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Meine EM: Blancs gescheiterte Evolution

Spanien – Frankreich 2:0

Man wollte den Schatten von 2010 loswerden. Nun steht Frankreich nach vier Spielen bei dieser EM vor einem Scherbenhaufen. Die Reaktionen nach dem Ausscheiden zeigten, dass die Entwicklung in den letzten zwei Jahren nicht so viel wert waren, wie erhofft. Der Stachel sitzt noch immer tief.

Laurent Blanc versuchte es gegen Spanien mit einem sehr defensiven, asymmetrischen 4-5-1, bei dem auf der rechten Seite quasi ein zweiter Rechtsverteidiger spielte, der Jordi Albas Vorstöße eindämmen sollte. Links spielte Ribery deutlich höher. Von ihm erhoffte man sich die nötige Kreativität und Zuspiele für Karim Benzema. Der enttäuschende Nasri saß auf der Bank. Spanien spielte wie gewohnt im 4-3-3, diesmal wieder ohne echten Stürmer, dafür mit Fabregas als falscher Neun.

Über weite Strecken ließ das Spiel die Spannung vermissen. Spanien zeigte sich wie gewohnt ballsicher und war nicht gewillt, gegen einen in den ersten 45 Minuten harmlosen Gegner großes Risiko einzugehen. Nach der frühen Führung durch Xabi Alonso hielt man den Ball in den eigenen Reihen und in Frankreichs Hälfte, ohne die letzte Entschlossenheit auf dem Weg zum Tor. Es kamen Erinnerungen an 2010 hoch. Das spanische Tiki-Taka ist nicht zuletzt auch ein Defensivsystem, dem Frankreich wenig entgegen zu setzen hat.

In der zweiten Halbzeit wurde Frankreich etwas stärker, kam über die linke Seite zu einigen Chancen, von denen die meisten jedoch nicht wirklich gefährlich für Cassilas wurden. Ich hatte nie den Eindruck, dass Frankreich dieses Spiel gewinnen könnte. Spanien lässt den Esprit vermissen, den man beispielsweise vor vier Jahren ausstrahlte. Man verwaltet eher den Status als Nummer 1, als das man versucht, an den begeisternden Fußball der Jahre 2007 bis 2010 anzuknüpfen. Solange die Gegner dem so wenig entgegen zu setzen haben wie Frankreich, kann man an diesem Ansatz nicht viel kritisieren. Unterm Strich war es ein verdienter Sieg, der in Frankreich eine hitzige Diskussion um Spieler und Trainer auslöste.

Blanc wirkt angezählt, muss um seine Vertragsverlängerung bangen. Seine Taktik gegen Spanien ging nicht auf, das 0:1 fiel ausgerechnet über die rechte Abwehrseite, die Blanc mit seiner Aufstellung stärken wollte. Doch vor allem die Spieler, die schon 2010 in der Kritik standen, werden es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Die Disziplin in der Mannschaft ist schlecht und was einzelne Spieler im Turnier ablieferten, ist eine Frechheit. Samir Nasri bewies wieder einmal, dass er kein Mann für große Spiele ist und glänzte nach seiner Einwechslung mit einer fassungslosen Nicht-Leistung. Auch Malouda war sichtlich neben der Spur. Ribery spielte über weite Strecken mit sich selbst, hatte eine katastrophale Fehlpassquote und vorne verhungerte Karim Benzema, wenn er sich nicht weit mit nach hinten fallen ließ.

Alles in allem war der französische Ansatz in diesem Turnier interessant, aber er zahlte sich letztlich nicht aus. Die Mannschaft zerfällt unter Druck in ihre Einzelteile und wirkt nicht wie eine Einheit. Es wird wohl noch etwas dauern, bis Frankreich aus seinen hochklassigen, aber zerstrittenen Einzelspielern wieder ein Kollektiv macht und bei den großen Turnieren wieder etwas mitzureden hat. Bei dieser EM waren sie unterm Strich enttäuschend und fahren verdient nach Hause.

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe D

Frankreich lässt die Ukraine nach der Regenunterbrechung ziemlich hilflos aussehen. England liefert sich mit Schweden ein spannendes und offenes Spiel.

Ukraine – Frankreich 0:2

Dem Gewitter sei dank, bekam ich doch noch etwas mit von diesem Spiel, wenn auch nur die letzten 40 Minuten. Zwei Erkenntnisse gab es dabei für mich: Frankreich gehört doch zu den Mitfavoriten des Turniers, auch wenn sie die englische Mauer in der Schlussphase des Eröffnungsspiels nicht knacken konnten. Das fluide Spiel im Angriff gefällt mir gut und erinnert mich ein wenig an Werder 09/10 mit vier ständig rochierenden Offensivkräften. Ich bin sehr gespannt, wie sie sich damit gegen die Topmannschaften schlagen werden.

Die Ukraine wirkte nach dem gedrehten Spiel gegen Schweden und dem Doppelpack von Shevchenko so, als hätte sie ihr Ziel im Turnier schon erreicht. Vielleicht ist mein Eindruck etwas verzerrt, weil ich die erste Halbzeit nicht gesehen habe, aber in der zweiten waren sie völlig chancenlos und hatten auch kein erkennbares Konzept, wie sie Frankreich in ernsthafte Probleme bringen könnten. Jetzt gibt es ein Endspiel gegen England, das die Ukraine in jedem Fall gewinnen muss. Für mich sind sie dabei klarer Außenseiter und viel zu abhängig von ihren alten Stars. Aber vielleicht beschert uns das Turnier ja noch einen zweiten Abend wie beim Spiel gegen die Schweden.

England – Schweden 3:2

Nicht jedes Spiel mit vielen Toren ist unterhaltsam. Das muntere Hin und Her zwischen England und Schweden würde ich aber schon dazuzählen, auch wenn es fußballerisch eher mittelmäßig war. Die Tore waren weniger Produkte durchdachter Angriffszüge, als das Resultat aus Einzelaktionen. Die schiere Gewalt bei Carrolls Kopfballtor war beeindruckend und ein Beweis, dass eine Halbfeldflanke effektiv sein kann, wenn die gegnerische Abwehr nicht fünf Sekunden Zeit hat, sich darauf einzustellen. Danach war es vor allem der Spielverlauf, der dieses Spiel so packend machte. Erst drehte Schweden das Spiel, dann die Engländer. Dazwischen gab es viele Ungenauigkeiten, aber auch durchaus hohes Tempo.

Schwedens Abhängigkeit von Ibrahimovic ist ein hausgemachtes Problem. Die Mitspieler verlassen sich zu sehr auf ihn, bürden ihm zu viel Verantwortung auf. Ibrahimovics arrogante Körpersprache deutet darauf hin, dass er seine Mitspieler als minderwertig betrachtet. So hat man bei jedem Pass zu ihm den Eindruck, dass die Botschaft mitschwingt: Du kannst doch alles besser, also mach mal. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die Teams, die um einen Superstar gebaut sind, bei dieser EM so schwer tun (Schweden, Portugal, teilweise auch die Ukraine). Um bei der im Fußball so beliebten Militärsprache zu bleiben: Ibrahimovic ist eine Waffe, kein General. Ähnlich ist es mit Theo Walcott bei den Engländern. Der kam in der Schlussphase und brachte mit seiner Schnelligkeit den Odonkor-Effekt ins Spiel, der England zum Sieg führte.

Schweden ist damit raus und England hat gute Chancen, mit einem Unentschieden gegen den Co-Gastgeber ins Viertelfinale einzuziehen.

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe D

Frankreich und England neutralisierten sich mit ihren gegensätzlichen Spielanlagen. Der Ukraine gelang gegen Schweden ein beeindruckendes Comeback.

Frankreich – England 1:1

Das erste Spiel bei dieser EM, das ich nicht live gesehen habe. Was ich hinterher in Zusammenfassungen gesehen und in Spielberichten gelesen habe, war nicht sehr erbaulich. Beide Teams in ihrer Ausrichtung in etwa so wie erwartet. Das Ergebnis ist auch wenig überraschend, wobei ich den Franzosen nach den letzten Testspielen doch etwas mehr offensive Durchschlagskraft zugetraut hätte. Am Ende rannte man vergeblich an gegen eine englische Mannschaft, die von Hodgson in der kurzen Vorbereitungszeit offenbar gut eingestellt wurde. Mal sehen ob man sich gegen die anderen beiden Gegner auch in einer Außenseiterrolle gefällt oder dort offensiver zu Werke geht.

Ukraine – Schweden 2:1

Es ist ein schmaler Grat zwischen abwartendem und passivem Fußball. Für letzteren bestand in diesem Spiel eigentlich kein Anlass, denn keine der Mannschaften ist der anderen so überlegen, dass man sich verstecken müsste. Es war verständlich, dass Schweden den vor dem Turnier strauchelnden Ukrainern in Kiew die Initiative überlassen würden. Statt ihnen dabei nach und nach den Schneid abzukaufen und so noch nervöser zu machen, ließ man sie zu lange auf mittelmäßigem Niveau gewähren, bis sie immer besser zu ihrem Spiel fanden.

Bei Schweden gefiel mir die Raum- oder vielmehr Aufgabenaufteilung in der Offensive nicht. Rosenberg machte das, was er auch bei Werder machte: Diagonale Läufe hinter die Viererkette. Die hierfür benötigten Vertikalpässe durch die Schnittstellen blieben jedoch aus. Ibrahimovic spielte wie erwartet deutlich hinter ihm, ließ sich dabei aber so tief fallen, dass große Lücken im Zentrum entstanden. Über die Flügel kamen zu wenig Vorstöße und das Spiel wirkte insgesamt wenig ausgewogen. Die einzige Spielidee der Sechser bestand offensichtlich darin, den Ball zu Ibrahimovic zu spielen. Dennoch ging Schweden etwas glücklich in Führung.

Die Ukraine überzeugte nicht nur durch ihren Kampfgeist, mit dem sie das Spiel nach dem Rückgang drehten. Auch spielerisch war die Leistung besser als erwartet. Mit Shevchenko und Voronin setzte Trainer Blochin vorne auf die alte Brigade, was man ihm bei einer Niederlage sicher vorgeworfen hätte. Doch gerade die beiden rissen nach dem Rückstand das Spiel an sich. Ein Doppelpack von Sheva zum Auftakt der Heim-EM war nach den Verletzungsproblemen und nachlassenden Leistungen der jüngeren Vergangenheit fast zu schön um wahr zu sein. Die Ukraine feierte also einen Auftakt nach Maß und drehte das Spiel gegen eine schwedische Mannschaft, die sich den Vorwurf gefallen lassen muss, über weite Strecken des Spiels gegen einen schlagbaren Gegner zu passiv gewesen zu sein. Die Ukraine hat nun eine realistische Chance aufs Weiterkommen, während sich Schweden keine großen Hoffnungen machen sollte, den Patzer noch auszubügeln.

Meine EM: Frankreich hat wieder eine Mannschaft

Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Gestern noch der undisziplinierte Sauhaufen der WM 2010, der sich auf alten Lorbeeren ausgeruht und die Erneuerung des Kaders verschlafen hat. Heute schon einer der gar nicht mehr so geheimen Favoriten auf den EM-Sieg. Frankreich ist unter dem neuen Trainer Laurent Blanc seit nunmehr 21 Spielen ungeschlagen und geht mit viel Selbstvertrauen in das Turnier.

Die Spuren des Laurent Blanc

So richtig gravierend waren die personellen Probleme der Franzosen denn auch nicht. Zumindest die Klasse der einzelnen Akteure stand nur selten zur Diskussion. Problematischer war schon die Zusammensetzung in menschlicher wie taktischer Hinsicht. Ex-Trainer Raymond Domenech hatte sich dabei einen höchst zweifelhaften Ruf erarbeitet. Statt auf statistisch belegbare Daten und Fachkompetenz verließ er sich bei seiner Mannschaftsauswahl lieber auf metaphysische Aspekte wie die Sternzeichen der Spieler. Nicht wenige halten ihn daher für einen Scharlatan, der 2006 riesiges Glück (bzw. Zidane / Ribery / Henry) hatte und in der Folge vier weitere fruchtlose Jahre auf dem Trainerstuhl der Equipe Tircolore verbringen durfte. Zwei Turniere inkl. Vorrundenaus und Meuterei in Südafrika bedurfte es, um einen Trainerwechsel herbeizuführen.

Nachfolger Laurent Blanc ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Der Ex-Weltklassespieler feierte mit Girondins Bordeaux große Erfolge, bevor er vor zwei Jahren das Ruder bei der französischen Nationalmannschaft übernahm. Unter seiner Führung kehrten sportliche Vernunft und Disziplin zurück ins Team. Die Qualifikation für die EM verlief holprig, doch am Ende setzte man sich als Gruppenerster durch und zeigte sich seitdem in den Freundschaftsspielen deutlich verbessert. Siege gegen Brasilien, Deutschland und Gruppengegner England taten dem gebeutelten Selbstvertrauen gut. Langsam zeigt sich auch eine spielerische Verbesserung. Während man über weite Strecken der Jahre 2010 und 2011 selten attraktiven Fußball spielte, kann man immer mehr positive Elemente im Offensivspiel der Franzosen entdecken. Angesichts des Potenzials der Angriffsspieler sollte dies keine Überraschung sein, doch der Weg dorthin war nach den Querelen der Vergangenheit steinig.

Noch immer ein Weltklassekader

Im Gegensatz zu etwa Deutschland oder England hatte Frankreich in den letzten 10 Jahren nicht mit einem strukturellen Problem zu kämpfen. Der Vorsprung in der Jugendförderung ist zwar weggeschmolzen, doch das liegt weniger an Versäumnissen der Franzosen als an früheren Versäumnissen der Konkurrenz, die nun beseitigt wurden. Der französische Fußball bringt in schöner Regelmäßigkeit große Talente hervor. Der Trainer hat die Qual der Wahl, daraus ein funktionierendes Team zusammenzustellen. Dies scheint Blanc hervorragend gelungen zu sein. Das Prunkstück der Franzosen ist sicherlich das Mittelfeld. In der Dreierreihe hinter der beweglichen Spitze Benzema hat man in Ribery einen Weltklassespieler, der mit dem technisch begabten Nasri das Offensivspiel lenkt. Auf der rechten Seite stehen mehrere starke Flügelspieler zur Auswahl, die unterschiedliche Qualitäten mit ins Team bringen würden. Valbuena, Malouda oder auch Menez heißen hier die Kandidaten. Eine taktische Alternative wäre es, Malouda ins Zentrum zu ziehen und Nasri auf den rechten Flügel zu schieben.

Im zentralen Mittelfeld bangt man derzeit noch um M’Vila und Alou Diarra, die sich Verletzungen zugezogen haben. So ist Yohan Cabaye der einzige sichere Starter in der Doppelsechs. In der Abwehr setzt Blanc auf Erfahrung, bevorzugt hinten links Wadenbeißer Patrice Evra, wohl auch, weil Ribery noch immer nicht als fleißigster Spieler gilt, was die Defensivarbeit angeht. Auf der rechten Seite ist Blanc mutiger und setzt auf den offensivfreudigen Debuchy. Auch in der Innenverteidigung herrscht Aufgabenteilung. Mexes ist ein Verteidiger der humorlosen Sorte, während Partner Rami und Ersatzmann Koscielny für den moderneren, aufbaustarken Typus stehen. So ist Frankreich hinten trotz langsamer Innenverteidiger schwer zu knacken und mit der leicht asymmetrischen Formation auch offensiv schwer zu verteidigen.

Blancs Frankreich zählt wegen der Entwicklung der letzten 12 Monate, der individuellen Klasse der Spieler und die Erfahrung auf internationalem Niveau zu den Favoriten auf den Gesamtsieg. Doch während das Turnier für Spanien ein Jahr zu spät kommt, kommt es für Frankreich vielleicht ein Jahr zu früh. Viele Spielzüge und Abläufe sind noch nicht so verfestigt, wie bei den Niederlanden, Deutschland oder Spanien, weshalb ich Frankreich eine Stufe unter diesen Teams ansiedeln würde. Wenn bei den Franzosen alles läuft wie geplant, haben sie ernsthafte Chancen auf den Titel. Bei großen Turnieren läuft aber nur selten alles nach Plan und die Mannschaft wirkt auf mich noch nicht so gefestigt, dass sie gut damit umgehen könnte.

Meine Prognose: Frankreich wird Gruppensieger und qualifiziert sich für das Halbfinale. Dort scheidet man jedoch aus.

Frankreichs Gruppengegner:

Ukraine
England
Schweden