Schlagwort-Archiv: Gruppe D

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe D

Frankreich lässt die Ukraine nach der Regenunterbrechung ziemlich hilflos aussehen. England liefert sich mit Schweden ein spannendes und offenes Spiel.

Ukraine – Frankreich 0:2

Dem Gewitter sei dank, bekam ich doch noch etwas mit von diesem Spiel, wenn auch nur die letzten 40 Minuten. Zwei Erkenntnisse gab es dabei für mich: Frankreich gehört doch zu den Mitfavoriten des Turniers, auch wenn sie die englische Mauer in der Schlussphase des Eröffnungsspiels nicht knacken konnten. Das fluide Spiel im Angriff gefällt mir gut und erinnert mich ein wenig an Werder 09/10 mit vier ständig rochierenden Offensivkräften. Ich bin sehr gespannt, wie sie sich damit gegen die Topmannschaften schlagen werden.

Die Ukraine wirkte nach dem gedrehten Spiel gegen Schweden und dem Doppelpack von Shevchenko so, als hätte sie ihr Ziel im Turnier schon erreicht. Vielleicht ist mein Eindruck etwas verzerrt, weil ich die erste Halbzeit nicht gesehen habe, aber in der zweiten waren sie völlig chancenlos und hatten auch kein erkennbares Konzept, wie sie Frankreich in ernsthafte Probleme bringen könnten. Jetzt gibt es ein Endspiel gegen England, das die Ukraine in jedem Fall gewinnen muss. Für mich sind sie dabei klarer Außenseiter und viel zu abhängig von ihren alten Stars. Aber vielleicht beschert uns das Turnier ja noch einen zweiten Abend wie beim Spiel gegen die Schweden.

England – Schweden 3:2

Nicht jedes Spiel mit vielen Toren ist unterhaltsam. Das muntere Hin und Her zwischen England und Schweden würde ich aber schon dazuzählen, auch wenn es fußballerisch eher mittelmäßig war. Die Tore waren weniger Produkte durchdachter Angriffszüge, als das Resultat aus Einzelaktionen. Die schiere Gewalt bei Carrolls Kopfballtor war beeindruckend und ein Beweis, dass eine Halbfeldflanke effektiv sein kann, wenn die gegnerische Abwehr nicht fünf Sekunden Zeit hat, sich darauf einzustellen. Danach war es vor allem der Spielverlauf, der dieses Spiel so packend machte. Erst drehte Schweden das Spiel, dann die Engländer. Dazwischen gab es viele Ungenauigkeiten, aber auch durchaus hohes Tempo.

Schwedens Abhängigkeit von Ibrahimovic ist ein hausgemachtes Problem. Die Mitspieler verlassen sich zu sehr auf ihn, bürden ihm zu viel Verantwortung auf. Ibrahimovics arrogante Körpersprache deutet darauf hin, dass er seine Mitspieler als minderwertig betrachtet. So hat man bei jedem Pass zu ihm den Eindruck, dass die Botschaft mitschwingt: Du kannst doch alles besser, also mach mal. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die Teams, die um einen Superstar gebaut sind, bei dieser EM so schwer tun (Schweden, Portugal, teilweise auch die Ukraine). Um bei der im Fußball so beliebten Militärsprache zu bleiben: Ibrahimovic ist eine Waffe, kein General. Ähnlich ist es mit Theo Walcott bei den Engländern. Der kam in der Schlussphase und brachte mit seiner Schnelligkeit den Odonkor-Effekt ins Spiel, der England zum Sieg führte.

Schweden ist damit raus und England hat gute Chancen, mit einem Unentschieden gegen den Co-Gastgeber ins Viertelfinale einzuziehen.

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe D

Frankreich und England neutralisierten sich mit ihren gegensätzlichen Spielanlagen. Der Ukraine gelang gegen Schweden ein beeindruckendes Comeback.

Frankreich – England 1:1

Das erste Spiel bei dieser EM, das ich nicht live gesehen habe. Was ich hinterher in Zusammenfassungen gesehen und in Spielberichten gelesen habe, war nicht sehr erbaulich. Beide Teams in ihrer Ausrichtung in etwa so wie erwartet. Das Ergebnis ist auch wenig überraschend, wobei ich den Franzosen nach den letzten Testspielen doch etwas mehr offensive Durchschlagskraft zugetraut hätte. Am Ende rannte man vergeblich an gegen eine englische Mannschaft, die von Hodgson in der kurzen Vorbereitungszeit offenbar gut eingestellt wurde. Mal sehen ob man sich gegen die anderen beiden Gegner auch in einer Außenseiterrolle gefällt oder dort offensiver zu Werke geht.

Ukraine – Schweden 2:1

Es ist ein schmaler Grat zwischen abwartendem und passivem Fußball. Für letzteren bestand in diesem Spiel eigentlich kein Anlass, denn keine der Mannschaften ist der anderen so überlegen, dass man sich verstecken müsste. Es war verständlich, dass Schweden den vor dem Turnier strauchelnden Ukrainern in Kiew die Initiative überlassen würden. Statt ihnen dabei nach und nach den Schneid abzukaufen und so noch nervöser zu machen, ließ man sie zu lange auf mittelmäßigem Niveau gewähren, bis sie immer besser zu ihrem Spiel fanden.

Bei Schweden gefiel mir die Raum- oder vielmehr Aufgabenaufteilung in der Offensive nicht. Rosenberg machte das, was er auch bei Werder machte: Diagonale Läufe hinter die Viererkette. Die hierfür benötigten Vertikalpässe durch die Schnittstellen blieben jedoch aus. Ibrahimovic spielte wie erwartet deutlich hinter ihm, ließ sich dabei aber so tief fallen, dass große Lücken im Zentrum entstanden. Über die Flügel kamen zu wenig Vorstöße und das Spiel wirkte insgesamt wenig ausgewogen. Die einzige Spielidee der Sechser bestand offensichtlich darin, den Ball zu Ibrahimovic zu spielen. Dennoch ging Schweden etwas glücklich in Führung.

Die Ukraine überzeugte nicht nur durch ihren Kampfgeist, mit dem sie das Spiel nach dem Rückgang drehten. Auch spielerisch war die Leistung besser als erwartet. Mit Shevchenko und Voronin setzte Trainer Blochin vorne auf die alte Brigade, was man ihm bei einer Niederlage sicher vorgeworfen hätte. Doch gerade die beiden rissen nach dem Rückstand das Spiel an sich. Ein Doppelpack von Sheva zum Auftakt der Heim-EM war nach den Verletzungsproblemen und nachlassenden Leistungen der jüngeren Vergangenheit fast zu schön um wahr zu sein. Die Ukraine feierte also einen Auftakt nach Maß und drehte das Spiel gegen eine schwedische Mannschaft, die sich den Vorwurf gefallen lassen muss, über weite Strecken des Spiels gegen einen schlagbaren Gegner zu passiv gewesen zu sein. Die Ukraine hat nun eine realistische Chance aufs Weiterkommen, während sich Schweden keine großen Hoffnungen machen sollte, den Patzer noch auszubügeln.

Meine EM: Schweden wie immer, aber anders

Wann immer ein großes Turnier ansteht und man sich die schwedische Mannschaft anschaut könnte man zu dem Schluss kommen, dass man es mit dem Otto Normalverbaucher unter den Fußballmannschaften zu tun hat. Das Wort “Durchschnitt” ist im Fußball negativ behaftet, aber auf die Schweden trifft es dennoch zu. Wo Schweden ist, ist die Mitte.

Offensiver als früher

Das soll nicht heißen, dass Schweden langweiligen Fußall spielte oder eine langweilige Mannschaft hätte. Dafür sorgt schon allein Zlatan Ibrahimovic mit seinem großen Ego und seiner ebenso großen individuellen Klasse. In der Nationalmannschaft spielt er eine tiefere Rolle, als im Verein. Er agiert mehr als falsche Neun, teils sogar als echter Zehner. Vor ihm kommt mit Elmander bzw. Toivonen ein weiterer Mittelstürmer zum Einsatz. Markus Rosenberg hat nur Außenseiterchancen. Das Spiel der Schweden wird durch die starke Zentrierung auf Ibrahimovic leicht ausrechenbar, profitiert aber auch von seiner stärkeren Einbindung ins Spiel. Interessanterweise ist Schwedens Bilanz ohne Ibrahimovic besser als mit ihm. Dennoch hebt er die offensive Klasse durch seine Anwesenheit um ein paar Prozentpunkte.

Ein anderer Aspekt, der Schweden 2012 interessant macht ist der neue Trainer. Lars Lagerbäck betreute Schweden 18 Jahre lang, feierte mit dem dritten Platz bei der WM 1994 einen der größten Erfolge der nationalen Fußballgeschichte, verpasste aber die WM 2010. Mit Erik Hamrem übernahm ein Trainer das Kommando, der Schweden einen moderneren und offensiveren Fußball spielen lässt – bislang mit Erfolg. Das Mittelfeld ist offensiv ausgerichtet. Die Flügelspieler pressen nach vorne und auch Kim Kallström als nomineller Teil einer Doppelsechs rückt häufig mit nach vorne. Der eher statische Fußball unter Lagerbäck gehört der Vergangenheit an.

Probleme in der Defensive und im Spielaufbau

Das Problem der Schweden ist jedoch ihre Defensive. Hier hat man in Olof Mellberg immer noch den besten Verteidiger im Kader. Mit seinen 34 Jahren ist er nicht mehr auf dem absoluten Topniveau. Neben ihm fehlt es den Schweden an großer Klasse in der Abwehrreihe. Durch den stärkeren Fokus auf die Offensive und das Nachrücken des Mittelfeldes sowie der Außenverteidiger sind die Schweden hinten anfälliger geworden, als man es von ihnen gewohnt ist. Gegen Frankreich, aber auch gegen England dürfte man Probleme bekommen, wenn der Ball schnell in die Lücken hinter den Außenverteidigern gespielt werden. Die Niederlande haben dies in der Qualifikation gut offengelegt.

Auch die Spieleröffnung der Schweden ist nicht auf höchstem Niveau bei diesem Turnier. Mellbergs Stärke ist nicht der öffnende Pass und auch sonst überlässt man den Spielaufbau lieber dem Mittelfeld. Von dort aus richtet sich das Spiel sehr stark auf Ibrahimovic aus, der den Ball hält, während das Mittelfeld nachrückt. So bleibt Schweden letztlich eine Kontermannschaft, die defensiv dafür eigentlich nicht sattelfest genug ist. Der Spielplan der Gruppe D dürfte ihnen jedoch entgegen kommen. Mit einem Auftaktsieg gegen die schwachen Ukrainer hätte man für ein dann vielleicht schon entscheidendes Spiel gegen England eine gute Ausgangsposition.

Meine Prognose: Schweden ist defensiv zu anfällig und offensiv zu abhängig von Ibrahimovic, um bei diesem Turnier zu überraschen. Sie sind zwar nicht chancenlos, aber ich rechne mit einem Vorrundenaus.

Schwedens Vorrundengegner

Ukraine
Frankreich
England

Meine EM: Englands Angst vor dem Vorrundenaus

In kaum einem anderen europäischen Land liegen Erwartungshaltung und Ertrag so weit auseinander, wie in England. Alle zwei Jahre fährt man (sofern einem die Kroaten keinen Strich durch die Rechnung  machen) mit hohen Erwartungen zum Turnier, wähnt sich als Mitfavorit und fährt dann enttäuscht nach Hause. Dieses Jahr dürfte es kaum anders werden, wenngleich die Erwartungshaltung nicht ganz so hoch ist wie sonst.

Mind the gap

Es sind keine Welten die England von der Weltspitze trennen. Man weigert sich – Kritiker außen vor – jedoch beharrlich, die richtigen Schlüsse zu ziehen und anschließend die richtigen Maßnahmen zu treffen. Der britische Fußball leidet nicht an einer Armut an Talenten. Er leidet jedoch an einem Interessenkonflikt zwischen der starken Premier League und der Nationalmannschaft. Während letztere dringend auf junge Talente angewiesen ist, können erstere dank riesiger Finanzkraft mangelnde Qualität im eigenen Nachwuchs durch Zukäufe ausgleichen. Zudem spielt die Nationalität der Nachwuchsspieler für die Vereine im modernen Fußball eine untergeordnete Rolle. Es wäre also dringend ein nationales Jugendförderungsprogramm notwendig, das einheimische Talent systematisch entdeckt und ausbildet. Andere Länder haben dies schon vor längerer Zeit erkannt – wenn auch meist erst nach herben Enttäuschungen. In England setzt sich die Erkenntnis erst allmählich durch, dass man hier den Anschluss verloren hat.

Vielleicht hat man zu lange auf den Durchbruch der “goldenen Generation” gehofft, die noch in Bruchstücken im aktuellen Kader vertreten ist. Jeder Teilerfolg, jeder Sieg gegen einen großen Gegner lässt diese Hoffnung wieder aufflammen. Dabei wird übersehen, dass diese Siege meistens in unwichtigen Freundschafts-, maximal in Qualifikationsspielen eingefahren werden. Wenn es darauf ankommt werden den Engländern die Grenzen aufgezeigt. Auffällig ist dann auch die Diskrepanz zwischen den Leistungen der Starspieler auf Vereinsebene und im Nationaltrikot. Doch in den Vereinen sind diese Spieler Teil eines internationalen Starkollektivs. Sie können auch deshalb herausragen, weil sie von ihren Mitspielern getragen werden. In der Nationalmannschaft bürdet man Spielern wie Lampard, Gerrard oder Rooney regelmäßig zuviel auf. Die Fallhöhe wird durch die heimische Regenbogenpresse vor den Turnieren durch unrealistische Einschätzungen noch künstlich erhöht. Hinterher ist dann die Verwunderung groß und die Kritik unverhältnismäßig hart.

Weder Fisch noch Chips

Der neue Trainer Roy Hodgson hat nun die undankbare Aufgabe, nach Fabio Capellos überraschendem Rücktritt in kürzester Zeit aus einem fragmentierten Kader ein Team zu formen. Die Causa John Terry vs. Rio Ferdinand wurde auf die vermutlich einzig mögliche Art gelöst. Ich denke jedoch, dass man mit Terry auf das falsche Pferd gesetzt hat. Nach dem Ausfall von Gary Cahill dürfte Joleon Lescott neben ihm verteidigen. Ashley Cole und Glen Johnson als Außenverteidiger sind ebenfalls gesetzt. Das Team ist insgesamt erfahren und hat auch einige talentierte Nachwuchsspieler in seinen Reihen, wie etwa Alex Oxlade-Chamberlain. Dennoch ist die Mischung nicht die beste. Einige Schlüsselspieler sind über ihren Zenit und von den ehemaligen Hoffnungsträgern hat sich nur Wayne Rooney konstant auf höchstem Niveau bewährt.

Milner und Walcott sind als Flügelzange nicht die ganz große internationale Klasse, aber sicherlich gut genug für dieses Turnier. Von Milner kann man keine herausragenden Dinge erwarten, aber er ist ein cleverer Spieler, der seine Aufgabe erfüllt. Um Walcotts Geschwindigkeit optimal einzusetzen braucht man allerdings eine sehr gute Feinabstimmung. An der mangelt es den Engländern jedoch und so bleibt diese Waffe zu häufig stumpf. Ernste Probleme hat England hingegen im zentralen Mittelfeld. Wo man früher zu viele Optionen hatte und es ständig Diskussionen gab, wer mit wem warum nicht zusammenspielen kann, herrscht nun ein Loch. Durch die Verletzung von Barry scheint es auf das Duo Steven Gerrard und Scott Parker herauszulaufen. Individuell sind beide gut, doch als Doppelsechs sehe ich sie nicht auf dem benötigten Niveau. Besonders schlimm wiegt hier der Ausfall von Jack Wilshere, dem spielerisch besten englischen Mittelfeldspieler. Der Verzicht auf ballsichere Akteure wie Carrick oder auch Scholes legt nahe, dass man gar nicht erst versuchen wird, den Ball lange zu halten.

Umso wichtiger wäre die Durchschlagskraft vorne, wo Rooney die ersten beiden Spiele gesperrt ausfallen wird. Bis dahin könnte es für England bereits zu spät sein. Zudem hat es sich in der Vergangenheit nicht als förderlich erwiesen, zu hohe Hoffnungen in einen Einzelspieler zu setzen. Man sollte von England keinen dominanten oder technisch hochwertigen Fußball erwarten. Hodgson weiß, dass sein Kader limitiert und die Zeit seit seiner Inthronisierung viel zu kurz ist, um spielerisch große Fortschritte zu machen. Es dürfte ein sehr “englischer” Stil sein, den seine Mannschaft an den Tag legt. Mit hohen Bällen wird man jedoch nur dann primär arbeiten, wenn Andy Carroll auf dem Platz steht. Schnelle, direkte Angriffe über die Flügel und vertikale Pässe in den Lauf der beweglichen Stürmer Welbeck und Young bieten sich als Angriffsoptionen an. Ob sie als reine Kontermannschaft weit in diesem Turnier kommen werden, ist fraglich.

Meine Prognose: Mehr als das Viertelfinale traue ich England nicht zu. Selbst das wird schwer zu erreichen, wobei zwei der drei Gruppengegner mit eigenen Problemen zu kämpfen haben.

Englands Gruppengegner

Ukraine
Frankreich
Schweden

 

Meine EM: Frankreich hat wieder eine Mannschaft

Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Gestern noch der undisziplinierte Sauhaufen der WM 2010, der sich auf alten Lorbeeren ausgeruht und die Erneuerung des Kaders verschlafen hat. Heute schon einer der gar nicht mehr so geheimen Favoriten auf den EM-Sieg. Frankreich ist unter dem neuen Trainer Laurent Blanc seit nunmehr 21 Spielen ungeschlagen und geht mit viel Selbstvertrauen in das Turnier.

Die Spuren des Laurent Blanc

So richtig gravierend waren die personellen Probleme der Franzosen denn auch nicht. Zumindest die Klasse der einzelnen Akteure stand nur selten zur Diskussion. Problematischer war schon die Zusammensetzung in menschlicher wie taktischer Hinsicht. Ex-Trainer Raymond Domenech hatte sich dabei einen höchst zweifelhaften Ruf erarbeitet. Statt auf statistisch belegbare Daten und Fachkompetenz verließ er sich bei seiner Mannschaftsauswahl lieber auf metaphysische Aspekte wie die Sternzeichen der Spieler. Nicht wenige halten ihn daher für einen Scharlatan, der 2006 riesiges Glück (bzw. Zidane / Ribery / Henry) hatte und in der Folge vier weitere fruchtlose Jahre auf dem Trainerstuhl der Equipe Tircolore verbringen durfte. Zwei Turniere inkl. Vorrundenaus und Meuterei in Südafrika bedurfte es, um einen Trainerwechsel herbeizuführen.

Nachfolger Laurent Blanc ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Der Ex-Weltklassespieler feierte mit Girondins Bordeaux große Erfolge, bevor er vor zwei Jahren das Ruder bei der französischen Nationalmannschaft übernahm. Unter seiner Führung kehrten sportliche Vernunft und Disziplin zurück ins Team. Die Qualifikation für die EM verlief holprig, doch am Ende setzte man sich als Gruppenerster durch und zeigte sich seitdem in den Freundschaftsspielen deutlich verbessert. Siege gegen Brasilien, Deutschland und Gruppengegner England taten dem gebeutelten Selbstvertrauen gut. Langsam zeigt sich auch eine spielerische Verbesserung. Während man über weite Strecken der Jahre 2010 und 2011 selten attraktiven Fußball spielte, kann man immer mehr positive Elemente im Offensivspiel der Franzosen entdecken. Angesichts des Potenzials der Angriffsspieler sollte dies keine Überraschung sein, doch der Weg dorthin war nach den Querelen der Vergangenheit steinig.

Noch immer ein Weltklassekader

Im Gegensatz zu etwa Deutschland oder England hatte Frankreich in den letzten 10 Jahren nicht mit einem strukturellen Problem zu kämpfen. Der Vorsprung in der Jugendförderung ist zwar weggeschmolzen, doch das liegt weniger an Versäumnissen der Franzosen als an früheren Versäumnissen der Konkurrenz, die nun beseitigt wurden. Der französische Fußball bringt in schöner Regelmäßigkeit große Talente hervor. Der Trainer hat die Qual der Wahl, daraus ein funktionierendes Team zusammenzustellen. Dies scheint Blanc hervorragend gelungen zu sein. Das Prunkstück der Franzosen ist sicherlich das Mittelfeld. In der Dreierreihe hinter der beweglichen Spitze Benzema hat man in Ribery einen Weltklassespieler, der mit dem technisch begabten Nasri das Offensivspiel lenkt. Auf der rechten Seite stehen mehrere starke Flügelspieler zur Auswahl, die unterschiedliche Qualitäten mit ins Team bringen würden. Valbuena, Malouda oder auch Menez heißen hier die Kandidaten. Eine taktische Alternative wäre es, Malouda ins Zentrum zu ziehen und Nasri auf den rechten Flügel zu schieben.

Im zentralen Mittelfeld bangt man derzeit noch um M’Vila und Alou Diarra, die sich Verletzungen zugezogen haben. So ist Yohan Cabaye der einzige sichere Starter in der Doppelsechs. In der Abwehr setzt Blanc auf Erfahrung, bevorzugt hinten links Wadenbeißer Patrice Evra, wohl auch, weil Ribery noch immer nicht als fleißigster Spieler gilt, was die Defensivarbeit angeht. Auf der rechten Seite ist Blanc mutiger und setzt auf den offensivfreudigen Debuchy. Auch in der Innenverteidigung herrscht Aufgabenteilung. Mexes ist ein Verteidiger der humorlosen Sorte, während Partner Rami und Ersatzmann Koscielny für den moderneren, aufbaustarken Typus stehen. So ist Frankreich hinten trotz langsamer Innenverteidiger schwer zu knacken und mit der leicht asymmetrischen Formation auch offensiv schwer zu verteidigen.

Blancs Frankreich zählt wegen der Entwicklung der letzten 12 Monate, der individuellen Klasse der Spieler und die Erfahrung auf internationalem Niveau zu den Favoriten auf den Gesamtsieg. Doch während das Turnier für Spanien ein Jahr zu spät kommt, kommt es für Frankreich vielleicht ein Jahr zu früh. Viele Spielzüge und Abläufe sind noch nicht so verfestigt, wie bei den Niederlanden, Deutschland oder Spanien, weshalb ich Frankreich eine Stufe unter diesen Teams ansiedeln würde. Wenn bei den Franzosen alles läuft wie geplant, haben sie ernsthafte Chancen auf den Titel. Bei großen Turnieren läuft aber nur selten alles nach Plan und die Mannschaft wirkt auf mich noch nicht so gefestigt, dass sie gut damit umgehen könnte.

Meine Prognose: Frankreich wird Gruppensieger und qualifiziert sich für das Halbfinale. Dort scheidet man jedoch aus.

Frankreichs Gruppengegner:

Ukraine
England
Schweden

 

Meine EM: Ukraine hofft auf den Heimvorteil

Wenn man es nicht gut mit dem Co-Gastgeber meint könnte man sagen: Bis auf den Heimvorteil bleibt der Ukraine nichts. In den Wochen vor dem Turnier präsentiert sich das Team von Trainer Oleg Blokhin noch nicht in der Form, die es für ein erfolgreiches Turnier benötigen wird. Die verlorenen Testspiele gegen Österreich und die Türkei machen nicht eben Mut für die herbeigesehnte Europameisterschaft.

Schwacher Kader, reaktive Taktik

Mit Dmytro Chygrynskiy fehlt der Mannschaft mehr als nur einige willkürlich aneinander gereihte Konsonanten. Der Ex-Barcelona Innenverteidiger ist einer der wichtigsten Spieler einer Mannschaft, die Ausfälle dieses Kalibers nur schwer kompensieren kann. Anatoliy Tymoshchuk als Schlüsselspieler im Mittelfeld wird damit umso wichtiger. Er interpretiert seine Rolle als Sechser sehr tief und stopft die Löcher vor und wenn es sein muss auch in der Viererkette. Yevhen Konoplyanka auf dem rechten Flügel ist die nach meiner Einschätzung gefährlichste Offensivkraft der Ukrainer. Seine Schnelligkeit hat er im Testspiel gegen Deutschland eindrucksvoll gezeigt. Auch Voronin als hängende Spitze wird für eine gewisse Torgefahr sorgen. Die Rolle des alternden Shevchenkos ist dagegen unklar. Ihm soll wohl mit ein paar Einsätzen ein würdiger Abschied aus der Nationalmannschaft beschert werden.

Ansonsten muss ich gestehen, dass ich von vielen Spielern der Ukraine nicht mehr weiß, als ich in den letzten Testspielen an Eindrücken gewinnen konnte, und das war wenig erbaulich. Die Ukraine spielt einen recht negativen Fußball, der sich mangels eigener ausgeprägter Stärken vor allem am jeweiligen Gegner orientiert. Sobald man selbst etwas fürs Spiel tun muss, ist man überfordert und wirkt viel zu langsam, als das man dem Gegner ernsthaften Schaden zufügen könnte. Bei der EM wird man aber der Außenseiter sein und selten in diese Verlegenheit kommen. Hierin könnte die Chance für die Ukraine liegen. Unterstützt von einem frenetischen Publikum, das jede gelungene Aktion bejubelt könnte man mannschaftlich über sich hinauswachsen. Das wird man auch müssen, um die mangelnde individuelle Klasse wettzumachen. Ansonsten ist die Ukraine ein sicherer Kandidat für eine Vorrundenaus.

Meine Prognose: Die Ukraine wird einen gewaltigen Kraftakt benötigen, um bei der Heim-EM nicht in der Vorrunde auszuscheiden.

Ukraines Gruppengegner

Frankreich
England
Schweden

WM 2010: Deutschland – Serbien

Deutschland – Serbien 0:1

Eine Niederlage gegen Serbien und man fragt sich warum. Waren die Serben jetzt wirklich so stark? Abgesehen von einer guten defensiven Organisation und dem naheliegenden Wechsel zu einer 4-5-1-Formation habe ich nicht viel Beeindruckendes gesehen auf Seiten des Gegners. Zigic ist durch seine Größe eine imposante Erscheinung und sorgte auch einige Male im Spiel für Gefahr (zumal wiederholt gegen Lahm im Kopfballduell!!!). Ansonsten klemmte es mächtig im Offensivspiel der Serben. Dass Badstuber gegen einen wuseligen Außenspieler Probleme bekommen würde, war schon vor der WM klar. Er bekam Krasic nicht in den Griff, was ich eher auf seine Unzulänglichkeiten, denn auf eine herausragende Leistung des Serben zurückführe. Einiges hätte hier für eine Einwechslung Aogos gesprochen.

Deutschland hatte die eigene Defensive bis zum Platzverweis ebenso gut im Griff, war nach vorne aktiver, tat sich aber enorm schwer, gegen die drei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler Durchschlagkraft zu entwickeln. Der Schiedsrichter trug mit seiner kleinlichen Linie und seinen unsinnigen Verwarnungen dazu bei, das eigentlich faire Spiel in eine unschöne Richtung zu lenken. Die gelb-rote Karte gegen Klose war meiner Meinung nach deutlich zu hart, vor allem die erste Gelbe ein schlechter Witz. Ein erfahrener Spieler sollte sich vielleicht besser im Griff haben, wenn er schon verwarnt ist, aber wie soll die Lehre bei solch einem Schiedsrichter aussehen? Bloß den Zweikampf meiden, damit es mich nicht erwischt? Etwas weiter gedacht, können die gelben Karten für das Achtelfinale – sofern man es erreicht – bitter werden. Im Alles-oder-nichts-Spiel gegen Ghana könnte man sich leicht eine weitere Gelbe und damit ein Spiel Sperre einfangen. Auch wenn der Platzverweis das Spiel zweifellos entscheidend beeinflusst hat, gab es für das deutsche Team genügend Möglichkeiten, mehr aus dem Spiel herauszuholen.

Beim 10 gegen 11 hielt Löw lange an der ursprünglichen Formation fest, mit Özil an vorderster Front und den Flügelspielern Müller und Podolski, die bei Ballbesitz die diagonalen Wege in die Spitze suchen sollten. Damit entging Özil zwar etwas der direkten Bewachung durch Stankovic, was sich in einer auffälligeren Leistung in Halbzeit 2 bemerkbar machte, doch es fehlten die Anspielstationen vor ihm. Lediglich Podolski zog mit seinen Sprints immer wieder an Ivanovic vorbei Richtung Strafraum und hatte so Anteil an Özils beiden besten Szenen um die 60. Minute herum. Leider zeigte sich Podolski nicht sonderlich zielsicher und verfehlte mit seinen Abschlüssen ein ums andere Mal das Tor. Der einzige Schuss, der das Ziel traf, war der Elfmeter, der leider weder hart geschossen noch sonderlich schwer für den Torhüter zu erahnen war. Die Enttäuschung war ihm im weiteren Spielverlauf deutlich anzumerken.

Umso ratloser machen mich daher Löws Auswechslungen. Anstatt spätestens jetzt auf 4-3-2 umzustellen, beließ es Löw beim 4-2-3/4-4-1-System und brachte Cacau für Özil.* Damit war der Spieler, der die durchstartenden Flügelspieler mit Abstand am besten in Szene setzen kann, draußen und das Kreativspiel weitgehend eingestellt. Özil hatte nicht annähernd so viele lichte Momente, wie gegen Australien, aber in seiner Position kann man das gegen gut organisierte Gegner auch nicht erwarten. Der lange Flachpass auf Podolski war die beste deutsche Offensivaktion und der kam von Özil. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer und zu der taktisch fragwürdigen Entscheidung kamen ein Totalausfall von Cacau und viel zu wenige Läufe zur Grundlinie des eingewechselten Marin hinzu. Die späte Umstellung auf eine Dreierkette hinten und Gomez Einwechslung für Badstuber konnten am Ende auch nichts mehr bewirken, zumal sich Marin und Podolski links auf den Füßen standen, während rechts Lahm allein auf weiter Feld und Flur war.

Was nimmt man aus dieser Niederlage mit? Zum Glück kam sie im zweiten Spiel, wo man noch Lehren aus ziehen kann und nicht schon im Flieger nach Hause sitzt. Zum einen weiß man spätestens jetzt, wie taktisch naiv Australien agiert hat und dass dies sicher keinem weiteren Gegner bei diesem Turnier passieren wird. Offensiv hat Deutschland vieles gut gemacht, Podolski hat gute Laufwege, muss seine Abschlüsse aber aufs Tor bringen. Das Turnier hat gezeigt, dass auch vermeintlich haltbare Bälle die Torhüter vor Probleme stellen. Özil wird wenig Platz bekommen, was die Rolle von Sami Khedira als Verbindungsmann zwischen Defensive und Offensive aufwertet. Mit seinen Vorstößen kann er für Überraschungsmomente sorgen und vielleicht auch Özil den nötigen Raum (und damit die nötige Zeit) verschaffen, damit dieser sich drehen und den entscheidenden Pass spielen kann. In Kloses Abwesenheit gegen Ghana muss sich zudem Cacau im Vergleich zu heute deutlich steigern, dann behält er den Platz vielleicht bis zum Ende der WM.

Ein wirklicher Test für die deutsche Defensive steht noch an, da war auch Serbien kein Gradmesser. Auch wenn das Turnier bislang keine Sternstunde des Angriffsfußballs war, werden im Laufe des Turniers noch Gegner kommen, die sich in der Offensive nicht nur auf die (Körper-)Größe ihres Mittelstürmers und die Schwäche des gegnerischen linken Verteidigers verlassen. Zunächst ist es jedoch erst einmal wichtig, das Weiterkommen gegen Ghana sicherzustellen. Dafür reicht vermutlich ein Unentschieden, mit einem Sieg sollte man mit großer Wahrscheinlichkeit Gruppensieger werden. Ghana ist entgegen des europäischen Klischees eine disziplinierte und taktisch hervorragend eingestellte Mannschaft. Falls Ghana morgen keinen Kantersieg gegen Australien herausschießt, werden sie gegen Deutschlanf einen Sieg brauchen, um weiterzukommen. Das sollte den Deutschen in die Hände spielen. Allerdings hatte man das vor dem Spiel gegen Serbien auch gedacht.

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*Ich hätte es bevorzugt, wenn Özil auf seiner Position als offensiver Mittelfeldspieler geblieben wäre, und dafür Podolski und Müller in etwas zentralere und offensivere Positionen gerückt wären. Die zusätzliche Laufarbeit bei Vorstößen der  gegnerischen Außenverteidiger hätte ich den beiden zugetraut (bzw. sie hätte ggf. später durch Auswechslungen aufgefangen werden können). Dafür hätte man im Angriffsspiel mehr Präsenz gezeigt und die Viererkette der Serben richtig unter Druck setzen können. Zudem wäre man im Mittelfeld nicht in Unterzahl geraten und hätte so Schweinsteiger und Khedira den Spielaufbau erleichtert. Das ist allerdings keinesfalls als Generalkritik an Löw zu verstehen, denn hinterher und vor dem Fernseher analysiert sich ein Spiel immer leichter, als in der Hitze des Gefechts.

Update: Bin offenbar nicht der Einzige, der dass so sieht.

WM 2010: Deutschland – Australien

Deutschland – Australien 4:0

Ein bisschen verwundert habe ich mir schon die Augen gerieben. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass Deutschland in der Offensive einen Gegner wie Australien ziemlich auseinander nehmen könnte, aber ich war schon überrascht, dass es gleich so ein überragender Auftakt wurde. Australien hat fünf Minuten lang mitgehalten, dann riss die deutsche Mannschaft erst die Ballkontrolle und wenig später das gesamte Spiel an sich. Das 4:0 war am Ende fast noch ein bisschen schmeichelhaft für die biederen Australier.

Genügend Sorgenkinder hatte es im Vorfeld des Spiels noch gegeben. Den in der Vorbereitung schwachen Klose, die Wundertüte Podolski und die unklare Besetzung des rechten Flügels. Die letztliche Startaufstellung hatte sich in der zweiten Halbzeit des Bosnien-Spiels herauskristallisiert. Wie erhofft konnten gestern tatsächlich alle Wackelkandidaten ein Ausrufezeichen setzen und ihre Nominierung rechtfertigen. Ein Sieg gegen Australien war im Vorfeld erwartet worden und alles andere wäre eine große Enttäuschung gewesen. Gegen solche Defensivbollwerke kann man sich aber auch ganz schön die Zähne ausbeißen und mir fallen spontan nicht viele Teams der deutschen WM-Geschichte ein, die Australien so spielend leicht zerlegt hätten.

Von den bisherigen WM-Teilnehmern hat keiner das 4-2-3-1 so variabel und offensiv eingesetzt, wie die deutsche Mannschaft. Klose ließ sich immer wieder fallen, um die Viererkette auseinander zu ziehen. Özil ging konsequent mit in die Spitze, spielte phasenweise vor Klose und die Flügelzange mit Podolski und Müller habe ich in dieser Form noch nie bei einer deutschen Nationalmannschaft gesehen. Beide mit grandiosen Leistungen, viel Zug zum Tor und darüber hinaus auch mit mehr als passablem Defensivpensum. Dazu kam noch ein Sami Khedira, der zwischendurch Sprints in die Sturmspitze einlegte und so die australische Defensive völlig überforderte. Es stimmte einfach alles. Auch das ruhige Aufbauspiel mit viel Ballgeschiebe innerhalb der Viererkette trug seinen Teil dazu bei, den Gegner zu verwirren, weil es sich mit Tempofußball im Angriffsdrittel abwechselte.

Die Defensivleistung mag man ob der australischen Ungefährlichkeit gar nicht richtig bewerten. Wie sicher ist die linke Seite mit Badstuber wirklich? Wie kommen Mertesacker und Friedrich mit technisch beschlagenen Stürmern klar? Wie sieht es um Podolskis taktische Disziplin gegen hoch aufrückende Außenverteidiger aus (um Müller mache ich mir da keine Sorgen)? Kann sich das zentrale Mittelfeld auch gegen Weltklasseteams behaupten? Die wirklichen Prüfungen werden noch kommen. Für den Moment freuen wir uns lieber über dieses Fußballfest und das Ausrufezeichen, dass die deutsche Mannschaft gesetzt hat.

Für Nebengeräusche sorgte ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die in der Halbzeitpause davon sprach, dass Kloses Tor “ein innerer Reichsparteitag” für ihn gewesen sei. Ich habe davon nur über Twitter erfahren, da ich das Spiel bei Sky geschaut habe. Die Formulierung mag nicht sonderlich klug gewählt sein*, aber den Vorwurf der Nutzung von “Nazi-Jargon” finde ich dann doch übertrieben. Da sollte eine einfache Erklärung der Moderatorin ausreichen (falls sie das nicht sowieso schon getan hat). Wegen der Äußerung ihre Entlassung zu fordern ist way over the line.

* Allein die Tatsache, dass etwas eine “geläufige Redewendung” ist, macht es noch lange nicht zu gutem Stil. Mir fallen spontan 3-4 “Redewendungen” ein, die ich niemals nutzen würde, weil sie rassistisch sind.