Schlagwort-Archiv: Franz Beckenbauer

Mein Senf zum Münchner Weißwurstfrühstück

Es liegt mir eigentlich fern, mich hier im Blog zum FC Bayern zu äußern, zumindest wenn es nicht in Zusammenhang zu einem Spiel gegen Werder steht. Einen eigenen Eintrag wollte ich dem Rekordmeister schon gar nicht widmen, doch heute muss es einfach mal sein.

Es ist kein Geheimnis, dass ich dem FC Bayern trotz meiner bayerischen Wurzeln keine große Sympathie entgegen bringe, um es vorsichtig auszudrücken. Allerdings muss ich gestehen, dass mich die Vepflichtung van Gaals als Trainer und die scheinbare Bereitschaft zum Neuaufbau einer Mannschaft überzeugt haben. Ich kann nicht sagen, dass ich dem “Projekt” Erfolg gegönnt hätte, aber zumindest hätte ich mich über eine bajuwarische Dominanz nicht zu sehr geärgert. Ganze vier Monate später präsentiert sich der große FCB als zertstrittener Scherbenhaufen.

Da wagt es der kleine Phlipp Lahm in einem Zeitungsinterview einfach so, die Clubführung zu kritisieren und alle geben ihm Recht. Alle? Nein, Uli Hoeneß wischt die Kritikpunkte mit einem Handstreich weg. Alles Kokolores, der hat doch keine Ahnung. Dahinter steckt der Berater, der sich profilieren möchte. Reicht als Begründung, um der Kritik sämtliche Rechtfertigung zu entziehen. Ohnehin: Wer will diesem Uli Hoeneß schon in die Parade fahren? 30 Jahre lang erfolgreicher Manager, den FC Bayern national und zeitweise auch international zum Branchenführer gemacht. Auf sein Lebenswerk kann Uli Hoeneß wirklich stolz sein. Doch woher nimmt er die Chuzpe jeden anderen zurecht zu weisen?

Real? Pah! Barca? Nichts als Schulden! Arsenal? Kein internationaler Titel! ManUtd? Lächerlich! Werder? Keine Titel und keine Boulevardmedien! Überhaupt, die Medien! Die überzogene Erwartungshaltung wird doch nur von außen geschürt. Und dann das Internet mit seinen anonymen Foren! Und ständig dieser Lärm! Was soll’n die Nachbarn sagen? Ein solcher Rundumschlag ist nichts neues. Nach außen. Wenn sein Baby angegriffen wird, schlägt Hoeneß um sich. Nicht umsonst hat sich die Bezeichnung “Abteilung Attacke” eingebürgert. Gerade das schätzen viele Fans an ihm, diese Mischung aus sozialer Wärme nach innen und überbordendem Selbstbewusstsein nach außen. Allerdings war die Kritik an der sportlichen Führung der Bayern selten größer als heute. In dieser Situation zeigt sich Hoeneß größte Schwäche: Mangelnde Selbstreflexion.

Kaum eine Woche später passiert dann aber etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Hoeneß und Franz Beckenbauer geben ein Interview in der Bild-Zeitung und demontieren ihren Trainer darin dermaßen, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie eine langfristige Zusammenarbeit mit ihm aussehen soll. Van Gaal soll also ein anderes System spielen, einen Teil “Verantwortung” (sprich: Entscheidungsmacht) an die sportliche Führung abgeben, aber, hey, das lernt der schon noch. Wie kann man einen Trainer von der Reputation eines Louis van Gaal holen und ihn öffentlich derartig vorführen? Kommt es wirklich so überraschend, dass der Holländer so ist wie er ist? Wusste man das nicht, als man ihn verpflichtet hat? Oder hat sich der 58-jährige in seinen 5 Monaten München so sehr verändert? Und falls nicht, soll sich der 58-jährige nun für seinen Job bei den Bayern ändern? Was erwarten Hoeneß und Beckenbauer eigentlich?

Erfolg erwarten sie. Von Anfang an. Moment, waren das nicht die Medien? Ja, aber! Sämtliche Probleme, die der FC Bayern seit Jahren mit sich rumschleppt sind a) gar keine Probleme, werden b) nur von außen in den Verein getragen, kommen c) nur daher, dass alle anderen Unrecht haben und liegen im Zweifel d) in der Verantwortung des Trainers. Und e) seid ihr alle gemein und ich spiele jetzt nicht mehr mit euch. Kindergarten FC Bayern!

Es könnte mir eigentlich egal sein, ja eigentlich könnte ich mich sogar darüber freuen, macht es eine Münchner Aufholjagd doch nicht gerade wahrscheinlicher. Ich könnte mich genüsslich zurücklehnen, wenn Beckenbauer bei Sky90 über die gesamte Sendezeit nichts anderes zu Bayerns Problemen einfällt als “Ribery” oder wenn Verwaltungsbeirat Helmut Markwort einem von van Gaal verpflichteten Spieler die Bundesligatauglichkeit abspricht. Es freut mich aber nicht, es ärgert mich. Nicht, weil es die Bayern sind, sondern trotzdem. Weil es mich wütend macht, wenn die Arbeit eines Trainers, der viel riskiert, um den Verein aus seiner comfort zone zu treiben, so mit Füßen getreten wird.

Kein Wort mehr davon, dass van Gaal viele Probleme zu seinem Amtsantritt geerbt hat. Übernommen hat er auch einen sehr starken Kader, keine Frage. Einen Kader jedoch, der unausgewogen wirkt, noch nicht so harmoniert, wie er es müsste, um Titel zu gewinnen. Wird es gewürdigt, dass van Gaal mit Badstuber und Müller zwei junge Talente ins Team integriert hat? Dass er den Bayern ein System und eine spielerische Identität zu verleihen versucht? Es wird ihm lieber vorgeworfen, dass er in der Anfangszeit vieles ausprobierte und keine klare Vorstellung davon hatte, wie das Team spielen soll. Doch wozu holt man einen Fachmann wie van Gaal zum Verein, wenn man gar nicht möchte, dass etwas verändert, dass etwas neu aufgebaut wird? Wenn man auf sein Urteil nicht vertraut? Ein großer Umbruch geht nie ohne Scherben vonstatten. Hätte man Sicherheit gewollt, hätte man damals Hitzfeld behalten müssen. Stattdessen holte man mit Klinsmann einen Erneuerer. Der Mut zum Risiko überraschte viele, mich eingeschlossen. Auch van Gaal ist ein Experiment. Allerdings ist hier nicht der Trainer das Versuchsobjekt, sondern der Verein. Kann Bayern mit einem solch knorrigen, sturen und kauzigen Trainer Erfolg haben?

Ich glaube leider, dass die sportliche Führung die Antwort auf diese Frage bereits gegeben hat.

UEFA-Cup Halbfinale, Rückspiel: Der Norden der Welt

Hamburger SV – Werder Bremen 2:3

Auch mit zwei Tagen Abstand habe ich noch nicht ganz realisiert, was eigentlich passiert ist. Lässt man Papierkugeln, Torwartfehler und sonstige Gehässigkeiten mal weg, bleibt unterm Strich die zweite Finalteilnahme dieser Saison und die zweite Finalteilnahme der Vereinsgeschichte im Europapokal. Bei allem was man in dieser Saison als erfolgsverwöhnter Werderfan über sich ergehen lassen musste, war dieses Spiel der vorläufige Höhepunkt an Spannung, vorübergehender Hilflosigkeit und schlussendlich grenzenloser Freude.

Wie soll man das alles auch einfach so wegstecken? Innerhalb weniger Tage der angeblich feststehende Weggang Diegos, der Sieg in Hamburg, Diegos Finalsperre, Mertesackers Saisonaus, Spekulationen über einen Wechsel Thomas Schaafs zu Wolfsburg und dazu dessen zehnjähriges Jubiläum als Werders Cheftrainer. Reicht eigentlich für mehrere Wochen und will in kurzer Zeit verarbeitet werden. Denn es steht bereits das nächste Nordderby auf dem Programm. Mit einem erneuten Sieg könnte man den HSV vorübergehend sogar aus den UEFA-Cup-Plätzen kegeln. Es wäre die ultimative Demütigung, wenn die Hamburger am Ende mit ganz leeren Händen dastünden.

Doch noch ist dies auch für Werder möglich. Im Finale gegen Donezk kann Werder ohne Diego und Mertesacker kaum als Favorit gelten. Selbst Almeidas Sperre wiegt ob Rosenbergs nicht enden wollender Formschwäche schwerer als nötig. Nun wird es Werder doch zum Verhängnis, nur mit drei Stürmern (plus Harnik) in die Rückrunde gegangen zu sein. Die gelbe Karte gegen Diego war unverständlich, taugt jedoch nicht zur Legendenbildung. Er hätte bereits vorher für eine Schwalbe verwarnt werden können, stattdessen bekam er einen Freistoß. Es ist mir trotzdem unbegreiflich, wie ein Spieler, der mit David Jarolim in einer Mannschaft spielt, ernsthaft einem anderen Spieler Fallsucht vorwerfen kann. Egal. Mund abputzen und weiter geht’s.

Franz Beckenbauer zeigte sich nach dem Spiel wieder einmal herrlich uninformiert. Nicht, dass ich mich darüber noch wundern oder gar ärgern würde. Ganz im Gegenteil fand ich es äußerst lustig wie der Kaiser nach dem Spiel überrascht feststellte, dass Bremen entgegen seiner Annahme ja doch eine Pokalmannschaft sei. Und das zwei Wochen nachdem Werder die achte Finalteilnahme der letzten 20 Jahre im DFB-Pokal sichergestellt hatte. Zur Einordnung (auch wenn die Zeitspanne willkürlich ist): Im selben Zeitraum standen die Bayern “nur” sieben mal im Pokalfinale.

Die (Un-)Logik des Pokals widerspricht dem über Monate gelernten Eindruck aus der Bundesliga, dass Werder eben keine Spitzenmannschaft mehr sei. In der Meisterschaft schon früh abgeschlagen, in der Champions League blamabel ausgeschieden. Und nun? Mittelmaß my ass! Es könnte eine der erfolgreichsten Spielzeiten der Vereinsgeschichte werden. Es ist noch nichts Greifbares gewonnen, doch trotzdem sollte man die Saison insgesamt nicht mehr als Misserfolg werten. Das heißt bei weitem nicht, dass alles in Ordnung wäre und die offensichtlich gewordenen Probleme einfach ignoriert werden könnten. Doch ein Rückfall in die Jahre voller Frust ist zumindest vorerst abgewendet.