Schlagwort-Archiv: Gruppe L

Europa League, 6. Spieltag: Weihnachtsausflug

Athletic Bilbao – Werder Bremen 0:3

Spät aber doch: mein Senf zu Werders Auswärtssieg in Bilbao. Die Arbeit ließ es nicht früher zu und es gibt zum Glück auch nicht viel zu schreiben. Mit 16 von 18 möglichen Punkten hat Werder die Gruppe gewonnen und musste gegen die Basken auch nicht lange um den Gruppensieg zittern. Die zum großen Teil mit Nachwuchsspielern besetzten Gastgeber waren nach dem frühen 0:1 völlig verunsichert und gaben Werder viel Platz und Zeit zum Kombinieren. Das taten die Grün-Weißen dann auch, vor allem in der ersten Hälfte, sehr gefällig. In der zweiten Halbzeit schlich sich dann so ein wenig der Schlendrian ein, doch dank Tim Wiese und einige unüberlegten Abschlüssen auf Seiten von Athletic blieb die Null stehen. In der K.O.-Phase wird Werder wohl kaum noch einmal auf einen so wehrlosen Gegner treffen. Bilbaos Chancen auf den Gruppensieg waren sowieso gering, da bot es sich an, lieber ein paar Leistungsträger zu schonen und junge Spieler Erfahrung sammeln zu lassen.

In der nächsten Runde spielt Werder gegen Twente Enschede, das Team vom Ex-Teamchef der englischen Nationalelf Shteve McLaren. Ein gutes Los. Nicht zu schwierig, Werder ist klarer Favorit, aber auch nicht so unbekannt, dass man überheblich werden dürfte. Über Liverpool hätte ich mich natürlich auch gefreut, aber irgendwie bin ich doch ganz froh, dass Werder ein Hammerlos wie vor einem Jahr vorerst erspart bleibt.

Europa League, 5. Spieltag: B-Beitrag

Werder Bremen – Nacional Funchal 4:1

So stellt man sich das als Stadionbesucher vor. Mit einer B-Elf auflaufen, zur Halbzeit eine 2:0-Führung herausspielen, nach dem Wechsel die Konzentration verlieren und es nochmal spannend machen, damit man auch was zu meckern hat und am Ende dann doch ein lockeres 4:1 mitnehmen. Besonders freue ich mich für alle, die nach dem 3:1 den Heimweg antraten und so das Zuckertor von Marin verpassten. Ansonsten gibt es nicht viel zu schreiben über das Spiel, was sich gut trifft, da ich keine Zeit habe, viel zu schreiben. Für Funchal hatte die Partie ohnehin keine hohe Bedeutung, da ihr Trainer Manuel Machado nach einer OP im künstlichen Koma liegt und die Spieler das sicherlich nicht vollständig ausblenden konnten. Da kann man nur Daumen drücken, dass er es übersteht. Gute Besserung!

Europa League, 4. Spieltag: Dekadent

Werder Bremen – Austria Wien 2:0

Mit dem Taxi kurz vor dem Anpfiff in die VIP-Loge, kurz nach dem Abpfiff mit dem Taxi zurück nach Hause. So in etwa stellt man sich den Stadionbesuch eines begeisterten Fans vor. Nicht. Aber da sowohl meine Freundin als auch ich schon vor dem Spiel kränkelten, das Wetter in Bremen um diese Jahreszeit gegen die Genfer Konvention verstößt und eine Fahrt mit dem Auto zum Weserstadion unmöglich ist, blieb uns gestern keine andere Wahl. Außer natürlich zu Hause zu bleiben und die Karten verfallen zu lassen, aber das wäre noch eine Spur dekadenter gewesen.

Dekadent war auch das, was die Mannschaft gestern auf dem glitschigen Rasen ablieferten. Ich muss schon sagen: Ohne große Anstrengung ein 2:0 gegen eine bemitleidenswerte Wiener Austria zu holen – Respekt meine Herren! Wozu unnötige Kräfte vergeuden und ein Feuerwerk wie gegen Bilbao auf den Platz zaubern? Es geht doch auch so. Man nehme einen auswärtsschwachen Gegner, einen Torwart von internationaler Klasse, der die paar sehr guten Torchancen dieses Gegners entschärft, einen Linienrichter, der die Abseitsposition vor dem 1:0 übersieht, das alles gepaart mit dem Wissen um das eigene Können und einem nach drei Monaten ohne Niederlage aufgeblähten Sack, dessen Inhalt (frei nach Olli Kahn) zur Standardausstattung erfolgreicher Fußballmannschaften gehört, und – zack – steht man in der nächsten Runde.

Werder zeigte alle Symptome einer Diva, die sich zu fein ist, für den gewöhnlichen Pöbel zu spielen. Selten erreichte ein Spieler eine Laufgeschwindigkeit, die sich signifikant von meinem Joggingtempo im Bürgerpark unterscheidet, und wenn, dann war es nur der Ballführende Spieler, dessen Bewegungen auf erhöhten Pulsschlag hindeuteten. Böse Zungen behaupten Tim Borowskis einziger Sprint im Spiel sei der nach seinem Tor zur Eckfahne gewesen. Vielleicht waren es die Pfiffe der eigenen Fans, die das Team in der Ehre kränkten. In den letzten 10 Minuten zeigte es jedenfalls, wozu es fähig sein kann. Am Ende steht ein 2:0, über dessen Zustandekommen schon bald keiner mehr sprechen wird. Kann man so machen, gegen die kleinen Gegner, zu denen ich Austria bei allem Respekt zähle. Doch am Sonntag gegen Dortmund muss wieder mal ein Spiel über 90 Minuten mit voller Konzentration angegangen werden. Nicht, um die letztendlich bedeutungslose Serie zu retten, sondern um uns Fans ein paar Nerven und abgekaute Fingernägel zu sparen. Wir sind schließlich krank.

Nach Diktat mit heißem Tee zu Bett.

Europa League, 3. Spieltag: Schluckauf, bitte!

Austria Wien – Werder Bremen 2:2

In Wien hat Werder schmerzhaft zu spüren bekommen, wie schmal der Grat zwischen Abgeklärtheit und Nachlässigkeit sein kann. Durch Pizarros Doppelpack führte man nicht unverdient mit 2:0 bevor sich die Wiener zusammenrauften und Werder in den letzten 20 Minuten gehörig unter Druck setzten. Die starke Schlussoffensive der Österreicher brachte ihnen ein Unentschieden, mit dem Werder unterm Strich zwar besser leben kann, als der Gastgeber, das sich jedoch wie eine Niederlage anfühlt.

Lange Zeit sah es aus, als hätte Werder alles im Griff. Hinten nicht viel zugelassen, vorne mit Pizarro einen abgezockten Stürmer, der die Fehler der Wiener Hintermannschaft ausnutzt. Da war es sogar zu verschmerzen, dass Marin, Özil und Hunt vor dem Tor etwas sehr leichtfertig ihre Chancen liegen ließen. Am Ende sollte es sich jedoch bitter rächen. Die zuletzt hochgelobte Defensivabteilung leistete sich vor dem 1:2 einen kollektiven Aussetzer und ließ Sulimani völlig unbedrängt aus 20 Metern aufs Tor schießen. Danach sah man das, was man aus vergangenen Spielzeiten und auch dem Spiel in Funchal gewohnt war: Ein verunsichertes, wackliges Werder, das große Probleme hatte, die wütenden Angriffe der Hausherren abzuwehren. Kurz vor Schluss bekam man die Quittung in Form des 2:2-Ausgleichtreffers.

Was nimmt man aus diesem Spiel mit? Ein Unentschieden bei einem heimstarken Gegner ist so schlecht nicht. Nach wie vor hat Werder eine sehr gute Ausgangsposition, um in die nächste Runde einzuziehen. Sollte es nichts werden mit dem Gruppensieg, wird man bei der Auslosung der Zwischenrunde aber auch an dieses Spiel zurückdenken. Als Zuschauer bleibt man ein wenig desillusioniert zurück. Zu schön, ja erleichternd, war die Vorstellung, dass Werder plötzlich über ein Bollwerk in der Abwehr verfüge. Nun ist es jedoch schon eine Handvoll Spiele, in denen Werders Defensivabteilung große Fragen aufwirft. Auffällig: Fast alle davon in den Pokalwettbewerben (Aktobe, Funchal, St. Pauli und nun Austria Wien), nur eines in der Liga (Frankfurt). Die größte Frage dabei: Waren das nur kurze Rückfälle in alte Zeiten? Eine Art Schluckauf, der bald wieder vorbei geht? Oder ist andersherum die momentane Stärke nur eine vorübergehende Phase? Sind die 14 Spiele ohne Niederlage eher einer Verkettung glücklicher Umstände zu verdanken, als der eigenen Qualität?

Werder muss aus diesem Spiel lernen. Lernen, dass man nur bei voller Konzentration über 90 Minuten zu Null spielen kann. Lernen, dass man Spiel für Spiel diese Konzentration aufrecht erhalten muss. Das von Klaus Allofs ausgegebene Motto “Gelassenheit vor dem Spiel, volle Konzentration im Spiel” erwies sich nicht zum ersten Mal als Drahtseilakt, der Werder nicht so richtig gelingen will. Zieht man daraus die richtigen Schlüsse, wird in ein paar Wochen sicher niemand mehr von diesem Spiel sprechen.

Europa League, 2. Spieltag: Kein Fußball den Faschisten

Werder Bremen – Athletic Bilbao 3:1

Ein minutenlanges Pfeifkonzert hallte durch die Ostkurve des Weserstadions. Dabei war Werder wenige Minuten zuvor nach einem wunderschönen Tor von Aaron Hunt in Führung gegangen. Was war passiert? Die Ordner im Oberrang der Ostkurve entfernten ein Banner mit der Aufschrift “Kein Fußball den Faschisten”, weil es eine Werbebande verdeckte. Die Fans im Unterrang drehten daraufhin dem Spielfeld ihren Rücken zu und pfiffen und buhten die Ordner aus. Mehr als nur eine Randnotiz in einem unterhaltsamen und qualitativ teils hochwertigen Spiel.

Langsam bekommt man eine genauere Vorstellung davon, wie Schaaf sich Werders Spiel diese Saison vorstellt und fühlt sich gleichzeitig zwei Jahrzehnte zurückversetzt, in eine Zeit in der Otto Rehagel in Bremen den Begriff “kontrollierte Offensive” prägte. Während in der Liga die Offensive noch häufig unter den Sicherheitsbestrebungen leidet, verstand es Werder gestern blendend, blitzschnell auf Angriff umzuschalten. Die Genauigkeit im Passspiel zwischen Özil, Hunt, Marin und Pizarro nimmt immer mehr zu. So gelang es in der ersten Halbzeit immer wieder, Lücken in den baskischen Abwehrverbund zu reißen. Das 2:0 entsprang einer brillianten Kombination zwischen Marin, Pizarro und Naldo. Insbesondere Pizarros Vorarbeit war große Klasse: Bereits vor der Ballannahme schaut er in die Mitte, zieht dann Richtung Tor, sieht, dass die Schussbahn blockiert ist und legt ohne nochmal zu gucken quer auf Naldo. Diese Übersicht zeichnet einen Klassestürmer aus.

In der zweiten Halbzeit ließ Werder es dann etwas ruhiger angehen und gewährte Athletic viel Raum. Positiv anzumerken ist, dass die Mannschaft trotzdem die Spielkontrolle behielt. Eine Fähigkeit, die Werder lange Zeit überhaupt nicht beherrschte. Atheltic musste lange Zeit auf ernsthafte Torchancen warten. Leider machte sich Werder in Gestalt von Peter Niemeyer selbst einen Strich durch die Rechnung. Innerhalb weniger Minuten sammelte Niemeyer zwei gelbe Karten und durfte vorzeitig duschen gehen. Interessant waren die Umstellungen, die Werder in der Folge vornahm: Zunächst rückte Marin für Niemeyer rechts ins Mittelfeld. Als Rosenberg für ihn eingewechselt wurde, rückte Hunt von der Mitte nach rechts, Pizarro auf die 10er-Position und der Schwede gab den Alleinunterhalter in der Spitze. Überhaupt war es für mich etwas überraschend, dass Özil links spielte und Hunt in der Mitte. Sicher keine schlechte Maßnahme, wenn man Hunts starke Form und Özils Verletzung bedenkt.

Es war eine Mischung aus guter Defensive, Unvermögen der Spanier und Glück, die Werder die Null festhielt. Bis in die 90. Minute, als Llorente den ersten richtig gefährlichen Torabschluss gleich im Tor unterbrachte. Das große Zittern blieb jedoch aus, weil Özil bei einem Konter im Strafraum gelegt wurde und Frings den fälligen Elfmeter (mal wieder) mit sehr viel Glück zum 3:1-Endstand verwandelte. Ein verdienter Sieg, der belegt, dass Werder in dieser Saison kein Feuerwerk abbrennen muss, um ein Spiel souverän zu gewinnen. Ich traue dem Braten jedoch noch nicht ganz, dafür habe ich mit Werders Defensive in den letzten Jahren zu viele traumatische Erfahrungen gemacht.

Die Stimmung im Stadion war – trotz des Zwischenfalls in der Ostkurve – gut. In der VIP-Loge fühle ich mich zwar immer noch etwas deplatziert, doch die Sicht ist hervorragend. Man sieht wesentlich mehr vom Spiel als im Fernsehen. Wenn neben mir nur nicht die beiden Yuppies gesessen hätten, die sich allen Ernstes über den Fanblock lustig machten (“In anderen Stadien steht da eine Wand und bei uns ist es nur so ein kleiner Haufen. Traurig!”), nachdem sie sich in beiden Halbzeiten je 5 Minuten nach Anpfiff auf ihre Plätze bequemt hatten. Kein Fußball den (hier bitte Schmähwort einfügen, das mit “…isten” endet)!

Darf ich vorstellen: Athletic Club Bilbao

Heute steht das erste Heimspiel in der Gruppenphase der Europa League an. Gegner ist Athletic Bilbao, das im ersten Spiel Austria Wien souverän mit 3:0 aus dem Weg räumte und damit die Gruppe L vor Werder anführt (was nach nur einem Spieltag natürlich nichts zu sagen hat). Grund genug, den Gegner ein wenig unter die Lupe zu nehmen.

Der Verein Athletic Club wurde 1898 – ein Jahr vor Werder – gegründet* und kann auf eine überaus erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Hinter den Platzhirschen Real Madrid und FC Barcelona gehört Bilbao zu den erfolgreichsten spanischen Fußballvereinen. Für einen Satz wie diesen würde man in Bilbao jedoch ziemlich schief angeschaut, denn Athletic ist kein spanischer Verein, sondern ein baskischer. Diese Unterscheidung ist im um Autonomie bemühten** Baskenland überaus wichtig. Der Verein verpflichtet seit Jahr und Tag nur einheimische, sprich baskische, Spieler und hat daher durchaus den Charakter einer inoffiziellen Nationalmannschaft.

Trotz der Beschränkung auf ein relativ kleines Einzugsgebiet (ca. 2,7 Mio. Einwohner) hat Bilbao eine beeindruckende Trophäensammlung vorzuweisen: 8 Meistertitel und 23 (nach manchen Quellen auch 24) Pokalsiege hat der Club eingefahren. Der international größte Erfolg war die Finalteilnahme im UEFA-Cup 1977, wo man allerdings knapp an Juventus Turin scheiterte. Diese Erfolge liegen jedoch schon eine Weile zurück. In der jüngeren Vergangenheit musste man andere Vereine an sich vorbei ziehen lassen und mitunter sogar gegen den Abstieg kämpfen. In der letzten Saison lief es in der Liga auch eher durchwachsen, doch – Parallele zu Werder – im Pokal konnte man sich bis ins Finale durchkämpfen. Dort traf man dann auf die Übermannschaft aus Barcelona und hatte beim 1:4 erwartungsgemäß keine Chance. Als Belohnung winkte die Europa League-Teilnahme, die der Verein sicher nutzen will, um auch international mal wieder auf sich aufmerksam zu machen.

Im ersten Gruppenspiel ist dies bereits gelungen. In der heimischen Liga steht Bilbao auf Platz 6. Nach einem furiosen Saisonstart mit drei Siegen (unter anderem gegen Atletico Madrid und Villareal) ist man zuletzt etwas gebremst worden. Am Wochenende setzte es eine deftige 0:4-Heimpleite gegen den FC Sevilla. Auch wenn die Formkurve nach unten zeigt, ist Athletic Bilbao ein sehr ernst zu nehmender Gegner, vielleicht der einzige in der Gruppe, der Werder auf Augenhöhe begegnet. Mit Nationalspieler Llorente und dem erst 16-jährigen Supertalent Muniain verfügt Bilbao über großes Offensivpotential. Die Mannschaft ist nicht dafür bekannt auswärts ein Feuerwerk abzubrennen, aber wenn es nach vorne geht, dann meistens schnell und mit hoher Präzision. Viele Fehler wird sich die – trotz weniger Gegentore nicht als Bollwerk bekannte – Bremer Abwehr nicht erlauben dürfen.

Ich erwarte heute Abend einen zunächst abwartenden Gegner, der versuchen wird, Werders Spiel im Mittelfeld langsam zu machen und dann mit längerer Spieldauer etwas mutiger nach vorne spielen wird. Die technischen Mittel um gegen Werder auch spielerisch mitzuhalten hat die Mannschaft allemal, deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass man 90 Minuten nur auf Konter setzt. Etwas stutzig gemacht hat mich ein Interview mit Per Mertesacker, das ich heute morgen im Radio gehört habe. Er gab unumwunden zu, nicht viele Spieler des Gegners zu kennen und sagte, dass er “gespannt” sei, wie Bilbao denn nun spiele. Ich weiß nicht, wann das Interview aufgezeichnet wurde, aber nach akribischer Vorbereitung klingt das nicht gerade. Hoffentlich erleben Per und wir heute Abend nicht unser rot-weißes Wunder…

* zunächst unter dem Namen Bilbao Football Club

** Das Baskenland ist eine autonome Provinz, die sich über Teile Spaniens und Frankreichs erstreckt. In den Medien taucht sie meist in Zusammenhang mit der ETA (Euskadi Ta Askatasuna) und deren Terroranschlägen auf.