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11. Spieltag: Details

Werder Bremen – VfB Stuttgart 2:0 (1:0)

Werder bezwingt Stuttgart mit einer engagierten und gut organisierten Leistung. Skripniks taktische Ideen neutralisieren das Stuttgarter Offensivspiel über weite Strecken. Zwei Ecken sorgen für die Entscheidung zugunsten Werders.

Die Rautenevolution geht weiter

Es hatte sich an den Tagen vor dem Spiel bereits angedeutet, dass Skripnik in seiner Heimpremiere ohne Obraniak und Aycicek beginnen würde. Stattdessen kehrte der zuvor aussortierte Elia zurück ins Team (was heißt eigentlich “Fingerspitzengefühl” auf Ukrainisch?). Was so manchem Fan Schweißperlen auf die Stirn trieb, stellte sich als cleverer Schachzug heraus, denn Skripnik setzte taktisch dort an, wo er in der zweiten Halbzeit gegen Mainz aufgehört hatte. Er hob die “Pseudo-Raute”, die Spielverlagerung letzte Woche erkannte, sozusagen auf die nächste Stufe.

Werder Bremen defensiv

Werder im 4-4-1-1 / 4-3-2-1 Zwitter gegen den Stuttgarter Spielaufbau

Gegen den Ball spielte Werder meist ein 4-4-1-1, mit Elia in einer passiven Rolle zwischen Stoßstürmer Di Santo und einer Viererkette aus Bartels, Fritz, Kroos und Junuzovic. Auf Angriffspressing verzichtete Werder über weite Strecken des Spiels, lediglich Di Santo lief ab und zu die gegnerischen Innenverteidiger an. Elia hingegen begnügte sich damit, die Passwege halblinks vor den beiden Viererketten zuzustellen und rückte manchmal sogar weit mit ein. Auf der rechten Seite gab es ein sehr interessantes Wechselspiel zwischen Fritz und Bartels, die häufiger die Positionen tauschten (was unter anderem mit Bartels Offensivrolle zusammenhing, doch dazu später mehr) und abwechselnd aus der Kette herausrückten. So ergaben sich immer wieder 4-3-2-1 Formationen, die schon gegen Mainz zu erkennen waren. Alles in allem war das Defensivspiel darauf ausgelegt, das Zentrum dicht zu machen und den Stuttgarter Aufbau auf den Flügel zu lenken.

Werder offensiv: Die Formation kippt zur Raute

Werder offensiv: Die Formation kippt mit vielen Diagonalbewegungen zur Raute

Bei eigenem Ballbesitz formierte sich Werders Mittelfeld auf recht interessante Weise um. Bartels übernahm die Rolle des Zehners, der in dieser Variante der Raute jedoch keinen Spielgestalter gab, sondern sich als Durchlaufstation hinter den beiden Spitzen postierte, teilweise sogar zu ihnen aufschloss. Elia spielte wie erwartet sehr linkslastig und ging auch offensiv häufig auf den linken Flügel. Junuzovic rückte als linker Rautenspieler ebenfalls weit mit auf. Die unter Dutt zu beobachtenden Linkslastigkeit war also immer noch präsent, wenn auch in etwas anderer Form. Allein durch diese unterschiedliche Positions- und Rollenverteilung in Defensive und Offensive ergaben sich einige interessante Rochaden im Mittelfeld, auf die sich der VfB einstellen musste. Werder bespielte nach Balleroberung im Mittelfeld die Lücken in der Stuttgarter Defensive mit direkten Vertikalpässen und kam einige Male gut durch die Halbräume an den Strafraum (so etwa bei den beiden Chancen durch Junuzovic).

Zwei Ecken entscheiden unterdurchschnittliches Spiel

Insgesamt war Werders Offensivspiel jedoch weiterhin geprägt von vielen Ungenauigkeiten im Passspiel, teils schwacher Ballverarbeitung und individuellen Fehlern bei der Entscheidungsfindung (Elia!). Letztlich war man daher aus dem Spiel heraus kaum gefährlich. Gerade das eigene Aufbauspiel weist noch viele Schwächen auf. Zum Glück für Werder hat der VfB ein massives Problem beim Verteidigen von Freistößen und Eckbällen, das im Duell zweier unterdurchschnittlicher Teams letztlich entscheidend war. Prödls Kopfballtor ist schwer zu verteidigen und fällt für mich in die Kategorie “kann mal passieren” (ein halber Scorerpunkt geht an Di Santo für sein Blockieren). Das Tor von Bartels darf hingegen aus Stuttgarter Sicht niemals fallen, so schön es auch in der Umsetzung war. Wie man als raumdeckendes Team eine flache Ecke an den Elfmeterpunkt zulassen kann, wird wohl ein Geheimnis des VfB bleiben – Armin Veh war jedenfalls sehr verärgert nach dem Spiel.

Der Bremer Sieg ist aufgrund dieser Schwäche des Gegners verdient, wenngleich Werder in der ersten Halbzeit auch etwas Glück hatte, als zunächst Gentner frei vor dem Tor eine Hereingabe mit dem Kopf nicht richtig erwischte und kurz darauf Wolf mit starker Parade gegen Harnik rettete. Nach dem 2:0 schien der Widerstand des VfB jedoch gebrochen. Wie schon in Mainz gelang es Werder mit zunehmendem Selbstvertrauen immer besser, die eigene Ordnung und den Gegner fern vom Tor zu halten. So hatte Stuttgart zwar über die kompletten 90 Minuten mehr vom Ball, verbrachte aber erhebliche Zeit damit, denselbigen durch die Abwehrreihe laufen zu lassen. Gefährliche Zuspiele an den Strafraum waren nur selten zu sehen, auch wenn in der ersten Halbzeit einige gute Diagonalbälle von links in den Strafraum gespielt wurden.

Nordderby und ein Nordlicht

Es lässt sich darüber streiten, ob die Länderspielpause für Werder zur Unzeit oder genau rechtzeitig kommt. Für die erstgenannte Theorie spricht das Momentum, jenes wunderbare Phänomen, das sich seit dem Trainerwechsel zu Werders Gunsten gedreht zu haben scheint. Dagegen sprechen die zahlreichen spielerischen Mängel in Werders Spiel, an denen in den zwei Wochen vor dem Nordderby gearbeitet werden kann. Während sich Skripniks Handschrift bislang nur auf einige wenige, aber durchaus wichtige, Umstellungen sowie eine stark veränderte Ansprache beschränkt, könnte beim Spiel in Hamburg bereits ein größerer Fortschritt im spielerischen Bereich erkennbar sein.

Nachdem Elia erneut nicht überzeugt hat, könnte Dutt Skripnik wieder auf einen seiner beiden Spielmacher in der Startelf setzen. Fin Bartels – dessen Rolle gegen Stuttgart zum Interessantesten gehörte, was Werder in dieser Saison taktisch zu bieten hatte – dürfte dann wieder neben (bzw. hinter) Di Santo rücken. Als intelligenter und konterstarker Spieler ist Bartels für Werder derzeit viel wichtiger, als ihm viele vor der Saison zugetraut hätten. In einer Zeit, in der Werder häufig im Zusammenhang mit verbranntem Kapital und Transferflops genannt wird, ist das eine willkommene Abwechslung.

Robin Dutt und die Suche nach der Balance

Es hat sich nicht unbedingt angedeutet, dass nach nur fünf Spieltage dieser Saison eine Trainerdiskussion beginnt. Nachdem Robin Dutts Team in den bisherigen Spielen mehr Fragen als Antworten aufgegeben hat, scheint es jedoch ohnehin nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Diskussion den Verein erreicht.

Lost in transition

Wirklich schlecht hat Werder bislang kaum gespielt in dieser Saison. Im Pokal war die Leistung über weite Strecken schwach. Gegen Hertha schien sich diese zu bestätigen, doch immer wieder konnte Werder zulegen und war insgesamt spielerisch mit den Gegnern auf Augenhöhe – Leverkusen einmal außen vor. Dennoch hat Werder in dieser Saison wieder etwas sehr Fragiles an sich, das man letzte Saison (trotz der insgesamt 66 Gegentore) überwunden glaubte. Der unverkennbare offensive Fortschritt steht auf tönernen Füßen. Robin Dutt sieht den Grund für die 13 Gegentore nicht in der offensiveren Spielweise und in der Tat war es nur selten so, dass Werder ausgekontert wurde oder sich hinten in Unterzahl befand. Und doch ist Robin Dutt bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er mit seiner Mannschaft auch dann erfolgreich sein kann, wenn der Fokus nicht komplett auf der Defensive liegt.

Zu Beginn der letzten Saison und zu Beginn der Rückrunde zeigte Werder jeweils erschreckende fußballerische Mängel, konnte jedoch mit konzentriertem und sehr simplem Defensivfußball genügend Punkte holen, um sich aus dem gröbsten Abstiegssumpf herauszuhalten. Es gab auch zu jener Zeit Spiele, in denen Werder völlig unterging. Schön anzusehen war der Stil ohnehin nicht. Aber er war pragmatisch genug, um trotz spielerischer Unterlegenheit genügend Punkte zu holen. Dazwischen gab es eine Phase, in der Dutt mehr Offensive gewagt hat und damit kräftig auf die Nase gefallen ist. Zwischen dem 10. und dem 16. Spieltag kassierte man 25 Gegentore (3,6 pro Spiel). Gängige Meinung damals: Der Schritt kam zu früh für die Mannschaft, also kehrte man zum Defensivstil zurück. Im letzten Saisondrittel gab es einen erneuten Versucht und diesmal schien der Weg erfolgreicher zu sein. Mit dem Rückenwind des fast sicheren Klassenerhalts steigerte sich Werder spielerisch. Es bildeten sich mehr feste Abläufe in Werders Spiel. Dutt hielt an einem System und einem Kreis von 13-14 Spielern fest. Es war der Anfang einer fußballerische Entwicklung, die man lange Zeit in der Saison vermisst hatte.

Eine Fortführung dieser Entwicklung war für diese Saison erhofft worden und eigentlich kann man nicht bestreiten, dass Werder sich diesbezüglich auf eine recht guten Weg befindet – wenn die alten Defensivschwächen nicht aufgetreten wären. Es wäre falsch, diese ausschließlich auf individuelle Fehler zu schieben, doch es ist schon frappierend, wie häufig Werder in Situationen Gegentore kassiert, in denen das Team eigentlich recht geordnet steht. Das Tor zum 1:1 in Augsburg war ein gutes Beispiel hierfür. 20 Meter vor dem eigenen Tor einen ballführenden gegnerischen Spieler nicht unter Druck zu setzen, kann man sich in der Bundesliga nicht erlauben. Dass Fritz seinen Gegenspieler aus den Augen verliert, nachdem Augsburg von der ersten Minute an versucht hatte, die Bälle in seinen Rücken zu spielen, kommt erschwerend hinzu.

O captain, my captain

Hier wären wir leider auch schon beim nächsten Problem: Der Kapitän hat einen Punkt erreicht, an dem er eigentlich spielerisch nicht mehr tragbar ist für seine Mannschaft. So wichtig er im sozialen Gefüge des Teams sein mag, so sehr trägt er in der Defensive zur Verunsicherung der Mannschaft bei. Bereits im ersten Spiel der Saison in Illertissen verschuldete Fritz auf erschreckende Weise ein Gegentor. Das Tor war exemplarisch für die Schwächen, die sich wie ein roter Faden durch die letzten beiden Jahre ziehen. Selbst im Strafraum wird der aktive Zweikampf gescheut, getreu dem Motto: Lieber den Gegner schießen lassen, als von ihm ausgetanzt zu werden. Das ist Alibifußball, den man sich als Kapitän nicht erlauben darf.

Es ist ohnehin frappierend, wie häufig Fritz offenkundig abschaltet, schon bevor das Gegentor gefallen ist, wie zum Beispiel beim 0:1 gegen Hoffenheim, als Fritz zunächst fragwürdig einrückte und dann an der Strafraumgrenze stehen blieb, statt auf einen eventuellen Abpraller zu spekulieren. In Berlin gab es eine ähnliche Szene beim 0:1. In beiden Fällen hätte Fritz das Gegentor nicht mehr verhindern können, doch dass er dies schon vorher als gegeben sieht und an der Stelle das Mitspielen einstellt, ist ein schlechtes Zeichen an die Mannschaft. Nicht zufällig wird von den meisten Gegnern inzwischen Werders rechte Abwehrseite von den Gegnern gezielt angespielt und auch Dutts Präferenz für einen sehr linkslastigen Angriffsstil dürfte unter anderem darauf abzielen, für ein wenig Entlastung auf den Schultern des Kapitäns zu sorgen.

Die ersten Saisonspiele haben deutlich gemacht, dass der Wechsel hin zu Busch (bzw. Zander) eher früher als später erfolgen muss. Zumindest aber braucht Fritz wie in der letzten Saison viel Unterstützung vom Spieler vor ihm. Ein Konterspieler wie Bartels ist da nicht ideal. Gut denkbar daher, dass Busch zunächst die Rolle von Selassie aus der letzten Saison übernimmt und zusammen mit Fritz die rechte Seite dicht machen soll.

Aufs falsche Pferd gewettet?

Bartels könnte somit auf die andere Seite hinüber wechseln, wo Eljero Elia weiterhin sein bekanntes, phlegmatisches Spiel an den Tag legt. Den immer wieder durchschimmernden starken Aktionen folgen genauso regelmäßig absurde Fehler und zeitweiliges Abtauchen. Dazu kommen die bekannte Abschlussschwäche (die Werder gegen Schalke eines der schönsten Kontertore der letzten Jahre verwehrte) und die mentale Anfälligkeit, die ihn gegen Augsburg und Schalke völlig aus dem Spiel brachte. Für einen Spieler seiner Gehaltsklasse und mit seiner Erfahrung ist das viel zu wenig.

Umso erstaunlicher ist es, dass Dutt den in der U23 groß aufspielenden Aycicek genauso wenig beachtet, wie den in Ungnade gefallenen Obraniak. Aycicek wurde durch die Ausfälle am Dienstag zumindest in den Kader gespült und kam zu seinem ersten Saisoneinsatz. Obraniak scheint nur noch gebraucht zu werden, um den freien Platz auf der Bank auszufüllen. Es müsste wohl schon einiges passieren, damit der Pole noch einmal ins Team rutscht. Da auch Neuzugang Hajrovic noch weit davon entfernt ist, die Mannschaft spielerisch zu beleben, bleibt ein riesiger Berg an Verantwortung auf Zlatko Junuzovics Schultern liegen. Als offensiverer (oder auf vertikaler) Sechser ist er Werders wichtigster Umschaltspieler, der – auch systembedingt durch das Fehlen eines 10ers im 4-4-2 – einen riesigen Raum zwischen Abwehrkette und Sturmspitze beackern muss. Ein wenig erinnert dies an seine Rolle vor zwei Jahren in Schaafs 4-1-4-1- System. Anders als damals hat er heute jedoch einen weiteren Sechser neben bzw. hinter sich. Leider zeigt Gálvez in der Position trotz vielversprechender Ansätze bisher mehr Schatten als Licht. Insbesondere im Zweikampfverhalten tut sich der gelernte Innenverteidiger in der ungewohnten Rolle noch schwer.

Viel Richtiges im Falschen

Die Gefahr der drei Unentschieden zu Beginn war immer, dass sie im Licht der folgenden Ergebnisse gedeutet werden würden. Vor acht Tagen war Werder noch ohne Niederlage, heute ist man fünf Spiele sieglos. Solche Serien haben Auswirkungen auf den mentalen Zustand der Mannschaft. Gegen Schalke hatte Werder zum ersten Mal nach dem Rückstand nichts mehr gegenzusetzen. Die individuellen Fehler von Wolf und Galvez wogen zu schwer, als dass Werder gegen die folglich selbstbewussteren Schalke eine erneute Aufholjagd starten konnten. Die Gewissheit, Rückstände drehen zu können, die sich in den Köpfen der Spieler verfestig zu haben scheint, beginnt spätestens jetzt zu bröckeln. Es war ohnehin klar, dass dies nicht über längere Zeit möglich sein würde – wer ständig in Rückstand gerät, verliert die meisten Spiele.

Nun droht sie die Entwicklung zu verselbstständigen, wie so häufig im Fußball. Ich halte Dutt für einen geeigneten Trainer, um dagegen zu lenken. Seine größte Stärke war bislang sein Pragmatismus, der in Bremen schon für einige Verwirrung gesorgt hat. Vielleicht muss Dutt dazu jedoch erneut von seinem eingeschlagenen Weg abweichen und würde somit zum zweiten Mal eingestehen, dass Werders spielerischer Entwicklung das Fundament fehlte. Eine Rückkehr zum Stil der letzten Saison wünscht sich vermutlich niemand, doch ich glaube nicht, dass Dutt davor zurückschrecken würde, wenn er es für den einzigen Weg aus dem Tabellenkeller hielte. Eine erneute Niederlage heute gegen Wolfsburg könnte den entscheidenden Anstoß dafür liefern, denn dann wird auch Dutt wissen, dass all seine Bemühungen ein Spiel auf Zeit sind, solange Werder im Tabellenkeller steht.

Solange der größte Trumpf des Teams, die immer wieder betonte “Mentalität” der Mannschaft, nicht zu bröckeln beginnt, wird Dutt intern meiner Auffassung nach den nötigen Rückhalt bekommen. Die Mannschaft machte auf mich bislang nicht den Eindruck, dass ihr grundsätzlich etwas fehle, um in der Bundesliga mitzuhalten. Auch gegen Schalke machte man vieles richtig und hätte gegen die taktisch nicht überzeugenden und spielerisch verunsicherten Gäste durchaus gewinnen können. Zum Abschluss ein sinngemäßes Zitat, das ich vor kurzem im Worum aufgeschnappt habe und das ich sehr treffend finde: Es sind schon häufiger Mannschaften aus der Bundesliga abgestiegen, die vieles richtig gemacht haben, in der letzten Saison zum Beispiel Nürnberg. Es kommt vielmehr darauf an, wenig falsch zu machen.

Treffender kann man Werders derzeitige Probleme in zwei Sätzen kaum beschreiben.