Schlagwort-Archiv: Frank Baumann

Class of ’00

Kaum war der Klassenerhalt fix, wurden die ersten personellen Konsequenzen gezogen. Die Verträge von Claudio Pizarro und Philipp Bargfrede wurden um je ein Jahr verlängert und etwas überraschend, aber letztlich doch nicht ganz unerwartet wurde Thomas Eichin seines Amtes enthoben.

Der Reformer Eichin: Gescheitert oder vollendet?

Thomas Eichin war keine einfache Persönlichkeit und galt als schwer vermittelbar im beschaulichen Bremen. Sein Umgangston war schroff und bisweilen respektlos – das hörte man vielfach von Mitarbeitern aus allen Bereichen. Durch seine harte Linie bei Personalentscheidungen (insbesondere Nachwuchs und Scouting) machte er sich etliche Feinde im Verein.

Dennoch zeigen die vielen negativen Reaktionen auf seinen Rauswurf, dass man Eichin in Werders Umfeld sehr wohl verstand. Seine Transferbilanz ist nicht ohne Makel, doch er hat das schwere Erbe, das er nach einigen Jahren der Misswirtschaft und Transferpleiten antrat, gut bewältigt. Er hat den Konsolidierungskurs mitgetragen und trotzdem einen zuletzt wieder konkurrenzfähigen Kader zusammengestellt. Sein Pragmatismus war nicht immer leicht zu verdauen, doch im Großen und Ganzen hatte er ein gutes Gespür für die richtigen Entscheidungen.

Mich persönlich störte an Eichin vor allem das Fehlen einer klaren Linie bei der Kaderplanung. Es war zu viel Gelegenheitsshopping dabei und zu wenig Ausrichtung am eigenen Bedarf. Die Fehler des letzten Sommers wurden diesen Winter zwar ausgebügelt, doch der Schlingerkurs bei der Einbindung des Nachwuchses und das Übersehen der Kaderlücken im Mittelfeld, während nahezu das gesamte Transferbudget in den Angriff investiert wurde, bleiben hängen. Nicht zu vergessen war es (bei aller Kritik) Skripniks beste Personalentscheidung der Saison, die Werders Problem im Mittelfeldzentrum zumindest vorerst löste: Die Versetzung von Florian Grillitsch auf die 6er-Position.

Vermutlich hat man es bei Werder ähnlich gesehen und Eichin als eine Übergangslösung betrachtet. Als Aufsichtsratschef Bode von Eichin bei dessen Vertragsverhandlungen letztes Jahr düpiert worden war, hatte er noch zähneknirschend zu seinem Geschäftsführer gehalten. Nun, da die Konsolidierung nach Ansicht der Verantwortlichen abgeschlossen ist, braucht man den Mann fürs Grobe nicht mehr. Dass Eichin eine Veränderung auf der Trainerbank nicht erst zum Saisonende wollte, war bekannt. Die Lesart, dass sich der Aufsichtsrat nun für Skripnik entschieden hat und deshalb Eichin entlassen hat, ist deshalb naheliegend.

Die Werder-Familie schlägt zurück

Ich glaube jedoch nicht, dass die Personalie Skripnik der ausschlaggebende Punkt war. Es dürfte vielmehr um die Entscheidungshoheit im Verein gegangen sein. Als Geschäftsführer Sport sah Eichin die Beantwortung der Trainerfrage als sein Hoheitsgebiet an. Schon im Winter war jedoch bekannt geworden, dass Skripnik ohne die Zustimmung des Aufsichtsrats nicht entlassen werden darf und Bode seinen früheren Mitspieler stützte. Wenn die Charakterbeschreibungen Eichins auch nur ansatzweise stimmen, ist es schwer vorstellbar, dass er diesen Eingriff in seine Souveränität einfach hingenommen hat. Auf der anderen Seite fühlten sich die verbliebenen Mitglieder der “Werder-Familie” durch Eichins Reformkurs zunehmend bedroht und befremdet.

Bereits Anfang letzter Woche war durchgesickert, dass es zum Wochenende einen Versuch von Teilen des Aufsichtsrats geben würde, Eichin zu entmachten. Welche Seite letztlich die Informationen an die Medien gesteckt hat, die zu den “Es kann nur einen geben”-Schlagzeilen über Eichin und Skripnik geführt haben, ist unerheblich. Die Zuspitzung war letztlich unvermeidlich und nur eine Frage des Zeitpunkts. Dass Eichin einen Machtkampf mit Bode nicht würde gewinnen können, überrascht ebenfalls nicht.

Altes, neues Werder

Die Frage lautet also: was nun? und sie ist mit Baumanns Berufung als Nachfolger alles andere als beantwortet. Die wichtigsten Positionen im Verein sind nun wieder mit Werder-Legenden besetzt: Bode, Baumann, Skripnik. Keiner von ihnen hat sich jedoch seine Sporen in der Position verdient, die er nun bekleidet. Man könnte daher vom Anfang einer Ära sprechen. Die neue Generation der Werder-Familie drängt nach vorne. Wohin sie den Verein steuern will, bleibt jedoch offen. Eichin stand nicht für die glorreiche Vergangenheit oder eine ebenso glorreiche Zukunft, sondern für Realismus und Pragmatismus in der Gegenwart. Wenn es bei seiner Entlassung tatsächlich um mehr als persönliche Machtspiele ging, müsste es nun auch inhaltlich einen Kurswechsel geben.

Gut möglich, dass im Verein die heile Welt aus vergangenen Zeiten wiederhergestellt werden soll: Weniger Ich, mehr Wir. Die Werder-Familie als Gegenentwurf zum Haifischbecken Bundesliga mit den freundlichen Gesichtern Bode und Baumann an der Spitze. Wenn man schon faktisch keine Kontinuität mehr hat im sportlichen Bereich, wird diese durch bekannte Gesichter zumindest gekonnt simuliert.

Wie es sich für eine gute Familie gehört, wird hinter den Kulissen fleißig intrigiert. Der Disput mit Eichin ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Aus der hinteren Reihe melden sich die ehemaligen Macher Lemke, Fischer und Born in schöner Regelmäßigkeit zu Wort. Was sie off the record sagen, ist dabei weitaus interessanter. Quintessenz: Außer mir kann es eigentlich keiner. Es ließe sich eine hervorragende Seifenoper daraus machen, doch nach außen hin hält sich die Familie weitestgehend an die Omertà.

Das Bremer mia san mia

Wie ist der Umstand zu bewerten, dass Bode, Baumann, Skripnik, Frings, Pizarro und auch der womöglich bald hinzukommende Borowski einst alle zusammenspielten? Ein Argument gegen Erfolg ist es nicht, das beweist ausgerechnet das Dreigestirn Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer. Bei Werder hat es mit Schaaf und Allofs ebenfalls geklappt. Die Personalentscheidungen machen deutlich, dass man diesem Ideal weiterhin nacheifert. Mit den Namen Schaaf und Allofs ist jedoch nicht nur die Entstehung sondern auch der Untergang der letzten Erfolgsära des Vereins verbunden. Zu viel Schmoren im eigenen Saft, zu wenig Reflektion und äußere Einflüsse. Ob man mit Eichin, Schröder und Dutt die richtigen Leute gewählt hat, um die Außenperspektive in den Verein zu holen, kann jeder selbst bewerten.

Die Zeit der externen Einflüsse ist in Bremen mit Baumanns Berufung jedenfalls erstmal abgelaufen. Sie waren Mittel zum Zweck und der Zweck hat sich nach Bodes Einschätzung erledigt. Hier zeigt sich eine Parallele zum ungeliebten Rivalen aus München: Das Bremer mia san mia gibt sich weniger aggressiv, doch läuft letztlich auf dasselbe hinaus: Der Eindringling von außen passt sich entweder an oder wird wieder abgestoßen. Erfolg berechtigt nur vorübergehend zum Verbleib. Anders als in Bremen ist es beim FC Bayern jedoch schwer vorstellbar, dass Stallgeruch vor den Konsequenzen von Misserfolg schützt.

Rückendeckung oder Säge für Skripnik?

Damit kommen wir zur noch offenen Trainerfrage. Der eigentlich kaum mehr tragbare Skripnik bräuchte dringend ein klares Bekenntnis seiner Vorgesetzten. Dass weder Bode noch Baumann bislang dem Trainer ihr Vertrauen aussprachen, macht die schwierige Situation, in der sie sich befinden, deutlich. Warum man Skripnik nach über 1 1/2 Jahren noch mehr Zeit geben sollte, die bekannten Mängel in seiner Arbeit abzustellen, ist selbst für seine Fürsprecher schwer zu beantworten. Andererseits würde es nicht zum nun eingeschlagenen Kurs passen, als nächstes den ewigtreuen Skripnik zu entlassen. Das wäre so typisch… Eichin?

Es deutet sich daher ein Kompromiss an, der einerseits sehr spannend, andererseits aber auch etwas halbgar wäre: Assistenztrainer Florian Kohfeldt könnte zum Cheftrainer befördert werden. Somit hätte man auch auf der Trainerposition eine gewisse Kontinuität mit Stallgeruch (Kohfeldt ist seit 2001 im Verein), könnte aber gleichzeitig Skripnik aus der schwierigen Situation herauskomplimentieren. Kohfeldt hat seinen Trainerlehrgang als Jahrgangsbester abgeschlossen, gilt als taktisch gewieft und in der Mannschaft beliebt. Wie groß sein Einfluss im derzeitigen Trainerteam ist, lässt sich von außen schwer ausmachen. Welchen Stellenwert er als Cheftrainer zwischen den Werderlegenden Pizarro und Fritz auf sowie Bode und Baumann neben dem Platz haben würde, ist ebenfalls fraglich.

Fazit: It’s complicated!

Das Schöne am Fußball ist: Aus dem Chaos kann etwas Neues, Großes entstehen. Der Optimist in mir möchte daran glauben, dass unter Marco Bode, der sich mit Eichins Entlassung als Machthaber im Verein etabliert hat, tatsächlich etwas Großes entstehen kann. Der Realist zweifelt hingegen an Baumanns Eignung und den richtungsweisenden Entscheidungen im Verein. Der Pessimist hält Bodes Außendarstellung in der letzten Pressekonferenz für eine Farce und hat sich außerdem vor ein paar Tagen schon hier geäußert.

Auch wenn es mangels einer erkenntlichen Neuausrichtung noch schwierig zu bewerten ist, sehe ich Eichins Entlassung zum jetzigen Zeitpunkt als Fehler an. Zu viele Fragezeichen stehen hinter dem Namen Baumann, zu wenig Erfahrung bringt die sportliche Leitung (zu der ich Bode trotz seine eigentlich anderen Funktion zähle) mit, zu schlecht ist der Beigeschmack der Seilschaften zwischen den Beteiligten. In einem halben Jahr wird man schlauer (und meine Zweifel hoffentlich widerlegt) sein.

Die K-Frage

Nach Frank Baumanns Abschied stellte sich die Frage, wer seine Nachfolge als Kapitän antreten soll. Gestern gab es die Antwort und sie ist keine Überraschung: Torsten Frings
ist neuer Mannschaftskapitän. Per Mertesacker, auch das war zu
erwarten, wird sein Stellvertreter.

Hierzu ein interessantes Zitat von Frank Baumann aus einem Interview, das er kurz nach Bekanntgabe seines Karriereendes gab:

"(…) Auch ich hätte sicher mehr Schlagzeilen haben können und damit
auch mehr verdienen können, aber ich wollte das nicht. Ich war in
Nürnberg Führungsspieler und hier in Bremen nach einem Jahr Kapitän,
ich hätte sicher oft den einen oder anderen Spruch anbringen können.
Aber es wird insgesamt überbewertet, wenn einer wild gestikulierend
über den Platz rennt und hinterher in der Öffentlichkeit Dampf ablässt.

Ich glaube fast, dass das jeder Profi könnte, egal welcher Typ er ist.
Es wird verkannt, dass es oft schwieriger ist, ruhig zu bleiben und die
Dinge intern zu regeln. Aber das muss jeder für sich selbst wissen und
es ist oft auch gut für ein Team, wenn es verschiedene Typen hat." (Hervorhebung von mir)

Man kann diese Worte durchaus als Seitenhieb gegen Torsten Frings auffassen. Der gilt als Sprachrohr der Mannschaft, weil er sich nach fast jedem Spiel für Interviews zur Verfügung stellt und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich habe schon länger die Vermutung, dass Frings innerhalb des Teams nicht unumstritten ist. Spieler, die nach außen viel kritisieren, werden von Mitspielern selten wirklich gemocht, höchstens respektiert – so lange die Leistung stimmt. Das war bei Frings in der abgelaufenen Saison nicht immer der Fall und so mancher Kollege wird sich gedacht haben, dass er lieber den Mund halten und sich auf sein eigene Spiel konzentrieren sollte.

Ein Fußballer muss aber nicht unbedingt beliebt sein, um ein guter Mannschaftskapitän zu sein. Frings gefällt sich in der Rolle des Außenseiters und ist als Antreiber für die Mannschaft sehr wichtig. Mit Baumann ergänzte er sich gerade deshalb so gut, weil er zum ruhigen Franken einen Gegenpol bildete. So ergibt es auch Sinn, Mertesacker als Stellvertreter zu bestimmen. Die beiden könnten sich ähnlich gut ergänzen, wobei ich in Mertesacker die größeren Führungsqualitäten sehe. Wäre Frings jedoch bei der Wahl zum Spielführer übergangen worden, hätte er es mit Sicherheit als Affront gegen seine Person aufgefasst. Schon aus "politischer" Sicht hatte Schaaf kaum eine andere Wahl. Mit Diego
hat sich neben Baumann eine weitere Führungsfigur verabschiedet, was die Hierarchie in der Mannschaft durcheinander bringen wird. Ein beleidigter Torsten Frings würde diesen Umbruch zusätzlich erschweren.

Deshalb bin ich mit der Wahl alles in allem zufrieden und wünsche dem Lutscher alles Gute als Kapitän!

Scheiden tut weh

12. September 1999, Werder Bremen – 1.FC Kaiserslautern

Ich stehe als frischgebackener Dauerkartenbesitzer in der Ostkurve des Weserstadions. Die Fans beider Vereine feiern ihre neu entdeckte Feindschaft. Werder hat den Saisonstart verpatzt, aus drei Spielen nur zwei Punkte geholt. Erste Zweifel am frischgebackenen Trainer Thomas Schaaf kommen bereits auf. Kaiserslautern gerät nach einer roten Karte gegen Hristov früh in Unterzahl. Kurz darauf trifft der junge peruanische Stürmer Claudio Pizarro, der sein erstes Spiel für Werder macht, zum 1:0. Werder liefert in der Folge eines der bis dahin besten Spiele der Post-Rehagel-Ära ab, gewinnt mit 5:0. Selbst der untersetzte brasilianische Fehleinkauf Ailton darf in der Schlussphase aufs Feld. Eine Woche zuvor hatte Werder Julio Cesar verpflichtet, um der wackligen Abwehr etwas Stabilität zu verleihen. Neben ihm spielt ein junger Franke, der noch im Mai dem Nürnberger Abstieg ein Gesicht verliehen hat. Sein Name: Frank Baumann. Später wird er einmal sagen, dass Julio Cesar für ihn eine "riesige Erscheinung", ein "Weltstar" gewesen ist.

Vom Kicker erhalten beide für das Spiel die Note 2,5. Julio Cesar absolviert nur 12 Spiele für Werder, beendet nach anhaltenden Verletzungsproblemen seine Karriere. Baumann wird ein Jahr später Mannschaftskapitän. Es ist der Beginn einer zehn Jahre andauernden Ära.

7. Februar 2004, Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen

Zittern in Bremen. Im Irish Pub am Hauptbahnhof werden die Besucher immer nervöser. Es laufen die letzten Minuten eines schwachen Spiels im Borussia-Park. Spielstand: 1:1. Ivan Klasnic hat die Gladbacher Führung ausgeglichen. Werder drückt auf das Siegtor, doch der Ball will nicht rein. Langsam macht sich Angst breit, Werder könnte wie in den Jahren zuvor den Start in die Rückrunde verschlafen. Mit einem Sieg könnte man hingegen die Bayern, die erst einen Tag später spielen, bis auf 9 Punkte distanzieren. Die Minuten verrinnen. Bloß die Hoffnung nicht aufgeben. Vor drei Tagen hat Werder im DFB-Pokal bei Greuther Fürth in der Nachspielzeit noch einen 1:2-Rückstand gedreht. Heute braucht es nur ein Tor. Die letzte Minute bricht an. Werder bekommt noch eine Ecke. Der eingewechselte Ailton tritt sie hoch vors Tor, Kopfballverlängerung, Drehschuss Klasnic, abgewehrt. Dann landet der Ball vor den Füßen von Kapitän Frank Baumann. Der reagiert schnell und schießt ihn aus kurzer Distanz in die Maschen. Euphorisiert läuft "Baumi" auf die Gästekurve zu, rüttelt an der Absperrung. Einer der wenigen Momente, in denen er seinen Gefühlen freien Lauf lässt.

Der Kicker gibt Baumann erneut die Note 2,5. Gut drei Monate später wird Baumann die Meisterschale in den Bremer Himmel recken. Kurz darauf auch den DFB-Pokal. Es ist der Höhepunkt der Bremer Vereinsgeschichte und der Karriere des Frank Baumann.

13. August 2006, Hannover 96 – Werder Bremen

Saisonbeginn. Spiel Nr. 1 nach Johan Micoud. Spiel Nr. 1 für dieses Blog. Werder geht als Meisterschaftsfavorit in die neue Spielzeit, hat gerade den Ligapokal gewonnen. Ein Grund für die Zuversicht: Diego, der 21-jährige Brasilianer, den Werder von der Ersatzbank des FC Porto verpflichtet hat. Er zeigt tolle Ansätze und wird gleich in seinem ersten Spiel zum entscheidenden Mann. Das 1:0 erzielt er nach 20 Minuten selbst. In der Schlussphase brilliert er und bereitet die beiden letzten Tore zum mühsamen 4:2-Sieg vor. In Bremen ahnt man langsam, dass Allofs und Schaaf wieder einen Volltreffer gelandet haben. Wie sehr Diego Werders Spiel in den nächsten drei Jahren beeinflussen wird, ist allerdings noch nicht absehbar.

Der Kicker gibt Diego die Note 1,5 und ernennt ihn zum Spieler des Spiels. Frank Baumann spielt im defensiven Mittelfeld solide, wird mit der Note 4 bewertet.

27. September 2006, Werder Bremen – FC Barcelona

Es läuft nicht gut für Werder. Seit dem dritten Spieltag der Bundesliga ist irgendwie der Wurm drin. Auf Schalke ging man unter, gegen Stuttgart verspielte man ein 2:0, in Pirmasens schied man blamabel aus dem DFB-Pokal aus und beim FC Chelsea gab es außer Respekt für eine solide Leistung nichts zu holen. Gegen den Champions League Sieger FC Barcelona ist Werder krasser Außenseiter. Thomas Schaaf überrascht Fans und Experten indem er Ivan Klasnic aus der Mannschaft nimmt und für ihn Aaron Hunt aufstellt. Insgesamt 9 deutsche Spieler stehen in der Startformation. Unter ihnen auch Frank Baumann. Nach einer halben Stunde spielt er einen unbedrängten Fehlpass. Der Mann in der Reihe hinter mir brüllt: "Nimm den doch endlich raus, der is zu alt!" Allgemeine Zustimmung in auf der Südtribüne. Baumann gewinnt an dem Abend fast alle wichtigen Zweikämpfe, spielt kluge Pässe im Spielaufbau. Einer der beiden Nicht-Deutschen in der Startelf ist Diego. Er wird vom Glamour der Weltstars Ronaldinho, Deco und Eto'o überstrahlt, doch auf dem Feld kann er gegen die behäbigen Gäste viele Akzente setzen. Werder liefert ein begeisterndes Spiel ab, fängt sich kurz vor Abpfiff jedoch das Tor zum 1:1 durch den eingewechselten Leo Messi.

Im Kicker erhalten Baumann und Diego beide eine 2. Werder übersteht die Gruppenphase trotz einer starken Ausbeute von 10 Punkten nicht. Im entscheidenden Spiel in Barcelona ist man chancenlos. Diego wird die K.O.-Runde der Champions League mit Werder nie erreichen.

2. Mai 2007, Universität Bremen

Ich sitze im Vorlesungssaal des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft an der Uni Bremen. Pressekonferenz. Über sechs Monate haben wir für zwei Bremer Unternehmen eine Plakatkampagne entworfen, umgesetzt und ausgewertet. Eines der Unternehmen ist der Martinsclub Bremen, eine Einrichtung, die sich um behinderte Menschen kümmert. Vorne auf dem Podium sitzt ein schüchtern wirkender Mann, der mit leiser Stimme spricht und dabei kaum einmal hochschaut. Er hat sich als Testimonial für die Kampagne zur Verfügung gestellt und war einige Wochen lang auf einem Plakat in ganz Bremen zu sehen. Nun erklärt er auf der Pressekonferenz, warum es ihm ein wichtiges Anliegen war, bei der Aktion mitzuhelfen. Er spricht von sozialem Engagement und im Gegensatz zu vielen anderen Millionären klingt es bei ihm weder aufgesetzt noch gönnerhaft. "Marketing hat mich schon immer interessiert", diktiert Baumann den anwesenden Journalisten. "Nach meiner Karriere kann ich mir gut vorstellen auch etwas in der Richtung zu machen." Einen Tag später scheitert Werder im Halbfinale des UEFA-Cups an Espanyol Barcelona.

Wenige Tage zuvor sah es noch sehr gut aus für den SVW. Nach einer Schwächephase im Frühjahr war der Anschluss an Tabellenführer Schalke wieder hergestellt. Diego erzielte gegen Alemannia Aachen das Tor des Jahres aus über 60 Metern. Dann folgt Kloses Geheimtreffen mit den Bayern, eine Schlammschlacht erst im Werder-Forum, dann in den Medien. Niederlagen in Bielefeld und gegen Frankfurt verhindern schließlich die Bremer Meisterschaft. Werder braucht lange, um sich von der Enttäuschung zu erholen.

7. Mai 2009, Hamburger SV – Werder Bremen

Das dritte der vier Nordderbys innerhalb von 19 Tagen wird zum Schlüsselspiel der Saison. Werder hat das erste Spiel beim HSV zwar gewonnen und steht im Pokalfinale, im Hinspiel vor einer Woche unterlag man jedoch mit 0:1. "Istanbul ist schöner als Berlin", rufen die HSV-Anhänger und haben Recht. Über die Fahrt nach Berlin könnte man sich in Bremen weniger freuen, wenn die Rothosen dafür im UEFA-Cup-Finale stünden. Olic trifft früh zur Führung und setzt Werder unter Druck. Diego sorgt nach Doppelpass mit Pizarro für den Ausgleich. Ein schönes Tor, doch es reicht nicht. Dann patzt Rost, lässt einen haltbaren Schuss Pizarros durch die Hände rutschen. Das
Spiel steht auf der Kippe. Es folgt der inzwischen berühmte Auftritt der Papierkugel. Aus der resultierenden Ecke erzielt Frank Baumann das letzte Tor seiner Karriere. Werder gewinnt mit 3:2 und steht zum zweiten Mal in seiner Geschichte in einem europäischen Finale.

Der Kicker benotet Baumann mit einer 2. Diego bekommt eine 1, wird durch seine gelbe Karte zur tragischen Figur. Das Finale gegen Schachtar Donezk erlebt er nur von der Tribüne aus. Ohne den gesperrten Spielmacher hat Werder gegen die starken Ukrainer kaum eine Chance und verliert mit 1:2 nach Verlängerung.

30. Mai 2009, Bayer Leverkusen – Werder Bremen

Nach der verpassten Chance in Istanbul ist das Finale in Berlin für Diego die letzte Gelegenheit einen Titel im Werdertrikot zu gewinnen. Vor zwei Wochen bestätigten sich die Gerüchte und Diegos Wechsel zu Juventus Turin wurde bekannt gegeben. Auch für Frank Baumann ist es das letzte Spiel für Werder. Er beendet nach der Saison seine Karriere und soll im Winter als Assistent in die Geschäftsführung einsteigen. In Bayer Leverkusen hat Werder einen spielstarken Gegner, der jedoch am "Vizekusen-Syndrom" leidet. In der 58. Minute spielt Diego einen Steilpass auf Mesut Özil. Der erzielt aus spitzem Winkel das 1:0. Wieder einmal ist Diego da, als er gebraucht wird; wie schon so oft in dieser Rückrunde. Eine letzte Torvorlage für den Titel. Eine Minute später wird Frank Baumann angeschlagen ausgewechselt. Die Fans verabschieden ihn mit Sprechchören, die Mitspieler mit Abklatschen und Umarmungen. Der Kapitän geht von Bord, doch die Mannschaft bringt die Beute trotzdem Heim. Werder ist DFB-Pokalsieger 2009.

Baumann und Diego werden vom Kicker jeweils mit einer 3 in die Werder-Rente geschickt. Es wird beiden herzlich egal sein. Einen Tag später feiern sie auf dem Bremer Rathausbalkon ihren Abschied. Diego säuselt "Ich liebe Werder Bremen" ins Mikrofon und springt auf und ab wie ein überdrehtes Kleinkind. Frank Baumann genießt den Moment in seiner bekannten, ruhigen Art. Danach trennen sich die Wege. Für Diego gilt es, den nächsten Schritt auf dem Weg in die europäische Spitzenklasse zu machen und der darbenden Serie A wieder mehr Glanz zu verleihen. Baumann werden wir schon bald wiedersehen, wenn auch in anderer Funktion. Vermissen werden wir sie beide, auf dem Fußballplatz und als Persönlichkeiten. Zwei Spieler, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch zwei Dinge gemeinsam haben: Einen Platz in Werders Geschichtsbüchern und einen Platz im Herzen jedes Werderfans.

Ich wünsche beiden alles Gute für ihre Zukunft und verneige mich vor zwei großen Spielern. Danke Diego. Danke Baumi.

UEFA Cup Zwischenrunde, Hinspiel: Eine nachträgliche Stimmungsbeschreibung

Werder – Milan 1:1

Ich sitze gerade (Freitag, 20.2., Anm.d.Verf.) am Flughafen Schiphol in Amsterdam und warte auf meinen Flug nach Minneapolis. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, schreibe ich nun einige Eindrücke vom UEFA-Cup Spiel am Mittwoch auf. Ich hatte das eigentlich schon gestern vor, doch leider ließen es meine Reiseplanungen nicht zu. Deshalb jetzt also nachträglich.

Zum Spiel selbst brauche ich nicht viel schreiben. Ich nehme an, jeder Leser dieses Blogs hat das Spiel entweder live oder auszugsweise gesehen, bei Twitter die Live-Tweets meiner Konkurrenz Kollegen von @WerderNews verfolgt oder zumindest einen der zahlreichen Spielberichte gelesen (den von kicker.de finde ich außerordentlich zutreffend). Werder spielte engagiert, mit viel Einsatz und Aufwand gegen ein kühles, taktisch wie technisch starkes, allerdings auch etwas lebloses Team aus Milan. Das 1:1 ist sicher kein Wunschergebnis im UEFA-Cup. Es setzt Werder für das Rückspiel unter Zugzwang (wenn schon unentschieden, dann wäre ein 0:0 wegen der Europapokal-Arithmetik besser gewesen). Trotzdem war es ein Spiel, das viele alte Stärken unserer Mannschaft wieder zum Vorschein brachte – einige langjährige Schwächen jedoch leider nicht verbergen konnte.

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Methusalix

Warum wird Torsten Frings schlechte Form eigentlich allerorts mit seinem Alter begründet? Frings ist 32, warum sollte das für einen Fußballer zu alt sein? Die Maldinis, Beckhams, Tottis, Del Pieros und Giggs dieser Welt beweisen doch das Gegenteil. Werders UEFA-Cup-Gegner AC Milan gewann 2007 mit einer "Altherren-Truppe" die Champions League. Also warum halten so viele Leute das Alter für den plausibelsten Grund für Frings Formschwäche?

Andererseits, was soll man erwarten? Schließlich wird dem inzwischen 33-jährigen Frank Baumann auch schon seit 4 Jahren nachgesagt, dass er zu alt sei…

19. Spieltag: Führungslos

Schalke 04 – Werder Bremen 1:0

Vor Beginn der Rückrunde habe ich schon anklingen lassen, dass Werders Schwierigkeiten in der Hinrunde meiner Meinung nach mit einem Führungsproblem auf dem Platz zusammenhingen. Die ersten Spiele der Rückrunde haben mich in dieser Meinung noch bestätigt. Werder hat momentan keinen Spieler, der die Mannschaft wirklich führt – obwohl durchaus Spieler im Kader sind, die diese Rolle übernehmen könnten.

Woran mache ich das fest?

1. Werder hat in vielen Spielen in den entscheidenen Situationen nicht richtig dagegen gehalten. Auffällig war das besonders in der Champions League gegen Athen und Famagusta. Nach Rückständen lässt sich die Mannschaft zu schnell hängen und wacht erst wieder auf, wenn das Spiel schon entschieden ist.

2. Werder lässt sich leicht aus dem Konzept bringen. In fast allen Spielen – auch den wirklich schlechten wie gegen Gladbach oder Karlsruhe – hat Werder in den ersten 2-3 Minuten losgelegt wie die Feuerwehr. Die Mannschaft wirkte bis in die Haarspitzen motiviert. Nach den ersten paar mislungenen Aktionen schlug es dann innerhalb weniger Minuten ins absolute Gegenteil um. Besonders Auswärts fällt es der Mannschaft schwer, das eigene Spiel durchzuziehen.

3. Die jungen Spieler lassen den Kopf zu schnell hängen. Özil und Hunt sind sicher gute Beispiele dafür. Bei allem Talent und allen tollen Spielen, die vor allem Özil schon gemacht hat, waren ihre Leistungen doch sehr schwankend. Bei jungen Spielern sicher normal. Nicht normal ist jedoch, dass diese Spieler teilweise mit hängenden Schultern über den Platz schlurfen, als wäre ihnen das Spiel egal. Hier ist ein Führungsspieler gefordert, die Spieler anzusprechen, zu motivieren, zur Not auch mal anzubrüllen.

Dies sind alles Situationen, in denen ein Trainer kaum auf die Spieler einwirken kann. Hier sind Spieler gefordert, die Verantwortung übernehmen und positiv auf ihre Mitspieler einwirken können. Meistens sind das Spieler mit großer Erfahrung. Die hat Werder durchaus. Aber warum tut es dann keiner?

Frank Baumann ist hier als Kapitän natürlich gefordert. Allerdings war Baumann noch nie der extrovertierteste Spieler beim SVW. Das machte ihn für Werder zum idealen Kapitän, denn um ihn herum gab es mit Micoud, Ismael, Frings, Ernst oder auch Wiese immer schon Spieler, die das mehr als wett gemacht haben. Baumann war der Ruhepol der Mannschaft und gerade deshalb so wertvoll. Heute fehlen diese Spielertypen um ihn herum fast völlig.

Torsten Fings gilt eigentlich als typischer Führungsspieler. Er ist das Sprachrohr der Mannschaft zu den Medien, gibt nach fast jedem Spiel Interviews. Dabei wird oft vergessen, dass Frings auf dem Platz vor allem durch seine eigene Leistung vorangeht und weniger verbal auf seine Mitspieler eingeht. In der Hinrunde hatte er lange Problem zu seiner Form zu finden. Frings kann seinen Mitspielern zwar "einen Einlauf verpassen", aber er ist sicher kein positiver Motivator, der auch dann die Mannschaft führen kann, wenn er selbst schwächer spielt. Und im moment spielt er schwach.

Tim Wieses Einflussmöglichkeiten sind als Torwart eher begrenzt. Diego könnte (müsste?) von seiner Erfahrung und seinen Qualitäten her Führungsspieler sein. Vor einem Jahr schien er den Schritt dahin geschafft zu haben. Momentan hat er mehr mit seinem eigenen Temperament zu kämpfen als dass er weitere Verantwortung übernehmen könnte. Auch Per Mertesacker hat genug Klasse und Erfahrung, die Mannschaft zu führen. Ihm traue ich in der Rückrunde am ehesten eine Führungsrolle zu.

Es gibt viele unterschiedliche Führungsstile, die alle erfolgreich sein können. Es ist letztendlich egal, ob ein Spieler die Mannschaft authoritär führt, durch Leistung voran geht oder einfach durch sein Verhalten ein Vorbild für die anderen ist. Wichtig ist, dass wieder jemand die Führung auf dem Platz übernimmt, der von allen Mitspielern als Leader akzeptiert wird. Anders kann eine Fußballmannschaft nicht funktionieren.

Man konnte Werders Verunsicherung gegen Schalke gestern mit den Händen greifen. Verständlicherweise, bedenkt man die Bedeutung dieses Spiels. Trotzdem hat es die Mannschaft geschafft dagegen zu halten, sich kämpferisch gegen die Niederlage zu wehren. Allein, die spielerischen Mittel waren nicht da. Kratzen, beißen, rennen – das hätte man sich von Werder in den vergangenen Monaten häufiger vergeblich gewünscht. Die Spielstärke war dabei nie das Problem. Doch die inzwischen vorhandene Angst scheint die Mannschaft zu lähmen. Eine kämpfende Mannschaft ohne Selbstvertrauen gewinnt in der Bundesliga selten Spiele. Und wer spielt, wie Energie Cottbus, holt auf Schalke selten Punkte.