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Deutschland, eine Herbstdepression

Am Mittwoch lieferte die deutsche Nationalmannschaft ein schlechtes Spiel gegen Finnland ab. Das Ergebnis spielte keine Rolle mehr, da man sich bereits am Samstag für die WM in Südafrika qualifiziert hatte. Man hätte nun also drauf Wetten können, dass a) Deutschland nicht wirklich gut spielen und b) die Leistung von den Deutschen als “Blamage” und “Demütigung” aufgefasst werden würde. Man könnte nun fragen, welche arrogante und völlig illusorische Grundhaltung diesem Anspruchsdenken zugrunde liegt, das ein – zweifellos glückliches – Unentschieden gegen einen gut spielenden Gegner wenige Tage nach der erfolgreichen Quali als Schmach empfunden wird. Immer noch die Nachwirkungen des “auf Jahre unschlagbaren” Kaisers? Man könnte auch über die fehlende Wertschätzung des Gegners sprechen. Die Finnen haben eine sehr gute und eine gute Halbzeit abgeliefert. Doch daran kann es nicht gelegen haben, auch nicht an der ungewohnten Aufstellung, sondern es müssen die Spieler aus der zweiten Reihe gewesen sein, die Torchowskis, Cacaus, Hitzlspergers. Als ob die individuelle Leistung eines Spielers nicht von der Leistung der Nebenleute und der Abstimmung untereinander abhinge. Alles keine Entschuldigung (und die braucht man als deutscher Nationalspieler) für ein 1:1 gegen Finnland. Die muss man einfach schlagen.

Muss man? Wenn man zweimal gegen Russland gewinnt, dann muss man die Finnen nicht schlagen. Doch während in anderen Ländern noch die Qualifikation fürs große Turnier gefeiert wird, grämen wir uns lieber unserer Unvollkommenheit. Das kann man schade finden, aber wir sind nunmal so. Spätestens ab dem Viertelfinale der WM werden dann auch wir entspannter. Entweder, weil unser Team bereits nach Hause geflogen ist und uns die schier unterträgliche Peinlichkeit eines solch frühen Ausscheidens so überfordert, dass wir sie vorübergehend ausblenden, um den Schmerz etwas zu lindern, oder weil wir unter den Top 8 der Welt sind; noch nicht das Gelbe vom Ei, aber immerhin kann das Turnier nun kein völliger Misserfolg mehr werden. Es sei denn man verlöre im Viertelfinale gegen Finnland.

Dieser Ehrgeiz ist ja gar nicht mal schlecht. Im Leistungssport ist er in der Regel von Vorteil. Leider ist es nunmal so, dass wir gerne die besten wären – es aber nur selten sind. Und selbst wenn wir die besten sind, sind wir eigentlich nicht die besten, sondern nur die Spielverderber, die den großen Mannschaften (Ungarn ‘54, Niederlande ‘74) die Tour vermasseln. Dafür sind wir sehr beständig, wahrscheinlich sogar die beständigsten, aber darüber können wir uns nicht freuen. Wie soll man sich auch über etwas freuen, das man als gegeben ansieht? Eine WM oder EM ohne deutsche Beteiligung hat es zu meiner Lebzeit nie gegeben. Sich über eine erneute Qualifikation zu freuen wäre ja irgendwie dämlich, fast so, als würde man sich über die Sonne freuen oder das Leben an sich. Das tun nur Südländer und oberflächliche Amerikaner.

Die Situation scheint aussichtslos: Wir sehnen uns nach dem absoluten Gipfel, ohne die Täler durchschreiten zu wollen. Wir beneiden die Spanier ob ihrer Eleganz und spielerischen Klasse, wären aber nie bereit, dafür zuerst einige Jahrzehnte der Erfolglosigkeit in Kauf zu nehmen. Den Italienern sprechen wir die Klasse lieber ganz ab und wundern uns über die Ungerechtigkeit, die sie trotzdem erfolgreich sein lässt. Man wird noch immer schief angeschaut, wenn man einfach zugibt, das Italien vor drei Jahren in Dortmund sowohl die offensivere als auch die bessere Mannschaft war. Genau hier liegt der wunde Punkt: Die Italiener und die Brasilianer sind die einzigen erfolgreicheren Fußballländer auf Nationalmannschaftsebene. Deutschland hat noch keinen von beiden bei einer WM geschlagen. Auch wenn man es nicht so sehen will, die großen Niederlagen der letzten Jahre hat man nicht gegen kleine Gegner wie Rumänien oder Ungarn kassiert, sondern gegen Brasilien (2002), Italien (2006) und Spanien (2008) – und das jeweils zu Recht.

Wie können wir Abhilfe schaffen? Wir könnten uns bewusst machen, dass es kein anderes Land außer Deutschland sowohl bei der letzten WM als auch bei der letzten kontinentalen Meisterschaft ins Halbfinale geschafft hat. Dass man mit etwas gutem Willen daraus schließen könnte, dass Deutschland in den letzten 4 Jahren im Schnitt die beste Mannschaft der Welt war. Doch spätestens seit Klaus Augenthaler wissen wir, dass im Schnitt auch jeder vierte Mensch ein Chinese ist. Und wenn der Chinese erstmal den Fußball beherrscht, dann ist sowieso alles vorbei. Wir tun also weiterhin das, was wir am besten können: Jammern auf hohem Niveau. Und irgendwann kommt dann wieder ein Odonkor, der auf einen Neuville flankt und uns kurzzeitig aus unserer Depression befreit.