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Nur noch Formsache?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein. Fußballdeutschland* überschreitet ihn allerdings traditionell gerne und ohne zu zögern. So lautet die wichtigste Frage vor dem Finale nicht etwa, wie man Argentinien schlagen kann, sondern ob Deutschland dort nur als großer oder doch als haushoher Favorit ins Spiel geht.

7:1 gegen den Gastgeber – eine Einordnung

Man kann das Ergebnis des ersten Halbfinals auf unterschiedliche Weise bewerten. Aus historischer Sicht gehören das Spiel und vor allem das Ergebnis jetzt schon zu den bedeutsamsten Spielen der WM-Geschichte. Höchster Halbfinalsieg, höchste WM-Niederlage Brasiliens, höchste Niederlage eines WM-Gastgebers, Kloses 16. WM-Tor usw. usf.

Aus taktischer Sicht war das Spiel ebenfalls interessant, weil es eines der wenigen Spiele im Turnier war, in denen sich das eine Team kein bisschen auf das andere eingestellt zu haben schien, das andere jedoch hervorragend auf das eine. Brasilien machte nahezu alles falsch in diesem Spiel und es ist schwer begreiflich, wie unglaublich amateurhaft sich Brasilien in der ersten Halbzeit anstellte. Marcelo, Dante, David Luiz und Maicon haben in den letzten vier Jahren alle die Champions League gewonnen und wurden vorgeführt, wie B-Jugendspieler, die zum ersten Mal beim Erwachsenenfußball reinschnuppern durften. Die linke Abwehrseite war offen wie ein Scheunentor, das defensive Mittelfeld nicht präsent, Fred war die falscheste aller Lösungen im Angriff gegen Deutschlands hohe Abwehrlinie. Auch diese Liste lässt sich lange fortführen.

Wie kann so etwas in einem WM-Halbfinale passieren? Wenn eine Mannschaft taktisch so viel falsch macht, ist es unwahrscheinlich, dass die Taktik das Problem ist. Sie dürfte viel mehr Symptom einer rein auf den psychologischen Aspekt des Spiels beschränkten Vorbereitung gewesen sein. Der Druck war für Brasilien ohnehin schon groß genug. Wenn das Spiel dann auch noch darauf reduziert wird, für den verletzten Neymar unbedingt gewinnen zu wollen, brennt den Spielern irgendwann die Sicherung durch. Brasilien hat sich vor dem Spiel zu viel mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit dem Gegner. So gerne ich Scolari mag, das war eine richtig schlechte Coaching-Leistung.

Deutschland nutzte die Fehler Brasiliens gnadenlos aus und lieferte insgesamt ein tolles Spiel ab. Doch auch wenn man sich die Finalteilnahme mit insgesamt starken Leistungen verdient hat, ist das unglaubliche Ergebnis mehr den oben genannten Problemen Brasiliens geschuldet als einer deutschen Leistungsexplosion im Halbfinale.

Das langweilige Gegenstück

Im zweiten Halbfinale quälten Argentinien und die Niederlande einander und die Zuschauer zu einem wenig ansehnlichen 0:0 nach 120 Minuten. Ein Spiel für Taktiker, in dem keines der Teams einen Fehler machen wollte. Der Fokus lag einzig und allein darin, dem Gegner seine Stärken zu nehmen, auch wenn dies auf Kosten der eigenen Stärken ging. Ein klassischer Fall von “Angst essen Seele auf”. Wie man mit sehr viel Seele, aber auch mit Pauken und Trompeten aus dem Turnier fliegen kann, bekamen die Teams ja am Vortag schon von Brasilien vorgeführt.

Welche Rückschlüsse lässt dieses Spiel auf das Finale zu? Sehr wenige. Argentinien zeigte sich bei dieser WM als sehr unangenehmer Gegner, der jedoch von vielen unterschätzt wird. Die Gleichung “Argentinien = Messi und sonst nix” geht nicht auf. Auch nicht nach der Verletzung von Di Maria. Javier Mascherano zählt sicherlich zu den besten Sechsern des Turniers und auch Ezequiel Garay ist ein Garant dafür, dass Argentiniens Defensive sattelfest ist. Die Mannschaft spielt keinen aufregenden, aber sehr erfolgsorientierten Fußball. Der Trainer ist dabei äußerst pragmatisch. Bis zum Halbfinale war Argentinien das Team mit dem meisten Ballbesitz. Gegen die Niederlande, die ihre Stärken vor allem im Spiel gegen den Ball haben, verzichtete Argentinien jedoch auf viel Ballbesitz und überließ dem Gegner die Aufgabe, das Spiel über weite Strecken selbst zu machen. Dabei stellten sie sich so weit hinten rein wie Costa Rica in der Schlussphase des Viertelfinals, sondern verteidigten eher passiv im Mittelfeld und machten das Spiel nach der Balleroberung langsam – eher eine Rarität im modernen Fußball.

Defense wins Championships

Zugegeben: Schön ist der argentinische Ansatz bei dieser WM nicht und man muss die Prämisse vom Erfolg, der alle Mittel heiligt, sicherlich nicht teilen. Es lohnt sich aber, das argentinische Spiel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, um zu verstehen, warum dieses Team im Finale steht. Als einzige Mannschaft lag Argentinien im gesamten Turnier noch nicht im Rückstand und hat in der K.O.-Runde in 330 Minuten kein einziges Gegentor kassiert. Auch Deutschland steht bekanntlich nicht nur wegen des 7:1 im Finale, sondern auch, weil es Frankreich am langen Arm verhungern ließ und gegen Algerien trotz mancher Wackler nicht in Rückstand geriet.

Wann ist zuletzt eine Mannschaft mit überwiegend spektakulärem Angriffsfußball Weltmeister geworden? Das ist ein Stück weit natürlich Definitionssache. Die Bedeutung einer sattelfesten Defensive für einen WM-Sieg ist hingegen unbestritten. Spanien hat bei allen drei EM- und WM-Titeln keine Gegentore in der K.O.-Runde kassiert. Italiens einziges Gegentor in der K.O.-Runde 2006 war Zidanes Elfmeter im Finale. Griechenlands drei 1:0-Siege in der K.O-Runde 2004 sind hinlänglich bekannt. Brasilien kassierte 2002 das letzte Gegentor im Achtelfinale. Argentinien verfolgt diesen Ansatz knallhart und nimmt dabei sogar in Kauf, sich der eigenen Offensivstärken zu berauben. Auch, weil man mit Lionel Messi eben einen Spieler hat, der ein solches Spiel auf vielfältige Weise entscheiden kann. Diese Mannschaft wird im Finale sicherlich nicht blind ins Verderben laufen.

Trotz allem glaube ich, dass Deutschland die bessere Mannschaft hat, den besseren (nicht nur schöneren) Fußball spielt und im Finale die besseren Siegchancen besitzt. Die Versetzung Lahms auf den Flügel ab dem Viertelfinale erwies sich als richtig, weil Schweinsteiger als alleiniger Sechser (wer hat sich eigentlich diesen Unsinn ausgedacht, das deutsche System in der K.O.-Runde wieder als 4-2-3-1 darzustellen?) besser spielt, als von mir erwartet. Auch das Festhalten an Khedira in der Startelf hat sich spätestens gegen Brasilien bewährt. Löws bester Zug war allerdings – so leid es mir tut – Boateng statt Mertesacker neben Hummels spielen zu lassen.

In einem einzigen Spiel muss das aber nicht den Unterschied machen. Argentinien hat alle Chancen, das Finale zu einem engen Spiel werden zu lassen, in dem Kleinigkeiten den Unterschied ausmachen. Wenn Mascherano und Biglia das Zentrum dicht halten können und keine individuellen Patzer früh den Matchplan versauen, könnte es ein Spiel werden, das durch eine einzige Aktion entschieden wird. Umso besser, dass Deutschland inzwischen auch bei Standards zu den gefährlichsten Mannschaften gehört.

* Was auch immer das eigentlich genau sein soll. Am ehesten wohl Mainstream-Medien inklusive Experten (via Status, nicht via Fachwissen) und Schland-Patrioten.

Meine EM: Ein Schuss ins Knie

Deutschland – Italien 1:2

Italien schlägt Deutschland in einem sehr guten Spiel verdient mit 2:1 und zieht ins Finale ein. Dieses Spiel hat drei große Sieger: Mario Balotelli, den Doppeltorschützen, Andrea Pirlo, den überragenden Mann auf dem Feld, und Cesare Prandelli, der Löw in diesem Spiel ausgecoacht hat.

Nur ein Trainer zieht sein Konzept durch

Beide Trainer hatten vor dem Spiel angekündigt, dem jeweils anderen das eigene Spiel aufzwingen zu wollen. Prandelli unterstrich dies, indem er sein Team bis auf Rückkehrer Chiellini (für Abate) unverändert ließ und mit Viererkette, Raute im Mittelfeld un zwei Spitzen agierte. Löw stellte hingegen sein Team um, brachte Gomez und Podolski zurück ins Team und überraschte alle mit der Aufstellung von Toni Kroos als zusätzlichem Mittelfeldmann. Dadurch ergab sich eine etwas kuriose Raumaufteilung im 4-2-3-1 mit einem rochierenden Özil und keinem echten Rechtsaußen. Kroos sollte Pirlo unter Druck setzen und erfüllte diese Aufgabe bis zum Seitenwechsel weitgehend gut.

Beide Mannschaften versuchten sich an hohem Pressing und schoben ihre Abwehrreihen weit nach vorne. Durch die Aufstellungen beider Teams konzentrierte sich das Spiel zudem enorm auf das Zentrum, wodurch das Spielfeld extrem verknappt wurde. In der ersten Halbzeit standen häufig alle 20 Feldspieler in einem Quadrat von 25 mal 25 Metern. Deutschland versuchte mit seiner asymmetrische Aufstellung häufig das Spiel nach links zu verlagern, um dann mit einem Pass auf die rechte Seite Boateng in eine gute Flankenposition zu bringen, was einige Male ganz gut gelang. Trotzdem waren es die Italiener, denen diese Spielweise mehr zusagte. Löw muss sich hier schon Fragen gefallen lassen, warum er den Vorteil der Überzahl auf den Außen gegen die Raute zugunsten eines kompakteren Mittelfeldes geopfert hat. De Rossi und Marchisio auf den Halbpositionen wurden viel zu selten aus dem Zentrum zum Doppeln auf die Außenbahn gezogen.

Deutsche Umstellungen können Pirlo nicht stoppen

Löws Konzept ging nicht so auf, wie erhofft, auch weil Schweinsteiger wieder ein schwaches Spiel ablieferte (er wirkte auf mich auch einfach nicht fit). Es ging aber auch deshalb nicht auf, weil man allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz Andrea Pirlo vor dem 0:1 unglaublich viel Zeit ließ. Özil setzt Pirlo unter Druck, zwingt ihn in die Rückwärtsbewegung und geht dann nicht nach. So kann sich Pirlo in aller Ruhe im Mittelkreis drehen, hat fünf Meter Platz vor sich und die nötige Zeit den punktgenauen Pass auf Chiellini zu spielen. Im Eins gegen Eins lässt sich Hummels zu einem unüberlegten Herausrücken verleiten und Cassano schlägt blitzschnell zu. Ball mit Rechts um  Hummels herumgelegt und direkt mit Links geflankt. Ganz große Klasse! Balotelli lässt Badstuber im Kopfballduell keine Chance.

Beim 0:2 schaltet die deutsche Mannschaft nach einer eigenen Ecke nicht schnell genug um. Dieses Mal ist es Montolivo, dem man sehr viel Raum für seinen langen Pass lässt. Dann schießt sich die deutsche Absicherung an der Mittellinie selbst ins Bein: Podolski spielt auf Abseits, während Lahm fünf Meter weiter hinten einen etwas orientierungslos wirkenden Kreisel läuft. Balotelli nimmt den Ball perfekt mit und hämmert ihn in den Winkel. Vor, zwischen und nach den Toren gab es immer wieder Phasen, in denen die deutsche Mannschaft Druck aufbauen konnte und zu Torchancen kam. Diese waren nur selten zwingend, Abschlüsse aus guten Positionen blieben Mangelware und die Fernschüsse entschärfte Buffon gewohnt souverän.

Wechsel bringen nur kurzen Aufschwung

Zur Pause stellte Löw um, brachte mit Klose und Reus für die schwachen Gomez und Podolski zwei beweglichere Spieler. Reus spielte auf dem rechten Flügel und sorgte gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit mit einige schnörkellosen Läufen für Gefahr. Özil konnte nun vermehrt aus der Mitte heraus agieren, während Kroos auf die rechte Seite wechselte. Die zehn Minuten nach der Pause waren die besten von Deutschland, doch danach ebbte das Offensivspiel völlig ab. Deutschland schaffte es in der letzten halben Stunde des Spiels kaum einmal, einen durchdachten Angriff auszuspielen. Die Italiener zerlegten die deutsche Mannschaft nach und nach in die Einzelteile. Das Zentrum wurde verbarrikadiert und die Bälle auf die Außen umgeleitet, wo die deutschen Spieler erschreckend wenig mit ihnen anzufangen wussten. Es gab immer häufiger Situationen, in denen der ballführende Spieler lange keine Anspielstation finden konnte. Dazu kam die immer greifbarer werdende Nervosität die zu vielen Ungenauigkeiten in der Ballverarbeitung führte. Dadurch zirkulierte der Ball langsamer als gewohnt – zu langsam, um damit Löcher in der Mitte zu reißen oder über die Außenpositionen gefährlich vors Tor zu kommen.

Als Löw aufmachte und Müller für Boateng brachte, bekam Italien die Kontergelegenheiten auf dem Silbertablett serviert. Fast wäre es noch einmal spannend geworden, weil die Italiener diese Gelegenheiten kläglich vergaben. Özils Elfmetertor kam jedoch zu spät, um noch einmal Druck auf Italien aufzubauen. Bezeichnend, dass die letzte Aktion des Spiels ein kurz ausgeführter Freistoß war, statt den Ball mit letzter Hoffnung und vollster Überzeugung in den Strafraum zu schlagen. Es wird eine Menge Fragen geben nach diesem Spiel, angefangen bei der gewählten Taktik und der Leistung einzelner Spieler. Tatsache ist, dass Löw sein System an Italien angepasst hat und damit gescheitert ist. Er hat eigene Stärken geopfert und dennoch dem Gegner nicht die Stärke genommen. Auch der Trainer wird deshalb in der Kritik stehen, nicht jedoch seine hervorragende Arbeit, die er seit 2004 in der Nationalmannschaft geleistet hat.

Am Ende steht mit Italien der verdiente Sieger im Finale gegen Spanien. Dort werden die beiden Teams, die die drei letzten Welt- und Europameisterschaften gewonnen haben, auch diesen Titel unter sich ausmachen.

Meine EM: Boring, boring, España?

Portugal – Spanien 0:0 (2:4 i.E.)

Spanien besiegt Portugal im Elfmeterschießen, nachdem in einem über lange Strecken hochklassigen Spiel mit wenigen Torchancen kein Sieger gefunden wurde. Nach dem Spiel wird mehr über mangelnden Unterhaltungswert gesprochen, als über den Finaleinzug der Spanier. Eine Siegesformel gegen den Welt- und Europameister wird immer noch vergeblich gesucht, auch wenn Portugal nah dran war.

Der Tikinaccio

Es fällt noch immer vielen Beobachtern schwer, die defensive Brillanz des Tiki Taka zu erkennen. Vielleicht will man sie auch nicht erkennen. Man interpretiert die spanischen Passorgien im Mittelfeld lieber als Arroganz oder die hohe Ballbesitzquote als Selbstzweck. Dabei ist der “Tikinaccio” in den letzten Jahren das europaweit erfolgreichste Defensivsystem gewesen. Keine Vereinsmannschaft aus den fünf Top-Ligen hat in den letzten vier Jahren weniger Gegentore kassiert, als der FC Barcelona. Auf internationaler Ebene steht Spanien zum dritten Mal in Folge in einem Finale – zum dritten Mal ohne Gegentor in der K.O.-Runde.

Die geringe Beachtung der defensiven Komponente im Spiel der Spanier ist zum Teil Folge des Offensivspektakels, das mitunter dabei herauskommt. Doch gerade gegen ultradefensive Gegner steht nicht die Offensive im Vordergrund, auch wenn dies immer wieder behauptet wird. Weder Spanien noch Barcelona haben ein grundsätzliches Problem mit dem Toreschießen gegen defensive Gegner. Barcelona ist weder gegen Inter 2010 noch gegen Chelsea in diesem Jahr ausgeschieden, weil sie zu wenig Tore geschossen haben. Sie sind ausgeschieden, weil sie zu viele kassiert haben. Das Rückspiel gegen Chelsea hatte Barcelona bereits gedreht, bevor man übermütig in einen Konter lief. Phasen, in denen vorne nicht alles klappt, gibt es immer wieder mal. Trotzdem schafft es der Gegner fast nie, ein Gegentor zu verhindern. Das wiederum schafft Spanien seit Jahren in jedem wichtigen Spiel. Ich wäre sehr gespannt gewesen auf Chelseas Plan B, hätte Barcelona nach der 2:0-Führung gegen einen dezimierten Gegner den Ball so kontrolliert durchs Mittelfeld geschoben, wie Spanien häufig bei dieser EM.

Wir haben den Ansatz des ballbesitzlosen Spiels in seiner Extremform als wirksame Defensivtaktik anerkannt, auch wenn er nur höchst selten funktioniert. Warum erkennen wir den Ansatz des Verteidigens mit Ball nicht endlich an? Oder wollen wir damit warten, bis auch Deutschland wieder einmal daran gescheitert ist? (Was ich nicht hoffe und wo ich auch gute Chancen sehe, dies zu verhindern.)

Frühes Stören, schwacher Abschluss

Viel spannender als die Frage nach der Attraktivität des spanischen Spiels ist die Frage, wie man es bezwingen kann. Hier sind einige Mannschaften bei diesem Turnier bereits auf einem guten Weg gewesen. Auch Portugal lieferte lange Zeit ein hervorragendes Spiel gegen die Spanier ab und brachte sie an den Rand der Niederlage. Wie Italien und Kroatien vor ihnen, versuchte auch Portugal das Aufbauspiel der Spanier früh zu stören. Busquets und Xabi Alonso wurden bei der Ballverarbeitung direkt unter Druck gesetzt. Xavi musste viel nach hinten und zur Seite ausweichen und konnte dem Spiel nicht wie gewohnt seinen Stempel aufdrücken. Die überraschende Spitze Negredo war somit weitgehend isoliert und blieb völlig wirkungslos. Die Entwicklung des portugiesischen Mittelfelds ist beeindruckend. Die Mechanismen zwischen Veloso, Mereiles und Moutinho funktionierten hervorragend und man schaffte es durch geschickte Raumaufteilung auch die Löcher zu stopfen, die Cristiano Ronaldo offen lässt.

Das Spiel war in der ersten Halbzeit auch deswegen so interessant, weil die Außenverteidiger auf beiden Seiten weit aufrückten. Besonders auffällig war dies bei Arbeloa, der auf der rechten Seite teilweise bis auf Höhe der offensiven Dreierreihe vorschob, wodurch Silva weiter im Zentrum agieren konnte. Nicht zufällig hatte der spanische Rechtsverteidiger die erste hochkarätige Chance im Spiel. Auf der anderen Seite hatte Ronaldo dadurch einigermaßen viel Platz und Piqué hatte Mühe und Not gegen ihn zu verteidigen. Spanien fehlte insgesamt die Spielkontrolle, um die Breite durch die aufrückenden Außenverteidiger auszunutzen. Dafür ging man defensiv ein hohes Risiko ein. Del Bosque reagierte in der zweiten Hälfte darauf und stellte seine Offensive nach und nach um.

Mit Fabregas als (falschem) Neuner wurden die Passoptionen im Zentrum erhöht und Spanien bekam mehr Sicherheit ins Spiel. Mit Navas und Pedro bekam die offensive Dreierreihe mehr Breite, wodurch man weniger auf aufrückende Außenverteidiger angewiesen war. Portugals Konter wurden weniger und ebbten in der Verlängerung völlig ab, während bei Spanien vor allem Pedro einige gute Aktionen im Angriffsdrittel hatte.

Späte Dominanz, verdienter Sieger in der Lotterie

Wie zuvor gegen Italien und Kroatien wankte Spanien ein wenig, doch es fiel nicht. Es fiel auch deshalb nicht, weil Portugal es über 120 Minuten nicht fertig brachte, einen Schuss auf Cassillas Tor abzugeben. Torchancen waren ohnehin Mangelware, doch bei allem Lob, das man Bentos Mannschaft für den mutigen Ansatz und das hohe Pressing machen muss, kann man den Torabschluss nur als mangelhaft bezeichnen. Die beste Chance vergab Ronaldo in der Schlussminute  mit einem miserablen Schuss im Strafraum. Deshalb kann ich auch nicht ganz verstehen, dass manche den spanischen Sieg als unverdient bezeichneten. Auch Spanien hatte wenig Torchancen, aber sie zwangen Patricio wenigstens zu einigen guten Paraden und erspielten sich in der Verlängerung ein deutliches Übergewicht, während Portugal das Elfmeterschießen herbeisehnte.

Portugal hat sich bei diesem Turnier ein großes Lob verdient, da man sich von Spiel zu Spiel gesteigert hat und Spanien bis ins Elfmeterschießen zwang. Man war über weite Strecken des Halbfinales ebenbürtig, doch wenn man den Außenseiter-Bonus abzieht, ist die bessere Mannschaft ins Finale eingezogen.

 

Die Champions League Halbfinalisten vor den Rückspielen

Heute und morgen entscheidet sich, wer im Champions League Finale in der Allianz Arena aufeinander trifft. Eine Einschätzung der vier Teams vor den Rückspielen.

Barca braucht einen Kraftakt…

Der FC Barcelona steht (für seine Verhältnisse) mit dem Rücken zur Wand. Nachdem man in der letzten Woche so viele Niederlagen kassierte, wie in der gesamten Saison zuvor, könnte man neben der Meisterschaft auch die Champions League verspielen. Der Substanzverlust macht sich bemerkbar und pünktlich zur crunch time ist die Topform nicht mehr da. Im Hinspiel gegen Chelsea waren zwar einige der von mir unterstellten Probleme zu sehen, doch letztlich hatte man auch einfach ein wenig Pech. Mit besserer Chancenverwertung (die ich abseits von Messi als Schwachpunkt Barcas sehe) hätte man Chelsea schon im Hinspiel jegliche Chancen auf ein Weiterkommen nehmen können.

Gegen Madrid wurde dann aber deutlich, was Barcelona derzeit fehlt: Knackt man den Gegner nicht im Zentrum, schafft man es nicht, alternativ über die Außen so gefährlich zu werden, wie zu besten Zeiten. Es fehlt nicht unbedingt die Breite im Spiel, sondern die Qualität der dafür zuständigen Flügelspieler. Die Stammkräfte sind entweder verletzt (Villa), angeschlagen (Alexis, Affelay) oder außer Form (Pedro). Die Nachwuchsspieler können das noch nicht kompensieren:  Tello hat gegen Madrid die dicksten Chancen vergeben, auch von Cuenca geht keine große Torgefahr aus. So bleibt zu viel Verantwortung bei Dani Alves und Andres Iniesta. Derzeit reicht es, die Räume zwischen den Linien für Messi zu schließen und ihn damit komplett ins Mittelfeld zu ziehen, um eine ernsthafte Chance gegen Barcelona zu haben.

…sonst reicht Chelsea Solidität

Beim FC Chelsea konnte man am Samstag den Eindruck gewonnen, sie hätten gerade einen großen Schritt Richtung Champions League-Qualifikation gemacht. Dabei ist jene nach dem 0:0 bei Arsenal und einem weiteren Sieg von Newcastle in weitere Ferne gerückt – auch wenn man nächste Woche noch das Nachholspiel gegen die Magpies in der Hinterhand hat. Nach dem Unentschieden gegen die Gunners fühlte man sich jedenfalls als moralischer Sieger und wähnt sich weiterhin im Aufschwung, der dem Trainerwechsel folgte. Das Erreichen des Champions League Finales würde diese Narrative weiter untermauern.

Dabei habe ich Chelseas Leistung gegen Barcelona nicht so stark gesehen, wie sie im Nachhinein gemacht wurde. Chelsea spielte defensiv zwar richtig gut und war vorne immerhin effizient, doch wenn man sich Barcelonas Großchancen anschaut, dann wirkt das Loblied auf das blaue “Bollwerk” doch etwas übertrieben. Das Spiel hätte bei identischem Verlauf und etwas besserer Chancenverwertung auch 1:3 ausgehen können. Doch es ist nicht Chelseas Verdienst, dass Barcelona bei eben jener gerade Probleme hat. Ich würde die Leistung jedenfalls nicht über der von Milan im Viertelfinale (und nicht mal sehr weit über der von Bayer Leverkusen beim 1:7, aber das ist ein anderes Thema) sehen. Das Spiel gab mehr Aufschluss über Barcelonas derzeitige Verfassung, als über Chelsea.

Was mir sehr gut gefallen hat, war das Zusammenspiel der drei Sechser, die den Raum vor den Innenverteidiger mit sehr cleverem Verschieben extrem verknappten. Die Rückkehr zum 4-3-3 (das eigentlich maximal ein 4-5-1, in der zweiten Halbzeit eher aber ein 4-5-1-0 war) in diesem Spiel hat sich schon deshalb gelohnt. In Barcelona wird Chelsea vermutlich Ähnliches versuchen, um Messi aus dem Spiel zu nehmen. Nach vorne ist gegen ein mit zunehmender Dauer wohl immer energischer anlaufendes Barca auch mit wenig Risiko etwas möglich.

Obwohl Barcelona auch in derzeitiger Verfassung die bei weitem bessere Fußballmannschaft als Chelsea ist, habe ich große Zweifel, dass man nach dem intensiven Clasico am Wochenende den Kraftakt gegen Chelsea schafft. Man muss unbedingt die Null hinten halten. Sollte Chelsea treffen, wird das Weiterkommen zur Herkulesaufgabe, die ich dem Team derzeit nicht zutraue.

Hat Mourinho zu hoch gepokert?

Real Madrid hat am Wochenende mit einem eindrucksvollen 2:1-Sieg im Camp Nou die Meisterschaft für sich entschieden. Etwas überraschend spielte Mourinho dort mit der selben Startelf wie unter der Woche gegen die Bayern. Ich hatte Madrid im Hinspiel deutlich druckvoller erwartet. In den ersten 15 Minuten war es sehr eindrucksvoll, wie sie die Außenbahnen so hoch zustellten, dass Ribery und vor allem Robben keinen Stich sahen. Im Laufe des Spiels ließ man dann aber nach und war für eine Mannschaft, die von Mourinho trainiert wird, erstaunlich häufig unsortiert. Das lag nur zum Teil an der Leistung der Bayern. Auch hier bin ich der Ansicht, dass die Partie mehr über die Gäste aus Spanien aussagte, als über die Gastgeber.

Hätte Real das Spiel gewinnen müssen, wäre es möglicherweise auch nach hinten losgegangen, doch man hätte die letzte halbe Stunde sicherlich nicht so abgeschenkt. Das war pures Ergebnis halten und es hätte auch beinahe geklappt. Vielleicht wähnte man sich nach dem 1:1 zu sicher und wollte Kraft sparen für den Clasico. Vielleicht wusste Mourinho da schon, dass er vier Tage später mit identischer Aufstellung ins Spiel gehen wollte. Wenn man am Ende ins Finale einzieht, kann man sagen: Alles richtig gemacht, Herr Mourinho. Wenn es schief geht, wird man noch oft an die zweite Halbzeit in der Allianz Arena denken.

Wie gut ist Jupp Heynckes?

Für Bayern München ist die Situation genau andersherum. In der Liga musste man dem BVB erneut den Vortritt lassen, aber in der Champions League hat man mit einer überzeugenden Leistung eine gute Ausgangsbasis für das Rückspiel in Madrid geschaffen – womit längst nicht jeder gerechnet hat. Der Traum vom Finale im eigenen Wohnzimmer lebt weiter und man ist nur ein Unentschieden in Madrid davon entfern, ihn wahr werden zu lassen. Kräftemäßig dürfte man im Vorteil sein. Während sich der Gegner im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft voll verausgaben musste, konnten die Bayern in Bremen munter durchrotieren und viele Spieler schonen. Dieser Aspekt dürfte vor allem dann ins Gewicht fallen, wenn es bis zur Schlussphase noch ein offenes Spiel ist.

Ich bin sehr auf Bayerns Ausrichtung gespannt. Versucht man auf Konter zu spielen und den Gegner kommen zu lassen? Dafür ist man hinten eigentlich nicht stabil genug. Andererseits kommt man auch nur höchst selten in die Verlegenheit, so spielen zu müssen. Es wäre eine kleine Meisterleistung von Jupp Heynckes, wenn er seinem Team für dieses Spiel eine ähnlich diszilpinierte Spielweise ohne Ball einimpfen könnte, wie es Chelsea oder Madrid gegen Barcelona gezeigt haben. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass Bayern sich komplett zurückzieht. Man wird Madrid sicher mehr Ballbesitz gewähren, aber nicht am eigenen Strafraum auf sie warten. Das richtige Maß des Pressings zu finden, ist eine Kunst, die nicht nur einen guten Trainer sondern auch intelligente Spieler erfordert, die den richtigen Moment zum Draufgehen erkennen.

Aufgrund des Auswärtstores ist die Situation für Bayern nicht so komfortabel, wie man es gerne hätte. Solange es 0:0 steht, reicht ein Fehler zum Ausscheiden. Die Gegenstöße über die Außen werden wichtig sein, um neben Entlastung auch eine Chance auf das so wichtige Auswärtstor zu haben. Auch wenn Arjen Robben derzeit viel kritisiert wird, könnte er gegen seinen Ex-Verein zum entscheidenden Mann werden, weil er gegen ein offensives Real mehr Raum für seine Vorstöße bekommen wird.

Insgesamt sehe ich einen leichten Vorteil für Madrid, das neben einer breiten Brust auch über das Spielermaterial in der Offensive verfügt, um gegen Bayern erfolgreich zu sein. Das Rochieren zwischen Özil und Di Maria hat schon in München ganz gut funktioniert, man wird sich jedoch nicht damit begnügen können, das Spiel komplett auf Rechts zu ziehen, um Platz für den in die Mitte ziehenden Ronaldo zu schaffen. Man wird auch einen Xabi Alonso in Topform brauchen (die er gegen Barcelona hatte, im Hinspiel jedoch nicht), um den Spielaufbau flexibel zu halten und für Überraschungsmomente zu sorgen.

Meine Tipps:

FC Barcelona – Chelsea FC 2:1

Real Madrid – Bayern München 3:1 n.V.

Chelsea FC vs. FC Barcelona – Champions League Halbfinale

Wer denkt bei Chelsea gegen Barcelona nicht sofort an Övrebö und das Skandalspiel an der Stamford Bridge?

Seitdem hat sich Barcelona seinen Status als Europas Übermannschaft zementiert, während Chelsea zwar noch einmal Meister wurde, seitdem aber mit mittelgroßen Problemen zu kämpfen hat. Nicht nur, dass man den Anschluss an die beiden Teams aus Manchester verloren hat, nein, man ist derzeit auch in London nur die dritte Kraft hinter Arsenal und Tottenham.

Chelsea FC vor dem Spiel

Jetzt, wo die Saison in ihre entscheidende Phase tritt, steht Chelsea plötzlich gar nicht mehr so schlecht da. Man steht nach einem 5:1 Kantersieg gegen die Spurs im Finale des FA Cups und ist auch in Europa die einzige Mannschaft von der Insel, die den eigenen Ansprüchen nicht hinterherläuft. Selbst in der Liga ist wieder einiges möglich, da Arsenal es am Montag verpasste, auf 10 Punkte davonzuziehen und Chelsea mit einem Sieg im direkten Duell am Wochenende bis auf vier Punkte an Platz 3 herankommen kann – mit noch einem Spiel in der Hinterhand.

Um auf allen drei Hochzeiten erfolgreich zu tanzen braucht man jedoch eine richtige Serie. In der Liga darf man sich keine Ausrutscher mehr erlauben, sonst ist die Champions League Qualifikation futsch. Im Pokal ist die Aufgabe gegen den taumelnden FC Liverpool vom Papier her etwas einfacher, doch die Reds haben auch im Liga-Pokal schon überrascht. Der dickste Brocken steht jedoch mit dem FC Barcelona in der Champions League vor der Nase. Der Respekt dürfte auf Seiten der Katalanen jedoch ebenfalls groß sein, hat man sich doch in den letzten Jahren häufiger hitzige und äußerst Knappe Duelle geliefert. Vom Papier her ist Chelsea klarer Außenseiter, doch die Trendwende, die nach dem Abschied von André Villas-Boas vollzogen wurde, ist bemerkenswert. Während der Portugiese Chelsea in eine leichtfüßigere Zukunft führen wollte und mit seinem Ansatz arrivierte Spieler verprellte, ist sein Nachfolger Roberto Di Matteo erst einmal zum Erfolgsmodell vergangener Jahre zurückgekehrt. Der physische Fußball mit schnellem, direkten Passspiel in die Spitze, der Chelsea lange auszeichnete, kommt den alten Hasen Lampard, Drogba und Terry entgegen. Ob es langfristig eine kluge Entscheidung war, den Spielern klein beizugeben, statt den Trainer zu stärken, wird sich zeigen. Momentan wirkt Chelsea jedoch wie von einer Last befreit.

Das liegt auch an der Systemumstellung, die Di Matteo vorgenommen hat. Das 4-2-3-1 wirkt derzeit stabiler, als es Villas-Boas 4-3-3 jemals tat (obwohl Chelsea das 4-3-3 seit Mourinhos Zeit gewohnt war). Die Doppelsechs vor der Abwehr trägt viel zur Stabilität bei, doch auch allgemein verteidigt man enger, schiebt die zweite Viererkette dicht zusammen und verdichtet so das Zentrum, ein Aspekt, der gegen Barcelonas überladenes Mittelfeld nicht unerheblich ist. Nach vorne spielt man mit Tempo, langen Bällen und der Hoffnung, die physische Überlegenheit irgendwie in Tore ummünzen zu können, um das noch immer an den beteiligten Spielern nagende Ausscheiden vor drei Jahren vergessen zu machen.

FC Barcelona vor dem Spiel

Beim Wettrennen um die spanische Meisterschaft entscheiden kleine Details. Ein Unentschieden hier, eine Niederlage dort und schon ist man hoffnungslos abgeschlagen. Den zwischenzeitlichen 10-Punkte Rückstand auf Madrid einer angeblichen Sättigung an Titeln zuzuschreiben, halte ich für falsch, denn es übersieht, wie stark der Kontrahent seit drei Jahren spielt. Ohne die direkten Duelle wäre Barcelona seit 2009 nicht mehr Meister geworden. Eine Meisterschaft für Madrid wäre angesichts der Dominanz in der Liga einfach fällig. Dabei sind Barcelonas Statistiken auch in dieser Saison wieder beeindruckend. Nur zwei Niederlagen kassierte man in 52 Pflichtspielen. Von den letzten 15 Partien wurden 14 gewonnen, bei einem Unentschieden – dem 0:0 in Mailand.

Noch beeindruckender sind die Zahlen von Lionel Messi. Dachte man schon letzte Saison, dass nach oben hin eigentlich nichts mehr möglich ist, hat er diese Saison noch einmal alles getoppt, was im modernen Fußball auf individueller Ebene bislang erreicht wurde. 41 Tore in 32 Ligaspielen, 14 Tore in 9 Champions League-Spielen, dazu noch zwei Tore im Pokal, zwei bei der Club-WM, eins im UEFA-Supercup und drei im spanischen Supercup. Unterm Strich stehen 63 Tore in 52 Pflichtspielen und ich frage mich langsam, wo das noch hinführt in den nächsten Jahren. Trotz der großen mannschaftlichen Stärke und der Torgefährlichkeit des Mittelfelds (wo Xavi häufiger traf, als je zuvor) scheint man abhängiger von Messi geworden zu sein, was die Tore angeht. Die Chancenverwertung lässt mitunter zu wünschen übrig, was angesichts Messis Omnipotenz selten ins Gewicht fällt. Wenn jedoch eine Mannschaft die übliche Chancenflut unterbindet (wie Milan im Viertelfinale), ist Barcelona an einem weniger überragenden Tag des Argentiniers defensiv beizukommen.

Nicht zuletzt die zahlreichen Verletzungen tragen hierzu bei. Eigentlich ist es für den FC Barcelona eine Seuchensaison: Die Offensivspieler, die letzte Saison neben Messi agierten, plagen sich allesamt mit Verletzungen herum. David Villa ist seit Dezember raus und kämpf um seine EM-Chancen, Pedro hatte immer wieder körperliche Probleme und steckt auch deshalb in einem Formtief und Ibrahim Afellay kehrt gerade von einem Kreuzbandriss zurück, der ihn seit September lahmgelegt hatte. Auch in der Verteidigung traf es Barca schon häufiger, angefangen bei Carles Puyol, der die Saisonvorbereitung verpasste, über Gerard Piqué, dessen Serie an Muskelfaserrissen gut zu Werder Bremen passen würde, bis hin zu Eric Abidal, der sich kürzlich einer Lebertransplantation unterziehen musste. Auf dem Papier ist Barcelona durch die Verpflichtungen von Cesc Fabregas und Alexis Sanchez zwar noch stärker geworden, doch die paar Promille, die über den Ausgang der Meisterschaft entscheiden, könnten vor allem aufgrund der Verletzungen am Ende fehlen.

Prognose

Es fällt schwer sich ein Weiterkommen Chelseas vorzustellen – oder vielmehr ein Ausscheiden Barcelonas. Dennoch würde ich Chelsea nicht als chancenlos ansehen. Zum einen tat sich Barcelona gegen den physischen Spielstil der Blues in den letzten Jahren meist schwer. Zum anderen wirkt Barcelona nicht mehr so unantastbar, wie im Kalenderjahr 2011. Man merkt dem Team an, dass es auf dem Zahnfleisch geht. Die zahlreichen Ausfälle und der Endspurt um die schon verloren geglaubte Meisterschaft haben ihre Spuren hinterlassen. Gegen Milan kam Barcelona zwar verdient weiter, hatte jedoch in beiden Spielen Probleme, sich Torchancen zu erspielen. Zwar muss Chelsea in beiden Spielen alles abrufen, was möglich ist, um überhaupt ein ernsthafter Gegner zu sein. Wenn das gelingt und man (ähnlich wie Milan) das Zentrum verbarrikadiert, haben sie eine realistische Chance. Aber auch dann wird man darauf angewiesen sein, dass Barca nicht den besten Tag erwischt.

Eine der großen Stärken der Katalanen ist allerdings die taktische Flexibilität ihres Trainers. Pep Guardiola ist ein großartiger Analytiker, der die Stärken seiner Mannschaft genau einzuschätzen und anzuwenden weiß. Sollte Chelseas Defensive im Hinspiel zur unüberwindlichen Hürde werden, wird er im Rückspiel entsprechende Anpassungen vornehmen, siehe im Rückspiel gegen Milan, wo er mit der Aufstellung von Cuenca überraschte, der wenig am Spiel teilnahm, aber für die Breite im Spiel sorgte, die im Hinspiel gefehlt hatte. Die Optionen, die Guardiola in der Hinterhand hat, sind trotz der Ausfälle beneidenswert, zumal jeder dieser Squad Player eine neue Facette mit ins Spiel bringt, sei es Keita, Tello, Adriano, Cuenca oder Thiago Alcantara.

Ich erwarte in London ein enges Spiel, mit einem eher zurückhaltend agierenden Titelverteidiger und einem sehr kämpferischen FC Chelsea. Solange Barcelona ein Auswärtstor macht, wäre man auch bei einer knappen Niederlage weiterhin Favorit. Vorlegen muss Chelsea, wenn man ernsthafte Chancen im Rückspiel haben will. Eine interessante Konstellation, die vermutlich nicht zu einem Fußballfest, aber zu einem spannenden taktischen Duell führen dürfte.

Bayern München vs. Real Madrid – Champions League Halbfinale

Live-Blog

23.02

“Wenn ich das so sehe ist das Gelb-Rot, aber der Schiedsrichter hat sich mit Gelb begnügt.” – Regelgott Jupp Heynckes zu Marcelos Foul an Müller.

22.45

Zwei Anmerkungen zum Schluss:

1. Auch wenn es ein Kampf gegen Windmühlen ist, muss es gesagt werden: Die Bildregie ist eine Katastrophe! Eine Großaufnahme jagt die nächste, der Spielverlauf lässt sich so nicht vernünftig mitverfolgen, wenn man quasi nie eine Totalansicht des Spielfelds hat, wenn der Ball in Richtung der Strafräume läuft.

2. Die “Elfmeterszene” von Gomez kurz vor Schluss zeigte mal wieder den Unsinn der Elfmeter-Regel. Auf der linken Seite spielt der Verteidiger klar den Ball. Auf der rechten Seite trifft der andere Verteidiger nur den Spieler. An jeder anderen Position des Spielfelds wäre das ein Freistoß und das Argument, dass der Ball schon weg gewesen sei, würde niemand ernst nehmen (siehe Marcelo-Foul am Ende). Beim Elfmeter stellt die Bestrafung (80%ige Torchance) eine unverhältnismäßige Strafe dar, weshalb kaum ein Schiedsrichter diesen Elfmeter gibt. Das schwammige “Fingerspitzengefühl” soll also eine unsinnige Regel ausgleichen. Kein Wunder, dass es hier so viel Diskussionsstoff gibt.

22.37

Endstand: Bayern München – Real Madrid 2:1.

Den “hochverdienten Sieg”, den Marcel Reif den Bayern attestiert, habe ich nicht gesehen. Es war ein enges Spiel, das die Bayern nach Anfangsnervosität mit offenem Visier angegangen sind und sich schon allein deshalb den Sieg verdient. Andererseits war Bayern selten so zwingend, dass das Ergebnis unabänderlich gewesen wäre.

Eine realistische Chance hat Bayern mit dem Ergebnis in Madrid definitiv. Real wird sich deutlich steigern müssen, was im eigenen Stadion auch mehr als wahrscheinlich ist.

22.37

90+3′ Marcelo mit klar rotwürdigem Foul, sieht aber nur Gelb. Webb, wie er leibt und lebt. Madrid, wie es leibt und lebt.

22.36

90+2′ Noch einmal ein Freitstoß für Madrid, den Neuer locker abfängt. Die Führung hat sich Bayern erkämpft. Sie ist verdient, auch wenn Bayern trotz Feldüberlegenheit wenig richtig gute Chancen hatte.

Gelb gegen Higuain.

22.32

90′ Bayern München – Real Madrid 2:1, Gomez.

Lahm setzt sich stark gegen Coentrao durch und flankt von der Grundlinie flach vors Tor, vor drei Verteidiger und ein Torwart verdutzt zuschauen, wie Gomez den Ball ins Tor spitzelt.

22.29

86′ Erneut eine Kopfballchance für Gomez, dessen Kopfball aber leichte Beute für Casillas ist. Torchancen bekommen die Bayern, doch richtig zwingend werden sie kaum.

22.27

83′ Ribery mit einem Kunststück am Ball, das zwei Gegner aus dem Spiel nimmt. Seine Hereingabe verpasst Robben in der Mitte knapp und Real kann mit etwas Gewürge klären. Ribery fordert anschließend lautstark einen Handelfmeter, aber Pepe bekam den Ball deutlich sichtbar an die Brust.

84′ Letzter Wechsel Madrid: Higuain für Benzema.

22.24

81′ Auch wenn die Bayern tonangebend bleiben, hat Madrid das Zentrum ganz gut zu bekommen. Nach vorne riskiert man kaum noch etwas, warum auch. Bayern auf der Suche nach der entscheidenden Lücke. Richtig gute Torchancen sind Mangelware.

22.21

78′ Nächster Wechsel bei Madrid: Granero kommt für di Maria ins Spiel.

22.19

75′ Nun hat auch Ramos Gelb gesehen, für ein typisches Ramos-Foul: Zu spät, mit Anlauf und voll durchgezogen.

22.15

72′ Nach dem Wechsel sieht es bei Real folgendermaßen aus: Marcelo als offensiver linker Flügelspieler und Ronaldo wechselt auf die rechte Seite.

Gute Chance für Gomez nach Flanke von Lahm, doch sein Kopfball geht übers Tor.

22.13

69′ Bayern hat gut reagiert und übt viel Druck auf Madrid aus, will ein Übergewicht erspielen und Real hinten rein drücken. Madrid hält jedoch früh dagegen und sucht die Zweikämpfe. Es geht viel über Kampf derzeit, den die Bayern annehmen und so in Tornähe kommen.

Mourinho reagiert: Marcelo kommt für Özil.

22.08

64′ Gelb gegen Lahm. Das Spiel ist nicht übermäßig hart und Webb pfeift erwartungsgemäß nicht kleinlich, aber es gibt viele kleinere Fouls und auch einige klar gelbwürdige Vergehen.

22.06

63′ Webb will dann mal seinen Ruf retten und lässt zwei harte Tacklings von Luiz Gustavo weiterlaufen (gab bislang keine Zeitlupe, kann die Szenen nicht richtig beurteilen) und winkt dann auch Pepes Rempler gegen Gomez im Strafraum durch.

22.04

61′ Wechsel FC Bayern: Thomas Müller kommt für Schweinsteiger, der ungläubig guckte, als die Tafel mit seinem Namen hochging. Kroos dürfte nun den zweiten Sechser geben und alles eine Spur riskanter werden.

22.03

58′ Was ich vorhin schreiben wollte, kurz bevor das Tor fiel: Offensiv waren die ersten Minuten der 2. Halbzeit enttäuschend von Madrid. Ein wichtiger Faktor dabei: Xabi Alonso ist völlig aus dem Spiel. Muss sich immer wieder sehr weit nach hinten fallenlassen und es sieht bei weitem nicht immer freiwillig aus. Die Spieleröffnung durch die Innenverteidiger ist schwach, was nichts neues ist, doch normalerweise kann man es über Alonso ausgleichen. Heute gelingt dies weit weniger.

60′ Gelb gegen di Maria wegen Ballwegschlagens

21.56

53′ Bayern München – Real Madrid 1:1, Özil.

Gerade wollte ich Madrids Schwächen in der Offensive beschreiben, da kontert Madrid mit erschreckender Überzahl die Bayern aus. Ronaldo schiebt völlig frei vor dem Tor Neuer den Ball in die Beine, doch Madrid setzt nach und Benzemas Hereingabe wird von Ronaldo hart und flach vors Tor geschossen, wo Özil den Fuß rein hält.

56′ Gelb gegen Coentrao und Xabi Alonso innerhalb weniger Sekunden.

21.48

46′ Es geht weiter. Beide Mannschaften bleiben aufstellungstechnisch unverändert.

21.32

Halbzeit: Bayern München – Real Madrid 1:0

Pausenüberschrift: Zahn gezogen. Die Führung der Bayern ist nicht unverdient, auch wenn die guten Phasen im wesentlich nach dem – irrgulären – Tor kamen, das den Spielverlauf zu dem Zeitpunkt auf den Kopf stellte. Mit der Führung im Rücken spielte Bayern auf und kam zu weiteren Torszenen, während Madrid in vielen Bereichen des Spiels Probleme bekam. Im Zentrum hat Bayern ein Übergewicht, das sich so in den ersten 20 Minuten nicht abzeichnete.

Pausenfrage: Wie viele Zähne hat Madrid noch und wann beißen sie zu?

Ein 0:1 ist ein schlechtes Auswärtsergebnis und Madrid wird im Laufe der Partie sicher den Druck erhöhen wollen. Versucht man bereits in der Anfangsphase der 2. Halbzeit das Pressing zu verstärken oder beschränkt man sich zunächst darauf, die Ordnung, die längst nicht immer stimmte, wieder herzustellen und auf Fehler der Bayern zu warten? Solange für Real die Null steht wird irgendwann der Punkt kommen müssen, an dem man mehr Risiko geht und dann bin ich sehr gespannt auf Bayerns Reaktion.

21.31

45′ Jetzt noch mal eine gute Freistoßchance für Bayern kurz vor der Strafraumgrenze. Kroos tritt ihn, in die Mauer. Eine Minute Nachspielzeit angezeigt, die schon fast wieder rum ist.

21.29

43′ Nach einigen Minuten, als di Maria auf die Zehnerposition rückte und Özil auf den linken Flügel ging, hatten die Bayern große Probleme sich darauf einzustellen. Nach und nach wurde Özil allerdings etwas zur Randfigur. Inzwischen orientiert sich Özil wieder etwas mehr in die Mitte, der linke Flügel bleibt offensiv des öfteren unbesetzt oder wird von Benzema eingenommen.

21.26

40′ Zunächst eine Chance für Benzema, den Alaba nicht am Schuss hindern kann und im Gegenzug spielt Kroos Gomez wunderschön frei und Casillas muss eine starke Parade auspacken, um den Ball übers Tor zu lenken.

21.23

36′ Langsam aber sicher findet Real zurück in die Partie, holt zumindest Standards aus guten Positionen heraus. Alonso bringt ihn von links rein. Gefährliche Flugbahn aber gut geklärt von den Bayern

Kurz darauf übles Foul von Robben an Coentrao, für das er zurecht Gelb sieht. Voll drüber gehalten.

21.17

31′ Gelb gegen Badstuber nach Foul an di Maria, der unglaublich viel Platz im Zentrum hatte. Wieder eine Ronaldo-Position, etwas weiter weg diesmal, gut 30 Meter.

Der Ball wird abgefälscht und ist leichte Beute für Neuer.

21.15

27′ Zweite Torchance für den FCB durch einen Schweinsteiger-Fernschusss, geht knapp am rechten Pfosten vorbei.

Von einer Dominanz würde ich noch nicht sprechen, aber die Bayern haben das Momentum deutlich auf ihre Seite gezogen.

29′ Auf der Gegenseite ein etwas verunglückter Schuss von Ronaldo übers Tor.

21.12

26′ Es ist nicht so, dass Real übermäßig beeindruckt wirkt, aber die Bayern scheinen mit dem Führungstor gemerkt zu haben, dass sie hier tatsächlich eine Chance haben, nachdem sie dem Gegner 10 Minuten mehr oder weniger bewundernd zugeschaut hatten. Deutlich mehr Tempo im Spiel der Hausherren, vor allem durch Ribery, aber auch den erwachten Robben.

21.07

22′ Jetzt eine gute Freistoßchance für Madrid nach überflüssigem Foul von Lahm. Ronaldo aus 22 Metern übers Tor. Mal sehen, wie lange das Tor für die Bayern als Aufputschmittel wirkt.

21.02

17′ Bayern – Madrid 1:0, Ribery.

Ecke von der linken Seite. Der Ball trudelt durch den Strafraum und Ribery schießt ihn aus 10 Metern rein. Gleich in zweierlei Hinsicht eine knifflige Szene: Badstuber springt der Ball an den Arm. Schwer, ihm da Absicht zu unterstellen, da der Arm quasi keine Bewegung macht. Luiz Gustavo stand dagegen im Abseits und nahm Casillas deutlich die Sicht. Aber das Tor zählt und kommt für Bayern zu einem sehr glücklichen Zeitpunkt.

21.01

14′ Seit ich geschrieben habe, das Bayern am Drücker bleibt, spielt hier nur noch Madrid. Robben und Ribery werden auf den Außen zugestellt, bevor sie überhaupt einen Ball bekommen (Robben: 0 Ballkontakte). Das ist kein wirklich aggressives Pressing, aber höchst effektiv. Bayern zeigt sich beeindruckt.

15′ Bayern fordert Elfmeter, aber Webb winkt direkt ab. Schwalbe von Ribery.

20.56

11′ Di Maria ist für mich der Mann der ersten 10 Minuten. Hinten sehr aufmerksam, sehr beweglich und mit großem Aktionsradius. Wenn er in die Mitte zieht und Özil für ihn auf den Flügel rückt, ist Real am gefährlichsten.

20.53

7′ Riesenchance für Madrid. Klasse Steilpass von Özil auf Benzema in die Spitze und Neuer wehrt den harten aber mittigen Schuss des Franzosen ab. Sobald Madrid den Ball ins Angriffsdrittel bekommt, machen sie Bayern Probleme.

20.51

5′ Erste gute Freistoßsituation für die Bayern. Marcel Reif ätzt gegen Howard Webb, den er seit dem WM-Finale 2010 nicht mehr leiden kann. Die Hereingabe wird per Kopf geklärt, doch Bayern bleibt gleich am Drücker. Madrid steht nicht tief, agiert aber (noch) eher abwartend.

20.47

@Estadox: Ich drücke niemandem so richtig die Daumen. Außer Özil :-)

20.45

1′ Und los geht’s. Anpfiff in der Allianz Arena.

20.44

Die Mannschaften kommen raus. Ich bin sehr gespannt, wie Madrid dieses Spiel angehen wird. Bei den Bayern kann ich mir kaum vorstellen, dass sie ihre Spielausrichtung groß ändern, zumal sie weniger Handlungsspielraum haben als Madrid. Sie müssen heute vorlegen. Real könnte sich auch auf eine Defensivtaktik verlegen, doch dazu passen weder Aufstellung noch Selbstverständnis (solange es nicht gegen Barcelona geht). Ich denke nach wie vor, dass Mourinho Bayerns Probleme bei gegnerischem Pressing ausnutzen will.

20.39

Keine Überraschungen bei den Aufstellungen. Die Bayern wie erwartet mit Müller auf der Bank und Schweinsteiger in der Startelf. Bei Madrid spielen Özil und di Maria in einer Dreierreihe mit Ronaldo sowie Coentrao als Linksverteidiger. Marcelo, die offensivere Variante hinten links, sitzt auf der Bank, genau wie Kaka und Higuain.

20.36

Ich experimentiere heute mal mit einem neuen Liveblogging-Plugin, deshalb kann man hier heute nicht kommentieren (außer natürlich unten drunter im “normalen” Kommentarfeld). Mal sehen, wie gut es funktioniert.

20.34

Die Aufstellungen:

FC Bayern: Neuer – Lahm, Boateng, Badstuber, Alaba – Luiz Gustavo, Schweinsteiger – Robben, Kroos, Ribery – Gomez

Real Madrid: Casillas – Arbeloa, Pepe, Sergio Ramos, Coentrao – Khedira, Xabi Alonso – di Maria, Özil, Cristiano Ronaldo – Benzema

20.30

Moin, äh, Grüß Gott aus Bremen!

Vorbericht

Die Mannschaften haben vor dem Halbfinale sehr unterschiedliche Ausgangssituationen: Bayern hat die Meisterschaft spätestens am Samstag verloren, kann aber über die Champions League noch vieles retten. Das Finale in München wäre ein Traum für den Verein. Real Madrid war vor ein paar Wochen schon fast sicher Meister und muss nun doch noch einmal zittern, falls man Samstag in Barcelona verliert. Diese Saison könnte zur Wachablösung in Spanien werden, doch dazu müsste man neben der Meisterschaft Barca auch die Champions League entreißen.

Real Madrid vor dem Spiel

Madrid hat sich offensiv weiterentwickelt und verfügt personell über sehr viele nahezu gleichwertige Optionen. Neben Ronaldo spielen drei Offensivakteure aus dem Sextett Benzema, Higuain, Özil, Kaka, di Maria und Callejon in einer flexiblen 3-1 Anordnung, die je nach Gegner angepasst werden kann. Im zentralen Mittelfeld hat man ebenfalls viele Optionen von energetisch (Lass, Khedira) bis spielerisch hochwertig (Xabi Alonso, Sahin). In der Abwehr werden keine gefangenen gemacht. Rustikaler als das Innenverteidiger-Duo Pepe und Sergio Ramos geht es nicht, ohne sich strafbar zu machen. In Marcelo und Coentrao hat man Außenverteidiger, die viel Dampf nach vorne machen können, aber auch für die vorsichtiger Variante stehen mit Arbeloa Optionen zur Verfügung. Kadermäßig kann José Mourinho aus dem vollen schöpfen.

Die schiere Offensivpower Madrids ist furchteinflößend. Im Sturmzentrum besitzt man mit Benzema und Higuain zwei Spieler, die zwar unterschiedliche Stärken, aber gleichwertige Torgefährlichkeit aufweisen. Cristiano Ronaldo hat seine überragende Torquote der letzten Saison sogar noch gesteigert. Wirklich begeistert bin ich jedoch vom Zusammenspiel von Özil, di Maria und Kaka. Egal welche zwei Mourinho spielen lässt, sie lassen sich kaum aus dem Spiel nehmen und bereiten Ronaldo und den Stoßstürmern mit genialen Pässen und Läufen den Weg. Dazu wirkt auch das defensive Mittelfeld dominanter als noch vor einem Jahr, so dass die Bayern nicht davon ausgehen sollten, mehr Ballbesitz zu haben. Oder plant Mourinho in München einen Defensivcoup? Angesichts der bayerischen Probleme mit aggressivem gegnerischen Pressing kaum vorstellbar.

Bayern München vor dem Spiel

Der FC Bayern spielt eine insgesamt gute Saison, hat allerdings seit dem goldenen Herbst mit einigen Problemen zu kämpfen, die verhindern, dass aus der guten eine überragende Saison wurde und die Jupp Heynckes bislang nicht in den Griff bekam. Bayern kann immer noch Mannschaften fast jeglichen Kalibers an die Wand spielen, gerät jedoch immer dann in Bedrängnis, wenn ein Gegner aggressives Pressing spielt. Den dafür nötigen Organisationsgrad und das Selbstvertrauen haben zum Glück für die Bayern nicht allzu viele Mannschaften. Dank der individuellen Klasse der Offensivspieler und der unter Heynckes zurückgekehrten defensiven Stabilität zählt man weiterhin zu den Topteams in Europa. Einen spielerischen Fortschritt kann man abgesehen vom zwischenzeitlichen Höhenflug im Herbst jedoch nicht erkennen. So ist Bayern ein Riese, der nur innerhalb der eigenen Komfortzone zu erschrecken weiß.

Schweinsteiger ist sicher nicht die Lösung aller Probleme bei den Bayern, verleiht dem Team aber im Zentrum eine Extraportion spielerischer Klasse und ist für das Aufbauspiel enorm wichtig. Die offensive Abhängigkeit von der mitunter launischen Flügelzange „Robbery“ bleibt aber auch in seiner Anwesenheit bestehen. Die größere Gefahr geht derzeit von der linken Seite aus, wo Ribery vom bärenstarken Alaba unterstützt wird. Das Duo Robben/Lahm ist hingegen noch nicht zu alter Gefährlichkeit zurückgekehrt. Topscorer Gomez ist für mich mehr Resultat als Ausgangspunkt der bayerischen Torgefährlichkeit. Wird er mit Hereingaben gefüttert, ist er kaum zu stoppen. Schneidet man ihm hingegen den Zufluss an Bällen in die Spitze ab, nimmt man ihn damit weitgehend aus dem Spiel und er nimmt als interessierter Beobachter am Spiel teil. Ein mitspielender Stürmer oder gar eine falsche Neun ist er nicht, weshalb Olics Rückkehr zur Topform in den Spielen gegen Madrid sehr wichtig werden kann.

Prognose

Entscheidend für den Ausgang dieses Duells wird vor allem die Frage sein, ob Madrid den starken linken Flügel der Bayern stoppen kann. Zumindest im Hinspiel dürfte Mourinho die vorsichtige Variante Arbeloa als Rechtsverteidiger gegen Ribery wählen. Damit spekuliert er weniger auf den freien Raum, der sich hinter dem etwas defensivfaulen Franzosen ergibt, als es beispielsweise Piszeck beim BVB tat. Ansonsten sehe ich einen klaren Vorteil für Real Madrid, gerade auch wegen des stark verbesserten Pressings, mit dem man schon Barcelona vor große Probleme stellte. Es wird sich zeigen, ob die für Bayern sprechende Historie in dem Spiel eine Rolle spielt, doch eigentlich kann ich es mir bei Mourinhos psychologischen Fähigkeiten nicht vorstellen, dass sich seine Spieler davon beeindrucken lassen – ganz anders als bei den omnipräsenten Classicos.

Die Aufgaben für den FCB erscheinen angesichts der momentanen Probleme zu groß. Kann das Mittelfeld mit Schweinsteiger sowohl den Spielaufbau verbessern, als auch Özils Kreise eindämmen? Kann Robben den durch Marcelos oder Coentraos Vorstöße entstehenden Platz ausnutzen und gleichzeitig seine Defensivaufgaben erfüllen? Und warum gelingt es eigentlich schon seit Monaten nicht mehr so richtig, Thomas Müllers Läufe in den Raum mit den nötigen Bällen zu füttern? Erwischt Bayern einen richtig guten Tag, ist heute Abend etwas drin. Ansonsten könnte schon vor dem Rückspiel alles vorbei sein, weil die dicke Lady Cristiano Ronaldo gesungen hat.

Der fünffache Clásico

Nachdem es im Herbst noch so aussah, als wäre Real Madrid dem Erzrivalen auch in dieser Saison hoffnungslos unterlegen, waren die Clásicos in dieser Rückrunde ziemlich offene Angelegenheiten. Die Spiele der beiden spanischen Fußballmächte gehörten zu den spannendsten Spielen der Saison und halten (Achtung, Phrase!) ganz Europa in Atem.

Tiqui-Taca vs. Pragmatismus

Barcelonas Spielweise und Spielsystem lassen sich mit recht einfach beschreiben. Gespielt wird ein 4-3-3 mit zwei offensiven Mittelfeldspielern (4-1-2-3) und offensiven Außenverteidigern. Bei Ballbesitz spielt Barca häufig ein 3-4-3, wobei Messi als Mittelstürmer teils eine “falsche Neun”, teils einen echten 10er gibt. Barcelona setzt auf totale Dominanz des Balles, hält den Ball mit technisch perfektem Kurzpassspiel in den eigenen Reihen und sorgt durch aggressives Pressing tief in der gegnerischen Hälfte nach Ballverlusten für eine schnelle Rückeroberung des Ballbesitzes. Nicht selten führt dies zu Ballbesitzquoten von mehr als 70% über die gesamte Spieldauer. Die letzte Mannschaft, die in der Champions League mehr als 50% Ballbesitz gegen Barcelona hatte, war Werder Bremen im Dezember 2006. Auch wenn Barcelona selten das System ändert, reagiert Guardiola doch häufig auf den Gegner durch kleine Änderungen, etwa die Positionierung von Messi oder Dani Alves.

Real Madrid hatte über weite Strecken der Saison ebenfalls ein festes System (4-2-3-1) und eine Stammelf, die in den wichtigen Spielen weitgehend unverändert blieb. In der offensiven Dreierreihe gibt Ronaldo den torgefährlichen Flügelspieler, Özil lauert zwischen den Reihen und Di Maria orientiert sich auf Rechts mehr in Richtung Mittelfeld. Auf der Doppelsechs übernimmt Xabi Alonso die Rolle des Ballverteilers, während Khedira mit viel Energie immer wieder in die Spitze vorstößt. In der Liga ist es Madrid gewohnt, das Spiel machen zu müssen. Gegen tief stehende Gegner tut man sich dabei relativ schwer, was unter anderem für den Rückstand auf Barcelona verantwortlich ist. Unter Mourinho hat sich das Team in dieser Hinsicht jedoch weiterentwickelt, wobei Real in erster Linie eine Kontermannschaft ist, die mit viel Tempo die Lücken einer unsortierten Defensive ausnutzen kann.

Clásico #1: Offener Schlagabtausch

Im Herbst 2010 kam es zum ersten Aufeinandertreffen der Saison. Real Madrid bekam im Camp Nou eine Lehrstunde erteilt und war gegen den Meister aus Barcelona chancenlos. Für José Mourinho war das 0:5 die höchste Niederlage seiner Trainerlaufbahn. Zum damaligen Zeitpunkt war das Spiel der eindeutige Beweis, wer die beste Mannschaft Spaniens ist. Aus heutiger Sicht ist das Spiel aber auch ein wichtiger Wegweiser für Real Madrid, das damals in Bestbesetzung und mit offensiver Ausrichtung ins Spiel ging. Die Erkenntnis, dass man spielerisch klar unterlegen ist, mag im ersten Moment wehgetan haben. Sie führte jedoch auch dazu, dass Mourinho in den wichtigen Spielen im letzten Saisondrittel dieses Experiment nicht mehr durchführen musste. Die Taktik kann klar darauf ausgelegt werden, einen vermeintlich übermächtigen Gegner am Toreschießen zu hindern, statt auf das eigene Offensivspiel zu setzen.

Barcelona fühlte sich durch den fünften Sieg in Folge über die verhassten Hauptstädter vor dem Clasicó-Marathon im Frühling vielleicht ein wenig zu sicher. Das Vertrauen in die eigene Stärke ist gerechtfertigt, doch war der Fokus – vor allem im Liga-Rückspiel – vielleicht zu sehr darauf gerichtet, den Erzrivalen noch einmal in Grund und Boden zu spielen.

Clásico #2: Abwehrschlacht

Mit dem Unentschieden konnte Barcelona dank des 8-Punkte-Vorsprungs sehr gut leben – Madrid überraschenderweise auch. Selbst bei einem deutlichen Sieg wäre die Chance auf die Meisterschaft nur minimal gewesen. Real begnügte sich daher damit, Barcelona so gut es ging aus dem Angriffsdrittel fernzuhalten. Barcelona hatte Probleme gegen die gut organisierten Gastgeber und zum ersten Mal zeigte Mourinhos Magie seine Wirkung. Das Spiel war nicht schön anzusehen, doch am Ende verdiente man sich einen Punkt, weil man in der Lage war, nach dem Rückstand und Özils Einwechslung selbst Druck aufzubauen. In Spanien wurde das Spiel als Punktsieg für Barcelona gewertet, was für sich genommen auch richtig war. Dennoch lieferte auch dieses Spiel wichtige Erkenntnisse für Mourinho und sein Team.

Es war das von seiner Bedeutung her unwichtigste der vier Spiele, da der Meisterkampf bereits entschieden war. In Bezug auf die weiteren Spiele könnte das Ergebnis jedoch Madrid mehr geholfen haben, als Barcelona. Der Punktgewinn sorgte für mehr Selbstvertrauen und nährte die Hoffnung, dass Barcelona doch schlagbar sein könnte. Beim FCB könnten sich erste Zweifel an der eigenen Stärke eingeschlichen haben.

Clásico #3: Pressing

Das Finale der Copa del Rey war aus Mourinhos Sicht eine weitere Testphase, wie er Barcelonas Überlegenheit am besten durchbrechen kann. Diesmal versuchte er es mit einer aggressiveren Taktik: Pepe und Khedira spielten im zentralen Mittelfeld Pressing und ließen Barcas Mittelfeldmotoren Xavi und Iniesta keine Zeit am Ball. In der ersten Halbzeit tat sich Barcelona sehr schwer ins Spiel zu kommen und verlor trotz weiterhin hoher Ballbesitzquote ein wenig die eigene Linie. Madrid konzentrierte sich auf schnelle Konterangriffe über das Dreigespann Ronaldo-Di Maria-Özil und hatte in den ersten 45 Minuten die besseren Torchancen. Nach dem Seitenwechsel wurde Barcelona stärker und kombinierte sich immer sicherer durch Reals Hälfte. Madrids Pressing ließ nach und Barcelonas zentrales Mittelfeld dominierte fortan das Spiel. Dennoch taten sich die Katalanen schwer, den letzten Abwehrriegel vor dem Strafraum zu durchbrechen und Bälle in die Schnittstellen zu spielen. Pedro und vor allem David Villa spielten schwach und Messi ließ sich zu häufig ins Mittelfeld fallen, um vor dem Tor Gefahr auszustrahlen. In der Verlängerung war es dann ein offenes Spiel, indem Ronaldos Kopfball die Entscheidung brachte.

Mourinhos wichtigste Erkenntnis dürfte gewesen sein, dass sein Team Barcas Mittelfeld durch aggressives Pressing stoppen kann und sich durch die offensive Ausrichtung von Barcelonas Außenverteidiger immer wieder Konterchancen über die Flügel ergeben. Warum das Pressing in der zweiten Halbzeit nachließ war für mich nicht ersichtlich. Vielleicht reichte die Kraft nicht aus, doch es schien mir eine bewusste Entscheidung in der Halbzeitpause gewesen zu sein. Aus Barcelonas Sicht zeigte das Spiel, dass man ohne Breite im Spiel Real nicht schlagen kann. Mit Messi opfert man gelegentlich den Mittelstürmer, um Überzahl im Mittelfeld zu haben. Villa und Pedro reagieren darauf, indem sie weiter ins Zentrum rücken und die Breite weitgehend von den aufrückenden Außenverteidigern abhängt, was zu Lücken in der Defensivabteilung führt, die Madrid ausnutzen konnte. In der zweiten Halbzeit blieben Villa und Pedro weiter außen und Barcelonas Spiel wurde flüssiger.

Clásico #4: Dirty Bit

Trotz der Wichtigkeit des Pokalfinales schienen die beiden Spiele zuvor nur die Vorbereitung auf das Duell in der Champions League zu sein. Wer sich hier durchsetzt, würde mindestens als moralischer Sieger aus dem Clásico-Marathon hervorgehen. Die Wichtigkeit des Spiels war im Hinspiel im Bernabéu in jeder Sekunde zu spüren. Beide Mannschaften agierten sehr vorsichtig und waren darauf bedacht, die Stärken des jeweils anderen nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Nach etwa fünf Minuten wurde eine Linie deutlich, die beide Teams bis zur Halbzeit durchhielten. Real stand tief und wartete kurz hinter der Mittellinie mit drei Sechsern und zwei defensiven Außenstürmern auf Barcelonas Angriffe. Die ließen jedoch auf sich warten, weil Barcelona den Ball lieber in aller Ruhe durch die eigene Abwehrreihe laufen ließ, statt mutig nach vorne zu spielen. Die Außenverteidiger spielten erstaunlich defensiv, während Villa und Pedro an der Außenlinie klebten und das Sturmzentrum über weite Strecken verwaist blieb. Beide Teams schienen mit diesem spannungsarmen Spiel leben zu können, wenn Barcelona auch etwas mehr tat, um sich Torchancen zu erspielen.

Über mangelnde Unterhaltung konnte man sich trotzdem nicht beschweren. Schon in den vorhergehenden Spielen war die physische Seite des Spiels in den Mittelpunkt gerückt, doch diesmal trieben es die Mannschaften auf die Spitze. Die Aggression ging sicher von Real Madrid aus, doch die Spieler des FC Barcelona trugen ihren Teil dazu bei, dass es nach dem Halbzeitpfiff zu Tumulten vor dem Spielertunnel kam. Ersatzkeeper Pinto sah die erste rote Karte des Spiels. Es verging kaum eine Minute, in der es kein hartes Einsteigen, zynisches Foul, theatralisches Herniedersinken und/oder kollektives Beschweren beim Schiedsrichter gab. Sergio Busquets gab sich alle Mühe, seine schauspielerische Leistung aus dem Vorjahr noch zu toppen, während auf der Gegenseite Pepe und Sergio Ramos stets an der Grenze zur Körperverletzung agierten. Die rote Karte gegen Pepe in der zweiten Halbzeit kam nicht überraschend und auch wenn Mourinho (genauso wenig überraschend) eine Verschwörung gegen seine Mannschaft witterte, war es genau die Art Foul, die immer mit Rot bestraft gehört: Mit den Stollen voraus auf Kniehöhe in den Gegner. Dani Alves hatte Glück, dass er den Schwerverletzten nur spielen musste. Glück hatte auch Adebayor, dass er für seine Aktion gegen Mascherano nur Gelb sah.

Für das Spiel selbst war es ein Glücksfall, dass es nach einer Stunde den Platzverweis gab, denn dadurch erhielt es eine andere Färbung. Barcelona nutzte den nun vorhandenen Platz im Mittelfeld aus, um das Spiel weiter in Madrids Hälfte zu tragen. Eine Reaktion von Reals Bank blieb aus, fast so als würde Mourinho nach seiner Verbannung auf die Tribüne aus Trotz nicht wechseln wollen. Nach dem Führungstreffer durch Messi (wen sonst?) war die Partie entschieden. Madrid fand nicht zurück ins Spiel und hatte auch nicht mehr die Kraft, Barcelonas Ballstafetten im Mittelfeld zu unterbinden. Messis zweites Tor war ein Leckerbissen für alle Fans des schwindelerregenden Dribblings. Gegen einen hervorragend organisierten Gegner wäre dieses Tor wohl kaum gefallen, aber das war Real Madrid zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Clásico #5: ?

Messis Tore haben das Duell vermutlich schon vor Beginn des Rückspiels entschieden. Es wird trotzdem interessant zu sehen, wie Mourinho dieses Spiel angeht. Eigentlich bleibt ihm nur die Option der totalen Offensive, doch kann das in Barcelona gutgehen? Es könnte in einer weiteren epischen Niederlage enden, wenn Barcelona so viel Platz bekommt wie beim 5:0 im Herbst. Ohne Pepe und Khedira im Mittelfeld dürfte es schwer werden, aggressives Pressing wie im Pokalfinale zu spielen. Nur auf Schadenbegrenzung kann sich Mourinho jedoch auch nicht beschränken, will er es sich mit dem verwöhnten Madrider Publikum und der Hauptstadtpresse nicht völlig verderben.

Es wird ein Spiel mit umgekehrten Vorzeichen wie im Vorjahr: Mourinho braucht im Rückspiel einen Sieg, während Guardiola einen Vorsprung über die Zeit retten muss. Wie die beiden Trainer mit diesen Voraussetzungen umgehen macht dieses Rückspiel – dessen sportlicher Wert fraglich ist - zu einer spannenden Angelegenheit. Vielleicht bekommen wir ja auch endlich den fußballerischen Leckerbissen, auf den wir alle gehofft haben.

WM 2010: Deutschland – Spanien

Deutschland – Spanien 0:1

Aus der Traum vom vierten Stern. Die Spanier waren gestern eine Nummer zu groß für diese junge Mannschaft. Sicher kein Grund so richtig enttäuscht zu sein, denn das deutsche Team hat eine tolle WM gespielt. Die Siege gegen Argentinien und England und die Art und Weise, wie sie herausgespielt wurden, werden noch lange nachhallen. In Südafrika wurde ein neues Fundament geschaffen, auf dem man für die nächsten 6 – 8 Jahre aufbauen kann.

Dank einer überraschenden taktischen Umstellung (Pedro statt Torres) konnten die Spanier ihr Kurzpassspiel wie gewohnt aufziehen und trotzdem für Gefahr über die Flügel sorgen. Defensiv kann man dem deutschen Team kaum einen Vorwurf machen, außer dass sie sich zu weit nach hinten drängen ließen. Das war schon 2008 das Problem. Spanien beherrscht es wie kein zweites Team bei dieser WM, seine Gegner hinten einzuschnüren. Man kann diese Spielweise mit scheinbar endlosen Ballstaffetten langweilig finden, weil sie gegen gute Gegner nicht zu einem allzu schnellen Spiel oder vielen Torchancen führt. Sie aber (wie Marcel Reif gestern abend) als schlecht zu bezeichnen, schießt deutlich am Ziel vorbei. Das Spiel war auf einem hohen Niveau und eines WM-Halbfinales absolut würdig. Mit Spanien hat es auch den verdienten Sieger gefunden.

Nach dem Spiel fühle ich mich ein bisschen bestätigt in meinen Aussagen bezüglich Spaniens Plan B. Die Taktik wurde für das Spiel leicht angepasst, aber die allgemeine Spielweise blieb über die gesamten 90 Minuten fast gleich. Als einzige Mannschaft schafften sie es, sowohl Özil aus dem Spiel zu nehmen (mein Man of the Match: Sergio Busquets) als auch die defensiven Mittelfeldspieler pausenlos unter Druck zu setzen. Nach dem Führungstor gaben die Spanier den Deutschen etwas mehr Ballbesitz, zogen sich jedoch nicht vollständig zurück, sondern störten den Spielaufbau weiterhin bevor er richtig gefährlich wurde. Eine wirkliche Ausgleichschance konnte sich die deutsche Mannschaft nicht erspielen. Wenn also eine Mannschaft einen Plan B benötigte, dann die Deutschen. Falls dieser Plan B die Einwechslung von Mario Gomez gewesen sein soll, dann ist sie kläglich gescheitert. Ein detaillierte taktische Aufarbeitung des Spiels gibt’s (wie immer) bei Zonal Marking. Dort steht eigentlich alles drin, was es dazu zu sagen gibt.

Gewurmt hat mich neben der passiven Herangehensweise, die man dieser jungen Mannschaft jedoch nicht vorwerfen sollte, die Entstehung des Führungstores. Wahrscheinlich hätte Spanien irgendwann auch aus dem Spiel heraus getroffen, zur Not in der Verlängerung. Trotzdem sollte man es dem Gegner nicht so leicht machen bei einer Standardsituation. Dieses Tor war kein Zufallsprodukt, sondern ein einstudierter Spielzug, den ich gestern nicht zum ersten Mal gesehen habe: Die Ecke wird auf Pique gespielt, der zum Kopfball hochsteigt, aber nicht zum Ball geht. Dadurch schirmt er den Ball vor den Verteidigern ab. Von hinten kommt dann ein anderer Spieler – in diesem Fall Puyol – und köpft den Ball rein. Das funktioniert natürlich nur gegen Mannschaften, die bei Standards Raumdeckung spielen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die deutschen Scouts das Team nicht auf diese Variante vorbereitet haben. Umso trauriger, dass Spanien auf so einfache Weise das Spiel entscheiden konnte.

Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die Niederlande im Finale schlagen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gegen Spanien von einem Rückstand zurückkommen können. Allerdings haben sie die Erfahrung und den Zynismus, die Spanier über 90 Minuten zu nerven und vielleicht einen entscheidenden Konter zu setzen. Ein schnelles Spiel sollte man auch hier nicht erwarten. Für Deutschland geht es gegen Uruguay zumindest um den dritten Platz, der zwar nur ein schwacher Trost, aber eine verdiente Belohnung für dieses tolle Turnier wäre. Löw hat sich die Spanier zum Vorbild genommen und seiner Mannschaft einen ähnlichen Stil beigebracht. Gestern hat sich das Original durchgesetzt. Spaniens goldene Generation hat ihren Zenit erreicht. Deutschlands goldene Generation steht noch am Anfang ihrer Entwicklung und ist dafür schon verdammt weit.

Die Sache mit dem Plan B

Ein Vorwurf, dem sich unser heutiger Gegner Spanien immer wieder ausgesetzt sieht, ist der, dass sie keinen Plan B haben. Ähnlich Vorwürfe gibt es auch immer wieder gegen den FC Barcelona, der ähnlich spielt. Die Teams, so der Vorwurf, seien nicht in der Lage, auf unvorhergesehene Situationen adäquat zu reagieren, indem sie ihre Spielweise umstellen.

Grundsätzlich sollte man die Frage stellen, warum ein “Plan B” hier überhaupt nötig ist. Ist eine Mannschaft, die im Jahr 1 nach der erfolgreichsten Saison der europäischen Vereinsfußballgeschichte den Rekord von 99 Punkten in der heimischen Liga aufstellt, mit ihrem Plan A nicht erfolgreich genug? Braucht eine Mannschaft, die amtierender Europameister ist, seit dem Titelgewinn bis WM-Beginn von 26 Spielen 25 gewonnen hat, in den letzten 43 Monaten nur zwei Fußballspiele verloren hat und nun im WM-Halbfinale steht, wirklich einen Plan B? Klingt doch nach einem ziemlich guten Plan A.

Die Idee des Plan B ist es, auf Situationen, in denen die Ausgangstaktik nicht funktioniert, reagieren zu können. Sei es durch eine Umstellung des Systems, der Spielweise oder durch Variationen. Hierbei wird schon deutlich, dass es sich beim Problem der Spanier wie Katalanen um ein Luxusproblem handelt. Die Ausgangstaktik funktioniert fast immer. Das liegt unter anderem daran, dass man im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften sowohl eine ausgereifte Spielidee als auch das passende Spielermaterial dazu hat. Das geniale an der Spielidee ist, dass sie sowohl als Offensiv- wie als Defensivkonzept taugt. Die Tormaschinen Spanien und Barcelona gehören zu den Teams, die mit die wenigsten Gegentore im europäischen Fußball kassieren. Das verstärkt einerseits natürlich die Wahrnehmung, dass es einen Mangel an Variation gibt, wenn die Spielweise bei 0:1 sich von der Spielweise bei 3:0 kaum unterscheidet. Andererseits ist es für die Spieler viel einfacher, weil sie sich nur marginal umstellen müssen. Die Änderungen erfolgen dann eher in Details, aber das große Ganze bleibt gleich.

Mir scheint es eher ein Wahrnehmungsproblem zu sein, als ein Versäumnis der Spanier. Die Gleichung Plan A = Plan B ist für manche Beobachter eben nicht zufriedenstellend. Dennoch hat z.B. der FC Barcelona in der vergangenen Saison versucht, seine Optionen zu erweitern und in Zlatan Ibrahimovic einen großen Mittelstürmer eingekauft. Wenn man so will ist das ein Plan B im eigentlichen Sinne. Interessant ist dabei, dass genau in den Spielen, die gemeinhin als Paradebeispiel für den fehlenden Plan B angeführt werden – die Champions League Partien gegen Inter Mailand – diese Variante nicht funktionierte. Besonders im Rückspiel wurde Barcelona erst dann richtig torgefährlich, als Ibrahimovic vom Feld ging und der eigentliche Plan A zum Einsatz kam. Interessant ist auch, dass Inter in diesem Rückspiel keinerlei Plan B im Gepäck hatte und mit einem ultradefensiven Plan A zum Erfolg kam. Nur: Der Erfolg bestand in einer 0:1 Niederlage, die billigend in Kauf genommen wurde. Selbst ein fast ausnahmslos gegen den Ball arbeitendes Inter Mailand konnte Barcas Torgefahr nicht vollständig stoppen. Die spannende Frage ist nun: Hätte Barcelona mit einem anderen Konzept, also in diesem Fall einem Plan C, bessere Chancen auf ein Weiterkommen gehabt?

Dieser Aspekt wird bei der Diskussion um den Plan B gerne vergessen: Die Erfolgswahrscheinlichkeit des Plan A. Wenn Spanien 95% der Spiele wie gegen die Schweiz mit seinem Plan A zumindest nicht verliert, wie sinnvoll ist dann eine Umstellung auf einen wie auch immer gearteten Plan B? Als Beobachter hat man den Vorteil, den Ausgang des Spiels abwarten zu können und dann eine Aussage darüber zu treffen. Als Trainer muss man die Entscheidung vor oder während des Spiels treffen, was wesentlich schwieriger ist. Die Zielsetzung kann es daher gar nicht sein, eine zu 100% richtige Entscheidung zu treffen (was unter Unsicherheit sowieso nicht möglich ist), sondern die Erfolgswahrscheinlichkeit zu maximieren. Das klappt sowohl bei der spanischen Auswahl als auch beim FC Barcelona seit Jahren hervorragend, führt aber eben nicht zu einer Siegesgarantie. Gerade bei einem Turnier mit K.O.-Spielen macht das den Reiz aus, weil ein Ausrutscher nicht ausgeglichen werden kann (und ergo nicht immer die “beste” Mannschaft das Turnier gewinnt).

Im Hinblick auf das Spiel heute Abend habe ich keine Angst vor einem spanischen Plan B, sondern viel mehr davor, dass Plan A zu dem Ergebnis führt zu dem er meistens führt: zu einem spanischen Sieg. Allerdings hoffe ich, dass die deutsche Mannschaft schon so gut ist, dass sie mit ihrem eigenen Plan A (einen Plan B habe ich da nämlich ebenfalls nicht entdecken können) auch die Spanier ausschalten kann.

Inspiriert von Marcel Reif und diesem Beitrag bei allesaussersport

Ist Spanien das Deutschland der 70er?

Zur WM werden ja immer gerne Parallelen zu früheren Turniern gezogen. Spieler X erinnert an Spieler Y und Mannschaft A ist noch besser als Mannschaft B vor 16 Jahren. Ebenfalls beliebt sind bestimmte wiederkehrende Muster, nach denen sich der kommende Weltmeister ganz zweifelsfrei vorhersagen lässt. Ich springe jetzt einfach mal auf den fahrenden Zug auf und sage: Spanien wird Weltmeister!

Der Grund ist nicht ihr tolles Passspiel oder die Qualität ihrer Spieler, sondern, viel banaler: Spanien ist Deutschland 1974*! Als amtierender Europameister haben sie sich in den letzten Jahren viel Bewunderung erspielt und wurden vor dem Turnier als einer der großen Favoriten gehandel. Dann geriet ihr Motor jedoch irgendwie ins stocken. Die Vorrunde war ok, jedoch kein Glanzstück und dann gab es diese peinliche Niederlage gegen einen Fußballzwerg. In der K.O.-Phase erholte man sich langsam und spielte erfolgreichen, wenn auch nicht begeisternden Fußball. Im Halbfinale trifft man nun auf die Überraschungsmannschaft des Turniers und muss sich ernsthafte Sorgen machen, das Finale gegen die Holländer nicht zu erreichen. Dank eines Unwetters reicht es dann aber am Ende doch und das Finale wird auf äußerst schmeichelhafte Weise ebenfalls gewonnen.

Ob Del Bosque wohl schon Regentänze für Mittwoch einstudiert hat?

* Um die Analogie komplett zu machen: Deutschland ist Polen, die Schweiz ist die DDR und die Holländer sind die Holländer (wenn auch ganz anders).