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Ein Abend mit den Göttern

“I don’t care!” Markus Rosenberg wirkte fast schon etwas zu lapidar, als er zum dritten Mal den Einwand der Frau neben ihm abwiegelte, dass sie ihn leider nicht kenne. Anna interessierte sich nicht für Fußball und lebte – obwohl in Bremen aufgewachsen – schon zu lange im Ausland, um auch als nicht Fußballinteressierte die Namen des aktuellen Werderkaders durch ständige Wiederholung in den Medien eingetrichtert bekommen zu haben. Sebastian Prödl zeigte sich sichtlich belustigt von dem Gespräch.

Werder hatte zum Saisonauftakt mit 2:3 gegen Eintracht Frankfurt verloren. Eine bittere Niederlage, mit der niemand so wirklich gerechnet hatte. Das Spiel durfte ich (dank der Dauerkarte des Vaters meiner damaligen Freundin) von der VIP-Tribüne aus verfolgen. Ein schlimmer Anblick, wie der haushohe Favorit von den schnellen Frankfurtern ein ums andere Mal ausgekontert wurde und am Ende ohne Punkte da stand.

Und nun, knappe sechs Stunden später, stand ich an dieser Bar und um mich herum die Werderprofis. Anna, die an diesem Abend ihren Junggesellinnenabschied feierte, verhandelte mit Markus Rosenberg um eine Unterschrift auf ihrem bereits weitgehend vollgekritzelten T-Shirt. Rosenberg war bereit, seine Unterschrift plus 50 Euro für die Abendkasse gegen einen Kuss einzutauschen. Letztlich einigte man sich auf eine Unterschrift, eine Runde Sambuca-Baileys für alle und einen Kuss auf die Wange.

Tim Wiese ließ sich seine Unterschrift nicht so leicht abtrotzen. Zwar war er auf Anfrage von Annas bester Freundin Stephi grundsätzlich bereit, auf besagtem T-Shirt zu unterschreiben, doch dazu wollte er den beschwerlichen Weg hinüber zur Bar (gut und gerne 10 Meter) nicht auf sich nehmen. Immerhin hatte der Mann gerade erst 10 Kilo abgenommen und somit keinen Bedarf an zusätzlicher Bewegung. “Soll sie halt hier her kommen.” Recht hatte er. Da Anna jedoch auch Tim Wiese nicht kannte, blieb ein weißer Fleck auf ihrem T-Shirt.

Draußen vor der Tür stützte sich ein sichtlich angetrunkener Hugo Almeida mit dem Rücken an der Wand ab und stellte seine Bierflasche ganz langsam neben sich auf den Asphalt. Er ignorierte mein Zuprosten und starrte mehrere Minuten lang regungslos in die Ferne. Seine Mannschaftskollegen beachteten ihn nicht weiter. Die minütlich anwachsende Schar an leicht bekleideten, untergewichtigen Gerade-Noch-Teenagern und Gern-wieder-Teenagern machte es ihnen ohnehin nicht leicht, den Überblick zu behalten.

Es dauerte nicht lange, da kam auch Julia um die Ecke, die seit Monaten unglücklich in Sebastian Boenisch verliebt war. Sie hoffte noch immer darauf, dass ihr Schwarm sie irgendwann einmal ansprechen würde, wenn sie nur beharrlich genug die selben Lokalitäten aufsuchte wie er. Sie erkundigte sich kurz, ob “Boeni” schon da sei und mokierte sich sogleich über die große Anzahl vermeintlicher Groupies, die nach und nach die Spieler einkreisten, in der Hoffnung darauf, einen von ihnen abzubekommen.

Stunden später traf man sich wieder in einer Disco südlich der Weser. Nur ein Teil der Spieler hatte den Weg hierher geschafft, der traditionell nach dem ersten Heimspiel der Saison angetreten wurde. Hier hatten einst Clemens Fritz und Patrick Owomoyela den Kampf um den Stammplatz auf der Rechtsverteidigerposition im Tequila Drink-off am Tresen ausgetragen. Auch in jenem Jahr gab es wieder Getuschel, wenn Werderspieler in der Nähe auftauchten: “Das ist doch…, ist das nicht…?” Ja, es war Mesut Özil, der Shooting-Star bei Werder. Als einziger Spieler hatte er am Nachmittag eine herausragende Leistung gezeigt. Nun wurde ihm von allen Seiten auf die Schultern geklopft und er strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Überstrahlt wurde er nur vom gewinnenden Lächeln des Bremer Abwehrriesen Naldo. Dieser hatte die silberne Kette am Handgelenk meiner Freundin entdeckt und fühlte sich genötigt ihr im Gegenzug das Geschmeide um sein Handgelenk zu präsentieren. Es glitzerte und funkelte in der Discobeleuchtung. Wir applaudierten ihm begeistert, suchten uns jedoch schleunigst ein Plätzchen, an dem weniger teure Juwelen unsere Augen blendeten. Es war schließlich schon spät und unsere Augen getrübt von Alkohol und dunklem Kneipenlicht.

Es war an der Zeit, den Ort zu verlassen, an dem sich die Fußballidole unter die Sterblichen gemischt hatten. Draußen begegnete uns erneut Mesut Özil, dessen schmale Schultern unter dem ständigen Klopfen zu zerbrechen drohten. Sein Mund lächelte noch immer, doch seinen Augen sah man ein gewisses Unwohlsein darüber an.

Heute steht er bei Real Madrid im großen Rampenlicht, Markus Rosenberg kämpft sich als Leihspieler durch die Primera Division, Naldo steht an der Schwelle zur Sportinvalidität, Julia ist in einer glücklichen Beziehung mit einem Nicht-Fußballer und Anna lebt mit ihrem Mann inzwischen in Freiburg. Sie interessiert sich noch immer nicht für Fußball. Manchmal denke ich, dass dies die bessere Alternative ist.

Wo sind all die guten Stürmer hin?

In meinem Abgesang auf Hugo Almeida habe ich es schon angesprochen: Werder hat in den letzten Jahren mit Ausnahme der Pizarro-Rückholaktion keinen außergewöhnlich guten Stürmer verpflichtet. Die Hoffnungen ruhen auf einem Reifeprozess bei Marko Arnautovic und dem eigenen Nachwuchs.

Deutschlandweites Problem

Immerhin steht Werder mit diesem Problem nicht alleine da. Die Anzahl an Stürmern von internationaler oder gar Weltklasse in der Bundesliga ist überschaubar. Mit Edin Dzeko verlässt der beste Angreifer des Landes nun die Bundesliga in Richtung Manchester. Auch in der Nationalmannschaft sieht es nicht viel anders aus. Nach dem Karriereende von Miroslav Klose dürfte auch dort eine Flaute bevorstehen.

Mit Gomez, Kießling, Helmes, Cacau und Podolski gibt es zwar einige gute Alternativen im nicht mehr ganz jungen Fußballeralter, doch keiner von ihnen genügt allerhöchsten Ansprüchen. Bei Gomez darf man noch am ehesten darauf hoffen, dass er die Lücke für einige Zeit schließen kann, doch trotz seiner überragenden Torstatistik in der Bundesliga fehlt ihm aus meiner Sicht ein gutes Stück zur Weltklasse. Die neuste Generation an Supertalenten, die in Richtung Nationalmannschaft drängt, besteht fast ausschließlich aus Mittelfeldspielern. Einen kommenden Stürmerstar kann ich dort jedoch nicht erkennen.

Verändertes Anforderungsprofil

Das Anforderungsprofil an eine Sturmspitze hat sich in den letzten Jahren so stark geändert, wie selten zuvor in der Geschichte. Vor einigen Jahren, als noch die meisten Mannschaften mit zwei Spitzen spielten, konnte man die unterschiedlichsten Stürmertypen miteinander kombinieren. Es störte nicht weiter, wenn einer von beiden ein reiner Strafraumverwerter war und der andere weite Wege ging, weil sie ihre Schwächen gegenseitig kompensieren konnten. Heute, in modernen 4-2-3-1 oder 4-3-3-Systemen ist dies nicht mehr so einfach möglich. Als alleinige Spitze muss ein Stürmer mehr denn je ein Alleskönner sein.

Auch die taktischen Aufgaben haben sich verändert. Immer mehr Mannschaften setzen auf eine “falsche Neun”, also einen Stürmer, der sich weit zurück ins Mittelfeld fallenlässt, um die Verteidiger aus der Viererkette zu locken. Die traditionellen Vollstreckeraufgaben rücken zwar nicht komplett in den Hintergrund, sind jedoch nicht mehr das wichtigste Kriterium für die Bewertung seitens der Trainer. Der Stürmer wird immer mehr zum Vorarbeiter für seine Mitspieler. Er schafft Räume, legt Bälle ab, wartet auf nachrückende Mittelfeldspieler. Spieler wie Ronaldo, Robben und Messi haben sich als Flügelspieler zu wahren Tormaschinen entwickelt, weil ihnen (unter anderem) ihre jeweiligen Sturmspitzen die Räume geschaffen haben.

Der doppelte Pizarro

Auch bei Werder ist diese Entwicklung zu beobachten. Pizarro ist schon lange nicht mehr der offensivste Spieler in der Mannschaft, sondern Marko Marin. Dies lässt sich in fast jedem Spiel an der Heat Map und an den Durchschnittspositionen erkennen. Pizarro lässt sich gerne tief fallen und schaltet sich so mit ins Mittelfeld ein. Ohne Mesut Özil fehlt seit dem Sommer zudem eine kreative Schaltzentrale im offensiven Mittelfeld, sodass Pizarros Arbeit dort umso wichtiger wurde. Am deutlichsten konnte man dies in der ersten Halbzeit gegen Dortmund sehen. Pizarros Fehlen machte sich nicht nur an der mangelnden Torgefährlichkeit bemerkbar, sondern auch im Aufbau unseres Angriffsspiels. Weder Almeida noch Wagner können diese Rolle so ausfüllen.

Was Werder in der Hinrunde zudem fehlte, waren die gefährlichen Läufe von den Flügeln vors Tor. Werder hat mit Marin, Arnautovic und mit Abstrichen Hunt eigentlich drei Spieler, die hierfür prädestiniert wären, doch viel zu selten gelang es ihnen auf diese Weise für Gefahr vor den gegnerischen Toren zu sorgen. Marko Marin hat etwa im Rückspiel gegen Sampdoria und im Heimspiel gegen Tottenham noch Angst und Schrecken verbreitet, wenn er mit dem Ball am Fuß in Richtung Strafraum gezogen ist. Seitdem ist ihm sein Timing völlig abhanden gekommen. Es ist jedoch nicht ausreichend, sich in dieser Hinsicht voll auf Pizarro zu verlassen, denn bei aller Klasse kann auch er nicht dauerhaft unsere Probleme im Mittelfeld und im Angriff lösen.

Nach Pizarro kommt das große Fragezeichen

Nun drängt sich geradezu die Frage auf, wer die Lücke schließen kann, die Pizarro eines (hoffentlich fernen) Tages bei Werder hinterlassen wird. Arnautovic ist vom Talent her ohne Zweifel in der Lage, in ein paar Jahren auf diesem Niveau zu spielen. Fraglich ist jedoch, ob er auch charakterlich dazu geeignet ist. Der Reifeprozess, den Werders Verantwortliche fast schon gebetsmühlenartig herbeireden, müsste dazu allerdings bald einsetzen, bevor sich der Spieler völlig ins Abseits geschossen hat.

Hoffnung macht indes Werders Nachwuchs in Gestalt von Lennart Thy und Pascal Testroet. Beide gehören zu den talentiertesten Stürmern ihrer Altersklasse und sollten den Sprung zu den Profis bald schaffen. Insbesondere Thy scheint ein echtes Multitalent zu sein und Pizarro auch in dieser Hinsicht nachahmen zu können. Verlassen will man sich bei Werder jedoch nicht darauf. Mit Denny Avdic hat man einen neuen Stürmer verpflichtet, über dessen Klasse man noch nicht viel sagen kann. Die Torquote in der schwedischen Liga dürfte bei Werders Ansprüchen kaum als Beleg ausreichen. Vom Typ her hinterlässt Avdic den Eindruck eines Allrounders, der Athletik, technische Qualitäten und Torgefährlichkeit vereint.

Noch ein, vielleicht zwei Jahre kann sich die zweite Reihe unseres Angriffs hinter Pizarros breiten Schultern verstecken. Danach werden sie sich an seinem langen Schatten messen lassen müssen.

Ende einer gescheiterten Beziehung

Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle, Claudio Pizarro, Ailton, Miroslav Klose – Werder Bremen hat eine lange und erfolgreiche Stürmertradition. In den letzten Jahren ist es jedoch nicht gelungen, einen würdigen Nachfolger dieser großen Namen zu etablieren. Mit Hugo Almeida verlässt nun der aussichtsreiche Kandidat nach viereinhalb insgesamt enttäuschenden Jahren den Verein.

Der beste Stürmer der letzten vier Jahre?

Im Sommer 2007 wechselte Miro Klose zu Bayern München. Wer ist der beste Stürmer, den Werder seitdem verpflichtete? Ganz klar, Claudio Pizarro. Und dahinter? Wird es schon eng. Am ehesten kann man noch Boubacar Sanogo nennen, der wenigstens ein halbes Jahr lang ein wirklich guter Klose-Nachfolger war. Die restliche Liste der Bremer Verpflichtungen für den Angriff liest sich dann so: Said Husejinovic, Marko Futacs, Pascal Testroet, Marcelo Moreno, Sandro Wagner, Marko Arnautovic. Wie man sieht hat Werder eher auf junge Spieler gesetzt, die den Durchbruch (noch) nicht geschafft haben.

Mit Pizarro hatte man immerhin eine klare Nummer 1 im Angriff, hinter dem sich die anderen Stürmer langsam an die erste Elf heranpirschen sollten. Seitdem Thomas Schaaf nur noch mit einer Spitze spielt, ist diese Aufgabe nicht unbedingt einfacher geworden (wobei hier die Frage zu stellen ist, ob die Systemumstellung nicht auch an mangelnder Qualität im Angriff lag). Bleibt die Wahl, ob man lieber mit Platzhirsch Pizarro oder den Mittelfelddribblern Marin und Hunt in der Reihe dahinter konkurrieren möchte.

Der verhinderte Weltklassestürmer

Während diese Konkurrenzsituation für den einen oder anderen Stürmer vielleicht eine zu große Aufgabe darstellt(e), ist Hugo Almeida vor allem an sich selbst gescheitert. Die Zweifel an seinen Fähigkeiten sind in Fankreisen trotz seines Kultstatus zwar nie ganz verschwunden. Schaaf und Allofs jedoch machten immer wieder deutlich, dass sie im Portugiesen ein riesiges Sturmtalent sahen. Je genauer man Almeida beobachtete, desto mehr konnte man ihre Einschätzung nachvollziehen. Trotz seiner teils ungestümen Bewegungen brachte er alles mit, was es für eine große Karriere als Mittelstürmer braucht: Schnelligkeit, Physis, Kopfballstärke, Durchsetzungsfähigkeit. Und dann dieser Wahnsinnsschuss!

Leider konnte man über die Jahre nur eine sehr langsame Verbesserung bei Almeida beobachten. Zwar spielte er selten wirklich schlecht, hatte im Gegensatz zu etwa Markus Rosenberg nicht mit längeren Formkrisen zu kämpfen, doch die offensichtlichen Schwächen in seinem Spiel hat er auch im Winter 2010 noch nicht beseitigt. Noch immer verspringt ihm bei der Mitnahme zu häufig der Ball. Noch immer fehlt ihm vor dem Tor die Übersicht. Noch immer geht bei ihm Schusshärte über Genauigkeit. Noch immer fehlt ihm im Zweikampf die Cleverness und er begeht zu viele Stürmerfouls. Noch immer lässt er sich zu Dummheiten, wie der Tätlichkeit im Spiel gegen St. Pauli, hinreißen. Ein Spiel, dass seine Werder-Karriere (wenn auch etwas extrem) gut zusammenfasste.

Trotz dieser Mankos ist Almeida ein guter Stürmer und genau hier liegt das Problem: Er kommt damit durch, nicht alles aus sich heraus zu holen. Besonders Klaus Allofs wird nicht müde zu betonen, dass Hugo das Zeug dazu hat, einer der besten Stürmer Europas zu werden. Davon ist er noch ein gutes Stück entfernt und angesichts des fortschreitenden Alters dürfte es für einen solchen Leistungssprung auch bald zu spät sein. Momentan macht er den Eindruck eines in der Entwicklung stehengebliebenen Hochbegabten.

Anspruch und Realität

Woran es am Ende gelegen hat, wird wohl nur Hugo Almeida selbst wissen. Er hat Werder – wie viele andere vor ihm – als Sprungbrett zu einer großen internationalen Karriere gesehen. Eine Zwischenstation, die ihn in den Fokus der europäischen Elite bringen sollte. Nach viereinhalb Jahren an der Weser kann er noch immer kaum Deutsch, was in der heutigen Fußballwelt nicht ungewöhnlich sein mag, jedoch nicht für große Identifikation mit dem Verein spricht. Wesentlich schlimmer für Almeida ist jedoch, dass er es in diesen viereinhalb Jahren nicht zum unumstrittenen Stammspieler auf seiner Durchreisestation brachte.

Nicht weiter verwunderlich also, dass Klaus Allofs nicht bereit war, dem Spieler die geforderte satte Gehaltserhöhung zu gewähren. Kurz vor Weihnachten fand er ungewöhnlich deutliche Worte für Almeidas Verhalten und stellte klar, dass unter diesen Umständen eine Vertragsverlängerung kein Thema mehr war. “Erwartungshaltung des Spielers und das, was wir machen können und für sinnvoll halten – da liegen wir meilenweit auseinander”, sagte Allofs in der Kreiszeitung. Als “total unprofessionell” bezeichnete er Almeidas Verhalten im Spiel gegen St. Pauli und stellte dabei auch dessen Mannschaftsdienlichkeit in Frage: “Er muss sich immer fragen, was er für die Mannschaft tun kann. Aber tut er das?”

Ersatz aus den eigenen Reihen?

Nach diesen Auseinandersetzungen ist eine vorzeitige Trennung die einzig sinnvolle Lösung. So bekommt man zumindest noch eine kleine Ablöse und muss keinen unzufriedenen Spieler durch den Abstiegskampf schleppen. Fraglich ist jedoch, wie Werder den Qualitätsverlust kompensieren will. Immerhin war Almeida in weitgehender Abwesenheit Pizarros Werders torgefährlichster Stürmer und die Alternativen Wagner und Arnautovic haben bislang nicht bzw. nicht vollständig überzeugt. Gleichzeitig stellt Allofs jedoch klar, dass kein Geld für einen großen Transfer jenseits der 3 Mio. Euro zur Verfügung stünde. Für weniger dürfte man jedoch kaum gleichwertigen Ersatz bekommen.

Deshalb könnte nun die Stunde der Nachwuchsstürmer schlagen. Mit Lennart Thy, Pascal Testroet und dem etwas stagnierenden Onur Ayik stünden junge Spieler bereit, die ungeduldig auf ihre Chance in der Profimannschaft warten. Nun wäre die Gelegenheit gut, sie in den Kader einzubauen. Es ist für sie sicher einfacher, sich zunächst im Abstiegskampf zu beweisen, als direkt auf Champions-League-Niveau. Kurzfristig dürfte man trotzdem weiterhin abhängig von Pizarro bleiben.

Trotz meiner Kritik wünsche ich Hugo Almeida alles Gute bei Besiktas. Ich habe ihn immer gerne gemocht und bin schon etwas traurig, dass er seinen absoluten Durchbruch bei Werder nicht geschafft hat.

Ganz ohne Wortspiel: Pizarro ist zurück

Claudio Pizarro ist zurück in Bremen. Der Transfer, der wochenlang zu stagnieren schien, wurde nun überraschend schnell abgeschlossen. Noch am Sonntag gab sich Klaus Allofs sehr zurückhaltend, was einen möglichen erneuten Wechsel Pizarros an die Weser betraf. Am Montagabend landete der Peruaner dann schon zu abschließenden Verhandlungen in Bremen. Heute wurde der Wechsel schließlich auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Die Vertragslaufzeit beträgt 3 Jahre plus 1 Jahr Option. Als Ablösesumme werden 5 Millionen Euro kolportiert. Wie ist dieser Transfer nun einzuordnen?

Finanziell musste Werder sicher an seine Grenzen gehen. Der Wiederverkaufswert dürfte gegen Null tendieren, da Pizarro nach Ablauf des Vertrags bereits 33 (bzw. 34) Jahre alt sein wird. Die Ablösesumme sollte dank des vorhandenen Kleingelds nach zwei Finalteilnahmen und Diego-Verkauf zu verschmerzen sein, Pizarros Gehalt dagegen wird dagegen deutlich höher zu Buche schlagen als letzte Saison. Damals zahlte der FC Chelsea noch einen Teil des Festgehalts, was das Ausleihgeschäft für Werder finanzierbar machte. Nun muss noch mindestens ein Spieler gehen, um die Personalkosten auf ein erträgliches Maß zu drücken.

Auch aus sportlicher Sicht ergibt es Sinn, noch einen Angreifer abzugeben. Mit Pizarro, Marcelo Moreno, Hugo Almeida, Boubacar Sanogo und Markus Rosenberg gibt es fünf arrivierte Stürmer im Kader. In Torsten Oehrl und Marko Futacs stehen zwei Nachwuchsspieler bereit, die an die Mannschaft heran geführt werden sollen und bei Verletzungsproblemen den Kader auffüllen können. Dazu verfügt man mit Aaron Hunt und Said Husejinovic noch über zwei Mittelfeldspieler, die bereits im Sturm zum Einsatz kamen. In der Breite wäre man also – im Gegensatz zur letzten Saison – noch mehr als ausreichend besetzt. Doch welchen Stürmer wird es treffen?

Wahrscheinlichster Wechselkandidat ist Boubacar Sanogo. Er befindet sich wieder in guter Form, könnte also eine vernünftige Ablöse einbringen. Zudem liegt vom AS St. Etienne ein konkretes Angebot vor. Vor wenigen Wochen hätte man keine Sekunde überlegen müssen, diesem Transfer sofort zuzustimmen. Nun hat sich Sanogo aber in der noch jungen Saison vom sicheren Verkaufsobjekt zu einer wertvollen Stütze der Werderoffensive gemausert. Der einzige Grund, ihn in der jetzigen Situation zu verkaufen, ist die Befürchtung, dass es sich dabei zum wiederholten Mal nur um ein Strohfeuer handelt. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit legen dies nahe.

Einen Transfer Hugo Almeidas halte ich für unwahrscheinlich, auch wenn er von allen Kandidaten die höchste Transfersumme einbringen würde. Die erhoffte Leistungsexplosion des Portugiesen lässt weiter auf sich warten, doch Schaaf und Allofs glauben offensichtlich weiter daran, dass diese noch kommen wird. Dass beide Almeida für ein Riesentalent halten, haben sie mehrfach deutlich gemacht. Ich bezweifle deshalb, dass man ihn nun ohne Not verkaufen wird.

Markus Rosenberg ist bereits seit einiger Zeit verletzt, was Werders Möglichkeiten ihn zu verkaufen erheblich einschränkt. Nach der enttäuschenden letzten Saison scheint ein Verkauf Rosenbergs die logische Konsequenz. Bei nur 13 verbleibenden Tagen bis zum Ende der Transferperiode ist es aber wohl utopisch, einen willigen Käufer für den Schweden zu finden, zumal nicht klar ist, wann dieser wieder einsatzfähig sein wird. Ob Rosenberg nach Überwindung seiner körperlichen Beschwerden wieder zu alter Stärke zurückfindet ist fraglich. Als Stürmer Nr. 4 wäre er dann aber allemal brauchbar.

Egal, wie sich Werders sportliche Führung entscheiden wird – die Situation in Werders Angriff hat sich heute verbessert. Pizarro besitzt große spielerische Qualitäten und absolvierte im letzten Jahr (im Schatten der Torflut des Duos Grafite/Dzeko) mit 17 Toren in 26 Spielen seine erfolgreichste Saison seit 8 Jahren. Hoffen wir, dass ihm ähnliches auch 2009/2010 gelingt und neben ihm endlich einer (oder besser mehrere) seiner Nebenleute im Sturm aus dem Quark kommt!

UEFA Cup Zwischenrunde, Hinspiel: Eine nachträgliche Stimmungsbeschreibung

Werder – Milan 1:1

Ich sitze gerade (Freitag, 20.2., Anm.d.Verf.) am Flughafen Schiphol in Amsterdam und warte auf meinen Flug nach Minneapolis. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, schreibe ich nun einige Eindrücke vom UEFA-Cup Spiel am Mittwoch auf. Ich hatte das eigentlich schon gestern vor, doch leider ließen es meine Reiseplanungen nicht zu. Deshalb jetzt also nachträglich.

Zum Spiel selbst brauche ich nicht viel schreiben. Ich nehme an, jeder Leser dieses Blogs hat das Spiel entweder live oder auszugsweise gesehen, bei Twitter die Live-Tweets meiner Konkurrenz Kollegen von @WerderNews verfolgt oder zumindest einen der zahlreichen Spielberichte gelesen (den von kicker.de finde ich außerordentlich zutreffend). Werder spielte engagiert, mit viel Einsatz und Aufwand gegen ein kühles, taktisch wie technisch starkes, allerdings auch etwas lebloses Team aus Milan. Das 1:1 ist sicher kein Wunschergebnis im UEFA-Cup. Es setzt Werder für das Rückspiel unter Zugzwang (wenn schon unentschieden, dann wäre ein 0:0 wegen der Europapokal-Arithmetik besser gewesen). Trotzdem war es ein Spiel, das viele alte Stärken unserer Mannschaft wieder zum Vorschein brachte – einige langjährige Schwächen jedoch leider nicht verbergen konnte.

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