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Meine EM: Ein Schuss ins Knie

Deutschland – Italien 1:2

Italien schlägt Deutschland in einem sehr guten Spiel verdient mit 2:1 und zieht ins Finale ein. Dieses Spiel hat drei große Sieger: Mario Balotelli, den Doppeltorschützen, Andrea Pirlo, den überragenden Mann auf dem Feld, und Cesare Prandelli, der Löw in diesem Spiel ausgecoacht hat.

Nur ein Trainer zieht sein Konzept durch

Beide Trainer hatten vor dem Spiel angekündigt, dem jeweils anderen das eigene Spiel aufzwingen zu wollen. Prandelli unterstrich dies, indem er sein Team bis auf Rückkehrer Chiellini (für Abate) unverändert ließ und mit Viererkette, Raute im Mittelfeld un zwei Spitzen agierte. Löw stellte hingegen sein Team um, brachte Gomez und Podolski zurück ins Team und überraschte alle mit der Aufstellung von Toni Kroos als zusätzlichem Mittelfeldmann. Dadurch ergab sich eine etwas kuriose Raumaufteilung im 4-2-3-1 mit einem rochierenden Özil und keinem echten Rechtsaußen. Kroos sollte Pirlo unter Druck setzen und erfüllte diese Aufgabe bis zum Seitenwechsel weitgehend gut.

Beide Mannschaften versuchten sich an hohem Pressing und schoben ihre Abwehrreihen weit nach vorne. Durch die Aufstellungen beider Teams konzentrierte sich das Spiel zudem enorm auf das Zentrum, wodurch das Spielfeld extrem verknappt wurde. In der ersten Halbzeit standen häufig alle 20 Feldspieler in einem Quadrat von 25 mal 25 Metern. Deutschland versuchte mit seiner asymmetrische Aufstellung häufig das Spiel nach links zu verlagern, um dann mit einem Pass auf die rechte Seite Boateng in eine gute Flankenposition zu bringen, was einige Male ganz gut gelang. Trotzdem waren es die Italiener, denen diese Spielweise mehr zusagte. Löw muss sich hier schon Fragen gefallen lassen, warum er den Vorteil der Überzahl auf den Außen gegen die Raute zugunsten eines kompakteren Mittelfeldes geopfert hat. De Rossi und Marchisio auf den Halbpositionen wurden viel zu selten aus dem Zentrum zum Doppeln auf die Außenbahn gezogen.

Deutsche Umstellungen können Pirlo nicht stoppen

Löws Konzept ging nicht so auf, wie erhofft, auch weil Schweinsteiger wieder ein schwaches Spiel ablieferte (er wirkte auf mich auch einfach nicht fit). Es ging aber auch deshalb nicht auf, weil man allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz Andrea Pirlo vor dem 0:1 unglaublich viel Zeit ließ. Özil setzt Pirlo unter Druck, zwingt ihn in die Rückwärtsbewegung und geht dann nicht nach. So kann sich Pirlo in aller Ruhe im Mittelkreis drehen, hat fünf Meter Platz vor sich und die nötige Zeit den punktgenauen Pass auf Chiellini zu spielen. Im Eins gegen Eins lässt sich Hummels zu einem unüberlegten Herausrücken verleiten und Cassano schlägt blitzschnell zu. Ball mit Rechts um  Hummels herumgelegt und direkt mit Links geflankt. Ganz große Klasse! Balotelli lässt Badstuber im Kopfballduell keine Chance.

Beim 0:2 schaltet die deutsche Mannschaft nach einer eigenen Ecke nicht schnell genug um. Dieses Mal ist es Montolivo, dem man sehr viel Raum für seinen langen Pass lässt. Dann schießt sich die deutsche Absicherung an der Mittellinie selbst ins Bein: Podolski spielt auf Abseits, während Lahm fünf Meter weiter hinten einen etwas orientierungslos wirkenden Kreisel läuft. Balotelli nimmt den Ball perfekt mit und hämmert ihn in den Winkel. Vor, zwischen und nach den Toren gab es immer wieder Phasen, in denen die deutsche Mannschaft Druck aufbauen konnte und zu Torchancen kam. Diese waren nur selten zwingend, Abschlüsse aus guten Positionen blieben Mangelware und die Fernschüsse entschärfte Buffon gewohnt souverän.

Wechsel bringen nur kurzen Aufschwung

Zur Pause stellte Löw um, brachte mit Klose und Reus für die schwachen Gomez und Podolski zwei beweglichere Spieler. Reus spielte auf dem rechten Flügel und sorgte gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit mit einige schnörkellosen Läufen für Gefahr. Özil konnte nun vermehrt aus der Mitte heraus agieren, während Kroos auf die rechte Seite wechselte. Die zehn Minuten nach der Pause waren die besten von Deutschland, doch danach ebbte das Offensivspiel völlig ab. Deutschland schaffte es in der letzten halben Stunde des Spiels kaum einmal, einen durchdachten Angriff auszuspielen. Die Italiener zerlegten die deutsche Mannschaft nach und nach in die Einzelteile. Das Zentrum wurde verbarrikadiert und die Bälle auf die Außen umgeleitet, wo die deutschen Spieler erschreckend wenig mit ihnen anzufangen wussten. Es gab immer häufiger Situationen, in denen der ballführende Spieler lange keine Anspielstation finden konnte. Dazu kam die immer greifbarer werdende Nervosität die zu vielen Ungenauigkeiten in der Ballverarbeitung führte. Dadurch zirkulierte der Ball langsamer als gewohnt – zu langsam, um damit Löcher in der Mitte zu reißen oder über die Außenpositionen gefährlich vors Tor zu kommen.

Als Löw aufmachte und Müller für Boateng brachte, bekam Italien die Kontergelegenheiten auf dem Silbertablett serviert. Fast wäre es noch einmal spannend geworden, weil die Italiener diese Gelegenheiten kläglich vergaben. Özils Elfmetertor kam jedoch zu spät, um noch einmal Druck auf Italien aufzubauen. Bezeichnend, dass die letzte Aktion des Spiels ein kurz ausgeführter Freistoß war, statt den Ball mit letzter Hoffnung und vollster Überzeugung in den Strafraum zu schlagen. Es wird eine Menge Fragen geben nach diesem Spiel, angefangen bei der gewählten Taktik und der Leistung einzelner Spieler. Tatsache ist, dass Löw sein System an Italien angepasst hat und damit gescheitert ist. Er hat eigene Stärken geopfert und dennoch dem Gegner nicht die Stärke genommen. Auch der Trainer wird deshalb in der Kritik stehen, nicht jedoch seine hervorragende Arbeit, die er seit 2004 in der Nationalmannschaft geleistet hat.

Am Ende steht mit Italien der verdiente Sieger im Finale gegen Spanien. Dort werden die beiden Teams, die die drei letzten Welt- und Europameisterschaften gewonnen haben, auch diesen Titel unter sich ausmachen.

Meine EM: England mauert sich zum nächsten Elfmetertrauma

England – Italien 0:0 (2:4 i.E.)

Wer hätte gedacht, dass England in einem Elfmeterschießen verliert? Offenbar nicht die Engländer, denn die taten abgesehen von den ersten 15 Minuten nur sehr wenig, um ein Tor zu schießen. So war das Elfmeterschießen die einzige Option für Hodgsons Team, dieses Spiel zu gewinnen.

Italien trat wieder im 4-3-1-2 an, England im gewohnten 4-4-2 mit zwei tief stehenden Viererketten gegen den Ball. Die Italiener dominierten wie erwartet das Zentrum. Beeindruckend, wie die beiden Spieler auf den Halbpositionen Andrea Pirlo abschirmen, der als Sechser das Spiel vor sich hat und die Bälle mit bekannter Präzision verteilt. England konnte den numerischen Vorteil auf den Flügeln nur selten ausnutzen, weil man zu langsam umschaltete und kaum einmal mit Tempo hinter die Außenverteidiger kam.

Roy Hodgson hat dem englichen Team binnen kurzer Zeit Disziplin und eine schnörkellose Kontertaktik beigebracht. Dafür gebührt ihm Respekt, viel mehr war sicherlich bis zu diesem Turnier nicht möglich. Ich habe allerdings Probleme, mich mit einem rein defensiv ausgerichteten System anzufreunden, wenn es eine Vielzahl an Torchancen des Gegners zulässt. Das war schon bei Chelsea in der Champions League so und es geht mir bei dieser EM genauso. Italien hatte 4-5 glasklare Torchancen und hätte das Spiel nach 90 Minuten gewinnen müssen. Die einzige Hoffnung, die man mit diesem System hat, ist das Versagen des Gegners. Das hat bei Chelsea ausgereicht und es brachte England immerhin bis ins Elfmeterschießen. Ziel einer Defensivtaktik sollte es sein, hochkarätige Torchancen des Gegners zu verhindern, was England gegen Italien nicht gut gelungen ist.

Was mich beim englischen Ansatz außerdem stutzig gemacht hat, ist die Zeit, die man Andrea Pirlo am Ball ließ. In einem flachen 4-4-2 muss gegen eine Raute mit einem so starken Sechser einer der Stürmer Druck auf diesen ausüben. Wayne Rooney als hängende Spitze schlich jedoch derartig demotiviert über den Platz, dass man sich schon fragen musste, ob er nicht gedanklich bereits im Sommerurlaub war. Für mich eine der schwächsten individuellen Leistungen bei diesem Turnier. So hatte Pirlo leichtes Spiel und war uneingeschränkter Chef auf dem Platz. Ein guter Anschauungsunterricht für die deutsche Mannschaft.

Das Spiel verlor nach gut einer Stunde an Fahrt und schleppte sich in eine Verlängerung, die an den Standfußball früherer Jahrzehnte erinnerte. Erstaunlich, wie schnell bei diesen warmen Temperaturen der Akku bei den Spielern leer ist. England holzte den Ball bei jeder Gelegenheit von ganz hinten nach ganz vorne auf der Suche nach Carrolls Kopf. Der Schlusspfiff kam als Erlösung für Spieler und Zuschauer. Danach bestätigten sich die alten Klischees und die englische Elfmetergeschichte ist um ein Kapitel reicher.

Italien ist sicher der stärkere Gegner im Halbfinale und ich bin gespannt, ob Prandelli wieder auf ein 3-5-2 umstellt, um Özil besser im Griff zu haben und Pirlo abzusichern. Italien mag individuell nicht mit Deutschland mithalten können, doch schon das Spiel gegen Spanien hat gezeigt, dass die Mannschaft sich taktisch hervorragend auf ihren Gegner einstellen kann. Ein Selbstläufer, wie von vielen Deutschlandfans vermutet, wird das Spiel sicher nicht. Eine gute Chance jedoch, das deutsche Trauma von 2006 zu überwinden.

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe C

Italien – Kroatien 1:1

Vor einigen Tagen war Italien noch die Überraschungsmannschaft des Turniers und 45 Minuten lang knüpfte man auch gegen Kroatien an die Leistung aus dem Spanien-Spiel an. Die Kroaten hatten große Probleme gegen die beweglichen Cassano und Balotelli im Sturmzentrum. Vor allem Balotelli zeigte sich nach dem schwachen Auftaktspiel deutlich verbessert. Insgesamt dominierten die Italiener das Zentrum mit ihrem 3-5-2: In der Abwehr hatten sie gegen die beiden kroatischen Spitzen genauso eine 3 vs 2 Überzahl, wie im zentralen Mittelfeld. Diese spielten sie gut aus, während Kroatien die 2 vs 1 Überzahl auf den Flügeln nicht gut nutzen konnte. Das 1:0 erzielte Pirlo zwar durch einen Freistoß, aber es entsprach auch dem Spielverlauf.

Dann geschah jedoch etwas unerwartetes: Kroatien stellte zur Pause um auf ein 4-2-3-1, zog Mandzukic auf den Flügel und Rakitic ins Zentrum. Dadurch bekamen sie die Dominanz der Italiener besser in den Griff, ohne ihre Überzahl auf dem Flügel aufzugeben. Mit zunehmender Spieldauer gelang es immer besser, die italienischen Wingbacks unter Druck zu setzen und letztlich fiel dadurch auch der Ausgleich, wenn auch mit freundlicher Unterstützung von Chiellini, der sich bei einer Flanke gewaltig verschätzte (bei aller taktischen Klasse sind die italienischen Verteidiger immer mal für einen individuellen Patzer gut).

Ich muss sagen, dass ich positiv überrascht bin von Bilic. Während der ansonsten taktisch so flexible Prandelli das Spiel aussaß und nur personell reagierte, am 3-5-2 aber festhielt, stellte Bilic taktisch um und brachte Kroatien damit zurück ins Spiel. Am Ende war sein Team sogar näher am Sieg als die Italiener. Auch wenn Kroatien noch längst nicht im Viertelfinale steht, muss ich zugeben, dass ich sie unterschätzt habe. Ich hätte eher den komplett reaktiven und körperlich starken Iren in dieser Gruppe etwas zugetraut, als den doch recht ausrechenbaren Kroaten. Wie es scheint, habe nicht nur ich mich verrechnet.

Spanien – Irland 4:0

Wieder ein frühes Gegentor für die Iren, das Trapattonis Matchplan nach 4 Minuten über den Haufen warf. Eigentlich könnte ich jetzt auf das erste Spiel der Iren verweisen und es dabei belassen. Spanien spielte seinen Stiefel runter und ließ Irland nicht den Hauch einer Chance. Viele Erkenntnisse konnte man aus dem Spiel nicht ziehen. Irland stand nicht so tief, wie es von vielen hinterher behauptet wurde. Sie versuchten durchaus frühes Pressing zu spielen und sich nicht zu weit zurückdrängen zu lassen, doch gegen Spaniens Ballsicherheit fanden sie keine Mittel. Somit mussten sie zwangsläufig immer weiter zurückweichen und die Mitte dicht machen. Das gelang in der ersten Halbzeit gut, in der zweiten weniger.

Dennoch fanden die Spanier ihre Lücken. Es machte sich bezahlt, mit Torres wieder einen richtigen Stürmer auf dem Platz zu haben, der auf Höhe der Abseitslinie agiert und auf den Pass in die Lücke wartet. Diesmal verwertete er auch seine Chancen besser als gegen Italien. Irlands Spiel mit Ball ist nicht wettbewerbsfähig. Nach Ballgewinn geriet man ob des spanischen Pressings in Panik. Flach und kurz ging es nur nach hinten: Vom Sechser zum Innenverteidiger zum Torwart (der die meisten Ballkontakte des Teams hatte). Nach spätestens drei Pässen war der Ball entweder weg oder wurde lang und hoch nach vorne gedroschen. Um mit dieser Art Fußball zu bestehen, muss man unbedingt lange die Null halten. Irland gelang dies in beiden Spielen insgesamt sieben Minuten lang und fährt deshalb zurecht nach Hause.

Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe C

Das bislang beste Spiel bei dieser EM fand am Sonntag zwischen Spanien und Italien statt. Zwei Teams mit interessanten taktischen Ansätzen lieferten sich über 90 Minuten ein packendes und fußballerisch hochwertiges Duell. Das konnte man von Kroatien gegen Irland nicht gerade behaupten. Hier brachten sich die Iren durch kuriose Gegentore schnell um jegliche Siegchance.

Spanien – Italien 1:1

Wer einen Durchmarsch der Spanier in diesem Turnier erwartete, sah sich ebenso getäuscht, wie diejenigen, die vom italienischen Fußball nur die Klischees kennen. Spanien spielte im gewohnten 4-3-3, doch mit einer unerwarteten Taktik. Ähnlich wie Barcelona verzichtete man auf einen Stoßstürmer und ließ mit Iniesta, Silva und Fabregas drei Mittelfeldspieler in der vorderen Dreierreihe auflaufen. Italien konterte diese Taktik mit einem 3-5-2/5-3-2, über das schon länger spekuliert worden war. Die italienische Taktik war klar: Das enge Spiel der Spanier durch sechs Spieler in der Mitte numerisch kontern und mit variablen Wingbacks den Platz auf den Außen nutzen.

Die spanischen Außenverteidiger kamen nicht gut damit zurecht, dass sie keine direkten Gegenspieler hatten und wussten häufig nicht, ob sie aggressiv gegen die Wingbacks pressen oder sich lieber zurückhalten sollte. Die italienischen Stürmer, vor allem Cassano, lauerten auf die Räume, die sich dadurch ergaben. Spanien riskierte jedoch in der 1. Halbzeit nicht allzu viel. Dadurch fehlte dem Spiel die Breite und konzentrierte sich stattdessen aufs Zentrum 20 – 35 Meter vor dem italienischen Tor. Bei den italienischen Gegenangriffen zeigte sich dann, dass die Mannschaft keineswegs nur mauerte. Die Wingbacks schoben häufig weit mit nach vorne um den Platz auf den Flügeln zu nutzen und Andrea Pirlo spielte stark als tiefliegender Spielmacher. Seine Vorarbeit vor dem 1:0 war große Klasse, ebenso wie di Natales Abschluss. Damit dürfte sich Letzterer zurück ins Team gespielt haben, während Balotelli eine lustlose Vorstellung ablieferte.

Spanien kam dann jedoch gut zurück ins Spiel. Als man sich fragte, was (bzw. wer) wohl der Plan B der Spanier ist, funktionierte der Plan A dann doch noch, dank eines genialen Moments von Silva, der auf Fabregas durchsteckte. Diese Lücken in der Fünferkette hatten sie vorher vergeblich gesucht. In der Schlussphase zeigte dann Fernando Torres, dass seine Schnelligkeit noch wichtig werden könnte im Turnier, auch wenn er zwei Großchancen vergab. Ganz ohne Stoßstürmer und Flügelstürmer wird auch Spanien nicht auskommen. Hat Italien mit der Dreierkette einen Masterplan gegen die Spanier gefunden? Ich glaube nicht, dass viele andere Teams dieses System gegen sie übernehmen werden. Erstens fehlt es dazu an der nötigen Eingespieltheit (die Italiener sind das System gewohnt) und zweitens hat Italien keine starken Flügelspieler, die man für die Formation opfern müsste.

Kroatien – Irland 3:1

Direkt im Anschluss gab es dann wieder fußballerische Magerkost. Irland hat bei dieser EM nur dann eine Chance, wenn es gelingt lange die Null zu halten und dann einen Konter zu setzen oder die Stärke bei den Standards zu nutzen. Wenn man sich direkt in der Anfangsphase ein kurioses Gegentor fängt wie gegen Kroatien, hat man eigentlich keine Optionen mehr. Zwar kam Irland dank eines Kopfballtors von St. Ledger noch einmal zum Ausgleich, doch die Gegentore kurz vor und nach der Halbzeit machen dann endgültig eine Strich durch Trapattonis Matchplan.

Irland war durch die gute Organisation trotz mangelnder individueller Qualität zu einer Art Geheimfavorit in der Gruppe C erklärt worden (auch von mir). Doch fußballerisch sind sie eindeutig das schwächste Team im Turnier. Das wurde nach dem Rückstand mehr als deutlich. Es gab praktisch keinen Plan B, der über lange hohe Bälle und Standards hinausgeht. Die Spieleröffnung wirkt fast schon anachronistisch. Man mag die Kampfbereitschaft der Iren bewundern, aber wenn sie den Gegner nicht durch langes Halten eines 0:0 zermürben, sind sie leider nicht konkurrenzfähig. In den kommenden beiden Spielen sind sie noch mehr Außenseiter und erhalten weitere Chancen, mit ihrem disziplinierten Defensivspiel zu beeindrucken. Gegen Kroatien ist ihnen dies nicht im Ansatz gelungen.

Kroatien ist nach diesem Spiel schwer einzuschätzen. Sie waren klar die bessere Mannschaft in einem eher niveauarmen Spiel. Der Spielverlauf kam ihnen jedoch entgegen und sie mussten keine langen Phasen des Anlaufens aufs Tor bewältigen. Sie haben individuell gute Spieler und sind technisch auf hohem Niveau, so viel war vorher schon klar. Wie gut sie wirklich sind, wird man wohl erst gegen Italien sehen. Irland stellte leider keinen ernsthaften Test für sie dar.

Meine EM: Italien gegen den Rest der Welt

Es gibt wohl keine andere Fußballnation, gegen die in Deutschland so viele Vorurteile verbreitet sind, wie gegen Italien. Diese Vorurteile mögen alle ihren wahren Kern haben, doch die meisten von ihnen werden hierzulande gerne deutlich überzogen. Zwei dieser Vorurteile betreffen direkt die italienische Mannschaft bei dieser EM – und beide werden großen Einfluss auf das Abschneiden des Teams von Cesare Prandelli haben.

Offensive italienische Raute

Eines der größten Vorurteile, die es gegen die Italiener gibt, ist, dass sie nur defensiven Fußball spielen können. Der Catenaccio ist noch immer das erste Spielsystem, das vielen einfällt, wenn sie an den italienischen Fußball denken. Bezeichnender Weise hat Italien keinen seiner vier WM-Titel mit Catenaccio gewonnen. Dass Italien im Halbfinale der WM 2006 gegen Deutschland die offensivere Mannschaft war, wird hier ebenso gerne verdrängt, wie die Art und Weise, wie Deutschland über Jahrzehnte hinweg zu seinen Erfolgen gekommen ist. Da hilft es auch nicht, dass der AC Milan Ende der 80er Jahre mit offensivem Spiel den Fußball revolutionierte und die Serie A heute vor allem von Teams geprägt wird, die eher offensiv ausgerichtet sind.

Auch die Italienische Nationalmannschaft pflegt dieser Tage einen offensiven Stil. Den Italienern bleibt auch kaum eine andere Wahl, denn ihre Defensivabteilung hat in den vergangenen Jahren deutlich an Qualität eingebüßt. Die rekordverdächtigen zwei Gegentore, die man in zehn Qualifikationsspielen kassierte, sollten nicht darüber hinweg täuschen. Beim jüngsten 0:3 gegen Russland wurde wieder einmal deutlich, dass die Viererkette alles andere als sattelfest und immer mal für einen individuellen Fehler gut ist. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) ist Italien eine der interessantesten Mannschaften in diesem Turnier. Das liegt auch daran, dass Prandelli ein typisch italienisches System spielen lässt, nämlich ein 4-3-1-2 (in Bremen in leichter Variation auch als Rautensystem bekannt).

Vor der Abwehr lenkt der großartige Andrea Pirlo, der bei Juve in dieser Saison seinen dritten Frühling erlebte, das Spiel der Italiener. Links und rechts wird er von lauf- und spielstarken Allroundern unterstützt. De Rossi, Marchisio, Motta und Nocerino stehen dafür zur Auswahl – allesamt keine vorwiegend destruktive Spieler, so dass die Dreifachsechs nur auf dem Papier für eine defensive Spielweise steht. Davor kommt mit Montolivo voraussichtlich ein eher klassischer Zehner zum Einsatz (ich werde hier jetzt nicht erklären, was ein Trequartista ist und was ihn vom Spielmacher wie wir ihn kennen unterscheidet). Im Angriff steht mit di Natale ein sehr erfahrener Spieler zur Verfügung, der seinen Zenit schon ein Stück weit überschritten hat. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass die beiden Stürmer zum Einsatz kommen, die sich darum streiten, wer das größere enfante terrible ist: Antonio Cassano und Mario Balotelli. Neben ihrem großen Ego eint beide jedoch auch herausragendes fußballerisches Können und es wird interessant zu sehen, wie die beiden als Doppelspitze harmonieren.

Ein Hauch von 2006

Das zweite Vorurteil, mit dem der Calcio zu kämpfen hat, ist die Korruption der seiner Protagonisten. Diesem wird durch immer neue Skandale weiterer Nährboden gegeben. Seit dem Calciopoli-Skandal vor sechs Jahren ist der italienische Fußball nachhaltig ins Wanken geraten. Die Serie A hat sich noch immer nicht davon erholt und gilt längst nicht mehr als das Maß aller Dinge. Das Aufbrechen der Dominanz von Juventus und Milan hat aber auch dazu geführt, dass andere Mannschaften mit interessanten Ansätzen und Systemen Erfolge feiern konnten (man denke etwa an Palermo, Neapel oder Udine). Die unmittelbare italienische Reaktion auf den Skandal sah aber so aus: Weltmeistertitel für die Squadra Azzurra und ein Jahr später der Champions League Sieg für den AC Milan.

Skandale schweißen die italienische Nationalmannschaft traditionsgemäß besonders eng zusammen. Aus dem gemeinsamen Gefühl des an den Pranger gestellt Werdens entsteht eine besondere Siegermentalität, die sie außerhalb Italiens nicht eben beliebt macht. Italien ist immer dann besonders stark, wenn der Rest der Welt sich gegen sie verschworen zu haben scheint. Schon 1982 wurde man nach einem Skandal Europameister. Nicht wenige Italiener sehen den neuerlichen Wettskandal im Vorfeld der EM daher als gutes Omen für das Turnier.

Dies ist jedoch nicht nur moralisch fragwürdig, sondern hat Prandellis Team auch personell geschwächt: Mit Domenico Criscito muss er wegen des Skandals auf seinen besten Linksverteidiger verzichten. Mit Balzaretti und Maggio (oder aber dessen Ersatzmann Abate) setzt der Trainer vorzugsweise auf offensivstarke Außenverteidiger. Angesichts der Probleme in der Innenverteidigung, wo nun auch noch Barzagli und Chiellini verletzt sind, hätte der defensivstärkere Criscito dem Team sicherlich gut getan.

So ist Italien zwar ein ernstzunehmender Kontrahent mit einer sehr talentierten Offensivabteilung, aber insgesamt wohl nicht stark genug, um gegen die Top-Favoriten zu bestehen. Auch die italienische Version des miasanmia wird vermutlich nicht ausreichen, um die Defizite zu überdecken. Italien geht mit einer deutlich verjüngten Mannschaft in das Turnier, nachdem die Altersstruktur in der Vergangenheit kritisiert worden war. Passender Weise geht es direkt zum Auftakt gegen den Gegner, der die alter Weltmeistermannschaft vor vier Jahren aus der Erfolgsspur kickte: Spanien. Auch wenn Italien nach dem Umbruch noch nicht wieder bei alter Stärke angelangt ist, befindet sich das Team auf einem guten Weg. In Zukunft wird mit Italien wieder zu rechnen sein.

Meine Prognose: Für den großen Coup ist die Abwehr nicht gut genug. Ich denke aber, dass sich die Italiener zusammenreißen und zumindest ins Viertelfinale kommen.

Italiens Gruppengegner

Spanien
Irland
Kroatien