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50+1: Sozialromantik oder Selbstschutz?

Angeregt durch eine Diskussion am Sonntag bei Twitter ein paar Gedanken zur 50+1-Regel. Zum Einstieg lohnt sich ein Blick auf diesen Artikel von Philipp von Niveau ist keine Creme. Philipp spricht sich darin gegen eine Abschaffung der 50+1-Regel aus. Eigentlich sollte dies ein Kommentar zu seinem Blogeintrag sein, der dann so lang wurde, dass ich ihn lieber als eigenen Blogeintrag veröffentliche.

Zunächst muss ich sagen, dass ich es ähnlich sehe wie Philipp und gegen eine Abschaffung der 50+1-Regel* bin. Hauptargument für eine Abschaffung sind die zusätzlichen Finanzierungsmöglichkeiten, die sich Fußballvereinen bieten würden, wenn sie über die Verteilung ihrer Anteile frei bestimmen könnten. Warum sollte man den Profivereinen dieses Recht beschneiden? Man kann argumentieren, dass es den Vereinen ja trotzdem selbst überlassen bleibt, ob sie ihre Anteilsmehrheit abgeben. Ein Zwang dazu besteht (zunächst) nicht. Viele Vereine könnten sich jedoch dazu genötigt sehen, dies zu tun, um keine finanziellen Nachteile gegenüber der Konkurrenz kompensieren zu müssen.

Ist die Mehrheit an einen Investor abgetreten, birgt dies natürlich auch Gefahren. Solange ein Investor auch am sportlichen Erfolg eines Vereins interessiert ist, dürfte es keine Probleme geben. Das ist allerdings nur der Fall, wenn der Investor irgend einen idellen Wert darin sieht (wie z.B. bei Hopp in Hoffenheim) oder wenn er indirekt davon profitiert (wie z.B. Adidas bei Bayern München). Geht es dem Investor nur um kurzfristige hohe Renditen, ergeben sich bei “Fußballunternehmen” allerdings sehr große Rationalisierungszwänge, denn hohe Renditen erwirtschaften Fußballvereine zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht.

Wenn ein Investor nun z.B. der Meinung ist, Werder Bremen wäre profitabler, wenn man die Personalkosten um 30% senkt, dann könnte man ein paar Leistungsträger verkaufen, würde einen hohen Gewinn einfahren, die Investoren hätten ihre gewünschte Kapitalrendite und alle wären froh – bis auf die Fans, die Trainer und die Spieler, die gerne sportlich erfolgreich sein möchten.

Dieses Beispiel ist natürlich sehr unwahrscheinlich. Die meisten bisherigen Investoren im Fußball zählen zu einer der beiden oben genannten Gruppen, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Vereine gerade durch die 50+1-Regel für die von manchen als “Heuschrecken” titulierten Investoren uninteressant sind. Durch eine Abschaffung dieser Regel würde man sich somit neuen wirtschaftlichen Zwängen aussetzen: Bislang reicht es für einen Verein i.d.R., die eigenen Kosten zu decken. Konservativ wirtschaftende Vereine wie etwa Werder Bremen oder Bayern München bilden aus den Überschüssen zwar auch Rücklagen für schlechte Zeiten, der Großteil der Einnahmen wird jedoch für Investitionen in Spielerkader oder Stadion genutzt. Um an den Finanzmärkten im Wettbewerb mit anderen Unternehmen bestehen zu können, müssen die in Aussicht gestellten Renditen und damit auch die ausgewiesenen Gewinne fast zwangsläufig gesteigert werden. Es dürfte klar sein, dass hier ein Interessenkonflikt mit den sportlichen Zielen eines Vereins entstehen kann.

Die Praxis sieht im heutigen Weltfußball zugegebenermaßen anders aus, als von mir oben beschrieben: Investoren verdienen in vielen Fällen wenig oder gar kein Geld mit ihren Beteiligungen, nutzen sie vielmehr als Mittel um ihr Image aufzubessern (wodurch sie dann natürlich letztendlich doch Geld verdienen). In den besten Fällen sind sie strategische Partner der Vereine, in den schlechtesten hinterlassen sie marode Strukturen und leere Vereinskassen. Man könnte etwas hämisch sagen: Das können wir in der Bundesliga auch, trotz 50+1-Regel. Warum sollte man diese protektionistische Regelung dann beibehalten?

Aus meiner Sicht gibt es dafür zwei Gründe, der eine ist wirtschaftlicher Natur, der andere ideeller. Durch die 50+1-Regel bleiben die Vereine ein Stück weit von “externen Effekten” geschützt. Wer an die Vollkommenheit des freien Marktes glaubt, mag das für Quatsch halten. In Zeiten der Finanzmarktkrise zeigt sich aber z.B. in der englischen Premier League, dass längst nicht alles Gold war, was dort vor ein paar Jahren glänzte. Natürlich sind Vereine auch mit 50+1-Regel nicht völlig vor solchen Risiken geschützt, laufen jedoch weniger Gefahr, ohne eigene schwerwiegende Managementfehler ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Doch warum brauchen Fußballvereine diesen “Extra-Schutz”? Damit kommen wir zum zweiten Grund: Fußballvereine haben eine besondere gesellschaftliche Bedeutung. Auch wenn Profiabteilungen losgekoppelt vom Sportverein betrieben werden, entstammen sie doch demselben Grundgedanken. Dieser sieht eben nicht finanzielle Interessen im Vordergrund, sondern den Sport. Es ist nicht zuletzt die große Anzahl an begeisterten Fans, die den Fußball eine Sonderstellung in großen Teilen der Welt einbringt. Diese Fans sind sowohl zahlende Kunden als auch direkte Beteiligte, etwa als Vereinsmitgliedern. Es hat auch eine symbolische Bedeutung, wenn eine Profimannschaft mehrheitlich dem zugehörigen Verein gehört. Man kann das für Sozialromantik halten und die 50+1-Regel für einen Anachronismus, doch ich nehme an, dass es nicht wenige Fans gibt, die es ähnlich sehen.

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* Da eingetragene Vereine nicht mit Gewinnabsicht geführt werden dürfen, haben die meisten (alle?) Bundesliga-Vereine ihre Profiabteilungen aus den Sportvereinen ausgegliedert. Die 50+1-Regel schreibt vor, dass die Mehrheit der Anteile an den dafür gegründeten Gesellschaften (im Fall von Werder Bremen bspw. die Werder Bremen GmbH & Co. KGaA) bei den zugehörigen Vereinen bleiben muss.