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Skripniks Handschrift

Werder Bremen – Hertha BSC 2:0 (1:0)

Gegen einen schwachen Gegner aus Berlin gelingt Werder ein Rückrundenauftakt nach Maß. Der vierte Sieg im fünften Heimsieg unter Skripnik bedeutet tabellarisch den Sprung auf Platz 12. Es waren jedoch auch altbekannte Defensivschwächen zu erkennen.

Skripniks Raute dominiert lahme Hertha

Skripnik hatte in seiner Startaufstellung zwei kleine Überraschungen parat. Jannek Sternberg erhielt hinten links den Vorzug vor Garcia und machte seine Sache ordentlich, auch wenn seine Zweikampfschwäche gegen stärkere Gegner zum Problem werden kann. Im Mittelfeld durfte Leihgabe Öztunali von Beginn an hinter den Spitzen ran. Er gab ein zufriedenstellendes Debüt, ohne große Höhepunkte, aber mit einigen guten Pässen und starkem Pressing gegen Lustenberger. Kapitän Fritz blieb dafür auf der Bank. Mit Junuzovic und Bartels waren die Halbpositionen im Mittelfeld somit sehr offensiv besetzt, was für das Defensivspiel ein paar Probleme bedeutete (dazu später mehr), in der Offensive aber für ein Bremer Übergewicht sorgte, mit dem Hertha kaum zurecht kam.

Luhukay war ein Tannenbaum wohl nicht schmal genug und so schickte er sein Team in einem 3-3-2-2 aufs Feld, das nur zu einem 5-3-2 wurde, wenn Werder mit dem Ball ins Angriffsdrittel vorstieß. Im Mittelfeldpressing agierten die Wingbacks meist auf einer Höhe mit Niemeyer und so eng, das sie horizontal fast schon auf einer Linie mit den äußeren Innenverteidigern standen. Auch wenn Hertha damit das Zentrum zumindest personell dicht machte, hatte Werder wenig Probleme, im Mittelfeld den Ball laufen zu lassen. In puncto Ballbesitz und -zirkulation war dieses Spiel schon ein großer Schritt im Vergleich zur Hinrunde und vor allem dem Fußball unter Dutt. Hier war die Handschrift des Trainers nach seiner ersten Vorbereitung mit dem Team deutlich zu erkennen.

Werders Glück: Hertha kann nicht kontern

Bei allem Jubel über den starken Einstand von Jannik Vestergaard und die allgemein starke Abwehrleistung (Gebre Selassie ist hier besonders hervorzuheben) zeigte Werder jedoch auch wieder die altbekannten Probleme beim Umschalten nach Ballverlusten. Das Mittelfeld rückte häufig weit auf und gab große Räume vor der Viererkette preis. Bargfrede spielte auf der Sechs weiträumig und umsichtig, verlor jedoch ebenfalls teilweise die Bindung zu seinen Hinterleuten. Hertha konnte aus dieser Anfälligkeit allerdings keinen Profit schlagen, weil das Team die Kontergelegenheiten nicht oder nur schwach ausspielte. Anhand zweier Szenen aus der Anfangsphase lässt sich dies veranschaulichen:

10. Minute: Bartels verliert am rechten Flügel den Ball. Selassie ist aufgerückt und befindet sich gute 10 Meter vor dem Ball. Vestergaard muss einrücken und ist in dieser Situation der einzige Bremer im Zentrum. Vor ihm ist ein großer, freier Raum, in den ein Gegenspieler mit Tempo stoßen könnte. Alle vier Berliner Offensivspieler sind jedoch auf der Ballseite. Die Wingbacks stehen in der eigenen Hälfte und können nicht eingreifen. Letztlich verpufft der Angriff, weil der ballführende Spieler warten muss, bis sich in Teamkollege in Tornähe positioniert. Die Hereingabe ist letztlich auch zu ungenau.

13. Minute: Berliner Ballgewinn am eigenen Strafraum. Das gesamte Bremer Mittelfeld ist an den gegnerischen Strafraum gerückt. Der Abstand zwischen Mittelfeld und Abwehr beträgt mehr als 20 Meter. Der ballführende Spieler stößt in diesen Raum vor, wird dann aber von Selke auf Kosten einer gelben Karte gefoult.

Strategie schlägt Taktik

Es gab etliche weitere Situationen in der ersten Halbzeit, die ganz ähnlich verliefen. In taktischer Hinsicht war Werder also nicht ganz überzeugend. Das war an diesem Tag aber nicht so wichtig, denn Skripnik machte aus strategischer Sicht alles richtig. Die Konterräume kann man wohlwollend als kalkuliertes Risiko bezeichnen, denn es wurde schnell deutlich, dass sie gegen Hertha kein allzu großes Problem darstellen würden. Die viel beschworene Balance hat Skripniks Team mangels defensivem Umschaltspiel noch nicht gefunden, daher ging man in der ersten Halbzeit dieses Risiko ein, konnte dafür aber offensiv so dominant auftreten, wie seit Jahren nicht. In der zweiten Halbzeit, mit der Führung im Rücken, spielte Werder weitaus vorsichtiger. Dies ging auf Kosten des Ballbesitzes und der Dominanz im Mittelfeld, doch Hertha hatte auch spielerisch nicht die Mittel, um Werder vor Probleme zu stellen. Dafür kam Werder nun seinerseits zu einigen Konterchancen.

Obwohl die zweite Halbzeit nicht so spektakulär war wie die erste, gefiel mir Werders Leistung dort deutlich besser. Bargfrede hielt nun seine Position, Bartels und Junuzovic hielten ihren Vorwärtsdrang ebenfalls zurück und dahinter schwang sich Vestergaard zum Spieler des Spiels auf. Wobei: Führt hier ein Weg vorbei an Franco Di Santo? Bei seinem Pflichtspielcomeback erzielte er direkt zwei wunderbare Tore und obwohl er noch nicht ganz bei 100% ist und nicht so dominant auftrat wie vor seiner Verletzung, machte der Auftritt große Hoffnung. Das liegt auch an seinem Sturmpartner Selke, der kein wirklich gutes Spiel machte, aber gerade deshalb gereift wirkte. Das war keine Galavorstellung auf purem Adrenalin, sondern eine schwierige Partie, in der er sich nicht beirren ließ und einige gute und vor allem clevere Aktionen hatte.

Härtetest in Sinsheim

Gegen Hoffenheim wartet eine vermutlich härtere Probe auf Werder. Auswärts trat das Team unter Skripnik in der Hinrunde deutlich vorsichtiger auf als zuhause. Hoffenheim hat gegen Augsburg zwar nicht überzeugt und war gerade in der Innenverteidigung anfällig (schöne Grüße von Vestergaard!), hat aber offensiv das Zeug dazu, Werder das Leben richtig schwer zu machen. Solche Lücken wie gegen die Hertha wird man sich nicht erlauben können. Dank des Heimsiegs kann Werder jedoch ohne großen Druck agieren und sich taktisch an der zweiten Halbzeit gegen Hertha orientieren. Die Sperre gegen Junuzovic macht dem Trainer die Entscheidung leicht, Clemens Fritz in die Startelf zurückzuholen. Weitere Wechsel wären auf der Zehn (Aycicek statt Öztunali) oder hinten links (Garcia für Sternberg) denkbar.

Es bleibt zu hoffen, dass man sich bei Werder nicht vom Sieg gegen einen wirklich schwachen Gegner blenden lässt und der Verlockung widersteht, sich schon mit höheren Zielen zu befassen. Eine über 90 Minuten konzentrierte Leistung gegen einen Europa League Kandidaten wäre ein guter nächster Schritt auf dem Weg zum Klassenerhalt.

Hertha BSC – Werder Bremen 2:2

Werder holt zum Saisonauftakt einen glücklichen Punkt in Berlin. Nach einer schwachen ersten Halbzeit entschließt sich Dutt zu einer riskanten Umstellung, die am Ende Erfolg hat.

Wolf patzt, Hertha dominiert

Die im Pokal verletzten Obraniak und Di Santo standen Dutt wieder zu Verfügung, während Prödl nicht rechtzeitig fit wurde. Die Leidtragenden waren die Nachwuchsspieler Aycicek und Kobylanski, die nicht im 18er-Kader standen. An seiner Startelf nahm Dutt einige Änderungen vor. So durfte der gegen Illertissen schmerzlich vermisste Di Santo im Angriff neben Elia ran. Hajrovic startete dafür auf der 10er-Position, Junuzovic halbrechts in der Raute. Vor der unveränderten Viererkette wurde Kroos der Vorzug vor Gàlvez gegeben. Bei Hertha startete Neuzugang Schieber an der Spitze eines 4-2-3-1.

In der Anfangsphase schaffte es Werder meist, das Spiel der Gastgeber schon auf Höhe der Mittellinie zu zerstören. Das Mittelfeldpressing griff gut und es entstand ein Spiel ohne große Torszenen. Dies änderte sich, als Raphael Wolf sich bei einem Pass auf Beerens verschätzte und anschließend beim abgefälschten Kopfball von Schieber chancenlos war. Den Steilpass muss ein Torwart heutzutage abfangen, Wolf entschied sich für die vorsichtige Variante und wurde dafür bestraft. Nach der Führung kontrollierte Hertha das Spiel bis zur Pause und hatte etliche weitere Torchancen. Werders Defensive zeigte sich mehrfach schlecht organisiert. Auch in Unterzahl fand Hertha häufig den Weg durch die Mitte an den Strafraum. Werder hatte Glück, nach 45 Minuten nicht höher zurückzuliegen, was auch einigen starken Aktionen des ansonsten guten Wolf zu verdanken war. In der Offensive blieb Werder harmlos, konnte nach dem Rückstand kaum noch Bälle in hohen Positionen erobern und versuchte sich erfolglos an hohen Bällen hinter die Berliner Viererkette.

Dutts volles Risiko

Zur Pause entschied sich Dutt zu einer riskanten Umstellung. Er brachte mit Selke eine zweite echte Spitze und nahm mit Kroos seinen einzigen Sechser heraus. Werder spielte nun gegen den Ball ein flaches 4-4-2 mit Hajrovic und Elia auf den Außenpositionen. Bei eigenem Ballbesitz gab Makiadi den Aufbauspieler, der sich häufig zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, während Junuzovic im Zentrum einen enorm großen Raum beackern musste. Die sehr offensive Ausrichtung schien angesichts der Defensivprobleme in der ersten Halbzeit unnötig riskant, doch bereits kurz nach dem Wiederanpfiff erzielte Hertha das zweite Tor und Werder brauchte nun einen offensiven Kraftakt.

Es deutete nichts darauf hin, dass Werder noch einmal in das Spiel zurückkommen würde, bis der ansonsten schwache Lukimya eine Freistoß von Junuzovic (dessen Standards für meinen Geschmack nicht genug gewürdigt werden) ins Tor köpfte. Kurz zuvor hatte Werder Glück, dass Kinhöfer Garcias Aktion gegen Hasebe nicht als Tätlichkeit wertete und es bei einer gelben Karte beließ. Diese Phase zeigte gleich mehrfach, dass es im Fußball auch ein Stück weit auf Glück ankommt: Direkt nach Werders Tor hatte Hertha eine Großchance nach einem hervorragenden Konter, die durch einen schlechten Torabschluss zunichte gemacht wurde. Stattdessen dauerte es nur weitere zwei Minuten bis Werder das Spiel ausgeglichen hatte. Garcia eroberte im Gegenpressing den Ball, steckte durch auf Elia, der in dieser Situation das zeigte, was man zu selten von ihm sieht: Eine gute Übersicht. Seine Hereingabe verwertete Di Santo im zweiten Versuch per Kopf.

Fazit: Noch viel zu tun

Nach dem Ausgleich entwickelte sich ein offenes Spiel. Zwar bekam Werder Herthas Angriffe und insbesondere den starken Hasebe nie richtig in den Griff, weil vor der Abwehr oft große Lücken klafften, die die Innenverteidiger mit höchst riskantem Herausrücken schließen mussten, doch konnte Werder nun seinerseits auch die Berliner unter Druck setzen. In dieser Phase verdiente sich Werder das Unentschieden mit großem Kampf und einigen guten Angriffszügen. Über die gesamten 90 Minuten gesehen war Hertha jedoch die deutlich bessere Mannschaft und so sind es aus Sicht der Gastgeber zwei verlorene Punkte, während Werder sich über einen schon nicht mehr für möglich gehaltenen Punkt freuen kann.

Der Punktgewinn sollte die Mannschaft beflügeln und sein Zustandekommen für gute Stimmung sorgen. Dutt hat nun eine Woche Zeit, um weiter an seinem Team herumzubasteln. Es bleibt die Hoffnung, dass er sein Team bald findet und sich innerhalb der nächsten Wochen Automatismen im Offensivspiel bilden, welche man letzte Saison bis in die Schlussphase der Saison vergeblich suchte. Auch defensiv ist man noch ein gutes Stück weg von den konzentrierten Leistungen, die in der Vorsaison zu zehn Spielen ohne Gegentor führten (die Gründe für die insgesamt 66 Gegentore waren hingegen gut zu erkennen). Alles in allem fällt es nach den ersten beiden Pflichtspielen jedoch schwer zu glauben, dass Werder spielerisch im Mittelfeld der Liga einzuordnen sein soll. Der anhaltende Verzicht auf spielstarke Akteure wie Obraniak und Aycicek spricht nicht unbedingt dafür, dass der Schwerpunkt derzeit im spielerischen Bereich liegt. Wichtigste Waffe werden also weiterhin die Standards, das Gegenpressing sowie die Überladungen des linken Flügels sein. Defensiv wird man sich hingegen zwingend verbessern müssen, sonst droht eine weitere Saison im Abstiegskampf.

Öffentlich-rechtliche Selbstverstümmelung

Was in den letzten 10 Tagen an undifferenzierter Scheiße Berichterstattung über die Vorfälle beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC durch die deutsche Fernseh- und Gazettenlandschaft geisterte, ist unerträglich. Alles wird in einen großen Topf geworfen und kräftig durchgemengt: Platzstürme, Bengalos, Ultras, Hooligans, Ausschreitungen. Oben drauf noch eine ordentliche Prise Empörung und Pathos fertig ist das Fußball-Süppchen. Zum Nachtisch darf Johannes B. Kerner dann noch ein gefallenes Kind flambieren. Guten Appetit!

Der Ausgangspunkt: Skandalspiel in Düsseldorf

Was ist eigentlich ein Skandal? In der Wikipedia wird er definiert als:

“(…) ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen.”

Man kann die Partie in Düsseldorf somit durchaus als Skandalspiel bezeichnen, doch worin bestand der Skandal? Zunächst waren da die Vorfälle im Auswärtsblock. Hertha-Fans warfen brennende Bengalos aufs Spielfeld. Das Spiel wurde unterbrochen, man hätte auch zu dieser Zeit schon über einen Abbruch diskutieren können. In der Nachspielzeit waren es dann die Fans der Fortuna, die eine Spielunterbrechung bewirkten, indem sie verfrüht das Spielfeld stürmten. Es war für jeden ersichtlich, dass es sich um feiernde Fans handelte, die irrtümlich dachten, das Spiel sei schon abgepfiffen. Dass einem als Hertha-Spieler da mulmig wird, wenn man in dieser Atmosphäre zurück aufs Spielfeld muss, ist verständlich. Von einer Gefahr für Leib und Leben kann man hingegen nicht sprechen.

Der Platzsturm hat Hertha die letzte Chance auf den Klassenerhalt gekostet. Er war in dieser Hinsicht höchst unsportlich, denn nach der langen Unterbrechung war kein faires Spiel mehr möglich. Ob in den 90 Sekunden sonst noch etwas passiert wäre, ist dabei unerheblich. Es wäre an den Mannschaften gewesen, dies auszutragen. Von daher kann ich die Berliner Proteste gut nachvollziehen. Andererseits wäre auch ein Wiederholungsspiel bei einer Partie, die sich bereits in der vierten Minute der Nachspielzeit befand, aus sportlicher Sicht nicht wirklich fair. So oder so bleibt am Ende ein fader Beigeschmack, fühlt sich mindestens einer der Vereine ungerecht behandelt. Bei mir persönlich hat das Spiel dazu geführt, dass ich Düsseldorf (für die ich vor dem Spiel Sympathien hatte) den Aufstieg nun genau so wenig gönne, wie ich Hertha den Klassenerhalt gegönnt hätte. Das spielt für die juristische Beurteilung seitens des DFB aber ebenso wenig eine Rolle, wie das Rechts- und Unrechtsempfinden anderer Fußballfans.

Mediale Aufarbeitung: Versagen auf ganzer Linie

Die Ebene, auf der nun die mediale Diskussion zu großen Teilen stattfindet, ist hingegen eine völlig andere: Hier wird nicht argumentativ die Sachlage diskutiert, es wird auch nicht über sportliche Fair- bzw. Unfairness gesprochen, nein, es wird skandalisiert und boulevardisiert. Der sportliche Skandal tritt gegenüber einem (angeblichen) allgemeinen, gesellschaftlichen Skandal folglich in den Hintergrund. Das Spiel musste nun als Beleg für all das herhalten, was die Klischeeschublade für Fußballfans hergibt.

Von Teilen der Medienlandschaft erwartet man nichts anderes. Wenn jedoch im gebührenfinanzierten, öffentlich-rechtlichen Fernsehen Effekthascherei über Aufklärung und Stammtischparolen über sachliche Diskussion gehen, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. (Leider ist dieses Problem weder neu noch auf den Fußball begrenzt.) Was sich bei Hart aber fair und Menschen bei Maischberger abspielte, sollte jedem Medienschaffenden zu denken geben. Oftmals werden “die Medien” von Ultras und anderen Fan-Gruppierungen pauschal als Feindbild angesehen – was man zurecht kritisieren kann. Wenn jedoch in zwei der reichweitenstärksten Diskussions-Sendungen zweier der öffentlichen Aufklärung verpflichteten Sender so offensichtlich mit falschen Karten gespielt wird, dann gibt man dieser Haltung neuen Zündstoff und beschert ihr sicherlich auch neue Sympathisanten. Ultras mit Taliban zu vergleichen ist der rhetorische Platzsturm des ZDF.

Zum Thema “Gewalt im Stadion” hätte man eine wichtige, differenzierte und sicherlich auch hitzige Diskussion führen können. Die Sendungen (als Spitze des Eisbergs der Medien-Stimmen mit ähnlichem Tenor) hatten jedoch eine klare Agenda: Zu zeigen, dass Fans gewalttätig sind und es immer schlimmer und gefährlicher wird in deutschen Stadien. Die Mittel, die dazu gewählt wurden, waren propagandistisch und nicht journalistisch. Leider ist es nicht damit getan, solche Sendungen einfach zu ignorieren. Wenn mit öffentlichen Geldern gezielt und einseitig Meinungsmache betrieben wird, dann ist dies ein Missstand, den man nicht hinnehmen kann. Erweitert man den Horizont über den Fußball hinaus, zeigt sich, dass es sich durchaus um ein flächendeckendes Problem handelt.

Wenn der Fußball zur Grundversorgung zählt und seine Übertragung im Fernsehen deshalb mit öffentlichen Geldern finanziert wird, gibt es auch ein Anrecht auf eine mediale Aufarbeitung seiner Begleitumstände. Dabei darf und muss man ein Mindestmaß an journalistischer Sorgfalt und Qualität erwarten. Ansonsten entzieht sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst jegliche Legitimation.

Schlussendlich lässt sich wieder einmal festhalten, dass Wiglaf Droste Recht hat: Niemand ist der Wahrheit ferner, als Johannes Baptist Kerner.

Werder-News 11/09/26

Da ich selbst noch nicht dazu gekommen bin, einen Post zu Spiel gegen Hertha BSC zu schreiben, gibt es hier eine kleine Übersicht über andere Spielberichte:

“Peter Niemeyer ist zu einem echten Führungsspieler geworden”

Edit: Leider ist mir der Post ein bisschen voreilig “rausgerutscht”. Da fehlte noch die Vorstellung des Interviewpartners: Daniel bloggt für das Hertha BSC Blog und war so nett, mit vor dem Spiel am Sonntag ein paar Fragen zu beantworten:

Hallo Daniel, schön dass Du mitmachst. Erstmal willkommen zurück in der 1. Liga. Wie würdest du das Jahr in Liga 2 rückblickend bewerten? War der Abstieg nur ein Ausrutscher oder gab es in der letzten Saison einen richtigen Neuanfang?

Vielen Dank, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es sich da “unten” anfühlt. Abstiege sind grausam und ich wünsche sie wirklich niemandem – was natürlich nur solange stimmt, wie wir selbst damit nichts zu tun haben. Sobald das der Fall ist, wünsche ich es allen anderen. Jedenfalls kann ich deine Eingangsfrage zweimal mit Ja beantworten. Es war ein Ausrutscher, der nicht hätte passieren dürfen, aber er wurde vom Verein genutzt, um sich komplett neu aufzustellen. Auch in der Öffentlichkeit ist es angenehmer. Ich hab das natürlich auch früher nicht gemacht, aber man muss seit dem Wiederaufstieg weniger dafür entschuldigen Hertha-Fan zu sein, als vor dem Abstieg.

Neun Punkte aus sechs Spielen und Platz 10 sprechen für Mittelmaß, dennoch macht der Verein einen zufriedenen Eindruck. Liegt das nur daran, dass ihr gerade erst wieder aufgestiegen seid oder haben sich die Ansprüche im Verein geändert? Wo ist das Anspruchsdenken der Hoeneß-Ära geblieben?

Dieses Anspruchs-Denken ist nach Wolfsburg gewechselt und das kann da auch gerne bleiben. Im Nachhinein hätten wir dafür aber deutlich mehr Geld verlangen sollen. Egal. Es ist ehrlich gesagt ein bisschen zu einfach, zu sagen: Der Hoeneß hat den Druck erzeugt, weil er damals davon geträumt hat, mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor zu fahren. Träume sind auch weiterhin erlaubt, wer hat sie nicht? Aber es bricht hier kein Sturm der Enttäuschung mehr los, wenn es nicht für den Europa-Pokal-Platz reicht – wie es vor dem Abstieg der Fall war. Jeder Hertha-Fan weiß, dass wir den Verein vermutlich hätten dicht machen können, wenn wir nicht direkt wieder aufgestiegen wären. Das erdet einfach ungemein.

Was sind für dich persönlich die Ziele in dieser Saison? Reicht es Dir, wenn man „nur“ die Klasse hält oder denkst Du schon wieder ans internationale Geschäft?

Ich würde ja schon gern mit der Meisterschale durchs Brandenb…nein im Ernst, mir reicht der Klassenerhalt vollkommen aus, solange der Verein dadurch gesundet. Wenn wir keine Schulden mehr haben, wann auch immer das sein wird, können wir vielleicht mal wieder über Europa reden, vorher ist alles, was nicht Abstieg heißt, ein Erfolg.

Euer Spiel gegen Dortmund hat mir imponiert, das war blitzsauberer Konterfußball. Wie so viele Mannschaften in der Bundesliga scheint ihr aber Probleme zu haben, das Spiel selbst zu machen. Ist es momentan sogar ein Vorteil für euch, auswärts zu spielen?

Es sieht so aus, auch wenn ich diese Unterscheidung von Heim- und Auswärtsspieltaktik nicht mag. Hertha darf auch zu Hause auf Konter spielen, wenn es dem Erfolg zuträglich ist, selbst wenn Markus Babbel das nicht glaubt (er hat vor dem Augsburg-Spiel behauptet, das Olympiastadion wäre zur Halbzeit halbleer, wenn Hertha mit der Taktik aus dem Dortmund-Spiel gegen Augsburg komme). Denn es es ist doch so: Das, was eine Mannschaft am Besten kann, sollte sie auch spielen. Und wenn das Konterfußball ist, dann ist das eben so. Ich hoffe jedenfalls, dass wir auch am Sonntag wieder mehrere Kostproben von unserer Konterstärke zu sehen bekommen.

Mit Rafael, Ebert und Ramos habt ihr starke Offensivspieler im Team. Ist eine vor allem auf Konter ausgelegte Taktik auf Dauer nicht zu wenig, um das Optimum aus der Mannschaft herauszuholen?

Die Schlüsselpositionen in unserem System sind die beiden Sechser. Sie bestimmen, wie offensiv oder defensiv das System ist, sie sind die Taktgeber wenn man so will. Naja, und wenn die Taktgeber dann eben Andreas Ottl und Peter Niemeyer sind, dann spielt man eben grundsätzlich erst einmal defensiv. Das soll keine Kritik sein, aber große Offensiv-Denker sind sie eben nunmal beide nicht. Hinzu kommt, dass die angesprochenen Spieler leider launische Diven sind, die sich gerne mal Auszeiten nehmen. Und dann bringt auch eine offensive Ausrichtung nichts.

Mir fällt es noch etwas schwer euren Trainer Markus Babbel richtig einzuordnen. Nach seiner Zeit beim VfB Stuttgart wurde er von vielen als Eintagsfliege abgestempelt. Bei Euch macht er jedoch den Eindruck, dass er ein Konzept hat und es den Spielern auch gut vermitteln kann. Ist er der richtige Trainer für Hertha?

Gute Frage, die allerdings voraussetzt, dass ich wüsste, wie der “richtige” Trainer für Hertha aussieht. Ich war sehr lange davon überzeugt, dass dieser Trainer Lucien Favre heißt, nunja, das Ende der Geschichte kennen wir. Babbel macht seine Sache insofern gut, dass er es schafft, Fans und Umfeld auf seine Zeit zu bekommen. Oftmals ist er für mich noch ein Rätsel, gerade was eben die taktische Ausrichtung bei Heimspielen angeht. Da schiebt er dann gerne mal die großen Erwartungen der Fans oder des Umfelds vor (die, wie bereits erwähnt, gar nicht so groß sind) um Entscheidungen zu rechtfertigen. Natürlich hat er durch den Aufstieg einen riesengroßen Bonus, der auch sehr lange Zeit halten wird. Aber eine echte Negativ-Serie hatten wir unter ihm noch nicht. Und was ein guter Trainer, zeigt sich eben meist erst, wenn es mal nicht so läuft.

Mit Peter Niemeyer habt ihr letzte Saison einen Spieler geholt, der sich bei Werder nicht so richtig durchsetzen konnte. Bei Euch hat er einen Stammplatz und zeigt gute Leistungen. Wie bewertest Du seine Entwicklung und seine Bedeutung in der Mannschaft?

Peter Niemeyer ist der legitime Nachfolger von Pal Dardai und auch wenn das im Rest der Fußball-Republik vielleicht nicht als ein solches angenommen werden würde: Das ist ein Riesenkompliment. Niemeyer gewinnt eigentlich jeden Zweikampf, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann er zuletzt einen verloren haben soll. Er ist bei uns zu einem, wenn man heutzutage noch davon reden kann, echten Führungsspieler geworden und ich kann mir vorstellen, dass er uns in den drei Jahren, in denen er auf jeden Fall noch bei uns spielen wird (laut Vertrag), sehr viel Freude bereiten wird.

Eine Frage zum Gegner: Werder hatte letzte Saison ein ähnlich schwaches Jahr, wie ihr in der Saison davor. Dem Abstieg sind wir zum Glück knapp entgangen. Nun steht man plötzlich wieder oben in der Tabelle. Wie stark ist Werder aus Deiner Sicht?

Ich bin ehrlich: Ich hatte euch vor der Saison nicht auf dem Zettel und wenn ich sage “nicht”, dann meine ich “gar nicht”. Ich habe sogar vor der Saison darauf gewettet, dass Thomas Schaaf der erste Bundesligatrainer in dieser Saison ist, der entlassen wird (ich weiß eine makabre Wette, aber wir waren zu sechst und sehr betrunken). Das war nach dem Aus im DFB-Pokal und teilweise unterirdischen Vorbereitungsspielen eurerseits. Tja und dann startet ihr so in die Saison, was mich dann – nach kurzem Ärger über die
verlorene Wette – doch sehr gefreut hat, weil ich durch meine Familie durchaus gewisse Sympathien für Werder hege. Wenn sich niemand verletzt, kann das dieses Jahr wieder was werden mit Europa. Aber wer bin ich, das zu prognostizieren.

Der Bremer Offensivfußball dürfte eurer Spielweise eigentlich entgegen kommen. Wie schätzt Du Herthas Chancen am Sonntag ein? Wärst Du mit einem Punkt zufrieden oder ist sogar mehr drin?

Ich bin vor dem Spiel nie mit einem Punkt zufrieden. Allerdings habt ihr in dieser Saison bisher zu Hause selten was anbrennen lassen, deshalb liegt ein Unentschieden durchaus im Bereich des Erträglichen. Wenn es irgendwie geht, hätte ich es aber natürlich gerne, dass Hertha ähnlich viele Chancen wie in Dortmund erspielt und diese nicht dreimal ans
Aluminium verschwendet.

21. Spieltag: Jinx

Werder Bremen – Hertha BSC 2:1

Vor gut 2 1/2 Monaten schrieb ich euphorisiert von Werders 6:0 in Freiburg folgendes:

“Ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!”

Wie dumm von mir! Als Fan lernt man über die Jahre, dass solch eine Aussage einfach nicht unbestraft bleibt. Außer man ist Fan des FC Bayern. Ich fühle mich daher schon mehr als nur ein wenig mitschuldig, dass Werders tolle Serie aus dem Herbst so jäh beendet wurde und es stattdessen bis zum Freitag gedauert hat, bis Werder den nächsten Sieg einfahren konnte. Im Baseball gibt es dafür sogar eine eigene Bezeichnung: jinx. Ein jinx ist ist eine Art Fluch, der durch verschiedene Dinge hervorgerufen werden kann. Es gibt inzwischen ein ganzes Regelwerk für Spieler, die einen jinx vermeiden wollen. Die wichtigste Regel dabei ist: Spreche niemals über die Serie! Im Baseball ist damit die Serie eines Pitchers an No-Hittern gemeint, aber es lässt sich relativ leicht auf andere Sportarten übertragen. Wäre ich Amerikaner hätte es nach meiner Aussage vermutlich keine drei Sekunden gedauert, bis mir jemand zugerufen hätte: “Don’t jinx it!”

Auch in Deutschland hat mir jemand etwas ähnliches zugerufen, nämlich meine Freundin. Dummerweise habe ich nicht auf sie gehört und den schlimmsten Fehler begangen, den man in meiner Situation machen kann: Ich habe meine Aussage nicht etwa zurückgenommen oder relativiert, sondern ihren Einwand als Quatsch abgetan. Ich habe die Existenz des jinx verneint! Wenn es etwas gibt, das den Fluch sogar noch verstärkt, dann ist es, die Existenz des jinx zu leugnen! “There is no such thing as a jinx”, ist daher die dümmste Äußerung, die ein Sportfan in den USA von sich geben kann. Ein absoluter rookie mistake, den sich bestenfalls sportuninteressierte Nerds leisten, die zum ersten Mal eine Sports Bar besuchen und dann von allen Seiten beschimpft werden. Wenn es also einen Schuldigen für Werders elfwöchige Serie ohne Bundesligasieg gibt, dann ist es nicht der Trainer, dann ist es nicht die Mannschaft, sondern dann bin ich es!

Nun stellt sich aber die Frage, wer “Schuld” daran trägt, das Werder am Freitag zumindest vorübergehend zurück in die Erfolgsspur gefunden hat. Andersherum funktioniert der jinx nämlich nicht, auch wenn eine pessimistische Grundeinstellung bis zum sicheren Sieg die Gefahr eines jinx minimiert. Es muss sich also tatsächlich etwas verändert haben in Werders Mannschaft. Bloß was? Häufig sind die Änderungen nicht von außen erkennbar. Es werden vermeintliche Kleinigkeiten geändert, die auf dem Platz eine große Wirkung erzielen. Manchmal sind es aber auch ganz offensichtliche Dinge. Am Freitag waren die personellen Umstellungen in der Mannschaft deutlich: Für den in Gladbach überforderten Abdennour kam Perti Pasanen in die Startelf und im Mittelfeld ersetzte Peter Niemeyer Tim Borowski. Es blieb jedoch nicht nur bei den personellen Umstellungen, auch die Formation auf dem Platz war eine andere. Wer Thomas Schaaf auf die “Raute” im Mittelfeld anspricht, erntet zumeist nur ein müdes Lächeln, ihm sind diese Standardfloskeln ein Dorn im Auge. Viel wichtiger als die Grundformation sind ohnehin die Bewegungen der Spieler in unterschiedlichen Spielsituationen. Gegen die Hertha waren aber deutliche Umstellungen erkennbar, wie ein Blick auf die Durschnittspositionen während des Spiels zeigt.

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Hertha (Durchschnittliche Positionen)

Auf dem oberen Bild ist Werders Mannschaft im Spiel gegen Gladbach zu sehen, auf dem unteren im Spiel gegen Hertha. Was fällt auf? Die Abwehrkette stand beim Heimspiel gegen den Tabellenletzten deutlich tiefer als noch eine Woche zuvor. Am auffälligsten zeigt sich dies bei Per Mertesacker – der gegen Berlin in der ersten Halbzeit fast einen Libero abgab – und bei Petri Pasanen. Eine tiefer stehende Viererkette bedeutet aber auch mehr Raum für den Gegner im Mittelfeld. Während im oberen Bild eine deutliche Raute erkennbar ist (das ist bei Werder längst nicht immer so, weil die Spieler ihre Positionen immer wieder tauschen), sieht man im unteren Bild zwei defensive Mittelfeldspieler im Zentrum. Niemeyer fiel weder durch große Passgenauigkeit, noch durch außergewöhnliche Zweikampfstärke auf, doch er machte in taktischer Hinsicht vieles richtig. Bei Ballverlusten dauerte es keine zwei Sekunden, bis er sich neben Frings eingefunden hatte. Zusammen machten die beiden viele Gegenangriffe der Hertha zunichte, bevor sie auf die sichtlich bemühte, aber verunsichert wirkende Abwehrkette zurollen konnten. Borowski hatte in den Wochen zuvor als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive immer wieder enttäuscht, konnte weder Frings im Zentrum wirklich unterstützen, noch für Impulse im Angriffsspiel sorgen. Die Variante mit Niemeyer scheint bis auf weiteres die stabilere zu sein.

Während man defensiv deutlich mehr Augenmerk auf das Verhindern von Kontergelegenheiten legte, blieb in der Offensive alles beim Alten. Hunt mit ungeheuer viel Laufarbeit, Marin wirbelt und Pizarro sorgt für die entscheidenden Tore (wenn man denn hinten die Bude nicht voll bekommt). Man konnte auch ganz deutlich sehen, wie sehr man sich an Pizarros Torriecher gewöhnt hat. Als er die ersten drei dicken Torchancen gegen den Berliner Schlussmann Drobny liegenließ, wollte man es gar nicht so recht glauben. Der Sieg ging deshalb völlig in Ordnung. Hertha hatte trotz ordentlichen Spiels über die gesamten 90 Minuten kaum Torchancen, benötigte für den zwischenzeitlichen Ausgleich die Mithilfe von Tim Wiese. Den Ärger über die wohl ungerechtfertigte Abseitsentscheidung in der ersten Hälfte kann ich zwar verstehen, aber als spielentscheidende Szene kann man es wohl kaum bezeichnen. Das Sorgenkind auf Bremer Seite heißt leider weiterhin Mesut Özil. Er scheint so sehr mit dem Kampf gegen sein Phlegma beschäftigt, dass er der Mannschaft nicht so richtig weiterhelfen kann. Ich glaube aber erkannt zu haben, dass er diesen Kampf endlich annimmt und ihn auch gewinnen wird.

Ist etwa doch noch etwas drin in dieser Bundesligasaison? Dortmund und unsere Freunde aus Stellingen sind uns freundlicherweise etwas entgegen gekommen. Wenn nun noch Frings die einfachen Fehlpässe im Aufbau abstellen kann, die Abwehrkette ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt und auch noch Özil zurück zu seiner Form findet, dann, ja dann! I don’t wanna jinx it, but… aber so fangen eigentlich auch nur ziemlich dumme Sätze an.

4. Spieltag: Die üblichen Verdächtigen

Hertha BSC – Werder Bremen 2:3

Werder gewinnt also wieder in Berlin. So langsam könnte man sich daran gewöhnen. Auch wenn an Werders Spiel noch vieles verbesserungswürdig ist, hat man sich im Vergleich zum holprigen Start gefangen und steht nun auf dem dritten Platz. Vor zwei Wochen noch fast sicherer Absteiger, nun schon wieder auf Champions League-Kurs?

Thomas Schaaf vertraut weiterhin nicht auf einen zweiten Stürmer neben Pizarro und ließ mit einer Art 4-1-3-2 spielen, bei dem Frings hinter einem Dreiermittelfeld den Abräumer machte und Marko Marin anstelle von Aaron Hunt als hängende Spitze agierte. Was mir sehr gut gefiel, war die Selbstverständlichkeit, mit der Özil oder auch Bargfrede und Borowski mit Marin die Positionen tauschten und so für die Hertha schwer ausrechenbar waren. Eine alte Stärke, die gegen Berlin zum Erfolg führte. Obwohl Werder nach der Pause stark unter Druck geriet und nur dank Tim Wiese und einer umstrittenen Entscheidung von Schiedsrichter Kinhöfer (bei der ich mir nach wie vor nicht sicher bin, ob Wichniarek abhob oder tatsächlich getroffen wurde) nicht in Rückstand geriet, war das 0:1 einfach toll heraus gespielt.

Ich weiß nicht, was mich mehr freut: Marins starke Leistung mit seinen beiden Torvorlagen oder Mesut Özils neue Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. So stelle ich mir einen Klassespieler vor: Selbst wenn es nicht so gut läuft aus dem Nichts auftauchen und die Chance nutzen. Pizarro machte als einzige richtige Spitze ein gutes Spiel. Man sieht, wie sehr Werder von seiner Ballsicherheit profitiert, auch wenn er selbst nicht trifft. Es erstaunt mich, dass Torsten Frings, der Diegos Spielweise häufig kritisiert hat, nun der Spieler ist, der den Ball zu lange hält, statt ihn direkt zum nächsten Mitspieler zu passen. So bringt er sich selbst in schwierige Situationen, denn ein Dribbelgott wird er in diesem Fußballerleben nicht mehr.

In der Defensive das alte Spiel: Kaum wird schnell gespielt, gerät die Viererkette ins Wanken. Meine Prognose von weniger als 40 Gegentoren war vielleicht optimistisch. Die momentane Quote würde am Ende 51 Gegentore bedeuten – eins mehr als in der letzten Saison. Bekommt man endlich etwas mehr Stabilität in diesen Mannschaftsteil, kann Werder in dieser Saison wieder vorne mitspielen.

Nicht mitspielen dürfen hingegen Torsten Frings und Tim Wiese. In der Nationalmannschaft. Während Wiese bis zum noch nicht fest angesetzten Spiel gegen Chile vertröstet wurde, scheint Frings in den Planungen keine Rolle mehr zu spielen. Ich kann beide Entscheidungen nachvollziehen, halte sie aber dennoch für falsch. Frings ist momentan nicht gut genug, einen Stammplatz in der Nationalelf einzufordern. Mit seinen lauten Rufen nach Berücksichtigung hat er sich ein wenig selbst ins Abseits manövriert. Dennoch war Frings viele Jahre lang ein wichtiger Spieler für Deutschland, hat eine starke (2002) und eine überragende (2006) WM gespielt. Es gehört zu den Aufgaben eines Trainers dazu, ältere Spieler auszusortieren. Die Kriterien, nach denen dies bei Joachim Löw geschieht, sind jedoch höchst undurchsichtig.

Statt einem Spieler klar zu sagen, dass er in der Nationalmannschaft keine Zukunft mehr hat, wird er monatelang hingehalten und erhält immer neue Nackenschläge. Es ist einerseits verständlich, dass sich Löw noch nicht endgültig um die Option Frings berauben will, falls dieser noch einmal zu seiner Topform zurück findet. Das vermeintliche Überangebot im zentralen/defensiven Mittelfeld ist spätestens seit Jones Absprung keines mehr. Andererseits wird der Spieler, wie Frings schon vor einem Jahr sagte, respektlos behandelt. Man kann nicht auf der einen Seite ein tadelloses Verhalten seitens der Spieler fordern und sich auf der anderen Seite so verhalten, wie Löw es in seinen Personalentscheidungen immer wieder tut: Hildebrandt, Kuranyi, Jones. Hier werden Spieler durch einen unaufrichtigen Umgang mit ihnen zu Reaktionen getrieben, die dann als Begründung für ihren Ausschluss herangezogen werden. Was ich bei Klinsmann (Wörns, Kahn, wiederum Kuranyi) noch in Ansätzen verstehen konnte, wirkt nun völlig deplatziert und muss dem Bundestrainer als Schwäche ausgelegt werden.

Das Leistungsprinzip wird nur dann als Begründung verwendet, wenn es gerade passt. Ein Lukas Podolski darf trotz fehlenden Einsätzen und dem taktischen Spielverständnis eines 10-Jährigen über Jahre hinweg ein Spiel nach dem anderen machen und wird selbst für einen tätlichen Angriff auf dem Spielfeld gegen den eigenen Mannschaftskapitän nur halbgar abgemahnt. Was wäre wohl mit Spielern wie Kuranyi, Jones oder Wiese in dieser Situation passiert?

Überhaupt Wiese. Nimmt man die grün-weiße Vereinsbrille mal ab, dann kann man die Entscheidung pro Enke (nichts anderes war es) durchaus verstehen. Robert Enke ist ein sehr guter Torhüter, strahlt Ruhe aus, macht wenig Fehler. Wiese hat sich ungemein verbessert, wächst immer häufiger über sich hinaus. Von der Klasse her nehmen sich beiden nicht mehr viel, doch Wiese ist – im Positiven wie im Negativen – der unberechenbarere von beiden. Mit Manuel Neuer und René Adler hat man zwei starke, junge Torhüter in der Hinterhand, die bei der WM Turniererfahrung sammeln können. So weit, so gut, doch warum sagt man das Tim Wiese nicht? Warum macht man ihm über ein Jahr lang vor, er habe eine reelle Chance auf einen Platz im WM-Kader? Wiese hat sich seit seiner ersten Nominierung nichts zu Schulden kommen lassen, gut trainiert und bei Werder konstante Leistungen auf sehr hohem Niveau abgeliefert. Dazu hat er sich in seinen früheren Schwachpunkten (Herauslaufen, 1-gegen-1, Strafraumbeherrschung) klar verbessert und verfügt über die größte internationale Erfahrung.

Trotzdem erhielt er nie die Chance, sich in der Nationalmannschaft zu beweisen. Ihn nun ohne ersichtlichen Grund zurück zu stufen gleicht einer Ohrfeige, wie sie schallender nicht sein könnte. Ein weiterer Spieler, der durch den Trainer Löw verbrannt wird. Die Personalpolitik der Nationalmannschaft erscheint so in einem immer schlechteren Bild. Ein Trainer muss sich eben nicht nur an seinen Trainingsmethoden und taktischen Kenntnissen messen lassen, sondern auch an seiner Menschenführung. In letzterem Bereich könnten ein paar Lehrstunden für den Bundestrainer nicht schaden. Ich wüsste da auch einen Trainer, der sie ihm geben könnte…

Meine Saisonvorschau 09/10 (Teil 2)

Nach meiner Einschätzung des Werderkaders folgen heute meine Erwartungen an die neue Saison (inklusive meiner Abschlusstabelle, bei der ich schon traditionell hoffnungslos daneben liege).

Entwicklung der Bundesliga

Im internationalen Vergleich steht die Bundesliga so gut da, wie schon lange nicht mehr. Zwar ist der Abstand auf die europäischen Spitzenclubs nicht geringer geworden, doch insgesamt gibt es wieder mehr Bundesligamannschaften, die gehobenes internationales Niveau haben. In der letzten Saison konnte man eine deutliche Zweiteilung der Liga erkennen, mit Werder auf Platz 10 als Bruchstelle. Dadurch war es oben wie unten spannend, echte Überraschungen durch Underdogs bleiben jedoch aus. Wolfsburgs Meisterschaft schien vor einem Jahr nicht völlig utopisch, fast alle hatten sie zumindest für die Plätze 3-5 auf der Rechnung. Im Fall Hoffenheim überraschte nur der frühe Zeitpunkt, nicht die Etablierung in der Spitze selbst. Erleben wir also eine Spaltung der Bundesliga?

Es sieht danach aus, und das ist auch gut so! Da es – anders als in England, Spanien und Italien – nur eine Mannschaft gibt, die seit vielen Jahren national und international immer ganz oben dabei ist, tun sich die zweiten und dritten Kräfte im Land schwer. Wird nun der Kreis der Spitzenmannschaften erweitert, wird es naturgemäß schwieriger, sich gegen diese durchzusetzen. Mal ganz ökonomisch gedacht: Mehr Wettbewerb führt zu einem besseren Ergebnis. Der FC Bayern sah sich zum zweiten Mal in drei Jahren gezwungen, seinen Kader für viel Geld zu verstärken. Es reicht nicht mehr, die besten Leute der Konkurrenz weg zu kaufen, wenn diese, wie Wolfsburg oder Hoffenheim, finanziell in der gleichen Liga spielt. Davon wird man auch international profitieren. Einen deutschen Champions League Sieger sehe ich in den nächsten Jahren trotzdem nicht.

Meine Prognose

Der Meisterschaftskampf dürfte in dieser Saison wieder etwas langweiliger werden. Es ist zwar nicht sonderlich sexy auf einen Meister Bayern München am 31. Spieltag zu tippen, aber der Rekordmeister hat sich wirklich gut verstärkt und mit Louis Van Gaal einen hervorragenden Trainer, den ich noch aus seiner Zeit bei Ajax Amsterdam Mitte der 90er sehr schätze. Damals fügte er den Bayern im Europapokal eine empfindliche Niederlage zu und gewann schließlich mit einer sehr jungen Mannschaft die Champions League. Der Start könnte noch etwas holprig werden, doch auf lange Sicht wird sich die Klasse der Bayern wohl durchsetzen.

Dahinter wird es einen knappen und spannenden Kampf um die Champions- und Europa League Plätze geben. Vorbei sind die Zeiten als Werder und Schalke den 2. und 3. Platz unter sich ausmachten. Insgesamt 8 Kandidaten scheinen sich auf ähnlichem Niveau zu bewegen: Wolfsburg, Hoffenheim, HSV, Schalke, Dortmund, Stuttgart, Leverkusen und auch Werder. Ob eine dieser Mannschaften den Bayern einen spannenden Meisterkampf liefern können, vermag ich nicht zu beurteilen. Dahinter dürfte es allemal knapp werden.

Rechnen muss man sicher mit den Neureichen aus Wolfsburg und Hoffenheim, die die Bundesliga letzte Saison kräftig durcheinander gewirbelt haben. Beim VfL Wolfsburg wurde der Meisterkader zusammen gehalten und sogar punktuell verstärkt. Den unglaublichen Lauf der letzten Rückrunde wird man nicht wiederholen können. Dennoch ist Wolfsburg wieder ein Kandidat für die Spitzenplätze. 1899 Hoffenheim spielte nach begeisternder Hinrunde eine schwache Rückserie. In der neuen Saison werden sie sich davon erholt haben und wieder häufiger ihr Gesicht aus 2008 präsentieren. Der Kader ist qualitativ besser als vor einem Jahr und die Erfahrungen der letzten Saison helfen Hoffenheim, sich weit oben zu platzieren.

Schalke 04 ist mit Felix Magath einiges zuzutrauen. Der ganz große Wurf dürfte aber noch nicht gelingen, dafür halte ich den Kader für zu schwach. Mehr als ein 5. Platz wäre für mich eine Überraschung. Wie jedes Jahr wird auch der Hamburger SV hoch gehandelt. Nach dem Theater in der sportlichen Führung und dem unsäglichen Machtkampf zwischen Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer habe ich jedoch weiterhin Zweifel, ob in Hamburg alle an einem Strang ziehen. Der Kader verspricht wieder viel, die Qualität ist da. Doch kann der in Leverkusen gescheiterte Labbadia daraus eine Meistermannschaft formen? Zwischen Platz 2 und 9 ist für die Hamburger vieles drin. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Entscheidung darüber am 34. Spieltag im Bremer Weserstadion fiele.

Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund und den VfB Stuttgart halte ich aus unterschiedlichen Gründen für die schwächeren der genannten Teams. Bei Leverkusen ist mir noch immer Schleierhaft, warum man das eigene Potential nie über eine ganze Saison hinweg ausschöpft. Im Ernstfall stellt man sich selbst oft ein Bein in den Weg. Ich sehe auch nicht, wie sich dies in Zukunft ändern soll. Schönen Fußball wird es in Leverkusen bestimmt geben, aber keinen greifbaren Erfolg. Dortmund macht unter Klopp vieles besser als in der Vergangenheit und es fehlt nicht viel, um ein ernsthafter Titelkandidat zu werden. So ganz reicht es meiner Meinung nach aber noch nicht. Bei Trainer Klopp könnten sich in diesem Jahr erste Abnutzungseffekte zeigen, die er zwar in den Griff bekommen wird, die jedoch ein besseres Abschneiden verhindern. Stuttgart hat weiterhin eine starke Mannschaft, die ohne Gomez allerdings nur die Hälfte wert ist. Der Transfererlös wurde in Hleb und Pogrebniak sinnvoll investiert. Die Lücke, die Gomez hinterlässt, erscheint mir aber zu groß.

Hertha BSC sehe ich in dieser Saison nur im (gesicherten) Mittelfeld. Die Mannschaft ist schwer zu spielen, was ein Verdienst von Trainer Favre ist. Offensiv fehlt aber die Klasse. Wichniarek ist kein Voronin. Dahinter beginnt auch schon der Abstiegskampf. Köln und Nürnberg scheinen mir am ehesten die Klasse zu besitzen, in die Phalanx der letztjährigen Top 10 einzudringen. Für Hannover 96 wird es dagegen nicht zum Klassenerhalt reichen. Wenn dort nicht endlich das Ruder herumgerissen wird, ist die Mannschaft 2010 einfach mal dran. Mitabsteiger werden Mainz und Mönchengladbach sein. Freiburg, Frankfurt und Bochum heißen folglich die glücklichen Mannschaften, die sich in letzter Sekunde vor der Relegation retten können.

Und was ist mit Werder?

Es wird mal wieder eine typische Werder-Saison. Gute Hinrunde, Krise zu Beginn der Rückrunde, Aufholjagd im letzten Drittel und am letzten Spieltag werden die Positionen mit dem HSV getauscht. Werder wird Dritter und landet in der Champions League Qualifikation.

Vieles scheint möglich in diesem Jahr – nach oben wie nach unten. In Werders Kader steckt viel Talent, bei einem guten Beginn könnte man schnell einen Lauf bekommen. Zweifel an der Konstanz einiger Spieler sind aber angebracht. Diese hat Werder in den letzten 1 1/2 Jahren vermissen lassen. Man wird schon am oberen Limit spielen müssen, um meinen Tipp in Erfüllung gehen zu lassen. Mit der falschen Einstellung kann man schnell wieder ins Mittelfeld durchgereicht werden. Zum ersten Mal seit 2004 wird Werder von vielen Fußballinteressierten zum Favoritenkreis auf die Meisterschaft gezählt. In der Vergangenheit war dies häufig nicht die schlechteste Ausgangsposition.

Meine Abschlusstabelle

  1. Bayern München
  2. 1899 Hoffenheim
  3. Werder Bremen
  4. Hamburger SV
  5. VfL Wolfsburg
  6. Schalke 04
  7. VfB Stuttgart
  8. Borussia Dortmund
  9. Bayer Leverkusen
  10. 1. FC Köln
  11. Hertha BSC
  12. 1. FC Nürnberg
  13. SC Freiburg
  14. VfL Bochum
  15. Eintracht Frankfurt
  16. Borussia Mönchengladbach
  17. Mainz 05
  18. Hannover 96