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Vor dem Achtelfinale

Diese Weltmeisterschaft gilt bisher nicht als das Turnier der Europäer. Spanien, Italien, England und Portugal fahren bereits nach der Vorrunde nach Hause. Schaut man sich aber die Zahlen an, sieht das europäische Ergebnis gar nicht so schlecht aus. Sechs Teams stehen im Achtelfinale, davon die Niederlande, Frankreich, Deutschland und Belgien als Gruppensieger. Was gerne vergessen wird: Vor vier Jahr waren es ebenfalls nur sechs europäische Teams, die dann im Achtelfinale alle aufeinander trafen. Die drei Sieger belegten am Ende die ersten drei Plätze. Auch das südamerikanische Ergebnis ist nicht wirklich besser als vor vier Jahren. Damals wie heute erreichten fünf südamerikanische Teams das Achtelfinale. In diesem Jahre werden aber, dem Spielplan geschuldet, nicht vier Mannschaften des Kontinents das Viertelfinale erreichen können, wie es 2010 der Fall war.

Dennoch ist das Turnier nicht arm an Überraschungen. Damit sind gar nicht unbedingt die Favoriten gemeint, die schon in der Vorrunde ausgeschieden sind. Das passiert immer  wieder mal und macht den Charme einer WM mit aus. Auch dass sich der Weltmeister sang- und klanglos in der Gruppenphase verabschiedet, wird langsam zur Tradition. Im Gegensatz zu Italien (2010) und Frankreich (2002) hat Spanien dabei immerhin noch ein Spiel gewonnen und kann sich ein klein wenig damit trösten, gegen zwei der bislang besten Teams des Turniers ausgeschieden zu sein.

Die für mich größte Überraschung im negativen Sinne war die Leistungen der asiatischen Teams. Australien hatte das Pech, in die schwierigste Gruppe gelost zu werden und vom Iran konnte man nicht viel mehr erwarten als totale Defensive (was sie ziemlich gut gemacht haben). Japan und Südkorea hingegen waren von Anfang bis Ende enttäuschend. Beide Mannschaften konnten nicht annähernd die Qualität auf den Platz bringen, die ihre Spieler mitbringen. Südkorea war mit der einen oder anderen Slapstickeinlage in der Defensive nie ein Kandidat fürs Achtelfinale und Japan fand über 270 Minuten keinen Weg, aus den vorhandenen spielerischen Möglichkeiten eine funktionierende Offensivstrategie zu entwickeln. Gegen Griechenland wirkten sie dermaßen hilflos bei ihren Flankenversuchen, dass es beim Zuschauen wehtat – erst recht, wenn man weiß, zu was diese Spieler eigentlich fähig sind.

Sehr viel Spaß hat mir Costa Rica bislang gemacht. Eine Halbzeit lang sahen sie aus wie ein graues Mäuschen, das sich nach drei Spielen brav wieder in den Flieger setzen würde. Dann drehten sie auf. Taktisch ist das sehr hochwertig und auch wenn über die Paarung gelacht wird, ich freue mich sehr auf Costa Rica gegen Griechenland. Eine Kontermannschaft gegen ein reines Defensivbollwerk, da wird mindestens eine Mannschaft ihren Matchplan anpassen müssen. Oder mogeln sich die Griechen am Ende doch wieder durch, ohne auch nur einen Hauch in die Offensive zu investieren?

Ebenfalls begeistert hat mich Kolumbien, auch wenn das keine Überraschung war und sie nicht die stärksten Gegner hatten bislang. Die spielen das mit einer Souveränität und Selbstverständlichkeit, die beeindruckend ist für eine Mannschaft, die seit 16 Jahren nicht für eine WM qualifiziert war und erst einmal das Achtelfinale erreichte. Spielerisch wussten sie bislang mehr zu überzeugen als etwa Belgien, die zwar 9 Punkte holten, aber dabei einen eher pomadigen Eindruck hinterließen. Chiles Leistung war wie erwartet, deshalb löste sie weniger Euphorie bei mir aus, als sie es verdient hätte. Eine Mannschaft, bei der Mesut Özil der mit Abstand größte Feldspieler wäre, pflügt sich mit Kraft, Technik und gnadenlosem Pressing durch die Gegner und muss nur gegen das Umschaltmonster aus den Niederlanden eine Niederlage hinnehmen. Auch den Brasilianern werden sie damit große Probleme bereiten. Die konnten sich noch nicht entscheiden, ob sie bei ihrer Heim-WM die Hauptattraktion sein wollen oder sich mit einer Nebenrolle zufrieden geben. Überzeugt haben mich die Leistungen bislang nicht, taktisch liegt bei Brasilien einiges im argen und vom Niveau des Confed-Cups letztes Jahr sind sie noch ein Stück entfernt. Doch wie für alle Favoriten gilt: Die WM geht erst mit der K.O.-Phase richtig los, wenn sie da nicht schon vorbei ist. Eine Leistungssteigerung ist den Brasilianern ebenso zuzutrauen, wie der argentinischen One-Man-Show.

Wer aber sind die Favoriten? Geht man nach den bisher gezeigten Leistungen, sind hier die Niederlande und Frankreich ganz vorne. Die Franzosen spielen einen tollen Konterfußball, ähnlich wie Deutschland vor vier Jahren. Sie schalten gut um und haben in Benzema einen der Spieler des Turniers in ihren Reihen. Im Mittelfeld machen Pogba, Valbuena, Griezmann und Matuidi einfach Spaß. Noch bin ich allerdings skeptisch, ob das 4-1-4-1 auch defensiv hält, was es verspricht. Der unorthodoxe Stil der Nigerianer wird sicherlich nicht leicht zu bändigen sein. Der erste Gegner auf Augenhöhe kommt aber frühestens im Viertelfinale. Die Niederlande haben sich spätestens mit dem Sieg gegen Chile zum Turnierfavoriten aufgeschwungen. Van Gaal erweist sich als erstaunlich pragmatisch und prägt dabei quasi im Vorbeigehen einen ganz neuen Stil. Von Arjen Robben mag man halten, was man will. In der aktuellen Form ist er kaum zu stoppen und ganz sicher einer der besten Spieler der Welt.

Und dann wäre da noch Deutschland. Eine Vorrunde mit drei sehr unterschiedlichen Spielen ist eine gute Vorbereitung auf das, was in diesem Turnier noch kommen kann. Gegen Portugal kamen Matchglück, ein indisponierter Gegner und eine starke eigene Leistung zusammen. Gegen Ghana gab es in der zweiten Hälfte ein enorm offenes und am Ende auf dem Zahnfleisch absolviertes Spiel, bei dem man auch die eigenen Schwächen aufgezeigt bekam. Gegen die USA gab es ein taktisch geprägtes Spiel gegen eines der spielerisch schwächsten Teams des Turniers. Die Amerikaner überzeugen aber durch Team-Spirit, gute Physis und sehr diszipliniertes Defensivspiel und waren deshalb eine Prüfung, an der sich das deutsche Team lange die Zähne ausbeißen durfte.

Löws System gefällt mir. Das 4-3-3 bietet viele Möglichkeiten, die eigenen Stärken ins Spiel zu bringen und wird sehr flexibel ausgelegt. In allen drei Spielen dominierte man das Mittelfeld und hat mit Lahm, Kroos, Schweinsteiger und Özil eine Ballsicherheit, wie sie Spanien in diesem Turnier vergeblich gesucht hat. Endlich nutzt Löw auch die Stärke seiner Bank und bringt mit Klose, Khedira/Schweinsteiger, Schürrle oder Podolski neue Elemente ins Spiel.

Die Besetzung der Außenverteidigung sehe ich mit gemischten Gefühlen und es würde mich wundern, wenn man so das Turnier erfolgreich bis zu Ende spielen könnte. Boateng macht seine Sache auf rechts gut, ihm liegt diese Position viel eher, als Höwedes auf der anderen Seite. Von ihm kommen auch gefährliche Flanken und er nutzt die Lücken, die Özil und Müller auf dem rechten Flügel reißen. Dadurch ergibt sich jedoch eine Einseitigkeit im deutschen Spiel und man muss kein Taktikexperte sein, um die Anfälligkeit auf der linken Seite zu erkennen. Mit Podolski (ausgerechnet!) gab es dort gegen die USA schon etwas mehr Stabilität, da dieser sich weit mit zurückfallen ließ, um Johnsons Vorstöße zu entschärfen. Dennoch ist das Fehlen eines echten Linksverteidigers bedauerlich. Höwedes ist nach vorne (außer bei Standards) völlig ungefährlich, hinterläuft fast nie und beschränkt sich darauf, im zweiten Spielfelddrittel für Breite zu sorgen.

Aber das ist bald alles Makulatur, denn nun geht es endlich richtig los.

Tottenham Hotspur – Werder Bremen (live)

Tatort: Weserstadion

Champions League, Gruppe A, 4. Spieltag: Werder Bremen – FC Twente 0:2

Zweimal die Griechen, jetzt die Holländer. Bei den letzten drei Teilnahmen hat Werder das Achtelfinale jeweils im eigenen Stadion verpasst. Dem 1:3 gegen Olympiakos (2007) und dem 0:3 gegen Panathinaikos (2008)  folgte nun also ein 0:2 gegen Twente. Eine bittere Niederlage in einem packenden, chancenreichen, aber nicht hochklassigen Spiel, in dem Werder wieder einmal mit Chancenverwertung und Abwehrverhalten hadern muss.

Thomas Schaaf überraschte mit einer sehr ungewöhnlichen Aufstellung in der Defensive. Nachdem Silvestre beim Publikum nicht mehr untragbar wurde, stellte Schaaf die Viererkette komplett um. Allrounder Wesley wechselte von der rechten auf die linke Seite, Innenverteidiger Prödl gab den Rechtsverteidiger und Kapitän Frings rückte in die Innenverteidigung. Daniel Jensen kam dafür neu in die Mannschaft und spielte als einziger Sechser vor der Abwehr. Ansonsten gab es personell nur eine Umstellung im Vergleich zum Nürnberg-Spiel: Hunt spielte für Arnautovic. Was sich ebenfalls änderte, war die taktische Ausrichtung. Thomas Schaaf reaktivierte die Raute, in der Marin hinter den Spitzen spielte und Hunt / Bargfrede die Halbpositionen besetzte. Auch Twente hatte (teils aufgrund von Verletzungen) auf mehreren Positionen umgestellt, am auffälligsten im 3er-Mittelfeld. Neben Landzaat spielte Bengtsson und leicht davor versetzt de Jong.

Werder spielte von Beginn an engagiert nach vorne und versuchte, die Niederländer durch die Überzahl im Mittelfeld unter Druck zu setzen. Wesley und nach einiger Zeit auch Prödl gingen häufig mit nach vorne und sorgten für einige Flanken (Prödl) und Torschüsse (Wesley). Insgesamt stimmte jedoch die Abstimmung in den einzelnen Mannschaftsteilen nicht. Marin hielt seine Position im Zentrum zwar besser als in seinen letzten Spielen auf der Position, konnte aber nur selten gefährliche Situationen einleiten, weil er noch immer den Ball zu lange hält, statt das Spiel schnell zu machen. Hunt zog es häufig in die Mitte, doch die flüssigen Wechselspiele im Mittelfeld waren auch für die eigene Mannschaft ein Risiko. Obwohl Jensen vor der Abwehr ein gutes Spiel machte, kam Twente immer wieder in hohem Tempo auf die Innenverteidiger zu. Mit ein, zwei vertikalen Pässen ließ sich Werder komplett überspielen und bei besserer Chancenverwertung hätte Twente schon zur Halbzeit den einen oder anderen Konter nutzen können. Neben dem eigenen Unvermögen der Stürmer war es auch der (wieder einmal) bärenstarke Mielitz, der für Werder hinten die Null festhielt.

Auf der anderen Seite hatte auch Werder genügend Chancen, um das Spiel in die richtige Richtung zu lenken. Die größte davon vergaben kurz vor der Pause Pizarro, der mit seinem Schuss den Pfosten traf, und Almeida, der den Abpraller aus fünf Metern nicht verwerten konnte, weil er den Ball nicht unter Kontrolle bekam. Zur Pause war das Unentschieden für beide Mannschaften durchaus verdient, wobei das 0:0 als Ergebnis angesichts des Spielverlaufs etwas absurd erschien. Nach dem Wechsel ging es in hohem Tempo weiter und beide Teams taten viel dafür, die Eindrücke aus der ersten Hälfte zu bestätigen. In Person von Hugo Almeida vergab Werder auch die größten Chancen und brachte die Fans zum Verzweifeln. Erst köpfte der Portugiese nach dem einzigen gefährlichen Freistoß des Abends aus fünf Metern in die Arme des Twente-Keepers, dann vergab er eine Eins-gegen-Eins-Situation, in der er versuchte, den Schlussmann zu umspielen und dann den Ball nicht ins Tor schieben konnte. Auf der anderen Seite lenkte Mielitz einen Schuss des frei vor ihm auftauchenden Chadli gerade noch an den Pfosten.

Langsam machte sich Resignation breit bei Werder. Schaaf brachte Arnautovic für Bargfrede und somit noch mehr Offensivpower, doch Werders Aktionen wirkten zunehmend verzweifelt. Eine Viertelstunde vor Schluss kam Twente ein weiteres Mal mit einem Konter vors Bremer Tor und Frings musste sich als letzter Mann mit einem Foul kurz vor dem Strafraum behelfen. Die folgende rote Karte war für Werder zuviel an diesem Abend und Twente setzte in der Schlussphase den Todesstoß. Erst verpasste Wisgerhof auf freundliche Einladung von Jensen beim Freistoß nach Frings Herausstellung völlig frei aus 10 Metern die Führung. Doch dann fiel das Tor, wie es in diesem Spiel wohl nur fallen konnte: Ein Schuss von Chadli wurde von Jensen abgefälscht und trudelte vorbei an Mielitz ins Tor. Werder fand nicht mehr zurück ins Spiel und musste kurze Zeit später durch einen Kopfball von de Jong noch das 0:2 hinnehmen.

Warum hat Werder dieses Spiel verloren?

Grund 1: Chancenverwertung. In einem solch offenen Spiel muss man seine Chancen besser nutzen, als es Werder tat. Schon gegen die Bayern und gegen Nürnberg konnte man selbst beste Torgelegenheiten nicht nutzen. Gegen Twente erfuhr dies noch einmal eine Steigerung. Die beiden Torhüter waren herausragend, Mielitz gehört für mich jetzt schon zu den besten Werderspielern dieser Saison. Schaut man sich die Torschüsse an, sieht man jedoch einen Unterschied zwischen den beiden Mannschaften*:

Torschüsse Werder Bremen

Werder Bremen: 22 Schüsse, 9 davon aufs Tor

Werder bekam kaum Schüsse innerhalb des Strafraums auf Twentes Tor. Die platzierten Schüsse kamen fast alle von außerhalb. Ausnahme: Die Kopfballchance von Almeida in die Arme des Torhüters. Vor dem Tor versagten Werder die Nerven.

Torschüsse FC Twente

FC Twente: 16 Schüsse, 7 davon aufs Tor

Twente war im Strafraum gefährlicher, zwang Mielitz zu mehr Paraden aus kurzer Distanz. Dem Torwart ist es zu verdanken, dass die Führung erst durch einen abgefälschten Schuss aus der Distanz zustande kam.

Grund 2: Starker Gegner. Twente ist international sicher nicht die ganz große Hausnummer, doch es gibt einen Grund dafür, dass das Team erst eine Pflichtspielniederlage in dieser Saison einstecken musste – und Werder derer schon acht. Die Mannschaft versteht sich blendend aufs Kontern. Im Gegensatz zum (enttäuschenden) Hinspiel zeigten sich die Holländer stark verbessert und hätten auch schon vor Frings Platzverweis das eine oder andere Tor machen können, wenn sie ihre Konter konsequenter zu Ende gespielt hätten. Der Unterschied zwischen dem Twente aus dem Hin- und aus dem Rückspiel wird am deutlichsten, wenn man sich die “Player Influence”, also den Einfluss der einzelnen Spieler auf das Spiel, anschaut:

Twente Spielereinfluss Hinspiel

FC Twente: Player Influence, Hinspiel

Im Hinspiel waren Spieler der Viererkette die einflussreichsten Spieler bei Twente (ohne Wisgerhofs Verletzung wäre vermutlich auch der rechte Innenverteidiger darunter). Es wurde auf Höhe der Mittellinie viel quer gespielt und kaum ein vernünftiger Angriff aufgebaut.

Twente Spielereinfluss Rückspiel

FC Twente: Player Influence, Rückspiel

Im Rückspiel war Ruiz die überragende Figur in Twentes Spiel. Nach Ballgewinn wurde schnell und vertikal nach vorne gespielt (daher die “kleinen” Innenverteidiger) und Werders Mittelfeld schnell überbrückt. Damit kam Werder über die vollen 90 Minuten nicht klar.

Grund 3: Torsten Frings. Man kann ihm gar nicht viel vorwerfen, dass er kein guter Innenverteidiger ist. Er begann seine Karriere als Stürmer, spielte dann im rechten Mittelfeld und als Rechtsverteidiger, bevor er zum zentralen Mittelfeldspieler umgeschult wurde. Frings ist nicht mehr der Schnellste, verfügt für einen Sechser auch nicht über ein außergewöhnlich gutes Stellungsspiel und ist dazu auch nicht wirklich groß oder kopfballstark. Als Innenverteidiger war er völlig überfordert, ließ sich häufig schon hoch an der Mittellinie überspielen und bekam Ruiz, der immer wieder von rechts in die Mitte zog, zu keiner Zeit in den Griff. Exemplarisch für seine Probleme hier alle seine Tacklings:

Torsten Frings Tackles

Torsten Frings Tacklings: 1 erfolgreich, 4 unerfolgreich

Am Ende opferte sich Frings mit der roten Karte, nachdem ihn Schaaf schon vor dem Spiel geopfert hatte. Wenn dies die Alternative zu Silvestre ist, sollte man ihn wohl trotz Pfeifkonzert wieder spielen lassen.

Werder ist innerhalb einer Woche aus DFB-Pokal und Europapokal (wenn auch nicht rechnerisch) ausgeschieden und verpasste es, in der Bundesliga in die Spitzengruppe vorzustoßen. Noch dazu in drei Spielen, die man bei besserer Chancenverwertung wohl allesamt gewonnen hätte. Das muss erstmal verdaut werden, von Mannschaft und Fans.

* Alle Grafiken: Total Football

FC Twente – Werder Bremen (live)

Twente vs. Enschede

An dieser Stelle sollte eigentlich ein etwas längerer Blogeintrag über unseren heutigen Gegner stehen. Leider reichten meine Zeit und Energie diesmal nicht dafür. Nicht ganz so schlimm, da Werder vor gerade mal acht Monaten in der Europa League gegen Twente gespielt hat. Auch wenn es im Sommer einige Veränderungen im Kader gab, sollte das Team also noch einigermaßen in Erinnerung sein.

Ansonsten gibt es nachher im Live-Blog noch ein paar Details zu Mannschaft und Taktik unseres Gegners.

Zum auswendig lernen vor dem Anpfiff nur eine Sache: Der Verein heißt FC Twente ’65 und da gehört genauso wenig ein “Enschede” dran, wie an den FC Schalke 04 ein “Gelsenkirchen”. Da das aber wohl ein frommer Wunsch bleiben wird (ich selbst sage und schreibe ja auch immer wieder mal “Twente Enschede”), ein Kompromissvorschlag: Wenigstens in der Kurzform “Twente” sagen, nicht “Enschede”. Bloß weil Werders Spieler, Trainer und Verantwortlichen es nicht für nötig halten, den Namen ihres Gegners (“Genua”) zu wissen, heißt das nicht, dass wir Fans es genauso machen müssen. Wir sollten schließlich wissen, von wessen Hooligans wir vor oder nach dem Spiel verprügelt werden.

Inter Mailand – Werder Bremen (live)

Darf ich vorstellen: F.C. Internazionale Milano

Werders zweiter Gegner in der Gruppenphase der Champions League ist Inter Mailand. Es ist bereits das dritte Aufeinandertreffen in der Champions League seit 2004. Der Verein dürfte daher den meisten Werderfans ganz gut bekannt sein. Ich habe mich trotzdem an einer Vorstellung versucht:

Der Verein

Der vollständige Name des Vereins ist Football Club Internazionale Milano, doch meistens wird er kurz Inter genannt, wobei in Deutschland der obligatorische Städtename nicht fehlen darf. In diesem Fall ist es sogar richtig. Einigen wir uns also auf Inter Mailand. Gegründet im Jahr 1908 gehört Inter heute zu den erfolgreichsten Fußballvereinen der Welt. Der Spitzname Nerazzurri (die Schwarz-Blauen) ist vermutlich jedem Fußballinteressierten schon einmal unter die Ohren gekommen. Ebenfalls bekannt ist die Rivalität zum Stadtrivalen AC Milan. Weniger bekannt ist hingegen die Entstehung des Vereins, der einer klassischen Abspaltung entstammt (vgl. Judean People’s Front vs. People’s Front of Judea). Unzufriedene Spieler des AC Milan gründeten den Verein Internazionale, weil ihnen die Dominanz italienischer Spieler in ihrem Ex-Verein auf die Nerven ging. Es ist also keineswegs nur dem modernen Fußball zuzuschreiben, dass der Anteil italienischer Spieler bei Inter Mailand gering ist.

Eigentümer des Clubs ist Massimo Moratti. Seit 1995 lenkt der italienische Öl-Tycoon die Geschicke des Vereins und blieb dabei lange hinter den Erwartungen zurück. Trotz irrwitziger Ausgaben für Neuzugänge brauchte es den italienischen Fußballskandal 2006, um Inter zur führenden Kraft des italienischen Fußballs zu machen.

Das 1926 erbaute Stadio Giuseppe Meazza, in dem Inter und Lokalrivale Milan ihre Heimspiele austragen, ist eines der bekanntesten Fußballstadien Europas. Es ist auch unter dem ursprünglichen Namen San Siro bekannt – benannt nach dem Stadtteil in dem es liegt. Für deutsche Mannschaften ist es ein gutes Pflaster: Hier hat Deutschland bei der WM 1990 die Niederlande und die Tschechoslowakei geschlagen und der FC Bayern 2001 die Champions League gewonnen. Auch Werder hatte hier zuletzt Erfolge vorzuweisen: Vor zwei Jahren holte man ein 1:1 Unentschieden gegen Inter und im Februar 2009 setzte sich Werder im UEFA-Cup gegen den AC Milan durch. Das Stadion ist mit einer Kapazität von 80.000 Plätzen das größte Italiens, wird am Mittwoch aber nicht annähernd ausverkauft sein.

Historie

Bereits zwei Jahre nach der Gründung gewann Inter zum ersten Mal den Scudetto. Die große Zeit des Vereins begann jedoch erst Mitte der 50er Jahre. Die Meisterschaften 1953 und 1954 waren der Beginn einer Ära, in der das Team unter dem Namen La Grande Inter bekannt wurde. Unter Trainer Helenio Herrera entwickelte die Mannschaft eine Taktik, die bis heute wie keine andere für den italienischen Fußball steht: Catenaccio. Während der Begriff heute etwas verächtlich für jegliche Defensivtaktik verwendet wird, beschrieb er ursprünglich ein konkretes Spielsystem, das von österreichischen Trainer Karl Rappan erfunden wurde: Eine Formation bestehend aus vier Manndeckern, vor denen ein Dreiermittelfeld für weitere Stabilität sorgte. Herrera erweiterte die Abwehr noch um einen zusätzlichen Spieler: Einen Libero, der hinter den Manndeckern die Löcher stopfte. Kurz gefasst war es eine Variation des damals nicht unüblichen 5-3-2 Systems (auch als Verrou bekannt). Mit dieser defensiven Taktik brachte Inter die Gegner erst in Italien und bald auch in ganz Europa zur Verzweiflung. Die Phase gipfelte in den beiden Siegen im Europapokal der Landesmeister 1964 und 1965.

Die zweite Hochphase des Vereins kam mit deutscher Beteiligung zustande: Mit Spielern wie Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann sowie Trainer Giovanni Trapattoni gewann Inter 1989 die Meisterschaft und 1991 den UEFA-Cup. Danach folgte eine Phase der relativen Erfolgslosigkeit, die international jedoch durch zwei weitere UEFA-Cup-Siege versüßt wurde. Hierzu ist allerdings anzumerken, dass die italienischen Mannschaften den Wettbewerb in den 90er Jahren absolut dominierten (8 von 11 Titeln gingen zwischen 1989 und 1999 an Teams aus der Serie A). In der heimischen Liga musste sich Inter hingegen hinter Juventus und Milan als dritte Kraft einreihen und gewann erst im Jahre 2006 wieder die Meisterschaft. Dabei profitierte man von der Aufdeckung des Calciopoli-Skandals und dem folgenden Zwangsabstieg von Juventus sowie dem Punktabzug beim AC Milan. Inter hatte das Glück, dass eine Beteiligung am Skandal nicht nachgewiesen werden konnte und bekam nachträglich den Titel zugesprochen, obwohl man eigentlich mit 15 Punkten Rückstand nur Dritter geworden war. Im folgenden Jahr konnte man die Abwesenheit von Juve (Zwangsabstieg in Serie B) und Milan (8 Punkte abgezogen) nutzen, um sich an der Spitze festzusetzen.

Es folgte die national erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte mit inzwischen fünf Scudettos in Folge. Trotz des nationalen Erfolges war man in der Chefetage jedoch nicht ganz zufrieden. Es fehlte der internationale Erfolg. In der Champions League schied das Team in den vergangenen Jahren meistens früh aus. Ein Trainerwechsel sollte Abhilfe schaffen. Erfolgstrainer Roberto Mancini wurde durch den Portugiesen José Mourinho ersetzt, mit dem Auftrag die Königsklasse zu gewinnen. In seiner ersten Saison bei Inter verteidigte Mourinho zwar die italienische Meisterschaft, scheiterte jedoch im Achtelfinale der Champions League. Im zweiten Jahr wurde es dann besser: 2010 holte das Team das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Kurz nach dem 2:0-Finalsieg gegen die Bayern gab Mourinho seinen Abschied bekannt. Er wird in dieser Saison ersetzt durch Ex-Liverpool- und Valencia-Coach Rafael Benitez.

Mit 18 Meisterschaften ist Inter hinter Juventus der Vize-Rekordmeister. Hinzu kommen sechs Pokalsiege, 3 UEFA-Cup-Siege und 3 Siege in der Champions League (bzw. des Europapokals der Landesmeister). Zudem ist Inter der einzige Club, der seit bestehen der Serie A ausnahmslos mit dabei ist.

Die Mannschaft

Die größte Veränderung fand zweifellos auf der Trainerbank statt. Mourinho hat sein Team aus hochtalentierten Einzelkönnern zu einer taktisch disziplinierten und schwer zu schlagenden Einheit geformt. Benitez kann auf fast den gesamten Kader der letzten Saison zurückgreifen. Die Problemfälle Balotelli und Arnautovic wurden abgegeben, ebenso Ricardo Quaresma – ansonsten blieb das Team beisammen. Namhafte Neuzugänge sucht man ebenso vergeblich. Inter war für die eigenen Verhältnisse extrem zurückhaltend auf dem Transfermarkt. Der Grund dafür ist jedoch weniger Bescheidenheit als die vielen wichtigen Verpflichtungen der letzten Transferperiode (namentlich Eto’o, Sneijder, Milito, Pandev und Lucio).

Tor

Die Nummer Eins bei Inter ist ein ganz großer des internationalen Fußballs. Julio Cesar ist brasilianischer Nationaltorwart und gilt als einer der besten Torhüter der Welt. Er bildet den sicheren Rückhalt hinter einer ohnehin sehr sicheren Abwehr. Als Ersatzmann wurde Luca Castellazzi, langjährige Nummer Eins bei Werders Quali-Gegner Sampdoria, verpflichtet. Mit 35 Jahren liegt er knapp über Inters gefühltem Durchschnittsalter.

Abwehr

Spätestens nach dem Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona in der Champions League hat Inters Defensive Legendenstatus erreicht. Die Mannschaft arbeitet enorm gut gegen den Ball und kann damit selbst die beste Offensive der Welt zermürben. Kernstück dieser Defensive ist eine Viererkette mit einer Menge Qualität und Erfahrung.

Die A-Besetzung der Innenverteidigung besteht aus den beiden 32-Jährigen Lucio und Walter Samuel. Ersterer ist aus Bundesligazeiten bestens bekannt. Letzterer ist ein Verteidiger alter Schule, der keine Gefangenen macht. Fehlende Größe macht der Argentinier mit extremer Robustheit weg. Die beiden ergänzten sich letzte Saison hervorragend und geben in dieser Form eines der besten Innenverteidigerpärchen im Weltfußball ab. Hinter den Beiden stehen die noch erfahreneren Ivan Cordoba (33) und Marco Materazzi (36) als Ersatzkräfte zur Verfügung. Cordoba ist nur unwesentlich größer als Marko Marin, jedoch eine sprungkräftige Urgewalt und daher fast so kopfballstark wie Sebastian Prödl. Dazu ist er auch vielseitig wie Petri Pasanen und kann im Notfall auf beiden Außenverteidigerpositionen aushelfen. Materazzi ist vor allem durch sein Tête-à-tête mit Zinedine Zidane im WM-Finale 2006 in Erinnerung geblieben. Er ist ein beinharter Spieler, der nicht selten den Bogen überspannt, aber dazu ist er eben auch ein richtig guter Verteidiger, der in den letzten beiden Jahren Platz gemacht hat für den “Nachwuchs”.

Physis ist in Inters Viererkette Trumph, das gilt auch für die Außenverteidiger. Kapitän Javier Zanetti darf man mit Fug und Recht als einen der vielseitigsten Fußballer unserer Zeit bezeichnen (übertroffen nur vom einzigartigen Paul Stalteri). Er kann auf beiden Außenbahnen spielen, ist dabei defensiv wie offensiv zu gebrauchen und gibt darüber hinaus auch einen hervorragenden defensiven Mittelfeldspieler ab (wie die Bayern im Champions League Finale erfahren durften). Sein Alter merkt man dem 37-Jährigen kaum an, dafür kann der argentinische Rekordnationalspieler auf die Erfahrung aus 15 Jahren bei Inter und 137 Länderspielen zurückgreifen. Sein 700. Spiel für die Nerazzurri wurde mit dem Gewinn der Champions League gekrönt. Cristian Chivu ist die zweite Option auf der linken Seite der Viererkette. Letzte Saison wurde er meistens dort eingesetzt. Zuvor spielte er auch häufig in der Innenverteidigung. Der Rumäne geht neben den vielen bekannten Namen fast ein wenig unter, dabei ist er Kapitän der Nationalmannschaft und hat bei Ajax, Roma und nun Inter viele Jahre auf höchstem Niveau gespielt. Auf der rechten Seite ist Inters Viererkette noch besser besetzt: Der Brasilianer Maicon gilt zu recht als bester Rechtsverteidiger der Welt und lässt in seinem Spiel wenig Raum für Verbesserungen. Defensiv zuverlässig, zweikampf- wie laufstark, unbändige Energie, sicheres Kombinationsspiel, gute Flanken, unberechenbare Dribblings und dazu noch Torgefahr (beim letzten Aufeinandertreffen mit Werder schoss er das 1:0 im Hinspiel). Er ist der Prototyp des modernen Außenverteidigers und dazu mit gerade mal 29 Jahren der Jungspund in Inters Abwehr.

Mittelfeld

Der Abräumer vor Inters Abwehr heißt Esteban Cambiasso. Der Argentinier – von Diego Maradona unverständlicherweise nicht für den WM-Kader nominiert – ist ein ungemein intelligenter Spieler, der mit seinem überragenden Stellungsspiel Löcher stopft und für die Balleroberung sorgt. Er ist jedoch nicht auf diese Aufgaben beschränkt sondern hat auch offensiv seine Qualitäten. Sein Passspiel ist selten spektakulär, doch für Inters Spiel äußerst wichtig. Er ist der Taktgeber und Motor des Mittelfelds. Für den Platz neben ihm kommen gleich vier Spieler in Frage. Zum einen der oben genannte Zanetti, wenn dieser nicht hinten links benötigt wird. Die zweite Option ist der Serbe Dejan Stankovic. Dies stellt eine etwas offensivere Variante dar. Der Serbe hat seine Qualitäten eher in der Spielgestaltung, doch er gibt auch einen passablen defensiven Mittelfeldspieler ab. Als dritte Option steht der Brasilianer Thiago Motta zur Verfügung, der vor einem Jahr gemeinsam mit Diego Milito aus Genua (nicht Sampdoria) zu Inter kam. Option Nummer 4 ist Sulley Muntari, ein Lauf und kampfstarker Ghanaer, der auch auf der linken Außenbahn eingesetzt werden kann. Mourinho wechselte die Saison über immer wieder zwischen diesen Varianten, abhängig von Gegner und der jeweiligen Form.

Der wichtigste Neuzugang im Mittelfeld war im Sommer 2009 Wesley Sneijder. Der von Real Madrid ausgemusterte Niederländer schlug in seiner ersten Saison in Mailand gleich voll ein und gab der Mannschaft das gewisse Etwas in der Offensive. Sneijder gibt den offensiven Part vor Cambiasso und seinem Nebenmann. Er ist kein Spielmacher im klassischen Sinne, doch vereint viele Eigenschaften, die ihn für den Gegner gefährlich machen. Neben einer guten Übersicht und starker Technik hat er das Auge für den entscheidenden Pass sowie eine gewisse Torgefährlichkeit (wenngleich er für Inter letzte Saison weit weniger torgefährlich war als für Holland bei der WM). Zu seinen größten Stärken gehört die Fähigkeit, aus dem Nichts spielentscheidende Situationen zu kreieren. Sneijder taucht ab und zu unter, um dann plötzlich und unerwartet zuzuschlagen. Mit Werder hat er Anfang 2007 schon Erfahrungen gemacht, als er Ajax fast zu einer unglaublichen Aufholjagd geführt hätte. Als Werderfan erinnert man sich lieber an das Hinspiel.

Angriff

Es wäre völlig falsch, Inter auf eine gute Defensive zu reduzieren. In der K.O.-Phase der Champions League spielte Inter sehr defensiv und destruktiv, doch konnte bei den wenigen Angriffen immer große Torgefahr versprühen. In der heimischen Liga spielt Inter deutlich offensiver, vor allem gegen die kleineren Teams. Die Mannschaft kann sehr wohl Fußball spielen und ist weit davon entfernt Catenaccio zu fabrizieren. In Diego Milito hat Inter einen echten Goalgetter fürs Sturmzentrum gefunden. Der inzwischen 31-Jährige hat im vergangenen Jahr endlich den Sprung zu einem Topteam gewagt, nachdem er zuvor in Zaragoza und Genua seine Torgefährlichkeit unter Beweis gestellt hatte. Als Spätstarter kämpfte er sich über die Serie B und die Niederungen der Primera Division zu Inter, wo er nicht nur den Weggang von Zlatan Ibrahimovic auffing, sondern auch das Champions League Finale, das Pokalfinale sowie das letztlich entscheidende Ligaspiel mit seinen Toren entschied. Seinen Legendenstatus hat er damit sicher. Bei ihm weiß man oft nicht so genau, warum er so torgefährlich ist, denn er wirkt häufig schlecht ins Spiel eingebunden. Vor dem gegnerischen Kasten ist er jedoch eiskalt und nutzt die sich ihm bietenden Chancen auf beeindruckende Weise. Für das Heimspiel gegen Werder ist sein Einsatz wegen muskulärer Probleme fraglich.

In der Spitze gibt Milito seit der letzten Rückrunde meistens den Alleinunterhalter – obwohl zeitgleich mit Samuel Eto’o einer der besten Mittelstürmer der Welt verpflichtet wurde. Mourinho hatte mit dem Kameruner andere Pläne und schulte ihn im Schnelldurchlauf zu einem defensiv ausgerichteten Rechtsaußen um. Eto’o, der in den vergangenen fünf Jahren dreimal die Champions League gewann und für Barcelona in 145 Spielen 108 Tore schoss, zahlte es seinem Coach mit Topleistungen auf der Außenbahn zurück. Dabei büßte er etwas an Torgefährlichkeit ein. In seinem Fall bedeutet das: 17 Tore in 36 Spielen. Auf der anderen Seite setzte Mourinho ab der Rückrunde auf Goran Pandev, der in der Winterpause von Lazio verpflichtet wurde. Pandevs Rolle in Inters System wird gerne übersehen, da er für einen Stürmer sehr wenige Tore schießt. Doch seine unermüdliche Arbeit auf dem linken Flügel erwies sich defensiv wie offensiv als wertvoll. Unter Benitez haben die beiden bislang die Seiten getauscht und werden wohl auch gegen Werder so auflaufen.

Die Taktik

Inters System ist auch nach Mourinhos Abgang weiterhin geprägt von der Arbeit des Portugiesen. Sein Nachfolger Rafael Benitez hat das Erfolgssystem der Rückrunde erstmal übernommen. Das Offensivquartett aus Sneijder, Eto’o, Pandev und Milito stellt sich dabei fast von selbst auf. In der Regel spielt Inter ein 4-2-3-1 System, das formell wie ein 4-3-3 aussieht. Mit drei echten Stürmen auf dem Platz könnte man eine offensive Ausrichtung erwarten. Die Außenstürmer agieren jedoch wie Mittelfeldspieler, übernehmen viele Defensivaufgaben und sollen vor allem die Vorstöße der gegnerischen Außenverteidiger stoppen. Im Gegensatz dazu genießt der offensive Mittelfeldspieler eine Menge Freiheiten und muss weniger für die Defensive arbeiten. Das Ziel ist es, ihn bei Ballbesitz schnell auf Höhe der Mittellinie anzuspielen und dann den entscheidenden Pass auf Milito oder die nachrückenden Außenstürmer zu suchen. Dies macht Inter zu einer hervorragenden Kontermannschaft.

Vor allem in der Hinrunde (vor der Verpflichtung von Pandev) spielte Inter auch häufig ein 4-3-1-2, in Bremen besser bekannt als 4-4-2 mit Raute. Dabei erhält Milito im Sturmzentrum Unterstützung von Eto’o. In Stankovic, Motta und Muntari hat Inter genügend Spieler im Kader, die gut für die Halbpositionen der Raute geeignet sind. Inter interpretiert die Raute jedoch nicht so beweglich wie Werder, legt den Fokus weiterhin auf Raumkontrolle und die Absicherung vor der Abwehr. Dennoch ist die Ausrichtung mit dieser Formation meist offensiver. Unter Benitez dürfte dieses System allerdings nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen.

Die Ausfälle von Naldo, Fritz, Frings und Pizarro sprechen dafür, Inter im eigenen Stadion zunächst das Spiel machen zu lassen. Das Ziel sollte es sein, Inters Viererkette so weit wie möglich nach vorne zu locken und dann über schnelle Konter und Vertikalpässe zu überwinden. Inter wird kaum mit einem Sturmlauf beginnen, so dass man sie ruhig etwas kommen lassen darf, wenn man die Konzentration aufrecht erhält. Sobald Inter die Sicherheitsstufen erhöht, wird es für Werder sehr schwierig werden sich Torchancen zu erspielen. Deshalb wäre ein frühes Gegentor, für das Werder wie wir alle wissen immer gut ist, in diesem Spiel besonders schlimm. So offensiv aufgestellt wie gegen den HSV sollte man auf keinen Fall beginnen. Bislang hat Schaaf in dieser Saison auswärts auf einen zweiten Stürmer verzichtet und wird dies beim Champions League Sieger sicher nicht ändern. Ich gehe von einem 4-2-3-1 aus, um Inters System möglichst gut zu neutralisieren. Spannender ist da schon die Frage nach dem Personal. Wesley muss nach Fritz Verletzung wohl wieder auf der rechen Seite ran, so dass im Mittelfeld ein Platz vakant ist. Neben Bargfrede könnte daher Borowski zurück in die Startelf rücken, vielleicht auch Daniel Jensen. Vorne rechts hofft Arnautovic auf einen Einsatz gegen sein Ex-Team, doch er scheint bei Schaaf momentan einen schweren Stand zu haben. Viele Alternativen gibt es auf der Position jedoch nicht.

Der Ausblick

Inters stärkste Elf besteht fast ausnahmslos aus Weltklassespielern und verfügt über immense Erfahrung. Hinter der Stammformation sieht man jedoch schon ein gewisses Leistungsgefälle. Bis zur Nummer 15 oder 16 sieht es noch sehr gut aus, doch danach kommen einige Namenlose und alte Recken, die nicht mehr erste Wahl sind (Cordoba, Materazzi). Inter hat es bislang verpasst, talentierte Nachwuchsleute wie Balottelli und Arnautovic ins Team zu integrieren und könnte in absehbarer Zeit ein Problem mit einer überalterten Mannschaft bekommen. Momentan muss man jedoch anerkennen, dass Inter ein hervorragendes Team hat, das mit zum Besten im Vereinsfußball zählt. Der Saisonstart ist geglückt: Inter ist Tabellenführer, auch wenn es am Wochenende die erste Niederlage gab. Beim AS Rom verlor Inter durch ein Last-Minute-Tor mit 0:1, wobei sich beide Teams über 90 Minuten neutralisierten.

Inter hat noch nicht wieder die Form der letzten Rückrunde erreicht und ist aktuell sicher nicht unschlagbar. Dennoch geht Werder als klarer Außenseiter in die Spiele gegen den Champions League Sieger. Besonders im Auswärtsspiel wird es für Werder mit den aktuellen Personalsorgen sehr schwer. Ein Unentschieden in San Siro wäre schon ein Achtungserfolg. Die (erfolgreichen) Spiele gegen Inter vor zwei Jahren sollte man nicht überbewerten, denn seitdem hat Inter die halbe Mannschaft (darunter die komplette Offensivabteilung) ausgetauscht. Am letzten Spieltag der Gruppenphase geht es zuhause gegen Inter hoffentlich noch ums Weiterkommen, deshalb hoffe ich auf ein überragendes Spiel von Werder und einen knappen Heimsieg.

So erwarte ich Inter:

Meine Tipps: Auswärtsspiel 1:1, Heimspiel 1:0.

Squirrel!

Champions League, 1. Spieltag: Werder Bremen – Tottenham Hotspur 2:2

Ein Heimsieg gegen Tottenham wäre ein perfekter Start und wichtig für den weiteren Verlauf dieser Gruppenphase gewesen. Nach einer halben Stunde schien selbst ein Unentschieden nicht mehr im Bereich des Möglichen. In dieser Rolle fühlt sich Werder allem Anschein nach am wohlsten und holte am Ende ein 2:2, das mehr Fragen offen lässt als es beantwortet.

Fehler im System oder nur in der Umsetzung?

Das 4-4-2 mit Raute sollte es im Heimspiel wieder einmal richten. Es zeichnet sich langsam ab, dass dies momentan Schaafs Vorstellung ist: Zuhause die Raute und auswärts das 4-2-3-1. Tottenhams Trainer Redknapp hatte schon vor dem Spiel die Lehren aus Werders Heimsieg gegen Sampdoria und der eigenen Pleite in Bern gezogen und sein System vom klassischen 4-4-2 auf eine Art 4-5-1 umgestellt. Huddlestone gab dabei einen sehr tief stehenden Ausputzer vor der Abwehr und vor ihm spielten vier Spieler leicht versetzt: Jenas in der Mitte (der einen guten Job machte, abwechselnd auf Werders Aufbau zu pressen und Räume zuzulaufen), Lennon auf rechts, Bale auf links etwas offensiver und van der Vaart überall zwischen den Linien. Es lässt sich im Nachhinein nicht einmal sagen, ob diese Taktik Werder den Zahn gezogen hat, denn von Anfang an war das Bremer Mittelfeld nicht richtig sortiert.

Werder begann das Spiel, wie schon so oft in letzter Zeit: Unkonzentriert und fehlerhaft. Thomas Schaaf hatte vor dem Spiel auf die Frage, ob Werder mit Raute spiele geantwortet: “Wenn wir es hinkriegen.” Sie kriegten es nicht hin. Wesley machte seine Sache auf der linken Seite der Raute insgesamt gut, doch ihm fehlt noch etwas die Abstimmung mit den Kollegen. Auf der anderen Seite musste Bargfrede immer wieder Fritz gegen den überragenden Bale unterstützen. Marin zog es wie zu erwarten immer wieder auf die linke Außenbahn, so dass hinter den Spitzen ein großes Loch klaffte, das Frings nach dem Rückstand immer wieder zu schließen versuchte. So fehlten schon im Aufbau für die Innenverteidiger die Anspielstationen. Erst nach der Einwechslung von Hunt für Bargfrede und der Systemumstellung auf 4-2-3-1 bekam Werder einen Dreh in das Spiel.

Wichtiger Rollentausch

Es ist vielleicht die entscheidende Stärke von Werder, auch nach desaströsen Auftritten noch irgendwie zurück in die Spur zu finden und aus bereits verloren geglaubten Spielen noch etwas mitzunehmen. Almeidas Anschlusstreffer war zur Pause schmeichelhaft, doch vor allem ein Zeichen dafür, dass die Umstellung die richtige Entscheidung war. Hunt spielte die Rolle im zentralen offensiven Mittelfeld um Längen besser als Marin, der dafür vom linken Flügel seine Stärken ausspielen konnte. Werder ersparte sich zudem eine Zitterpartie, da Marin schon kurz nach der Pause den Ausgleich erzielte und bei den Spurs van der Vaart verletzt ausgewechselt werden musste. Mit Keane kam ein zweiter Stürmer, den Werder besser im Griff hatte als den Holländer. Das defensive Mittelfeldduo Frings und Wesley machte seine Sache ganz gut, dafür dass man während des Spiels umstellen musste. Wesley hat nun in zwei Spielen auf drei unterschiedlichen Positionen gespielt und auf jeder gute Ansätze gezeigt. Allerdings war er auf keiner von ihnen so stark, dass man sagen kann: Das ist es! Er braucht sicherlich weitere Eingewöhnungszeit und es werden noch Gegner kommen, die sich zum Einspielen besser eignen als Bayern und die Spurs.

Was mich am meisten überraschte, war die Tatsache, dass Mikael Silvestre auf seiner Seite gegen den doppelt so schnellen Lennon deutlich weniger Probleme hatte, als Fritz mit den Flankenläufen von Bale. Für Werder war es ein Glück, denn da auch Fritz sich zurück ins Spiel kämpfte, konnte die Bedrohung über außen in der zweiten Hälfte in Grenzen gehalten werden. Nach dem Ausgleich hatte Werder das Spiel eine Viertelstunde lang im Griff, bis sich Tottenham aus der Umklammerung löste und wieder eigene Chancen herausspielte. Das Siegtor hätte beiden Mannschaften gelingen können, doch letztlich war kein Team konsequent genug vor dem Tor. Das Unentschieden war daher für beide Mannschaften am Ende verdient, was für Werders Steigerung in der zweiten Hälfte spricht. Das Ergebnis spricht insgesamt aber eher für die Spurs, die nun zumindest im direkten Vergleich schon ein kleines Plus stehen haben. Die Gruppe könnte am Ende enger werden als vorher erwartet, doch Favorit auf den Sieg ist Werder eigentlich nur noch im Heimspiel gegen Twente Enschede. Für diese Mannschaft muss das aber kein Nachteil sein.

Warum fehlt die Konzentration?

Welche Erkenntnisse bringt das Spiel? Marko Marin ist kein Spielmacher, doch das hätte Schaaf schon vorher klar sein müssen. In der Kombination aus Formation und Personalauswahl hat er sich verzockt und seinen Fehler zum Glück nach 35 Minuten korrigiert. Die verfehlte Taktik kann jedoch nur eine Teilerklärung für Werders unglaubliche Passivität in der ersten halben Stunde sein. Ähnliche Situationen kommen so häufig vor, dass man eher auf ein generelles Problem mit der Konzentration schließen kann. Vielleicht ist Werder wie der Hund aus dem Film Up.* Es ist endlich wieder Champions League, das Flutlicht ist an, die Hymne erklingt, jeder will alles besonders gut machen, ist voll konzentriert auf seine Aufgabe. Und dann kommt das Eichhörnchen. Wer hat das bloß mit ins Stadion gebracht?

* Die Idee habe ich aus dieser Folge der Daily Show übernommen.

Werder Bremen – Tottenham Hotspur (live)

Darf ich vorstellen: Tottenham Hotspur

Werders erster Gegner in der Gruppenphase der Champions League ist Tottenham Hotspur.

Der Verein

Im Gegensatz zu den Stadrivalen Chelsea und Arsenal bekommen die Hotspurs nicht den Zusatz “London” hinten drangehängt. Es geht also doch. Der Verein heißt Tottenham Hotspur FC, wird aber meistens in der Mehrzahl “Hotspurs” oder kurz “Spurs” genannt. Gegründet wurde der Club 1882 im Norden Londons. Der Name geht auf einen britischen Adeligen des 14. Jahrhunderts zurück. Wonach soll man einen Verein auch sonst benennen? Ursprünglich hieß der Verein einfach nur Hotspur Football Club, was später um den Zusatz “Tottenham” erweitert wurde, um eine Abgrenzung zum Verein London Hotspur zu schaffen. Sir Henry “Hotspur” Percy muss ein wirklich beliebter Adeliger gewesen sein damals.

Haupteigentümer der Spurs ist die englische Investmentgesellschaft ENIC. Deren Miteigentümer Daniel Levy ist praktischerweise auch gleich Vorstandsvorsitzender des Clubs. Finanziell steht Tottenham trotzdem im Schatten der Big Four und der Neureichen Citizens aus Manchester. Sportlich hat sich dies gerade geändert, doch dazu später mehr.

Die Heimspiele bestreiten die Spurs in der White Hart Lane, einem schnuckeligen Stadion mit 36.000 Plätzen. Durch das geringe Fassungsvermögen und das Alter des Stadions – das gebaut wurde, als unser Verein gerade erst in der Gründungsphase war – stellt es einen Nachteil gegenüber den Konkurrenten dar. Deshalb soll ein neues Stadion gebaut werden, das 55.000 Zuschauern Platz bietet und etwas moderner daherkommt. Bis dahin dauert es aber noch etwas, sodass Werder im November zu Gast in der White Hart Lane sein wird.

Historie

Schon vor 109 Jahren gewann Tottenham den ersten nationalen Titel: Im FA-Cup-Finale besiegten sie im Wiederholungsspiel Sheffield United und holten damit den Pokal. Insgesamt stehen heute acht FA-Cup-Siege auf dem Briefkopf, wovon der letzte jedoch schon 19 Jahre her ist. Seitdem kam an Titeln nur noch der Ligapokal (Carling Cup) 1999 und 2008 hinzu. Die große Zeit der Spurs liegt also schon einige Jahre zurück.

Eigentlich kann man nicht von einer großen Zeit der Spurs sprechen. Die Titelgewinne (2 Meisterschaften, 2 UEFA-Cup-Siege, 1 Europapokal der Pokalsieger-Sieg) liegen über mehrere Jahrzehnte verteilt. Tottenham war immer gut dabei, hatte jedoch nie eine herausragende Stellung im englischen Fußball. Die Meisterschaften 1951 und 1961 waren dennoch bemerkenswert: 1950 war Tottenham in die erste Liga aufgestiegen und marschierte in der folgenden Saison direkt zum Titel. Bekanntester Spieler der damaligen Mannschaft dürfte Alf Ramsey sein, der 1966 die Three Lions als Trainer zum ersten und einzigen Triumph bei einer Weltmeisterschaft führte. 1961 gewannen die Spurs als erste Mannschaft das Double aus Meisterschaft und FA-Cup. Ein ähnlicher Coup sollte danach nicht mehr gelingen, doch der Anfang der 1960er war die wohl beste Zeit der Nord-Londoner. Im folgenden Jahr schaffte man es bis ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister, wo gegen den späteren Sieger Benfica Feierabend war. Ein Jahr später gewann man als erstes britisches Team einen Europacup, nämlich den der Pokalsieger, durch ein 5:1 Feuerwerk gegen Titelverteidiger Atletico Madrid.

Die 70er waren international erfolgreich (UEFA-Cup Sieg 1972), doch national eher ernüchternd. 1977 stieg man in die Second Division ab. Ähnlich wie bei Werder 1980 wirkte der Abstieg wie eine Frischzellenkur. Anfang der 80er war Tottenham so stark wie lange nicht. Die Spurs gewannen den FA-Cup 1981 und 1982 sowie den UEFA-Cup 1984. Mit dem FA-Cup-Sieg 1991 endete die Phase der Titelgewinne. Mit Gründung der Premier League 1992 verloren die Spurs an Bedeutung und fanden sich Mitte des Jahrzehnts im Abstiegskampf wieder. Trotz namhafter Spieler, wie Jürgen Klinsmann, Paul Gascoigne, Teddy Sheringham, Sol Campbell und Gary Lineker kam Tottenham über Jahre nicht aus dem Mittelfeld der Liga hinaus.

Dies änderte sich erst 2005 unter dem späteren HSV-Trainer Martin Jol, der als Assistent von Jacques Santini in die Saison ging und nach dessen Rücktritt zum Cheftrainer wurde. 2006 stand das Team vor dem großen Durchbruch, doch mit einer Niederlage im letzten Spiel, bei dem die halbe Mannschaft infolge einer Viruserkrankung nicht antreten konnte, rutschte man noch hinter Arsenal auf Platz 5. In der Folge setzte sich Tottenham als größter Herausforderer der Big Four in der Spitzengruppe der Tabelle fest. Nur die Saison 2008/09 unter Juande Ramos bildete eine Ausnahme. Nach katastrophalem Start wurde Harry Redknapp neuer Trainer und sicherte am Ende immerhin Platz 8. In der vergangenen Saison konnte Tottenham zum ersten Mal in die Phalanx der Big Four eindringen und platzierte sich vor Liverpool sowie den Mitkonkurrenten Manchester City und Aston Villa auf Platz 4. Durch den Sieg über Young Boys Bern in der Qualifikation spielen die Spurs nun zum ersten Mal in der Champions League.

Die Mannschaft

Kurz vor (bzw. nach) Ende der Transferperiode fiel Tottenham durch einen spektakulären Transfercoup auf: Der Ex-Hamburger Rafael van der Vaart wurde für eine erstaunlich geringe Ablöse von Real Madrid verpflichtet. Ein Transfer, der das Team nach Ansicht von Bayernprofi Arjen Robben in der Premier-League-Hierarchie vor den FC Arsenal katapultiert. Nun ja. Die Stärken/Schwächen des Holländers sollten noch bekannt sein. Fraglich, wie sehr er schon im Spiel der Spurs integriert ist.

Tor

Erster Torwart ist seit zwei Jahren der Brasilianer Heurelho Gomes, der auch schon elf Einsätze in der Selecao hatte. Gomes hat sich nach eher schwachem Start zu einem überdurchschnittlichen Torhüter in der Premier League gemausert. Er hat nicht die ganz große Klasse eines Peter Cech oder Edwin van der Sar, aber er spielte letzte Saison sehr beständig und kann an guten Tagen schon mal zur unüberwindbaren Hürde werden. Nun ist er jedoch verletzt und wird am Dienstag vom ehemaligen Chelsea-Keeper Carlo Cudicini ersetzt, mit dem Werder in der Champions League schon gute Erfahrungen gemacht hat.

Abwehr

Tottenhams Defensive hat sich in den letzten Jahren stabilisiert. 2008 kassierte man in 38 Spielen noch 61 Gegentore – eine Quote, die selbst für Werder beschämend wäre. In der letzten Saison waren es nur noch 41 Gegentore; lediglich vier Mannschaften kassierten weniger. Mit William Gallas (der Mann, der Chelsea vor vier Jahren im Zorn darüber verließ, dass Michael Ballack seine Rückennummer 13 bekommen sollte, und angeblich damit drohte, Eigentore gegen seinen Verein zu schießen, falls er nicht wechseln dürfe) hat man einen sehr erfahrenen Mann für die Innenverteidigung verpflichtet. Der Franzose, der vom Erzrivalen Arsenal ablösefrei zu den Spurs wechselte, verfügt über große internationale Erfahrung und ist trotz einer eher unglücklichen Zeit als Arsenal-Kapitän ein potenzieller Führungsspieler. Schwächen er durch seine für einen Innenverteidiger geringe Körpergröße am ehesten in der Luft.

Gallas Konkurrenten um die beiden Plätze in der Innenverteidigung sind die Routiniers Ledley King und Michael Dawson, sowie der Kameruner Sébastien Bassong. Bei King, dem eigentlichen Kapitän der Mannschaft, ist die körperliche Fitness das größte Problem. Das Eigengewächs der Spurs leidet seit Jahren unter chronischen Knieproblemen und kann nur selten mit der Mannschaft trainieren. Sein Einsatz am Dienstag wäre wichtig, weil mit Dawson sein Stellvertreter verletzt ausfällt. Beide zählen zu den besten englischen Innenverteidigern und standen auch bei der WM im Kader der Three Lions. Außer Bassong kann auch der Franzose Younes Kaboul in der Innenverteidigung aushelfen, wie am letzten Samstag gegen West Brom. Kein Thema mehr ist Jonathan Woodgate, der seine größte Zeit zu Beginn seiner Karriere bei Leeds United hatte und auch einige Jahre bei Real Madrid unter Vertrag stand. Nun ist der 29-Jährige bei Tottenham auf dem Abstellgleis und weder in der Premier League noch in der Champions League in Redknapps 25er Kader.

Auf der linken Seite der Viererkette spielt der kameruner Nationalspieler Benoit Assou-Ekotto. Vor einem Jahr sorgte er mit seiner “Fußball ist nur ein Job”-Aussage für einiges Aufsehen auf der Insel. Seine Leistungen lassen jedoch keine Zweifel an seiner Professionalität aufkommen. Alternativ könnte auch Gareth Bale auf der Position spielen, der seinen Stammplatz inzwischen jedoch im linken Mittelfeld hat. Der Waliser hat eine rekordverdächtige Negativstatistik vorzuweisen: Er brauchte ganze zwei Jahre, bis er 2009 das erste Spiel mit Tottenham gewann. Assou-Ekotto tut auf seiner Seite mehr für die Offensive als sein Gegenpart Vedran Corluka. Der Kroate ist ein grundsolider und zweikampfstarker Rechtsverteidiger, der auch unter Slaven Bilic in der Nationalmannschaft eine wichtige Rolle spielt.

Mittelfeld

Für das defensive Mittelfeld hat Tottenham in Tom Huddlestone und Wilson Palacios zwei hochklassige Spieler im Kader. Huddelstone ist ein abgeklärter Spieler mit guter Übersicht und spielt zudem hervorragende lange Bälle in die Spitze. Palacios ist eher der Typ Wadenbeißer, der mit viel Laufarbeit und Zweikampfhärte agiert. Eine der beiden zentralen Positionen wird gelegentlich auch von Luka Modric eingenommen. Der Kroate, den Werder noch aus der CL-Quali vor drei Jahren kennen sollte, ist ein technisch brillanter Spielmacher, der Tottenhams Spiel ordnet und die Angriffe einleitet. Er kann sowohl aus der Tiefe als auch vom linken Flügel aus das Spiel lenken und könnte laut seinem Trainer in jedem Team der Welt spielen. Am Samstag wurde er mit Verdacht auf Beinbruch ausgewechselt, der sich zum Glück nicht bestätigt hat. Für die Partie am Dienstag ist er jedoch fraglich. Sein Landsmann Niko Kranjcar kann seinen Part ebenfalls ausfüllen, ist trotz seinerQualitäten im Passspiel und seiner guten Technik aber kein wirklicher Spielmacher. Der typische Box-to-Box-Spieler Jermaine Jenas ist in der Team-Hierarchie zuletzt ein wenig abgerutscht. Dank seiner Torgefährlichkeit ist er jedoch als Einwechselspieler immer eine Option. Neuzugang Sandro Ranieri von Copa Libertadores Sieger Internacional aus Brasilien ist erst seit wenigen Tagen in England und dürfte im Hinspiel noch keine ernsthafte Alternative sein. Seine Qualitäten wird der 21-Jährige allerdings haben – er stand immerhin im erweiterten WM-Kader Brasiliens.

In Aaron Lennon hat Tottenham einen schnellen und dribbelstarken Flügelspieler für die rechte Seite. Seine Tendenz im Agriffsdrittel nach Innen zu ziehen, hat ihm unter Capello bei der WM den Stammplatz gekostet. Bei Tottenham ist er jedoch eine feste Größe, obwohl in Giovani dos Santos ein starker Konkurrent hinzugekommen ist. Der Mexikaner aus der Jugend des FC Barcelona, der bei der WM überzeugte und für den Best Youth Player Award nominiert wurde, war zuletzt an Galatasaray ausgeliehen. In dieser Saison soll er die Offensivpalette der Spurs erweitern. Er gilt jedoch als undiszipliniert und holte sich gerade einen Rüffel des Trainers ab. Könnte mal ein Kandidat für Werder sein… Auf der anderen Seite lautet die Alternative zu den oben erwähnten Bale und Modric David Bentley. Der hochgelobte Arsenal-Nachwuchsmann konnte seine Vorschusslorbeeren nicht rechtfertigen und kam über die Blackburn Rovers 2008 zu den Spurs. Dort kommt er momentan nicht über die Rolle als Ergänzungsspieler hinaus.

Angriff

Offensiv steht Tottenham etwas im Schatten der Tormaschinen FC Arsenal und Manchester United, sowie in der letzten Saison vor allem dem 103-Tore-Team FC Chelsea. 67 Tore in der letzten Spielzeit sind jedoch ein gutes Ergebnis. Der Star im Angriff heißt seit der letzten Saison endültig Jermain Defoe. 18 Saisontore erzielte er in der Liga – davon alleine fünf beim 9:1 Torfestival gegen Wigan im letzten Herbst. Auch in der Nationalmannschaft zeigt er sich treffsicher und traf zuletzt gleich dreimal im Spiel gegen Bulgarien. Leider erlitt er nun eine schwerwiegende Knöchelverletzung, die ihn drei Monate pausieren lässt. Damit verpasst er beide Spiele gegen Werder. Defoes Sturmpartner heißt entweder Peter Crouch oder Roman Pavlyuchenko. Der 201 Zentimeter große Crouch dürfte nicht nur wegen seines Roboter-Tanzes den meisten ein Begriff sein. Er ist seit letzter Saison zurück in Tottenham, wo er vor zwölf Jahren seine Profikarriere begann (jedoch nie zum Einsatz kam) und schoss das Team mit seinem Treffer am 38. Spieltag gegen ManCity und einem Hattrick im Rückspiel gegen Young Boys Bern in die Champions League. Der Russe Pavlyuchenko ist der Hugo Almeida Tottenhams. Er ist weder unumstrittener Stammspieler noch zeigt er durchgehend Topleistungen, doch bei den Fans hat er einen gewissen Kultstatus erreicht. Seinen großen Auftritt hatte er bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren, wo er zu den auffälligsten Spielern der Russen zählte. Robbie Keane ist seit seiner Rückkehr aus Liverpool nicht mehr erste Wahl. Seine besten Zeiten hatte der irische Rekordtorschütze an der Seite von Dimitar Berbatov. In der letzten Rückrunde war er an Celtic Glasgow ausgeliehen.

Die Taktik

Trainer Harry Redknapp ist in taktischen Belangen ein britischer Coach alter Schule. Tottenham spielte unter ihm bislang eigentlich immer im klassischen 4-4-2, wobei manchmal einer der zentralen Mittelfeldspieler den kreativen Part übernimmt (Modric) und der andere ihn defensiv absichert (Palacios oder Huddelstone). Häufiger wird jedoch die defensivere Variante mit zwei Defensiven in der Mitte, Modric auf links und einem echten Flügelspieler auf der rechten Seite gewählt. Im Angriff sind die Aufgaben ebenfalls verteilt. Pavlyuchenko oder Crouch gibt die Sturmspitze und wird von einem der beweglicheren Defoe oder Keane flankiert.

Ohne Defoe haben die Spurs jedoch ein Problem: Eigentlich wäre Pavlyuchenko der nächste in der Hierarchie, der neben Crouch rücken würde, doch damit wäre der Angriff spielerisch stark limitiert. Am Wochenende gegen West Bromwich Albion ließ Redknapp daher Neuzugang van der Vaart als hängende Spitze in einem 4-4-1-1 spielen. Da sich Modric in dem Spiel am Bein verletzte und sein Einsatz am Dienstag fraglich ist, ist der Schritt zum 4-2-3-1 nicht mehr groß. Gegen Werder sicher ein erfolgsversprechenderes System, als das rigide 4-4-2. Mit Palacios, Huddelstone und Kranjcar hat man hervorragende Spieler, die Werder im Zentrum das Leben schwer machen können. Dazu Crouch als Prellbock vorne drin und den pfeilschnellen Lennon, der vom Flügel nachrückt. In van der Vaart hätte man zudem einen Spieler für die besonderen Momente, für die sonst Modric zuständig ist.

Tottenham ist in allen Mannschaftsteilen gut bis sehr gut besetzt und auch ohne Defoe und Modric keinesfalls ein einfacher Gegner. Der Kader hat die nötige Tiefe, die drohenden Ausfälle aufzufangen. Mit zwei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern ist man im Zentrum stabiler als mit Modric, was gerade im Auswärtsspiel wichtig ist. Ich bin mir nicht sicher, ob Werder eher mit Raute oder eher im 4-2-3-1 spielen sollte. Nimmt man das Spiel gegen die Bayern zum Maßstab, müsste vor allem das Zusammenspiel zwischen Wesley und seinen Neben- wie Hinterleuten noch besser funktionieren. Spielt Tottenham ohne Modric bräuchte Werder zudem eher jemanden, der zwischen Viererkette und Mittelfeld der Londoner agiert. Ich bin gespannt, ob Wesley das im Repertoire hat. Die Raute hätte den Vorteil, dass ein zweiter Stürmer spielen kann. Arnautovic kann sein raumgreifendes Spiel besser zur Geltung bringen, wenn er einen Fixpunkt im Sturmzentrum hat. Pizarros Rückkehr ist unwahrscheinlich, daher kommt nur Almeida in Frage.

Der Ausblick

Mit Tottenham hat Werder einen guten Gegner zum Auftakt erwischt. Im direkten Duell gegen den vermeintlich größten Konkurrenten um Platz 2 weiß man somit früh wo man steht. Es braucht nicht taktiert werden, wie es vielleicht bei einem Auswärtsspiel am 1. Spieltag der Fall wäre. Mit einem Sieg kann man frühzeitig die Weichen auf Achtelfinale stellen. Genau diese Spiele haben Werder 2007 und 2008 das Weiterkommen gekostet: Gegen Olympiakos und Panathinaikos gab es bittere Heimpleiten. Noch einmal sollte dies nicht passieren.

Ich halte die Teams insgesamt für etwa gleichstark, wobei Tottenhams Bank etwas besser besetzt ist, wenn denn alle fit sind. Werder hat durch die vergangenen Champions League Teilnahmen einen Erfahrungsvorteil, die Spurs in Crouch, Gallas oder van der Vaart jedoch ebenfalls königsklassen-erprobte Spieler in den Reihen. Ich gehe in den beiden Spielen jeweils von einem Sieg für die Heimmannschaft aus. Sollte eines der beiden Teams sein Heimspiel nicht gewinnen, könnte dies am Ende über das Weiterkommen entscheiden.

So erwarte ich Tottenham:

Meine Tipps: Heimspiel 3:1, Auswärtsspiel 1:2