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32. Spieltag: Hools vor der Haustür

Werder Bremen – 1. FC Köln 1:0

Sieg in der letzten Minute durch einen Elfmeter. Da kommen Erinnerungen an 2004 hoch. Kapitän Torsten Frings spielte dabei die Rolle, die damals Ailton und Valerien Ismael spielten. Mit der nervlichen Belastung hat er offensichtlich keine Probleme. Das darf und sollte man von seinem Kapitän auch erwarten, ist aber dennoch schön zu sehen.

Es gibt ja so Spiele, da redet man sich hinterher alles schön, weil man gewonnen hat. Die Leistung gegen Köln sollte man differenziert betrachten. In der ersten Hälfte hatte Werder große Probleme damit, das Spiel in der Kölner Hälfte zu halten. Vergleichsweise schwache 50 % Ballbesitz in den ersten 45 Minuten sprechen nicht gerade für Kontrolle am Ball. Die Kölner ließen sich nicht zurückdrängen und störten Werders Spiel früher, als ich erwartet hatte. Vor allem über die linke Seite liefen viele der Kölner Angriffe. Fritz hatte wiederholt Probleme mit Podolski und auch sonst einen gebrauchten Tag erwischt. So defensiv habe ich ihn in einem Heimspiel gegen einen – mit Verlaub – spielerisch unterlegenen Gegner noch nie gesehen. Auf seiner Seite hatte er auch keinen festen Partner vor ihm. Marin wechselte immer wieder die Seite, Hunt hielt auf der linken Seite relativ statisch die Position und auch Özil orientierte sich mehr nach links als nach rechts. Die Folge dieser asymmetrischen Raumaufteilung konnte man nach dem Spiel auch in der Statistik ablesen: 38 % der Angriffe über die linke und nur 28 % über die rechte Seite. Zumindest Zoran Tosic hatte dadurch einen schweren Stand auf seiner rechten Seite und konnte nur wenige Akzente im Kölner Offensivspiel setzen. Die größte Chance hatte Lukas Podolski kurz vor der Pause, als er von Novakovic wunderbar bedient wurde und mit seinem schwachen rechten Fuß ziemlich kläglich das Tor verfehlte. Werder hatte auf der anderen Seite auch ein paar aussichtsreiche Möglichkeiten. Die Kombinationen im Mittelfeld waren aber selten wirklich zwingend und es wirkte weitgehend so, als ob dort jeder sein eigenes Süppchen kocht.

In der Pause reagierte Schaaf und brachte mit Hugo Almeida einen zweiten Stürmer. Der zusätzliche Fixpunkt im Offensivspiel machte sich in der Ausrichtung der Kölner bemerkbar, die nun nicht mehr den Mut hatten, die Bremer schon hoch zu attackieren, sondern stattdessen vor dem eigenen Strafraum die Räume eng machten, um dann auf etwaige Fehler der Bremer zu warten. Werder nutzte das in der Folge gut aus, drängte nach vorne und brachte immer wieder die beiden Stürmer ins Spiel. So kam man erneut zu einigen Chancen, doch das erlösende 1:0 wollte nicht fallen. Auf der anderen Seite hatte man Glück, dass Novakovic nur die Latte traf, doch ansonsten tat Köln wenig, das ihnen einen Sieg hätte bringen können. Selbst als zuerst Naldo und später auch Mertesacker ihr Arbeitsgebiet fast ausschließlich in den Kölner Strafraum verlegten, konnten die Kölner den Raum nicht nutzen. Alles fokussierte sich auf die 25 Meter vor dem Kölner Tor. Frings gab nun eine Art Libero und die Bälle wurden immer wieder hoch in den Strafraum geschlagen. Dort gab es trotz Bremer Lufthoheit wenig Platz. Werder suchte nun bei jeder Gelegenheit den Abschluss, doch immer wieder war ein Bein eines Kölner Abwehspielers oder Schlussmann Kessler im Weg. In der Nachspielzeit verpasste Geromel auf der Torlinie einen Kopfball Mertesackers mit dem Kopf und riss in letzter Sekunde die Hand hoch. Klare Sache: Elfmeter und rote Karte. Den Rest machte Frings.

Nun kann man sagen: Glücklich, in der letzten Minute einen Elfmeter zu bekommen. Sicher, doch der Elfmeter war direkte Folge einer guten Torchance. Mertesackers Kopfball wäre wohl auch so ins Tor gegangen (auf Geromels Timing beim Klärungsversuch möchte ich hier lieber nicht eingehen). Und es ist eben kein Zufall mehr, dass Werder so viele Tore in den letzten Minuten des Spiels erzielt. Man erhöht konsequent das Risiko, schickt die Innenverteidiger mit nach vorne und setzt auf hohe Bälle. Ob diese von einer langen Flanke oder einer Standardsituation kommen, ist dabei nebensächlich. Sieht man sich Werders Gegentore an, könnte sich jedoch langsam fragen, ob man nicht gleich von Anfang an so spielen sollte. Sonderlich schön ist das nicht, aber immer noch besser, als in der Nachspielzeit noch immer die Bälle ins Tor tragen zu wollen, wie ein gewisser Verein aus dem Norden Londons. Von daher: Schön? Nein! Glücklich? Ja! Unverdient? Nein! Tim Wiese musste im gesamten Spiel nicht einen Ball halten.

Wie so häufig beim Duell der beiden Mannschaften kam es außerhalb des Stadions zu ein paar Ausschreitungen. Bereits vor Anpfiff hatten sich Hooligans der beiden Vereine in der Bremer Neustadt versammelt, um sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. So weit, so schlecht. Nach dem Spiel kam es erneut zu “Auseinandersetzungen” – wie man es so schön nennt, wenn solche Idioten mit Eisenstangen, Fahrrädern und Verkehrsschildern aufeinander losgehen – zwischen den Hools. Für mich persönlich macht es das noch etwas schlimmer, wenn diese “Auseinandersetzungen” in der Straße stattfinden, in der ich mein Büro habe. Die Polizei hatte die Situation zum Glück schnell im Griff.

Hooligans wirken auf mich immer ein wenig, wie ein Relikt aus den 80er Jahren. Wie diese Modesünden, bei denen man jeden Tag betet, sie mögen nie wieder zurückkommen und dann innerlich zusammenzuckt, wenn man plötzlich 16-Jährige damit rumlaufen sieht. Im Gegensatz zu Modesünden können Hooligans aber nicht nur sinnbildlich, sondern ganz wörtlich blind machen. Deshalb zitiere ich heute US-Komiker Jon Stewart – wenn auch leider ohne Gospelchor – und sage: Hooligans, go fuck yourselves!