Schlagwort-Archiv: FC St. Pauli

The Knights Who Say Ni (zweite Liga)

Bundesliga, 31. Spieltag: FC St. Pauli – Werder Bremen 1:3

Am Ende dieser Saison zählt nur der Klassenerhalt. Dieser ist mit dem 3:1-Sieg bei St. Pauli nun endgültig gesichert, auch wenn es rein rechnerisch noch nicht soweit ist. Nach einer in allen Belangen enttäuschenden ersten Halbzeit drehte Werder zum ersten Mal in dieser Saison ein Spiel und ist nun seit über zwei Monaten ungeschlagen.

Verlust der Spielkultur

Es wäre sicherlich falsch, Werders schwache spielerische Leistung nur auf den Ausfall von Tim Borowski zu schieben, doch Samstag wurde wieder einmal deutlich, wie wichtig er für Werder geworden ist. Werders Mittelfeld fehlte es in der ersten Halbzeit völlig an Struktur und Bindung. Marin und Wesley hatten zwar ein großes Laufpensum, blieben aber weitgehend ineffektiv. Frings bekam das Spiel im defensiven Mittelfeld nicht in den Griff. Insgesamt spielte Werder sehr linkslastig. Kaum ein Angriff lief in den ersten 45 Minuten über die rechte Seite.

St. Pauli - Werder 1. Halbzeit

Werders Offensivaktionen in der 1. Halbzeit (Quelle: bundesliga.de)

Die Raute hatte eine deutliche Schlagseite, was nicht per se schlecht sein muss. Werder verfing sich jedoch zu häufig auf der Außenbahn und kam dann nur umständlich wieder zurück in eine aussichtsreichere Position. Bargfrede hielt auf der linken Seite seine Position, während Wesley von rechts viel rochierte. Marin tendiert ohnehin zur linken Seite und Silvestre schaltete sich häufiger mit in die Offensive ein als auf der anderen Seite Fritz. Somit war Werders Spiel für St. Pauli leicht ausrechenbar und mit einfachen Mitteln zu stoppen. Das Gegentor erinnerte an schlimme Zeiten und kam durch einen Fehlpass Pizarros beim Rausrücken und einen katastrophalen Abstimmungsfehler in der Viererkette zustande. Mertesacker stand fast 10 Meter hinter seinen Nebenleuten und hob beim Pass auf Bartels das Abseits auf.

Pizarro dreht das Spiel

Auch in der zweiten Halbzeit lief die Mehrzahl der Bremer Angriffe über links, doch Clemens Fritz wagte sich häufiger in St. Paulis Hälfte und sorgte für etwas mehr Balance in Werders Spiel. Alle drei Werdertore fielen über die rechte Seite. Die verloren gegangene Spielkultur glich Werder nun durch großen Einsatz und Pizarros Klasse aus. Es war der Mannschaft nun anzumerken, dass sie sich nicht in ihr Schicksal fügen wollte, wie schon zu oft in dieser Saison. Nach Pizarros Doppelschlag, der das Spiel zu Werders Gunsten drehte, kam auch die Sicherheit im Passspiel zurück. Die Gastgeber erholten sich von diesem Schock nicht mehr und konnten Werder in der Schlussphase kaum noch in Bedrängnis bringen. In dieser Form wird es für die Hamburger nicht zum Klassenerhalt reichen.

Ein Silberstreif für Hunt

Die letzten Monate waren für Aaron Hunt ein einziger Spießrutenlauf. Zuerst verlor er seinen Stammplatz, dann wurden auch seine Einwechslungen weniger. Von den eigenen Fans ausgepfiffen war er am Ende so verunsichert, dass ihm nicht mal einfache Pässe über fünf Meter gelangen. Dabei konnte man jedoch immer noch sehen, dass er ein Spieler mit den richtigen Ideen ist. Laufwege und Timing stimmten, doch am Ball ging fast alles schief, was schief gehen kann. Dazu kam eine lustlos wirkende Körpersprache. Am Samstag gab es endlich auch für ihn eine Art Mini-Befreiungsschlag. Nach seiner Einwechslung spielte er befreit auf und sorgte für mehr Spielfluss bei Werder. In immerhin 23 Minuten spielte er keinen einzigen Fehlpass, hatte nur einen Ballverlust und einige gute Ideen. Sicher kein Zufall, dass diese Steigerung in einem Auswärtsspiel kommt. Hätte er solche Leistungen regelmäßig in dieser Saison gezeigt, wäre Özils Weggang weitaus weniger ins Gewicht gefallen.

Aaron Hunt Passverteilung

Alle 15 Pässe von Aaron Hunt kamen an (Quelle: bundesliga.de)

Gegen Wolfsburg: Der letzte Punkt zum Klassenerhalt

Am Freitag kann Werder mit einem Sieg gegen den VfL Wolfsburg den Klassenerhalt endgültig sicherstellen. Wahrscheinlich reichen die 38 Punkte schon, um nicht abzusteigen. Mit einem Unentschieden gegen den VfL wäre man ebenfalls zu 99% durch. Allerdings könnte dieses Spiel nach Wolfsburgs Mini-Auferstehung am Sonntag noch einmal eine echte Herausforderung werden. Felix Magath ist sowieso alles zuzutrauen. Das Spiel gegen St. Pauli hat gezeigt, dass Werder im Endspurt kein bisschen nachlassen darf, sonst geht das zarte Pflänzchen, das man sich in den letzten Wochen mühevoll gezüchtet hat, direkt wieder kaputt.

Bei aller Frustration über diese enttäuschende Saison bin ich immer noch froh, dass mit Werder im Saisonendspurt immer zu rechnen ist – im Gegensatz zu manch anderer Mannschaft, die sich ihre Saison im April regelmäßig selbst vermasselt.

Der Bierbecherwurf

Die Szene wird sicherlich in den nächsten Tagen noch für viele Diskussionen sorgen: Beim Spiel zwischen St. Pauli und Schalke trifft ein voller Bierbecher den Linienrichter von hinten am Kopf. Das Spiel wird daraufhin abgebrochen.

Nun kann man natürlich das Heimpublikum beschimpfen, sich in Häme über die “ach so anderen” St. Pauli-Fans ergehen, die eigenen Vorurteile gegenüber den selbstbetitelten “Zecken” pflegen. Die Frage ist bloß – und das sage ich ohne die Ereignisse auch nur ansatzweise rechtfertigen zu wollen – in welchem Bundesligastadion so etwas eigentlich nicht passieren könnte?

Die aufgespannten Regenschirme beim Abgang des Schiedsrichters sind ein bekanntes Bild aus der Bundesliga und nur selten haben die Wetterbedingungen etwas damit zu tun. Ich musste spontan an eine Szene aus Werders Spiel vor ein paar Wochen gegen Bayer Leverkusen denken. Nach dem Spiel waren aus dem Bremer Umfeld viele lobende Worte für die tollen Fans und die Atmosphäre im Stadion zu hören. Was man aber nicht hörte, wohl auch, weil es abseits der Kameras kaum jemand mitbekommen hatte: Es gab auch hier einen Bierbecherwurf.

Besagter Wurf war jedoch nicht auf den Linienrichter gezielt, sondern auf die Leverkusener Trainerbank. Als Eren Derdiyok nach seiner Auswechslung (beim Stand von 2:0 für sein Team) seinem Trainer die Hand schüttelte, klatschte ein halbvoller Bierbecher auf das Dach der Reservebank und von dort auf den Rasen, ohne jedoch einen der Akteure zu berühren. Der Absender saß zwei Reihen hinter mir im Unterrang der Südtribüne. Er wurde von den Fans auf den umliegenden Plätzen, die sich zuvor noch über die langsame Auswechslung aufgeregt hatten, sofort mit heftigen Worten zur Besinnung gebracht. Weiterhin geschah nichts – zumindest nicht während des Spiels. Die Leverkusener Bank nahm den Vorfall eher beiläufig zur Kenntnis.

Was wäre wohl gewesen, wenn der Becher Derdiyok oder Heynckes am Kopf getroffen hätte? Würden wir heute über die bekloppten Werderfans sprechen? Müssten die ach so bösen Ultras heute durch den Nacktscanner ins Stadion gehen und eine noch größere Überwachung durch die Polizei über sich ergehen lassen? Und das obwohl der Wurf von der doch angeblich so teilnahmslos gelangweilten Südtribüne kam?

Die Moral von der Geschicht’ ist natürlich in erster Linie: Werft verdammt noch mal keine Gegenstände aufs Spielfeld! Trotzdem sollte man die Frage im Hinterkopf behalten: In welchem Stadion hätte das, was in St. Pauli passiert ist, nicht passieren können? Hier haben keine Sicherheitskräfte versagt und hier müssen auch keine Grundsatzdiskussionen über die Stadionsicherheit losgetreten werden. Ein solcher Vorfall ist in einem Fußballstadion nicht auszuschließen und wir sollten ihm keine übermäßige Aufmerksamkeit schenken, denn die hat er nicht verdient. Was aber wiederum nicht heißt, dass wir das Verhalten tolerieren dürfen.

DFB-Pokal, 2. Runde: Meine Perle

Werder Bremen – FC St. Pauli 2:1

Werder steht verdient in der zweiten Runde des DFB-Pokals, siegt mit 2:1 gegen St. Pauli. So weit die Fakten. Und sonst? Mich hat dieses Spiel begeistert, teilweise vom Hocker gerissen. Vielleicht lag es noch an den Nachwirkungen des Spiels in Leverkusen, aber das Tempo kam mir ausgesprochen hoch vor. Beide Mannschaften taktierten nicht viel, oder sagen wir besser: suchten bei Ballbesitz sofort den Weg nach vorne. Bei St. Pauli kam dies in der ersten Halbzeit noch eher selten vor. In der zweiten Halbzeit ging man dann mehr Risiko ein und wurde fast dafür belohnt.

Werder wackelte einige Zeit, besonders in den Minuten nach dem 1:1, kam jedoch mit einem blauen Auge davon. Das 2:1 fiel zu einem glücklichen Zeitpunkt, war aber keinesfalls ein Glückstor. Boenisch erobert den Abpraller nach der Ecke, legt gut auf Hunt ab, der nimmt den Ball direkt und flankt ihn auf den langen Pfosten, wo Mertesacker seine Lufthoheit ausnutzt und per Kopf auf Naldo auflegt. Drei Pässe, die exakt dort landen, wo sie hin sollen. Dazu noch Marins und Rosenbergs Schüsse ans Aluminium und einige starke Offensivaktionen von Aaron Hunt. Der Sieg hätte auch deutlicher ausfallen können. Thomas Schaaf deshalb nach dem Spiel etwas angefressen. Stichwort: Klarheit in den Aktionen vor dem Tor.

Rosenbergs Comeback in der Startelf war solide. Wenn er so weitermacht, ist er (endlich!) wieder eine ernsthafte Option. Moreno hat noch Probleme sich gegen seine Gegenspieler durchzusetzen, doch er war sehr aktiv, versuchte viel, traute sich etwas zu. Viel mehr kann man momentan noch nicht erwarten, dafür fehlt dem Bolivianer einfach die Spielpraxis. Genau richtig, sie ihm in einem Pokalspiel gegen einen Zweitligisten zu gewähren.

A propos Zweitligist: St. Pauli wirkte keineswegs wie eine gewöhnliche Zweitligamannschaft. Werder musste bei den Hamburger Angriffen höllisch aufpassen. Offensiv hat St. Pauli mehr Optionen als die meisten Manschaften aus dem unteren Drittel der Bundesliga. Deshalb sollte man nicht den Fehler machen, diesen knappen Sieg als Schönheitsfehler anzusehen. Es ist eine gute Leistung, diese Mannschaft über lange Zeit so vom eigenen Tor wegzuhalten, wie Werder es tat. Hätte St. Pauli mehr aus dem Spiel herausgeholt, wäre dies schon etwas glücklich gewesen. Spielerisch war vor allem das, was aus dem Mittelfeld kam, sehr ansprechend. Hunt rechtfertigt endlich Schaafs Vertrauen und Frings nähert sich wieder seiner Bestform, machte erneut ein ganz starkes Spiel. So darf es gerne weitergehen. Mit Özil, Pizarro und Almeida sollten dann auch wieder mehr Tore herausspringen.