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Nur noch Formsache?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein. Fußballdeutschland* überschreitet ihn allerdings traditionell gerne und ohne zu zögern. So lautet die wichtigste Frage vor dem Finale nicht etwa, wie man Argentinien schlagen kann, sondern ob Deutschland dort nur als großer oder doch als haushoher Favorit ins Spiel geht.

7:1 gegen den Gastgeber – eine Einordnung

Man kann das Ergebnis des ersten Halbfinals auf unterschiedliche Weise bewerten. Aus historischer Sicht gehören das Spiel und vor allem das Ergebnis jetzt schon zu den bedeutsamsten Spielen der WM-Geschichte. Höchster Halbfinalsieg, höchste WM-Niederlage Brasiliens, höchste Niederlage eines WM-Gastgebers, Kloses 16. WM-Tor usw. usf.

Aus taktischer Sicht war das Spiel ebenfalls interessant, weil es eines der wenigen Spiele im Turnier war, in denen sich das eine Team kein bisschen auf das andere eingestellt zu haben schien, das andere jedoch hervorragend auf das eine. Brasilien machte nahezu alles falsch in diesem Spiel und es ist schwer begreiflich, wie unglaublich amateurhaft sich Brasilien in der ersten Halbzeit anstellte. Marcelo, Dante, David Luiz und Maicon haben in den letzten vier Jahren alle die Champions League gewonnen und wurden vorgeführt, wie B-Jugendspieler, die zum ersten Mal beim Erwachsenenfußball reinschnuppern durften. Die linke Abwehrseite war offen wie ein Scheunentor, das defensive Mittelfeld nicht präsent, Fred war die falscheste aller Lösungen im Angriff gegen Deutschlands hohe Abwehrlinie. Auch diese Liste lässt sich lange fortführen.

Wie kann so etwas in einem WM-Halbfinale passieren? Wenn eine Mannschaft taktisch so viel falsch macht, ist es unwahrscheinlich, dass die Taktik das Problem ist. Sie dürfte viel mehr Symptom einer rein auf den psychologischen Aspekt des Spiels beschränkten Vorbereitung gewesen sein. Der Druck war für Brasilien ohnehin schon groß genug. Wenn das Spiel dann auch noch darauf reduziert wird, für den verletzten Neymar unbedingt gewinnen zu wollen, brennt den Spielern irgendwann die Sicherung durch. Brasilien hat sich vor dem Spiel zu viel mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit dem Gegner. So gerne ich Scolari mag, das war eine richtig schlechte Coaching-Leistung.

Deutschland nutzte die Fehler Brasiliens gnadenlos aus und lieferte insgesamt ein tolles Spiel ab. Doch auch wenn man sich die Finalteilnahme mit insgesamt starken Leistungen verdient hat, ist das unglaubliche Ergebnis mehr den oben genannten Problemen Brasiliens geschuldet als einer deutschen Leistungsexplosion im Halbfinale.

Das langweilige Gegenstück

Im zweiten Halbfinale quälten Argentinien und die Niederlande einander und die Zuschauer zu einem wenig ansehnlichen 0:0 nach 120 Minuten. Ein Spiel für Taktiker, in dem keines der Teams einen Fehler machen wollte. Der Fokus lag einzig und allein darin, dem Gegner seine Stärken zu nehmen, auch wenn dies auf Kosten der eigenen Stärken ging. Ein klassischer Fall von “Angst essen Seele auf”. Wie man mit sehr viel Seele, aber auch mit Pauken und Trompeten aus dem Turnier fliegen kann, bekamen die Teams ja am Vortag schon von Brasilien vorgeführt.

Welche Rückschlüsse lässt dieses Spiel auf das Finale zu? Sehr wenige. Argentinien zeigte sich bei dieser WM als sehr unangenehmer Gegner, der jedoch von vielen unterschätzt wird. Die Gleichung “Argentinien = Messi und sonst nix” geht nicht auf. Auch nicht nach der Verletzung von Di Maria. Javier Mascherano zählt sicherlich zu den besten Sechsern des Turniers und auch Ezequiel Garay ist ein Garant dafür, dass Argentiniens Defensive sattelfest ist. Die Mannschaft spielt keinen aufregenden, aber sehr erfolgsorientierten Fußball. Der Trainer ist dabei äußerst pragmatisch. Bis zum Halbfinale war Argentinien das Team mit dem meisten Ballbesitz. Gegen die Niederlande, die ihre Stärken vor allem im Spiel gegen den Ball haben, verzichtete Argentinien jedoch auf viel Ballbesitz und überließ dem Gegner die Aufgabe, das Spiel über weite Strecken selbst zu machen. Dabei stellten sie sich so weit hinten rein wie Costa Rica in der Schlussphase des Viertelfinals, sondern verteidigten eher passiv im Mittelfeld und machten das Spiel nach der Balleroberung langsam – eher eine Rarität im modernen Fußball.

Defense wins Championships

Zugegeben: Schön ist der argentinische Ansatz bei dieser WM nicht und man muss die Prämisse vom Erfolg, der alle Mittel heiligt, sicherlich nicht teilen. Es lohnt sich aber, das argentinische Spiel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, um zu verstehen, warum dieses Team im Finale steht. Als einzige Mannschaft lag Argentinien im gesamten Turnier noch nicht im Rückstand und hat in der K.O.-Runde in 330 Minuten kein einziges Gegentor kassiert. Auch Deutschland steht bekanntlich nicht nur wegen des 7:1 im Finale, sondern auch, weil es Frankreich am langen Arm verhungern ließ und gegen Algerien trotz mancher Wackler nicht in Rückstand geriet.

Wann ist zuletzt eine Mannschaft mit überwiegend spektakulärem Angriffsfußball Weltmeister geworden? Das ist ein Stück weit natürlich Definitionssache. Die Bedeutung einer sattelfesten Defensive für einen WM-Sieg ist hingegen unbestritten. Spanien hat bei allen drei EM- und WM-Titeln keine Gegentore in der K.O.-Runde kassiert. Italiens einziges Gegentor in der K.O.-Runde 2006 war Zidanes Elfmeter im Finale. Griechenlands drei 1:0-Siege in der K.O-Runde 2004 sind hinlänglich bekannt. Brasilien kassierte 2002 das letzte Gegentor im Achtelfinale. Argentinien verfolgt diesen Ansatz knallhart und nimmt dabei sogar in Kauf, sich der eigenen Offensivstärken zu berauben. Auch, weil man mit Lionel Messi eben einen Spieler hat, der ein solches Spiel auf vielfältige Weise entscheiden kann. Diese Mannschaft wird im Finale sicherlich nicht blind ins Verderben laufen.

Trotz allem glaube ich, dass Deutschland die bessere Mannschaft hat, den besseren (nicht nur schöneren) Fußball spielt und im Finale die besseren Siegchancen besitzt. Die Versetzung Lahms auf den Flügel ab dem Viertelfinale erwies sich als richtig, weil Schweinsteiger als alleiniger Sechser (wer hat sich eigentlich diesen Unsinn ausgedacht, das deutsche System in der K.O.-Runde wieder als 4-2-3-1 darzustellen?) besser spielt, als von mir erwartet. Auch das Festhalten an Khedira in der Startelf hat sich spätestens gegen Brasilien bewährt. Löws bester Zug war allerdings – so leid es mir tut – Boateng statt Mertesacker neben Hummels spielen zu lassen.

In einem einzigen Spiel muss das aber nicht den Unterschied machen. Argentinien hat alle Chancen, das Finale zu einem engen Spiel werden zu lassen, in dem Kleinigkeiten den Unterschied ausmachen. Wenn Mascherano und Biglia das Zentrum dicht halten können und keine individuellen Patzer früh den Matchplan versauen, könnte es ein Spiel werden, das durch eine einzige Aktion entschieden wird. Umso besser, dass Deutschland inzwischen auch bei Standards zu den gefährlichsten Mannschaften gehört.

* Was auch immer das eigentlich genau sein soll. Am ehesten wohl Mainstream-Medien inklusive Experten (via Status, nicht via Fachwissen) und Schland-Patrioten.

DFB-Pokal Finale: Borussia Dortmund – Bayern München (live)

21.54

Endstand: Borussia Dortmund – Bayern München 5:2

Verdienter Sieg des BVB, der über das gesamte Spiel mehr Gefährlichkeit im Angriffsdrittel ausstrahlte und letztlich auch entfachte. Man hat gesehen, dass Bayern aus den letzten Spielen gegen Dortmund gelernt hat. Zumindest was die Offensive angeht. Das Angriffsspiel war variabler und man hat sich Chancen erarbeitet. Defensiv wirkte man aber nach jedem Fehlpass völlig neben der Spur, als wäre man überrascht, dass sich der BVB mit mehr als zwei Spielern über die Mittellinie traut.

Jürgen Klopp im Interview sichtlich freudentrunken. “Ich möchte nicht so lange reden, ich muss noch zum ZDF.”

Dortmund feiert, Bayern muss die Wunden lecken und vor dem Champions League Finale gegen Chelsea die richtigen Schlüsse ziehen, wie man die Defensive stabilisiert.

21.53

89′ Die Dortmunder Bank feiert schon. Gleich darf sich der BVB auch Doublesieger nennen.

21.49

84′ Zweiter Wechsel bei Dortmund: Perisic für Kuba.

Die Probleme der Bayern heute lagen nicht in der mangelnden Durchsetzungsfähigkeit vorne. Wer so viel zulässt, muss offensiv allerdings ein Feuerwerk abbrennen. Das tun die Bayern nicht und nach dem erneuten Gegentor erst Recht nicht mehr.

21.46

82′ Borussia Dortmund – Bayern München 5:2, Lewandowski. Neuer lässt einen schon sicher geglaubten Ball aus den Händen gleiten. Flanke Kuba, Kopfball Lewandowski ins leere Tor.

Gelb gegen Hummels nach Foul an Müller.

21.45

80′ Es ist nicht so, dass der FCB sich hier hängen lässt. Dortmund lässt wenig zu und die Bayern beißen sich die Zähne dran aus – gemessen am Spielstand.

Wechsel BVB: Der bärenstarke Kagawa geht, Sven Bender kommt.

21.40

75′ Borussia Dortmund – Bayern München 4:2, Ribery. Starke Einzelaktion. Ribery ist mal nach rechts ausgewichen, zieht in die Mitte und schießt den Ball robbenesk ins lange Eck.

21.34

69′ Mal wieder eine Torchance für die Bayern durch Gomez. Ansonsten sieht das aus Bayern-Sicht ziemlich trostlos aus. Man sollte nicht darauf schieben, dass Bayern sich für Chelsea schont. Aber nach dem Nackenschlag durch Lewandowski scheint dieses Spiel hier durch zu sein.

Contento kommt für Alaba.

21.23

58′ Borussia Dortmund – Bayern München 4:1, Lewandowski. Zweiter gefährlicher Konter innerhalb von zwei Minuten. Drei gegen zwei, Kagawa verzögert geschickt, legt raus zu Großkreuz, der Lewandowski bedient, dessen Schuss Neuer keine Chance lässt. Kann man nicht viel besser zu Ende spielen.

21.15

49′ Langerak verschätzt sich und kommt gut 25 Meter aus dem Tor, bekommt den Ball aber nicht geklärt. Robbens Pass auf Gomez wird von Subotic abgegrätscht, sonst hätte dieser freie Bahn aufs leere Tor gehabt.

21.09

46′ Es geht weiter. Nach einer kleinen Verzögerung wegen Feuerwerkskörpern im Dortmund-Block.

Wechsel bei den Bayern: Thomas Müller für Luiz Gustavo. Naheliegender Wechsel.

20.55

Halbzeit: Borussia Dortmund – Bayern München 3:1.

Klasse Spiel im Olympiastadion. Bayern hat mit viel Druck losgelegt, aber der BVB hat ihnen nach etwa 10 Minuten ganz gut den Zahn gezogen. Ein bisschen Matchglück war auch dabei, als man mit der ersten Chance des Spiels in Führung ging. Danach war es ein ausgeglichenes Spiel, in dem Dortmund zwar weniger Anteile hatte, aber in Tornähe immer ein Stück weit gefährlicher wirkte.

Kagawa in seinem vielleicht letzten Spiel für den BVB bislang der entscheidende Mann.

Was genau kann man Bayern heute eigentlich vorwerfen? Nach vorne gibt es nicht allzu viele Kritikpunkte. Im Aufbauspiel passieren jedoch zu viele Fehler und Dortmund nutzt das klasse aus. Dortmund spielt aber nicht allein reaktiv auf Konter. Wann immer ein Ball im Angriffsdrittel gewonnen wird, rückt das Team nach und sorgt in Ballnähe für Über- mindestens aber für Gleichzahl. Die linke Abwehrseite der Bayern wirkt nicht sattelfest und Luiz Gustavo steht völlig neben sich. Beim BVB gibt es keine wirklichen Schwachstellen. Der FCB muss sich alles selbst erarbeiten.

20.48

45+1′ Borussia Dortmund – Bayern München 3:1, Lewandowski. Dortmund spielt seine (wenigen) Angriffe klasse aus. Lewandowski legt den Ball mit dem Kopf ab, Kagawa mit einer Finte gegen Badstuber und einem genialen Pass in den Lauf von Lewandowski, der eiskalt abschließt, auch wenn Neuer wieder dran war.

Durchs Olympiastadion schallt es Zieht den Bayern die Lederhosen aus.

20.46

45′ Fünf Minuten Nachspielzeit, nach der Verletzung von Weidenfeller verständlich.

20.41

41′ Borussia Dortmund – Bayern München 2:1, Hummels. Neuer ist dran, aber der Ball geht rechts unten ins Tor. Knappes Ding, aber Dortmund führt wieder.

20.40

40′ Elfmeter für Dortmund. Boateng erwischt Kuba. Keine Diskussion.

20.34

34′ Geht nicht weiter bei Weidenfeller. Langerak, der schon seit fünf Minuten bereit steht, kommt für ihn rein.

20.27

27′ Freistoß Dortmund nach Handspiel Alaba an der rechten Strafraumecke. Hübsche Variante, aber geklärt.

20.25

25′ Borussia Dortmund – Bayern München 1:1, Robben. Flach unten rechts.

20.24

23′ Elfmeter für Bayern. Weidenfeller kommt gegen Gomez zu spät und erwischt ihn am Fuß. Starker Pass von Schweinsteiger leitete die Situation ein.

20.22

22′ Kroos gefällt mir sehr gut. Großer Aktionsradius, lässt sich mal tief fallen, mal mit in die Spitze. Unterstützt dazu die Außen gut. Dennoch haben die Bayern Probleme, Lücken in die beiden Viererketten des BVB zu schlagen. Von selbst bietet Dortmund kaum welche an.

20.19

19′ Spiel hat sich etwas beruhigt. Bayern mit mehr Ballbesitz, aber Dortmund stellt jetzt sehr gut zu. Die Bayern müssen immer wieder hintenrum spielen. Versuchen es meistens über die Außen, wo Dortmund sofort attackiert.

Marcel Reif und Luiz Gustavo werden in diesem Leben keine Freunde mehr.

20.12

12′ Geht weiter. Ecke der Bayern bleibt ohne Gefahr. Weidenfeller hustet. Freistoß Bayern am linken Flügel nach Foul an Ribery.

20.11

11′ Sieht nicht gut aus für Weidenfeller. Er zieht die Handschuhe aus, aber steht wieder. Langarak macht sich warm.

20.09

8′ Eigentlich waren die Bayern in den Anfangsminuten aggressiver im Spiel nach vorne. Nach dem Rückstand hat sich daran selbstverständlich wenig geändert. Gomez frei vor dem Tor, doch Weidenfeller kann zur Ecke klären und bleibt angeschlagen im Strafraum liegen, wird behandelt.

20.05

3′ Borussia Dortmund – Bayern München 1:0, Kagawa. Schlimmer Fehlpass von Gustavo landet bei Kuba, der vor Neuer in die Mitte auf Kagawa ablegt. Der schiebt ihn ins leere Tor.

20.03

2′ Starker Bayernangriff über Rechts bringt die erste leichte Torgefahr. Doppelpass zwischen Lahm und Robben, aber die Hereingabe wurde abgeblockt.

3′ Und auf der anderen Seite das Tor von Kagawa!

20.00

1′ Und los geht’s. Anstoß Bayern.

19.55

Gomez hat mich zum Ende dieser Saison noch einmal überrascht. Beim Spiel in Dortmund bekam man noch den Eindruck, dass er bei aller Torgefahr seine Mannschaft spielerisch doch eher schwächt. In Madrid zeigte er dann jedoch, dass er auch weitere Aufgaben auf dem Spielfeld erfüllen kann. Mal sehen, ob er heute mehr mitarbeitet und die langen Bälle von Hummels ein Stück weit unterbindet.

19.52

Auch bei allesaussersport gibt es ein Live-Blog

19.50

Bayerns Problem war lange Zeit, dass man zu ausrechenbar war. Solange man auf die Läufe von Ribery und Robben auf dem Flügel angewiesen ist, dürfte man wieder Probleme bekommen. Außer Inter Mailand im Champions League Finale 2010 hat es bislang keine Mannschaft so gut verstanden, die bayerischen Flügelspieler in den Griff zu bekommen, wie der BVB. Die Antwort der Bayern könnte Toni Kroos heißen, der zuletzt wieder in der starken Form des Herbstes war.

19.44

Nachdem Dortmund die letzten vier Duelle gegen Bayern gewonnen hat, ist vom Angstgegner die Rede. Beim letzten Spiel der Beiden war jedoch eine gehörige Portion Glück mit dabei am Ende. Man hatte den Eindruck, dass sich die Bayern besser auf Dortmund eingestellt haben. Zudem konnte sich der BVB dort ein Unentschieden erlauben. Das Momentum liegt zumindest nicht mehr so sehr auf der Seite der Dortmunder, wie noch vor ein paar Wochen.

19.40

Talking Points vor dem Spiel:

  • Wie wirkt sich die breite Brust der Bayern nach dem Finaleinzug in der Champions League aus?
  • Kann Dortmund die bayerische Flügelzange wieder kontrollieren und wenn ja, wie reagieren die Bayern darauf?
  • Sehen wir den statischen Gomez aus dem Ligaduell oder den mitspielenden Gomez aus dem Spiel in Madrid?

19.35

Die Aufstellungen:

BVB: Weidenfeller – Piszeck, Subotic, Hummels, Schmelzer – Gündogan, Kehl – Kuba, Kagawa, Großkreuz – Lewandowski

Bayern: Neuer – Lahm, Boateng, Badstuber, Alaba – Luiz Gustavo, Schweinsteiger – Robben, Kroos, Ribery – Gomez

Keine wirklichen Überraschungen dabei. Götze beim BVB, Müller bei den Bayern auf der Bank.

19.29

Nach ein paar Problemen mit meinem Sat-Receiver kann es hier losgehen. Ein Live-Blog aus dem Norden zu einem Spiel im Osten zwischen einer Mannschaft aus dem Westen und einer Mannschaft aus dem Süden.

19.26

Moin aus Bremen!

Um 20 Uhr trifft der Deutsche Meister Borussia Dortmund im Pokalfinale in Berlin auf den Champions League Finalisten Bayern München. Ab 19 Uhr gibt es an dieser Stelle ein Live-Blog zum Spiel.

Europa League Finale: Sehnsucht nach Diego?

Vor drei Jahren wurde Diego sein UEFA-Cup Finale verweigert. Eine umstrittene gelbe Karte brachte ihn um die Teilnahme am Spiel gegen Schachtar Donezk. Der Ausgang ist bekannt. Am Mittwoch nun bekam der kleine Brasilianer seine Chance im “kleinen” europäischen Endspiel und gewann mit Atletico Madrid die Europa League.

In Deutschland unter Wert verkauft

Das Finale des angeblich so unbedeutenden Wettbewerbs hatte trotz des deutlichen Ergebnisses einiges an Dramatik und Klasse zu bieten. Schon die Ausgangsposition sprach für eine überaus interessante Partie: Auf der einen Seite Trainerlegende Marcelo Bielsa, der Athletic Bibao innerhalb kürzester Zeit intensives Pressing und Kurzpassspiel beigebracht hat. Als Lohn durfte man lange in der erweiterten Spitze der Liga mitmischen und erreichte neben dem Europa League Finale auch das des Copa del Rey. Auf der anderen Seite Bielsas Schüler und ehemaliger Mannschaftskapitän Diego Simeone, der das bis dahin enttäuschende Starensemble von Atletico Madrid seit dem Winter in die richtige Spur geführt hat. Die Liste der Gegensätze ist lang: Hauptstädter gegen baskische Separatisten, zusammengekaufte Stars gegen Eigengewächse, individuelle Klasse gegen Kollektiv.

Über so viele potenzielle Aufhänger sollte sich jeder Sportjournalist freuen. Daher erstaunt es, wie wenig die deutschen Sportberichterstatter mit diesem Spiel anzufangen wussten. Ohne deutsche Beteiligung ist die Europa League nichts wert, egal, wie sportlich gehaltvoll ein Spiel ist. Besonders Sky fiel hier negativ auf. Mit 15 Minuten uninspirierterVorberichterstattung und einem Einspieler, der eher Klischees pflegte, statt den interessierten Zuschauer zu informieren. Athletic und Atletico – so der Aufhänger des Berichts – seien quasi kaum auseinander zu halten, da sie beide aus Spanien kommen und rot-weiße Trikots tragen. Wir kennen das Problem ja aus Deutschland, wo Bayern München und Fortuna Düsseldorf seit je her verwechselt werden… Eine wirklich enttäuschende Leistung von Sky. Gerade angesichts der guten Vor- und Nachberichterstattung, die der Sender in den letzten Monaten bei als wichtig erachteten Spielen abgeliefert hat. Die Kommentierung von Marco Hagemann war jedoch gut, wie auch Mirko Slomka und Holger Pfandt bei Kabel 1 ein wirklich gutes Gespann abgaben.

Schüler Simeone coacht Lehrmeister Bielsa aus

Das Spiel hielt nicht alle Versprechungen, war aber insgesamt auf hohem Niveau und bot deutlich mehr Unterhaltung als das enttäuschende Finale des Vorjahres. Bilbao hatte große Probleme das eigene Spiel aufzuziehen. Vor allem in der Anfangsphase zeigte man sich überrascht vom hohen Anfangsdruck und aggressiven Forechecking des Gegners. Zwar hatte man nach dem frühen Gegentor mehr vom Spiel, doch bis zur Halbzeit blieb Atletico das gefährlichere Team. Falcao war mit seiner Torgefahr und seiner exzellenten Ballbehauptung nie in den Griff zu bekommen und schoss Atletico konsequenter Weise bis zur Halbzeit mit 2:0 in Front.

Marcelo Bielsa wirkte ratlos, denn er war von Diego Simeone ausgecoacht worden, was ihm nicht oft passiert. Atletico fand die richtige Mischung aus Pressing gegen Bilbaos Spielaufbau und dem Verschließen des Zentrums durch kompaktes, tiefes Verteidigen. Durch die weit aufrückenden Außenverteidiger hatte Bilbao zwar nominell genug Breite im Spiel, doch schaffte man kaum Überzahlsituationen am Flügel, da die Außenstürmer sehr eng agierten. Im zentralen Mittelfeld schaffte es Atletico dazu hervorrangend, den tiefen Spielmacher Iturraspe aus dem Spiel zu nehmen. Er wurde nach Ballgewinn seiner Mannschaft sofort attackiert, so dass er kaum Zeit am Ball bekam. Zur Halbzeit wechselte Bielsa ihn aus.

Nicht nur die individuelle Klasse siegt

Auch die Umstellung zur Pause brachte nicht den gewünschten Effekt. Zwar erhöhte Athletic Bilbao den Druck und erspielte sich die eine oder andere Chance, doch insgesamt wirkte die Mannschaft nicht so frisch und energetisch wie gewohnt. Vielleicht war auch “Finalangst” ein Faktor. Bielsa holte schon nach gut einer Stunde die Brechstange heraus und brachte mit Toquero einen zweiten Mittelstürmer. Gefährlichster Mann auf dem Platz blieb allerdings Falcao, der alleine immer wieder 2-3 Spieler binden konnte und kurz vor Schluss das 3:0 knapp verpasste. Für die endgültige Entscheidung sorgte am Ende dann Diego mit einer tollen Einzelaktion. Diesen Aspekt seines Spiels kannte man bereits aus der Bundesliga. Interessant war aber vor allem, wie gut Diego gegen den Ball gearbeitet hat. Beim Pressing gegen Iturraspe war er der Schlüsselspieler.

Am Ende triumphierte das Team mit den besseren Einzelspielern. Falcao und Diego machten den Unterschied aus. Vor allem der Kolumbianer Falcao steht mit “seinem” verteidigten Titel im Mittelpunkt der Berichterstattung. Zum zweiten Mal hintereinander holte er Pokal und Torjägerkanone in der Europa League. Doch mit einer starken Teamleistung und einer bestens auf den Gegner eingestimmten Taktik schaffte Atletico in diesem Finale erst die Grundlage dafür. Das ist vor allem ein Verdienst des Trainers Simeone, der in den wenigen Monaten seiner Amtszeit beachtliches geleistet hat.

Diego mit dem Pokal zu sehen weckt Erinnerungen an eine Werder-Vergangenheit, die noch nicht so lange zurück liegt und derzeit doch so fern erscheint. Es weckt auch Sehnsüchte nach seinen Geniestreichen. Was Werder derzeit vor allem fehlt, ist jedoch weniger die individuelle Klasse eines Diegos, als ein funktionierendes Konzept, das aus einem jungen Team eine starke Mannschaft formt. Wie man das mit bescheidenen finanziellen Mitteln schaffen kann, durfte man in dieser Saison bei Athletic Bilbao anschauen.

Sergio Busquets – der moderne Frank Baumann

Wer ist der Spieler dieser Saison?

Es fällt einem natürlich sofort Weltfußballer Lionel Messi ein, der mit seinen 52 Pflichtspieltoren in dieser Spielzeit fast genauso oft getroffen hat, wie die gesamte Startelf von Manchester United heute Abend zusammen. Es fällt einem Cristiano Ronaldo ein, der die Gerd Müller Marke von 40 Ligatoren in 34 Spielen egalisierte. Es fällt einem Xavi Hernandez ein, das Herz des Spiels des FC Barcelonas. Es fällt einem Andres Iniesta ein, seinem kongenialen Partner im zentralen Mittelfeld. Es fallen einem überhaupt viele Barca-Spieler ein, doch mein Spieler der Saison wird kaum genannt werden.

Sergio Busquets steht bei Barcelona im Schatten von Xavi und Iniesta, den Kreativen, den Spiellenkern. Er füllt im Dreiermittelfeld den defensiven Part aus und hat selten spektakuläre Aktionen in der Offensive. In einer Zeit, in der moderne, spielstarke 6er wie Bastian Schweinsteiger, Xabi Alonso oder Nuri Sahin mehr denn je Anerkennung für ihre Spielweise bekommen, ist der 6er der besten Vereinsmannschaft der Welt nur eine Randnotiz. Messi, Villa, Xavi, Iniesta, Dani Alves, Pique – das ist die absolute Weltklasse auf ihren jeweiligen Positionen. Busquets scheint da nur reingerutscht zu sein, weil gerade kein passenderer Spieler zur Hand war.

Dabei liest sich die Erfolgsbilanz des 22-Jährigen beeindruckend: In seiner ersten Saison wurde er Meister, Pokalsieger und Champions League Sieger mit Barcelona und gewann kurz darauf auch die Club-WM. Im folgenden Jahr gewann er seine zweite Meisterschaft und wurde mit Spanien im Sommer Weltmeister. Nun ist er wieder spanischer Meister und steht erneut im Finale der Champions League. Viel mehr kann man in drei Jahren als Fußballprofi nicht erreichen. Noch beeindruckender wird die Bilanz jedoch, wenn man bedenkt, dass Busquets diese Titel nicht als Randfigur gewonnen hat, sondern als Stammspieler. 2008/09 setzte er sich gegen Yaya Touré durch und stand im Finale der Champions League sowie im Pokalfinale in der Startelf. Seitdem ist er unumstrittener Stammspieler bei den Katalanen. Daran änderte auch die Verpflichtung von Javier Mascherano im letzten Sommer nichts. Bei der WM 2010 war er ebenfalls Stammspieler, spielte neben Xabi Alonso in der Doppelsechs.

Selbstverständlich hat Busquets Glück gehabt, bei der besten Vereins- und Nationalmannschaft der Welt spielen zu dürfen. Dennoch ist es alles andere als selbstverständlich, sich auf diesem Niveau als junger Spieler gegen denkbar große Konkurrenz auf Anhieb durchzusetzen. Von seinen Mitspielern wird er über den grünen Klee gelobt. Sein Konkurrent Mascherano, einer der besten 6er der Welt und mit seinen 26 Jahren ein gutes Stück erfahrener, bezeichnete Busquets kürzlich als “perfekten Spieler”. Er selbst schaue ihm zu und versuche von ihm zu lernen. Xavi bescheinigte ihm das beste One-Touch-Passspiel der Welt. Immer wieder wird sein gutes Auge genannt und seine fast fehlerlose Passquote. Doch warum fällt Busquets dann kaum auf?

Zum einen liegt es natürlich daran, dass Xavi und Iniesta vor ihm spielen. Barcelona hat bereits so viel Kreativität im zentralen Mittelfeld, dass von Busquets weit weniger in dieser Hinsicht verlangt wird. Die Genialität in Busquets Spielweise liegt daher in ihrer Einfachheit. Busquets tut alles, was ein moderner 6er in einem 4-3-3 machen muss und lässt es unglaublich simpel erscheinen. Er erobert Bälle durch Zweikampfstärke und vor allem durch überragendes Stellungsspiel. Er hält seine Position äußerst diszipliniert und stärkt dadurch nicht nur Xavi und Iniesta den Rücken, sondern ermöglicht es auch den Außenverteidigern einigermaßen sorgenfrei mit nach vorne zu gehen – einer der wichtigsten Aspekte in Barcelonas Spiel – indem er sich bei Ballbesitz häufig zwischen die Innenverteidiger fallenlässt, damit diese ein Stück weiter nach außen rücken können.

Busquets Passspiel ist fast fehlerlos. Er spielt selten die komplizierten Pässe, sondern bringt zuverlässig die einfachen Bälle zum Nebenmann. Er verdankt es jedoch seiner guten Technik und hervorragenden Ballmitnahme, dass er so häufig diese einfachen Bälle spielen kann. Technisch weniger beschlagene 6er bringen sich in Situationen, in denen nur noch der Rückpass oder der lange Ball als Optionen bleiben – Busquets passiert dies nur selten. Das wichtigste Attribut an Busquets Spiel ist jedoch seine Fähigkeit, die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld dicht zu machen. Für mich ist Busquets die bislang beste Antwort auf die Frage, wie man mit modernen Zehnern oder “falschen Neunen” fertig werden kann.

Mesut Özil war sowohl im Halbfinale der WM als auch in den Clàsicos dieser Saison auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld weitgehend unsichtbar. Selbiges gilt für Wesley Sneijder im WM-Finale. Ihr Gegenspieler war jeweils Sergio Busquets. Anders als die Spielzerstörer und Manndecker früherer Tage nahm er seine Gegenspieler jedoch nicht durch ständige Bewachung oder Härte aus dem Spiel, sondern durch sein intelligentes Spiel im Raum. Er stößt in die Lücken zwischen den Reihen, die Spieler wie Özil oder Sneijder so lieben. Dadurch bleibt er ebenso unsichtbar wie seine Gegenspieler, was es nicht weiter verwunderlich macht, dass Busquets noch nicht überall als Weltklassespieler gilt. Alex Ferguson dürfte sich über einen Spieler wie ihn in den eigenen Reihen jedoch freuen, denn ich kann mir derzeit keine bessere Waffe gegen Lionel Messi vorstellen, den es heute Abend auszuschalten gilt. Zum Leidwesen der Red Devils spielen die beiden jedoch im selben Team. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn Wayne Rooney heute Abend eher unauffällig bliebe – und noch weniger, wenn der Grund dafür Sergio Busquets heißen würde.

Pokalfinale: Nadelstiche und das offene Messer

Werder Bremen – Bayern München 0:4

Es war vor dem Spiel klar, dass die Bayern momentan in ihrer eigenen Liga spielen. Doch es war Pokal und man durfte zumindest darauf hoffen, dass Werder einen richtig guten Tag erwischt und bei den Münchnern zwischen Meisterschaft und Champions League so ein bisschen die Luft raus ist. Beides war nicht der Fall.

Während Louis van Gaal seine Stammformation aufs Feld schickte, passte Thomas Schaaf zum zweiten Mal in den letzen Wochen sein Team dem Gegner an. Es kommt selten vor, dass Werder dem Gegner das Spiel einfach so überlässt, doch es müssen die Lehren aus der Niederlage im Januar und dem Spiel gegen Schalke gewesen sein, die ihn zu diesem Schritt bewegten. Für den Fan, dessen Team seit 2004 in 95 % der Fälle das Spiel gemacht hat, eine gewöhnungsbedürftige Angelegenheit. Und so dürften sich viele so wie ich verwundert die Augen gerieben haben, als sie Werders Aufstellung sahen: Ein flaches 4-4-2 mit einer defensiv ausgerichteten Viererkette im Mittelfeld, Boenisch für den verletzten Pasanen als Linksverteidiger, Hunt als rechten Mittelfeldspieler und davor Pizarro und Özil als Angreifer. Eine ängstliche Aufstellung, die nur so lange gut gehen konnte, wie die Bayern nicht in Führung gingen.

Die ersten Minuten des Spiels waren erschreckend. Werder zog sich weit zurück, versuchte nicht in die Nähe des Balles zu kommen und ließ die Bayern mal machen. Nachdem der Ball einige Male durch die bayerische Abwehrreihe zirkuliert war und man sich an die defensive Ausrichtung gewöhnt hatte, kam zum ersten Mal die Frage auf: Hat das etwa System? Den starken Flügeln der Bayern wurden zwei Dreierblöcke entgegengesetzt. Fritz, Hunt und Bargfrede auf der rechten sowie Boenisch, Borowski und Frings auf der linken Seite. Ab der Grenze zum Angriffsdrittel der Bayern spielte Werder dann Pressing. Robben wurde von Boenisch über weite Strecken in Manndeckung genommen und bis an die Mittellinie verfolgt. So konnte man dem Angriffsspiel der Bayern zwar nicht ganz den Zahn ziehen, aber es fürs erste unter Kontrolle halten. Die eigene Offensive beschränkte sich auf Nadelstiche. Den ersten setzte Claudio Pizarro schon nach 8 Minuten und es war der Beste, den Werder an diesem Abend ausführte. Eine klasse Einzelaktion von Pizza, der geschickt verzögert und dann frei vor Butt nicht den besten Schuss erwischt.

In den ersten 20 Minuten ging Werders Taktik auf, dann kamen die ersten Wackler und die Bayern kamen immer wieder gefährlich vors Tor. Die Geduld der Bayern ist beängstigend. Das Spiel wird von einer Seite auf die andere verschoben, im festen Vertrauen darauf, dass sich die benötigte Lücke früher oder später bietet. Werders Spieler müssen sich vorgekommen sein wie auf einer Schiffschaukel, immer hin und her. Wurde dann plötzlich das Tempo verändert, der Ball schnell auf die andere Seite verlagert, wurde es gefährlich. Arjen Robben drehte langsam den Motor auf und es schien nur eine Frage der Zeit, bis das Führungstor fallen würde. Es fiel dann auf äußerst unglückliche Weise für Werder. Mertesacker bekam den Ball aus kurzer Distanz an den Arm – Elfmeter. Jeder Feldspieler, der aus dieser Distanz den Ball absichtlich mit der Hand spielt, gehört eigentlich ins Tor. Dennoch eine vertretbare Entscheidung. Der Schiedsrichter hat nur Indizien für die Absicht des Spielers und die unnatürliche Armhaltung verbunden mit der Ruderbewegung gegen den Ball dürfte den Ausschlag gegeben haben. Wiese war wie immer in der richtigen Ecke, doch Robbens Elfmeter war zu hart und präzise.

Werder musste sich nun etwas einfallen lassen und reagierte zunächst mit einer Veränderung im Mittelfeld: Hunt und Borowski tauschten die Seiten. Sonst änderte sich wenig und so ging es in den verbleibenden Minuten bis zur Pause nur um Schadensbegrenzung. Die große Verwandlung sollte in der Pause erfolgen. Hugo Almeida kam für Hunt in die Partie und Werder stellte auf Raute um. Es kam eine offensive Werdermannschaft aus der Kabine, die Bayern sofort in die eigene Hälfte drängte und durch Almeida die große Chance zum Ausgleich hatte. Hinten spielte man nun ein riskantes 1-gegen-1, das sich schnell rächen sollte. Robben dribbelte Boenisch dermaßen Knoten in die Beine, dass dieser Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, alleine zurück in die Kabine zu kommen. Es war dann aber ein dummes Zufallstor, das Bayern endgültig auf die Siegerstraße brachte. Eine Ecke konnte Mertesacker per Kopf nur an den Rücken von van Buyten abwehren. Von dort fiel der Ball vor Olics Füße, der aus kurzer Distanz abstaubte. Nun brauchte es schon ein kleines Offensivfeuerwerk, um zurück ins Spiel zu kommen. Werder hat es in dieser Saison oft genug geschafft, nach Rückständen (auch nach 0:2) die Partie noch einmal spannend zu machen oder sogar zu drehen. Schaaf brachte Marin für Bargfrede – beim Poker hätte man gesagt “all in”.

Leider hatte van Gaal das deutlich bessere Blatt. Werder tat sich nun schwer, vor das Tor des Gegners zu kommen. Özil hatte schon früh den Glauben verloren und Frings und Borowski hatten Probleme mit dem Spielaufbau. Und so rannte Werder in  den zweiten 45 Minuten voll ins offene Messer. Ein sauberer Konter über Ribery genügte, um das Spiel zu entscheiden. Das Tor von Schweinsteiger kurz vor Schluss tat schon nicht mehr weh. Sehr gerne verzichtet hätte ich dafür auf das hässliche Foul von Frings. Gelb-Rot war eigentlich ein Witz, vielleicht eine politische Entscheidung des Schiedsrichters, der dem schon entschiedenen Spiel den Zündstoff nehmen wollte. Überhaupt eine richtig gute Leistung von Kinhöfer.

Am Ende war das Ergebnis auch in der Höhe verdient, wenngleich das Spiel bis zum 0:3 nicht so einseitig war, wie es der Kommentator glauben machen wollte. Von Marcel Reif ist zwar bekannt, dass er sich früh auf die Seite der vermeintlich siegreichen Mannschaft schlägt und dann sogar deren Fehlpässe weltklasse findet, aber was er da gestern an orgiastischem Gestöhne fabrizierte, lässt selbst Fritz von Turn und Taxis vor Neid erblassen. Eigentlich kann man sich Kommentatorenschelte auch schenken, doch wenn ein Marcel Reif die Schlussphase des Spiels zu einem “Charaktertest für Werder” hochstilisiert, für eine Mannschaft, die in der abgelaufenen Bundesligasaison 6 (SECHS!) Mal von einem 2-Tore-Rückstand zurück kam und noch mindestens einen Punkt holte, dann bleibt mir wirklich die Spucke weg!

Das ändert aber alles nichts am völlig verdienten Pokalsieg der Bayern und einer insgesamt tollen Saison des SV Werder. Der krönende Abschluss blieb versagt, doch der eigentliche Schlusspunkt kommt erst noch. Mit einem Sieg in der Champions League Qualifikation kann sich die Mannschaft im August selbst belohnen und sich zum ersten Mal in der Geschichte des Vereins in Lostopf 1 bei der Auslung schießen.

Finalfieber: Die Schlüsselduelle

Nachdem der Fokus gestern auf den möglichen taktischen Formationen lag, schauen wir uns heute die direkten Duelle der Partie an. Es gibt für mich drei Schlüsselduelle, die im wesentlichen den Ausgang dieses Spiels beeinflussen werden:

Petri Pasanen vs. Arjen Robben

Die rechte Seite mit Lahm und Robben ist das Prunkstück der Bayern. Robben ist seit seiner Ankunft zu Saisonbeginn der Star bei den Bayern. Nach ein paar gesundheitlichen Problemen ist er der Mann für die entscheidenden Spielsituationen und hat mit einem grandiosen Solo für den Finaleinzug gegen Schalke gesorgt. Mit 16 Saisontoren war er als nominell rechter Mittelfeldspieler genau so erfolgreich, wie Werders Claudio Pizarro. Robbens Torgefahr geht von seinem starken linken Fuß aus. Er zieht von der Außenbahn nach innen, verwendet dabei fast immer den gleichen Trick, der erstaunlicherweise jedes Mal wieder funktioniert. Beim Torabschluss hat er aus dieser Position alle Möglichkeiten und die nötige Schusstechnik, diese auch auszuschöpfen.

Petri Pasanen ist ein erfahrener, routinierter und abgeklärter Spieler. Er hat es in seinen fünf Jahren bei Werder nicht längerfristig zum Stammspieler geschafft, kommt aufgrund seiner vielseitigen Einsetzbarkeit und Verlässlichkeit jedoch regelmäßig zu seinen Einsätzen. In der Rückrunde kam er nach Boenischs Verletzung und Abdennours Wacklern in die Startformation und spielt seit dem einen soliden Part auf der linken Seite der Viererkette. Pasanen ist kein gelernter linker Verteidiger, ist im Spiel nach vorne limitiert und hat als Rechtsfuß auch wenige Optionen beim flanken. Er ist nicht der schnellste, geht auch deshalb wenige Risiken nach vorne ein und verfügt über ein starkes Stellungsspiel.

Auf dem Papier ist Arjen Robben durch seine Technik und Schnelligkeit in diesem Duell klar überlegen. Pasanen hat jedoch einen wichtigen Vorteil: Als Rechtsfuß fällt es ihm leichter, Robben an seinen Sololäufen in die Mitte zu hindern. Er lässt sich nicht auf Spielereien ein und beschränkt sich auf das Wesentliche. Sicherlich wird Pasanen die von Robben ausgehende Gefahr nicht komplett neutralisieren können, doch wenn er einen guten Tag hat, kann er sie vielleicht so weit eindämmen, dass Robben wesentlich weniger Chancen bekommt, als im letzten Aufeinandertreffen der Mannschaften, wo Robben dem überforderten Abdennour Knoten in die Beine dribbelte.

Torsten Frings vs. Thomas Müller

Thomas Müller ist der Shooting-Star der Saison beim Rekordmeister. Er zeigt für einen so jungen Spieler eine ungewöhnliche Abgeklärtheit und nutzt den Platz zwischen Viererkette und Mittelfeld des Gegners clever aus. Er ist weder ein richtiger Stürmer, noch ein Mittelfeldspieler und so für seine Gegenspieler schwer auszurechnen. Im Gegensatz zu Werders jungen Offensivspielern bewegt sich Müller auch bei Ballbesitz des Gegners sehr gut, stellt Passwege zu und setzt die defensiven Mittelfeldspieler unter Druck. Dazu ist er ein guter Vollstrecker, der vor dem Tor die Übersicht behält. Diese außergewöhnliche Kombination hat ihn nicht nur bei den Bayern trotz starker Konkurrenz zum unumstrittenen Stammspieler gemacht, sondern auch zu einem Platz im WM-Kader von Joachim Löw verholfen.

Torsten Frings wurde von vielen schon zum alten Eisen gezählt. Nach einer insgesamt schwachen Vorsaison bekam der Bremer Kapitän seine neue Rolle als Baumann-Nachfolger immer besser in den Griff. Im Winter sortierte ihn Löw endgültig aus dem Kreis der Nationalmannschaft aus und Frings reagierte endlich mit der lange erhofften Leistungssteigerung. In der Schlussphase der Saison erreichte Frings seine Topform und zählt so wieder zu den besten defensiven Mittelfeldspielern der Liga. Mit dem starken Newcomer Bargfrede an seiner Seite prägt er den Spielaufbau seiner Mannschaft und hat auch zum sicheren und überlegten Passspiel zurückgefunden. Daneben machen ihn seine Zweikampfstärke und sein nie enden wollender Kampfgeist für das Team äußerst wertvoll.

In der Grundformation treffen Frings und Müller nicht unmittelbar aufeinander. Zwar wird Frings sicher den einen oder anderen Zweikampf mit Müller suchen, wenn dieser sich zurückfallen lässt, doch in erster Linie werden sie es wohl bei Ballbesitz des Bremer Kapitäns miteinander zu tun bekommen. Frings größte Schwäche ist das schnelle Kombinationsspiel. Er nimmt die Bälle, die von den Innenverteidigern zu ihm geleitet werden, in der Regel erst an, schaut sich um und leitet sie erst dann weiter. Wird er sofort unter Druck gesetzt, geht er schon mal ins Dribbling oder versucht, einen Freistoß herauszuholen. Darunter leidet dann Werders Aufbauspiel. Thomas Müller hat genau hier seine Stärke. Frings ist daher auf seinen Nebenmann Phillipp Bargfrede angewiesen, der ihn entlasten und so die Gefahr durch Müllers frühes Stören abmildern kann.

Mesut Özil vs. Mark Van Bommel

Mark Van Bommel gilt bei den gegnerischen Fans vor allem als unfairer Spieler, der gerne mal über die Strenge schlägt. Es lässt sich schwer abstreiten, dass seine Spielweise hart ist und die Grenzen des Fair Plays mitunter überschreitet. Dazu ist er auch sehr geschickt darin, gegnerischen Spielern zu Karten zu “verhelfen”. Es wäre jedoch sehr kurz gedacht, ihn auf diese Eigenschaften zu beschränken. Ähnlich wie Frings bei Werder ist Van Bommel ein unermüdlicher Antreiber, der nie aufgibt und seiner Mannschaft als gutes Vorbild voran geht. Mit Schweinsteiger hat er nun wieder einen spielstarken Nebenmann, der seine Mankos in der Offensive überdeckt. In Van Gaals System muss er das Spiel nicht gestalten, sondern die Bälle in erster Linie auf die Außenpositionen verteilen. In der Defensive kommen seine Stärken dagegen voll zum Vorschein. Als Ausputzer vor der Viererkette spielt er seine vielleicht beste Saison bei den Bayern und macht seinen Gegenspielern das Leben schwer.

Mesut Özil trat in der Hinrunde endgültig aus Diegos Schatten. Gemeinsam mit Marin und Hunt machte er den brasilianischen Spielmacher vergessen. Seine brillante Technik und die Fähigkeit, den entscheidenden Pass in die Spitze zu spielen, machten ihn auch zum Hoffnungsträger der Nationalmannschaft. Dazu zeigte er sich auch im Torabschluss verbessert und traf regelmäßig selbst. Im Winter folgte dann jedoch ein Leistungseinbruch, der wahlweise auf sein Privatleben, die andauernden Vertragsverhandlungen oder seine körperliche Fitness geschoben wurde. Thomas Schaaf hielt jedoch an seinem Spiegestalter fest, gönnte ihm einige frühe Auswechslungen und hat so großen Anteil daran, dass Özil nun schon seit einigen Monaten aufsteigende Form zeigt. Zum Saisonende wirkt er wieder so dominant, wie über weite Strecken der Hinrunde und könnte im Pokalfinale wieder zum entscheidenden Mann werden.

Özil lässt sich noch zu leicht die Spielfreude nehmen, wenn seine Gegenspieler ihm wenig Freiräume lassen und er kaum Ballbesitz hat. Gegen Schalke zeigte er jedoch, dass er dazugelernt hat und auch auf seine Chance warten kann, ohne das nötige Selbstvertrauen zu verlieren. Die hängenden Schultern, die seine Resignation signalisieren, sind seltener geworden. Gegen die Bayern könnte er den nächsten Schritt in diese Richtung machen. Der Defensivverbund aus Van Bommel und Schweinsteiger ist der beste der Liga und wird ihm alles abverlangen. Besonders der Niederländer wird ihn mit allen legalen und halblegalen Mitteln bearbeiten, um ihm die Lust am Fußballspielen zu nehmen. Kann Özil diesem Druck standhalten?

Selbstverständlich gibt es daneben noch weitere Duelle, die das Spiel entscheiden könnten, vor allem, wenn die oben genannten keine klaren Sieger aufweisen. Olic bereitet Mertesacker schon seit Jahren Kopfschmerzen, Pizarro und Almeida sind im Verbund nur schwer zu stoppen und dann gibt es ja auch noch Ribery, der in seinem einzigen Finale sicher groß aufspielen will. Und nicht zuletzt hätten wir dann noch das Torhüterduell: Auf der einen Seite Jogi Löws neue Nummer 3 – und auf der anderen Seite Jörg Butt…

DFB Pokal, Halbfinale: Hauptsache Berlin

Werder Bremen – FC Augsburg 2:0

Es ist halt doch schon ein wenig Routine, so ein Pokalfinale. Zum zehnten Mal insgesamt und zum neunten Mal in den letzten 21 Jahren steht Werder nun dort. Sechsmal hat man ihn gewonnen. Zugegeben, in diesem Jahr war es mit vier Heimspielen und den vier (zum jeweiligen Zeitpunkt) besten Zweitligisten als Gegner ungleich einfacher als im letzten Jahr. Man kann eben nicht alles haben. Trotzdem: Berlin ist Berlin und bekommt in schöner Regelmäßigkeit einen Besuch von uns abgestattet – wenn auch zukünftig nur noch einmal pro Jahr.

Von einem Heimspiel gegen einen Zweitligisten erwartet man nunmal, dass man es deutlich gewinnt. Egal, wie gut dieser momentan drauf ist. Egal, wie viele Tore deren bester Stürmer schon geschossen hat. Werder kann schließlich auf eine 22jährige Serie ungeschlagener Heimspiele im DFB-Pokal zurückblicken: Die letzte Pokalniederlage im Weserstadion gab es 1988 gegen Frankfurt.* Entsprechend ging die Mannschaft auch in dieses Spiel. Nach ein paar Minuten Abtasten übernahm Werder die Kontrolle über das Spiel und gab sie bis zum Führungstor nicht mehr her. Zwar tat sich die Mannschaft schwer, gegen die tiefstehenden Augsburger Abwehr- und Mittelfeldreihen zwingende Torchancen herauszuspielen, doch der Ball lief gut durch die eigenen Reihen und es schien nur eine Frage der Zeit, bis eine Kombination zum Erfolg führen sollte. Nach 25 Minuten war es dann so weit: Marin im Doppelpass mit Özil durch die Mitte und dann ein hauchzarter Ballstreichler am Torwart vorbei ins Netz. Ein großartiges Tor, das die Zuschauer von den Sitzen riss. Dazu die Erleichterung, endlich mal wieder in Führung zu liegen statt einem frühen Rückstand hinterherlaufen zu müssen.

Das Problem bei der Sache war nur, dass Werder letzteres inzwischen zwar sehr gut kann, mit ersterem aber so seine Probleme hat. Nach dem Führungstor bauten die Grün-Weißen den Gegner mit einigen leichtsinnigen Abspielfehlern wieder auf. Augsburg nahm das dankend an und erinnerte sich ab der 30. Minute daran, dass man selbst auch ganz passabel Fußball spielen kann. Wie gewohnt brachte das Werders Defensivabteilung in Kalamitäten. Ein verlorener Zweikampf hier, eine schlecht gestellte Abseitsfalle dort und schon steht es 1:1. Hätte es jedenfalls stehen können, wenn Thurks Ball nicht nur Torhüter Wiese, sondern auch die Torlinie überwunden hätte. Der Innenpfosten und Per Mertesacker retteten jedoch in höchster Not. Ein Warnschuss vor der Pause also. Eine Ermahnung, dem Gegner nicht zuviel anzubieten und keine unnötigen Räume in der Defensive freizugeben. Wie gewohnt verhallte sie ungehört.

Die zweite Halbzeit war aus Bremer Sicht lange Zeit ein Ärgerniss. Augsburg erspielte sich eine Handvoll guter Torgelegenheiten, war aber nie so nah am Ausgleich, wie man es als Werderfan in dieser Phase befürchtete. In den letzten 20 Minuten standen Abwehr und defensives Mittelfeld dann wieder besser sortiert und Werder gewann die Spielkontrolle zurück. Gegen einen stärkeren Gegner hätte man sich eine solche halbstündige Auszeit nicht nehmen können. Es war dann ein schnell und exakt ausgeführter Freistoß von Frings, der die Entscheidung zu Werders Gunsten einleitete. Empfänger Pizarro bewies mal wieder, dass ihm schwierige Bälle einfach besser liegen. Die Ballmitnahme war erste Sahne, der Abschluss wohl nicht ganz unhaltbar, aber ein schönes Tor, das zeigt, wie einfach Fußball sein kann, wenn der Gegner nicht ganz bei der Sache ist. Der Sieg war insgesamt verdient, wenn auch nicht sonderlich schön herausgespielt. Der Sympathiepreis geht ohnehin an die Augsburger Fans, die ihre Mannschaft vorbildlich unterstützten und für tolle Stimmung im Stadion sorgen. Am Ende sangen sie “Augsburg ist viel schöner als Berlin”. So hat jeder bekommen, was er wollte. Und wenn Augsburg so weiter spielt, stehen die Chancen gut, dass sie auch nächste Saison nicht nach Berlin müssen.**

Unser zwischenzeitlich als “magisches Dreieck” bezeichnete offensive Mittelfeld scheint mir die Rollen getauscht zu haben: Marko Marin ist in Topform, trifft, bereitet vor und kurbelt das Angriffsspiel an. Er hat Mesut Özils Rolle aus der Hinrunde übernommen. Özil selbst hat sein Formtief überwunden, spielte eine starke erste Hälfte, wirkt aber kräftemäßig nicht ganz auf der Höhe. Erinnert stark an den Marko Marin der Hinrunde. Vielleicht hilft es auch hier, den Spieler durch frühe Auswechslungen wieder heranzuführen, ohne dass er den Spielrhythmus verliert. Und Aaron Hunt? Kriselt ein wenig, wirkt aber zumindest körperlich auf der Höhe. Mit viel Einsatz, aber ohne Erfolg in den meisten seiner Aktionen. Wenn da mal nicht der Özil des letzten Winters in ihm hochkommt?***

Der Gegner im Finale heißt Bayern München und das ist auch gut so! Erstens dürfte es ein wesentlich attraktiveres Spiel werden, als gegen die destruktiven, aber nicht minder gefährlichen Schalker. Zweitens kann sich Werder so den Pokalsieg wirklich verdienen und trotz des relativ einfachen Wegs nach Berlin auf dieses Finale verweisen. Und drittens sind Spiele gegen die Bayern immer ein Highlight, in einem Pokalfinale umso mehr. Natürlich ist Werder nicht der Favorit in diesem Finale, aber ich freue mich einfach unglaublich auf das Spiel. Möge der Grünweißere gewinnen!

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* Diese Niederlage war zu verschmerzen, denn es war Werders wohl erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte: Deutscher Meister, Pokal-Halbfinale und UEFA-Cup-Halbfinale.

** Seit dem 5:1 Sieg der Berliner in Wolfsburg verstößt Hertha-Bashing nicht mehr gegen die Genfer Konvention.

*** Ein Satz, den höchstens Fritz von Thurn und Taxis noch homoerotischer formulieren könnte!

DFB-Pokal Finale: Sing For the Moment

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 0:1

Der Tag danach beginnt, wie der vorherige aufgehört hat: mit Kopfschmerzen. Doch als die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster dringen und sich die Augen langsam ans Tageslicht gewöhnen, fällt mir alles wieder ein: Werder ist Pokalsieger. Wir haben es geschafft. Wenigstens etwas mitgenommen aus dieser über weite Strecken verkorksten Saison.

Die Geschichte des Spiels ist keine zum Nacherzählen. Es gab wenige Szenen, die in den Köpfen bleiben werden. Frank Baumanns Auswechslung nach einer Stunde, die wird hängenbleiben. Der Mann, den viele seit Jahre nicht mehr in der Mannschaft sehen wollten, nimmt nun seinen Hut und viele Tränen werden ihm nachgeweint. Auch von mir. Es ist vielleicht das Schicksal eines ruhigen Defensivspielers wie ihm, nur durch Abwesenheit Aufmerksamkeit zu erregen. Baumann hat das nie gestört. Baumann, der fleißige Arbeiter, der unaufgeregt seine Zweikämpfe gewinnt. Immer mit dem Auge für den einfachen, aber klugen Pass im Aufbau. Und manchmal auch mit der Technik, diesen sauber zu spielen. Zum Abschied zeigte er noch einmal ein Spiel, das typischer für ihn kaum sein konnte, und durfte am Ende den Pokal in Empfang nehmen.

Dann wird natürlich das Tor in Erinnerung bleiben. Diego passt auf Mesut Özil, der – mit Unterstützung des Ex-Bremers Friedrich – den entscheidenen Treffer erzielt. Vergangenheit trifft Zukunft und sorgt in der Gegenwart für den Titel, den sich Diego zum Abschied gewünscht hat. Sein Weggang kann Werder an den Abgrund bringen oder befreien, das wird sich nach der Sommerpause zeigen. In dieser Saison jedenfalls war Diego unglaublich wichtig. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein einzelner Spieler eine solche Ausnahmestellung bei Werder eingenommen hat. Dabei sehe ich Diego noch immer nicht als wirklichen Spielmacher. Er ist ein offensiver Mittelfeldspieler, der seine Stärken erst 30 Meter vor dem gegnerischen Tor richtig entfalten kann. Vorher gibt es zuviel Dribbling, zu wenig Raumgewinn und Tempo. Diegos Stellung in diesem Jahr hängt auch mit der Verletzung von Daniel Jensen zusammen. Der Däne zog in der letzten Saison hinter Diego die Fäden und machte Werders Spiel variantenreicher. Doch dieser Tage flößt schon Diegos bloße Anwesenheit dem Gegner Angst und Schrecken ein. Selbst wenn es bei ihm nicht gut läuft, zieht er mehrere Gegenspieler auf sich und schafft dadurch Platz für andere – manifestiert in der Vorbereitung zum 1:0.

Özil, der hoch talentierte, oft noch schüchterne, manchmal geniale Nachwuchsmann. Vor einem Jahr war er ein Junge, der mit hängenden Schultern über den Platz schlurfte. Zuweilen fällt er noch in diese Phase zurück, doch seine exzellente Entwicklung ist unverkennbar. Özil wird weiter wachsen müssen, denn der Beschützer an seiner Seite ist nun weg. Sicher erwartet niemand von Özil, dass er Diego ersetzen kann. Doch er wird mehr Verantwortung tragen müssen. Er wird Ellenbogen (im übertragenen, nicht im vanbommelschen Sinne) zeigen müssen und sich weniger Auszeiten erlauben dürfen. Wer Mesut Özil spielen sieht, dem kann nicht wirklich bange um Werders Zukunft sein.

Nicht-Bremer werden vermutlich das Interview mit Bruno Labbadia nicht so schnell vergessen. Es könnte auch sein Abschiedsspiel gewesen sein. Es wird bei Bayer Leverkusen über Zeitpunkt, Stil und Inhalt seiner Aussagen diskutiert werden. Hat Labbadia dem Verein bzw. der Mannschaft geschadet? Und wie lassen sich seine späten Wechsel deuten? Wollte er den Spielern signalisieren: "Los, jetzt macht es selbst"? Hätte ein Toni Kroos die nicht immer sattelfeste Bremer Defensive nicht noch stärker in Bedrängnis bringen können, wenn er 15 Minuten früher ins Spiel gekommen wäre? So scheuten beide Mannschaften nach Werders Führung das Risiko. Sowohl Werder als auch Leverkusen sind in der Vergangheit schon häufiger mit fliegenden Fahnen untergegangen. Nun reichte Werder eine taktisch disziplinierte letzte halbe Stunde, um Bayer in Schach zu halten. Während das Spiel in der ersten Halbzeit wenigstens technisch auf hohem Niveau stattfand, verschwand in der zweiten Hälfte zusehens auch die Spielkultur. Aufgrund des Spielstands vor allem Leverkusen anzukreiden bzw. Werder anzurechnen.

Am Ende steht ein dreckiger 1:0-Sieg. Der Pokalsieg 2009 ist das Kontrastprogramm zum Double 2004. Statt der Krönung einer herausragenden Saison ist er der einzige gemeinsame Nenner für Fatalisten, Realisten und Optimisten, bei denen die Bewertung dieser Saison ansonsten weit auseinander geht. Im Gegensatz zu 2004 halten sich die Sympathiebekundungen durch Nicht-Werderfans in Grenzen. Ganz im Gegenteil. Doch es fühlt sich keinen Deut schlechter an. Sympathie hatten wir schon, den Schönheitspreis dürfen auch mal andere gewinnen. Wir haben den Pokal. Und die Qualifikation für die Europa League, doch das ist Zukunftsmusik.

Heute zählt nur der Moment.

DFB-Pokal Finale: Live-Blog

Bayer Levekusen – Werder Bremen

Das Live-Blog beginnt ca. eine Stunde vor Spielbeginn, also gegen 19 Uhr. Ein wenig Lesestoff zur Vorbereitung gibt es hier und hier.

Gino Basteri’s Live Blog: FC Barcelona – Manchester United

Heute verabschiedet sich Gino von dieser Saison. Was wäre dafür ein besserer Rahmen als ein Champions League Finale, noch dazu eines mit so klangvollen Namen? Los geht's ab 20:15. Das Twitter-Zauberwort heißt wieder #Ginolive.