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Tatort: Weserstadion

Champions League, Gruppe A, 4. Spieltag: Werder Bremen – FC Twente 0:2

Zweimal die Griechen, jetzt die Holländer. Bei den letzten drei Teilnahmen hat Werder das Achtelfinale jeweils im eigenen Stadion verpasst. Dem 1:3 gegen Olympiakos (2007) und dem 0:3 gegen Panathinaikos (2008)  folgte nun also ein 0:2 gegen Twente. Eine bittere Niederlage in einem packenden, chancenreichen, aber nicht hochklassigen Spiel, in dem Werder wieder einmal mit Chancenverwertung und Abwehrverhalten hadern muss.

Thomas Schaaf überraschte mit einer sehr ungewöhnlichen Aufstellung in der Defensive. Nachdem Silvestre beim Publikum nicht mehr untragbar wurde, stellte Schaaf die Viererkette komplett um. Allrounder Wesley wechselte von der rechten auf die linke Seite, Innenverteidiger Prödl gab den Rechtsverteidiger und Kapitän Frings rückte in die Innenverteidigung. Daniel Jensen kam dafür neu in die Mannschaft und spielte als einziger Sechser vor der Abwehr. Ansonsten gab es personell nur eine Umstellung im Vergleich zum Nürnberg-Spiel: Hunt spielte für Arnautovic. Was sich ebenfalls änderte, war die taktische Ausrichtung. Thomas Schaaf reaktivierte die Raute, in der Marin hinter den Spitzen spielte und Hunt / Bargfrede die Halbpositionen besetzte. Auch Twente hatte (teils aufgrund von Verletzungen) auf mehreren Positionen umgestellt, am auffälligsten im 3er-Mittelfeld. Neben Landzaat spielte Bengtsson und leicht davor versetzt de Jong.

Werder spielte von Beginn an engagiert nach vorne und versuchte, die Niederländer durch die Überzahl im Mittelfeld unter Druck zu setzen. Wesley und nach einiger Zeit auch Prödl gingen häufig mit nach vorne und sorgten für einige Flanken (Prödl) und Torschüsse (Wesley). Insgesamt stimmte jedoch die Abstimmung in den einzelnen Mannschaftsteilen nicht. Marin hielt seine Position im Zentrum zwar besser als in seinen letzten Spielen auf der Position, konnte aber nur selten gefährliche Situationen einleiten, weil er noch immer den Ball zu lange hält, statt das Spiel schnell zu machen. Hunt zog es häufig in die Mitte, doch die flüssigen Wechselspiele im Mittelfeld waren auch für die eigene Mannschaft ein Risiko. Obwohl Jensen vor der Abwehr ein gutes Spiel machte, kam Twente immer wieder in hohem Tempo auf die Innenverteidiger zu. Mit ein, zwei vertikalen Pässen ließ sich Werder komplett überspielen und bei besserer Chancenverwertung hätte Twente schon zur Halbzeit den einen oder anderen Konter nutzen können. Neben dem eigenen Unvermögen der Stürmer war es auch der (wieder einmal) bärenstarke Mielitz, der für Werder hinten die Null festhielt.

Auf der anderen Seite hatte auch Werder genügend Chancen, um das Spiel in die richtige Richtung zu lenken. Die größte davon vergaben kurz vor der Pause Pizarro, der mit seinem Schuss den Pfosten traf, und Almeida, der den Abpraller aus fünf Metern nicht verwerten konnte, weil er den Ball nicht unter Kontrolle bekam. Zur Pause war das Unentschieden für beide Mannschaften durchaus verdient, wobei das 0:0 als Ergebnis angesichts des Spielverlaufs etwas absurd erschien. Nach dem Wechsel ging es in hohem Tempo weiter und beide Teams taten viel dafür, die Eindrücke aus der ersten Hälfte zu bestätigen. In Person von Hugo Almeida vergab Werder auch die größten Chancen und brachte die Fans zum Verzweifeln. Erst köpfte der Portugiese nach dem einzigen gefährlichen Freistoß des Abends aus fünf Metern in die Arme des Twente-Keepers, dann vergab er eine Eins-gegen-Eins-Situation, in der er versuchte, den Schlussmann zu umspielen und dann den Ball nicht ins Tor schieben konnte. Auf der anderen Seite lenkte Mielitz einen Schuss des frei vor ihm auftauchenden Chadli gerade noch an den Pfosten.

Langsam machte sich Resignation breit bei Werder. Schaaf brachte Arnautovic für Bargfrede und somit noch mehr Offensivpower, doch Werders Aktionen wirkten zunehmend verzweifelt. Eine Viertelstunde vor Schluss kam Twente ein weiteres Mal mit einem Konter vors Bremer Tor und Frings musste sich als letzter Mann mit einem Foul kurz vor dem Strafraum behelfen. Die folgende rote Karte war für Werder zuviel an diesem Abend und Twente setzte in der Schlussphase den Todesstoß. Erst verpasste Wisgerhof auf freundliche Einladung von Jensen beim Freistoß nach Frings Herausstellung völlig frei aus 10 Metern die Führung. Doch dann fiel das Tor, wie es in diesem Spiel wohl nur fallen konnte: Ein Schuss von Chadli wurde von Jensen abgefälscht und trudelte vorbei an Mielitz ins Tor. Werder fand nicht mehr zurück ins Spiel und musste kurze Zeit später durch einen Kopfball von de Jong noch das 0:2 hinnehmen.

Warum hat Werder dieses Spiel verloren?

Grund 1: Chancenverwertung. In einem solch offenen Spiel muss man seine Chancen besser nutzen, als es Werder tat. Schon gegen die Bayern und gegen Nürnberg konnte man selbst beste Torgelegenheiten nicht nutzen. Gegen Twente erfuhr dies noch einmal eine Steigerung. Die beiden Torhüter waren herausragend, Mielitz gehört für mich jetzt schon zu den besten Werderspielern dieser Saison. Schaut man sich die Torschüsse an, sieht man jedoch einen Unterschied zwischen den beiden Mannschaften*:

Torschüsse Werder Bremen

Werder Bremen: 22 Schüsse, 9 davon aufs Tor

Werder bekam kaum Schüsse innerhalb des Strafraums auf Twentes Tor. Die platzierten Schüsse kamen fast alle von außerhalb. Ausnahme: Die Kopfballchance von Almeida in die Arme des Torhüters. Vor dem Tor versagten Werder die Nerven.

Torschüsse FC Twente

FC Twente: 16 Schüsse, 7 davon aufs Tor

Twente war im Strafraum gefährlicher, zwang Mielitz zu mehr Paraden aus kurzer Distanz. Dem Torwart ist es zu verdanken, dass die Führung erst durch einen abgefälschten Schuss aus der Distanz zustande kam.

Grund 2: Starker Gegner. Twente ist international sicher nicht die ganz große Hausnummer, doch es gibt einen Grund dafür, dass das Team erst eine Pflichtspielniederlage in dieser Saison einstecken musste – und Werder derer schon acht. Die Mannschaft versteht sich blendend aufs Kontern. Im Gegensatz zum (enttäuschenden) Hinspiel zeigten sich die Holländer stark verbessert und hätten auch schon vor Frings Platzverweis das eine oder andere Tor machen können, wenn sie ihre Konter konsequenter zu Ende gespielt hätten. Der Unterschied zwischen dem Twente aus dem Hin- und aus dem Rückspiel wird am deutlichsten, wenn man sich die “Player Influence”, also den Einfluss der einzelnen Spieler auf das Spiel, anschaut:

Twente Spielereinfluss Hinspiel

FC Twente: Player Influence, Hinspiel

Im Hinspiel waren Spieler der Viererkette die einflussreichsten Spieler bei Twente (ohne Wisgerhofs Verletzung wäre vermutlich auch der rechte Innenverteidiger darunter). Es wurde auf Höhe der Mittellinie viel quer gespielt und kaum ein vernünftiger Angriff aufgebaut.

Twente Spielereinfluss Rückspiel

FC Twente: Player Influence, Rückspiel

Im Rückspiel war Ruiz die überragende Figur in Twentes Spiel. Nach Ballgewinn wurde schnell und vertikal nach vorne gespielt (daher die “kleinen” Innenverteidiger) und Werders Mittelfeld schnell überbrückt. Damit kam Werder über die vollen 90 Minuten nicht klar.

Grund 3: Torsten Frings. Man kann ihm gar nicht viel vorwerfen, dass er kein guter Innenverteidiger ist. Er begann seine Karriere als Stürmer, spielte dann im rechten Mittelfeld und als Rechtsverteidiger, bevor er zum zentralen Mittelfeldspieler umgeschult wurde. Frings ist nicht mehr der Schnellste, verfügt für einen Sechser auch nicht über ein außergewöhnlich gutes Stellungsspiel und ist dazu auch nicht wirklich groß oder kopfballstark. Als Innenverteidiger war er völlig überfordert, ließ sich häufig schon hoch an der Mittellinie überspielen und bekam Ruiz, der immer wieder von rechts in die Mitte zog, zu keiner Zeit in den Griff. Exemplarisch für seine Probleme hier alle seine Tacklings:

Torsten Frings Tackles

Torsten Frings Tacklings: 1 erfolgreich, 4 unerfolgreich

Am Ende opferte sich Frings mit der roten Karte, nachdem ihn Schaaf schon vor dem Spiel geopfert hatte. Wenn dies die Alternative zu Silvestre ist, sollte man ihn wohl trotz Pfeifkonzert wieder spielen lassen.

Werder ist innerhalb einer Woche aus DFB-Pokal und Europapokal (wenn auch nicht rechnerisch) ausgeschieden und verpasste es, in der Bundesliga in die Spitzengruppe vorzustoßen. Noch dazu in drei Spielen, die man bei besserer Chancenverwertung wohl allesamt gewonnen hätte. Das muss erstmal verdaut werden, von Mannschaft und Fans.

* Alle Grafiken: Total Football