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Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe A

Griechenland lässt bei der Niederlage gegen Tschechien spielerische Qualität vermissen. Russland holt in einem packenden Spiel einen etwas glücklichen Punkt gegen Polen, die das letzte Spiel unbedingt gewinnen müssen.

Griechenland – Tschechien 1:2

Schon im ersten Spiel hatten die Griechen Probleme ins Spiel zu finden und brauchten recht lange, bis sie Polens rechte Seite in den Griff bekamen. Auch gegen Tschechien waren sie gegen die schnellen Angriffe zu Beginn des Spiels vor allem über ihre linke Abwehrseite wehrlos. Diesmal gerieten sich mächtig unter die Räder und lagen nach sechs Minuten schon 0:2 zurück. Ohne die beiden etatmäßigen Innenverteidiger musste Santos umstellen und Katsouranis in die Viererkette stellen (wie schon nach dem Platzverweis im Spiel gegen Polen). Das griechische Mittelfeld ist ohnehin dünn besetzt und mit einem unfitten Karagounis liegt zu viel Verantwortung bei Maniatis. Die Angriffsreihe war besetzt wie in der Schlussphase gegen Polen, mit Salpingidis und Fortunis auf Außen und Samaras in der Mitte. Die drei blieben jedoch lange voneinander und vom Rest des Teams isoliert.

Es dauerte erneut rund eine halbe Stunde, bis Griechenland sich einigermaßen fing. Tschechien spielte nach der Führung die technische Überlegenheit im Mittelfeld gut aus und kam sporadisch gefährlich vors Tor, ohne großes Risiko gehen zu müssen. Griechenland kam erneut über den Kampf zurück ins Spiel, hatte aber große Probleme, das eigene Angriffsspiel aufzuziehen. Die Rolle von Fotakis war mir nicht ganz klar, denn er spielte als Zehner weder einen Ballverteiler noch stieß er in die Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld. Nach dem Seitenwechsel wurde es besser, wenn auch auf überschaubarem Niveau. Santos behob mit seinen beiden Wechseln die gröbsten Problemstellen, mehr nicht. Tschechien begnügte sich damit, das Spiel aus dem eigenen Drittel fern zu halten und Griechenland baute trotz zunehmender Dominanz im Mittelfeld keine echte Torgefahr auf. Ein Fehler von Cech brachte sie dann noch einmal heran, doch insgesamt war die Leistung zu dürftig, um sich einen Punkt zu verdienen. Tschechien zeigte sich nach dem Schock gegen Russland verbessert. Man hielt gegen Griechenland die Räume zwischen den Linien enger und spielte besser über die Flügel, doch wegen der frühen 2:0 Führung sind die Spiele schwer miteinander vergleichbar. Die Lethargie in der zweiten Halbzeit hätten sie sich gegen einen stärkeren Gegner nicht erlauben können.

Polen – Russland 1:1

Mehr als ein Fußballspiel, dabei hätte das Geschehen auf dem Platz für meinen Geschmack voll und ganz ausgereicht. Es war eins der besseren Spiele dieser EM, obwohl mich die Russen über weite Strecken etwas enttäuschten (bzw. das bestätigten, was ich vor dem Turnier erwartet habe). Polen ging die Partie etwas gemächlicher an als das Auftaktspiel, wollte nicht überdrehen. Dennoch erspielten sie sich in der ersten Halbzeit ein leichtes Übergewicht. Russland zeigte nur selten die einstudiert wirkenden Spielzüge, mit denen man gegen Tschechien begeistert hatte. Torchancen entstanden hier eher zufällig. Ein Standard brachte dann die etwas glückliche russische Führung.

Polens Rechtslastigkeit macht die Mannschaft leicht ausrechenbar und ist dennoch schwer zu verteidigen. Auch Shirkov hatte arge Probleme mit Kuba und Piszcek. Ansonsten wartete Smuda erstaunlich lange, bis er seiner Mannschaft etwas mehr Offensivpower verlieh und ließ sein Team bis in die Schlussphase recht vorsichtig agieren. Die Angst vor dem Nackenschlag durch einen russischen Konter war deutlich spürbar. Dann kam Kuba und erzielte ein Traumtor. Der Antritt, der Pass in die Schnittstelle, die Mitnahme bei höchstem Tempo und der Abschluss waren großartig und machen den Treffer in ihrer Kombination zu einem der schönsten bei diesem Turnier. Nach dem Ausgleich zeigte Polen dann, dass man sich offensiv vorher etwas unter Wert verkauft hat. Der Sieg wäre am Ende nicht unverdient gewesen.

Mit dem Ergebnis können beide Mannschaften leben. Dank der besonderen Konstellation können alle vier Teams der Gruppe noch aus eigener Kraft ins Viertelfinale kommen – auch Griechenland. Mit einem Sieg gegen Russland wäre man sicher weiter (auch im Fall, dass Tschechien unentschieden spielt und drei Teams je vier Punkte haben, da Tschechien aus dem direkten Vergleich dann mit 3 Punkten und -2 Toren hinter Griechenland mit 3 Punkten und minimal +-0 Toren liegen würde).

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe A

Ein interessanter Auftakt der Europameisterschaft. Das erste Spiel wurde geprägt von stürmischen, später nervösen Polen und tapfer kämpfenden Griechen, vor allem aber von einem Schiedsrichter, der seiner Aufgabe nicht gewachsen war. Im zweiten Spiel zeigten die Russen eine starke Leistung gegen die unbedarften Tschechen.

Polen – Griechenland 1:1

Die polnische Anfangsoffensive war beeindruckend und zeigte direkt Wirkung bei den abwartenden Griechen. Vor allem über die rechte Seite fand man immer wieder den Weg an den Strafraum. So fiel das 1:0 konsequenter Weise über diese Seite nach einer Flanke auf den starken Lewandowski. Das griechische Dreiermittelfeld kontrollierte zwar das Zentrum, doch Samaras und Ninis auf den Flügeln ließen die Außenverteidiger zu häufig aus den Augen. Es dauerte eine Weile, bis Griechenland Mittel und Wege fand, das polnische Angriffsspiel etwas zu stoppen. Gerade als es gelungen war, das hohe Tempo aus den Aktionen der Polen zu nehmen, wurde das Spiel durch die gelb-rote Karte gegen Sokratis durcheinander gewirbelt. Man kann schon fast dankbar sein, dass Schiedsrichter Carballo später den Elfmeter für Griechenland gab, sonst hätte es bereits am ersten Tag der EM eine Heimschiedsrichter-Diskussion losgetreten. Es war jedoch schnell offensichtlich, dass Carballo mit der Leitung dieses Spiels überfordert war und keine klare Linie in seinen Entscheidungen hatte.

Im Nachhinein war der Platzverweis für Griechenland zumindest in diesem Spiel ein Glücksfall. Durch den Ausfall beider etatmäßiger Innenverteidiger (Avraam musste mit einer Verletzung runter) und die Unterzahl stellte Trainer Santos auf ein 4-4-1 um, zog Katsouranis zurück in die Innenverteidigung und brachte zur Halbzeit Salpingidis für den ineffektiven Ninis ins Spiel. Durch die Systemänderung zogen sich die Außenstürmer nun weiter mit zurück und ließen den Polen weniger Platz auf den Flügeln. Durch die Mitte tat sich Smudas Team schwer, vor das gegnerische Tor zu kommen und so ergab sich eine Pattsituation. Karagounis, der vermutlich nicht richtig fit ist und mit seiner Langsamkeit in der ersten Halbzeit ein Problem für sein Team darstellte, konnte sich nun gut in das Spiel hineinkämpfen, aber es war sein Nebenmann Maniatis, der für Schwung im griechischen Angriffsspiel sorgte. Der Pass auf Torosidis vor dem Ausgleichstor war stark und Polen wirkte nach dem Treffer geschockt. Mit zunehmender Dauer wurde die Nervosität und auch die Ideenlosigkeit immer deutlicher. Polen wollte den Sieg erzwingen, doch es war nun das Spiel der Griechen, die tapfer dagegen hielten und sich einen Punkt erkämpften.

Polen kompensierte die mangelnde Klasse auf manchen Positionen mit großer Einsatzfreude. Man sah in der zweiten Halbzeit jedoch auch, wie der Heimvorteil zum Ballast werden kann, wenn der Gegner das Tempo aus dem Spiel nimmt und die Räume eng macht. Griechenland steht nun gegen Tschechien vor dem Problem, beide Innenverteidiger ersetzen zu müssen. Zudem muss man sich fragen, ob sie Karagounis durchs Turnier schleppen können oder ob er nicht eher zum Ballast wird.

Russland – Tschechien 4:1

Die spielstarke russische Mannschaft hat zwei Schwächen: Die Innenverteidigung und das Erarbeiten und Verwerten von Torchancen gegen tief stehende Gegner. Tschechien attackierte früh und wollte so wohl die erste Schwäche ausnutzen. Das Pressing funktionierte gut und man erspielte sich schnell ein Übergewicht im Mittelfeld. Nach spätestens einer halben Stunde war jedoch klar, dass man voll ins offene Messer der Russen gelaufen war und das Spiel trotz des späteren Anschlusstreffers entschieden ist.

Russlands Konter waren erstklassig, die Pass- und Laufwege wirkten gut aufeinander abgestimmt. Kerzhakov ist trotz der vergebenen Chancen die richtige Wahl als Mittelstürmer und Dzagoev nutzte mit seiner Technik und seinen überraschenden Läufen die Schwächen der bräsigen tschechischen Hintermannschaft aus. Vor allem die Vorstöße von Shirokov machten jedoch den Unterschied aus, weil Tschechien hierauf über 90 Minuten keine Antwort fand. Hier war der deutlichste Unterschied zwischen den beiden Mannschaften auszumachen, deren 4-3-3-Systeme sich ansonsten hätten neutralisieren können. Beide Seiten ließen immer wieder Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld entstehen. Während die Tschechen in Rosicky eher einen klassischen Ballverteiler im offensiven Mittelfeld hatten und so besonders auf die Läufe der Flügelstürmer angewiesen war, nutzte Russland mit Shirokovs Vorstößen diesen Raum wesentlich besser.

Spätestens jetzt hat Russland die Favoritenrolle in Gruppe A inne. Man sollte jedoch nicht übersehen, dass Tschechien viel zu unbedarft nach vorne spielte, zumal die eigene Abwehr nicht gerade das Prunkstück der Mannschaft ist. Nach dem Rückstand agierte man zudem vorne viel zu hektisch, um die russischen Abwehrschwächen offenzulegen und die vorhandenen Räume zu nutzen. Russland wird mit viel Selbstvertrauen in die verbleibenden Spiele gehen, aber so leicht wie gegen Tschechien werden sie es in diesem Turnier wohl nicht noch einmal haben.

 

Meine EM: Tschechien ist kein Schwergewicht mehr

Vorbei die Jahre, in denen die Tschechen zum (mindestens erweiterten) Favoritenkreis bei großen Turnieren gehörten. 2004 begeisterten sie noch mit tollem Fußball, bügelten die Deutschen mit ihrer B-Elf aus dem Turnier und schienen unaufhaltsam zu sein – nur um dann im Halbfinale an Rehhagels totaler Defensive zu scheitern. Richtige Starspieler, wie man sie ihn der Vergangenheit in Nedved oder Poborsky hatte, sind nicht mehr vorhanden im Kader, auch wenn mit Peter Cech, Milan Baros und Tomas Rosicky noch drei Namen verblieben sind, die an die großen Zeiten erinnern. Im Jahr 2012 gibt Tschechien dennoch nicht das Bild einer Mannschaft ab, die sich erneuert hat und vor neuen Erfolgen steht.

Personell nicht mehr erstklassig

Dass man in der Qualifikation hinter Titelverteidiger Spanien landete, ist kein Indiz für mangelnde Klasse. Dass man die schwachen Schotten erst am letzten Spieltag noch überholen konnte und mit Montenegro ein eher glückliches Los in den Play-Offs erwischte, darf einen aber schon an den Qualitäten der Tschechen zweifeln lassen. In die ausgeglichene Gruppe A geht die Tschechische Republik daher als leichter Außenseiter. Die Rolle wird dem Team von Michal Bilek entgegen kommen. Ihre Chance besteht vor allem darin, dass sie von ihren Gegnern unterschätzt werden könnten.

Das Dreiermittelfeld mit dem in der Vorbereitung verletzten Rosicky an der Spitze ist das Prunkstück des Teams und ist in der Lage mit den anderen Gegnern der Gruppe mitzuhalten. Über die Flügel entwickeln die Tschechen jedoch zu wenig Gefahr und so erscheint es wenig wahrscheinlich, dass sie in einem ihre EM-Spiele dem Gegner spielerisch überlegen sein könnten. Gegen den Ball arbeiten sie gut und diszipliniert. Derbe Klatschen sind daher eher nicht zu befürchten, auch wenn mich die Viererkette in den Spielen, die ich von Tschechien gesehen habe, nicht richtig überzeugt hat.

Vielleicht entpuppt es sich als Vorteil, dass man erst am letzten Spieltag auf Polen trifft, die (vorausgesetzt sie sind vor dem Spiel noch nicht sicher qualifiziert) an ihren eigenen Nerven scheitern könnten. Die Chancen auf ein tschechisches Weiterkommen sind ansonsten jedoch eher gering, ich würde sogar sagen am niedrigsten von allen Teams der Gruppe A.

Meine Prognose: Tschechien scheidet als Letzter in der Gruppe A aus.

Tschechiens Gruppengegner:

Polen
Griechenland
Russland

Meine EM: Russland und das vermauerte Tor

Russland ist für mich das vielleicht am schwierigsten einzuschätzende Team. Wann immer ich sie in den letzten vier Jahren spielen gesehen habe, waren sie gut. Sie spielen technisch hochwertigen, schnellen Fußball. Allerdings fehlt ihnen der letzte Punch, der sie bei der letzten Europameisterschaft bis ins Halbfinale führte. Vor dem gegnerischen Tor verbreiten sie trotz guter Spielanlage und technisch beschlagenen Spielern kaum ernsthafte Gefahr. Woran das liegt ist ein Rätsel, an dem sich auch Trainer Dick Advocaat die Zähne ausbeißt.

Der Ball will nicht ins Tor – vorne wie hinten

Trotz Offensivfußball tut Russland sich schwer mit dem Toreschießen, kassiert jedoch auch nicht viele Gegentore. Die Ergebnisse entsprechen häufig eher denen einer reinen Kontermannschaft, doch das sind die Russen nicht. Seit dem Coup vor vier Jahren, als man bei der Europameisterschaft die Niederlande – bis dahin bestes Team des Turniers – ausschaltete und überraschend bis ins Halbfinale kam, haben sich die Gegner auf Russland eingestellt. Der Überraschungseffekt war jedoch ein wichtiger Bestandteil der russischen Erfolgstaktik. Bei der Qualifikation zur WM in Südafrika scheiterte man trotz ansehnlicher Leistung in der Gruppe an Deutschland und schließlich auch im Play-Off an Slowenien. Trotz Platz 1 vor Irland in der Gruppe und der direkten Qualifikation für die Europameisterschaft umweht das Team weiterhin ein Hauch von Phlegma. Daran ändert auch das beachtliche 3:0 gegen Italien am Wochenende nichts.

In gewisser Weise ist Russland in den letzten Jahren ein Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Neben den gewachsenen Ansprüchen haben auch die Wechsel einiger namhafter Spieler ins Ausland die Ausgangslage verändert. Viele von ihnen konnten außerhalb Russlands nicht nachhaltig überzeugen: Ob Zhirkov bei Chelsea (21 Mio. € Ablöse), Pavlyuchenko bei Tottenham (17 Mio. €) oder Pogrebnyak in Stuttgart (5 Mio. €) – keiner erfüllte die hohen Erwartungen seines neuen Arbeitgebers. Am härtesten traf es den Star der Russen, Adrey Arshavin, der sich bei Arsenal vom Top-Transfer langsam zum kompletten Pflegefall entwickelte, keinerlei Engagement mehr zeigte und im Winter zurück zu Zenit St. Petersburg verliehen wurde. Dort zeigte er eine deutliche Steigerung, wurde russischer Meister, ist jedoch noch ein gutes Stück von der Form entfernt, die ihn einst zu seinem Status eines europäischen Top-Spielers verhalf.

Schlüsselfrage: Wird Dzagoev rechtzeitig fit?

Hoffnung machen die Leistungen von Roman Shirokov, der mit Zenit in der Champions League für Aufsehen sorgte, und Alan Dzagoev, der mit seinen 21 Jahren schon über fast vier Jahre Erfahrung in der Nationalmannschaft verfügt. Letzterer hat seine Verletzung noch rechtzeitig vor Beginn des Turniers überwunden und ist auf gutem Wege seine Topform wiederzufinden. Die wird es auch brauchen, denn der wendige und beidfüßige Spielmacher von ZSKA Moskau ist inzwischen das Herzstück im Offensivspiel seiner Mannschaft. Ohne seine Torgefährlichkeit wiegen die oben genannten Probleme noch einmal schwerer.

Wenn die Russen ihr System konsequent umsetzen, ihre spielerische Klasse ausspielen und dazu noch ihr Phlegma in der Chancenverwertung überwinden, sind sie der Favorit in ihrer Gruppe. Nur scheint dies derzeit wenig wahrscheinlich. Ich glaube daher nicht an ein souveränes Weiterkommen, könnte mir bei einem ungünstigen Start ins Turnier sogar vorstellen, dass sie Gruppenletzter werden. Keiner der Gegner wird übermäßig offensiv gegen sie vorgehen und die Abwehr entblößen, wie es Italien unlängst im Testspiel machte. So paradox es klingen mag, könnte Russland gerade auch daran scheitern, dass die Gegner zu schwach sind. Favorisierte Teams auskontern können sie frühestens im Viertelfinale. Ich tippe darauf, dass sie bis dahin schon wieder zuhause sind.

Mein Tipp: Russland scheitert an sich selbst und scheidet in der Vorrunde aus.

Russlands Gruppengegner:

Polen
Griechenland
Tschechien

Meine EM: Griechenland kämpft um seinen Ruf

Griechenland hat meine Sympathien alleine schon wegen Werders Ein-Mann-Abwehrbollwerk Sokratis. Gemeinsam mit Avraam könnte er ein waschechtes Abräumerduo in der Innenverteidigung bilden. Mit Papadopoulos hätte man auch noch einen moderneren Typus des Innenverteidigers zur Auswahl. Da alle drei auch auf anderen Positionen spielen können, muss Trainer Santos vielleicht gar keinen von ihnen auf die Bank setzen. Mit Torosidis hat man außerdem noch einen Rechtsverteidiger gehobener Klasse im Kader, nach dem sich (nicht nur) die Bremer Fans die Finger lecken.

Griechenland 2012: Offensiver als viele denken

Dennoch sollte man die Vorstellung von den ultra-defensiven Griechen acht Jahre nach dem Triumph in Portugal endgültig zu den Akten legen. Griechenland hat sich in den letzten zwei Jahren neu erfunden und spielt in der Mehrzahl der Fälle vorwärtsorientierten Fußball. Am deutlichsten wurde dies im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Kroatien, das man mit 2:0 gewann. Dabei läuft das Team wie auch schon in den letzten Rehhagel-Jahren meistens in einem 4-3-3 auf. Die beiden offensiven Mittelfeldpositionen werden meist von den erfahrenen Karagounis und Katsouranis besetzt. Es kann sich eben nicht jede Nation leisten, die Helden des letzten Jahrzehnts auszusortieren. Dahinter agiert in der Regel ein eher konservativer, tiefer Sechser. Auch wenn Griechenland damit taktisch nicht zu den aufregendsten Teams im Feld gehört, schafft man so ein ziemlich ausgeglichenes Mittelfeld und entfacht durchaus auch Kreativität im Spiel nach vorne.

Eher ungewöhnlich ist, dass die Griechen im Dreiersturm häufig auf drei echte Stürmer setzen. Die beiden Außenstürmer (vermutlich Samaras und Salpingidis) spielen dabei jedoch sehr engagiert mit nach hinten und erfüllen ihre Rolle auf dem Flügel sehr diszipliniert. Am ehesten ist das System vielleicht mit dem Inter Mailands 2009/10 zu vergleichen, wo sich Eto’o und Pandev rechts und links des Mittelstürmers Milito voll in den Dienst der Mannschaft stellten. (Eine weitere Parallele ist, dass auch Inter vor allem für die Defensivkünste in der Schlussphase der Champions League berühmt wurde, obwohl man über die Saison meistens viel offensiver agierte.)

Was ist den Griechen zuzutrauen? Die Leistungen in der Qualifikation machen sie zu einem leichten Favoriten in dieser Gruppe, auch wenn die Testspiele zuletzt eher mittelmäßig waren. Da die vier Teams leistungsmäßig so dicht beieinander liegen, werden am Ende wohl Nuancen über das Weiterkommen entscheiden. Danach wird es aber sehr schwer, da man im Viertelfinale auf ein Team aus der starken Gruppe B treffen würde.

Meine Prognose: Für die großen Gegner fehlt es den Griechen meiner Meinung nach an Klasse, aber das hat sie 2004 auch nicht aufgehalten. Realistisch wäre das Erreichen des Viertelfinales.

Griechenlands Gruppengegner:

Polen
Russland
Tschechien

Meine EM: Polens Chancen bei der Heim-EM

Polen ist eines der wenigen Teams mit einem (bald Ex-)Werderspieler im Kader. Derzeit sieht es so aus als würde Sebastian Boenisch zu einer festen Größe in Franciszek Smudas Team. Den Zweikampf mit Wawrzyniak um den Stammplatz als Linksverteidiger hat er wohl für sich entschieden, stand in allen drei Testspielen in der Startelf. Auf der rechten Seite hätte er gegen den immer stärker werdenden Piszczek hingegen keine Chance. Der Dortmunder bildet zusammen mit seinem Teamkollegen Jakub Blaszczykowski eine der besten rechten Außenbahnen des Turniers. Leider ist der polnische Kader insgesamt doch recht durchwachsen. Neben Mittelstürmer Lewandowski und seinen Dortmunder Teamkollegen sind nur wenige Spieler mit internationaler Klasse dabei.

Personell unausgewogen

Torwart Szczesny hat bei Arsenal gute Leistungen gezeigt und ist auch im Tor der Polen unumstritten. Vor ihm mangelt es in der Innenverteidigung jedoch schon an individueller Qualität. Weder Perquis noch Wasilewski fand ich bislang so richtig überzeugend. Ähnlich sieht es im Mittelfeld aus. Eugen Polanski vom FSV Mainz ist ein grundsolider Spieler, jedoch niemand, der auf der offensiveren Position der Doppelsechs auf höchstem Niveau sonderlich viel Esprit ausstrahlt. Alternativmann Adam Matuschyk (ebenfalls aus der Bundesliga bekannt) ist jedoch auch niemand, der eine klare Verbesserung dazu darstellen würde. Ähnliche Probleme haben die Polen auf vielen Positionen.

Das polnische Spiel wirkt daher häufig unrund. Man agiert zwar aus einem gefestigten 4-4-2 oder 4-4-1-1 heraus, wirkt dabei jedoch meistens wie ein Underdog, der hauptsächlich über den Kampf ins Spiel kommt. Dadurch spielen die Polen zwar mit viel Tempo nach vorne, jedoch fehlt den Aktionen häufig die Genauigkeit. Bei der EM im eigenen Land, mit den euphorisierten Fans im Rücken, wird diese Tendenz möglicherweise sogar noch verschärft. Das macht sie zwar zu unangenehmen Gegnern, lässt mich aber daran zweifeln, dass sie als Gastgeber weit kommen werden im Turnier. Gut möglich, dass auch die schwächeren Spieler über sich hinauswachsen und man einen Achtungserfolg erzielt. Ich halte allerdings ein Ausscheiden in der Vorrunde ebenfalls nicht für unwahrscheinlich. Spätestens dann im Viertelfinale dürfte Schluss sein.

Meine Prognose: Polen schafft die Qualifikation für die K.O.-Runde, scheidet dann aber im Viertelfinale aus.

Polens Gruppengegner:

Griechenland
Russland
Tschechien

One for the money, two for the show

Champions League, Gruppe A, 6. Spieltag: Werder Bremen – Inter Mailand 3:0

Sacchis Milan hat es nicht geschafft, Capellos Milan hat es nicht geschafft, Ancelottis Milan hat es nicht geschafft, Maradonas Neapel hat es nicht geschafft, Mancinis Inter hat es nicht geschafft, Mourinhos Inter hat es nicht geschafft und nun hat es auch Benitez Inter nicht geschafft. Werder bleibt im Weserstadion gegen italienische Mannschaften ungeschlagen.

Gegen diesen leblosen Gegner wäre eine Niederlage auch schwer zu verdauen gewesen, selbst wenn es in dem Spiel für Werder rein sportlich um nichts mehr ging. Die 800.000 Euro, die als Siegprämie für den Verein im Raum standen, nehmen die Verantwortlichen sicher gerne mit. Die Spieler werden sich mehr über den netten Aufbaugegner freuen, gegen den sie nach einer halben Stunde zähen Bemühens endlich wieder einmal spielerisch überzeugen konnten. Natürlich darf man nicht den Fehler machen, dieses Spiel für voll zu nehmen, aber wie sagte Allofs nach dem Spiel so schön: Wir können nichts für das, was der Gegner macht.

Inter hatte sichtlich wenig Lust, sich am letzten Gruppenspiel zu beteiligen. In der Liga abgeschlagen und die Club-WM vor der Nase war das Spiel im eisigen Bremen nur ein lästiger Zwischenschritt. Trainer Benitez verzichtete auf viele seiner Stammspieler und schickte eine B-Elf auf den Rasen. Ein Schachzug, der ihn teuer zu stehen kommen könnte, denn Inter-Boss Moratti war not amused über die 0:3-Pleite und hat Benitez umgehend öffentlich Druck gemacht. Dabei hätte man von den auf dem Feld befindlichen Spielern (immerhin Eto’o, Pandev, Cambiasso und Zanetti in der Startaufstellung) schon etwas mehr erwarten können. Nach dem ersten Gegentor unternahm Inter jedoch keinerlei ernsthaften Versuch, wieder zurück ins Spiel zu kommen.

Für Werder war es dagegen ein rundum schönes Spiel. Zum einen hat man sich ordentlich aus der Champions League verabschiedet und zum anderen ein wenig Selbstvertrauen getankt. Wehmut sollte nach diesem Spiel nicht aufkommen. Selbst mit Topleistungen wäre es für Werder schwierig geworden, in dieser Gruppe weiterzukommen und davon war man in den meisten Gruppenspielen doch weit entfernt. Die Leistung gegen Inter war vor allem deshalb möglich, weil der Gegner so schwach war. Genau so eine Partie brauchte Werder, um sich auch spielerisch wieder etwas besser zu finden. In der zweiten Halbzeit klappten viele Dinge schon wieder, die in den letzten Wochen in dieser Form nicht zu beobachten waren.

Ich habe mich lange nicht mehr so über Werders Tore gefreut, wie am Dienstag Abend. Alle drei waren klare Statements, auf die wir lange genug gewartet haben. Das 1:0 durch Prödl per Kopf nach einer Ecke. Endlich ein Tor nach einer Ecke! Endlich trifft Prödl! Wie oft sind wir an diesen beiden Dingen in dieser Saison schon verzweifelt? Das 2:0 durch Arnautovic. Endlich ein Tor von Arnautovic, nach gefühlt 100 vergebenen Großchancen zuvor! Das 3:0 durch Pizarro. Endlich ist Pizza wieder da! Und dann trifft er auch gleich wieder. Das Spiel war auch eine Botschaft an die Fans: Ja, wir haben es dieses Jahr verkackt, aber wir wollen uns wenigstens anständig verabschieden.

Ein 3:0 gegen dieses Inter ist kein Grund abzuheben oder auch nur zu meinen, man habe jetzt was erreicht. Ein 3:0 gegen Inter ist aber immer ein Grund, ein wenig Selbstvertrauen daraus zu ziehen und mit erhobenem Haupt in die nächsten Spiele zu gehen. Die Zyniker werden sich über dieses Ergebnis ärgern, macht es doch den für die Winterpause geforderten radikalen Umbruch ein Stück unwahrscheinlicher. Alle anderen hoffen nun darauf, dass man am Samstag in Dortmund zumindest eine vernünftige Leistung abruft und dem Herbstmeister sein ganzes Können abverlangt.

Tottenham Hotspur – Werder Bremen (live)

Tatort: Weserstadion

Champions League, Gruppe A, 4. Spieltag: Werder Bremen – FC Twente 0:2

Zweimal die Griechen, jetzt die Holländer. Bei den letzten drei Teilnahmen hat Werder das Achtelfinale jeweils im eigenen Stadion verpasst. Dem 1:3 gegen Olympiakos (2007) und dem 0:3 gegen Panathinaikos (2008)  folgte nun also ein 0:2 gegen Twente. Eine bittere Niederlage in einem packenden, chancenreichen, aber nicht hochklassigen Spiel, in dem Werder wieder einmal mit Chancenverwertung und Abwehrverhalten hadern muss.

Thomas Schaaf überraschte mit einer sehr ungewöhnlichen Aufstellung in der Defensive. Nachdem Silvestre beim Publikum nicht mehr untragbar wurde, stellte Schaaf die Viererkette komplett um. Allrounder Wesley wechselte von der rechten auf die linke Seite, Innenverteidiger Prödl gab den Rechtsverteidiger und Kapitän Frings rückte in die Innenverteidigung. Daniel Jensen kam dafür neu in die Mannschaft und spielte als einziger Sechser vor der Abwehr. Ansonsten gab es personell nur eine Umstellung im Vergleich zum Nürnberg-Spiel: Hunt spielte für Arnautovic. Was sich ebenfalls änderte, war die taktische Ausrichtung. Thomas Schaaf reaktivierte die Raute, in der Marin hinter den Spitzen spielte und Hunt / Bargfrede die Halbpositionen besetzte. Auch Twente hatte (teils aufgrund von Verletzungen) auf mehreren Positionen umgestellt, am auffälligsten im 3er-Mittelfeld. Neben Landzaat spielte Bengtsson und leicht davor versetzt de Jong.

Werder spielte von Beginn an engagiert nach vorne und versuchte, die Niederländer durch die Überzahl im Mittelfeld unter Druck zu setzen. Wesley und nach einiger Zeit auch Prödl gingen häufig mit nach vorne und sorgten für einige Flanken (Prödl) und Torschüsse (Wesley). Insgesamt stimmte jedoch die Abstimmung in den einzelnen Mannschaftsteilen nicht. Marin hielt seine Position im Zentrum zwar besser als in seinen letzten Spielen auf der Position, konnte aber nur selten gefährliche Situationen einleiten, weil er noch immer den Ball zu lange hält, statt das Spiel schnell zu machen. Hunt zog es häufig in die Mitte, doch die flüssigen Wechselspiele im Mittelfeld waren auch für die eigene Mannschaft ein Risiko. Obwohl Jensen vor der Abwehr ein gutes Spiel machte, kam Twente immer wieder in hohem Tempo auf die Innenverteidiger zu. Mit ein, zwei vertikalen Pässen ließ sich Werder komplett überspielen und bei besserer Chancenverwertung hätte Twente schon zur Halbzeit den einen oder anderen Konter nutzen können. Neben dem eigenen Unvermögen der Stürmer war es auch der (wieder einmal) bärenstarke Mielitz, der für Werder hinten die Null festhielt.

Auf der anderen Seite hatte auch Werder genügend Chancen, um das Spiel in die richtige Richtung zu lenken. Die größte davon vergaben kurz vor der Pause Pizarro, der mit seinem Schuss den Pfosten traf, und Almeida, der den Abpraller aus fünf Metern nicht verwerten konnte, weil er den Ball nicht unter Kontrolle bekam. Zur Pause war das Unentschieden für beide Mannschaften durchaus verdient, wobei das 0:0 als Ergebnis angesichts des Spielverlaufs etwas absurd erschien. Nach dem Wechsel ging es in hohem Tempo weiter und beide Teams taten viel dafür, die Eindrücke aus der ersten Hälfte zu bestätigen. In Person von Hugo Almeida vergab Werder auch die größten Chancen und brachte die Fans zum Verzweifeln. Erst köpfte der Portugiese nach dem einzigen gefährlichen Freistoß des Abends aus fünf Metern in die Arme des Twente-Keepers, dann vergab er eine Eins-gegen-Eins-Situation, in der er versuchte, den Schlussmann zu umspielen und dann den Ball nicht ins Tor schieben konnte. Auf der anderen Seite lenkte Mielitz einen Schuss des frei vor ihm auftauchenden Chadli gerade noch an den Pfosten.

Langsam machte sich Resignation breit bei Werder. Schaaf brachte Arnautovic für Bargfrede und somit noch mehr Offensivpower, doch Werders Aktionen wirkten zunehmend verzweifelt. Eine Viertelstunde vor Schluss kam Twente ein weiteres Mal mit einem Konter vors Bremer Tor und Frings musste sich als letzter Mann mit einem Foul kurz vor dem Strafraum behelfen. Die folgende rote Karte war für Werder zuviel an diesem Abend und Twente setzte in der Schlussphase den Todesstoß. Erst verpasste Wisgerhof auf freundliche Einladung von Jensen beim Freistoß nach Frings Herausstellung völlig frei aus 10 Metern die Führung. Doch dann fiel das Tor, wie es in diesem Spiel wohl nur fallen konnte: Ein Schuss von Chadli wurde von Jensen abgefälscht und trudelte vorbei an Mielitz ins Tor. Werder fand nicht mehr zurück ins Spiel und musste kurze Zeit später durch einen Kopfball von de Jong noch das 0:2 hinnehmen.

Warum hat Werder dieses Spiel verloren?

Grund 1: Chancenverwertung. In einem solch offenen Spiel muss man seine Chancen besser nutzen, als es Werder tat. Schon gegen die Bayern und gegen Nürnberg konnte man selbst beste Torgelegenheiten nicht nutzen. Gegen Twente erfuhr dies noch einmal eine Steigerung. Die beiden Torhüter waren herausragend, Mielitz gehört für mich jetzt schon zu den besten Werderspielern dieser Saison. Schaut man sich die Torschüsse an, sieht man jedoch einen Unterschied zwischen den beiden Mannschaften*:

Torschüsse Werder Bremen

Werder Bremen: 22 Schüsse, 9 davon aufs Tor

Werder bekam kaum Schüsse innerhalb des Strafraums auf Twentes Tor. Die platzierten Schüsse kamen fast alle von außerhalb. Ausnahme: Die Kopfballchance von Almeida in die Arme des Torhüters. Vor dem Tor versagten Werder die Nerven.

Torschüsse FC Twente

FC Twente: 16 Schüsse, 7 davon aufs Tor

Twente war im Strafraum gefährlicher, zwang Mielitz zu mehr Paraden aus kurzer Distanz. Dem Torwart ist es zu verdanken, dass die Führung erst durch einen abgefälschten Schuss aus der Distanz zustande kam.

Grund 2: Starker Gegner. Twente ist international sicher nicht die ganz große Hausnummer, doch es gibt einen Grund dafür, dass das Team erst eine Pflichtspielniederlage in dieser Saison einstecken musste – und Werder derer schon acht. Die Mannschaft versteht sich blendend aufs Kontern. Im Gegensatz zum (enttäuschenden) Hinspiel zeigten sich die Holländer stark verbessert und hätten auch schon vor Frings Platzverweis das eine oder andere Tor machen können, wenn sie ihre Konter konsequenter zu Ende gespielt hätten. Der Unterschied zwischen dem Twente aus dem Hin- und aus dem Rückspiel wird am deutlichsten, wenn man sich die “Player Influence”, also den Einfluss der einzelnen Spieler auf das Spiel, anschaut:

Twente Spielereinfluss Hinspiel

FC Twente: Player Influence, Hinspiel

Im Hinspiel waren Spieler der Viererkette die einflussreichsten Spieler bei Twente (ohne Wisgerhofs Verletzung wäre vermutlich auch der rechte Innenverteidiger darunter). Es wurde auf Höhe der Mittellinie viel quer gespielt und kaum ein vernünftiger Angriff aufgebaut.

Twente Spielereinfluss Rückspiel

FC Twente: Player Influence, Rückspiel

Im Rückspiel war Ruiz die überragende Figur in Twentes Spiel. Nach Ballgewinn wurde schnell und vertikal nach vorne gespielt (daher die “kleinen” Innenverteidiger) und Werders Mittelfeld schnell überbrückt. Damit kam Werder über die vollen 90 Minuten nicht klar.

Grund 3: Torsten Frings. Man kann ihm gar nicht viel vorwerfen, dass er kein guter Innenverteidiger ist. Er begann seine Karriere als Stürmer, spielte dann im rechten Mittelfeld und als Rechtsverteidiger, bevor er zum zentralen Mittelfeldspieler umgeschult wurde. Frings ist nicht mehr der Schnellste, verfügt für einen Sechser auch nicht über ein außergewöhnlich gutes Stellungsspiel und ist dazu auch nicht wirklich groß oder kopfballstark. Als Innenverteidiger war er völlig überfordert, ließ sich häufig schon hoch an der Mittellinie überspielen und bekam Ruiz, der immer wieder von rechts in die Mitte zog, zu keiner Zeit in den Griff. Exemplarisch für seine Probleme hier alle seine Tacklings:

Torsten Frings Tackles

Torsten Frings Tacklings: 1 erfolgreich, 4 unerfolgreich

Am Ende opferte sich Frings mit der roten Karte, nachdem ihn Schaaf schon vor dem Spiel geopfert hatte. Wenn dies die Alternative zu Silvestre ist, sollte man ihn wohl trotz Pfeifkonzert wieder spielen lassen.

Werder ist innerhalb einer Woche aus DFB-Pokal und Europapokal (wenn auch nicht rechnerisch) ausgeschieden und verpasste es, in der Bundesliga in die Spitzengruppe vorzustoßen. Noch dazu in drei Spielen, die man bei besserer Chancenverwertung wohl allesamt gewonnen hätte. Das muss erstmal verdaut werden, von Mannschaft und Fans.

* Alle Grafiken: Total Football