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Meine Top 5: Trainer

Eine lange verschollene Rubrik wird heute reaktiviert: Die Top-5-Listen. Ursprünglich als Referenz zu Nick Hornbys High Fidelity hier im Blog eingeführt, seit etwa drei Jahren in der Versenkung verschwunden und nun in Anlehnung an “The Joy of Six” aus dem Guardian wieder ausgegraben.

Ich fange mit einer Kategorie an, die mir sehr am Herzen liegt: Fußballtrainer. Meine Auflistung ist nicht als Bestenliste zu verstehen, sondern als persönliche Favoritenliste. Jeder der Trainer auf dieser Liste ist in meinen Augen eine besondere Persönlichkeit, die einen Sonderstatus in der Riege der Fußballtrainer verdient. Werdertrainer habe ich wegen Befangenheit nicht berücksichtig.

Hier sind also meine Top 5 Trainer:

5. Louis van Gaal

Richtig gelesen. Der Louis van Gaal, der mit den Bayern letztes Jahr dicht vor dem Triple stand. Das holländische Feierbiest. Der inzwischen bei Uli Hoeneß in Ungnade gefallen ist und öffentlich für seine angeblich schlechte Kommunikation kritisiert wurde. Der Louis van Gaal, über dessen vorzeitiges Ende beim Rekordmeister schon spekuliert wird – auch in den eigenen Reihen.

Es ist schon ein paar Jahre her, als genau dieser van Gaal mit seiner Kindergartenmannschaft des AFC Ajax den europäischen Clubfußball durcheinander wirbelte. 1991 begann er seine Amtszeit in Amsterdam und wurde auf Anhieb UEFA-Cup-Sieger. Damals bestand das Team noch aus einer guten Mischung aus Altstars wie Danny Blind, Spielern im besten Fußballeralter wie Aaron Winter und Wim Jonk sowie blutjungen Newcomern wie den de Boer-Zwillingen und Dennis Bergkamp (wobei letzterer immerhin schon 22 war und bereits vier Jahre zuvor den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte). Im folgenden Jahr konnte Ajax immerhin den Pokal gewinnen, doch musste auch einige wichtige Spieler abgeben. Aus der Not machten Verein und Trainer eine Tugend und schrieben damit Fußballgeschichte.

Die Jugendakademie des AFC Ajax hatte schon vor van Gaals Amtsantritt einen guten Ruf – immerhin hatte sie Spieler wie Johan Cruyff hervorgebracht. Der Schub an Talenten, der Anfang bis Mitte der 90er Jahre ins Profiteam integriert werden konnte, ist jedoch phänomenal und steht auf einer Stufe mit den Erfolgen der Jugendarbeit des FC Barcelona in den letzten Jahren. Der große Durchbruch ließ nicht lange auf sich warten. Bereits 1994 gewann Ajax nach vier Jahren wieder die niederländische Meisterschaft und ein Jahr später folgte als Krönung der Gewinn der Champions League. Dabei standen im Finale gegen den AC Milan gleich neun Spieler in der Startformation, die vom Verein auch ausgebildet worden waren. Der eingewechselte Patrick Kluivert, der kurz vor Schluss das Siegtor erzielte, kam ebenfalls aus der Ajax-Jugend. Der damals 18-Jährige gehörte neben Marc Overmars (22), Edgard Davids (22), Michael Reiziger (22), Clarence Seedorf (19) und Nwankwo Kanu (18) zu den jungen Wilden, die dieses Team so einmalig machten.

Der Fußball, den Louis van Gaal spielen ließ, war technisch anspruchsvoll, schön anzusehen und (für damalige Verhältnisse) extrem schnell. Als sie im Halbfinal-Rückspiel Trappatonis Bayern mit 5:2 überrollten, hatte man den Eindruck, es mit einer 10 x 100 Meter-Staffel zu tun zu haben. Was an dieser Mannschaft besonders überzeugte, war die taktische Ausbildung der Spieler. Trotz ihrer Jugend spielten die Ajax-Bubis nur selten ungestüm und leichtsinnig. Sie konnten sowohl die bedingungslose Offensive als auch das effiziente 1:0. Dank dieser Fähigkeiten konnten sie die erfahrene Weltklassemannschaft aus Mailand im Finale bezwingen, die ein Jahr zuvor den ähnlich spielstarken FC Barcelona mit 4:0 weggeputzt hatte.

Nun sollte man van Gaals Trainerkarriere nicht auf seine Zeit bei Ajax reduzieren, doch diese Jahre waren für ihn als Trainer prägend. Die guten Erfahrungen, die er mit den jungen Spielern in Amsterdam machte, ließen ihn in seiner Trainerlaufbahn immer wieder auf den Nachwuchs setzen. Sie erklären, warum heute ein Spieler wie Xavi, der unter van Gaal seine ersten Versuche als Profi beim FC Barcelona machte, so positiv über ihn redet. Sie erklären, warum er einen Thomas Müller binnen eines Jahres zum Weltstar machte. Und sie erklären auch, warum er sich weiter auf junge Spieler verlässt, selbst wenn es ihm zeitweise den Ruf einbringt, er sei beratungsresistent. Ob nun Seedorf und Xavi oder Badstuber und Contento, die Namen haben für ihn nur eine untergeordnete Bedeutung.

Man kann van Gaal einiges vorwerfen: Seine Sturheit, seine Schroffheit, seine immer wieder anklingende Selbstgefälligkeit. Mangelnde Konsequenz gehört jedoch nicht dazu. Van Gaal steht für ein Modell, für einen Weg, für eine Art Fußball zu spielen. Dies hat er vielen anderen Trainern voraus. Er steht in dieser Liste nicht, weil er ein angenehmer Zeitgenosse ist (was ich auch gar nicht beurteilen kann und will). Er steht hier stellvertretend für den Jugendstil im Profifußball, für den seine jüngeren Bundesligakollegen Jürgen Klopp und Thomas Tuchel derzeit gefeiert werden. Auch wenn es im Geschäft Profifußball wenig Platz für Idealismus gibt wird van Gaal an seinen Prinzipien festhalten. Eine Niederlage gegen den Pragmatiker José Mourinho wirft ihn nicht um. Er wird auch bei den Bayern seinen Weg weitergehen und dabei entweder scheitern oder mit Alaba und Breno die Champions League gewinnen.

4. Otto Rehhagel

Werdertrainer wollte ich nicht berücksichtigen, weshalb es hier auch in erster Linie um Rehagels Arbeit außerhalb unseres Vereins geht (sonst wäre Rehhagel mindestens zwei Plätze weiter vorne anzutreffen). Otto Rehhagel ist inzwischen 72 Jahre alt und kann auf eine lange und bewegte Karriere zurückblicken. Er ist mit einigem Abstand Rekord-Bundesligatrainer und seit nunmehr 48 Jahren im Geschäft. Bevor König Otto 1981 zum zweiten Mal Trainer von Werder Bremen wurde, galt er als durchschnittlicher Bundesligatrainer, der sein Handwerk zwar verstand, aber eben nicht wesentlich besser verrichtete als seine Kollegen.

Seine 14-jährige Amtszeit an der Weser war für ihn als Trainer ebenso prägend, wie van Gaals Zeit bei Ajax. In gewisser Weise ist Rehhagel der Anti-van-Gaal, da er in seiner Trainerkarriere immer wieder auf Spieler gesetzt hat, die ihr bestes Fußballeralter dem Vernehmen nach schon hinter sich hatten. Eigentlich sind es jedoch bloß zwei Seiten derselben Medaille: Die Bewertung von Spielern ausschließlich nach ihrer Qualität und unabhängig vom Alter. Rehhagel machte früh in seiner Trainerzeit bei Werder die umgekehrte Erfahrung wie van Gaal. Er übernahm Werder mit dem 35-jährigen Goalgetter Erwin Kostedde. Er kaufte Manni Burgsmüller im Alter von fast 36 und wurde mit ihm Deutscher Meister. Er holte den 33-jährigen Klaus Allofs und gewann mit ihn Pokal, Europacup und Meisterschaft. Es wäre jedoch falsch, Rehhagel darauf zu reduzieren denn er hat auch einige junge Talente in Bremen groß rausgebracht, etwa Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle oder Mario Basler. Dabei galten diese Spieler zum Zeitpunkt ihrer Verpflichtungen im Umfeld bestenfalls als Notlösungen. Nicht selten wurde er für seine unkonventionellen Spielerverpflichtungen belächelt. Als er 1995 den Verein verließ lächelte niemand mehr. Höchstens der FC Bayern.

Rehhagels Amtszeit bei den Bayern war kurz und erfolglos, was konkret heißt: Platz 2 und UEFA-Cup-Finale. Das Endspiel erlebte er nicht mehr als Bayerntrainer mit und arbeitete fortan an seiner eigenen Legende. Mit dem 1.FC Kaiserslautern schaffte er zwischen 1996 und 1998 etwas einmaliges: Er stieg in die 1. Bundesliga auf und wurde in der folgenden Saison Deutscher Meister. Dieser Überraschungserfolg machte Rehhagel außerhalb Münchens zur Trainerlegende und zementierte seinen Status als großer Gegenspieler des Rekordmeisters der 80er und 90er Jahre. Der größte Coup gelang ihm jedoch zweifellos erst im Jahr 2004, als er mit dem krassen Außenseiter Griechenland Europameister wurde. Auch wenn sich seine Mannschaft mit ihrer defensiven Spielweise nicht nur Freunde machte, war es eindeutig Rehhagels Handschrift, die das Team zum Titel geführt hatte, was ihm allgemeine Anerkennung und einen Legendenstatus in Griechenland einbrachte.

Spätestens seit diesem Erfolg musste sich Rehhagel allerdings auch viel Kritik gefallen lassen. Seine Methoden wurden als nicht mehr zeitgemäß betitelt und seine taktischen Kniffe als veraltet abgetan. Was die Einordnung der Rehhagel’schen Taktik angeht, darf man sicher geteilter Meinung sein (bei zonalmarking.net wird Griechenland 2004 als Team des Jahrzehnts angesehen). Der Erfolg spricht hingegen klar für Rehhagel, auch wenn er mit Griechenland in den letzten Jahren keinen ähnlich großen Triumph mehr feiern konnte. Der Vorwurf des Zerstörerfußballs, den seine Teams angeblich praktizierten, trifft höchstens auf die späten Jahre Rehhagels zu. In seinen ersten Jahren bei Werder ließ er begeisternden Offensivfußball praktizieren, der mitunter zu Torverhältnissen wie 83:41 (1985/86) oder 87:51 (1984/85) führte. Erst mit Einführung der “kontrollierten Offensive” gelangen ab 1988 dann auch greifbare Erfolge.

Angesichts seiner Vita ist es erstaunlich, dass Rehhagel mit Ausnahme der einen Saison bei den Bayern nie einen der großen europäischen Vereine trainierte. Dies dürfte unter anderem daran liegen, dass er schon immer einen hohen Autoritätsanspruch hatte und mit mächtigen Managern und Vereinspräsidenten, die sich in seine Belange einmischten, nicht zurecht kam. Auch zur Presse pflegte er stets ein distanziertes Verhältnis und scheute sich nicht davor, den offenen Konflikt mit ihnen zu suchen. Andererseits ist er bei weitem nicht der einzige Trainer, auf den dies zutrifft. Ein Alex Ferguson z.B. hat sich trotzdem (oder deswegen?) bei Manchester United durchgesetzt. Rehhagels Erfolge werden aber gerade erst durch die Vereine, in denen er tätig war, wirklich besonders. Den Zweitligisten Werder zur zweiten Kraft in Deutschland zu machen, den Aufsteiger Kaiserslautern zur Meisterschaft zu führen, mit dem zweitklassige Griechenland Europameister zu werden – das sind Erfolge für die Geschichtsbücher.

3. Valerij Lobanowskyj

Mit “stoisch” ist der Gesichtsausdruck Lobanowskyjs während eines Fußballspiels noch nicht annähernd beschrieben. Wie ein Stein saß er häufig über 90 Minuten auf der Trainerbank, ohne auch nur die geringsten Gefühlsregungen in seiner Mimik Ausdruck zu verleihen. Viele haben Lobanowskij nur noch als alten Mann, als graue Eminenz des ukrainischen Fußballs in Erinnerung. Dabei wurde er nur 62 Jahre alt.

Wenn es um Auflistungen der besten und wichtigsten Trainer des 20. Jahrhunderts geht, ist Lobanowskyj immer vorne mit dabei. Er war einer der innovativsten Trainer der Fußballgeschichte und machte sich auch als Theoretiker des Spiels einen Namen. Dabei war er seiner Zeit ein gutes Stück voraus und gerade deshalb noch lange Zeit später ein Vorbild für jüngere Trainer. Seine Mannschaft Dynamo Kiew spielte bereits vor 35 Jahren mit einem System, das heute die meisten Bundesligamannschaften noch praktizieren: 4-4-2. Als in Deutschland der Libero Franz Beckenbauer seine größten Erfolge feierte, spielte Lobanowskyj schon mit Viererkette. In der Bundesliga waren Fans und Experten selbst 20 Jahre später noch skeptisch, wenn Mannschaften auf den Libero verzichteten.

Wie die zuvor genannten war Lobanowskyj ein Disziplinfanatiker. Um seine anspruchsvolle Spielweise umsetzen zu können, brauchte er die vollständige Kontrolle über seine Mannschaft. Für ihn zählte immer das Kollektiv, das den Raum und damit das Spiel beherrschen sollte. Lobanowskyi betrachtete den Fußball von seiner metaphysischen Seite und verstand ihn als Duell zweier kritischer Massen (Mannschaften), die sich Raum und Rhythmus eines Spiels zu eigen machen wollen und hierbei auf die Interaktion und uneingeschränkte Kooperation zwischen den einzelnen Bestandteilen (Spielern) angewiesen sind. Störende Einflüsse, wie Individualismus und Starallüren waren dabei unerwünscht. Bei Lobanowskyj gab es nur einen Star und das war die Mannschaft.

Dass dieser Ansatz keineswegs die Kreativität seiner Teams beschränkte, zeigen die vielen Erfolge und die herausragenden Leistungen, die er mit ihnen über die Jahre erringen konnte. Zwar brachte er keine Genies à la Diego Maradona hervor, doch die Titelsammlung seiner Trainerkarriere ist beeindruckend: Insgesamt 12 Meisterschaften (8 mal UDSSR, 4 mal Ukraine) und neun Pokalsiege (6 mal UDSSR, 3 mal Ukraine) gewann er mit seinem Club Dynamo Kiew zwischen 1974 und 2001. Dazu kommen zwei Siege im Europapokal der Pokalsieger sowie der zweite Platz bei der EM 1988 mit der Sowjetunion, die er viele Jahre lang zeitgleich trainierte. Nachdem Lobanowskyj Anfang der 90er Jahre sein Engagement bei Dynamo Kiew beendete und als Nationaltrainer für die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait arbeitete, kehrte er 1997 zu seinem Heimatverein zurück und begann eine sehr erfolgreiche zweite Amtszeit.

Er gewann auf Anhieb das Double in der ukrainischen Heimat und erreichte in der Champions League immerhin das Viertelfinale. In der Gruppenphase feierte man legendäre Siege gegen den FC Barcelona (3:0 zuhause, 4:0 auswärts) bevor man sich Juventus Turin schließlich beugen musste. Lobanowskyjs letzte großen Erfolge wurden jeweils von deutschen Mannschaften verhindert. 1999 unterlag Dynamo Kiew nach einem epischen 3:3 im Hinspiel beim FC Bayern mit 0:1 im Halbfinale der Champions League – ausgerechnet der undisziplinierte Individualist Mario Basler erzielte dabei das entscheidende Tor. Überragender Spieler des Hinspiels war ein gewisser Andrej Schewtschenko, der 18 Monate zuvor Werder Bremen zum Kauf angeboten wurde. Werder lehnte jedoch dankend ab und verpflichtete Juri Maximov. Im November 2001 kam es schließlich zum Duell zwischen der Ukraine und Deutschland im Play-off um die WM-Qualifikation. Vor allem im Hinspiel geriet die deutsche Mannschaft mächtig ins Wanken, bevor sie sich im Rückspiel, angeführt von einem überragenden Michael Ballack, mit 4:1 durchsetzen konnte.

Als Rudi Völler, der das Duell mit der Ukraine zu seinem Schicksalsspiel erklärt hatte, bei der WM im folgenden Jahr mit seinem Team Vizeweltmeister wurde, weilte Valerij Lobanowskyj schon nicht mehr unter uns. Er verstarb am 13. Mai 2002 an den Folgen eines Herzanfalls. In seinem Fall ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass sein Erbe Woche für Woche auf den Fußballplätzen dieser Welt weitergetragen wird.

2. Arrigo Sacchi

Sacchi selbst wäre mit seiner Einordnung in dieser Liste vor Lobanowskyi vermutlich nicht einverstanden. Er gilt als einer der größten Fans des ukrainischen Fußballlehrers und hat seine eigene Lehre zu großen Teilen auf Lobanowskyis aufgebaut. Arrigo Sacchi war lange vor José Mourinho schon das Paradebeispiel für den großen Trainer, der niemals Profifußballer war. Vor seiner Trainerkarriere verdiente er sein Geld als Schuhverkäufer und konterte die Fragen nach seiner Eignung mit dem großartigen Spruch: “Ich wusste nicht, dass man mal ein Pferd gewesen sein muss, um ein guter Jockey zu werden.” Dennoch freuen sich Trainer mit Stallgeruch heute weiterhin größerer Beliebtheit.

Sacchi ist der Gegenentwurf zum “typisch italienischen Fußball”, jedenfalls wenn man den hierzulande gängigen Vorurteilen glaubt. Seine Mannschaften zeichneten sich durch eine perfekte Ausgewogenheit zwischen Offensive und Defensive aus, konnten wunderschönen Offensivfußball spielen, aber auch hinten die Null halten. Ohne die Änderungen an der Abseitsregel (gleiche Höhe, passives Abseits) in den 90er Jahren wäre Sacchis Systemfußball vielleicht noch heute das Leitbild für modernen Fußball. Zu seinen Vorgaben zählte das geordnete Verschieben auf dem Platz, das nur einen geringen Abstand zwischen Abwehrreihe und Angriff vorsieht. Ziel dieser Spielweise war die Verknappung des Raums für den Gegner und somit das Erzwingen von Fehlern. Angesichts der viel freizügigeren Regelauslegung beim Abseits ist es heutzutage sehr gefährlich, mit einer solch hoch aufgerückten Viererkette zu spielen, wie der Werderfan aus leidvoller Erfahrung bestätigen kann.

Seinen Ruhm erlangte Arrigo Sacchi beim AC Milan, den er zu zwei europäischen Triumphen führte (bis heute das letzte Mal, dass ein Verein zweimal in Folge den wichtigsten europäischen Pokal gewinnen konnte). Interessant ist allerdings auch, wie er seinen Trainerposten damals erlangt hatte. Als Coach des damaligen Drittligisten AC Parma stieg er 1986 in die zweite italienische Liga auf. In der Folgesaison verpasste er den erneuten Aufstieg zwar knapp, besiegte Milan im Pokal jedoch gleich zweimal mit 1:0 und machte so Eigentümer Silvio Berlusconi auf sich aufmerksam, der ihn für die kommende Saison als Trainer verpflichtete. Der kometenhafte Aufstieg des Trainers dürfte selbst Thomas Tuchel schwindelig werden lassen. Bereits in seiner ersten Saison führte Sacchi Milan zur italienischen Meisterschaft, der ersten seit neun Jahren. Ein Jahr später hatte er alles gewonnen, was man als Vereinstrainer gewinnen kann: Europapokal der Landesmeister, Europäischer Supercup, Weltpokal.

Sein Team um die niederländischen Stars Ruud Gullit und Marco van Basten sowie die späteren Erfolgstrainer Frank Rijkaard und Carlo Ancelotti spielte dabei einen rasanten, schier unaufhaltsamen Offensivfußball und schaltete auf dem Weg ins Finale auch den Deutschen Meister Werder Bremen aus. Im Viertelfinale konnte sich Milan jedoch nur äußerst knapp durchsetzen und gewann in der Summe mit 1:0 durch ein Elfmetertor von Marco van Basten. Ein Blick auf die weiteren Ergebnisse des Wettbewerbs zeigt, das dieses Ergebnis als Erfolg für Werder verbucht werden kann (soviel auch zu dem Thema, dass Werder nie das Viertelfinale der Champions League erreicht habe, auch wenn der Wettbewerb damals zugegebenermaßen noch anders hieß): Im Halbfinale schlug Milan das große Real Madrid mit einem 5:0 im Rückspiel und im Finale besiegte man Steaua Bukarest mit 4:0. Im Jahr darauf konnte Milan alle drei internationalen Titel verteidigen und dabei erneut Real Madrid, sowie den FC Bayern München ausschalten. Lediglich die nationalen Titel wurden in der damals hart umkämpften Serie A verpasst.

Nachdem er sich mit Marco van Basten überworfen hatte und Milan ihn daraufhin entließ, wurde Sacchi 1991 Trainer der italienischen Nationalmannschaft, die gerade die Qualifikation für die Europameisterschaft verpasst hatte. In den folgenden Jahren bereitete er das Team auf die Weltmeisterschaft in den USA vor, konnte aufgrund fehlender Ersatzstücke für seine Holländer im Team sein System dort jedoch nicht so umsetzen. Italien spielte daher unter dem vielleicht offensivsten Trainer der jüngeren italienischen Fußballgeschichte einen eher langweiligen und destruktiven Fußball, der jedoch überaus erfolgreich war. Bis ins Finale schaffte es seine Mannschaft, wo sie dem großen Favoriten Brasilien über 120 Minuten ein 0:0 abtrotzen konnte. In Deutschland gilt dieses Finale bis heute bei vielen als langweiliges Ballgeschiebe, obwohl es eines der hochklassigsten und interessantesten taktischen Duelle der 90er Jahre war (ganz im Gegenteil zum wirklich niveauarmen Finale der WM 1990). Der Ausgang ist bekannt: Baggio machte im Elfmeterschießen den Hoeneß und schoss den Ball in den Nachthimmel.

Zwei Jahre später schied das Team in der Vorrunde der Europameisterschaft aus und Sacchi wurde entlassen. Paradoxerweise kam die Spielweise seiner Mannschaft bei jenem Turnier seinem Ideal näher als bei der WM 1994. Im entscheidenden Spiel gegen den späteren Europameister Deutschland verpasste eine offensive italienische Mannschaft gegen Berti Vogts Maurertruppe jedoch das entscheidende Tor. Das 0:0 reichte Deutschland zum Gruppensieg und Italien nur zu Platz 3. Danach konnte Sacchi nie wieder richtig Fuß fassen in der Fußballwelt. Seine zweite Amtszeit beim AC Parma war ebenso enttäuschend, wie seine Stationen als Trainer bei Atletico Madrid und als Sportdirektor bei Real Madrid. Seit 2005 ist Sacchi ohne Verein und betonte zuletzt immer wieder, dass ihm zu einem neuen Engagement die hundertprozentige Motivation fehle. Schade eigentlich.

1. Arsène Wenger

Was wäre, wenn… Arsène Wenger 1995 tatsächlich Nachfolger von Otto Rehhagel bei Werder Bremen geworden wäre? Damals war Wenger gerade in Japan tätig und wollte seinen Job nicht nach wenigen Monaten schon wieder wechseln. Zum Jahresende hätte er zur Verfügung gestanden, doch so lange konnten und wollten Werders Verantwortliche nicht warten. Stattdessen kam Aad de Mos und es folgten die vielbesungenen Jahre voller Frust. Wenger heuerte ein Jahr später beim FC Arsenal an und ist bis heute dort tätig.

Als Spieler war auch Wenger nicht sonderlich bekannt oder erfolgreich, doch als Trainer des AS Monaco machte er sich Ende der 80er einen Namen in Fußballeuropa. Gleich in seiner ersten Saison 1988 wurde er französischer Meister und zog 1992 ins Finale des Europapokals der Pokalsieger ein. Die Niederlage dort – gleichzeitig der größte Erfolg in der Geschichte unseres Vereins – bildete den Auftakt eines europäischen Traumas, das Wenger wohl nur noch durch den Gewinn der Champions League beseitigen kann. Auch im UEFA-Cup 2000 und in der Champions League 2006 unterlagen Wengers Teams und konnten trotz großer Vorschusslorbeeren ihre Qualität nie auf höchster europäischer Ebene voll ausschöpfen.

In England stieß Wenger mit seiner etwas verschrobenen Art und feinsinnigen Fußballphilosophie zum Teil auf Ablehnung, konnte jedoch durch seine Erfolge schon bald viele Kritiker von sich überzeugen. In seiner ersten Saison bei Arsenal führte er das Team auf Platz 3 und formte eine Mannschaft, die schon nach kurzer Zeit den attraktivsten Fußball auf der Insel spielte. Für einen Verein, der mit seinem langweiligen Defensivfußball das Sprichwort One-nil to the Arsenal geprägt hatte und von gegnerischen Fans mit Boring, boring Arsenal-Gesängen verspottet wurde, war dies eine bemerkenswerte Veränderung. In der zweiten Saison kam dann der große Durchbruch: Arsenal gewann das Double. In den folgenden Jahren entwickelte sich eine große Rivalität mit Manchester United. Bis 2004 spielten die beiden Teams die Meisterschaft unter sich aus, doch es dauerte vier Jahre bis Wenger ein weiterer Titel vergönnt war. 2002 holte sein Team erneut das Double und 2004 blieb man beim beeindruckenden Triumph in der Meisterschaft die gesamte Saison (und insgesamt 49 Spiele am Stück) ungeschlagen.

Wengers Arsenal war immer auf der Suche nach dem perfekten Fußball und erreichte dabei einen Status nahe der Unbesiegbarkeit (2004), zeigte aber auch immer wieder eine offensichtliche Fragilität (2003, als man einen 8-Punkte-Vorsprung auf ManUtd verspielte). In den letzten Jahren trieb Wenger sein ehrgeiziges Projekt voran, ein von der Jugend an ausgebildetes Team zurück an die Spitze des englischen Fußballs zu führen. Zwischenzeitlich musste man Chelsea und United an sich vorbeiziehen lassen und zumindest international auch den FC Liverpool. Seit 2005 wartet Wenger nun auf einen Titel und muss sich daher auch seitens der eigenen Fans verstärkte Kritik gefallen lassen. Dadurch lässt er sich jedoch nicht von seinem Weg abbringen, wirkt dabei ziemlich störrisch, auf manchen Beobachter sogar verbohrt. Ob ihm die Ergebnisse in den nächsten Jahren Recht geben wird sich zeigen. Für Wenger wäre es der ultimative Triumph, mit dem von ihm eingeschlagenen Weg der wirtschaftlichen Vernunft in Zeiten hochsubventionierter Vereine wie FC Chelsea und Manchester City noch einmal die Meisterschaft oder sogar die Champions League zu gewinnen.

Der Schaaf im Wolfspelz

Einer der Kritikpunkte, die sich Thomas Schaaf in der letzten Saison gefallen lassen musste, war, dass er seine Spieler nicht mehr so richtig im Griff habe. Undiszipliniertheiten auf und neben dem Platz sorgten bei Werder vor allem rund um die Weihnachtszeit für Aufsehen. Dies führte zu roten Karten, unangenehmen Zeitungsschlagzeilen und unerklärlichen Aussetzern auf dem Spielfeld. Es wurde die Frage laut: Erreicht Schaaf die Spieler noch? Nun nähert sich wieder die Weihnachtszeit und in Bremen ist es ruhig, fast andächtig – zu hören ist nur der Jubel über die konstant guten Leistungen der Werdermannschaft. Was ist passiert? Wer Erfolg hat, der hat immer Recht. Wenn es gut läuft, bleiben die Kritiker stumm und selbst die unzufriedenen Spieler halten die Füße still.

Ist das wirklich so? In München oder auf Schalke wird man über derartige Blauäugigkeit nur lachen können. Auch in guten Phasen melden sich die Lümmel von der Ersatzbank gerne mal zu Wort, sei es, um sich über ihr ungerechtes Los zu beschweren, sei es, um sich bei anderen Vereinen ins Gespräch zu bringen. In Bremen ticken die Uhren bekanntlich ein wenig anders, doch auch hier kennen die Spieler die Durchwahl zu den Sportabteilungen der Gazetten. Und die Liste der Unzufriedenen ist auch bei Werder nicht kurz.

Da wäre zunächst die “Balkan-Connection”, bestehend aus Jurica Vranjes, Dusko Tosic und Said Husejinovic. Jeder hat es auf seine Art auf die Bremer Abschussliste geschafft. Tosic brachte es in zwei Jahren nur auf wenige bundesligataugliche Spielminuten, Husejinovic enttäuschte beim Zweitligisten Kaiserslautern, an den er ausgeliehen war und Vranjes legte sich dem Vernehmen nach zu vehement mit Thomas Schaaf an. Alle drei sollten im Sommer verkauft werden, alle drei stellten sich quer, alle drei finden sich in schöner Regelmäßigkeit auf der Tribüne wieder. Ohne im einzelnen beurteilen zu wollen, wie gerecht oder ungerecht diese Maßnahmen sind, lässt das auf ein hohes Unzufriedenheitspotential schließen.

Ebenfalls nicht zufrieden mit seiner Situation dürfte Markus Rosenberg sein. Nach schwacher Saison schienen seine Tage bei Werder gezählt. Eine langwierige Verletzung erschwerte einen Verkauf in der Sommerpause, was einer der Gründe für seinen Verbleib sein könnte. Er kämpfte sich nach der Reha langsam an die Mannschaft heran, wirkte bei seinen ersten Saisoneinsätzen schon wieder auf einem guten Niveau. Vor einigen Wochen fand er sich dann plötzlich im Abschlusstraining alleine neben dem Spielfeld wieder: Sprintübungen. Keine Nominierung für das Bochum-Spiel. Im Pokal trotz Personalsorgen im Sturm nur 90 Minuten auf der Bank. Rosenberg selbst sagte, er sei fit.

Auffällig ist es schon, dass Werder in dieser Saison nur in Ausnahmefällen das volle Kontingent von 18 Spielern für den Spieltagskader in Anspruch genommen hat. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der zwischenzeitlich langen Verletztenliste. Vor einigen Wochen hatte Schaaf  zum ersten mal vor einem Spiel alle 23 Profis zur Verfügung, dennoch blieben 7 außen vor. Die Ansprüche, die an die Spieler gestellt werden, wurden anscheinend deutlich erhöht. Insbesondere im körperlichen Bereich werden keine Kompromisse mehr eingegangen. Man hat aus den Verletzungsserien vergangener Jahre den Schluss gezogen, dass es im Zweifel besser ist, einen Spieler einige Wochen länger pausieren zu lassen. Voller Einsatz im Training wird vorausgesetzt. Wer ihn vermissen lässt, wer nicht richtig mitzieht, der findet sich schnell auf der Tribüne wieder. Das Ergebnis ist eine Mannschaft, die trotz Dreifachbelastung lange sehr frisch wirkte, die in den letzten Spielen vor der Länderspielpause jedoch merklich abbaute. Eine Folge ist nämlich auch eine dünne Ersatzbank, die Ausfälle wichtiger Spieler kaum kompensieren kann und eine Rotation ohne spürbare Qualitätseinbußen nicht zulässt.

Dennoch scheint die sportliche Führung auf dem richtigen Weg. Das erste Spiel nach der Pause war eines der besten in dieser Saison. Weniger kann auch mehr sein, denn wer profitiert schon von demotivierten und formschwachen Spielern, die nur als Füllmaterial auf der Bank sitzen? Die Regeln scheinen klar und jedem bekannt zu sein. Jedes gute Ergebnis bestätigt die Linie des Trainers und Spieler sind entgegen ihrem Ruf manchmal eben doch lernfähig. Doch selbst wenn nicht, droht kein unmittelbarer Aufstand der Unzufriedenen. Die “Balkan-Connection” dürfte in der Winterpause weg sein (was ich in Vranjes Fall wirklich schade finde, aber das ist ein Thema für sich). So lange Werder den Anschluss an die Bundesligaspitze hält, wird es höchstens das ein oder andere kleine Störfeuer durch Einzelkämpfer geben. Die anderen werden “Papa Schaaf” am Ende wieder auf die Schultern klopfen. Er hat eben doch alles fest im Griff.