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Der Bierbecherwurf

Die Szene wird sicherlich in den nächsten Tagen noch für viele Diskussionen sorgen: Beim Spiel zwischen St. Pauli und Schalke trifft ein voller Bierbecher den Linienrichter von hinten am Kopf. Das Spiel wird daraufhin abgebrochen.

Nun kann man natürlich das Heimpublikum beschimpfen, sich in Häme über die “ach so anderen” St. Pauli-Fans ergehen, die eigenen Vorurteile gegenüber den selbstbetitelten “Zecken” pflegen. Die Frage ist bloß – und das sage ich ohne die Ereignisse auch nur ansatzweise rechtfertigen zu wollen – in welchem Bundesligastadion so etwas eigentlich nicht passieren könnte?

Die aufgespannten Regenschirme beim Abgang des Schiedsrichters sind ein bekanntes Bild aus der Bundesliga und nur selten haben die Wetterbedingungen etwas damit zu tun. Ich musste spontan an eine Szene aus Werders Spiel vor ein paar Wochen gegen Bayer Leverkusen denken. Nach dem Spiel waren aus dem Bremer Umfeld viele lobende Worte für die tollen Fans und die Atmosphäre im Stadion zu hören. Was man aber nicht hörte, wohl auch, weil es abseits der Kameras kaum jemand mitbekommen hatte: Es gab auch hier einen Bierbecherwurf.

Besagter Wurf war jedoch nicht auf den Linienrichter gezielt, sondern auf die Leverkusener Trainerbank. Als Eren Derdiyok nach seiner Auswechslung (beim Stand von 2:0 für sein Team) seinem Trainer die Hand schüttelte, klatschte ein halbvoller Bierbecher auf das Dach der Reservebank und von dort auf den Rasen, ohne jedoch einen der Akteure zu berühren. Der Absender saß zwei Reihen hinter mir im Unterrang der Südtribüne. Er wurde von den Fans auf den umliegenden Plätzen, die sich zuvor noch über die langsame Auswechslung aufgeregt hatten, sofort mit heftigen Worten zur Besinnung gebracht. Weiterhin geschah nichts – zumindest nicht während des Spiels. Die Leverkusener Bank nahm den Vorfall eher beiläufig zur Kenntnis.

Was wäre wohl gewesen, wenn der Becher Derdiyok oder Heynckes am Kopf getroffen hätte? Würden wir heute über die bekloppten Werderfans sprechen? Müssten die ach so bösen Ultras heute durch den Nacktscanner ins Stadion gehen und eine noch größere Überwachung durch die Polizei über sich ergehen lassen? Und das obwohl der Wurf von der doch angeblich so teilnahmslos gelangweilten Südtribüne kam?

Die Moral von der Geschicht’ ist natürlich in erster Linie: Werft verdammt noch mal keine Gegenstände aufs Spielfeld! Trotzdem sollte man die Frage im Hinterkopf behalten: In welchem Stadion hätte das, was in St. Pauli passiert ist, nicht passieren können? Hier haben keine Sicherheitskräfte versagt und hier müssen auch keine Grundsatzdiskussionen über die Stadionsicherheit losgetreten werden. Ein solcher Vorfall ist in einem Fußballstadion nicht auszuschließen und wir sollten ihm keine übermäßige Aufmerksamkeit schenken, denn die hat er nicht verdient. Was aber wiederum nicht heißt, dass wir das Verhalten tolerieren dürfen.

Wundern an der Weser

Nutzen wir also diesen Eintrag für ein paar allgemeinere Dinge. Letzte Woche wunderte sich Ralf Lorenzen in der taz darüber, dass Werder derzeit mit fast derselben Mannschaft die Bundesliga aufmischt, die in der ersten Jahreshälfte nur Zehnter geworden war. Wie sehr Statistiken doch täuschen können. Zumindest auf den ersten Blick.

Werder Bremen landete in der Bundesliga zwar nur auf einem abgeschlagenen Mittelfeldrang, gewann so ganz nebenbei aber den DFB Pokal und feierte dazu noch den größten internationalen Erfolg des deutschen Vereinsfußballs seit sieben Jahren – auch wenn nach dem Finale in Istanbul niemandem nach Feiern zumute war. Schauen wir uns Werders Ergebnisse aus dem ersten Halbjahr 2009 einmal genauer an: In der Bundesliga holte man aus 17 Spielen nur enttäuschende 19 Punkte. Vergleicht man diese Werte mit denen des zweiten Halbjahrs (15 Spiele, 28 Punkte), ist der Unterschied immens. Dabei sollte man bedenken, dass viele Spieler spätestens ab Mitte März die Bundesliga nur noch als erweiterte Trainingseinheit zwischen den Pokalspielen angesehen haben. Werder spielte pomadig und gab einige Spiele relativ kampflos ab. Anders sah es dagegen in den Spielen aus, in denen es für Werder um etwas ging: Aus 13 Spiele in den Pokalwettbewerben konnte Werder (auf 90 Minuten und ein Ligasystem bezogen) 23 Punkte verbuchen. Der Punkteschnitt von 1,77 pro Spiel ist dem heutigen von 1,87 schon um einiges näher.

Ergebnisse2009

Auch diese Statistik ist mit Vorsicht zu genießen: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze kennt keine Unentschieden, bzw. bestraft sie nicht mit Punktverlust, wie das Punkte-System der Bundesliga. Im DFB-Pokal reicht ein Unentschieden zum Elfmeterschießen (siehe HSV), im UEFA-Cup können zwei Unentschieden direkt zum Weiterkommen führen (siehe Milan). Hat man das Hinspiel gewonnen, ist ein Unentschieden im Rückspiel in jedem Fall ausreichend, wovon Werder in St. Etienne und in Udine gebrauch machte. Anders als in dieser Bundesligasaison können diese Unentschieden also als optimale Ergebnisse angesehen werden. Ist es vor diesem Hintergrund wirklich so erstaunlich, dass Werder wieder eine gute Rolle in der Bundesliga spielt?

Auch wenn ich geneigt wäre, dies zu verneinen, ist es wirklich erstaunlich. Dafür gibt es zwei Gründe: Der erste sind die Abgänge von Frank Baumann und Diego. In der Vergangenheit hat Werder immer wieder die Verkäufe wichtiger Spieler kompensieren müssen und das meistens auch mit Erfolg bewerkstelligt. Die Nachfolger wurden in der Regel von außen eingekauft und im Vorfeld meist als schwächer eingestuft, als ihre Vorgänger. Beispiel Angriff: Für Pizarro kam Klasnic (2001), Klose ersetzte Ailton (2004), Sanogo ersetzte Klose (2007) und Pizarro wiederum Klasnic (2008). Beispiel Mittelfeld: Für Ernst kam Frings zurück (2005) und Diego ersetzte Micoud (2006). Beispiel Abwehr: Für Krstajic kam Fahrenhorst, (2004) der wiederum von Mertesacker ersetzt wurde (2006), und Naldo ersetzte Ismael (2005). Auch in diesem Sommer sah es ähnlich aus: Als Ersatz für Diego kam der junge Marko Marin und Frank Baumanns Karriereende sollte durch die Rückkehr Tim Borowskis aufgefangen werden. Es kam jedoch anders. Baumann wird als Kapitän und zentraler Defensivmann von Torsten Frings (inzwischen) wirklich gut ersetzt, was nicht zuletzt an dessen starkem Nebenmann liegt: Philipp Bargfrede, ein Nachwuchsspieler aus den eigenen Reihen, dessen Namen vor einem halben Jahr noch kaum jemand kannte. Im offensiven Mittelfeld gestaltet Mesut Özil nun das Spiel der Bremer und macht seine Sache so gut, dass mancherorts schon die Frage gestellt wird, ob Werder ohne Diego nicht besser sei, als man es mit ihm jemals war. Marin wirbelt derweil für viele überraschend im Angriff. Die Abgänge wurden also diesmal von innen heraus aufgefangen.

Allein diese Tatsache genügt schon, um viele Beobachter zum Staunen zu bringen. Der dahinter liegende Gedankengang lässt allerdings die Möglichkeit außer Acht, dass sich Spieler individuell und im Zusammenspiel verbessern können. Ist es wirklich so abwegig, dass eine Abwehrreihe, die über Jahre zusammenspielt, mit zunehmender Dauer besser wird? Ist es verwunderlich, dass sich junge Spieler wie Özil, Hunt oder auch Boenisch im Laufe ihrer Karriere steigern? Es verwundert höchstens, dass anscheinend alle diese Dinge gleichzeitig passieren. Und damit kommen wir zum zweiten Punkt, der Werders Erfolge verwunderlich macht: Die Konstanz. Nur eine Niederlage aus 25 Pflichtspielen sprechen eine deutliche Sprache. Hier spielt eine Mannschaft, die kaum noch weiß, wie man ein Spiel verliert und sich nicht mehr so leicht auskontern lässt, wie in den letzten Jahren. Pendelte man früher zwischen den Extremen grandioser und wirklich enttäuschender Leistungen, hält man heute konstant ein hohes Niveau. Mehr Galavorstellungen als in den letzten Jahren gibt es nicht, doch die Ausschläge nach unten halten sich in Grenzen.

Am Samstag hat Werder nun die Chance gegen die punktgleichen Schalker einen Big Point einzufahren. Wenn man ganz ehrlich ist, wäre es der erste. Ohne die überzeugenden Siege gegen Hoffenheim und Bilbao herabwürdigen zu wollen, ein Sieg gegen Schalke wäre noch eine Stufe höher einzuordnen. Gegen die direkten Konkurrenten aus München und Leverkusen sowie den Meister VfL Wolfsburg reichte es “nur” zu Unentschieden. Genug, um in der Spitzengruppe mitzuhalten – zu wenig, um sich abzusetzen. Ausgerechnet gegen die jungen, kampfstarken und schwer ausrechenbaren Schalker steht nun die bislang vielleicht größte Reifeprüfung an.

Presseschau (1)

In einer sportlich erfolglosen Zeit ist es als Fan ungeheuer schmerzhaft, die Berichterstattung in den Medien zu Verfolgen. Ich habe mich heute trotzdem durch den Blog- und Blätterwald gewagt und eine kleine Presseschau zusammengestellt (ich kann das zwar längst nicht so gut wie Oliver Fritsch, aber dafür gibt es hier komprimiert nur Texte über Werder):

Mit der bestehenden Situation klarkommen

Richard Leipold fasst in der FAZ Werders neue Rolle in der Bundesliga zusammen: "Nach dem 0:1 in Schalke erschien das Grau des Bremer Mittelmaßes noch eine Stufe dunkler als vorher. Werder sieht die Spitzengruppe nur noch von weitem, jene Tabellenregion, für die Bremen lange eine Art Stammplatzgarantie zu besitzen schien. Der Punkterückstand auf den dritten Rang ist zweistellig. Und sogar der Fünfte Leverkusen ist den Hanseaten um sieben Zähler voraus."

Das Weser-Blog rät den Akteuren deshalb zu einer neuen Bescheidenheit: "Vielleicht sollte Werder jetzt einfach mal versuchen mit der bestehenden Situation klar zu kommen und nicht immer von den internationalen Plätzen reden, denn das verunsichert die Mannschaft doch immer mehr."

Klar, dass mit dieser Situation niemand bei Werder zufrieden ist. In der taz orakelt Daniel Theweleit deshalb: "Werder Bremen zeigt die typischen Symptome einer Misserfolgsspirale, und zu dieser gehört fast zwangsläufig eine Trainerdiskussion. Das bekommt natürlich auch Klaus Allofs zu spüren, der im Bauch der Schalker Arena ein paar interessante Sätze formulierte. Zwar sei er weiterhin von Schaafs Arbeit überzeugt, sagte der Manager, doch dies sei 'kein prinzipieller Treueschwur'. Allofs räumte ein, dass 'der Moment kommen kann', in dem auch er ernsthaft über einen Trainerwechsel nachdenkt."

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