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Von Tristesse, Umbrüchen und Achterbahnen

Der Bremer Herbst ist gewohnt grau. Für Farbtupfer sind in dieser Jahreszeit zwei Institutionen mit langer Tradition verantwortlich. Die eine blickt auf eine fast tausendjährige Geschichte zurück, die andere ist knapp 900 Jahre jünger: Der Freimarkt und Werder Bremen.

Eine Tradition endete im vergangenen Jahr. Durfte man in den Herbsten des vergangen Jahrzehnts häufig die Topclubs des Kontinents im Weserstadion begrüßen, hat Werder inzwischen in internationalen Wochen spielfrei. Im Frühherbst, wenn man in der Gruppenphase der Champions League noch nicht aussichtslos hinten lag, waren die Spiele gegen Barcelona, Chelsea und Inter Mailand besonders prickelnd. Nun sticht als Highlight ein Heimspiel gegen Gladbach gegenüber den Partien in Augsburg und Fürth heraus. Nostalgisch könnte man sagen: Früher hatte man die Wahl, ob man Lionel, den Löwenmenschen auf der Bürgerweide oder Lionel Messi am Peterswerder bestaunen wollte. Heute hingegen gibt es Hau den Lukas nur noch auf dem Freimarkt, während das fußballerische Pendant den Schalkern vorbehalten bleibt.

Völlig unpassend zur allgemein vorherrschenden Tristesse ist das Spektakel in den letzten Wochen an die Weser zurückgekehrt. Zumindest in Ansätzen zeigt Werder wieder den Spaßfußball, den man unter Thomas Schaaf lange Jahre gewohnt war. Ob sich mit ihm auch ernsthaft gute Platzierungen erzielen lassen, muss sich erst noch zeigen. Dennoch ist die Stimmung nach dem erwartet schweren Saisonstart mit sieben Punkten aus sechs Spielen gut. Das Anspruchsdenken wurde zurückgeschraubt, die junge Mannschaft genießt schon jetzt mehr Vertrauen, als die auf dem Papier hochklassigeren Teams der letzten beiden Jahre. Endlich – so hört man immer wieder – macht es wieder Spaß Werder zuzuschauen. Endlich steht auf dem Platz wieder eine Mannschaft, mit der man sich identifizieren kann.

Und dennoch fällt es mir schwer, in die allgemeine Begeisterung einzustimmen. Ich sehe die guten Ansätze und die Spielfreude, die Werder verbreitet. Die eher magere Punkteausbeute und die deutlichen Leistungsschwankungen sind Dinge, mit denen man rechnen musste. Im Gegensatz zum Traumstart der letzten Saison, als man nach sechs Spielen mit 13 Punkten auf Platz 2 stand, hat man das Gefühl, dass sich tatsächlich etwas geändert hat. Dass tatsächlich ein Umbruch stattgefunden hat. Neues System mit neuem Personal. Ein Versprechen für die Zukunft.

Doch ich mag diesem Versprechen nicht trauen. Der Grund dafür ist ausgerechnet eine der größten Identifikationsfiguren des Vereins und gleichzeitig eine der wenigen Persönlichkeiten in der Welt des Fußballs, die ich tatsächlich als gutes Vorbild bezeichnen würde: Thomas Schaaf. Seit 40 Jahren ist Schaaf im Verein, die letzten 13 davon als Cheftrainer. Schaafs Verdienste für Werder sind so groß, dass ich jede Kritik an ihm schmerzvoll finde. Über die Jahre habe ich Schaaf so häufig in Schutz genommen, dass ich nicht mehr genau sagen kann, zu welchem Zeitpunkt das Pendel in mir begann, in die Gegenseite zu schwingen. Und nun, da die allgemeine Stimmung wieder ein Stück weit zu Schaafs Gunsten gekippt ist, finde ich mich plötzlich auf der Seite der Kritiker, vielleicht sogar der Nörgler wieder. Und fühle mich schlecht dabei.

Ja, ich hätte im Sommer gerne einen Trainerwechsel gesehen. Zum ersten Mal in Schaafs Amtszeit. Vielleicht ist es genau die Tatsache, dass ich innerlich so lange an ihm festgehalten habe, die es mir jetzt so schwer macht, den Schritt zurück zu gehen. Dabei bin ich mir voll bewusst, dass ein Austausch des Trainers derzeit keinerlei Sinn ergäbe. Der richtige Zeitpunkt dafür ist verstrichen. Nun, da man mit Schaaf in diese erste Saison nach dem Umbruch gegangen ist, muss man ihm auch Zeit geben, die neue Mannschaft zu formen. Wie lange, darüber lässt sich streiten. Jedoch eindeutig länger als die bisherigen sechs Spieltage. Und trotzdem kann ich meine Voreingenommenheit nicht beiseite schieben.

Wenn das defensive Mittelfeld mal wieder entblößt wird und der Gegner in den freien Raum stößt, dann könnte man dies der mangelnden Erfahrung der Spieler zuschreiben. Für mich ist es die Fortführung eines Problems, das Werder seit Jahren mit sich herumschleppt. Wenn man wieder einmal ein Gegentor nach einer eigenen Ecke kassiert, dann kann man die Konzentration der einzelnen Spieler in Frage stellen. Ich sehe ein grundsätzliches Problem im defensiven Umschalten und eine schlechte Staffelung der absichernden Spielern bei eigenen Standards. Kurzum: Alles, was man einer jungen, neu-formierten Mannschaft in einem neuen Spielsystem an Fehlern zugestehen müsste, kann ich derzeit nicht losgelöst von den Entwicklungen der letzten Jahre sehen.

Vielleicht macht mich das zu einem Pessimisten, vielleicht auch nur zu einem Realisten. Vielleicht auch zu einem Pessimisten, der sich selbst als Realisten sieht. In jedem Fall aber verhindert es bislang, dass ich die immerhin schon zu über einem Sechstel absolvierte Saison genießen kann. Auch die positiven Ansätze, die ich sehr wohl erkennen kann, werden vom Gehirn direkt unter der Prämisse der verkorksten Gesamtsituation bewertet und einsortiert.

Was bleibt mir also übrig? Wäre ich zynischer veranlagt könnte ich sagen: Das Warten auf das Ende der Amtszeit von Thomas Schaaf. Doch eigentlich würde ich viel lieber das können, was vielen Werderfans in dieser Saison wieder so leicht zu fallen scheint: Hoffen und Freuen. Auf die Zukunft, über die Gegenwart. Vertrauen zurückzugewinnen, in die junge Mannschaft unter ihrem alten Trainer. Vielleicht eines Tages sagen zu können, dass ich Unrecht hatte.

Bis dahin bleibt mir nur, mit demselben merkwürdig beklemmenden Gefühl im Magen auf das Spiel in Augsburg zu warten, das mich schon die gesamte Saison über begleitet. Ein Gefühl, wie beim Blick aus der Achterbahn kurz vor der ersten Abfahrt. Wenigstens eine Parallele zum Freimarkt ist mir geblieben.