Schlagwort-Archiv: Flügelzange

Unter Wert

Bayern München – Werder Bremen 4:1

Zum fünften Mal aus den letzten sechs Spielen verliert Werder gegen Bayern München und verliert dadurch den Anschluss an die Spitzengruppe. Unterm Strich steht eine verdiente Niederlage, die jedoch längst nicht so deutlich zustande kam, wie es das Endergebnis suggeriert. Die Bayern wären an diesem Tag wieder schlagbar gewesen, auch für Werder.

1. Halbzeit: Mit Mann und Maus

Das Spiel begann intensiv und schnell wurde die erwartete Ausrichtung erkennbar. Die Bayern hielten den Ball in den eigenen Reihen und versuchten, ihre starken Flügelspieler in Szene zu setzen. Werder stand ähnlich kompakt, wie gegen Stuttgart, verzichtete auf Pressing in der gegnerischen Hälfte und verteidigte ab der Mittellinie konsequent nach außen, um Ribery und Müller möglichst weit entfernt vom Strafraum an den Ball kommen zu lassen. Die Gegenstöße der Bremer machten in den ersten 20 Minuten einen durchaus gefährlichen Eindruck, doch zu Torabschlüssen kam man nicht.

Eine Standardsituation brachte dann das 1:0 für die Bayern. Hunts Freistoß wurde geklärt und im Anschluss kassiert Werder mal wieder ein prototypisches Gegentor. Ich verstehe einfach nicht, warum man Jahr um Jahr dieses gewaltige Risiko bei eigenen Standards eingeht. Bargfrede als einzige Absicherung im Mittelfeld bedeutet, dass ein verlorener Zweikampf reicht, um die Bayern in Überzahl aufs Tor stürmen zu lassen. Der Konter war dann ein Musterbeispiel für durchdachtes Überzahlspiel. Die Stürmer kreuzen und machen es so für die beiden Bremer ungemein schwer, sich für den Schritt in die Mitte zu entscheiden, der einen Gegenspieler völlig frei werden ließe. So hatte Ribery die Lücke vor sich und konnte problemlos – mit einem sehr schönen Schuss – die Chance verwandeln.

Danach änderte sich kaum etwas am Spiel. Bayern drückte, Werder stand gut und hielt dem Druck insgesamt stand. Die wenigen Gegenangriffe wurden jedoch immer ungenauer und so stand unterm Strich zur Pause nur ein einziger (abgeblockter) Torschuss für Werder. Doch auch die Bayern hatten nur 5 mal aufs Tor geschossen und aus dem Spiel heraus keine einzige klare Torchance herausgespielt. Deshalb war die Partie trotz aller optischen Überlegenheit zur Pause nicht entschieden.

2. Halbzeit: Die Wechsel entscheiden das Spiel

In der Halbzeitpause brachte Schaaf Rosenberg für Arnautovic und wenige Minuten später stand es plötzlich 1:1. Es war genau die Art Spielzug, mit dem man einem überlegenen Gegner gefährlich werden kann. Ein vertikaler Pass auf Pizarro, eine gute Ballbehauptung, eine clevere Ablage, ein starkes Dribbling und ein eiskalter Torabschluss. War das wirklich der Markus Rosenberg, der vor einer Woche aus fünf Metern keinen Möbelwagen getroffen hätte?

In der Folge änderte sich das Spiel gewaltig. Werder agierte wesentlich mutiger, hatte mehr Spielanteile und schien dem zweiten Tor eine Zeit lang näher, als die Bayern. In dieser Phase zeigte sich, wie zerbrechlich die Bayern derzeit sind, wenn man selbstbewusst und mit intensivem Laufpensum dagegenhält. Leider fiel genau in diese Phase der vielleicht beste Angriff der Bayern. Kroos hervorragender Steilpass wurde von Gomez gut auf Müller weitergeleitet, der das ausgestreckte Bein von Wolf gerne annahm. Den Elfmeter verwandelte der eingewechselte Robben sicher.

Die folgenden Minuten wurden für Werder dann richtig bitter. Es war, als hätte man kollektiv den Selbstzerstörungsknopf gedrückt. Schaaf brachte Wagner für Marin und von dem Moment an schlug das Übergewicht der Bayern im Mittelfeld voll durch. Die Verunsicherung wuchs von Minute zu Minute und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Bayern einen der Ballverluste (in diesem Fall von Ignjovski) in ein Tor verwandeln würden. Bei Aaron Hunt entlud sich der Frust in einem schlimmen Foul, das Toni Kroos zum Glück unbeschadet überstand. Das war genau diese Art Foul, die häufig zu schlimmen Verletzungen führt und bei allem Verständnis für die Frustration gibt es keinerlei Rechtfertigung dafür, zumal er auch dem Team durch seine Sperre schadet. Gerade Hunt ist in dieser Saison für Werder schwer zu ersetzen (bis auf die Schlussphase in Gladbach stand er in jedem Spiel 90 Minuten auf dem Platz).

Der ewige Opportunist am Mikrofon

Ich frage mich wirklich, warum ich mich nach all den Jahren immer noch über Marcel Reifs Opportunismus ärgere. Vielleicht liegt es daran, dass er das Spiel eigentlich so gut lesen kann, wie kein anderer deutscher Fußballkommentator. Im Kleinen liegt Reif nur selten daneben, aber im Großen macht er sich komplett abhängig vom Ergebnis. Die Interpretation des Geschehens erfolgt einzig und allein bezogen auf den Spielstand. Was beim Stand von 0:0 ideenlos ist, ist bei 1:0 absolute Dominanz. Sicherlich muss man eine sehr defensiv ausgerichtete Taktik bei einem Rückstand anders bewerten, als bei einem 0:0, aber Reif tut es zu einem so frühen Zeitpunkt und mit solcher Inbrunst, dass man seine späteren Meinungsänderungen nicht mehr ernst nehmen kann.

Nach der Führung waren die Bayern nach Reif’scher Ansicht haushoch überlegen und Werder zur Pause nur mit Glück noch nicht hoffnungslos im Rückstand. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff erkannte Reif jedoch plötzlich einen verdienten Ausgleich und viele gute Bremer Szenen, bis zum Elfmeter für die Bayern, den Robben zum natürlich ebenfalls hochverdienten 2:1 einschoss. Es scheint für ihn einfach nicht möglich zu sein, ein Spiel in seiner Gesamtheit ebenso differenziert zu bewerten, wie er es häufig bei einzelnen Spielszenen tut. Es gibt immer einen Sieger, der alles richtig gemacht hat und einen Verlierer, der so hart wie möglich zu kritisieren ist. Fußball als Tautologie. Man hat fast den Eindruck, dass Reif sich von Verlierern persönlich beleidigt fühlt. Das ist wirklich schade um einen so fähigen Kommentator.

Fazit: Nicht reif genug

Unterm Strich steht eine deutliche Niederlage, die fünfte in dieser Saison und die fünfte gegen einen direkten Konkurrenten (auch wenn Bayern nicht Werders Kragenweite ist). Aus taktischer Sicht hat Schaaf vieles richtig gemacht, zumindest was die Grundausrichtung und die Justierung in der Halbzeit angeht. Obwohl Robben und Ribery jeweils einen Doppelpack erzielten, wurde das Spiel nicht durch die Flügelzange entschieden. Letztlich hat es Werder dem FCB – vor allem gemessen am Aufwand im Spiel gegen den Ball – zu einfach gemacht und das Spiel nach dem erneuten Rückstand völlig aus der Hand gegeben.

Dass Werder keine Spitzenmannschaft ist, war schon vor dem Spiel klar. Das sollte gerade in dieser Hinrunde auch nicht der Anspruch sein. Wen man weiter so arbeitet wie bisher, könnte es aber reichen, um Best of the Rest zu werden.