Schlagwort-Archiv: Gruppe B

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe B

Portugal holt in einem schwachen, aber unterhaltsamen Spiel drei Punkte gegen Dänemark, Deutschland gewinnt das Prestigeduell gegen die Niederlande, ohne dabei vollständig zu überzeugen.

Portugal – Dänemark 3:2

Nach der Niederlage gegen Deutschland war Portugal unter Zugzwang. Gegen Dänemark setzte man auf Spielkontrolle und die Offensivpower über die Außen. Dabei zeigte man die Probleme, die man ihnen schon vor Turnierbeginn zuschrieb: Keinen starken offensiven Mittelfeldspieler und eine große Abhängigkeit von Ronaldo und Nani auf den Flügeln. Dänemark machte es im Rahmen der Möglichkeiten gut und hatte etwas Pech, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

Portugals Spielaufbau ist grauenvoll. Pepe und Bruno Alves sind eines der holzfüßigsten Innenverteidigerduos dieses Turniers. Von der gesamten Spielanlage her wirkte Dänemark reifer und besser aufeinander abgestimmt. Allerdings merkt man schon, dass die “Olsen-Bande” fußballerisch limitierter ist, als der Gegner. Dazu machte Veloso wie schon gegen Özil auch gegen Eriksen einen guten Job und nahm ihn weitgehend aus der Partie. Portugals höhere individuelle Klasse machte zumindest in der ersten Halbzeit den Unterschied aus. Das Loch, das Ronaldo durch seine Nicht-Teilnahme am Defensivspiel hinterließ, wäre den Portugiesen dann fast zum Verhängnis geworden. Dazu ließ Ronaldo zwei Riesenchancen ungenutzt. So kam es, wie es kommen musste: Dänemark schaffte den Ausgleich und Portugal musste in der Schlussphase noch einmal anrennen.

Wie schon gegen Deutschland sorgte Varela nach seiner Einwechslung für eine Belebung des portugiesischen Offensivspiels. Umso schöner, dass er es dann auch war, der das Siegtor erzielte. Insgesamt ging der Sieg in Ordnung, denn Dänemark war defensiv längst nicht so stabil, wie man es nach dem 1:0 gegen die Niederlande gedacht hätte. Portugal geht nun mit den besten Chancen auf Platz 2 ins letzte Spiel, während Dänemark gegen Deutschland einen schweren Stand haben dürfte.

Deutschland – Niederlande 2:1

Ich bin etwas zwiegespalten, was dieses Spiel angeht. Einerseits war es eine in weiten Teilen überzeugende und taktisch wie spielerisch gute Leistung der deutschen Mannschaft. Andererseits ließ man nach 60 Minuten deutlich nach und musste noch einmal zittern, obwohl man mit der Überlegenheit eigentlich einen klaren Sieg einfahren muss.

Das deutsche Mittelfeld war dem niederländischen eine gute Stunde lang deutlich überlegen. Özil riss mit seinen cleveren Laufwegen Lücken (vor allem de Jong ließ sich oft aus dem Zentrum ziehen) und Schweinsteiger und Khedira nutzten den Platz für Vorstöße. Sie spielten dabei mutig und ging auch immer wieder beide mit nach vorne, wodurch van Bommel auf völlig verlorenem Posten stand. Das 1:0 fiel auf diese Weise, wobei auch die Ballverarbeitung von Gomez großartig war. Hummels spielte erneut stark, muss aber etwas aufpassen, dass er nicht überdreht. In der Schlussphase wirkte er etwas unkonzentriert, während Badstuber den Fels in der Brandung gab. Lahm machte defensiv ein sehr starkes Spiel gegen Robben, offensiv würde ich mir etwas mehr Mut zum schnellen Pass wünschen.

Die Niederlande wirkten über das gesamte Spiel ziemlich unrund. Aus dem zentralen Mittelfeld kam fast keine Kreativität und nur selten rückte van Bommel auf. Die vier Offensivspieler agieren nicht wie ein Kollektiv, jeder kocht mehr oder weniger sein eigenes Süppchen. Kombiniert wird nur mit dem Mitspieler in unmittelbarer Nähe. Dank der individuellen Klasse hatte man in der Anfangsphase ein paar Chancen, doch das deutsche Spiel wirkte vom Anpfiff an besser und reifer. Mit van der Vaart wurde das Spiel im Zentrum etwas stärker, besonders nachdem van Persie hinter Huntelaar als hängende Spitze agierte und Sneijder auf den Flügel ging.

Löw muss ob der Zitterpartie zwischen der 70. und 85. Minute seine Wechselstrategie hinterfragen. Statt frühzeitig auf die niederländischen Umstellungen und verlorene Spielkontrolle zu reagieren, wartete er erneut sehr lange. Gerade auf den Flügeln hätte eine Auswechslung sicher gut getan (wobei Müller und Podolski sehr diszipliniert mit nach hinten gearbeitet haben). Mit Reus oder Schürrle hätte man zudem einen konterstarken Spieler bringen können. Wenn man die Effizienz in der ersten Halbzeit loben will, muss man auch sagen, dass man am Ende nur mit einem Tor Vorsprung gewinnt, obwohl man die klar bessere Mannschaft war. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, aber wenn man einen Gegner wie Holland am Boden hat, darf man ihn nicht wieder aufstehen lassen und auf den Schlusspfiff warten.

Die öffentliche Diskussion um Gomez dürfte nun vorerst vorbei sein. Dabei hat das Spiel keinerlei neue Erkenntnisse geliefert. Dass Gomez ein weltklasse Strafraumstürmer ist wusste man vorher schon. Ein mitspielender Stürmer ist er auch nach seinen beiden Toren nicht. Vor allem Özil und Müller würden davon profitieren, wenn Klose zurück ins Team kommt. Für Gomez spricht dessen eigene Torgefährlichkeit, doch man macht sich gleichzeitig ein gutes Stück weit von ihr abhängig. Wenn er seine Chancen dann effizient nutzt (wie gestern), gibt es wenig Probleme. Wenn nicht (wie im Champions League Finale), könnte es Deutschland teuer zu stehen kommen.

Gefühlt war das für Deutschland schon die Qualifikation fürs Viertelfinale. Allerdings könnte man schon mit einem 0:1 gegen Dänemark noch rausfliegen. Zeit zum Durchschnaufen hat man daher nicht. Die Niederlande sind nun auf deutsche Schützenhilfe angewiesen, haben aber eigentlich ganz andere Sorgen. Van Marwijk hat sich zu sehr auf die individuelle Qualität seiner Offensivleute verlassen und wollte mit sechs Defensivspielern hinten dicht machen. Beides rächt sich nun und die Niederlande geben mehr und mehr das Bild einer zerstrittenen Mannschaft ab. Bisher sind sie für mich die größte Enttäuschung des Turniers. Den benötigten 2:0 Sieg gegen Portugal traue ich ihnen nicht mehr zu.

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe B

Die erste Überraschung gab es in Gruppe B, wo Dänemark die Niederlande schlagen konnte. Deutschland mühte sich danach zu einem 1:0 Arbeitssieg gegen Portugal.

Niederlande – Dänemark 0:1

Die Niederlande haben sich gleich zum Auftakt einen Patzer geleistet, der ihnen teuer zu stehen kommen kann. Dänemark zeigt eindrucksvoll, dass Trainer Olsen richtig gelegen hat, seiner Mannschaft auch in der schweren Gruppe B etwas zuzutrauen. Die Niederlande waren die bessere Mannschaft und hatten die besseren Chancen, doch taten sich sehr schwer echte Gefahr vor dem dänischen Tor zu erzeugen.

Es war ein Musterbeispiel dafür, wie unterlegene Mannschaften im Fußball zum Erfolg kommen können: So gut wie möglich stehen, die gefährlichen Spieler doppeln, Abschlüsse nur aus suboptimalen Positionen zulassen und selbst bei Ballgewinn schnell umschalten und die Räume nutzen, die der aufgerückte Gegner offen lässt. Ein bisschen “Matchglück” braucht man dazu auch und das hatten die Dänen. Auch mit den vorhandenen Chancen hätten die Niederlande das Spiel gewinnen können. Auffällig, wie häufig die niederländischen Stürmer ausrutschten. Van Marwijk muss sich fragen, ob eine Doppelsechs mit van Bommel und de Jong ausreicht. Spielerisch kommt sehr wenig von den beiden und man ist fast ausschließlich auf die Kreativität vier Offensivspieler angewiesen. Gegen Dänemark wäre van der Vaart wohl die bessere Wahl gewesen.

Dänemark überzeugte nicht nur defensiv, sondern zeigte auch große Stärken beim Kontern. Bendtner spielt sehr beweglich, weicht nach außen aus und schafft Räume für Eriksen und die nachrückenden Spieler. Das Team wirkt gut eingespielt, was sich auch in den nächsten beiden Partien bezahlt machen könnte. Das Weiterkommen ist ihnen durchaus zuzutrauen. Die Niederlande müssen Deutschland schlagen, um nicht schon nach zwei Spielen chancenlos aufs Weiterkommen zu sein.

Deutschland – Portugal 1:0

Soll man enttäuscht sein über das wenig inspirierende Spiel oder sich über den erarbeiteten Sieg freuen? Ich tendiere klar zu letzterem, weil ein Erfolgserlebnis zu Beginn für einen Leistungsschub sorgen kann. Es ist auch nicht so, dass Deutschland gegen Portugal schlecht gespielt hätte. Es fehlten nur ein paar Dinge im deutschen Spiel, die im Laufe des Turniers noch hinzukommen können.

Portugal zeigte, dass es hinzugelernt hat und die vertauschten Vorzeichen anerkannt hat. Während früher Deutschland den Portugiesen die Initiative überließ und selbst hauptsächlich Konterfußball spielte, richtete sich am Samstag Portugal gemütlich in der eigenen Hälfte ein. Deutschland hatte viel Ballbesitz, tat sich aber ungemein schwer, vor das gegnerische Tor zu kommen. Der Ball zirkulierte viel im Mittelfeld. Gefährlich wurde es nur, wenn man über die Flügel spielte und den Ball von dort in den Strafraum brachte. Özil wich häufig auf die Außenbahnen aus, um Velosos aufmerksamer Bewachung zu entgehen. Richtige Chancen blieben allerdings Mangelware. Insgesamt wirkte das Spiel zu pomadig und gerade im Angriffsdrittel fehlte das Tempo im deutschen Spiel.

Portugal freundete sich im Laufe des Spiels immer besser mit der ungewohnten Rolle an und sorgte mit gelegentlichen Kontern für Entlastung. Dabei spielten sie sich die besseren Torchancen heraus. Deutschland hatte Glück bei Pepes Lattenschuss und musste sich in der Schlussphase bei Neuer bedanken, der den Sieg festhielt. Hummels feierte endlich seinen Durchbruch im Nationaltrikot, während Lahm einen schwachen Tag erwischte. Schweinsteiger und Özil sind noch nicht bei einhundert Prozent. Gegen die Niederlande wird man eine deutliche Steigerung brauchen, gerade was die Geradlinigkeit und das schnelle Kombinationsspiel vor dem Strafraum angeht. Dabei könnte es ein Vorteil sein, dass der Gegner unbedingt gewinnen muss und wahrscheinlich mehr Räume zulässt als Portugal.

Meine EM: Dänemark gefällt sich als Außenseiter

Als Underdog fühlen sich die Dänen traditionell wohl, was nicht nur am Überraschungserfolg bei der EM 1992 liegt. Trainer Morten Olsen ließ kürzlich verlauten, dass er die Außenseiterrolle für sein Team als Vorteil sieht. Anders als die drei Kontrahenten muss Dänemark nicht ins Viertelfinale kommen und kann deshalb ohne großen Druck ins Turnier gehen. Eine komfortable Position: Scheidet man wie erwartet aus, kann man zur Erklärung auf die starken Gegner verweisen. Kommt man weiter, kann man eine Sensation feiern. Man sollte diese Denkhaltung jedoch nicht überstrapazieren, denn sie kann auch den eigenen Spielern als Alibi dienen. Das wäre fatal, denn so groß ist der Abstand zu den Gruppengegnern nicht. Das weiß auch Olsen, der seinem Team deshalb eine reelle, wenn auch kleine Chance einräumt.

Kollektiv bügelt individuelle Schwächen aus

Zwar ist Dänemark gemessen an den Einzelspielern tatsächlich das schwächste der vier Teams in Gruppe B, doch ist man mannschaftlich deutlich näher dran an der Konkurrenz. Das bekamen in der Qualifikation schon die Portugiesen zu spüren, die sich durch die Play-Offs quälen mussten, während Dänemark als Gruppensieger die direkte Qualifikation feierte – durch einen 2:1-Heimsieg über Portugal. Bei den Skandinaviern macht es sich bezahlt, dass man seit nunmehr zwölf Jahren unter dem selben Coach spielt und trainiert. Olsen hat seiner Mannschaft sein System inzwischen nicht nur umfassend eingetrichtert, sondern auch immer weiter verfeinert. Auch weil es sich im Grunde um ein handelsübliches 4-2-3-1 handelt sind es gerade die Details, die den Unterschied ausmachen.

Niklas Bendtner beispielsweise zeigt in seiner Rolle als beweglicher Mittelstürmer nur noch wenig Gemeinsamkeit mit dem phlegmatischen Egoisten, den er bei Arsenal häufig darstellte. Er bewegt sich viel, ist immer anspielbar und hält die Bälle klug bevor er sie für die aufrückenden Mitspieler ablegt. Hinter ihm zieht mit Christian Eriksen einer der fähigsten Zehner des Turniers die Fäden. Während Bendtner viel mit dem Rücken zum Tor agiert, ist Eriksen ein Spieler, der Bälle schnell zur Torseite verarbeitet und dann mit viel Übersicht verteilt. Den beiden gilt es ihren Wirkungskreis zu beschneiden, dann hält man die Dänische Offensive weitgehend unter Kontrolle.

Zu abhängig von Eriksen

Defensiv lassen sich die Dänen (ähnlich wie die Holländer) selten bloßstellen. Chancen bekommt man von ihnen nur selten auf dem Silbertablett serviert, sondern man muss sie sich mühevoll erarbeiten. Die beiden Sechser agieren eher abwartend und konzentrieren sich auf Balleroberung und Aufbauspiel. Bei letzterem werden sie vom Innenverteidiger Daniel Agger unterstützt, der aus der Viererkette in puncto individuelle Klasse herausragt. Bei Ballverlusten verschiebt die gesamte Mannschaft sehr diszipliniert und macht die Räume für den Gegner eng.

Letztlich halte ich Dänemark individuell für zu beschränkt und zu abhängig von Einzelspielern (ein Ausfall Eriksens könnte nicht kompensiert werden), um im Turnier mehr als nur eine Außenseiterrolle einzunehmen. In den Testspielen gegen Russland und Brasilien zeigte man sich ungewohnt verwundbar. Zudem müssen sie den verletzten Stammtorwart Thomas Sörensen ersetzen. Ich halte Dänemark jedoch auch für zu stark, um in der starken Gruppe B sang- und klanglos unterzugehen. Sie werden den Favoriten das Leben sehr schwer machen und gerade für Deutschland könnten sie der am unangenehmsten zu spielende Gegner sein. Da für ein Weiterkommen jedoch zwei der Favoriten taumeln müssten, traue ich ihnen maximal Platz 3 zu. Und auch das wäre ein Erfolg.

Meine Prognose: Bei allen Sympathien sehe ich Dänemark doch auf dem letzten Platz in Gruppe B.

Dänemarks Gruppengegner

Niederlande
Deutschland
Portugal

Meine EM: Portugal zu abhängig von den Flügeln

Viele große Namen, viel individuelle Klasse und viel Erfahrung auf hohem internationalen Niveau. Dennoch sehe ich in Portugal keinen Favoriten – weder für das Turnier noch für diese Gruppe. Gegen schwächere Gegner könnten sie sicher überzeugende Spiele abliefern und mit viel Selbstbewusstsein in die K.O.-Runde gehen, doch in dieser Gruppe B sehe ich für die Portugiesen schwarz. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn sie am Ende nur auf Platz 4 landen.

Ronaldo und Nani = Segen und Fluch

Den Grund sehe ich weniger in der kolportierten “Kunst des Scheiterns”, den die Portugiesen angeblich in ihrer nationalen DNA tragen. Der Fado wird sicherlich auch bei diesem Turnier dem einen oder anderen Kommentator über die Lippen rutschen. Ich sehe den Grund vielmehr in mangelnder Kohärenz innerhalb des Teams. Offensiv ist man schon allein durch die individuelle Klasse der Flügelzange Ronaldo / Nani gefährlich und kann Gegner über die Außen auseinander nehmen. Auch defensiv ist man eigentlich gut besetzt. Pepe und Bruno Alves sind unangenehme Gegenspieler für jeden Stürmer. Die Außenverteidiger Coentrao und Pereira gehen viel mit nach vorne und sorgen hinter den einrückenden Ronaldo und Nani für Breite im Spiel.

Das Problem der Portugiesen liegt jedoch im Mittelfeld. Hier sind sie zwar individuell ebenfalls gut besetzt, doch fehlt es den drei zentralen Akteuren im 4-3-3 an eigenen Ideen im Spiel nach vorne. Der Ausfall von Danny konnte bislang nicht kompensiert werden. Auch die Innenverteidiger bestechen nicht durch ihre Spieleröffnung und so bleibt man offensiv sehr abhängig von Ronaldo und Nani. Gelingt es dem Gegner, die beiden nicht mit Tempo und Ball am Fuß in Richtung Tor laufen zu lassen, bekommt Portugal Probleme. Gerade gegen starke Mannschaften dürften daher die portugiesischen Defizite deutlich werden. Die liegen auch in der mangelnden Defensivarbeit der Außenstürmer begründet. Durch schnelles Umschalten kann man Portugal im Mittelfeld so in Unterzahlsituationen bringen und den alleinigen Sechser oder einen der Außenverteidiger vor große Probleme stellen. Gegen konterstarke Teams wie Deutschland und die Niederlande sehe ich Portugal daher klar im Nachteil. Gegen Dänemark tat man sich schon in der Qualifikation schwer. Bei Portugal muss schon alles zusammenpassen, damit sie das Viertelfinale erreichen.

Meine Prognose: Portugal scheidet mit Niederlagen gegen Deutschland und Holland in der Gruppenphase aus.

Portugals Gruppengegner

Niederlande
Deutschland
Dänemark

Meine EM: Deutschland ist reif für den Titel

Nach zwei dritten Plätzen und einem verlorenen Finale ist Jogi Löws Elf – so der Konsens in Deutschland – dieses Jahr einfach mal wieder dran. Es spricht auch in der Tat einiges für einen Europameister Deutschland:

  • Die Mannschaft ist jung: Mit Klose und Wiese stehen nur zwei Spieler jenseits der 30 Jahre im Kader.
  • Die Mannschaft ist erfahren: Auf fast allen Schlüsselpositionen stehen Spieler, die über Erfahrung bei großen Turnieren verfügen.
  • Die Mannschaft ist gefestigt: Der über Jahre aufgebaute Spielstil ist bei den Spielern inzwischen tief verankert.
  • Die Mannschaft ist gegen Ausfälle gewappnet: Deutschland kann personell aus dem Vollen schöpfen und ist auch in der Tiefe inzwischen sehr gut besetzt.

Seit langem wieder Top-Favorit

Dennoch sollte man die Erwartungen vor dem Turnier ein Stück weit dämpfen. Die Leistungen aus den beiden Jahren vor dem Turnier wurden schon häufiger zur Makulatur, wenn die Form im entscheidenden Moment nicht stimmte. Zwar traf dies in der Vergangenheit meist auf andere Teams zu, während sich Deutschland über Jahrzehnte einen Ruf als Turniermannschaft erarbeitete. Doch man sollte den psychologischen Effekt nicht unterschätzen. Zum ersten Mal seit Mitte der 90er Jahre geht Deutschland als (Mit-)Favorit in ein großes Turnier. Die Ausgangsposition ist eine andere, positiv überraschen kann man nun kaum noch, denn man erwartet von der Nationalmannschaft nichts anderes als den Titel. Wie das Team mit dieser gestiegenen Fallhöhe umgeht, wird mit entscheidend sein über den Verlauf dieser Europameisterschaft.

Spielerisch zählt Deutschland inzwischen zur Crème de la Crème des Weltfußballs. Joachim Löw hat innerhalb von acht Jahren – zunächst gemeinsam mit Klinsmann – den am Boden liegenden Fußballriesen neu aufgerichtet und ein völlig neues fußballerisches Gewand verpasst. (Hierbei muss man auch erwähnen, dass es 2004 schon deutlich besser um den deutschen Fußball stand als etwa 2000. Ohne Klinsmann/Löw und die WM 2006 als treibende Kräfte wären die zahlreichen Widerstände gegen die Erneuerungen jedoch nicht so schnell überwunden worden.) Im Spiel nach vorne hat man sich in den letzten zwei Jahren noch ein Stück weiterentwickelt und hat neben dem von der WM 2010 bekannten schnellen Spiel nach vorne nun in puncto Ballkontrolle und Positionsspiel nachgelegt. Auch gegen tiefstehende Gegner findet Deutschland inzwischen spielerische Mittel und Wege.

Stimmt die Form zum EM-Start?

Die Testspielniederlagen gegen Frankreich und die Schweiz sollte man nicht überbewerten. Taktische Experimente dürfte es bei der EM eher nicht geben, erst recht nicht gegen starke Gegner. Der letzte Test gegen Israel war nicht so schlecht, wie er danach gemacht wurde. Gegen einen schwachen und rein auf die Defensive bedachten Gegner hatte Deutschland insgesamt wenig Probleme. Die fehlende Frische sah man einigen Spielern noch an, doch das wird sich bis zum kommenden Samstag noch ändern.

Die Offensive ist das Prunkstück in Löws Team. Neben dem bei der WM überragenden Offensivquartett (Klose, Özil, Müller, Podolski) gibt es inzwischen ein ganzes Arsenal an Alternativen, mit denen man die Taktik leicht anpassen kann, wenn es der Spielverlauf erfordert. Mit Gomez hat man einen Stoßstürmer, der im Strafraum zu den torgefährlichsten Spielern des Kontinents zählt. Reus kann sowohl als falsche Neun, hängende Spitze und auf den Außen agieren. Schürrle ist mit seiner Torgefahr vom linken Flügel der perfekte Podolski-Ersatz. Götze kann mit seiner Technik und Antizipation gegen tiefstehende Gegner helfen (falls er rechtzeitig seine Topform erreicht). Kroos kann als aufrückender Sechser oder einrückender Zehner für flexible Taktikänderungen sorgen.

Dahinter zieht Schweinsteiger die Fäden, der rechtzeitig zur Europameisterschaft wieder seine Topform erreichen sollte. Sorgen machen muss sich Löw hingegen um seine Viererkette. Mit Lahm und Schmelzer sind nur zwei echte Außenverteidiger im EM-Kader und während ersterer als Kapitän gesetzt ist, gibt es bei letzterem Zweifel an seiner Tauglichkeit für die ganz großen Aufgaben. So steht Löw vor der schweren Entscheidung entweder einen gelernten Innenverteidiger auf der Außenbahn spielen zu lassen (Höwedes, Boateng) oder auf Schmelzer zu vertrauen. Dank Lahms Universalität muss er dabei keine Rücksicht auf die Abwehrseite nehmen. Spielt Lahm links hat dies allerdings Auswirkungen auf das Hinterlaufen des Vordermanns. Podolski als Links- und Lahm als Rechtsfuß würden ein klassisches Hinterlaufen erschweren. Eher müsste Podolski entgegen seinem Naturell häufig an die Außenlinie ziehen und Platz für Lahms Vorstöße in die Mitte schaffen. Auf der anderen Seite sind Boateng und Höwedes offensiv limitiert, würden außer Breite keine wesentlichen Elemente mit ins Angriffsspiel bringen. Dafür könnte man mit ihnen die defensive Solidität erhöhen und Lahm etwas mehr Absicherung für seine Vorstöße geben.

Offene Fragen in der Viererkette

Ich halte dies für die wahrscheinlichere Variante, zumindest zu Beginn des Turniers. Denn auch im Abwehrzentrum steht man vor Problemen. Der einzige Innenverteidiger, der bedenkenlos als Stammspieler bezeichnet werden kann, ist Holger Badstuber. Neben ihm stünde eigentlich der von Löw geschätzte Mertesacker in der Hierarchie über Hummels und Boateng. Allerdings ist Mertesacker nach langer Verletzungspause und einer insgesamt schwierigen Saison bei Arsenal nicht unumstritten. Hummels ist inzwischen eine eigentlich bessere Alternative, doch passt mit seiner Spielweise nicht so richtig in Löws Konzept. So sah er bei seinen bisherigen Länderspieleinsätzen häufig blass aus. Auch Boateng ist immer mal wieder für einen Schnitzer gut und hat eine vergleichsweise mittelmäßige Spieleröffnung. Deshalb könnte es am Ende doch Mertesacker werden, wenn er bis zum Turnierstart ansteigende Form zeigt.

Als Gesamtpaket ist Deutschland die stärkste Mannschaft der Gruppe B. Der Vorsprung ist jedoch nicht so groß, dass die Qualifikation fürs Viertelfinale ein Selbstläufer wird. Abgesehen von Spanien ist das Team inzwischen jedem Gegner bei diesem Turnier spielerisch überlegen. Es wird daher vor allem auf die mentale Stärke ankommen, die deutsche Mannschaften früherer Jahre und Jahrzehnte ausgezeichnet hat. Schon in der Gruppenphase lässt sich ein Patzer angesichts der Gegner schwer ausbügeln. Genau das musste die deutsche Nationalmannschaft in den bisherigen Turnieren unter Löw jedoch immer. In einer K.O.-Phase darf man sich dann erst recht keine Schwächen mehr erlauben. Zeigt die Mannschaft die mentale Stärke der letzten Turniere, ist der Titel diesmal drin. Wenn Deutschland die eigene Spielstärke voll ausschöpft, kann sie maximal Spanien aufhalten. Und auch da bin ich mir nicht sicher.

Meine Prognose: Deutschland packt es, ist auf den Punkt in Bestform und wird Europameister.

Deutschlands Gruppengegner

Niederlande
Portugal
Dänemark

Meine EM: Holland und der totale Pragmatismus

Spätestens seit dem WM-Finale 2010 ist der sonst so gute Ruf der Niederlande zerstört. Mit reaktivem, teils destruktivem  und selten attraktivem Fußball erreichte man das Finale gegen Spanien. Dort ging man dermaßen hart zu Werke, dass sich selbst ein Teil der eigenen Fans für das Auftreten des Teams schämte. Seitdem hat man zwar wenige Negativschlagzeilen mit übertriebener Härte mehr gemacht (vom vorübergehend suspendierten Nigel de Jong mal abgesehen), doch an der Spielweise hat sich ansonsten wenig geändert. Unter Bert van Marwijk geht Effizienz über Spielfreude und Funktionalität über Eleganz.

Reaktive Kontertaktik

Schon bei der letzten EM spielten die Holländer reaktiven Fußball, der jedoch gepaart war mit einem Hochgeschwindigkeits-Konterspiel und einigen spielerischen Glanzlichtern. Gewisse Ähnlichkeiten zum deutschen Spiel bei der WM zwei Jahre später sind unverkennbar. Im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft haben sich die Niederland spielerisch jedoch nicht weiterentwickelt sondern vertrauen auf eine grundsolide Defensive und geradliniges Angriffsspiel. Kritiker werfen dem Trainer vor, aus einer großen Anzahl fußballerischer Ausnahmetalente ein biederes Kollektiv geformt zu haben. Der Erfolg gibt van Marwijk bislang Recht – in die Geschichtsbücher wird es sein Team (anders als frühere Ausgaben der Elftal) jedoch nur schaffen, wenn es Titel gewinnt.

Nach der deutlichen Niederlage im letzten Jahr gegen Deutschland sind die Holländer ein Stück weit von der Favoritenbürde befreit, was van Marwijk sicher nicht ungelegen kommt. Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, die Niederlande zu unterschätzen. Neben Deutschland und Spanien gehören sie zu den komplettesten Mannschaften des Turniers und werden nur sehr schwer zu schlagen sein. Defensiv ist Holland trotz anders lautender Gerüchte ziemlich sattelfest und arbeitet kollektiv stark gegen den Ball. Vorne fehlt zwar der große Esprit, doch mit schnellem Umschalten und der individuellen Klasse der vier Offensivspieler stellen sie viele Gegner vor unlösbare Probleme.

Während andere Mannschaften neidisch auf die zahlreichen Optionen in der holländischen Offensive blicken, ist die Auswahl für van Marwijk inzwischen zum Problem geworden. Van Persie und Huntelaar haben jeweils überragende Leistungen im Verein gebracht und es ist eine große Diskussion darüber entfacht worden, wer im 4-2-3-1 die alleinige Spitze sein soll. Inzwischen hat sich van Marwijk auf van Persie festgelebt, doch in der Vorbereitung testete er auch die Option, beide zusammen spielen zu lassen. Gegen Bulgarien gab Huntelaar den Neuner, während van Persie zumindest formell auf der rechten Außenbahn, effektiv jedoch in einer ziemlich freien Rolle überall auf dem Feld herumlief – mit mäßigem Erfolg. Neben dem gesetzten Sneijder auf der Zehnerposition streiten sich Robben, Kuyt und der wiedergenesene Affelay um die Plätze auf den Außenbahnen.

Probleme in der Viererkette

Im Zentrum ist man zuletzt wieder davon abgerückt, mit van der Vaart einen Kreativspieler in der Doppelsechs auflaufen zu lassen. De Jong und van Bommel sind nicht die schnellsten und haben sich einen eher zweifelhaften Ruf bezüglich ihrer körperbetonten Spielweise erarbeitet. Dennoch sind sie aufgrund ihrer unermüdlichen Arbeit für das Team wichtige Stützpfeiler und sorgen dafür, dass die Viererkette nur selten entblößt wird. Deren Schwachstellen wurden allerdings im Spiel gegen Deutschland deutlich. So ist man zum einen über die Flügel verwundbar, zumal mit Pieters der gesetzte Linksverteidiger ausfallen wird. Ersatzmann Jetro Willems ist mit seinen 18 Jahren der jüngste Spieler im Turnier und trotz guter Ansätze defensiv ein Risiko. Zum anderen mangelt es in der Innenverteidigung nicht nur wegen Mathijsens Verletzung an der ganz großen Klasse. Letzteres trifft zwar mitunter auch auf Deutschland und (je nach Shakiras Piqués Form) eventuell auch auf Spanien zu. Bei einem defensiv ausgerichteten Team wiegt dieser Umstand jedoch ungleich schwerer.

Aufgrund der genannten Schwächen bin ich eigentlich geneigt, die Niederlande eine Stufe unterhalb der Top-Favoriten Deutschland und Spanien anzusiedeln. Doch irgend etwas hält mich davon ab. Ohne es wirklich benennen zu können, sehe ich in diesem Team etwas, das ich bei keiner anderen Mannschaft im Turnier sehe. Vielleicht ist es am ehesten mit dem FC Chelsea in dieser Saison vergleichbar: Sie waren ganz sicher nicht die beste Mannschaft und ließen eigentlich zu viele gegnerische Chancen zu, aber im entscheidenden Moment war man immer da. Schon 2010 hätte es trotz deutlicher Unterlegenheit im Finale fast zum Sieg gereicht. Nun hat man van Marwijks System der “totalen Effizienz” weitere zwei Jahre eingeimpft bekommen. Es würde mich daher nicht wundern, die Niederlande im Finale zu sehen.

Meine Prognose: Die Niederlande erreichen mindestens das Halbfinale. Ich traue nur Spanien und Deutschland zu, die Holländer rauszuwerfen und auch ihnen wird es die Elftal sehr schwer machen.

Hollands Gruppengegner

Deutschland
Portugal
Dänemark