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23. Spieltag: Sieg der Kampfschweine

Werder Bremen – Hamburger SV 1:0 (1:0)

In einem sehr kampfbetonten Spiel gewinnt Werder das 100. Nordderby und verschafft sich ein wenig Luft im Abstiegskampf.

Erzwungene Zweikampfschlacht

Etwas überraschend hielt Robin Dutt nach Hunts Rückkehr an seiner Doppelspitze fest und setzte im Mittelfeld auf eine Raute mit Bargfrede, Junuzovic, Obraniak und Hunt. Makiadi blieb zunächst auf der Bank. Der HSV spielte im flachen 4-4-1-1 mit derselben Besetzung, die letzte Woche mit 3:0 gegen Dortmund gewonnen hatte.

Das Spiel war von der ersten Minute an sehr umkämpft. Werder konnte sich dabei in der Anfangsphase einen Vorteil verschaffen, indem die Innenverteidiger im Spielaufbau sehr konsequent und aggressiv angelaufen und zu langen Bällen gezwungen wurden. Hunt spielte eine Art Manndeckung gegen Badelj, so dass Werder gegen den Ball manchmal in einem 4-3-3 stand. Werder gelang es so, den HSV in viele Zweikämpfe zu verwickeln. Dabei wirkten Werders Spieler fast über die gesamte Spieldauer konzentrierter und entschlossener als die des HSV. Dies zeigte sich auch bei den zweiten Bällen, von denen es mangels konstruktivem Aufbauspiels und vielen langen Bällen auf beiden Seiten eine Menge gab. Den Hamburgern gelang es kaum, die Bremer Raute über die Außenbahnen unter Druck zu setzen. Gegen die dynamischen Ignjovski und Garcia taten sich Rincon und Jiracek sichtlich schwer, auch weil die Hamburger Außenverteidiger nur zögerlich nachrückten. Lasogga konnte mit dem Rücken zum Tor einige Bälle behaupten, wurde von Prödl und Lukimya im Strafraum aber fast komplett abgeschaltet.

Das Führungstor fiel nach einer Standardsituation und auch hier war es ein zweiter Ball, den Garcia erlief und direkt wieder an den Strafraum brachte. Hunts akrobatische Vorlage wurde von Junuzovic verwertet. Danach blieb das Spiel kampfbetont, auch weil der HSV fast nie in die – durchaus vorhandenen – gefährlichen Räume vor der Bremer Viererkette vorstoßen konnte.

Dutts Wechsel entscheiden das Spiel

Nach dem Wechsel lieferten Slomka und Dutt sich ein kleines Schachspiel an der Seitenlinie. Zur Pause kam Van der Vaart für Rincon ins Spiel. Callhanoglu wechselte auf den rechten Flügel und kam dort wesentlich besser zur Geltung, als in der ersten Halbzeit (trotz seines Lattenschusses). Der HSV verlagerte das Spiel nun schneller auf die Außenbahnen und schaffte mit aufrückenden Außenverteidigern oft Überzahl. Dutt reagierte früh auf die sich ausbreitende Hamburger Dominanz, brachte Gebre Selassie für Di Santo und stellte auf ein 4-2-3-1 um. Das optische Übergewicht des HSV blieb zunächst noch bestehen, aber die Gefahr über die Flügel wurde eingedämmt.  So konnte sich Werder in der Folge über die Zweikämpfe wieder einen Vorteil erspielen, auch weil Dutt mit Makiadi einen zweiten nominellen Sechser brachte.

In der Schlussphase hätte Werder das Spiel mit einem zweiten Tor entscheiden müssen. Hier lag Dutt auch mit seiner dritten Einwechslung richtig, denn mit Elia hatte Werder bei Kontern einen Tempovorteil, den Junuzovic mit seinem egoistischen Torabschluss kurz vor dem Ende jedoch ignorierte. Der HSV wurde in dieser Phase überhaupt nicht mehr gefährlich und verlor auch sichtlich den Glauben an den eigenen Erfolg. Am Ende war es deshalb ein verdienter und trotz des knappen Ergebnisses ungefährdeter Heimsieg für Werder.

Der nächste Schritt

Zum ersten Mal in diesem Jahr gelingt Werder ein Ausrufezeichen im Abstiegskampf. Im Nordderby zu siegen war ungemein wichtig für die Stimmung im Umfeld und sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz verschaffen Team und Trainer erst mal etwas Luft zum Atmen. Zudem ist es sehr erfreulich, dass auch die in der Kritik stehenden Spieler wie Lukimya und Petersen überzeugen konnten. Lukimya zeigte wieder das einfache, rustikale und kompromisslose Spiel, mit dem er zu Beginn seiner Zeit bei Werder durchaus überzeugen konnte. Petersen, dem ich letzte Woche mit dem Rücken zum Tor die Bundesligatauglichkeit abgesprochen hatte, konnte seine Stärke im Spiel gegen den Ball zeigen und harmoniert langsam besser mit Di Santo. Die Chance von Petersen in der ersten Halbzeit demonstrierte das gut, als Di Santo einen langen Ball mit dem Kopf in Petersens Lauf verlängerte.

Die spielerische Dürftigkeit (nur 43% Ballbesitz, 62% Passquote insgesamt und 50% Passquote im Angriffsdrittel) kam diesmal kaum zum Tragen und nach dem achten Saisonspiel ohne Gegentor (so viele wie in den letzten zwei Jahren unter Schaaf zusammen) darf man der Defensive durchaus eine Entwicklung attestieren. Wolf rechtfertigt inzwischen den Torwartwechsel und hat vielleicht doch gute Chancen, länger als nur bis zum Sommer Werders Nummer 1 zu bleiben. Mit Ignjovski hat Dutt vielleicht den letzten Mosaikstein für die Viererkette gefunden.

Was der Sieg wert ist, werden wir erst in ein paar Wochen wissen. Nach zwei der fünf direkten Duelle um den Abstieg liegt Werder mit vier Punkten im Soll. In Nürnberg wird es wiederum vor allem darum gehen, intensiv und konzentriert gegen den Ball zu arbeiten und sich nicht auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen wie im Hinspiel. Dafür scheint mir das Team jetzt wieder besser gerüstet als noch vor einigen Wochen.

Werder-News 11/09/20

Ich habe mal einen neuen Bereich hier angelegt, in dem ich in regelmäßigen Abständen (wie häufig wird sich zeigen) kurz zusammengefasst die wichtigsten Neuigkeiten über Werder poste. Heute wären das z.B.:

  • DFB sperrt Wiese nach seiner roten Karte gegen Nürnberg für drei Spiele. Für Wiese kein Grund, seine Spielweise zu ändern. Er entschuldigte sich beim Team, gibt aber auch Prödl und dem Rasen eine Mitschuld.
  • Sokratis hat trotz seines Muskelfaserrisses noch Hoffnung, gegen Hertha am Sonntag schon wieder dabei zu sein. Sein Einsatz ist aber unwahrscheinlich.
  • Der Weser Kurier sieht Naldo schon bald wieder in der Startelf, vielleicht schon am Wochenende. Wäre nach seinen letzten Leistungen nicht überraschend.
  • Der HSV entlässt Michael Oenning, Bulgarien entlässt Lothar Matthäus. Zufall? In jedem Fall ein Anlass für Spott und Häme gegen die Hamburger und den überaus konsequenten Frank Arnesen (“Oenning flieg auf jeden Fall mit nach Stuttgart!”).

Don’t mention the Nordderby

Hamburger SV – Werder Bremen 4:0

Ich kann und will gar nicht viel schreiben. In Hamburg traf ein zutiefst verunsicherter HSV auf ein noch tiefer verunsichertes Werder Bremen, das sich wieder einmal zum Aufbaugegner missbrauchen ließ. Auch im dritten Auswärtsspiel der Rückrunde zeigte Werder eine katastrophale Leistung und brachte sich mit hanebüchenen Fehlern selbst ins Hintertreffen. Das Schlimmste ist aus Werdersicht nicht einmal die Höhe der Niederlage gegen den größten Rivalen. Das Schlimmste ist die Leichtigkeit, mit der der HSV Werder am Ende aus dem Stadion schoss, obwohl er 75 Minuten lang unterdurchschnittlich gespielt hat. Zuhause ist Werder eine Mannschaft, die um den Klassenerhalt kämpft. Auswärts hat man sich anscheinend schon aufgegeben. In dieser Kombination wird das nicht reichen, um den Abstieg zu verhindern.

Offensiv läuft inzwischen überhaupt nichts mehr zusammen. Hunt steht seit Wochen neben sich, Marin gibt den Einzelkämpfer und ohne Pizarro fehlt dem Angriff jegliche Torgefahr. In der Defensive schafft man es ab und an einigermaßen kompakt und sicher zu stehen, nur um dann mit absurden individuellen Fehlern die Gegner zum Toreschießen regelrecht einzuladen. Personelle Alternativen gibt es trotzdem kaum. Mindestens die halbe Mannschaft hat momentan nichts in der Startelf eines Bundesligateams verloren, doch es drängt sich niemand auf, der ihren Platz einnehmen könnte. Was bleibt ist allgemeine Ratlosigkeit bei Fans, Spielern und zunehmend auch bei der sportlichen Führung.

Wie kann Werder den Abstieg noch verhindern? Eure Ideen bitte in den Kommentaren!

Hamburger SV – Werder Bremen (live)

Asymmetrie vs. Stabilität

Bundesliga, 6. Spieltag: Werder Bremen – Hamburger SV 3:2

Auf Struktur und Sicherheit hatte ich vor dem Spiel gehofft. Eine statischere Formation zugunsten mehr Stabilität. Bekommen haben wir von Thomas Schaaf das exakte Gegenteil. Ein etwas krummes 4-4-2, das irgendwo zwischen flacher Vier und Raute im Mittelfeld schwankte, gegen das Hamburger 4-2-3-1. Zum Glück hatte HSV-Trainer Armin Veh ein unglückliches Händchen bei der Zusammenstellung seiner Startelf. Das Offensivtrio Choupo-Moting – Elia – Jansen hat überhaupt nicht funktioniert und somit alle Stärken des Systems negiert. In der ersten Halbzeit war der HSV eigentlich nur dann gefährlich, wenn sich Linksverteidiger Ze Roberto mit ins Mittelfeld einschaltete.

Bei Werder kam eine wichtige Konstante zurück ins Spiel, nämlich ein starker Torsten Frings als Abräumer vor der Abwehr. Vielleicht brauchte es ein solches Spiel, um eine Topleistung aus ihm herauszuholen. Sehr wichtig, dass er bei der beweglichen, aber eben auch instabilen Mittelfeldformation den Abstand zur Viererkette gering hielt und sich auf seine eigentliche Rolle beschränkte. Wesley gab einen verkappten Nebenmann für Frings, der aber eigentlich überall anzutreffen war und die rechte Mittelfeldseite dabei gelegentlich vernachlässigte (was Ze Roberto gut ausnutzte). Marin wurde von Schaaf endlich nicht mehr mit der Spielgestaltung in der Mitte beauftrag, sondern konnte sein Spiel über den Flügel aufziehen, während Hunt das Zentrum übernahm. Ich konnte das gesamte Spiel über kein “klassisches” System dabei erkennen. Ich würde die Formation in etwa so darstellen:

Flaches 4-4-2 oder Raute? Nur Frings hat eine feste Position: Wesley pendelt zwischen der rechten Seite und der zweiten Sechserposition, Marin gibt einen linken Flügelspieler, Hunt ist als Spielmacher nur selten wirklich im Zentrum.

Schlüssel zum Erfolg dieses Systems war (neben Vehs Aufstellungsfehlern) die unglaubliche Laufstärke von Wesley. In der zweiten Hälfte half ihm dies auf der Rechtsverteidigerposition, wo er vor allem im Spiel nach vorne einen starken Eindruck hinterließ. Defensiv wurde er wenig geprüft, da der HSV zunehmend die linke Bremer Seite als Schwachstelle ausmachte. Der eingewechselte Pitroipa konnte sich dort einige Male gefährlich durchsetzen und wenn van Nistelrooy etwas kaltschnäuziger gewesen wäre, hätte Werder vermutlich nicht alle drei Punkte aus dem Spiel mitgenommen.

Auch wenn die Hamburger mich insgesamt enttäuschten, sollte man nach den schwachen letzten Spielen die positiven Aspekte in Werders Spiel hervorheben. Die Rückkehr von Pizarro war immens wichtig. Auch wenn er noch nicht wieder vollständig fit ist, reicht allein seine Präsenz, um seine Mitspieler aufzuwerten. Auch Mertesacker konnte bei seiner Rückkehr überzeugen und sorgte für eine Verbesserung in der Spieleröffnung. Endlich wieder vertikales Spiel hinten heraus, statt jeden Ball auf die Außenverteidiger abzuladen! Die starke kämpferische Leistung der Mannschaft war wohl vor allem dem Nordderby geschuldet, doch sie macht Mut für das Auswärtsspiel bei Inter Mailand.

Der erste Schritt aus der Krise ist getan. Das Wie ist dabei weniger wichtig. Gestern zumindest zogen alle an einem Strang und das allein ist schon viel wert. Mich würde allerdings interessieren, ob die asymmetrische Formation den Vorgaben von Schaaf entsprach, oder ob sie ein Zufallsprodukt der eigenwilligen Raumaufteilung von Marin und Wesley war. Die nächsten Spiele werden darüber Aufschluss geben.

Werder Bremen – Hamburger SV (live)

3 Fragen zum Hamburger SV

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Vor dem 5. Spieltag hat mir HSV-Fan Florian alias nedfuller drei Fragen zu seinem Verein und dem Nordderby beantwortet:

Ende letzten Jahres haben wir vor dem Nordderby gesprochen und als ich dich nach deinem Tipp gefragt habe, hast du gesagt: “Bei dem Spiel geht es um nichts, also haben wir eine ganz gute Chance.” Du hast auf ein 2:1 getippt, das dann auch eingetreten ist. Unter diesem Aspekt sieht es auch am Samstag ganz gut für euch aus, oder?

Klar, ich bin der Tippkönig und habe immer recht ;-)

Bei meinen Tipps muß man wissen: Ich tippe nie gegen den HSV. Das kann ich nicht. Man stelle sich vor, wir verlieren und mein Tipp ist dann richtig. Dann wäre ich ja quasi Schuld daran. Nein, das kann ich nicht.

Am Samstag geht es wieder um was, es muß nämlich nach drei sieglosen Spielen unbedingt ein Dreier her. Also bin ich schon wieder etwas skeptisch, weil wenn wir gegen euch was reißen mußten, hat es selten geklappt. Andererseits ist bei euch auch nicht alles ok, man könnte gar sagen, ihr seid verunsichert. Das ist eine Chance, die wir nutzen können. Eure Abwehr ist nicht sattelfest und wenn unsere Offensive so spielt wie am Mittwoch, könnten wir euch überrennen. Mir macht es auch keine Angst, daß Per Mertesacker wieder zurück ist, den halte ich ja schon lange für einen schlechten Innenverteidiger (habe diese Meinung aber wohl exklusiv), also kann es uns nur helfen.

Ich weiß bislang weder bei uns noch bei euch wie ich die Mannschaften einschätzen soll. Das heißt bei uns kristallisiert sich langsam etwas heraus, das ich noch nicht so ganz wahrhaben will. Aber bei euch hatte ich eigentlich den Eindruck, dass ihr sehr gut in die Saison gekommen seid. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Wie siehst du eure bisherigen Leistungen?

Schon gegen Frankfurt und Schalke war ich skeptisch, was unser Spielsystem angeht. In diesen beiden Spielen hat es funktioniert, weil auch der Gegner nicht gerade stark war. In den nächsten drei Spielen hat man dann gesehen, woran unser System krankt: Wir haben keinen Spieler für die mittlere Position im Mittelfeld. Gegen Schalke fand ich allerdings gut, daß wir endlich mal wieder einen Rückstand aufgeholt haben. Das gab es in der letzten Saison sehr selten.

Unsere bisherige Leistung ärgert mich sehr, weil wir gegen die Kleinen (ja Herr Völler, ich meine es gibt sie immer noch!) nur 2 Punkte gemacht haben. Gegen Wolfsburg kann man verlieren, aber zu Hause gegen Nürnberg muß man aus 75% Ballbesitz einfach mehr Tore machen! Gegen den Stadtteilverein aus Hamburg haben wir nicht mal richtig Fußball gespielt! Da haben wir unnötig Punkte liegen lassen.

Der Start ist gut gewesen, meine Skepsis gegenüber Taktik und Trainer waren aber nie weg und haben sich dann in den nächsten drei Spielen verstärkt.

Ansonsten same procedure as every year? Neuer Trainer, gute Saison und am Ende wird doch wieder alles verspielt und der Trainer entlassen? Oder wird dieses Mal alles anders? Immerhin könnt ihr euch dieses Mal voll auf die Bundesliga konzentrieren. Was erwartest du vom HSV in dieser Saison?

Ich erwarte einen Platz unter den ersten 5. Das muß unser Ziel sein, bei der Qualität im Kader!

Das Problem mit einer Trainerentlassung wäre, daß ich glaube das Schicksal von Bernd Hoffmann wäre dann besiegelt. Was soll er sonst noch tun, den Neuanfänger Reinhardt entlassen? Das klingt dramatisch, aber so sehe ich das. Die Öffentlichkeit und auch der Aufsichtsrat wird ein nochmaliges Scheitern eines Trainers nicht ohne generelle Konsequenzen hinnehmen. Die Stimmung kocht seit der Posse um den Sportchef und die unglückliche Kommunikationsstrategie rund um das Investorenmodell mit Herrn Kühne. Ein Scheitern von Armin Veh würde vor allem dem Vorstand angelastet werden.

Ein wenig beruhigt bin ich, daß mit Michael Oenning ein Ersatz ja quasi schon Gewehr bei Fuß steht ;-) Der könnte dann ja…

Ach was, ich male zu schwarz: Wir rocken die Rückrunde und holen uns den zweiten Platz! Armin Veh verlängert für 15 Jahre und wird nach Ernst Happel der erfolgreichste Trainer beim HSV!

Und der Seitenhieb mit dem “Auf die Bundesliga konzentrieren” stecke ich mal weg, leider kann ich bei euch ja nicht das gleiche sagen…

Dein Tipp?

2:1 für den HSV. Was soll ich sonst tippen *G*

Wie ich morgen spielen würde

Ich will ja nicht nur meckern. Die letzten Spiele waren fürchterlich, aber es muss ja weitergehen. Nordderby also. Heimspiel gegen den HSV. So würde ich die Mannschaft spielen lassen:

Formation

Wir spielen gegen eine Mannschaft, die ein 4-2-3-1 spielt, ohne bislang die mittlere Position der offensiven Dreierreihe überzeugend zu besetzen. Dennoch stellt diese Position eine potentielle Gefahr dar. Eine Raute funktioniert gegen solch ein System nur, wenn sich das Mittelfeld geschlossen verschiebt und aufeinander eingestellt ist. Ist im Moment nicht gegeben. Also spielen wir ebenfalls ein 4-2-3-1, nehmen eine vergleichsweise statischere Ausrichtung der Mannschaft in Kauf, um im Gegenzug mehr Stabilität ins Spiel zu bekommen.

Aufstellung

Der Torwart steht fest und in der Abwehr gibt es mangels Alternativen auch nur eine mögliche Aufstellung. Davor spielen trotz zuletzt schwacher Leistungen Frings und Bargfrede. Bei Wesley hätte ich in einem vermutlich körperbetonten Spiel noch Bedenken auf dieser Position. Borowski wäre eine Alternative, aber er ist auf dieser Position ebenfalls nicht wirklich zuhause und würde außerdem nach spätestens fünf Minuten das eigene Publikum gegen sich aufbringen. Jensen war so lange von der Stammelf weg, dass ich mir von ihm momentan nicht viel erhoffe. Schaaf hat offenbar große Vorbehalte gegen ihn und ich glaube nicht, dass die im menschlichen Bereich liegen. Drängt sich wohl im Training nicht wirklich auf. Also die zwei Platzhirsche der letzten Saison spielen lassen, auf dass sie sich fangen und zu alter Stärke finden. Beide mit der Anweisung, sich für das Aufbauspiel als Anspielstationen für die Innenverteidiger freizulaufen, sich ansonsten aber voll auf die Arbeit gegen den Ball zu konzentrieren und auch bei Ballbesitz Werder den Kontakt zur Viererkette beizubehalten (I’m looking at you, Lutscher!). Letztere stand in den letzten Spielen schon recht tief und sollte dies auch gegen den HSV tun.

Die offensive Dreierreihe besteht bei mir aus Marin, Hunt und Arnautovic. Marin und Arnautovic halten dabei ganz Werder untypisch ihre Positionen auf der linken, bzw. rechten Seite und versuchen mit Ball am Fuß in Richtung Strafraum zu ziehen. Rotiert wird erst – und ausschließlich dann! – wenn das Kombinationsspiel funktioniert und Werder ein Übergewicht hat. Aaron Hunt hat in der Mitte hingegen wesentlich mehr Freiheiten, darf auf die Außen ausweichen und sein gutes Spiel ohne Ball ausnutzen. Die einzige Spitze Pizarro muss daher wie gewohnt variabel agieren und sich gelegentlich ins Mittelfeld fallen lassen, um a) dafür zu sorgen, dass das Zentrum besetzt ist und b) Verteidiger aus der Kette zu locken und so Platz für die anderen Drei zu schaffen.

Taktik

Ich würde mit einer defensiven Grundausrichtung beginnen. Die Abwehr und die beiden defensiven Mittelfeldspieler sollen sich in erster Linie auf die Defensive konzentrieren. Marin und Arnautovic müssen keine defensiv keine Wunderdinge vollbringen, aber ihre Position auf den Flügeln halten und bei Ballverlusten auf Vorstöße der Hamburger Außenverteidiger achten. Hunt hat ein wenig Narrenfreiheit. Pizarro arbeitet sowieso immer gut mit nach hinten. Das Spiel gegen den Ball würde ich wie im Spiel gegen die Bayern variieren. Mal intensiv Pressing spielen, dann wieder weit zurückziehen. Bei einer Führung würde ich diese Taktik so beibehalten und irgendwann Wesley für einen der drei offensiven bringen. Bei Unentschieden das Risiko nur dann erhöhen, wenn man den Gegner wider erwarten im Griff haben sollte. Bei einem Rückstand würde ich in den letzten 30 Minuten auf Raute umstellen, d.h. entweder Marin oder Arnautovic raus, dafür Wesley oder Borowski rein. Nach einiger Zeit dann Almeida bringen (Pizarro wird kaum durchspielen können) und in den letzten 10 Minuten dann auch Wagner für Bargfrede und es mit hohen Bällen in den Strafraum versuchen.

So sieht es dann aus:

Weder meine Taktik noch meine Aufstellung sind sonderlich ausgefallen oder gar innovativ. Sollen sie auch gar nicht. Momentan geht es in erster Linie um Stabilität und nicht darum, den HSV aus dem Stadion zu schießen (auch wenn ich natürlich nichts dagegen hätte). Eine Siegesgarantie ist das natürlich noch lange nicht und sicher auch nicht die einzige richtige Lösung (sofern es überhaupt eine richtige Lösung ist). Thomas Schaaf wird schon wissen, wie er das Team einstellen muss. Zumindest hoffe ich das nach den letzten beiden Spielen sehr. Damit beenden wir dann auch den Klugscheißermodus, denn mit dem Trainer tauschen möchte ich in diesen Tagen nun wirklich nicht.

34. Spieltag: Durchschaubar in die Champions League

Werder Bremen – Hamburger SV 1:1

Zur Einführung ein Zitat aus meiner Saisonvorschau im August 2009:

“Es wird mal wieder eine typische Werder-Saison. Gute Hinrunde, Krise zu Beginn der Rückrunde, Aufholjagd im letzten Drittel und am letzten Spieltag werden die Positionen mit dem HSV getauscht. Werder wird Dritter und landet in der Champions League Qualifikation.”

Ok, die Positionen brauchte man mit dem HSV gestern nicht mehr zu tauschen. Geschenkt. Ansonsten eine ziemlich akkurate Beschreibung der gerade abgeschlossenen Bundesligasaison des SVW. In meine seherischen Fähigkeiten habe ich spätestens seit Dezember kein großes Vertrauen mehr, als ich Werder die Meisterschaft voraussagte und damit kräftig auf die Nase fiel. Vor fünf Wochen habe ich dann die Saison abgehakt – äußerst verfrüht, wie sich gezeigt hat. Zu meiner Verteidigung war da eine Portion Aberglaube bei, sodass ich mich bis zum 8.5. um 17:20 nicht traute, meine Aussage zu revidieren. Trotzdem, als Wahrsager bin ich bestenfalls so mittelbegabt. War es denn so vorhersehbar?

Schaut man sich die Tabellen der letzten fünf Jahre an, muss man sagen: Ja! Bayern und Werder waren in den letzten fünf Jahren jeweils viermal unter den Top 3 der Liga. Der FC Schalke dreimal. Ansonsten schafften nur der VfB Stuttgart (2x), der HSV und Wolfsburg (je 1x) den Sprung unter die ersten Drei. Nun sind es also wieder diese drei Mannschaften, die die vorderen Plätze belegen, wie schon 2005 und 2008. In England wurde die Dominanz der Big Four gerade zum ersten Mal seit fünf Jahren durchbrochen. Haben wir in Deutschland nun also unsere Big Three? Das wäre übertrieben, doch Zufall sind diese Resultate wohl kaum. Während die letzte Saison eine kleine Revolution war, zunächst mit dem Überflieger Hoffenheim und dann mit dem Meister Wolfsburg, hieß es in dieser Saison: Das Imperium schlägt zurück.

Es gehört zum Fußball, dass sich bestimmte Dinge immer wiederholen. Auch in den Jahren 2006 und 2008 sowie mit Abstrichen 2007 verlief Werders Saison ähnlich, wie oben beschrieben. Daneben gibt es noch einige andere Tradionen: Die Bayern werden (fast) immer Meister, Schalke nie, Leverkusen bricht in der Rückrunde ein, Stuttgart dreht in der Rückrunde auf, der HSV verpatzt die wichtigen Spiele und Nürnberg und Bochum bleiben Fahrstuhlmannschaften. Während all das nicht zuletzt mit der Qualität der jeweiligen Mannschaften zu tun hat, ist es in nicht unterschätzendem Maße Psychologie. So etwas setzt sich nicht nur in den Köpfen der Fans fest, sondern auch in denen der Spieler. Als Leverkusener muss einem im letzten Saisondrittel Angst und Bange werden, während sich die Bayern darauf freuen können. Immer wieder schön, wenn Mannschaften es schaffen, diesen Kreislauf zu unterbrechen, wie Wolfsburg letzte Saison oder Werder 2004.

Doch entspricht Werders schematischer Saisonverlauf wirklich den Tatsachen oder erstammt er der selektiven Wahrnehmung und Einordnung der Fans? Ich habe mal einen kleinen Vergleich gemacht zwischen den letzten fünf Jahren und dieser Saison. Verglichen habe ich monatsweise, wieviel Punkte Werder jeweils im Schnitt pro Spiel geholt hat. Und siehe da, der Vergleich zeigt: In den letzten fünf Jahren gab es tasächlich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Monaten. Insgesamt holte Werder im Schnitt 1,8 Punkte pro Spiel. Hochgerechnet auf eine Saison sind das 61,2 Punkte pro Saison. Die aus Bremer Sicht erfolgreichsten Monate sind Januar und Dezember, gefolgt von Mai und September. In diesen Monaten hat Werder deutlich überdurchschnittlich viele Punkte geholt. Die schwächsten Monate sind März und Februar. Der von mir erwartete Leistungseinbruch in der ersten Hälfte der Rückrunde ist für Werder demnach nicht untypisch, sondern tritt regelmäßig auf.

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel (monatsweise)

Die nun abgelaufene Saison war in vielen Bereichen durchschnittlich. Insgesamt 61 Punkte (1,79 pro Spiel) entsprechen genau dem Durchschnitt der letzten fünf Spielzeiten. Die ersten vier Monate der Saison sind ebenfalls relativ nah an den Werten der letzten Jahre. Dann zeigen sich aber zwei große Abweichungen: In den traditionell stärksten beiden Monaten stürzte Werder völlig ab und holte nur einen Punkt aus sechs Spielen. Danach spielte Werder von Februar bis Mai eine überdurchschnittliche Rückrunde. Die sonst schwächsten Monate Februar und März wurden in dieser Saison zu den stärksten. Alles wie immer also, nur eben ganz anders.

Und was sagt uns das nun? Werder hat acht Monate lang eine überdurchschnittliche Saison gespielt, durch zwei ganz schwache Monate rund um die verkürzte Winterpause verpasste man es aber, ein noch besseres Ergebnis zu erreichen. Das Stichwort Konstanz, das letzte Saison so häufig gebraucht wurde, darf man daher auch in diesem Sommer wieder auspacken, wenn es um die Fehleranalyse geht. Zu wichtig sollte man solche statistischen Spielerein jedoch nicht nehmen. Das Spiel gegen den HSV hat doch wieder einmal klar gezeigt, dass die nakten Zahlen manchmal eben doch lügen. Oder möchte ernsthaft jemand behaupten, das Duell um die Nummer 1 im Norden wäre unentschieden ausgegangen?