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Warum Silvestre so spielt, wie er spielt

An dieser Stelle muss er sich wie in einem schlechten Film gefühlt haben. Claudio Pizarro spielt im Mittelfeld einen Ball mit der Hacke in die Füße eines Stuttgarters. Der Ball landet im Mittelfeld bei Timo Gebhart. Sebastian Prödl verlässt seine Position in der Innenverteidigung und kommt ihm einige Meter entgegen. Mikael Silvestre muss schnell ins Zentrum rücken, um die Lücke zu schließen. In seinem Rücken läuft sich Ciprian Marica frei und bekommt den Ball zugespielt. Also wieder zurück auf die linke Seite, doch es ist schon zu spät. Bevor er ein Bein in die Schussbahn bekommt, hat Marica denn Ball schon im langen Eck versenkt. Gerade einmal 10 Minuten gespielt und schon ist er wieder der Sündenbock.

Es ist wirklich keine leichte Zeit für Mikael Silvestre, der vor 10 Wochen als Last-Minute-Transfer in Bremen vorgestellt wurde. 10 Jahre Champions League in Folge, da kann nicht einmal Claudio Pizarro mithalten. Eine blitzsaubere Karriere hat er hingelegt, bei Inter Mailand, Manchester United und Arsenal gespielt. Champions League Sieger war er, vor gerade einmal 2 1/2 Jahren. Ein Fakt, der nun gerne in der Berichterstattung verwendet wird, um die Fallhöhe noch zu vergrößern. Dass Silvestres Anteil an Uniteds Champions League Sieg ungefähr so groß war, wie Marco Reichs Anteil an Werders Meisterschaft 2004, wird dabei gerne verschwiegen. Ganze zwei Einsätze hatte er nach seiner schweren Verletzung, die ihn einen Großteil der Saison verpassen ließ, zu verzeichnen: Einen über 90 Minuten und einen weiteren, bei dem er in der Nachspielzeit eingewechselt wurde. Seinen Stammplatz in Manchesters Viererkette hatte er da schon längst an Patrice Evra und Nemanja Vidic verloren.

Grund 1: Überzogene Erwartungen

Angesichts seiner Vita waren die Reaktionen auf Silvestres Verpflichtung weitgehend positiv. Von ihm versprachen sich viele Fans die langersehnte Stabilisierung der linken Bremer Abwehrseite. Vergleiche mit Leverkusens Sami Hyypiä wurden gezogen und die günstigen Vertragsmodalitäten (keine Ablöse, geringes Grundgehalt) deuteten auf einen weiteren Coup des Bremer Sportdirektors hin. Die ersten Trainingsberichte in den Werderforen waren euphorisch. Silvestre sei überaus ballsicher, mache kaum Fehler, stehe immer richtig und gewinne jeden Zweikampf. Alles in allem der vielleicht beste Linksverteidiger, den wir jemals hatten.

Auch im Verein war die Vorfreude auf Silvestre groß. Die Geduld mit Werders Lieblingssorgenkind Sebastian Boenisch war aufgebraucht und in Petri Pasanen hatte man mehr einen Notnagel, denn einen wirklichen Konkurrenten für die linke Seite. Die Aufgabenverteilung schien klar: Silvestre sollte mit seiner Routine vorübergehend die linke Abwehrseite dicht machen und Boenisch mittelfristig dabei helfen, den Schritt zum klasse Außenverteidiger endlich zu schaffen. Von allen Seiten wurde Silvestre für sein Engagement und seine positive Ausstrahlung gelobt. Nachwuchsspieler Timo Perthel wurde mangels Perspektiven im Profikader an Sturm Graz ausgeliehen. Endlich gab es mit Silvestre, Boenisch und Notnagel Pasanen wieder eine adäquat besetzte linke Seite.

Grund 2: Fehlende Vorbereitung

Es kam jedoch anders. Nach den ersten beiden Spielen, in denen Silvestre durchaus zu überzeugen wusste, verletzte sich Boenisch schwer und konnte seitdem noch nicht wieder ins Geschehen eingreifen. Mit Petri Pasanen fehlte zeitweise auch die zweite Alternative verletzungsbedingt in Werders Kader. Die Folge: Silvestre musste bislang weitgehend durchspielen. 12 von 14 Pflichtspielen hat er seit seiner Verpflichtung für Werder bestritten, dabei meist über 90 Minuten auf dem Platz gestanden. Silvestre selbst betont, dass ihm die viele Spielpraxis dabei geholfen habe, seine körperliche Fitness wiederherzustellen: “Normalerweise braucht man anderthalb Monate, um wieder voll im Saft zu stehen, die sind jetzt vorbei. (…) Ich habe hart gearbeitet und jetzt läuft es wieder.”

Auf dem Platz hat man jedoch nicht das Gefühl, dass Silvestre körperlich voll im Saft steht. Das liegt zum einen an der über die Jahre verloren gegangenen Spritzigkeit. Zum anderen liegt es auch an fehlender Reaktionsschnelligkeit. Es macht eben einen Unterschied, ob man im Training starke Leistungen bringt oder unter Wettbewerbsbedingungen, wo das Tempo höher und die Konsequenzen schärfer sind. Gerade für Spieler, die sich in ihrer Karriere immer auf ihre Ruhe am Ball verlassen konnten, ist es schwer damit zurecht zu kommen, wenn der Körper die Aktionen eine Zehntelsekunde langsamer umsetzt, als man es gewohnt ist. Silvestre hatte damit schon bei seinen sporadischen Einsätzen für Arsenal zu kämpfen. Auch dort war er fehleranfällig und zeigte die Elemente seines Spiels, die derzeit die Bremer Fans zur Weißglut bringen. Die wenige Spielpraxis, die Silvestre in den letzen Jahren sammeln durfte (insgesamt 70 Pflichtspiele seit Sommer 2006), hat ihre Spuren hinterlassen. Ohne richtige Vorbereitung in eine Saison zu starten, kann in dieser Situation nicht hilfreich sein.

Grund 3: Mangelnde Unterstützung

Die Spielpraxis, die Silvestre nun erhält, mag ihn auf seinem Weg zurück zu alter Klasse unterstützen. Leider kann es sich Werder momentan nicht leisten, einen Spieler wie ihn in der Mannschaft zu haben. Eine funktionierende Innenverteidigung und ein funktionierendes defensives Mittelfeld könnten sicher viele von Silvestres Schwächen kompensieren. In dieser Saison funktioniert bei Werder insgesamt ziemlich wenig. Von Marko Marin, der meistens vor Silvestre auf der linken Außenbahn spielt, kann er ebenfalls keine Unterstützung erwarten. Die linke Mittelfeldseite ist allzu häufig verwaist, wenn der Gegner in Ballbesitz kommt. Wenn nun ein schneller Flügelspieler mit Tempo auf Silvestre zu gerannt kommt, hilft nur noch beten. Dazu kommen individuelle Fehler, wie der Aussetzer im Spiel gegen Nürnberg, der ein heftiges Pfeifkonzert zur Folge hatte. Fehler wie diese lassen sich nur schwer wieder ausbügeln.

Zweifellos hat Silvestre bislang auf dem Platz enttäuscht. Seine Leistungen waren zu einem großen Teil schwach und diesen Umstand kann man nicht wegdiskutieren. Dennoch war er nicht der große Schwachpunkt seiner Mannschaft, zu der er in den letzten Wochen gerne gemacht wurde. Viele der Situationen, die Silvestre angekreidet wurden, waren Folge einer Fehlerkette, an deren Ende der Franzose als schwächstes Glied nun einmal stand. Als Außenverteidiger hat man es generell nicht einfach, schon gar nicht bei Werder, wo nahezu keine Absicherung durch die Innenverteidiger stattfindet, weil gerne auf Abseits gespielt wird. Silvestres fehlende Schnelligkeit kennen die Gegner inzwischen gut und nutzen sie selbstverständlich auch aus. Es liegt nicht nur am Spieler, sondern auch an seinen Nebenleuten, für solche Situationen Lösungen zu finden. Leider ist das Ausbügeln individueller Schwächen die größte Schwäche der Bremer Mannschaft in diesen Tagen (wie man schon daran sieht, dass Marko Marin im gegnerischen Strafraum Kopfballduelle bestreitet). Ob dies an der taktischen Einstellung oder Problemen innerhalb der Mannschaft liegt, sei dahingestellt.

Grund 4: Die Angst vor dem Fehler

Jeder kennt doch diese Situation: Man hat einen Fehler gemacht und möchte es beim nächsten Mal besonders gut machen, um zu beweisen, dass es eben nur ein Fehler war, dass man es eigentlich besser kann. Dann kommt man erneut in die Situation und mach wieder genau den gleichen Fehler. Die Angst vor dem Fehler lässt einen verkrampfen und unter Druck die falschen Entscheidungen treffen. Fußballprofis erleben solche Situationen immer wieder. Sie werden darauf hin trainiert, bekommen Strategien eingebläut, wie sie sich aus solchen scheinbar ewigen Negativkreisläufen befreien können. Trotzdem finden sich immer wieder Spieler in diesem Teufelskreis wieder. Manchmal gehen sie gestärkt aus ihnen hervor (erinnert sich noch jemand an die Leiden des Brasilianers Chris, der in Leverkusen 2003 eine Horror-Saison hinlegte und danach bei Olympique Lyon Karriere machte?), manchmal zerbrechen sie daran.

In keinem Fall hilfreich sind die Pfiffe und Beschimpfungen seitens der eigenen Fans, die Silvestre zuletzt aushalten musste. Die Diskussion darüber, ob man als Fan die eigenen Spieler auspfeifen darf oder nicht, kocht alle paar Jahre wieder einmal hoch. Dabei ist diese Fragestellung eigentlich nicht entscheidend. Die Frage sollte viel mehr sein: Welchen Sinn macht es, eigene Spieler auszupfeifen, noch dazu während des Spiels? An dieser Stelle muss sich der Fan entscheiden, welcher Aspekt des Fußballs ihm wichtiger ist: Der Frustabbau, weil ein paar Millionäre ihren Job nicht so ausführen, wie man von ihnen erwartet oder die Unterstützung der eigenen Mannschaft. Diese Entscheidung muss jeder Fan für sich selbst treffen. Es sollte nur jedem Fan klar sein, dass die Pfiffe nicht ohne Wirkung beim entsprechenden Spieler bleiben. Man macht es Mannschaft und Trainer somit in einer schwierigen Situation zusätzlich schwer, zumal die Alternativen für Silvestres Position momentan fehlen.

Was nun?

Es stellt sich aus heutiger Sicht natürlich die Frage, warum Werder Mikael Silvestre überhaupt verpflichtet hat. Eine Frage, die ich mir schon vor seinem ersten Spiel für Werder stellte. Ein genauerer Blick zeigt, dass Silvestre schon jetzt positive Spuren bei Werder hinterlassen hat, die jedoch fast alle außerhalb des Spielfelds liegen. Seine Einstellung und sein Trainingseifer sind bemerkenswert. Seine positive Ausstrahlung trotz aller sportlichen Rückschläge ebenfalls. Silvestre ist ein Musterprofi, von dem seine Mitspieler sicher noch einiges lernen können. Für diese Rolle allein wurde er jedoch nicht nach Bremen geholt. Er soll auch auf dem Platz eine Führungsfigur sein, was jedoch bedingt, dass er seine eigene Position weitgehend im Griff haben muss. Die Vorraussetzungen waren denkbar schlecht, um sich von ihm eine sofortige Verstärkung zu versprechen. Durch die Verletzung von Sebastian Boenisch wurden Schaafs Pläne gründlich durcheinander gewirbelt, doch diese Möglichkeit muss man im Fußball immer mit einplanen. Natürlich kann gerade ein Verein wie Werder keine drei bis vier nahezu gleichwertigen Spieler für ein und dieselbe Position parat halten. Dennoch stößt das Fehlen eines geeigneten Nachwuchsspielers sauer auf. Timo Perthel kommt beim Tabellenführer der österreichischen Bundesliga regelmäßig zum Einsatz. Bei Werder muss Mittelfeldspieler Wesley immer wieder als Außenverteidiger ran.

Werder hat sich bewusst für diesen Weg entschieden und es bleibt dem Verein und dem Trainer keine andere Wahl, als ihn weiterzugehen – zumindest bis zur Winterpause. Dann wird man erneut entscheiden müssen. Der Markt an guten und verfügbaren Außenverteidigern ist nicht groß, im Winter noch weniger als im Sommer. Einen Nachwuchsspieler wie Abdennour wird man kein zweites Mal ins kalte Wasser werfen. Wird man sich auf eine Leistungssteigerung von Silvestre verlassen, wenn dieser eine komplette Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert hat? Wird man auf den Rekonvaleszenten Boenisch setzen? Beide Varianten werden die Fans nicht zufrieden stellen. Die linke Abwehrseite wird bis auf weiteres ein Sorgenkind in Bremen bleiben. Leider ist dies bei weitem nicht das größte Problem, vor dem Werder in diesem Herbst steht.