:7, aber das ist ein anderes Thema) sehen. Das Spiel gab mehr Aufschluss über Barcelonas derzeitige Verfassung, als über Chelsea.

Was mir sehr gut gefallen hat, war das Zusammenspiel der drei Sechser, die den Raum vor den Innenverteidiger mit sehr cleverem Verschieben extrem verknappten. Die Rückkehr zum 4-3-3 (das eigentlich maximal ein 4-5-1, in der zweiten Halbzeit eher aber ein 4-5-1-0 war) in diesem Spiel hat sich schon deshalb gelohnt. In Barcelona wird Chelsea vermutlich Ähnliches versuchen, um Messi aus dem Spiel zu nehmen. Nach vorne ist gegen ein mit zunehmender Dauer wohl immer energischer anlaufendes Barca auch mit wenig Risiko etwas möglich.

Obwohl Barcelona auch in derzeitiger Verfassung die bei weitem bessere Fußballmannschaft als Chelsea ist, habe ich große Zweifel, dass man nach dem intensiven Clasico am Wochenende den Kraftakt gegen Chelsea schafft. Man muss unbedingt die Null hinten halten. Sollte Chelsea treffen, wird das Weiterkommen zur Herkulesaufgabe, die ich dem Team derzeit nicht zutraue.

Hat Mourinho zu hoch gepokert?

Real Madrid hat am Wochenende mit einem eindrucksvollen 2:1-Sieg im Camp Nou die Meisterschaft für sich entschieden. Etwas überraschend spielte Mourinho dort mit der selben Startelf wie unter der Woche gegen die Bayern. Ich hatte Madrid im Hinspiel deutlich druckvoller erwartet. In den ersten 15 Minuten war es sehr eindrucksvoll, wie sie die Außenbahnen so hoch zustellten, dass Ribery und vor allem Robben keinen Stich sahen. Im Laufe des Spiels ließ man dann aber nach und war für eine Mannschaft, die von Mourinho trainiert wird, erstaunlich häufig unsortiert. Das lag nur zum Teil an der Leistung der Bayern. Auch hier bin ich der Ansicht, dass die Partie mehr über die Gäste aus Spanien aussagte, als über die Gastgeber.

Hätte Real das Spiel gewinnen müssen, wäre es möglicherweise auch nach hinten losgegangen, doch man hätte die letzte halbe Stunde sicherlich nicht so abgeschenkt. Das war pures Ergebnis halten und es hätte auch beinahe geklappt. Vielleicht wähnte man sich nach dem 1:1 zu sicher und wollte Kraft sparen für den Clasico. Vielleicht wusste Mourinho da schon, dass er vier Tage später mit identischer Aufstellung ins Spiel gehen wollte. Wenn man am Ende ins Finale einzieht, kann man sagen: Alles richtig gemacht, Herr Mourinho. Wenn es schief geht, wird man noch oft an die zweite Halbzeit in der Allianz Arena denken.

Wie gut ist Jupp Heynckes?

Für Bayern München ist die Situation genau andersherum. In der Liga musste man dem BVB erneut den Vortritt lassen, aber in der Champions League hat man mit einer überzeugenden Leistung eine gute Ausgangsbasis für das Rückspiel in Madrid geschaffen – womit längst nicht jeder gerechnet hat. Der Traum vom Finale im eigenen Wohnzimmer lebt weiter und man ist nur ein Unentschieden in Madrid davon entfern, ihn wahr werden zu lassen. Kräftemäßig dürfte man im Vorteil sein. Während sich der Gegner im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft voll verausgaben musste, konnten die Bayern in Bremen munter durchrotieren und viele Spieler schonen. Dieser Aspekt dürfte vor allem dann ins Gewicht fallen, wenn es bis zur Schlussphase noch ein offenes Spiel ist.

Ich bin sehr auf Bayerns Ausrichtung gespannt. Versucht man auf Konter zu spielen und den Gegner kommen zu lassen? Dafür ist man hinten eigentlich nicht stabil genug. Andererseits kommt man auch nur höchst selten in die Verlegenheit, so spielen zu müssen. Es wäre eine kleine Meisterleistung von Jupp Heynckes, wenn er seinem Team für dieses Spiel eine ähnlich diszilpinierte Spielweise ohne Ball einimpfen könnte, wie es Chelsea oder Madrid gegen Barcelona gezeigt haben. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass Bayern sich komplett zurückzieht. Man wird Madrid sicher mehr Ballbesitz gewähren, aber nicht am eigenen Strafraum auf sie warten. Das richtige Maß des Pressings zu finden, ist eine Kunst, die nicht nur einen guten Trainer sondern auch intelligente Spieler erfordert, die den richtigen Moment zum Draufgehen erkennen.

Aufgrund des Auswärtstores ist die Situation für Bayern nicht so komfortabel, wie man es gerne hätte. Solange es 0:0 steht, reicht ein Fehler zum Ausscheiden. Die Gegenstöße über die Außen werden wichtig sein, um neben Entlastung auch eine Chance auf das so wichtige Auswärtstor zu haben. Auch wenn Arjen Robben derzeit viel kritisiert wird, könnte er gegen seinen Ex-Verein zum entscheidenden Mann werden, weil er gegen ein offensives Real mehr Raum für seine Vorstöße bekommen wird.

Insgesamt sehe ich einen leichten Vorteil für Madrid, das neben einer breiten Brust auch über das Spielermaterial in der Offensive verfügt, um gegen Bayern erfolgreich zu sein. Das Rochieren zwischen Özil und Di Maria hat schon in München ganz gut funktioniert, man wird sich jedoch nicht damit begnügen können, das Spiel komplett auf Rechts zu ziehen, um Platz für den in die Mitte ziehenden Ronaldo zu schaffen. Man wird auch einen Xabi Alonso in Topform brauchen (die er gegen Barcelona hatte, im Hinspiel jedoch nicht), um den Spielaufbau flexibel zu halten und für Überraschungsmomente zu sorgen.

Meine Tipps:

FC Barcelona – Chelsea FC 2:1

Real Madrid – Bayern München 3:1 n.V.