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Schweinsteiger, Klose und Löw

Ich habe der deutschen Mannschaft diesen Erfolg nicht zugetraut. Wobei, stimmt nicht so ganz. Ich habe die Mannschaft ins Finale (gegen Argentinien) getippt. Aber ich habe ihr nicht zugetraut, einen solchen Fußball zu spielen. Und das ist der große Erfolg dieser Mannschaft, den ihr schon jetzt niemand mehr nehmen kann. Vielleicht reicht es am Ende für den Titel, vielleicht nicht. Es ist nicht weiter schlimm. In den letzten 3 1/2 Wochen wurden alle dunklen Vorahnungen, alle Zweifel, alle Kritik, alle Nörgelei hinweggefegt von einer über weite Strecken bravourös spielenden deutschen Nationalmannschaft.

Man kann alle Einzelteile dieser Mannschaft hervorpicken und beleuchten und so ihren Anteil am Erfolg deutlich machen, aber für mich stehen heute im Mittelpunkt drei Figuren, vor denen ich besonders den Hut ziehen muss. Weil ich an ihnen gezweifelt habe. Weil sie mich eines besseren belehrt haben.

Als Bastian Schweinsteiger bei der EM 2004 seine ersten Einsätze bestritt, konnte man sehen, dass er ein talentierter Spieler ist. Er stach durch seine technischen Fähigkeiten und Jugendlichkeit aus dieser alten Mannschaft hervor. Einerseits. Andererseits dachte ich: was ein egoistischer Schaumschläger! Wo ist die Übersicht, das Gefühl für die Spielsituation und die Mitspieler? 2006 hatte sich das schon deutlich geändert. Schweini und Poldi waren Teenie-Idole, die aber auch der Mannschaft weiterhalfen. Es schien der Beginn einer tollen Entwicklung zu sein. War es aber nicht. Schweinsteiger verharrte auf einem hohen, aber nicht herausragenden Niveau. Als Spielmacher funktionierte er nicht wirklich, auf der Außenbahn klappte es auch nicht so recht. Und dann kam Ribery zu den Bayern. Schweinsteigers Stern beim Rekordmeister war am Sinken. Vor einem Jahr konnte er sich nicht mal sicher sein, ob er eine Chance auf einen Stammplatz hat. Doch es kam nicht nur Robben, sondern auch van Gaal, der Schweinsteiger zu dem machte, was aus heutiger Sicht ganz sicher seine beste Rolle ist: Ein kreativer Defensivallrounder. Ein Spieler mit innerer Ruhe, Zweikampfstärke und dem Blick für das Spielgeschehen vor sich. Dazu die technischen Fähigkeiten, die es braucht um ein Spiel zu lenken. Es ist unwahrscheinlich, dass van Gaal ihm in 8 Monaten alles beigebracht hat, was er nun bei der Weltmeisterschaft zeigt. Es ist viel mehr wahrscheinlich, dass er als Erster gesehen hat, was in Schweinsteiger steckte, in ihm schlummerte und nun für alle Welt offensichtlich ist. Damit hat er nicht nur Joachim Löw die Augen geöffnet, sondern auch mir. Chapeau, Herr Schweinsteiger!

Von Miroslav Kloses Fähigkeiten brauchte mich niemand mehr zu überzeugen. Die hat er in Bremen drei zweieinhalb Jahre lang vorgeführt und auch wenn der Abschied schmerzhaft war, hat das an meiner grundsätzlichen Meinung über den Fußballer Klose nichts geändert. Es wäre sicher auch falsch, Kloses Zeit bei den Bayern als verschwendet zu bezeichnen, denn in seiner ersten Saison machte er lange vieles richtig und auch im Jahr darauf hatte er zumindest in der Champions League eine starke Torquote. Mit der Zeit hatte sich aber auch eine gewisse Lethargie in seinem Spiel breitgemacht. Wo er früher im richtigen Augenblick Übersicht und Mannschaftsdienlichkeit an den Tag gelegt hatte, um seine Mitspieler einzusetzen, war er plötzlich nur noch selbstlos, aber es diente der Mannschaft nicht mehr. Im Grunde war mir schon klar, dass er im richtigen Umfeld wieder zu alter Stärke finden könnte und ganz sicher noch kein Fall fürs Altersheim ist, aber in der vergangenen Saison wurden die Zweifel größer. Drei Tore nur in der Bundesliga und nun, ein paar Wochen später sollte er das Nationalteam als einzige Spitze anführen? Das schien mir dann doch etwas unrealistisch. Doch nun ist genau das eingetreten. Klose spielt eine sehr gute WM, hat in dreieinhalb Spielen mehr Tore geschossen, als für Bayern in einem Jahr und steht jetzt auf einer Stufe mit Gerd Müller auf Platz 2 der ewigen WM-Torjägerliste. Und wisst ihr was? Auch wenn ich mich bei 90% aller Werderfans unbeliebt mache: Ich freue mich für ihn! Drei Jahre lang war Klose auch bei mir eine Persona non grata und ich werde ihn ganz sicher nie wieder so richtig mögen, aber ich habe meinen Frieden mit ihm gemacht. Chapeau, Herr Klose!

Joachim Löw ist in Bremen vermutlich noch unbeliebter als Miro Klose. Frings zuhause gelassen, Wiese verschmäht und dann diese seltsamen Nominierungen angeblich mittelmäßiger Spieler des VfB Stuttgart? Was erlauben Löw! Langsam gehen einem die Argumente aus. So richtig vermisst wird Frings jedenfalls nicht, Neuer kann man kaum mehr als falsche Nummer 1 bezeichnen und vom VfB Stuttgart steht mit Khedira nur ein Spieler in der Startformation (und das zu Recht!). Der Rest kommt aus München, Bremen, Hamburg, Köln, Berlin und sogar Gelsenkirchen. Keine ausgeprägte Blockbildung mit Ausnahme der naheliegenden Überrepräsentierung der bayerischen Champions League-Finalisten. An Löws fachlicher Eignung hatte ich eigentlich nie großen Zweifel, an seiner menschlichen Eignung dagegen schon. Ich bin auch jetzt noch der Meinung, dass er gewisse Dinge anders und besser hätte lösen können. Dennoch: Er ist seinen Weg konsequent gegangen und hat sich nicht davon abbringen lassen. Sturheit ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Trainers. Vielleicht brauchte er genau diesen Widerstand, um zu seiner eigenen Höchstform zu finden. Was im Hintergrund abläuft, lässt sich aus der Ferne ohnehin nur unvollständig erkennen. Was sich jedoch klar erkennen lässt: Löw holt momentan aus seinen Spielern das Beste heraus und hat sie zu einer verschworenen Einheit geformt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Löw unfehlbar ist. Entscheidend ist aber das große Ganze und da gibt es an Löws Entscheidungen bei dieser WM nichts zu rütteln. Chapeau, Herr Löw!

WM 2010: Vor dem Viertelfinale

Die Geschichte des England-Spiels ist inzwischen mehr als durch, dazu brauche ich nichts mehr schreiben außer: Glückwunsch an das Team und den Trainer! Langsam bildet sich eine Achse heraus, bestehend aus Friedrich, Schweinsteiger, Özil und tatsächlich auch Klose. Inzwischen dürfte auch jeder Werderfan gesehen haben, warum Frings nicht Teil dieser Mannschaft ist. Nicht, weil er zu schlecht ist, sondern weil er weder die Rolle von Khedira, noch die von Schweinsteiger spielen könnte. Einen Platz auf der Bank hätte ich ihm trotzdem gegönnt.

Nun gibt es also die Revanche von 2006. Deutschland trifft auf Argentinien und bei mir kommen die Erinnerungen an Argentiniens Kombinationsfußball, Riquelmes viel zu frühe Auswechslung, Kloses Ausgleich, Lehmanns Zettel im Stutzen und die Handgreiflichkeiten nach dem Spiel wieder hoch. Auch Bastian Schweinsteiger scheint sich bestens an das Spiel zu erinnern und gießt mit ein paar verallgemeinernden Aussagen über die argentinische Mentalität noch einmal etwas Öl ins Feuer. Der argentinische Fan nimmt also anderen im Stadion den Sitzplatz weg. Ungeheuerlich! Zum Glück verhalten sich die Fans unserer Mannschaft immer und überall völlig anständig, man frage mal bei Herrn Nivel nach. Das spielt für TAFKAS (The artist formerly known as Schweini) und seine Aussagen natürlich keine Rolle, denn hier geht es um gezielte Provokation vor einem Fußballspiel und nicht um Kulturanthropologie.

Viel interessanter als das verbale Vorgeplänkel ist ein Blick auf die beiden Teams, die ihre jeweiligen Achtelfinalbegegnungen (jeweils begünstigt durch eine grobe Fehlentscheidung des Schiedsrichters) souverän gewonnen haben. Während Deutschland gegen England ein spielerisches Feuerwerk abbrannte und nur kurzzeitig vor und nach der Pause ins Wanken geriet, hatte Argentinien gegen Mexiko eine härtere Nuss zu knacken. Das 3:1 am Ende spiegelte kaum die gezeigten Leistungen wider, doch die Mexikaner taten sich unglaublich schwer damit, gute Angriffen in veritable Torchancen umzuwandeln. Argentinien kann im Angriff dagegen auf eine hervorragende Auswahl an Spielern zurückgreifen, die allesamt vor dem Tor eiskalt sind. Da ist es selbst zu verschmerzen, dass Lionel Messi bislang nicht getroffen hat.

Wer nun am Samstag ein Offensivspektakel erwartet, dürfte wieder einmal enttäuscht werden. Denn auch wenn beide Mannschaften sich kaum ganz auf ihre Defensive verlassen können, werden sie sich hüten, dem Gegner auch nur annähernd so viel Platz zu lassen, wie England es beispielsweise gegen Deutschland tat. Gegen Australien, England und auch teilweise gegen Ghana ging Löws Taktik bislang auf. Bei den verbleibenden Gegnern kann ich mir kaum vorstellen, dass noch ein Team Mesut Özil so vernachlässigen wird. Bei Argentinien wird er in Mascherano einen unbequemen Gegenspieler finden. Wenigstens nicht Cambiasso, mag man denken. Özil wird also wie gegen England viel rotieren müssen, um seinen Gegenspieler von seiner Position wegzulocken. Im Zusammenspiel mit Müller war das eine tötliche Waffe gegen die Engländer. Dazu hat man vorne endlich wieder einen Klose in Topform. Gegen England war das schon wieder sehr nah an dem Niveau, mit dem er 2006 Torschützenkönig wurde.

Auf Schweinsteiger und Khedira kommt der bislang schwerste Test bei dieser WM zu. Die Schlüsselfrage dabei wird sein: Wer kümmert sich um Messi? Bislang war Schweinsteiger der Defensivere der beiden, doch er ist mehr ein Lenker als ein Zerstörer. Es könnte auch sein, dass Löw Khedira defensiver spielen lässt, damit Schweinsteiger sich mehr um das Aufbauspiel kümmern kann. Dann fehlen Khediras Läufe in die Spitze jedoch als Überraschungsmoment. Nach dem Spiel gegen einen richtig guten offensiven Mittelfeldspieler wird man wissen, ob Deutschlands Defensivduo im Mittelfeld wirklich so gut ist, wie es bislang erscheint. Argentinien spielte in den letzten Spielen ein 4-4-2 mit Raute, bei dem Messi die offensivste Position einnimmt. Diese Formation – für Werderanhänger nichts neues – ist auf ein Übergewicht im zentralen Mittelfeld ausgerichtet. Das hat zur Folge, dass die argentinischen Außenverteidiger eigentlich weit aufrücken müssten, um im Angriffsdrittel für die nötige Breite zu sorgen. Das tun sie jedoch nur sehr selten. Für Müller und Podolski bedeutet dies einerseits, dass sie nicht viel Platz für ihre Flügelläufe bekommen werden und andererseits, dass weniger Defensivarbeit auf sie zu kommt. Die Deutschen Außenverteidiger haben bei diesem System keine direkten Gegenspieler, werden aber immer wieder von Messi auf die Probe gestellt werden, der gerne über die Flügel ausweicht. Um Phillipp Lahms Offensivdrang wird sich Carlos Tevez kümmern, der sich nicht scheut weite Wege mit nach hinten zu gehen. Jerome Boateng könnte hingegen mehr Platz haben, doch es ist fraglich, ob er sich häufiger mit nach vorne traut.

Kann Deutschland diesen Gegner schlagen? Mit schnellem, direktem Offensivspiel kann man der argentinischen Defensive sicher besser beikommen, als mit hohen Bällen und physischer Härte. Solange Özil sich nicht komplett aus dem Spiel nehmen lässt, sollte es zu einigen guten Chancen reichen. Lässt man sich von den Argentiniern zu sehr hinten rein drängen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die individuelle Klasse der Offensivspieler zum Torerfolg führt. Dafür ist die deutsche Viererkette zu behäbig. Auch wenn Mertesacker sich gegen England deutlich gesteigert hat, wirkt er immer noch verunsichert und allein diesen Umstand werden die Argentinier ausnutzen. Andersherum kann man das aber auch von Martin Demichelis in der argentinischen Innenverteidigung sagen. Trotzdem ist Argentinien insgesamt die etwas bessere Mannschaft und vor allem in der Offensive mit absoluten Weltklassespielern besetzt. Ich traue der deutschen Mannschaft dennoch einen Sieg zu, wenn sie sich defensiv weiter festigen und offensiv die bisher gezeigten Stärken erneut ausspielen kann.

Faszinierend dürfte das Spiel sowohl aus taktischer wie auch aus spielerischer Hinsicht werden, wenn beide Teams an die eigene Stärke glauben. Es könnte jedoch auch sein, dass beide Mannschaften aus Angst vor eigenen Fehlern und fehlendem Vertrauen in die Defensive nur wenig riskieren und wir ein Spiel mit angezogener Handbremse erleben. Letztlich sind sich beide Mannschaften in den jeweiligen Mannschaftsteilen sehr ähnlich. Als einziger größerer Unterschied ist das Flügelspiel zu nennen, wo bei Deutschland Müller und Podolski von den Außen nach innen ziehen, während bei den Argentiniern keine nominellen Außenstürmer im Kader sind und dafür Tevez und Messi auf die Flügel ausweichen. Mein Tipp: 3:2 für Argentinien. Don’t jinx it!

Inside-out

Wäre Louis Van Gaal Bundestrainer, dann würde er seine Positionen wohl nach den gleichen Prinzipien besetzen, wie bei den Bayern. Der linke Innenverteidiger ist dann nun mal ein Linksfuß, auch wenn man dafür Lucio zu Inter Mailand schicken muss. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er Lahm eher auf die Tribüne setzen würde, als ihn als Linksverteidiger einzusetzen. Trainer sind eben Sturköpfe. Aber bei Bayern hat Van Gaal ja auch Arjen Robben.

Einen solchen Spieler hat das deutsche Team bei der WM nicht. Damit ist gar nicht mal die Qualität gemeint, sondern der Typus des Linksfußes, der auf dem rechten Flügel spielt und dann in die Mitte zieht. Deshalb kommt Lahm in der Nationalmannschaft meistens links zum Einsatz, wo er nicht aus dem Lauf flanken kann und selbst immer wieder in die Mitte zieht. Individuell ist er auf links wohl besser, aber für die Bayern war er auf der rechten Seite wertvoller, weil er der Plan B für Robben war, wenn sich kein Platz für dessen Sololäufe bot. Er hat in dieser Saison die halbhohe Flanke in den Torraum (zwischen Innenverteidiger und Torwart) fast perfektioniert.

Warum der starke Fuß überhaupt eine Rolle spielt? Weil er auf der Außenbahn (wo der Handlungsspielraum durch die Seitenlinie ohnehin auf 180 Grad begrenzt ist) die Optionen vorgibt, die ein Spieler hat. Klassischerweise hatten Flügelspieler ihren starken Fuß außen, damit sie mit Tempo die Linie entlang gehen und Flanken schlagen konnten. Heutzutage macht man häufig das Gegenteil und setzt Weltklasseleute wie Robben, Ronaldo und Messi auf der “falschen” Seite ein, damit sie selbst den Torabschluss suchen können. Das Ziel ist es, eine kurze Unordnung in die Ordnung zu bringen, die mittlerweile von fast allen Teams auf dem Globus eingehalten wird. Es kann den Unterschied machen zwischen langweiligem Ballgeschiebe (die Hinrundenbayern) und begeisterndem Offensivfußball (den Rückrundenbayern).

Joachim Löw befindet sich mit seinem Team – Verletzungen sei Dank – noch in der Findungsphase, wo schon Feinabstimmung auf dem Programm stehen sollte. Es werden noch Antworten auf die grundlegenden Fragen gesucht. Klar sind nur die Achsen in der Mitte, mit Neuer im Tor, Mertesacker in der Innenverteidigung, Khedira und Schweinsteiger im defensiven, sowie Özil im offensiven Mittelfeld. Auf den Außenbahnen stehen lauter Fragezeichen. Auf der linken Seite deutet vieles auf das Duo Lahm/Podolski hin. Das wäre die Umkehrung der Bayern-Variante: Hinten den starken Fuß innen, vorne den starken Fuß außen. Auf der anderen Seite wird man es kaum genau so machen. Es gibt keinen Linksfuß, der als Rechtsverteidiger in Frage käme. Boateng und Beck heißen die wahrscheinlichsten Kandidaten (falls letzterer überhaupt mit darf). Die Auswahl an Kandidaten für die rechte Seite ist stark limitiert und gerade dadurch besonders schwer. Marin und Trochowski wären die Rechtsfüße für die Seite.

Eine andere Variante wäre es, Kapitän Lahm auf die rechte Seite zu ziehen und dafür einen Linksfuß auf der anderen Seite einzusetzen, etwa Aogo oder Badstuber. Ob dann aber auch die offensiven Außenspieler ihre Rollen tauschen würden? Podolski kann ich mir beim besten Willen nicht als Robben vorstellen. Er hat zwar einen fantastischen Schuss, doch für die Sololäufe in die Mitte fehlt ihm die Dribbelstärke. Bei Marin wäre es auf der anderen Seite genau andersrum. Trochowski scheint mir das Timing zu fehlen, der zieht aus allen Lagen ab. Zudem braucht man für diese Variante auch einen passenden Mittelstürmer. Löws Favorit ist immer noch Klose, der dafür denkbar ungeeignet scheint. Schon bei den Bayern kam er mit diesem System nicht zurecht. Ich halte Klose (auch wenn ich mich gerne über seine schlechte Torausbeute lustig mache) noch immer für den besten deutschen Stürmer der letzten 10 Jahre, doch er braucht einen Anspielpartner, tut sich als alleiniger Vollstrecker schwer. Und wenn er schon als einzige Spitze spielt, braucht er hohe Flanken, um seine Kopfballstärke auszuspielen. Gomez kommt für das System noch weniger in Frage. Er wirkte bei den Bayern schon extrem deplatziert. Am ehesten ginge es vielleicht noch mit Cacau. Ich halte das für unwahrscheinlich.

Sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass sich die beste Formation erst im Laufe des Turniers herauskristallisieren wird, wie schon vor zwei Jahren beim Spiel gegen Portugal mit dem Wechsel von 4-4-2 zu 4-2-3-1. Bis dahin darf man auch bei Löws Elf über spielmachende Linksverteidiger, falsche Mittelstürmer oder die Rückkehr des Liberos spekulieren. Und das macht allemal mehr Spaß, als diese unsäglichen Personaldiskussionen.

“Es wird auch dieses Mal kein Unentschieden geben”

Es ist März und auf Werder wartet ein hartes Programm. Sieben Spiele stehen in den nächsten 21 Tagen an, die Werders Kader ordentlich auf die Probe stellen werden. Reichen die Kräfte, um in drei Wettbewerben weiterhin eine Rolle zu spielen? Wir werden sehen. Den Auftakt macht morgen das Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, zu dem mich ja eine ganz besondere Verbindung habe. Trotzdem steht ein Heimsieg gegen die Schwaben momentan ganz oben auf meinem Wunschzettel.

Als kleine Einstimmung auf das Spiel habe ich mal wieder ein Interview geführt. Marcel, aka hirngabel, schreibt in seinem überaus lesenswerten Blog Brustring über den VfB Stuttgart und hat mir freundlicherweise ein paar Fragen beantwortet.

Hallo Marcel, ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, ob ich Dir zu Eurem Spiel gegen Barcelona gratulieren soll oder nicht. Was überwiegt bei Dir, die Freude über die tolle Leistung gegen die beste Mannschaft der Welt oder der Ärger über die vergebene Chance, eine richtig gute Ausgangsposition fürs Rückspiel herauszuholen?

Die Gefühle haben bei mir ehrlich gesagt geschwankt bei mir im Nachklapp des Spiels. Während des Spiels hat man sich zwar einerseits erfreut, gerade in der ersten Halbzeit, an der beeindruckenden Leistung, aber natürlich auch ein wenig gehadert mit der Chancenauswertung. Direkt ach dem Spiel war dann die Freude eigentlich größer, am nächsten Morgen wiederum nagte die Enttäuschung doch etwas, aber irgendwann habe ich mich doch damit anfreunden können. Schließlich hatten die Kollegen aus Nordösterreich (die, die vor einem Jahr im Hinspiel 0:4 untergegangen sind) uns ja schon vorab beerdigt – und nicht nur die.

Im Rückspiel in Barcelona traut Euch nach dem 1:1 nun niemand mehr ein Weiterkommen zu. Ist genau das Stuttgarts Chance oder könnten sie sich die Reise eigentlich sparen?

Ich glaube, eine Reise ins Camp Nou lohnt sich immer, oder nicht? =) Direkt nach dem Spiel war ich Teil einer Diskussion, in der ich genau das behauptet habe, dass vielleicht das 1:1 sogar besser ist als ein 1:0 oder 2:1-Sieg. Denn so haben sie einerseits nicht ihr “Gesicht verloren” und andererseits wirkt es wie eine recht komfortable Ausgangsposition. Dementsprechend *könnte* es also durchaus sein, dass es Barca nicht so ganz ernsthaft angehen wird, der VfB wieder mit vollem Elan attackieren wird und mit murrendem Heimpublikum könnte dann vielleicht sogar der große FC Barcelona wieder nervös werden. Denn es war ja nicht so, dass Barcelona gegen Stuttgart einfach nur lässig aufgetreten wäre, sondern es ist dem VfB in der ersten Halbzeit perfekt gelungen den Spaniern richtig den Schneid abzukaufen und sie wirklich zu verunsichern. Aber gut, das wird ein neues Spiel und es muss, realistisch betrachtet, schon einiges zusammenlaufen, dass wir es tatsächlich schaffen, weiterzukommen. Immerhin, die Chance ist da.

Bei Werder ärgert man sich seit Jahren, dass man nach guten bis sehr guten Hinrunden in der Rückrunde regelmäßig – zumindest phasenweise – einbricht. Beim VfB scheint es andersherum zu sein. Purer Zufall oder hast Du eine andere Erklärung dafür?

Puh. Ich glaube, wenn ich darauf eine wirkliche Antwort hätte, dann würde ich mich umgehend beim VfB melden und mir ein fürstliches Beraterhonorar aushandeln. Es ist natürlich schon so, dass sich gewisse Dinge wiederholen. Eher so mittelprächtige Erfolgsbilanzen auf dem Transfermarkt in der Sommerpause und ein gewisser Schlendrian, der sich gerne nach halbwegs erfolgreichen Halbserien einzustellen scheint. Gerade letzteres stimmt mich auch immer ein wenig nachdenklich bezüglich des Charakters der Mannschaft, da es dann tatsächlich immer wieder ein neuer Trainer richten muss. Andererseits schafft es die Mannschaft dann aber auch wiederum sich wieder am Riemen zu reissen. Naja, wie Du siehst, ich bin da selbst ein wenig ratlos. Immerhin gibt es ein halbwegs gutes Gefühl zu wissen, dass dieser Verlauf schon etwas Tradition hat und man sich mehr oder weniger drauf “verlassen” kann, dass es am Ende schon irgendwie gut geht. Und, ganz ehrlich, mir ist es fast lieber, wenn es hinten raus besser wird, als andersrum. Da kann man dann wenigstens mit einem guten Gefühl aus der Saison herausgehen.
Achja, und, weils mich doch immer ein bisschen wurmt: In unserer Meistersaison sind wir zwar schwach gestartet, waren aber schon im November 2006 Tabellenführer. Das wird beim “Zufallsmeister”-Gerede ja gerne mal vergessen.

Seit dem Trainerwechsel läuft es beim VfB wieder richtig gut. Was macht Christian Gross anders als sein Vorgänger? Und daran anknüpfend: vor einem Jahr gab es genau die gleiche Situation als Babbel Euren Meistertrainer Armin Veh ablöste. Bist Du zuversichtlich, dass sich diesmal ein langfristiger Erfolg einstellen wird?

Kurz nachdem Gross verpflichtet wurde habe ich im Scherz mal gesagt, dass Gross ja dann auf jeden Fall schon mal schön planen kann, was er ab November/Dezember 2010 machen will. Aber natürlich habe ich die Hoffnung, dass es jetzt endlich mal wieder etwas langfristiger wird. Die andauernde Wechselei auf der Trainerposition ist schon etwas nervig auf Dauer und da schaut man dann schon mal neidisch auf Euch in Bremen beispielsweise, wo Kontinuität ja scheinbar Gesetz ist. Bei Gross selbst habe ich eigentlich schon einen guten Eindruck. Was er im Training großartig anders macht, kann ich aus der Distanz natürlich nicht beurteilen, aber von dem was man so mitbekommt, ist er halt einfach ein wesentlich autoritärer Trainer, wohingegen Babbel scheinbar (vielleicht auch bedingt durch diese unsägliche Trainerlehrgangsgeschichte) den Kontakt zur und den Respekt bei der Mannschaft verloren hatte.

Der wichtigste Unterschied allerdings ist, dass Gross sich sehr schnell auf eine Stammelf festgelegt hat und dieser sehr klar sein Vertrauen geschenkt hat. Diese Elf wurde eigentlich nur dann verändert, wenn es aufgrund von Verletzungen oder Sperren notwendig war. Bei Babbel in der Hinrunde war das ja schon teilweise extrem anders mit einer teilweise doch etwas planlos wirkenden Rotation.

Thomas Hitzlsperger ist in dieser Saison vom Kapitän und Leistungsträger aufs Abstellgleis geraten und wurde im Winter abgegeben. War er wirklich zu schlecht, um bei einer Mannschaft aus dem unteren Tabellendrittel regelmäßig eingesetzt zu werden? Wo siehst Du die Gründe für seinen rasanten Abstieg?

Okay, das wird jetzt vermutlich etwas länger. Ich habe ja oben schon von der teilweise planlos anmutenden Rotation von Babbel gesprochen, und Hitzlsperger war natürlich das prominenteste Opfer dieser Wechselspiele. Hitz kam halt schon mies in die Saison rein, mit einem schwachen Auftritt gegen Wolfsburg, nach dem er danach erstmal auf der Bank Platz nehmen musste. Dann spielte er wieder, erst ziemlich gut (gegen Dortmund), dann wieder schwach gegen Nürnberg – ergo wieder Bank. Dann kam er wieder zurück mit einem starken Spiel gegen Frankfurt, gefolgt von schwachen Auftritten und der erneuten Bankplatzierung. So ging das dann wieder weiter und irgendwann verselbständigte sich die Diskussion um seine Person immer mehr mit dem Höhepunkt der “Entmachtung” durch Babbel – bei der ich allerdings nach wie vor glaube, dass Babbel ihm damit wirklich einen Gefallen tun wollte.

Spätestens bei Babbels Entlassung war Hitzlsperger dann wirklich in einer echten Formkrise und zu allem Überfluss auch noch dank einer Oberschenkelverletzung in den ersten Spielen ausser Gefecht gesetzt. Zeitgleich kehrte Khedira aus seiner Verletzungspause zurück, spielte gut, ebenso der von Gross favorisierte Träsch – und dann war da immer noch Kuzmanovic, der als einer der wenigen in der Hinrunde noch ein Lichtblick war (nur momentan eben ein Opfer des Systems ist, bzw. eine Art Edeljoker). Dementsprechend waren dann plötzlich drei Leute da, die die Nase vorne hatten und zudem alle deutlich jünger sind als Hitzlsperger selbst. In Anbetracht dessen, dass auch noch Lanig (25 BL-Einsätze in der Saison 08/09) in absehbarer Zeit zurückkehren würde, war es für mich dann zu Beginn des Jahres eigentlich klar, dass Hitzlsperger auf jeden Fall gehen musste, um irgendwo anders Spielpraxis für die WM zu erhalten.

Daher kann man, glaube ich, auch nicht davon reden, dass er “zu schlecht” ist, da ich schon tippe, dass er ohne WM womöglich geblieben wäre und sich im Laufe der Saison vielleicht sogar wieder an die Startelf rangespielt hätte. Aber gut, das ist Spekulation, schwer genug wäre es geworden und im Sommer wäre sein Vertrag angesichts der starken und eben jungen Konkurrenz wohl ohnehin nicht verlängert worden. Ich hoffe für ihn, den ich wirklich sehr schätze und dem ich sehr dankbar für viele tolle Leistungen bin, dass er die Kurve bei Lazio noch kriegt – aber ich befürchte, nach diesem Katastrophenstart wird das wohl nichts mehr. Vielleicht gehts dann im Sommer wieder zurück nach England.

Tschuldigung, das war jetzt wirklich ausführlich – aber es war halt einfach ein ganz unglücklicher Mix aus Dumm gelaufen und “Hasse Scheisse am Fuss, hasse Scheisse am Fuss”.

Dem VfB Stuttgart wird allgemein eine sehr gute Jugendarbeit nachgesagt. Es schaffen auch immer wieder junge Spieler den Sprung ins Profiteam und in die Nationalmannschaft. Manche sagen, Joachim Löw bevorzuge Stuttgarter Spieler bei seinen Nominierungen. Alles Quatsch oder ist da etwas dran?

Du stellst aber auch nur Fragen, auf die man wirklich ausführlich antworten müsste… =)

Daher fasse ich mich diesmal kurz und bleibe bei den einzelnen Personalien: Khedira gehört in die Nationalmannschaft, ohne wenn und aber. Über Tasci kann man gerne diskutieren – wobei man da auch sagen muss, dass die Konkurrenz sich bisher nicht so aufgedrängt hat, als dass seine Nominierung zumindest für den Kader an sich völlig unverständlich wäre. Wobei ich sehr gerne auch Hummels im Kader sehen würde. Bei Träsch glaube ich, dass er für die WM noch keine wirkliche Rolle spielen wird, aber mittelfristig wird man um ihn, wie um Khedira nicht umhin kommen. Die beiden haben einfach herausragendes Potential.

Wer ist dieser neue Torjäger beim VfB und was hat er mit Cacau gemacht?

Hehe! Von dieser Leistungsexplosion unseres “Helmuts” sind wir selbst (oder gerade?) als VfB-Fans doch auch ziemlich überrascht worden. Wobei, andererseits, der geschätzte Kollege heinzkamke hat zum “Comeback-Kid” Cacau einen wirklich schönen und passenden Text geschrieben.

Zudem ist er gerade ein perfektes Beispiel dafür, wie unfassbar wichtig der Faktor “Momentum” gerade für einen Stürmer ist. Da machst Du dann eben auch so Tore wie das 2:1 gegen Frankfurt. Und auch sein Kurzauftritt gegen Argentinien zeigte deutlich das getankte Selbstvertrauen. Klar ist aber auch, dass er diese Leistungen halbwegs konstant abrufen muss in der Rückrunde, will er eine ernsthafte Alternative für die Nationalelf werden. Für den VfB würde ich mir das natürlich auch erhoffen, da wir nach dem Abgang von Gomez doch mit leichten Problemen auf dieser Position gestraft sind. Zumindest bei Pogrebnyak habe ich da aber eigentlich noch Hoffnung.

In den vergangenen drei Saisons war das Duell zwischen unseren beiden Teams eigentlich immer ein Toregarant mit mindestens 4, meistens sogar 5 Toren und i.d.R. einem klaren Sieg für die jeweilige Heimmannschaft. Einzige Ausnahme war das Hinspiel diese Saison, wo wir 2:0 in Stuttgart gewinnen konnten. Wird es am Samstag wieder Tore hageln? Wie lautet Dein Tipp?

Das einzige wo ich mir halbwegs sicher bin ist, dass es auch dieses Mal kein Unentschieden geben wird, so wie es in den letzten Jahren ohnehin nur in der Saison 2005/06 der Fall war. Dazu sind unsere beiden Teams einfach zu sehr auf Hop oder Top eingestellt. Ich hoffe natürlich, dass wir die Scharte aus dem Hinspiel wieder auswetzen können und glaube auch definitiv, dass dies möglich ist, da Eure Abwehr nun nicht die sattelfesteste ist. Gerade Abdennour könnte erhebliche Probleme mit dem wuseligen Gebhart bekommen und wenn dann Pizarro mal wieder einen eher durchschnittlichen Tag erwischt, dann dürfte es für Euch schwierig werden. Aber es wird auf jeden Fall sehr von der Tagesform abhängen, denke ich – bei beiden Teams. Daher tippe ich einfach mal 3:1 – ich hoffe für uns, aber für Euch wäre eben genauso möglich.

Vielen Dank, Marcel!

Im Gegenzug hat auch Marcel mir einige Fragen zum einzig- wie großartigen SV Werder gestellt, die ich natürlich gerne beantwortet habe.

4. Spieltag: Die üblichen Verdächtigen

Hertha BSC – Werder Bremen 2:3

Werder gewinnt also wieder in Berlin. So langsam könnte man sich daran gewöhnen. Auch wenn an Werders Spiel noch vieles verbesserungswürdig ist, hat man sich im Vergleich zum holprigen Start gefangen und steht nun auf dem dritten Platz. Vor zwei Wochen noch fast sicherer Absteiger, nun schon wieder auf Champions League-Kurs?

Thomas Schaaf vertraut weiterhin nicht auf einen zweiten Stürmer neben Pizarro und ließ mit einer Art 4-1-3-2 spielen, bei dem Frings hinter einem Dreiermittelfeld den Abräumer machte und Marko Marin anstelle von Aaron Hunt als hängende Spitze agierte. Was mir sehr gut gefiel, war die Selbstverständlichkeit, mit der Özil oder auch Bargfrede und Borowski mit Marin die Positionen tauschten und so für die Hertha schwer ausrechenbar waren. Eine alte Stärke, die gegen Berlin zum Erfolg führte. Obwohl Werder nach der Pause stark unter Druck geriet und nur dank Tim Wiese und einer umstrittenen Entscheidung von Schiedsrichter Kinhöfer (bei der ich mir nach wie vor nicht sicher bin, ob Wichniarek abhob oder tatsächlich getroffen wurde) nicht in Rückstand geriet, war das 0:1 einfach toll heraus gespielt.

Ich weiß nicht, was mich mehr freut: Marins starke Leistung mit seinen beiden Torvorlagen oder Mesut Özils neue Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. So stelle ich mir einen Klassespieler vor: Selbst wenn es nicht so gut läuft aus dem Nichts auftauchen und die Chance nutzen. Pizarro machte als einzige richtige Spitze ein gutes Spiel. Man sieht, wie sehr Werder von seiner Ballsicherheit profitiert, auch wenn er selbst nicht trifft. Es erstaunt mich, dass Torsten Frings, der Diegos Spielweise häufig kritisiert hat, nun der Spieler ist, der den Ball zu lange hält, statt ihn direkt zum nächsten Mitspieler zu passen. So bringt er sich selbst in schwierige Situationen, denn ein Dribbelgott wird er in diesem Fußballerleben nicht mehr.

In der Defensive das alte Spiel: Kaum wird schnell gespielt, gerät die Viererkette ins Wanken. Meine Prognose von weniger als 40 Gegentoren war vielleicht optimistisch. Die momentane Quote würde am Ende 51 Gegentore bedeuten – eins mehr als in der letzten Saison. Bekommt man endlich etwas mehr Stabilität in diesen Mannschaftsteil, kann Werder in dieser Saison wieder vorne mitspielen.

Nicht mitspielen dürfen hingegen Torsten Frings und Tim Wiese. In der Nationalmannschaft. Während Wiese bis zum noch nicht fest angesetzten Spiel gegen Chile vertröstet wurde, scheint Frings in den Planungen keine Rolle mehr zu spielen. Ich kann beide Entscheidungen nachvollziehen, halte sie aber dennoch für falsch. Frings ist momentan nicht gut genug, einen Stammplatz in der Nationalelf einzufordern. Mit seinen lauten Rufen nach Berücksichtigung hat er sich ein wenig selbst ins Abseits manövriert. Dennoch war Frings viele Jahre lang ein wichtiger Spieler für Deutschland, hat eine starke (2002) und eine überragende (2006) WM gespielt. Es gehört zu den Aufgaben eines Trainers dazu, ältere Spieler auszusortieren. Die Kriterien, nach denen dies bei Joachim Löw geschieht, sind jedoch höchst undurchsichtig.

Statt einem Spieler klar zu sagen, dass er in der Nationalmannschaft keine Zukunft mehr hat, wird er monatelang hingehalten und erhält immer neue Nackenschläge. Es ist einerseits verständlich, dass sich Löw noch nicht endgültig um die Option Frings berauben will, falls dieser noch einmal zu seiner Topform zurück findet. Das vermeintliche Überangebot im zentralen/defensiven Mittelfeld ist spätestens seit Jones Absprung keines mehr. Andererseits wird der Spieler, wie Frings schon vor einem Jahr sagte, respektlos behandelt. Man kann nicht auf der einen Seite ein tadelloses Verhalten seitens der Spieler fordern und sich auf der anderen Seite so verhalten, wie Löw es in seinen Personalentscheidungen immer wieder tut: Hildebrandt, Kuranyi, Jones. Hier werden Spieler durch einen unaufrichtigen Umgang mit ihnen zu Reaktionen getrieben, die dann als Begründung für ihren Ausschluss herangezogen werden. Was ich bei Klinsmann (Wörns, Kahn, wiederum Kuranyi) noch in Ansätzen verstehen konnte, wirkt nun völlig deplatziert und muss dem Bundestrainer als Schwäche ausgelegt werden.

Das Leistungsprinzip wird nur dann als Begründung verwendet, wenn es gerade passt. Ein Lukas Podolski darf trotz fehlenden Einsätzen und dem taktischen Spielverständnis eines 10-Jährigen über Jahre hinweg ein Spiel nach dem anderen machen und wird selbst für einen tätlichen Angriff auf dem Spielfeld gegen den eigenen Mannschaftskapitän nur halbgar abgemahnt. Was wäre wohl mit Spielern wie Kuranyi, Jones oder Wiese in dieser Situation passiert?

Überhaupt Wiese. Nimmt man die grün-weiße Vereinsbrille mal ab, dann kann man die Entscheidung pro Enke (nichts anderes war es) durchaus verstehen. Robert Enke ist ein sehr guter Torhüter, strahlt Ruhe aus, macht wenig Fehler. Wiese hat sich ungemein verbessert, wächst immer häufiger über sich hinaus. Von der Klasse her nehmen sich beiden nicht mehr viel, doch Wiese ist – im Positiven wie im Negativen – der unberechenbarere von beiden. Mit Manuel Neuer und René Adler hat man zwei starke, junge Torhüter in der Hinterhand, die bei der WM Turniererfahrung sammeln können. So weit, so gut, doch warum sagt man das Tim Wiese nicht? Warum macht man ihm über ein Jahr lang vor, er habe eine reelle Chance auf einen Platz im WM-Kader? Wiese hat sich seit seiner ersten Nominierung nichts zu Schulden kommen lassen, gut trainiert und bei Werder konstante Leistungen auf sehr hohem Niveau abgeliefert. Dazu hat er sich in seinen früheren Schwachpunkten (Herauslaufen, 1-gegen-1, Strafraumbeherrschung) klar verbessert und verfügt über die größte internationale Erfahrung.

Trotzdem erhielt er nie die Chance, sich in der Nationalmannschaft zu beweisen. Ihn nun ohne ersichtlichen Grund zurück zu stufen gleicht einer Ohrfeige, wie sie schallender nicht sein könnte. Ein weiterer Spieler, der durch den Trainer Löw verbrannt wird. Die Personalpolitik der Nationalmannschaft erscheint so in einem immer schlechteren Bild. Ein Trainer muss sich eben nicht nur an seinen Trainingsmethoden und taktischen Kenntnissen messen lassen, sondern auch an seiner Menschenführung. In letzterem Bereich könnten ein paar Lehrstunden für den Bundestrainer nicht schaden. Ich wüsste da auch einen Trainer, der sie ihm geben könnte…