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10. Spieltag: Wackeliger Befreiungsschlag

1. FSV Mainz 05 – Werder Bremen 1:2 (1:1)

Zwanzig Minuten lang führt Mainz den Tabellenletzten am Nasenring durch die Manege – es scheint nur eine Frage der Höhe des Sieges zu sein. Am Ende gelingt aber Werder der erste Saisonsieg, und das nicht mal ganz unverdient.

Mainz überrennt Werder

Selten sieht man vom Anpfiff an solch einen großen Leistungsunterschied in einem Bundesligaspiel. Bei den Mainzern, die auf ihre Fünferkette zugunsten eines konventionellen 4-2-3-1 verzichteten, klappte in der Anfangsphase des Spiels nahezu alles. Das Pressing war gut und führte zu etlichen Ballgewinnen in der Bremer Hälfte. Mit schnellen Verlagerungen auf die Flügel, teils hinter die aufgerückten Außenverteidiger, nahmen sie die vermeintliche Schwachstelle der Bremer Raute ins Visier. Werder hingegen hatte große Probleme, den Ball über mehr als zwei Stationen zu halten. Prödls Befreiungsschläge waren zehn Minuten lang die einzigen erfolgreichen Versuche, den Ball aus der eigenen Hälfte zu klären. Die Befürworter der Dutt’schen Theorie, die spielerische Qualität des Kaders reiche nicht für gepflegten Spielaufbau, durften sich bestätigt fühlen. Lediglich der fehlenden Mainzer Konsequenz vor dem Tor und einer starken Parade von Wolf war es zu verdanken, dass Werder nach der Anfangsphase nicht bereits aussichtlos im Rückstand lag (wenngleich ein sehr guter Torwart das Tor von Okazaki – auch wenn der Schuss verdeckt war – wohl verhindert hätte).

Als Werder kurz vor der Pause einen umstrittenen (meiner Meinung nach aber korrekten) Elfmeter zugesprochen bekam, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, den folgenden Ausgleich als gerechtes Ergebnis zu bezeichnen. Zu groß war die Mainzer Dominanz, zu gering die Gefahr, die Werder seinerseits vor dem gegnerischen Tor entfachte. Dennoch war bereits ab der 20 Minute eine leichte Veränderung der Spieldynamik erkennbar. Die erste Welle des Mainzer Pressings ebbte ab und Werder gewann langsam etwas Sicherheit im eigenen Ballbesitz. Ein guter Angriff über Obraniak und Di Santo, dessen Hereingabe Bartels knapp verpasste, zeigte zum ersten Mal die Erfolgsformel für Werders Offensivspiel auf: Schnelles und direktes Passspiel durchs Zentrum in die Spitze. Hier zeigte sich der Mainzer Defensivverbund durchaus anfällig, wie Junuzovic mit seinem Schnittstellenpass auf Bartels kurz darauf unter Beweis stellte.

Werder fängt sich und dreht das Spiel

In der zweiten Halbzeit war das Spiel geprägt von der veränderten Ausgangsposition nach Di Santos frühem Führungstor. Skripnik reagierte früh auf die Führung, indem er Obraniak aus dem Spiel nahm und auf ein 4-4-1-1 umstellte. Werder stand fortan defensiv etwas besser, während sich die Mainzer mit dem unglücklichen Spielverlauf haderten und nicht wieder zu ihrer spielerischen Linie der ersten Halbzeit fanden. Hinzu kam die nachlassende Kraft, weshalb das extreme Pressing der ersten 20 Minuten nicht reaktiviert werden konnte. Mit klugen Wechseln sicherte Werder den Sieg in der Schlussphase ab, verpasste es jedoch, die sich ergebenden Kontergelegenheiten zur Entscheidung zu nutzen.

Herausheben muss man die Einzelleistung Di Santos, der sich in den letzten 10 Monaten von einem Ergänzungsspieler zu Werders mit Abstand besten Stürmer gemausert hat. Es kommt ihm meiner Meinung nach zu Gute, wenn er einen spielerisch starken Akteur wie Bartels oder Hajrovic neben sich hat, statt einem zweiten Stoßstürmer. Das zweite Tor war technisch hochwertig erzielt, um es norddeutsch-unterkühlt, wenn nicht sogar maßlos untertrieben, auszudrücken. In der aktuellen Form darf man Di Santo wohl zu den 8-10 besten Mittelstürmern der Liga zählen.

Die Leistung seines Vorlagengebers Felix Kroos ist ebenfalls eine genauere Betrachtung wert, war sie doch eine Art Barometer des Spiels seiner Mannschaft. In den ersten 15 Minuten machte er alles falsch, was ein Rauten-Sechser falsch machen kann. Höhepunkt war sein schlecht getimter Pressingvorstoß, der ihn zu einem eigentlich überflüssigen Foul inklusive gelber Karte zwang. Mit zunehmender Spielzeit fing er sich jedoch und fand mit einfachem, aber sicherem Kurzpassspiel im Mittelfeld langsam in die Partie. Der Pass auf Di Santo war wunderbar gespielt, und zeigte, mit welch einfachen Mitteln die Mainzer Viererkette letztlich zu knacken war.

Traumstart und viel Arbeit

Der Sieg ist insgesamt glücklich für Werder, geht angesichts der Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit aber durchaus in Ordnung. Mainz war zwar insgesamt die bessere Mannschaft, zeigte in der Defensive jedoch auch Schwächen, die Werder ausnutzte, und fand nach dem Rückstand nicht mehr zurück zum druckvollen Spiel der ersten Halbzeit. Zwar bleibt Werder vorerst am Tabellenende, kann sich in den anstehenden direkten Duellen gegen Stuttgart und den HSV jedoch selbst aus den Abstiegsrängen schießen.

Für Viktor Skripnik war es ein optimaler Start. Seine Umstellungen vor dem Spiel und während der Partie waren allesamt nachvollziehbar, ebenso seine Systemumstellungen auf 4-4-1-1 und später 4-5-1. Er hat nicht den (über-)ambitionierten Versuch unternommen, Werders Spiel von Grund auf umzukrempeln, sondern einige naheliegende Umstellungen vorgenommen (Galvez in die Innenverteidigung, Obraniak und Aycicek in den Kader bzw. auf die 10). Leichte Verbesserungen im spielerischen Bereich sind zu erkennen, auch wenn das Aufbauspiel selbstverständlich noch deutliche Mängel aufweist. Hier besteht Skripniks Aufgabe zunächst darin, die Spieler zum Kombinationsspiel zu ermutigen. Ein System vom Reißbrett dürfte derzeit kaum funktionieren. Inhaltlicher Schwerpunkt der Trainingsarbeit sollte dagegen die Defensivorganisation sein, denn die Anfangsphase gegen Mainz zeigte wieder einmal deutlich, dass Werder auf diesem Gebiet massive Probleme hat.

Gedanken zu Dutts Werdersystem

Vor dem zweiten Saisonspiel gegen Augsburg ein paar Gedanken zu Werders System und Dutts Umstellungen:

“Einfach so wie Barcelona”

Gegen Ende der vorletzten Saison, als Werder unter Thomas Schaaf noch mit der Raute spielte, sagte Taktikexperte Martin Rafelt von spielverlagerung.de im Grünweiß-Podcast, dass Werder zur Not einfach immer noch so spielen könne wie Barcelona. Gemeint war damit folgendes: Aus der Grundformation der Raute lässt sich mit ein paar Anpassungen ein ähnliches Spielsystem aufziehen, wie es der FC Barcelona aus einer 4-3-3 Grundordnung heraus praktiziert. Schaut man sich das System an, das Robin Dutt im Pokal angewendet hat, lässt sich eine große Ähnlichkeit hierzu erkennen: Mit Hunt stand ein Offensivallrounder in der Spitze, der seine Position ständig verließ und überall auf dem Feld anzutreffen war. Die Flügelstürmer agierten eher eng und stießen immer wieder in den von Hunt hinterlassenen Raum vor. Dahinter stand ein Dreiermittelfeld, das aus einem defensiven und zwei eher offensiv orientierten Spielern zusammengesetzt war. Gemeinsam mit den hoch aufrückenden Außenverteidigern und dem einrückenden Sechser finden wir also viele Elemente, die der FC Barcelona unter Guardiola und Vilanova (mit Ausnahme der Saison 2011/12) in seinem Spiel hatte.

Genauso kann man jedoch das System in die Gegenrichtung auseinander nehmen: Die Grundstellung in Abwehr und Mittelfeld unterscheidet sich nicht von der einer Raute (bzw. einem 4-3-1-2). Es braucht nicht viel Phantasie, sich die “falsche 9″ Hunt als flexiblen Zehner und die beiden “Außenstürmer” Füllkrug und Petersen als Doppelspitze vorzustellen. Et voila, schon haben wir eine moderne Version der Raute. Das sind selbstverständlich nur taktische Spitzfindigkeiten, doch es stellt sich schon die Frage, wo Dutt mit Werder taktisch hin möchte. Das Spiel in Braunschweig war hier sehr aufschlussreich. Auf dem Papier waren die Umstellungen minimal, doch durch die noch engere Stellung der Flügelspieler und die zurückhaltenderen Außenverteidiger lagen die Schwerpunkte an anderen Stellen und jede Ähnlichkeit zu Barcelonas 4-3-3 oder einer Raute war verschwunden. Dies deutet darauf hin, dass Dutt ein System etablieren möchte, das möglichst flexibel und anpassungsfähig an den Gegner ist.

Proaktiv oder Reaktiv?

Im vorletzten Grünweiß-Stammtisch sprachen wir davon, dass Werder in dieser Saison mehr aus der Position des Underdogs agieren und reaktiver spielen kann. In Braunschweig war dies jedoch nicht der Fall. Werder hatte zwar nicht deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner, war jedoch das Team, das häufiger den Ball durch die eigenen Reihen schob, während der Gegner abwartete und auf schnell Umschaltmomente lauerte. Auch in der Bewertung wurde deutlich, dass Werder in diesem Spiel als die proaktive Mannschaft wahrgenommen wurde, denn während Braunschweig in der ersten Halbzeit vor allem als “vorsichtig” beschrieben wurde, bekam Werder das negativere Attribut “ideenlos” verliehen (wohingegen zweifellos beide Mannschaften sowohl vorsichtig als auch ideenlos gespielt haben). Die Ausgangslage war klar: Werder sollte das Spiel machen und die Akzente setzen. In der zweiten Halbzeit änderte sich der Spielverlauf und Werder war nun die reaktivere Mannschaft, während Braunschweig sich ab der 60. Minute aus der Deckung traute. Auch wenn Werder in dieser Phase einige Probleme bekam, fiel letztlich auch das Siegtor aus dieser Situation heraus: Ein schneller Konter gegen einen aufgerückten Gegner.

Man darf daher auch weiterhin die Frage stellen, ob Werder derzeit ein reaktiver Stil (zumindest von den Ergebnissen her) besser zu Gesicht steht. Es ist allerdings auch davon auszugehen, dass Robin Dutt sich nicht damit begnügen wird, Werder zu einer reinen Kontermannschaft zu formen. Dies gibt der momentane Kader auch nicht wirklich her. Dutt ist bekannt als ein Trainer, der sein System immer auch am Gegner ausrichtet. Dafür spricht sowohl das fluide Dreiermittelfeld als Kernpunkt seiner Systeme als auch die verschiedenen Zusammensetzungen der Offensivreihe. Bis zu einem gewissen Grad wird seine Mannschaft daher vermutlich immer darauf ausgerichtet sein, die Stärken des Gegners zu neutralisieren. In Heimspielen und gegen schwächere Teams dürfte Dutt jedoch darüber hinaus seine eigene Spielidee entwickeln wollen. Somit darf man gespannt sein, wie Werder dies gegen Augsburg versucht. Der FCA reist ungeachtet der letzten Ergebnisse als Underdog nach Bremen und wird sicherlich nicht scharf darauf sein, das Spiel zu machen.

Mehr Breite gegen Augsburg?

Gegen Braunschweig stand die Dominanz im Zentrum im Vordergrund. Gegen Augsburg könnte sich dieser Fokus wieder mehr auf die Außen verlagern, sowohl offensiv als auch defensiv. Augsburg spielte zuletzt in einem 4-1-4-1, bei dem mit Holzhauser und Hahn zwei Spieler die offensiven Außenbahnen besetzen, die ihrem Team Breite geben. Vor allem Hahn sucht sein Glück gerne in Flankenläufen.  Holzhausers Spiel ist direkter und er wird sicherlich häufig den Weg vom Flügel in/an den Strafraum suchen. Zusammen steuerten beide gegen Dortmund sieben Flanken bei, zu denen noch fünf weitere Flanken der Außenverteidiger kamen. Auch gegen Werder erwarte ich einen Fokus auf Angriffe über die Flügel. Hier stellt sich die Frage, ob Dutt es seinen Außenverteidigern zumutet, zusätzlich zu dieser erhöhten Defensivarbeit auch alleine für die offensive Breite zu sorgen. Gegen Saarbrücken spielten auf den Flügeln zwei Mittelstürmer, gegen Braunschweig zwei Mittelfeldspieler. Gut möglich, dass Dutt gegen Augsburg hier auf “echte” Außenstürmer (Elia, Arnautovic, Yildirim) zurückgreift oder (was ich mir eher vorstellen könnte) asymmetrisch aufstellt. Dies wäre z.B. der Fall, wenn links Elia oder Yildirim den Flügel besetzen und Hunt auf der rechten Seite so eingerückt spielt wie in Braunschweig.

Dazu wurde mit Franco Di Santo rechtzeitig vor dem Spiel ein neuer Offensivspieler verpflichtet, der zumindest theoretisch gegen Augsburg schon im Kader stehen könnte. Bei ihm stellt sich die Frage, welche Rolle er zukünftig in Dutts System ausfüllen soll. Di Santo ist nicht gerade als Goalgetter bekannt, käme aber für die Position als Spitze oder “falsche 9″ ebenso in Frage, wie für die beiden (eingerückten) Außenpositionen. Ebenso denkbar wäre ein Einsatz als hängende Spitze hinter einem Stoßstürmer wie Petersen. Ein 4-4-2 hat Werder in der Vorbereitung schon getestet. Es könnte zumindest als Alternativsystem in Frage kommen. Di Santos Verpflichtung sehe ich sehr positiv. Er bringt all die Fähigkeiten mit, die Petersen bislang abgehen: Gute Ballbehauptung und -verarbeitung, starke Technik und ein Gespür für Räume. Diese Fähigkeiten fehlten Werders Angriff in letzter Zeit mehr als Vollstreckerqualitäten (die Petersen trotz seine Torflaute in der letzten Rückrunde zweifellos hat).