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Die Professionalisierung des Fußballfans

Zu den unangenehmsten Begleiterscheinungen des Fanseins gehört der Wechsel eines wichtigen eigenen Spielers zu einem Konkurrenzverein. Während man sämtliche sportliche Berg- und Talfahrten mit seinem Selbstbild als treuer und durch Dick und Dünn gehender Fans vereinbaren kann, bringt ein Spielerwechsel selbiges zumindest kurzzeitig zum wanken. Gestern noch hat man dem Spieler zugejubelt, sich über positive Aussagen zum gemeinsamen Verein gefreut. Morgen kickt der Spieler in einem anderen Trikot, küsst ein anderes Wappen und lässt sich von einer anderen Fankurve feiern.

Dilemma zwischen Emotion und Zynismus

Und heute? Hat der Fan die Wahl, sich entweder als naiver Emotionsmensch zu outen und dem Spieler verbal nachzutreten oder aber zum Zyniker zu werden, der schon von vornherein immer vom schlimmsten im Fußballer aus- und erst gar keine emotionale Bindung zu den eigenen Spielern eingeht. Anders ist es kaum möglich, das Gefühlschaos des Vereinsfans zu ordnen und verarbeiten. Natürlich bleibt auch noch die Option, als kühler Realist die Unabdingbarkeit der Vorgänge festzustellen: So ist es halt, das Profigeschäft. Was hättest du denn gemacht? Jeder hätte das Geld genommen. Komm runter von deinem hohen Ross der moralischen Überlegenheit. Für den Spieler ist der Verein nur ein Arbeitgeber.

Es bleibt der schwache, in diesen Momenten aber Mantra-artig beschworene Trost, dass der Verein größer sei, als ein Spieler es jemals sein könnte. Schwach ist er deshalb, weil das Fandasein immer mehr auf einen kaum greifbaren, fast schon metaphysischen Kern reduziert wird. Die Spieler können noch so wenig Bezug zum Verein haben, die sportliche Leitung noch so inkompetent, die Ergebnisse noch so mies, die Sponsoren noch so moralisch bedenklich sein: Über allem steht ein (über die Jahre mehr oder weniger unverändertes) Wappen, das alle Fans vereinen soll, auch wenn niemand weiß, was genau das eigentlich bedeutet.

Professionalisierung als logischer Schritt

Eigentlich erfordern die Vorgänge im modernen Fußball schon lange einen anderen Umgang seitens der Fans. Während sich die Spieler, die Vereine, die Verbände, ja selbst die Balljungen professionalisiert haben, singen die Fans weiterhin ihre alten Lieder und reagieren auf jeden Spielerwechsel so, wie sie es vor zwanzig Jahren auch schon gemacht haben bzw. hätten. Mit Buhrufen, Boykotts und Busblockaden zieht man heutzutage nur noch Spott und Kopfschütteln auf sich. Es muss eine grundlegende Änderung her, eine Professionalisierung der Fußballfans. Das Paradigma der ewigen Treue und bedingungslosen Vereinsliebe ist überholt. Trainer Baade wusste das schon vor vielen Jahren.

Man sollte sich in der heutigen Fußballwelt auch als Fan alle Optionen offen halten. Zumindest während der Transferperiode müssen auch Fans ohne Restriktionen ihren Verein wechseln dürfen. Um die Gefühle anderer Fans nicht zu verletzen, ist dabei generell auf eine neutralere Wortwahl zu achten. Formulierungen wie „lebenslang Grün-Weiß“ oder „echte Liebe“ sind kontraproduktiv und sollten nicht mehr verwendet werden. Ein simples „ich fühle mich in der Ost-/Süd-/West-/Nordkurve sehr wohl“ oder „Verein XY wird immer mein erster Ansprechpartner sein“ genügt völlig. Hier ergeben sich auch für das Merchandising ganz neue Möglichkeiten (von außen und innen mit unterschiedlichen Vereinsfarben bedruckte Trikots sind hier nur eine von vielen guten Ideen), zumal durch wechselwillige Fans auch ein steigender Bedarf an Basisartikeln wie Trikots, Schals und Fahnen entstehen dürfte.

Welche Vereinsfarben kommen zum Vorschein, wenn sich der Rauch gelegt hat?

Den Regeln des Marktes unterwerfen

Um die Professionalisierung voranzutreiben, empfiehlt sich der Einsatz von persönlichen Beratern ebenso wie eine Medienschulung, um unangenehmen Nachfragen zu Vereinswechseln mit möglichst wohlklingenden und inhaltsleeren Floskeln den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Berater könnten außerdem dabei behilflich sein, möglichst gute Konditionen beim neuen Verein des Herzens auszuhandeln. Vereine betonen immer wieder, wie wichtig die Fans doch für den Erfolg sind – nun können sie es beweisen. Ein Begrüßungspaket bestehend aus Fanartikeln, Dauerkarten und Autogrammkarten oder – warum nicht? – ein kleines Handgeld. Es darf keine Denkverbote mehr geben!

Ohnehin ist es an den abgebenden Vereinen, durch ein ausgeklügeltes Bestandskundenmanagement und –marketing dafür zu sorgen, wechselwillige Fans bei der Stange zu halten. Niemand hindert einen Verein daran, ein besseres Angebot für einen verdienten Fan abzugeben und ihn so zu einem Verbleib zu bewegen. Ob langfristige Fanverträge hier ebenfalls ein Weg sein können, muss der Praxistest zeigen. Durch den in der Folge entstehenden Transfermarkt für Fußballfans sollte dies aber eigentlich kein Problem sein. Über die Höhe der Ablösesummen entscheiden wie üblich Angebot und Nachfrage.

Positive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft

Die genannten Änderungen werden dank der ungebrochen großen Beliebtheit des Fußballs nicht nur ökonomische sondern auch gesundheitliche, soziale und sogar ökologische Vorteile für unsere Gesellschaft mit sich bringen. Kein Fan sollte sich bis zum Magengeschwür ärgern oder bis zum Herzinfarkt aufregen müssen, nur um nicht gegen einen längst überholten Fan-Kodex zu verstoßen. Die Zeiten, in denen das Wort „Erfolgsfan“ als Schimpfwort verwendet wurde, sind dann endgültig vorbei. Streit mit den eigenen Freunden oder der Familie ob der jeweiligen Vereinspräferenz kann ebenso vermieden werden, wenn man sich zur neuen Saison einfach einen gemeinsamen neuen Verein suchen kann. Umweltbewusste Menschen berücksichtigen bei ihrer Vereinswahl die Fahrstrecken zu den Heim- und Auswärtsspielen. Ein für die Entscheidung maßgeblicher Durchschnittswert ist einfach zu ermitteln.

Obwohl es eigentlich selbstverständlich ist, sei noch eine Kleinigkeit angemerkt, bevor die Professionalisierung der Fußballfans beginnen kann: Von emotionsgeladenen Abschiedsbriefen an einen ehemaligen Verein ist abzusehen. Solch kindisches Verhalten wird von den Adressaten schnell durchschaut und sollte eher den Amateuren überlassen werden.

Wohin mit der Leere?

Der Fußball als Katharsis. Durch das Ausleben der eigenen, auf die Fußballwelt projezierten Emotionen werden Konflikte, Gefühle und Aggressionsbereitschaft abgebaut. Keine ganz unumstrittene These, doch für mich persönlich ist etwas dran. Wo sonst als beim Fußball kann man seinen Gefühlen mal so richtig ungeniert freien Lauf lassen, ohne dass man Konsequenzen dafür befürchten muss? Sicher, auch hierbei gibt es Grenzen. Körperliche Gewalt zählt z.B. dazu. Diese Grenzen sind jedoch deutlich weiträumiger gefasst, als in unserem mehr oder weniger konventionellen, bürgerlichen Leben.

Je nach Gefühlslage kann man auf seinen Lieblingsverein wütend oder stolz sein. Man kann sich über ihn freuen oder ärgern, ihn lautstark beschimpfen oder feiern. Man kann seine Abneigung anderen Vereinen gegenüber unmissverständlich zum Ausdruck bringen und wird dafür nicht mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft. Es ist eine einfache, primitive Form seine Gefühle auszuleben. Gerade deshalb ist der Fußball so beliebt und gerade deshalb eignet er sich zur Katharsis. Für eine Reihe von Fans mag auch das Gegenteil gelten. Bei ihnen verfestigen sich Vorurteile und Hass auch über den Fußball hinaus. Aggressionsauf- statt -abbau.

Lange Zeit dachte ich, meine Stimmung sei abhängig von Ergebnissen und Tabellenstand meiner Mannschaft. Wenn Werder verloren hatte, war schon mal ein Tag für mich gelaufen und es dauerte seine Zeit, bis ich wieder zu positiven Gefühlsregungen in der Lage war. Diese scheinbare Abhängigkeit störte mich und ich fragte mich, was wohl passiert, wenn Werder mal wieder eine richtig schlechte Saison spielt. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Es gab zwar diese Parallele zwischen meiner Laune und Werders Ergebnissen. Sie war jedoch die Ausnahme.

Wenn es mir wirklich schlecht geht, tröstet mich auch keine Auswärtssieg bei den Bayern. Wenn ich auf Wolke 7 schwebe, kann mich auch eine Heimniederlage gegen Arminia Bielefeld nicht wirklich runterziehen. Vielmehr half mir der Fußball dabei, über einen kurzen Zeitraum diesen einen Moment des puren Glücks oder der ausweglosen Verzweiflung zu spüren. Das Fußballspiel als Leben im Schnelldurchlauf.

Und nun hat mich die Parallelität von Werders Ergebnissen und eigener Stimmung doch wieder eingeholt. Nur: Es gibt keinerlei Zusammenhang. Mir geht es nicht schlecht, weil Werder schlecht spielt. Und erst recht spielt Werder nicht schlecht, weil es mir schlecht geht (diese abergläubische Denkweise ist aus der Sicht eines Fußballfans gar nicht so abwegig). Zum ersten Mal seit langer Zeit wird die Bedeutung des Fußballs in meinem Leben wieder in Relation gerückt. Auch wenn es gerade hier im Blog nicht den Anschein erweckt, lässt mich die Abwärtsentwicklung in Bremen gefühlsmäßig doch merkwürdig kalt. Würde Werder gerade gut und erfolgreich spielen, würde mich das im Umkehrschluss nicht völlig kalt lassen, denn es wäre dann wieder eine willkommene Möglichkeit, für einen Moment aus der aktuellen Gefühlswelt auszubrechen. Also doch wieder Katharsis.

Was tut man aber, wenn man wirklich mal neben die Spur gerät und der Fußball einem nichts als weiteren Kummer bringt? Man kann den Kummer in Ärger umwandeln und Frust abbauen, doch auch danach ist mir in diesen Tagen nicht. Es wird in der Rückrunde noch genügend Gelegenheiten geben, um mich über Werder zu ärgern. Momentan fühle ich eher eine Leere, wenn ich an meinen Verein denke.

Fußball ist das pure Leben, aber er ist nicht mein Leben.

Wir Gutmenschen

Wir gucken Fußball.
Wir schalten den Fernseher an und irgendwann wieder aus.
Bevor Waldis WM-Club anfängt.
Oder wir gehen ins Stadion.
Bratwurst und Bier in einem Becher mit Spieleraufdruck.
Behalten oder Pfand zurück?
Wir gehen nie vor Abpfiff nach Hause.
Und auch danach tun wir es nur, weil dort jemand auf uns wartet.
Und sei es nur Waldis WM-Club.

Wir arbeiten.
Mal mehr, mal weniger.
Wir kommen pünktlich, gehen rechtzeitig, weil bald das Spiel anfängt.
Wir müssen die Vorberichterstattung sehen, obwohl uns die Aufstellungen seit Tagen ins Hirn gebrannt sind.
Wir arbeiten den Stapel Papier auf unserem Schreibtisch ab.
Ein Blatt nach dem anderen.
Wir kritzeln unsere Wunschformation auf ein leeres Blatt Kopierpapier.
Wir malen Pfeile und bunte Kringel.
Das Blatt landet im Aktenvernichter.
Wir basteln uns aus 2-Cent-Münzen eine Viererkette.

Wir gehen in die Kirche.
Warum wissen wir nicht.
Wir zünden Kerzen an und spenden.
Wir spenden für die Opfer der letzten Naturkatastrophe in einem Land, das uns fremd ist.
Das Fernsehen zeigt die Bilder.
Es ist schrecklich.
Wir fühlen uns schuldig, weil es uns doch eigentlich so gut geht.
Das halbnackte Kind mit dem abgerissenen Arm begleitet uns vor dem inneren Auge.
Bis das Spiel losgeht.
Wieder sehen wir schmerzverzerrte Gesichter.
Schwalbe!

Wir schützen die Umwelt.
Im Rahmen unserer Möglichkeiten.
Windenergie.
Pakete werden nur noch CO2-neutral verschickt.
Wir kennen unseren Carbon Footprint.
Man kann viel Wasser sparen, wenn man beim Einseifen die Dusche ausmacht.
Wir lassen das Auto mal stehen.
Ins Stadion fahren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Einen Parkplatz bekommt man sowieso nicht und das Ticket gilt als Fahrkarte.
Die Straßenbahn ist in unserer Hand.
Wer nicht hüpft, der ist kein Bremer.

Wir machen uns Sorgen um die Zukunft.
Reicht das Geld im Alter?
Besser noch einen zweiten Rentenvertrag abschließen.
Oder doch lieber im Heute leben, weil morgen alles zu spät ist?
Alles wird teurer.
Eine kleine Tasse Kaffee für 2 Euro.
Wir kaufen ihn lieber im Fair Trade Laden und kochen ihn selbst.
170 Euro für die billigste Dauerkarte.
Begleitperson eines Rollstuhlfahrers müsste man sein.
Wer Spitzenfußball sehen will, muss Opfer bringen.

Wir kümmern uns um unsere Mitmenschen.
Wir haben eine Schwäche für die Schwachen.
You’ll never walk alone.
Wir sind sozial.
Großverdiener sind uns suspekt.
Und erst diese Banken!
Aber Sozialschmarotzer wollen wir auch nicht finanzieren.
Viele versuchen es ja gar nicht mehr, kleben nur noch vor der Glotze.
Schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission.
So geht Bank heute.

Wir fühlen uns schlecht, weil wir mehr tun könnten.
Wir könnten noch einen Euro mehr spenden.
Einen Liter Wasser mehr sparen.
Wir könnten noch öfter auf dem Wochenmarkt einkaufen, statt bei Aldi.
Obwohl wir nicht reich sind fehlt es uns an nichts.
Wir schämen uns, weil wir so undankbar sind.
Ein bisschen mehr Menschlichkeit für unsere Welt.
Seid fair zum 23. Mann.
Ich bremse auch für Bayernfans.

Wir machen uns Gedanken über die Probleme dieser Welt.
Und über den nächsten Gegner im Pokal.
Wir sind überall mit dabei, aber drehen uns um uns selbst.
Wir sind Fußballfans.
Wir können nichts dafür.