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20. Spieltag: Never change a losing team

Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen 4:3

Vorab: Ich habe keine einzige Sekunde des Spiels gesehen. Statt Fußball stand für mich Go-Kart-Fahren auf dem Programm (ja, richtig gelesen). Dabei sprang immerhin ein zweiter Platz heraus. Für Werder ist dieser inzwischen in so weite Ferne gerückt, dass es nicht einmal mehr ein Wunschtraum ist, vielleicht doch noch den Anschluss an die Spitzenplätze wiederherzustellen. Dabei ist es ganze 5 (in Worten: fünf) Spieltage her, dass man noch von der Meisterschaft sprechen durfte. Eine konstant spielende Spitzenmannschaft präsentierte sich da im Bremer Weserstadion Woche für Woche. Welch eine Illusion, denn eine Spitzenmannschaft verliert keine fünf Spiele in Folge. 15 Punkte hat man seitdem auf Bayern München und Bayer Leverkusen verloren, 13 auf Schalke, 12 auf Dortmund. Wie kann es zu einer solchen Entwicklung kommen? Ein scheinbar übergangsloser Umbruch vom Meisterschaftskandidaten zur grauen Maus im Winter.

So ganz übergangslos war er dann doch nicht. Einige glückliche Unentschieden waren im Herbst schon dabei, die Werder die schöne Serie retteten. Das ist das Gute an Unentschieden: Sie retten Serien, positive wie Negative. Die Punkteteilungen gegen Wolfsburg und Köln sind nun eben Teil einer sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg in der Bundesliga. Die Interpretation dieser Spiele hat sich ebenfalls geändert: Nun sind sie nicht mehr Ausdruck des Selbstbewusstseins und der Stärke, auch aus Gurkenspielen zumindest einen Punkt mitzunehmen, sondern Vorboten der “Krise”*, die Werder nun Fest im Griff hat. Im Moment wäre man ja schon froh, wenn wenigstens wieder einmal ein Unentschieden herausspringen würde für die Grün-Weißen. Das Schema, nach dem Werders Niederlagen zustande kommen, ist dem langjährigen Fan nur allzu bekannt. Es sind immer die gleichen Dinge, die schief laufen und Werder auf die Verliererstraße bringen: Eine hoch aufgerückte Viererkette, die das Spielfeld möglichst klein halten und so dem Gegner den Platz rauben soll, wird überrumpelt mit langen Pässen auf die Außenbahnen. An diesem Punkt ist es meist schon zu spät. Die Außenverteidiger kommen nicht mehr hinterher, egal wie schnell sie sind (in Abdennour hat man in den Krawallmedien ja schon einen neuen Sündenbock gefunden) und in der Mitte wird die läuferische Schwäche von Naldo und Mertesacker offengelegt. Werder sieht in diesen Situationen aus, wie eine Schülermannschaft!

Es ist der Makel der Ära Schaaf, dass Werder unter seiner Regie diese Schwachstelle nie endgültig abstellen konnte. Man kann sich deshalb ein gutes Bild von Werders Spiel in Gladbach machen, auch ohne die Partie gesehen zu haben. Das Problem liegt im Mittelfeld: Die langen Bälle der Gladbacher müssen verhindert werden. Hier müssen die Gegenspieler aggressiv unter Druck gesetzt werden, damit sie nicht genügend Zeit haben, diese langen Bälle präzise zu spielen. Wenn Werder nicht schleunigst den Weg zurück zu den Grundlagen des Fußballs findet (laufen, Zweikämpfe suchen), ist in dieser Saison kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Gerade mit diesem System wird man dann wieder so viele Gegentore fangen, dass selbst unsere nach wie vor hochklassige Offensive das nicht ausbügeln kann. Es ist so ärgerlich, weil wir im Herbst tatsächlich geglaubt haben, die Mannschaft hätte diese Lektion nun nicht nur gelernt, sondern wirklich verstanden.

Vielleicht wird es Zeit für einen Paradigmenwechsel, den manche frustrierte Werderfans schon seit Jahren fordern. Ein Sturmduo Pizarro – Almeida ist immer für ein Tor gut. Ein Mittelfeld mit Özil, Hunt und/oder Marin ebenfalls. Warum nicht mit zwei echten Stürmern agieren, Frings einen defensiven Partner (den er mit dem leider verletzten Bargfrede lange hatte) zur Seite stellen (warum nicht Niemeyer, wenn Borowski sich zu schade dafür ist?) und dann etwas tiefer stehen? Schaafs Sturheit in dieser Angelegenheit hat sich in der Vergangenheit häufig ausgezahlt. Ich hoffe für ihn und für Werder, dass es das auch diesmal tut und sich der Verein nicht von den Kettenhunden der Bildzeitung beeinflussen lässt. Wir sind immer noch Werder Bremen und wir kommen da auch wieder raus!

Noch ein paar Gedanken zu den Wechseln dieser Transferperiode: Tosic, Moreno und Vranjes verlassen den Verein, Kevin Schindler wird erneut ausgeliehen und Ex-Bayer Sandro Wagner kommt vom MSV Dusiburg. Ich weiß nicht so ganz, was ich von letzterem halten soll, aber es ist sicher gut, sich von den Tribünengästen zu trennen. Im Fall von Juri Vranjes ist schon ein bisschen Wehmut dabei, er hat für Werder einiges geleistet, was von den Fans nur selten gewürdigt wurde (von der Ostkurve abgesehen). Deshalb: Danke Juri, für 4 1/2 Jahre bei Werder! Was aber das Nachtreten gegen Werder angeht, bin ich schon ziemlich enttäuscht. Juri, ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem neuen Arbeitgeber in der von dir so geliebten türkischen Liga, aber nun halt bitte einfach die Klappe und beweise wenigstens ein bisschen der Größe, die du Thomas Schaaf absprichst! Ob im Laufe des Tages noch etwas passiert? Ich denke nicht. Allofs wird dafür Prügel in den Fanforen beziehen, aber glaubt denn jemand ernsthaft, dass er auf Transfers verzichten würde, wenn das Geld da wäre? Es sieht um Werders Finanzen nicht so gut aus, wie viele glauben mögen – mehr sage ich zu dem Thema nicht…

* Wir gehen viel zu leichtfertig mit diesem Wort um. Wir haben eine Krise, weil elf junge Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen, ihren Beruf nicht ganz so gut ausüben, wie elf andere Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen? Da haben die Haitianer ja noch mal Glück gehabt!